Zeitschrift

Die Türkei vor den Toren Europas

 

 


Schwellenland Türkei
Ein wirtschafts- und sozialgeographischer Überblick


Inhaltsverzeichnis


Moderne Entwicklung und orientalisches Erbe

Von Wolf Hütteroth

Prof. Dr. Wolf Hütteroth ist em. Ordinarius für Geographie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist Autor des Standardwerkes "Türkei" der Wissenschaftlichen Länderkunden (Bd. 21 ) der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 1985.

An der Schwelle zu Europa, an der Schwelle zur Moderne und an der Schwelle zu einem leistungsfähigen Industriestaat steht die Türkei heute. Ihre Entwicklungsmöglichkeiten, ursprünglich durch die Naturräumliche Ausstattung, insbesondere auch durch die Verfügbarkeit von Wasser, bestimmt, sind heute wesentlich definiert durch die jeweilige Entfernung nach Istanbul, und das heißt letztlich: nach Europa.
Red.


Ein "Schwellenland" - in mehrfacher Hinsicht

Die Türkei ist mit 774815 km2 eines der flächengrößten Länder Europas, aber gleichzeitig eines der durchaus mittelgroßen Länder Asiens. Gleiches könnte man von der Bevölkerungszahl mit ihren (1995) 62,52 Millionen sagen. Wirtschaftlich zählt die Türkei zu den "Schwellenländern", deren industrielle Vielfalt und Bruttosozialprodukt das Land schon deutlich abheben von der Mehrzahl klassischer Entwicklungsländer, aber dennoch steht das Land deutlich am Ende Europas (abgesehen von einigen Ost-Ländern). Die Möglichkeiten des Naturraumes und die Bedingungen einer langen orientalischen Geschichte determinieren die heutigen Möglichkeiten wirtschaftlicher Angleichung an Europa.

Brutto-Sozialprodukt (pro Person/Jahr) einiger Europäischer Staaten 1996, in 1000 Dollar

Luxemburg 45,4
Schweiz 44,3
Norwegen 34,5
Dänemark 32,1
Deutschland 28,8
Österreich 28,1
Frankreich 26,3
Italien 19,9
Gr.-Britannien 19,6
Irland 17,1
Spanien 14,3
Portugal 10,3
Slowenien 9,2
Tschechien 4,7
Türkei 2,8
Litauen 2,3
Weißrussland 2,1
Albanien 0,8

Chancen und Begrenzungen des Naturraumes

Die Türkei liegt - mit Ausnahme des äußersten Südostens - im Bereich des sogenannten "Alpinen Faltungsgürtels", das heißt in jener Zone von den Pyrenäen bis zum Himalaja, in der ältere Gesteine sehr zurücktreten und jüngere, meist tertiäre Faltengebirge und deren zwischengelagerte Becken dominieren.

Das hat gravierende Konsequenzen für die Bodenschätze, die vorkommen oder die man erwarten kann: Wie in Spanien, Italien oder auf dem Balkan gibt es Steinkohlenvorkommen nur marginal. Das kleine türkische Vorkommen von Zonguldak lieferte 1996: 3,029 Mill. t (gereinigte) Kohle (Deutschland 1996: 54,2 Mill. t), und in früheren Jahren lag die Produktion auch nicht viel höher. Außer einigen Kraftwerken, Eisenhütten, der Marine und der Bahn kann nur recht wenig frei verkauft werden.

Die zweite Konsequenz ist der Mangel an Erdöl. Im Gegensatz zu Iran, das in Khusistan immerhin wesentlichen Anteil am vorderasiatischen "Revier" zwischen Saudi-Arabien und Nordirak hat, besitzt die Türkei nur die kleinen Felder im östlichen Taurus-Vorland bei Batman östlich Diyarbakir, wo die Jahresförderung maximal 4,5 Mill. t erreichte und zur Zeit (1996) bei 3,5 Mill. t liegt. Importöl (1996: 23 Mill. t) und sonstige Energien sind also unverzichtbar.

Bis zu gewissem Maße bieten die Vorkommen von tertiärer Braunkohle einen Ausgleich. In zahlreichen Beckenlandschaften vor allem West-Anatoliens sind Braunkohlen-Vorkommen bekannt, und einige Dutzend davon fördern zur Zeit (1996) eine Menge von 49,5 Mill. t (ungereinigter) Braunkohle (Lignit). Der größte Teil davon geht in die Kraftwerke und wird verstromt, wenngleich ein gewisser Teil in den Privatverbrauch geht und hilft, den traditionellen Feuerholz-Anteil zu reduzieren.

Mineralische Bodenschätze hat das Land zwar an sehr zahlreichen Stellen, jedoch ist nichts davon in so reichem Maße vorhanden, dass es weltwirtschaftlich eine große Rolle spielen könnte. Von gewisser Bedeutung ist nur das Chrom, dessen Erzkonzentrat-Produktion mit (1996) 220803t immerhin an vierter bis fünfter Stelle der Weltförderung liegt. Lediglich die verkehrsmäßig besonders günstig gelegenen Lagerstätten in Küsten-Nähe spielen eine Rolle.

Die wichtigen Eisenerz-Vorkommen von Divrigi in Ostanatolien wurden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entdeckt und halfen dem Land zur zeitweisen Selbstversorgung. Allerdings muss das Erz auch heute noch um 1000 km per Bahn in die Nähe der Kohle von Zonguldak gebracht werden, was das Produkt erheblich verteuert. Heute (1996) werden 4,93 Mill. t Eisenerz gewonnen, der Bedarf ist damit nicht gedeckt.

Zahlreiche anderer Erze und Mineralien kommen noch vor, eine Rolle spielt davon lediglich noch das Kupfer in mehreren Lagerstätten vor allem Ostanatoliens (1996: 2,9 Mill. t Erz), und schließlich Bauxit in Südwest-Anatolien mit 1995: 232278 t (ungereinigt). Die Erträge schwanken je nach Absatz, 1992 waren es noch über 700000 t. Insgesamt spielt der Bergbau, auch nach der Zahl der Beschäftigten (1996: 162000 Personen, einschließlich Kohlenbergbau) keine sehr wesentliche Rolle für das Land.

Ein Hochland

Etwas anderes ist es mit der Landwirtschaft, die auch heute noch (1995) mit 16% erheblich zum Sozialprodukt beiträgt (Deutschland: 1%) und wo noch um 40% der Beschäftigten arbeiten, weitaus mehr als in jedem anderen Land Europas. Allerdings ist die Landnutzung in sehr starkem Maße an die Möglichkeiten gebunden, die der Naturraum bietet: Relief und Klima setzen Schranken, die kaum zu überwinden sind. Formal liegt das Land zwar auf der eigentlich subtropischen Breite zwischen Rom und Malta, aber die Höhenlage hat beträchtliche Differenzen zur Folge.

Zunächst zum Relief: Über drei Viertel des Staatsgebietes der Türkei ist mehr oder weniger bergig, ein beträchtlicher Teil davon ist Hochgebirge. Ein großer Gebirgsgürtel umgibt das Land im Norden, das Pontische Gebirge, das mit mehreren Ketten vom Marmara-Meer im Westen bis über die Staatsgrenze im Osten hinaus reicht. Die Südflanke der Türkei wird vom Taurus-System gebildet, das an der Ägäis beginnt und dann, nach Osten hin, immer höher und breiter wird, sodass sich schließlich in Ostanatolien Pontische und Taurus-Ketten zu einem einzigen, Vulkan-durchsetzten Hochland zusammenschließen. Zwischen dem nördlichen und dem südlichen Gebirgssystem liegt das Anatolische Hochland, das durch die Gebirge teilweise gegen die regenbringenden Westwinde abgeschirmt ist und mit 300-400 mm Niederschlag zu den trockensten Teilen des ganzen Mittelmeerraumes gehört. Die Randgebirge, vor allem deren Meer-zugewandte Außenseiten, sind demgegenüber erheblich niederschlagsreicher und ähneln anderen Teilen des Mittelmeer-Raumes.

