Zeitschrift

Die Türkei vor den Toren Europas

 

 


Das Türkei-Bild der Deutschen und das Deutschland-Bild der Türken


Inhaltsverzeichnis


Ein "unglückliches Liebesverhältnis"?

Die wechselvollen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland

Von Ahmet Bayaz

Ahmet Bayaz arbeitet als Journalist beim Südwestrundfunk und ist Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums in Stuttgart.

Das wandelbare Verhältnis von Deutschen und Türken zueienander ist deutlich von Begegnungen und Erfahrungen geprägt, vor allem der letzten 40 Jahre, positiven wie negativen. Im Bereich der Politik gilt es zu begreifen, dass die Türkei zu Europa gehören will, was das Bekenntnis zu einer gemeinsamen Wertebasis voraussetzt. Red.

Das exotische Türkeibild früherer Jahrhunderte

Das deutsche Türkeibild und das Deutschlandbild in der Türkei sind keine konstanten Werte, sondern sie verändern sich je nach "epochalem" Zeitgeist. So werde ich mich in dem folgenden Aufsatz nach einem kurzen geschichtlichen Abriss auf die letzten vierzig Jahre beschränken, die hauptsächlich von der Migration gekennzeichnet waren. Mein Anliegen ist nicht, die klischeehaften Meinungsbilder wiederzugeben und sie zu analysieren. Vielmehr möchte ich konkrete Ereignisse aufgreifen, um die Wandelbarkeit dieser Bilder in der türkischen und deutschen Öffentlichkeit darzustellen.

Die Beziehungen des Abendlandes zum Orient im Mittelalter waren in erster Linie geprägt von den kulturellen Beziehungen der europäischen Ländern zum Osmanischen Reich. Um die vielgestaltige Entwicklung von der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 bis zu den Jahren um 1900 zu umreißen, wurden in den letzten Jahren in vielen europäischen Museen unter dem Namen "Europa und der Orient", "Im Lichte des Halbmonds" usw. Ausstellungen präsentiert. Dabei konnte man erkennen, dass - Ex oriente Lux - das Licht des Orients über Jahrhunderte das Abendland überstrahlte und wesentlich zur Bereicherung der europäischen Kultur beitrug.

Die Bedrohung der Türkenheere verstellte lange Zeit den Blick der Europäer auf die kulturellen Anregungen, die sie vom Orient empfingen. In der Zeit zwischen den Eroberungszügen Mehmeds II. und dem allmählichen Untergang des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert durchlief die europäische Türkenrezeption verschiedene, zum Teil widersprüchliche Phasen. Während man im Westen einerseits Angst vor den Türken hatte, ging von dem "Fremden" aus dem Morgenland eine "exotische" Faszination aus. Die kulturelle, politische und wirtschaftliche Blüte des Osmanischen Reiches unter Sultan Süleyman I. (1520-1566), genannt der Prächtige, war z.B. von besonderer Bedeutung für das Entstehen einer Türkenmode. Die Pracht seines Hofes sowie seine militärische Stärke nötigten den Herrschern Europas in gleicher Weise Respekt ab.

Angesichts der geänderten politischen und militärischen Situation wandelte sich das Türkenbild vom barbarischen, aber bewunderungswürdigen Krieger, zum kunstsinnigen und kultivierten Exoten. Die Türkenmode erreichte im 18. Jahrhundert in den europäischen Hauptstädten ihre absolute Blüte. Ob nun im höfischen Fest, bei Turnieren und Spielen, das Türkenmotiv war unverzichtbar. Im 19. Jahrhundert ging die Türkenmode in einer allgemeinen Orientmode auf. Da die Türken nicht mehr als Bedrohung empfunden wurden, propagierten die Arbeiten vieler Künstler ein exotisches Türkenbild, und zahlreiche Literaten waren als Reisende in der Türkei unterwegs, um "Fotografien" für eine verklärte Orientrezeption zu liefern. Bücher wie "Unter dem Halbmond, Erlebnisse in der alten Türkei, 1835-1839" von Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke oder die phantasievollen Beschreibungen von Karl May bestimmten zu dieser Zeit das Türkeibild der Deutschen. Das Türkeibild der Deutschen und das Deutschlandbild der Türken war Anfang des 20. Jahrhunderts natürlich von der viel zitierten "Waffenbrüderschaft" geprägt.