Eine Folge der Lage im Faltengebirgsgürtel und am Schwarzen Meer ist die recht hohe Erdbebenhäufigkeit. Die wichtigste Bebenzone liegt entlang der nördlichen Gebirge, mit einem Abzweiger nach Südosten Richtung West-Iran, und dann wieder an der Ostseite des Ägäischen Meeres. Erst 1999 wurde das ganze Gebiet am östlichen Marmara-Meer, mit den Schwerpunkten um Izmit und Adapazari, durch ein kräftiges Beben zerstört. Ein weiteres Erdbebenzentrum liegt im Süden, wo der Syrische Graben (Jordan-Graben), von Ostafrika kommend, bei Maras auf die alpinen Gebirge stößt.

Die relative Binnenlage und die Meereshöhe bestimmen, was klimatisch möglich ist, sowohl in der natürlichen Vegetation als auch in den klimatischen Chancen der Landwirtschaft. Zunächst ist relativ klar und einsichtig, dass das Land entsprechend seiner vorwiegend mediterranen Lage auch im Klima Ähnlichkeiten mit den anderen mediterranen Halbinseln haben müsste. Jedoch liegt die Türkei auf dieser Breite bereits sehr weit binnenwärts im Kontinent, soweit wie weiter im Norden etwa Moskau. Das hat zur Folge, dass alle Extreme der Temperatur deutlicher ausgeprägt sind: Die Winter sind kälter und die Sommer sind wärmer als etwa in Italien in der gleichen Meereshöhe.

Dazu tritt zweitens, dass die Türkei als ganzes ein Hochland ist. Sehr bald hinter den Küsten steigt das Land bald zu Höhen an, die keineswegs mehr mediterran sind. Der größte Teil des Landes liegt schließlich über 1000 m hoch. Alle thermischen Grenzen, die etwa die Verbreitung bestimmter Kulturen umgrenzen, laufen also als Höhengrenzen relativ nahe an den Küsten. Darin liegt ein sehr wesentlicher Unterschied zu anderen südeuropäischen Halbinseln, das "mediterrane Potential" ist relativ geringer.

Eine der wichtigsten Abgrenzungen dieser Art ist die Oliven-Grenze, die man etwa mit dem Wert von durchschnittlich +5¡ im Januar annimmt. Zahlreiche Verbreitungsgrenzen anderer "immergrüner" Wild- und Kulturpflanzen folgen ihr. Diese Linie erreicht das Marmara-Gebiet gerade noch unter 100 m Höhe, nördlich Istanbul gedeiht die Olive nicht mehr. Nach Süden zu steigt diese Grenze natürlich an, und in Südanatolien reicht die Olive schon bis über 500 m hinauf. Diese ungefähre Grenze des mediterranen Klimas ist gleichzeitig die Grenze aller anderen mittelmeerischen, mehr oder weniger kälteempfindlichen Kulturen, wobei Zitrus noch etwas anspruchsvoller, die Feige etwas toleranter ist.

Abb. 1 Niederschlag, thermische Grenzen und Klimadiagramme

Niederschläge, die überall für den Getreideanbau ausreichen

Zum Binnenland hin zeigt unsere Karte noch die Isotherme von 0¡ Januar, und das ist etwa die Ost- oder Binnen-Grenze gegenüber härteren Wintern (in Mitteleuropa läuft diese Grenze im Flachland etwa von Hamburg nach Freiburg). In der Türkei enden an dieser Linie alle empfindlicheren Kulturen, nur der Wein geht noch ein ganzes Stück darüber hinaus. Schließlich ist das Ostanatolische Hochland aufgrund östlicher Lage und Höhe klimatisch schon sehr kontinental: Kars etwa hat mittlere Januar-Temperaturen (-12¡), die so kalt sind wie die von Moskau.

Ein etwas abweichendes Bild ergibt sich aufgrund der mittleren Niederschläge, von denen wiederum die Vegetation abhängig ist. Zunächst ist wichtig, dass im ganzen Land die Niederschlagsmengen für den Getreidebau ausreichen, es gibt also nicht, wie in vielen Ländern Asiens, Trockensteppen oder Wüsten. Selbst in Inneranatolien wächst der Weizen bis an die Ufer des großen Salzsees. Gelegentliche Missernten aufgrund unzureichender Frühjahrsregen dürfen über diese generell wichtige Tatsache nicht hinwegtäuschen.

Eine Sonderstellung nimmt allerdings das Schwarzmeer-Gebiet ein. An allen nordwärtigen Gebirgshängen stauen sich die regenbringenden Wolken der Nordwinde, und die wehen, als passatische Strömung, den ganzen Sommer über. Das türkische Schwarzmeer-Gebiet ist also ganzjährig humid, denn im Winter kommen die atlantischen Tiefdruckgebiete sowieso. Zwar ist das Land am Schwarzen Meer fast durchweg bergig und hat dadurch nur begrenzte agrarische Möglichkeiten, aber immerhin erlaubt das Klima feuchtigkeits-anspruchsvolle Kulturen wie die Haselnuss oder im Osten sogar den Tee.

Abb.2 Landnutzung der Türkei


Die "Ovas" als sozialer Vorzugsraum

Eine Sonderform des Reliefs ist die Ova, die Beckenebene inmitten bergiger Umgebung. In der Regel ist eine Ova flaches Schwemmlandgebiet, in den Trockengebieten Inneranatoliens sogar bisweilen ohne oder ohne dauerhaften Abfluss. Versumpfung und Malaria-Häufigkeit waren bis zum Anfang dieses Jahrhunderts charakteristisch. Es gibt diese Ovas in allen Dimensionen, von der Größe einer kleinen Dorfgemarkung bis zur Ausdehnung mehrerer Landkreise. Jede topographische Karte lässt sie erkennen.

Heute sind die Ovas, von denen es Tausende gibt, in mehrerer Hinsicht von unschätzbarer Bedeutung. Zunächst einmal sind sie in einem Gebirgsland die traditionellen Kernräume menschlicher Siedlung. Fast jede größere Ova hat an ihrem Rand irgendwo eine ältere Stadt. Zweitens sind die Ovas Zielräume aller Verkehrslinien, die früher wie heute natürlich die wichtigsten Siedlungsgebiete miteinander verbinden. Drittens und vor allem jedoch sind die Ovas heute, nach der Trockenlegung der meisten Sümpfe, die Kerngebiete agrarischer Nutzung. Der Grund ist vor allem die großflächige Bearbeitbarkeit mit Maschinen, was ja nur in flachem Gelände profitabel möglich ist.

Dieser Vorteil hat das ganze ländliche Siedlungsbild grundlegend umgekehrt. Die frühere Konzentration ländlicher Siedlung auf die Berglagen, nicht nur wegen der Malaria, sondern vor allem aus Schutz- und Versteckgründen, hat sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelöst. Seit einigen Jahrzehnten kommt die mechanische Bearbeitbarkeit aller flachen Geländeteile dazu, und schließlich hat sich die Nähe der Städte in den Ovas als Absatzzentrum und Sozialzentrum (Schulen, Ärzte, Behörden, Märkte etc.) bewährt. Die Beckenebenen haben sich also zum sozialen Vorzugsraum herausgebildet, mit der Folge einer Bevölkerungs-Umschichtung "von oben nach unten", die zum Verfall tausender von unrentablen Bergdörfern geführt hat. Die Türkei hat damit eine großräumige Bevölkerungsumschichtung nachgeholt, die in anderen Mittelmeerländern bereits in den letzten beiden Jahrhunderten stattgefunden hat.

Agrarische Nutzungsräume Ende des 20. Jahrhunderts

Die Ausnutzung der klimatischen Möglichkeiten für die Landnutzung war schon immer eins der wichtigsten Kennzeichen des Landes. Dementsprechend gibt es bestimmte klimatische Zonen, in denen gewisse Produkte gedeihen und andere nicht. Das Charakteristikum der Gegenwart ist, dass diese Zonen zwar in ihrer Umgrenzung erhalten bleiben, dass aber bisher kaum übliche Agrarprodukte dazukommen und das Anbauspektrum bereichern, sodass damit die agrarische Ausnutzung erheblich intensiviert wird.

Insgesamt ist allerdings vom agrarisch genutzten Land - nach europäischen Maßstäben - der größte Teil nur extensives Weideland. Nur etwa 33% des ganzen Landes sind durch Ackerbau und Baumkulturen genutzt, die übrigen Flächen dienen im Wesentlichen der Weidewirtschaft. Das heißt, das Land ist zumeist so steppenhaft belassen wie es war, nur die Waldreste sind zunehmend reduziert und die Wildweideflächen durch Übernutzung degradiert. Die extensive Nutzung seit Jahrtausenden lässt sich in der gesamten Fläche nicht kurzfristig verändern, und Stallhaltung für Kleinvieh lässt sich kaum flächendeckend durchsetzen.

An erster Stelle stehen in den Ackerbaugebieten selbstverständlich die Getreidelandschaften, wobei der Weizen fast drei Viertel, die Gerste ein Viertel ausmacht. Von anderen Getreidearten spielt nur noch der Mais, vor allem im humiden Nordanatolien, eine Rolle (0,55 Mill. ha). Seit bald drei Jahrzehnten liegt die Getreidefläche (einschließlich etwa 1/4 Brachen) etwas über 23,7 Mill. ha, womit alle bearbeitbaren Flächen ziemlich ausgenutzt und kaum noch nennenswerte Reserveflächen vorhanden sind. Außerdem sind die mittleren Erträge in den letzten Jahrzehnten trotz Kunstdünger nur auf etwa 1,5-2,0 t/ha gestiegen (Deutschland etwa 6-7 t/ha). Noch dazu bleibt im Binnenland jedes Feld wegen der Niederschlagsarmut jedes zweite Jahr brach liegen. Die großen Getreideflächen entsprechen also keineswegs großen Erträgen, und nicht in allen Jahren kann die Türkei einige Prozent der Weizenernte exportieren.

Ein sehr wesentlicher Vorteil für das Land ist jedoch der Versorgungsausgleich mit Brotgetreide, der jetzt schon seit vielen Jahrzehnten per Bahn und Lkw möglich ist. Ferner hat der Staat fast in jeder Kreisstadt große Silos gebaut, die einen Teil der Getreideernte zu vorher festgesetzten Preisen abnehmen und dadurch einen Versorgungsausgleich schaffen, der die Spekulation mit Getreidepreisen unterbindet.

Von erheblich wachsender Bedeutung sind - infolge freieren Warenaustauschs auf dem Weltmarkt der Gegenwart - die im Süden erzeugten mediterranen Produkte. Flächenmäßig an erster Stelle steht hier die Baumwolle mit 750000 ha, deren Anbau die junge türkische Textilindustrie ganz gut versorgen kann. Die Erfahrungen mit Schädlingsbefall bei langer Monokultur waren zu erwarten und haben inzwischen zu Schutzmaßnahmen geführt. Die Baumwolle gedeiht, als Sommerpflanze, auch noch in anderen sommertrockenen Regionen des Landes, eine wesentliche wirtschaftliche Rolle spielt sie jedoch nur im Süden.

Ganz typische Vertreter des mediterranen Anbaus sind die Zitrus-Arten, unter denen die Apfelsine die erste Stelle einnimmt. Die Produktion beträgt (1996) 1,8 Mill. t, doch das entspricht noch keineswegs dem Potential. Dazu kommt, dass die Sorten-Vielfalt aufgrund des bäuerlichen Anbaus immer noch zu groß für rationellen Export ist, trotz der Geschmacksvorteile, die sich immer in der Nähe der Anbaugrenze ergeben. So sind Zitrusfrüchte im Wesentlichen auf den allerdings stark wachsenden einheimischen Markt angewiesen.

Nach der Tonnage dominieren wohl Tomaten (7,5 Mill. t) und Melonen (83,5 Mill. t). Trotz bester Qualität ist jedoch der Melonen-Anbau auf den einheimischen Markt angewiesen, weil das Produkt einen Transport nach Europa preislich nicht verträgt. Für Tomaten gilt im Wesentlichen dasselbe.

Das charakteristischste Produkt des Mittelmeerklimas ist natürlich die Olive. Die Ernte schwankt stark zwischen 0,6 und 1,8 Mill. t/Jahr. Dennoch kann ihr Anbau quantitativ bisher kaum mit den Ländern der Levante (Israel/Palästina, Libanon, Syrien) konkurrieren, aus historischen Gründen. Die Olive braucht sehr lange Zeit, bis die Bäume Frucht tragen, ist also eine langfristige Investition. Die Bevölkerung der türkischen Südküste besteht jedoch zum großen Teil aus erst im letzten Jahrhundert angesiedelten Nomaden, denen Baumkulturen und überhaupt langfristige Unternehmungen nicht besonders lagen. Die Olivenflächen sind daher im türkischen Mittelmeergebiet, trotz vergleichbaren Klimas, höchstens in Teilen des türkischen Ägäis-Gebietes mit denen der Levanteländer zu vergleichen. Nur diese Westküstengebiete an der Ägäis haben - zum Teil aufgrund früherer griechischer Besiedlung - mediterrane Anbautraditionen.

Ein Novum in der Agrarlandschaft der mediterranen Küstengebiete sind die überaus zahlreichen Treibhäuser. Vor allem Gurken und Tomaten werden hier gezogen. Vorteil dieser Kulturen ist vor allem die Möglichkeit, zu einer Jahreszeit auf den Markt der großen Städte zu kommen, zu der andere Gebiete überhaupt nicht konkurrieren können. Ein wenig bekannter Nebeneffekt ist die dadurch gegebene Möglichkeit, dass auch landlose Bevölkerungsgruppen irgendwo im küstennahen Bergland Treibhäuser anlegen und bewirtschaften können. So ziemlich jede Fläche lässt sich ja für diesen Zweck herrichten.

Die mediterranen Küstengebiete zeichnen sich in der Gegenwart zunehmend durch eine Unterscheidung bewässerbarer und nicht bewässerbarer Areale aus. Der Staat baut, wo immer es geht, zahlreiche neue Stauanlagen, Kanäle, kleinere "Kanaletten" aus oberirdischen Betonleitungen, aber eben nur, wo Relief und vorhandene Wasserzuleitung das erlauben. Immerhin ist inzwischen sicher über die Hälfte aller Küstenebenen bewässert. Die Gesamt-Bewässerungsfläche des Staates hat sich, vor allem aufgrund der mediterranen Ausbauten, von etwa 1,5 Mill. ha noch in den fünfziger Jahren auf etwa 6 Mill. ha erweitert. Im ganzen sommertrockenen Gebiet gehört dem Bewässerungsbau die Zukunft.