Zuflucht von Deutschen und Juden

Mit der Gründung der Türkischen Republik 1923 durch Kemal Atatürk erfolgte eine Zäsur zwischen dem Osmanischen Reich und der modernen Türkei. Die Fundamente eines laizistischen, säkularen Staates waren errichtet, und es begann eine Neuorientierung in Richtung Westen. In den dreißiger Jahren fanden viele deutsche und jüdische Gelehrte, die vor dem Dritten Reich flohen, in der Türkei Zuflucht. Viele unter ihnen wie Fritz Neumark, Alexander Rüstow und Ernst Reuter unterrichteten nicht nur an den Universitäten von Istanbul und Ankara, sondern waren auch beim Aufbau eines modernen Staatswesens in der Türkei behilflich. Es ist Ironie des Schicksals, dass diese Menschen in einer dunklen Epoche der deutschen Geschichte, mit ihrer Weisheit und ihrem Engagement zu einem positiven Bild der Deutschen im Ausland beitrugen. Man wunderte sich, warum diese "wertvollen Menschen" ihre Heimat verlassen mussten.

Ähnlich muss auch der osmanische Sultan Bayazit II. gedacht haben, als er 1492 die sefardischen Juden ins Osmanische Reich aufnahm, die aus Spanien vor der Inquisition fliehen mussten. Gegenüber seinem Oberrabbiner Mose Caspali soll er gesagt haben: "Und es ist dieser König Ferdinand von Aragonien, den man mir als weise beschrieben hat, obwohl er sein Land ärmer machte, indem er das meine bereicherte."

Die große Einwanderung von Türken begann 1961

Die Geschichte der türkischen Einwanderung in diesem Jahrhundert beginnt eigentlich gleich nach der Jahrhundertwende. Türkische Arbeiter wurden damals auf Grund der engen Beziehungen des deutschen Kaiserreichs mit dem Osmanischen Reich nach Berlin geholt, um z.B. in der Zigarettenfabrik "Pera" zu arbeiten. Auch später, nach der Gründung der türkischen Republik 1923, kamen viele Türken nach Deutschland. Von einer wirklichen Abwanderung der Türken - zunächst als Arbeitskräfte und später als Familienangehörige - kann jedoch erst ab 1961 gesprochen werden. Die Wanderung der ersten Türken in die Bundesrepublik war damals in erster Linie von der deutschen Wirtschaft befürwortet worden. Seinerzeit standen einer halben Million offener Stellen nur 180000 Arbeitssuchende gegenüber. Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer folgte rein aus wirtschaftlichen Überlegungen. Das Bundesarbeitsblatt, Organ der Arbeitgeber, meinte damals in bemerkenswerter Deutlichkeit:

"Die Arbeitgeber werben Ausländer an, weil sie für ihre zu besetzenden Stellen Arbeitskräfte im eigenen Land nicht finden... Kein deutscher Arbeitgeber beschäftigt Ausländer, um damit Bildungs- oder Entwicklungspolitik zu betreiben. In erster Linie interessiert ihn die Arbeitskraft und was sie für den betrieblichen Produktionsprozess zu leisten imstande ist."