Das immerfeuchte Schwarzmeer-Gebiet

Ganz andere Produkte und auch andere Bearbeitungstechniken kennzeichen das immerfeuchte Schwarzmeer-Gebiet. Hier gab es schon immer dominierend agrarische Bevölkerung, und ihr landwirtschaftlicher Fleiß hat heute zur Ausnutzung der letzten Reserven geführt. Wesentlichstes Kennzeichen ist zunächst zweierlei: Bewässerung ist aufgrund des immerfeuchten Klimas meist nicht notwendig, und ferner erfordert die Steilheit des Reliefs sehr viel Handarbeit.

Bis vor wenigen Jahren konnte man sehen, dass Hänge, vor denen selbst ein Tiroler Bergbauer zurückschrecken würde, per Hand gehackt und bestellt wurden. Der einheimische Buchenwald, in größeren Höhenlagen die Tanne oder Fichte, sind weitgehend zugunsten von Feldern oder allenfalls Rhododendron-Gehölzen zurückgedrängt.

Ein rein einheimisches Produkt ist dabei die Haselnuss (1996: 0,446 Mill. t), deren Anbau in den letzten Jahrzehnten erheblich ausgeweitet wurde. Die Türkei beherrscht mit diesem Produkt fast 60% des Weltmarktes. Ihr Vorteil ist, dass die Sträucher erstens auf hängigem Gelände gepflanzt werden können, und dass zweitens bei ihrer Ernte die ganze Familie, einschließlich aller Kinder, eingesetzt werden kann. Dadurch sind die Preise so, dass die Türkei vorerst noch wichtigstes Exportland bleiben kann.

Einheimisches Brotgetreide war im pontischen Waldland jahrhundertelang vor allem die Hirse, bis in der Neuzeit der Mais aufkam und heute fast vollständig dominiert. Andere Getreide spielen daneben erst in den südlicheren Tälern, etwas abgeschirmt vom Schwarzen Meer, eine Rolle.

Zwei Produkte kennzeichnen das Schwarzmeergebiet erst seit diesem Jahrhundert: Der Tee und die Kartoffel. Die Teekultur als subtropische, vor allem auf viel und ganzjährigen Regen angewiesene Kultur kam in früher republikanischer Zeit aus Kaukasien, wohin sie im 19. Jahrhundert aus Indien gekommen war. Der Teekonsum wurde zu einem willkommenen Ersatz für das frühere Kaffee-Trinken, was seit dem Verlust von Yemen im Ersten Weltkrieg durch unerschwingliche Zoll-Hürden ausgeschlossen wurde. Die Begrenzung der Teekultur folgt vor allem thermischen Gesichtspunkten: Im Osten, nahe der Georgischen Grenze, reicht die Teekultur fast bis 500 m hinauf, nach Westen zu sinkt diese Höhengrenze ab und in der Gegend von Ordu hört der Tee ganz auf. Weiter im Westen schirmt der Kaukasus nicht mehr die winterlichen kühleren Luftmassen ab.

Die Kartoffel setzt demgegenüber zunächst einmal einen einheimischen Konsum voraus, und der kommt erst seit diesem Jahrhundert allmählich auf. Ihr Vorteil besteht in der Ausnutzung der herrschenden steileren Hänge, wo sie überall im Hackbau kultiviert wird. Kartoffelbau ist klimatisch bis in relativ große Höhen möglich, und das erlaubt einem Teil der Gebirgsbevölkerung das Verharren im Gebirge. Wenn der Konsum steigt und die Mechanisierung bevorsteht, werden erhebliche Schwierigkeiten auftreten, denn bisher erlaubt nur menschliche Arbeitskraft die Ausnutzung der steileren Hänge.

Sonstige Produkte der Schwarzmeer-Region sind wirtschaftlich nicht bedeutend. Die relativ wenigen Zitrus-Kulturen im östlichen Schwarzmeer-Gebiet (Satsuma-Mandarinen) sind quantitativ von untergeordneter Bedeutung. Etwas wichtiger ist immerhin der Tabak in den Delta-Ebenen um Samsun an der Nordküste, aber der Schwarzmeer-Tabak steht in Konkurrenz zu den mediterranen Tabaken der Westküste, und der Anbau weitet sich nicht mehr wesentlich aus.

Das klassische Auswanderungsland: Ostanatolien mit seinen begrenzten landwirtschaftlichen Möglichkeiten

Gegenüber den heute weitgehend marktwirtschaftlich orientierten Küsten im Norden und Süden ist das ausgedehnte Binnenland - abgesehen von den "Ovas", den Beckenebenen - relativ benachteiligt. Außer Getreide wächst im reinen Regenfeldbau sehr wenig. Nur Thrakien und das nordwestliche Binnenland haben, ähnlich benachbarten Balkanländern, noch einen gewissen Sonnenblumen-Anteil. Bis nach Zentralanatolien und in die westlichen Tallandschaften Ostanatoliens hinein reicht dann nur noch der Wein, und als Obstkultur dient in Ostanatolien vor allem die winterharte Aprikose, aber sonst sind die Anbaumöglichkeiten sehr begrenzt. Außer Getreide wird allenfalls noch die Pappel als Bauholz gartenmäßig gezogen, und die Zuckerrübe besetzt die bewässerbaren besseren Flächen. Ansonsten dominiert die Viehzucht, vor allem die Kleinviehzucht. Angesichts der begrenzten agrarischen Möglichkeiten dieses Raumes ist die massenweise Auswanderung der ostanatolischen Bevölkerung nach Westen nicht zu verwundern.

Ein sehr wesentlicher Zuwachs intensiv agrarisch genutzter Flächen wird sich in den kommenden Jahren durch die Nutzung des Wassers von Euphrat und Tigris ergeben. Zum Teil hat in den Becken Südostanatoliens der moderne Kanalbau und die Bewässerung bereits begonnen. Damit wird ein Projekt realisiert, dessen Möglichkeit schon vor vielen Jahrzehnten prognostiziert wurde.

Das Prinzip ist, den Euphrat, den Tigris und zahlreiche kleinere Flüsse nach ihrem Austritt aus dem Ost-Taurus zu stauen und neben der Elektrizitätsgewinnung vor allem zur Bewässerung heranzuziehen. Die hier ins Auge gefassten Bewässerungsflächen belaufen sich auf etwa 1,8 Mill. ha. Sicher wird nicht alles davon in absehbarer Zeit machbar sein, aber ebenso sicher wird Südostanatolien dadurch einen beträchtlichen Aufschwung nehmen. Fast alles flache Gelände ist zur Bewässerung vorgesehen, und um einen relativ hohen "Ausgangspunkt" zu haben, wird von dem gestauten Wasser des Euphrat am Atatürk-Damm (817 km2 Fläche, 48,7 Mrd. m3 Stauinhalt) sogar das Bewässerungswasser etwa 65 m hoch gepumpt, um dann durch Röhren, Kanäle und Tunnel die Bewässerungsflächen um Urfa und weiter südlich zu erreichen. Auf eine Strecke von hunderten von Kilometern besteht der Euphrat jetzt schon vorwiegend aus hintereinandergeschalteten riesigen Stauseen, und am Tigris steht Ähnliches bevor.