Schon vor der deutsch-türkischen Regierungsvereinbarung zur Regelung der Vermittlung türkischer Arbeitnehmer wurde am 15. Juli 1961, im Istanbuler Stadtteil Tophane, an der Lüleciler Str. 24, eine deutsche Verbindungsstelle eingerichtet, die sich mit der Vermittlung geeigneter türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik Deutschland befasste. Im Vorfeld wurden die Bewerber vom türkischen Arbeitsamt êüs ve êüsèi Bulma Kurumu nach den Auswahlkriterien auf ihre Voraussetzungen für die Arbeitsaufnahme in der Bundesrepublik überprüft.

Zuvor eine Tauglichkeitsprüfung

Mit der Aufforderung, sich einer Tauglichkeitsprüfung zu unterziehen, mussten die Bewerber folgendes beachten:

"... wenn Sie die berufliche und gesundheitliche Prüfung nicht bestehen, werden Sie nicht nach Deutschland geschickt.

.... wenn Sie die erste Auswahl bestehen, werden Sie von Spezialisten und Ärzten des Anwerbelandes einer gesundheitlichen Überprüfung unterzogen. Wenn Sie sie nicht bestehen, so werden Sie nicht nach Deutschland geschickt. Ein Einspruchsrecht besteht nicht. Um die gesundheitliche Prüfung zu bestehen, wird vorausgesetzt, dass Sie noch nie operiert wurden, keine Ohrenentzündung hatten und ihr Röntgenbild in Ordnung ist.

....wenn Sie innerhalb der letzten fünf Jahre auf Grund schwerer Straftaten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurden, werden Sie nicht nach Deutschland geschickt.

Besorgen Sie sich einen sauberen Anzug, ein Hemd, eine Krawatte, einen Hut für die Ausreise É Diejenigen, die schlecht gekleidet sind, werden nicht nach Deutschland geschickt."

Alles in allem hat man das Gefühl, es handele sich hier um eine Strafkolonne. Dieses Herr-Knecht-Verhältnis wird natürlich das Deutschlandbild der späteren Jahre prägen. Aus Sicht der Türken begegnete man in dieser Zeit dem Deutschen nie selbstverständlich, sondern es war gekennzeichnet von einer unterwürfigen Haltung. Um dies genau zu beschreiben, will ich hier noch ein Beispiel anführen.

Die Tauglichkeitsprüfung aus der Sicht der Arbeitsemigranten beschreibt am anschaulichsten der bekannte englische Autor John Berger in seinem Buch "Der siebte Mann":

"Sie werfen schnelle Blicke auf die Vorrichtungen und Maschinen, die benutzt werden, um sie zu untersuchen. Ebenso hastige Blicke tauschen sie untereinander, jeder versucht die Chancen der Nebenmänner mit seinen eigenen zu vergleichen. Nichts hat ihn auf diese Situation vorbereitet. Sie ist beispiellos. Und doch ist sie bereits normal. Die demütigende Forderung, sich vor Fremden zu entblößen. Die unverständliche Sprache, die die verantwortlichen Funktionäre sprechen. Die Bedeutung der Tests. Die Nummern, die ihnen mit Filzstift auf den Körper geschrieben werden. Die strenge Geometrie des Raumes. Die Frauen, wie Männer in Overalls gekleidet. Der Geruch einer unbekannten medizinischen Tinktur. Das Schweigen so vieler, die wie er selbst sind. Der nach innen gekehrte Blick der meisten, der dennoch kein Blick der Sammlung oder des Gebets ist. Wenn dies bereits normal ist, dann deshalb, weil das Folgenschwere ihnen allen ausnahmslos widerfährt."

Dann ab mit dem Sonderzug ins "Gelobte Land"

Waren alle diese Hürden genommen, erhielten die Ausgewählten einen Arbeitsvertrag und konnten im Sonderzug die Reise ins gelobte Land antreten.