Neben diesem Großprojekt verblassen die hunderte von kleineren Stauanlagen des übrigen Landes, auch wenn sie zusammengenommen wesentlich mehr neue Bewässerungsfläche geschaffen haben. Die Türkei hat nicht nur das älteste moderne Bewässerungsgebiet des Nahen Ostens (außer Ägypten) in Cumra bei Konya (1914!), sondern inzwischen auch die flächengrößten neuen Bewässerungsgebiete dieses Raumes überhaupt. Lediglich die vertragsmäßige Einigung über die Wassernutzung mit den Unterliegern Syrien und Irak steht nach wie vor aus.

Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen

In der Beschäftigungsart und der Beschäftigtenzahl zeigt sich der Charakter des Entwicklungslandes am deutlichsten. Zwar gibt es in der Industrie und in der Verwaltung aktuellste Entwicklungen, in vielen Verwaltungen sitzen hunderte modern gebildeter, mehrsprachiger Leute an den neuesten Computern, in den höheren Berufen ist die Frauen-Quote seit Jahrzehnten höher als in vielen Staaten des westlichen Europa, und die moderne Schulbildung gibt es mittlerweile in der vierten Generation.

Aber daneben gibt es eben die breite Masse des Volkes, und hier sieht es anders aus. Die Zahl der "offiziellen" Arbeitslosen (um 8%) sagt wenig aus, da nicht alle Berufsgruppen gezählt werden können. In dem großen ländlichen Sektor gibt es überhaupt keine einschlägigen Statistiken. Dort gibt es aber den sehr großen Anteil der "mithelfenden Familienangehörigen", der unbezahlten Frauen und Kinder, die arbeiten, ohne in irgendeiner Statistik zu erscheinen.

Schließlich ist es ein Kennzeichen von jung entwickelten Ländern, dass bei geringer Entwicklung des sekundären Sektors (Industrie und Gewerbe) der Dienstleistungssektor außerordentlich breit entfaltet erscheint. Eine unverhältnismäßig hohe Zahl von Bediensteten, Schuhputzern, Türwächtern, Hausmeistern, Boten, Trägern, Chauffeuren und sonstigen Dienstleistern aller Art bläht diesen Sektor erheblich auf, sodass er mit dem Dienstleistungssektor moderner Industriestaaten nur begrenzt vergleichbar ist. Für viele Branchen namentlich des Handels gibt es selbst in kleineren Städten hunderte von Geschäften, die bei minimalem Verdienst vor allem zahlreiche Menschen beschäftigen.

Abb. 3 Beschäftigte in Gewerbe und Industrie 1996 in Betrieben über 10 Beschäftigte, nach Landkreisen

Alles will nach Istanbul

Die regionale Verteilung von modernem Gewerbe und junger Industrie sollte eigentlich entsprechend der Bevölkerungsverteilung über die Städte des ganzen Landes gestreut sein, aber das ist nur begrenzt so. Zwar ist das traditionelle Handwerk, auch in seinen inzwischen modernisierten, mechanisierten Formen, so gut wie überall vertreten, und die Entwicklung der letzten hundert Jahre hat nur wenige Branchen ganz zum Erliegen gebracht. Aber alles was die Betriebsform moderner Industrie hat und nicht gerade durch Bodenschätze oder staatliche Order an einen bestimmten Standort gebunden ist, bevorzugt eine Lage im Ballungsraum von Istanbul.

Gewerbe-Beschäftigte nach Branchen 1996

(nach Statistical Yearbook of Turkey 1997)

Land- u. Forstwirtschaft, Fischerei 9962000

Bergbau, Steine u. Erden 162000

Gewerbliche Produktion ("manufacturing") 3134000

Elektrizität. Gas, Wasser 82000

Bauwesen 1356000

Groß- u. Einzelhandel, Restaurants, Hotels 2704000

Transport, Verkehr, Lagerung 917000

Finanz, Versicherg., geschäftl. Dienstleistungen 453000

Gesellschaftl., soziale u. persönl. Dienstleistungen 2928000

Das ist die Folge eines gewissen Selbstverstärkungs-Effekts: In Istanbul saßen schon seit langem die Bevölkerungskreise mit der relativ höchsten Bildung und mit den höchsten Ansprüchen, hier war also schon seit Jahrhunderten der hochwertige Absatz zu erwarten. Auch heute verkauft man natürlich moderne Haushaltmaschinen oder höheren persönlichen Bedarf am besten in Istanbul. Versicherungen, Zeitungen, Banken etc. finden ihr gut ausgebildetes Personal wie auch ihren wichtigsten Kundenkreis am ehesten hier. Aus diesem Grunde erfolgt ständiger Zuzug, die Stadt wächst überdurchschnittlich, und damit wachsen wiederum die Absatzchancen. Es ist verständlich, dass auch neu gegründete Firmen in die Nähe von Istanbul streben, in eine Metropole, deren Ballungsraum zwischen Adapazari und Bursa inzwischen (1999) sicher um 15 Millionen Menschen umfasst. Nach den jüngsten erreichbaren Zahlen von 1997 (gültig für 1990) hat Istanbul allein 16,6 Millionen, Ankara 2,56, Izmir 1,76, Adana 0,91, Bursa 0,83, Gaziantep 0,60, Konya 0,53 Millionen Einwohner, und so weiter.

Die industrielle Entwicklung der meisten Städte hinkt Istanbul erheblich hinterher. Der Abstand zwischen dieser primate city und den übrigen Städten einschließlich Ankara, vergrößert sich. Jeder Karte der Beschäftigten in Industrie und Gewerbe zeigt den Wasserkopf von Istanbul neben einer ganzen Reihe von Standorten sekundärer Bedeutung.

Dieser Unterschied zwischen Istanbul und den meisten anderen Städten ist am gravierendsten, wenn man neben Istanbul die Städte des östlichen Anatolien in die Analyse einbezieht. Hier ist nicht nur der Markt fern und schwer erreichbar, sondern auch die lokalen Ansprüche sind viel weniger entwickelt. Wo in Istanbul, Ankara oder anderen westanatolischen Städten bereits in modernen Geschäften modische Produkte an eine besser ausgebildete Bevölkerung verkauft werden, da sind es in gleich großen Orten Ostanatoliens Pflugscharen, Pumpen, Gebrauchtkleidung, bunte Stoffe oder billige Gebrauchsgüter, die dem Bedarf entsprechen.

Eine allgemeine Tendenz zur Verstädterung

Nun hat allerdings die rasch wachsende Bevölkerung auch in den Provinzen ein beträchtliches Ansteigen gewerblicher Arbeitsplätze zur Folge. An den Rändern fast aller größeren Städte wachsen die von der Kommune geplanten Gewerbeparks in die Breite, zum Teil über Quadratkilometer hinaus. Hier kann jede Werkstatt mit Kraftfahrzeug-Zufahrtsmöglichkeit rechnen, und zwar in großen, rechtwinklig geplanten Gewerbeblöcken mit elektrischem Strom und Maschinenanschluss. Das produzierende Handwerk ist aus den alten Bazarnahen Standorten der Innenstädte im Wesentlichen schon ausgezogen. Allerdings lassen sich die landestypischen Traditionen trotzdem nicht ganz verdrängen: Nach wie vor sitzen die einzelnen Gewerbe, jetzt in modernen Werkstätten, branchenweise zusammen, und zwar in staatlich oder kommunal vorgefertigten Räumen von genormter Größe. Die alte Branchensortierung des Bazars lebt also in gewandelter Form weiter.

Die Folge dieser Entwicklung ist das starke Wachstum auch von regionalen Metropolen. Ein großer Teil der Neustädter kommt dabei, wie zu erwarten, aus der betreffenden Region. Für das Land als Ganzes bedeutet das eine Tendenz zur Verstädterung, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten erheblich verstärkt hat. Inzwischen (1999 ) dürften etwa 60% der Bevölkerung in den Orten wohnen, die eine Belediye (einen Stadtrat) haben und damit als Stadt gelten. Mit dieser Entwicklung gleicht sich die Türkei einem Trend an, der überall auf der Welt schon seit längerem zu bemerken ist.

Abb. 4: Städtische und ländliche Bevölkerung 1900-2000

Für die einzelne zugezogene Familie bedeutet dieses Übersiedeln in die Stadt sehr gravierende Einschnitte. Zunächst geht es um eine Unterkunft, und die muss schnell und billig beschafft werden. Die Folge sind zahllose selbstgebaute, mehr oder weniger illegale Einfamilien-Häuser (gece kondu = "über Nacht gebaut") auf nicht- privatem Grund, die zwar ein Dach über dem Kopf bieten, aber kaum städteplanerischen Ansprüchen genügen: Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen finden zunächst keine Anschlüsse. Trotzdem werden diese Viertel - in großen Städten bisweilen bis zur Hälfte der Bevölkerung umfassend - aus politischen Gründen irgendwann legalisiert. Die Folge sind erfahrungsgemäß bei Naturkatastrophen, wie z. B. bei den Erdbeben von 1999, ganz erhebliche Schäden an den nicht solide genug errichteten Bauten.

Dem stehen allerdings wesentliche Vorteile für die "Neustädter" gegenüber: Die Zahl möglicher ungelernter Berufe ist in Städten erheblich höher als auf dem Land, Krankenhäuser und Schulen sind in erreichbarer Nähe, Landsleute und Freunde aus der Herkunftsgegend sind meist schon da und helfen weiter, das reiche Geschäftsleben selbst mittlerer Städte erlaubt mindestens das Kennenlernen moderner Produkte, und die Frauen stehen nicht mehr unter der ständigen Aufsicht ihrer Schwiegermütter. Die Vorteile überwiegen, und der marginale Geldverdienst ist oft noch höher als das bisherige Bargeld-Einkommen aus der Landwirtschaft.

Moderne Fabriken und ein gutes Bildungssystem

Die modernen, größeren Fabriken kann man schon längst nicht mehr einzeln aufführen, es sind viel zu viele. Istanbul hat hunderte von chemischen Fabriken, die Gebrauchsgüter und auch Heilmittel herstellen, mit oder bisweilen auch ohne Lizenzen, aber immerhin zu Preisen, die auch der einfache Türke bezahlen kann. In mehreren Städten des Westens gibt es inzwischen nicht nur Auto-Montagewerke, sondern durchaus auch richtige Autofabriken, in denen entsprechende Fahrzeuge hergestellt werden, bei denen nur noch ein geringer Prozentsatz der Teile importiert werden muss. Diesen Anteil importierter Maschinenteile zu reduzieren und so viel wie möglich im Lande selbst zu produzieren, ist ein erklärtes Ziel aller bisherigen Regierungen.

Fast alle diese modernen Fabriken haben - nur zum Teil mit Hilfe einiger westlicher Ingenieure - inzwischen in fast jeder Hinsicht zufriedenstellendes Niveau erreicht. Die Exaktheit der Fertigung und der geringe Prozentsatz von Ausschuss unterscheidet sich kaum von westlichen Vorbildern. Den ehemaligen Ostblockländern auf dem Balkan fühlt man sich in Vielfalt und Qualität der Produktion zur Zeit sogar durchaus überlegen. Der Vorteil der Türkei, der zur Zeit noch die Konkurrenzfähigkeit garantiert, sind bisher die deutlich geringeren Löhne. Damit wird es vorbei sein, wenn die soziale Entwicklung in einigen Jahrzehnten diesen Unterschied zu anderen Teilen Europas aufgeholt hat.

Ein wachsender Teil der "tertiären Dienstleistungen" liegt im Bildungssystem des Landes. Der Schulbesuch der Kinder dürfte in Westanatolien inzwischen fast vollständig sein, in Ostanatolien hinkt der Anteil besonders weiblicher Schüler noch deutlich nach. Die zugänglichen türkischen Statistiken geben einen Analphabeten-Anteil an den über 7-Jährigen (für 1994/95) von 3,7% der Jungen und 5,7% der Mädchen (gesamt = 9,4%) an; die Deutsche Statistik 1990 kommt auf 13,5% der Jungen und 31,8% der Mädchen über 15 Jahren. Das ist zwar in iedem Fall die weitaus höchste Rate in Europa, aber man muss dabei den Ausgangspunkt um die Zeit des Ersten Weltkrieges bedenken, als keine 5% der Jungen in die Schule gingen. Mädchen überhaupt nicht. Im höheren Bildungswesen hat die Türkei heute sogar mit etwa 60 Hochschulen im Universitätsrang eine gewisse Übersättigung, der die Qualität und Ausstattung der entsprechenden Fakultäten nicht ganz entspricht.

Zwischen Tradition und Moderne

Jahrhundertelang hatte die Türkei eine Sozialordnung, die den Idealen eines islamischen Staates entsprach und die noch in der frühen Neuzeit als modern und Europa überlegen, auch und gerade im Punkt religiöser Toleranz, angesehen werden muss. Anfang dieses Jahrhunderts jedoch, als 1918 das Osmanische Reich zusammenbrach und 1923 die junge Republik entstand, war das kaum veränderte traditionelle Sozialsystem mehr oder weniger erstarrt. Der Abstand zu Europa war recht groß geworden und wichtige, auch soziale Neuerungen mussten dringend stattfinden. Deren Durchsetzung in den seitherigen Jahrzehnten ist das große Anliegen aller bisherigen Regierungen.

Das allgemeine Kennzeichen jeglicher Modernisierung des Landes ist ihr selektives Durchdringen "von oben nach unten". Manche Verhaltensweisen, die in der städtischen Oberschicht schon seit zwei bis drei Generationen selbstverständlich sind, gelten auf dem Land oder in Ostanatolien immer noch als fremdartig, unislamisch oder ungebührlich. Gewisse Sitten von einfachen Gastarbeitern oder deren Frauen fallen in Westeuropa als fremd auf; türkische Ingenieure, Ärzte oder Studenten hingegen bemerkt man überhaupt nicht.

Ein ganz elementarer sozialer Unterschied gibt sich in der Geburtenhäufigkeit nach Regionen des Landes und nach sozialen Klassen zu erkennen. Die durchschnittliche Kinderzahl ist auf dem Land höher als in den Städten, im Osten erheblich höher als im Westen, und bei der sozialen Unterschicht deutlich höher als bei der Oberschicht, deren Geburtenrate nicht viel anders als in Europa ist. Insgesamt ist in den Jahrzehnten seit 1955 die Wachstumsrate der Staatsbevölkerung von fast 3% auf etwa 1,56% und damit schon fast auf europäisches Niveau gesunken. Die Angleichung des Bevölkerungswachstums an den europäischen Durchschnitt ist also abzusehen.