Ich selbst lebte zu dieser Zeit in Istanbul und besuchte das Gymnasium Istanbul Erkek Lisesi. Vor den Toren unserer Schule drehte man gerade den James Bond Film "Liebesgrüße aus Moskau". Die Bediensteten der Schule wollten von uns Schülern die Bewerbungsformulare für Deutschland ins Türkische übersetzt haben. Eine Hysteriewelle erfasste ganze Dörfer in Anatolien. In "Almanya, Almanya", im gelobten Deutschland, würden Milch und Honig fließen. Viele Türken, die wenig verdienten oder keine Arbeit hatten, wollten aufbrechen in das Land des Wirtschaftswunders. In der Schule lasen wir gerade "Herr Puntila und sein Knecht Matti" von Bertolt Brecht. Das Bild der Bundesrepublik in diesen Jahren war flankiert von Respekt, Fleiß, Reichtum und technischem Fortschritt. Nicht nur Gastarbeiter wollten in die Bundesrepublik, sondern auch viele türkische Studenten, die in diesem verheißungsvollen Land den neuesten Stand der Naturwissenschaften entdecken wollten.

Türken in Deutschland
Mit 2,11 Mio. Menschen stellen die Türken in Deutschland die größte Minderheit dar. Nur wer die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hat, darf von ihnen an den Wahlen teilnehmen, wie hier eine Familie türkischer Abstammung in Berlin Kreuzberg bei der Bundestagswahl vom 27. September 1998
dpa-Bildarchiv

Das deutsche Türkeibild wurde sehr stark von den Gastarbeitern bestimmt

Das Türkeibild auf der deutschen Seite war noch nicht ausgeprägt. Die sogenannten Gastarbeiter sollten die gegenseitige Wahrnehmung beider Völker prägen. Die Lebensweise, die Religion, die " Eigenart" der Gastarbeiter prägte das Bild von der Türkei in Deutschland. Türken in der Türkei machten sich ein Bild von der Bundesrepublik durch die Erzählungen des Nachbarn, der in die Bundesrepublik ausgewandert war und nun seinen Sommerurlaub in der Heimat verbrachte. Der mitgebrachte Mercedes als Statussymbol erzeugte zugleich Neid, Respekt und Neugier. Man wollte nun auch selbst nach "Almanya".

In den Siebzigern machte sich die Bundesrepublik auch einen Namen als Fußballnation. Sie war zum zweiten Mal Weltmeister geworden. Überall in der Welt kannte man Beckenbauer, Müller und Netzer. In der Türkei waren sie die Idole der sportinteressierten Jugendlichen. Die Deutschen waren wieder beliebt. Eine Wirtschaftsmisere herrschte in diesen Zeiten in der Türkei, und die politische Instabilität bewegte das Militär, in einem Zyklus von zehn Jahren dreimal zu putschen. Eine vierte Kraft etablierte sich langsam und stetig in der globalen Welt und gewann an Macht: die Medien. Innerhalb von Sekunden wusste man, wo was wie geschah. Die Zeitungen, der Rundfunk und das Fernsehen erzeugten das Meinungsbild.

Das Bild der Türkei in den Achtzigern war in Europa von politischen Motiven geprägt. Im Mittelpunkt standen Menschenrechtsverletzungen, Kurdenpolitik und mangelhaftes Demokratieverständnis. Die Türkei kann allerdings auf einem anderen Gebiet Pluspunkte sammeln: im Tourismus. Hier stammen die meisten Touristen aus Deutschland. Die türkische Gastfreundschaft steht im Widerspruch zu den Informationen aus den Medien. Die kognitive Dissonanz macht sich auch in den Umfragen bemerkbar: Bei sozialen Distanzfragen( "Würden Sie mit einem Türken...") und bei Standortbestimmungen ("Gehört die Türkei zu Europa?") gibt es eine Pattsituation. Etwa die Hälfte der Deutschen ist den Türken und der Türkei wohlgesonnen. Die andere nicht.

Und wie sieht in diesen Jahren die Situation in der Türkei aus? Verglichen habe ich diese Situation damals mit einem unglücklichen Liebesverhältnis. Die Geliebte versucht alles, um dem anderen zu gefallen. Doch je leidenschaftlicher sie hinter dem Geliebten her läuft, desto schneller rennt er von ihr weg. Aber liegt dieser Zustand nicht in der Natur aller Sachen? Immerhin, die einseitige Liebe erreicht ihren Höhepunkt, als der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Atatürk-Preis verliehen bekommt.

Das Deutschland-Bild in der Türkei ist nach Mölln und Solingen gekippt

1987 wurde das Beitrittsgesuch der Türkei von der Europäischen Union abgelehnt. Die Türkei war sehr enttäuscht, da er in der Bundesrepublik Deutschland nicht den Fürsprecher fand, den sie sich erhofft hatte. Angeführt von Turgut Özal, begann in Ankara für viele Politiker ein Prozess der Neuorientierung: Man wollte sich näher an die USA binden. Aber die richtige Loslösung und Emanzipation von der Bundesrepublik, erfolgte nach der Vereinigung beider deutschen Staaten Anfang der Neunziger. Es waren die traurigen Ereignisse in Mölln und Solingen, die den diplomatischen Umgangsform Ankaras mit Bonn in einer bis dahin nicht vorhandenen Weise beeinträchtigten. Aber auch anderswo ändert sich das Deutschlandbild. In meinem Tagebucheintrag (in "Denk ich an Deutschland", erschienen bei Fischer 1993) habe ich am 26. 11. 92 notiert:

"- Die deutschen Goethe-Institute verzeichnen als Folge der Mordanschläge in Mölln erstmals ein rückläufiges Interesse an ihren Angeboten im In- und Ausland.

- Amerikanische und japanische Firmen nehmen von ihren Investitionsvorhaben in den neuen Bundesländern Abstand.

- Die deutschen Industrie- und Handelskammern befürchten, dass ein Boykott im Ausland für Produkte Made in Germany hereinbrechen könnte.

Dies alles zeigt, wie Wirtschaft und Kultur eines Landes im internationalen Geflecht isoliert werden können, wenn der innere Frieden im eigenen Land durch rassistische Übergriffe erschüttert wird. Wenn sich die Lage in Deutschland verschlechtert, könnten die Reaktionen noch größere Dimensionen annehmen."

Das Deutschlandbild in der Türkei ist gekippt, es steht am tiefsten Punkt. Ich notierte weiter:

"Die Türkei will eine parlamentarische Kommission anreisen lassen, um die Lage der Menschenrechte in Deutschland zu überprüfen. Ich verstehe dabei die empörten Reaktionen einiger meiner deutschen Journalisten-Kollegen nicht. Anscheinend ist ihr Stolz oder ihre demokratische Eitelkeit verletzt. Einer kommentiert, dass Deutschland seit mehr als vierzig Jahre ein Rechtsstaat wäre und dies nicht zuletzt auch Türken wissen sollten, die Vereine gründen, ihre Religion praktizieren, Zeitungen herausgeben . . . Ich verzichte darauf, diese Kommentare zu kommentieren. Stelle aber die Frage, warum denn die parlamentarische Kommission aus der Türkei sich nicht vor Ort ein Bild machen sollte?"

Die kalte Schulter der EU

Auf jeden Fall erzeugen die traurigen Ereignisse in Mölln, Solingen und Rostock etwas, was es bis dahin nicht gegeben hat: einen gleichberechtigten Umgang zwischen türkischen und deutschen Politikern. Inzwischen läuft die außenpolitische Umorientierung der Türkei weiter. Eine Wirtschaftsunion der Schwarzmeeranrainerstaaten und die enge Beziehung zu den Turkrepubliken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan und Kirgistan lässt die Türkei, langsam aber sicher, zu einer Regionalmacht aufsteigen. Ein Verteidigungpakt mit Israel und verschiedene Abkommen mit den USA flankieren den Einfluss, den die Türkei im Dreieck zwischen Europa, Kaukasus und Nahem Osten gewinnt. Die Bedeutung der Türkei wird während dessen von Deutschland und der EU anders eingeschätzt. Auf dem Luxemburger Erweiterungsgipfel der EU 1997 wird die Türkei vom Beitrittsprozess ausgeschlossen.