Ein Hauptunterschied zu Europa in der traditionellen Sozialstruktur ist ihre Durchlässigkeit von "oben" nach "unten" und umgekehrt. Schon immer galt das Prinzip, dass keine Standes-Schranke einem einfachen Bediensteten den Aufstieg zum Minister verwehrte. Eine ähnliche Mobilität galt (und gilt zum Teil noch heute) für den ländlichen Grundbesitz, der bis zum 19. Jahrhundert nur im Fall geistlicher Stiftungen langfristig gesichert war und in der gleichen Hand blieb. Das Fehlen eines legitimen Landadels, wie er in Europa herrschte, homogenisierte zwar die Landbevölkerung, verhinderte aber andererseits die Bildung einer ländlichen Oberschicht und hielt viele Innovationen fern. Agrartechnik und ländliche Sozialordnung blieben bis in unser Jahrhundert konstant und auf altertümlichem Niveau.

Die wesentlichen sozialen Schranken waren vertikal und trennten religiöse Gruppen, die als Millet sogar einen bestimmten juristischen Status hatten, voneinander ab. Teilweise wirkten auch ethnische Schranken gruppenbildend. Mit einigen Modifikationen ist das bis heute so geblieben. "Aufsteigen" kann jedoch fast jeder ohne Rücksicht auf Herkunft und Familie. Mindestens jeder Muslim konnte das auch schon immer.

Durch traditionelle Schranken waren in der Bevölkerung in Osmanischer Zeit lediglich christliche Griechen und Armenier sowie Juden getrennt, und ihre Reste sind das - nicht zuletzt aufgrund ihres Minoritäten-Status - bis heute. Bis zum Anfang dieses Jahrhunderts machten diese Minoritäten einen merklichen Prozentsatz der Bevölkerung der heutigen Türkei aus (etwa um 15%), aber während oder nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie ausgetauscht, umgesiedelt, vertrieben, vernichtet oder assimiliert. Heute, nach den großen Auswanderungswellen der letzten Jahrzehnte, leben in der Türkei nur wenige zehntausend Armenier und einige tausend Griechen und Juden, fast alle davon in Istanbul.

Die Kurden

Die einzige Gruppe, die man heute als nennenswerte Minorität auffassen kann, sind die Kurden. Alle sonstigen ethnischen Minderheiten umfassen nur einige zehntausend Menschen und gehen zumeist auf islamische Umsiedler des 19. Jahrhunderts (Muhacir) zurück. Sehr viele dieser ethnischen oder religiösen Sondergruppen werden zudem weder vom Staatsvolk noch von sich selbst überhaupt als "Minderheit" angesehen.

Die indogermanischen (iranischen) Dialekte der Kurden, die allerdings stark mit Turkizismen durchsetzt sind, wirken als hauptsächliches Unterscheidungsmerkmal dieser wichtigen Minorität. Nach der Religion, der sonst üblichen traditionellen Differenzierung, sind sie zumeist schafiitische Muslime, während die eigentlichen Türken hanefitische Muslime sind. Dieser Unterschied wird jedoch von der Mehrzahl der Menschen überhaupt nicht bemerkt, er hat nie einen Unterschied beider ethnischer Gruppen konstituiert.

Die türkische Statistik gibt (für 1992) 6,2 Millionen Kurdisch-Sprecher an, also rund 10% der Bevölkerung. Dieser Prozentsatz müsste theoretisch steigen, da die durchschnittliche Kinderzahl in den kurdisch besiedelten Ostgebieten erheblich höher ist. Aber wahrscheinlich wird dieser wachsende Überschuss durch Assimilation von Kurden im Westen wieder ausgeglichen.

Dass die Existenz der Kurden überhaupt zu einem Problem in der Gegenwart werden konnte, ist eine Folge der modernen Entwicklung. Bis zum Anfang dieses Jahrhunderts kümmerte sich niemand um die Sprache des einfachen Volkes. Wer Muslim war, "gehörte dazu". Bis in höchste Regierungsämter und in allen Berufsgruppen können sich auch heute Menschen ohne weiteres und konsequenzenlos zu ihrer kurdischen Herkunft bekennen. Jeder weiß von kurdischen Ministern, Generälen, Abgeordneten oder Professoren. Nur ihre öffentliche Sprache muss türkisch sein.

Als jedoch vor allem in der Zeit seit den sechziger Jahren der Staat mit der Schulpflicht ernst machte, war moderne Bildung und jede Art sozialer Aufstieg nur über die türkische Staatssprache zu erreichen. Auch dem Letzten musste bewusst werden, dass seine Kinder nicht in der Muttersprache, sondern in der fremden Staatssprache erzogen werden sollten. Das muss etwa so sein, als wenn in Bayern und Sachsen alle Kinder gezwungen würden, ab erster Volksschulklasse nur noch tschechisch zu sprechen. Das Problem hat bisher schon zehntausende von Todesopfern gefordert und ist bis heute nicht gelöst.

Kemal Atatürk und die Anpassung an die moderne Welt

Abgesehen von diesem ungelösten Problem sind so gut wie alle anderen Fragen der Anpassung an die moderne Welt gelöst worden oder ihre Lösung ist auf dem Weg. Die Mehrzahl der notwendigen Anpassungen an die Moderne wurde bereits von dem Republik-Gründer Kemal Atatürk in den zwanziger und dreißiger Jahren vollzogen. Es ist nicht möglich, diese Modernisierungen hier im Einzelnen aufzuführen. Sie sind auch im Wesentlichen bekannt und oft genug analysiert. Die wichtigsten waren sicher die Anpassung des Rechtswesens an westliche Gesetze, die Schriftreform zur Einführung des lateinischen Alphabets, die juristische Gleichstellung von Frauen und Männern, die Trennung von Staat und islamischer Religion, der (zunächst theoretische) Schulzwang und vieles andere mehr. Dass der traditionelle Fez durch den modernen Hut oder die westliche Mütze ersetzt wurde, war eine Äußerlichkeit, die aber vielen Türken zunächst durchaus typisch und wesentlich erschien. Natürlich drangen die Reformen zuerst in der neuen Hauptstadt Ankara durch, auch in Istanbul, während es auf dem Land länger dauerte. Das Prinzip der Erneuerung wurde und wird jedoch von der überwältigenden Mehrheit des Volkes getragen.

Das Prestige des Staatsgründers und die Nachhaltigkeit seiner Reformen waren derart groß, dass jegliche Kritik daran bis heute schwer möglich ist. Viele Äußerlichkeiten jener Zeit wirken nach wie vor, und die sozialen Umwälzungen, die anderswo der Zweite Weltkrieg gebracht hat, fanden nicht statt. Symbolisch für den republikanischen Staat sind beispielsweise wie eh und je die Regierungsgebäude in der Neustadt von Ankara, deren Stil in der Monumentalität dem entspricht, was in großen Teilen Europas in den dreißiger Jahren üblich war. Vieles am Verhalten verantwortlicher Militärs und Beamter erinnert ein wenig an Zeiten, die im westlichen Europa schon seit Jahrzehnten nicht mehr üblich sind. Die reale Entwicklung der Gegenwart wird jedoch viel weniger, als es zunächst scheint, von den offiziellen politischen und militärischen Eliten gesteuert als vielmehr von den modernen Geschäftsleuten, Bankiers, Technikern und Wissenschaftlern, und zwar durchaus bis in mittlere Ränge hinab. In diesen Kreisen vollzieht sich unauffällig die ständige Modernisierung und die Angleichung an europäische Normen.

Der Staat bemüht sich natürlich, soziale Unterschiede herunterzuspielen oder zu negieren. Klassisches Beispiel dafür ist die Schuluniform der Volksschüler: Alle sozialen Unterschiede werden durch den Zwang zu einheitlicher Kleidung ausgeglichen. Man sieht den Kindern nicht an, woher sie kommen, und das ist die Absicht.

Die religiöse Homogenität

Ein sehr wesentlicher sozialer Vorteil ist heute die religiöse Homogenität der Bevölkerung. Seit den Ereignissen des Ersten Weltkrieges, seit dem Ende der griechischen und armenischen Minorität, ist der Großteil der türkischen Bevölkerung von gleicher Sprache und Religion, und früher ethnisch bedingte Differenzen sind ausgeschaltet. Im Sinne der ethnischen Homogenisierung hat also der Erste Weltkrieg und seine Folgen vereinheitlichend gewirkt. Die Türken sehen nicht die Methoden, aber das Ergebnis aus staatspolitischer Sicht als ein wichtiges Positivum. Lediglich das Sprachproblem mit der kurdischen Minorität ist neu dazu gekommen.

Religiöse Differenzierungen gibt es unter den Einwohnern der Türkei kaum. Die Masse der türkischen Staatsbürger sind hanefitische Muslime, der Großteil der Kurden sind davon kaum zu unterscheidende schafiitische Muslime, was weitaus weniger ausmacht als der Unterschied zwischen Lutheranern und Reformierten in Mitteleuropa. Im mittleren Ostanatolien gibt es noch eine nicht genau bekannte Zahl (einige hunderttausend?) von Aleviten, die auch eine islamische, allerdings der Schia nahestehende Glaubensrichtung vertreten. Lediglich zu diesen Aleviten bestehen gewisse Reserven, wozu die historisch bedingte Geheimhaltung ihrer Glaubens-Besonderheiten wohl beiträgt. In einfachen Volksschichten wird das Konnubium verweigert, und zahlreiche phantasievolle Geschichten gehen über sie um.

Standesunterschiede

Ziemlich wichtig scheinen soziale Unterschiede zwischen solchen Berufsgruppen zu sein, die jeweils für sich selbst einen höheren Rang beanspruchen. Dem fremden Beobachter scheint es manchmal so wie in den Geschichten von mitteleuropäischen Urgroßeltern: Der "Stand" definiert, wer mit wem verkehrt. Der türkische Gastprofessor in Deutschland grüßt die türkische Putzfrau nicht. Offiziere und einfache Soldaten sind fast so stark geschieden wie in Mitteleuropa zur Zeit des Ersten Weltkrieges. In jedem Geschäft sitzt der "Chef" allein an der Kasse und hütet sich, inferiore Arbeiten zu machen, und jeder respektiert diese Selbstverständlichkeit. Das Standesbewusstsein gehört mit zu der sehr ausgeprägten Ehrauffassung vieler Türken, zu dem klaren Bewusstsein dessen, was "man" tut und was nicht. Soziologen haben nicht selten den Eindruck, dass Gesichtspunkte der "Gehörigkeit" oder "Ungehörigkeit" so deutlich ausgeprägt sind, dass sie bisweilen rationale Entscheidungen hinauszögern.

Das regionale Gefälle

Die regionale Ungleichheit des Entwicklungsstandes folgt gewissen Chancen und Begrenzungen der Lage und der natürlichen Möglichkeiten: Zunächst einmal ist selbstverständlich wie fast überall das flache Land gegenüber den Städten, auch gegenüber den kleineren Städten, benachteiligt. Darüber hinaus gilt natürlich auch, dass alle Gebirgslandschaften schlechtere Entwicklungschancen haben als die agrarisch und verkehrsmäßig begünstigten Ebenen. Das ist überall so und differenziert die Türkei nicht anders als andere Staaten. Allerdings kann man bei der Türkei schon relativ deutlich die so benachteiligten Gebiete aus jeder Karte ablesen.

Dazu kommen nun drei Richtungen des Entwicklungsgefälles, die landestypisch sind: Im Osten zunächst ist jede Entwicklung durch periphere Entlegenheit und geringere durchschnittliche Bildung gebremst. Zudem hat jedes produzierte Produkt eine Distanz von 1500 km bis Istanbul; der Weg nach Europa ist um ein Drittel länger als von der Metropole am Bosporus. Die Chancen wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit sind nicht überwältigend.

Im inneren Hochland gibt es den Vorteil geschlossenerer Agrarwirtschaft aufgrund flacheren Geländes, dazu kommt die Existenz einer ganzen Reihe großer und expandierender Städte als Marktzentren und Verkehrsknoten. Der einstige militärische Vorteil der Unzugänglichkeit, der noch um den Ersten Weltkrieg galt, spielt allerdings keine Rolle mehr; die Lokalisierung der Hauptstadt in Ankara folgte zum Teil damals solchen Sicherheitsüberlegungen aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus sind alle demographischen, landwirtschaftlichen und industriellen Entwicklungsmöglichkeiten durch den Wassermangel eingeschränkt.

Die Küstenregionen hingegen sind die eigentlichen Entwicklungsräume der Gegenwart und der Zukunft. Sie waren noch Ende des 19. Jahrhunderts auffallend unentwickelt und dünn besiedelt, ihr Fortschritt ist jedoch seit Jahrzehnten am stürmischsten. Hier gibt es die vielfältigsten Möglichkeiten agrarischer Innovation, und hier bieten sich in der Nähe seeschifftiefen Wassers genug Ansatzpunkte für die Entwicklung der Industrie. Süßwasser steht von den Randgebirgen her ausreichend zur Verfügung, und die mäßigen Winter erfordern keinen allzu hohen Energieaufwand. Hier konzentriert sich der Fremdenverkehr, bringt Geld ins Land und gibt Impulse. Die Küsten können überdurchschnittlich wachsen, und die Städte in Küstennähe ganz besonders.

Die Vorteile von Küstenstandort und Europa-Nähe, verbunden mit den Chancen des qualifiziertesten Personals und des größten Marktes, treffen in Istanbul oder besser im Raum von Istanbul zusammen. Es ist verständlich, dass auf diesen Brennpunkt der Entwicklung die Ströme der Binnenwanderung vor allem gerichtet sind.

Abb. 5 Bevölkerungsgefälle Ost-West, innen.außen, Land-Stadt

Literaturhinweise

Andrews, P. A.: Ethnic Groups in the Republic of Turkey. - Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients Reihe B, Nr. 60. Wiesbaden 1989.

Christiansen-Weniger, F.: Ackerbauformen im Mittelmeerraum und Nahen Osten, dargestellt am Beispiel der Türkei. - Frankfurt 1970.

Grothusen, K.-D. ( Hrsg. ): Türkei. - Südosteuropa-Handbuch Bd. IV, Göttingen 1985.

Höhfeld. V. (Hauptautor): Baedecker Allianz Reiseführer Türkei. - Ostfildern b. Stuttgart 1993.

Hütteroth. W.-D.: Türkei. - Wissenschaftliche Länderkunden Band 21 Darmstadt 1982.

Länderbericht Türkei 1994. - Statistisches Bundesamt Wiesbaden, Stuttgart 1994.

McCarthy, J.: Muslims and Minorities - The population of Ottoman Anatolia and the End of the Empire. - New York 1983.

Planck, U.: Das generative Verhalten der Landfrauen in der Türkei. - Orient 32/3. 1991, S. 449-463.

State Institute of Statistics: Türkiye Istatistik Yilligi /Statistical Yearbook of Turkey 1997. - Ankara 1998.


    Copyright ©   2000  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de