Nicht nur die türkische Regierung, sondern die meisten Türken fühlten sich durch die Entscheidung in Luxemburg brüskiert. Der Mann auf der Straße, ob in Istanbul oder in Ankara, fragt sich, warum z.B. Bulgarien oder Rumänien in den Erweiterungsprozess der EU aufgenommen wurden und die Türkei nicht, die ja seit 1963 mit der Europäischen Union assoziiert ist.

Die deutsch-türkischen Beziehungen waren in Luxemburg an einem historischen Tiefpunkt angelangt. Die Ablehnung durch die EU sei in Wirklichkeit eine Ablehnung durch den deutschen Bundeskanzler gewesen, meinte der damalige türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz. Während seines Treffens mit Bill Clinton in Washington warf er der Bundesregierung vor, aus Europa einen "christlichen Klub" machen zu wollen. Bundeskanzler Helmut Kohl habe bei einer Konferenz der christdemokratischen Parteien 1997 in Brüssel erklärt, die Europäische Union beruhe auf christlichen Prinzipien und habe keinen Platz für Staaten, welche diese Identität nicht teilten. Damit war natürlich die Türkei gemeint. Die Vorwürfe wurden von der Bundesregierung zwar als "abwegig" zurückgewiesen, aber der SPD-Außenpolitiker Günter Verheugen warf Bundeskanzler Kohl vor, zu den Angriffen von Yilmaz Anlass gegeben zu haben. Tatsächlich habe sich Kohl im Kreise der konservativen europäischen Regierungschefs in dem vom türkischen Ministerpräsidenten kritisierten Sinne geäußert. Und dies sei ein Beispiel für die Doppelbödigkeit der deutschen Politik gegenüber Ankara: "Wenn die Türken nicht dabei sind, heißt es: Die können wir nicht brauchen - und wenn man mit ihnen spricht, werden große Worte gemacht," sagt Verheugen. Die tatsächliche Krise zwischen Bonn und Ankara beschwörte jedoch Yilmaz erst herauf, als er der Bundesregierung vorwarf, in ihrer Europa-Politik die "Lebensraum"-Strategie des Dritten Reiches fortzusetzen. Das war wiederum für Bonn zu viel. Die deutsch-türkischen Beziehungen standen kurz vor dem Abbruch.

150 000 Neubürger
Seit Jahresanfang gilt in Deutschland das neue Staatsbürgerschaftsrecht, das - anders als das alte Recht - auch die Geburt in Deutschland als Grund für die deutsche Staatsangehörigkeit erlaubt. Außerdem ist die Aufenthaltsfrist, nach der die deutsche Staatsbürgerschaft den ausländischen Mitbürgern zusteht, von 15 auf 8 Jahre deutlich verkürzt worden. Die doppelte Staatsbürgerschaft wird zwar bei Erwachsenen in der Regel nach wie vor nicht hingenommen, ist bei Kindern und Jugendlichen aber möglich. Als Erwachsene werden sich allerdings auch diese Kinder für eine Staatsangehörigkeit entscheiden müssen. Unverändert blieb die Möglichkeit der Ermessenseinbürgerung, bei der beispielsweise Aufenthaltsfristen nicht berücksichtigt werden müssen. - Wie viele Neubürger es mit der Gesetznovelle geben wird, kann nur geschätzt werden. Denn vor allem die Regelung, dass die alte Staatsangehörigkeit abgegeben werden muss, lässt viele Ausländer zögern. Die Bundesregierung geht davon aus, dass im Jahr 2000 etwa 150 000 bis 200 000 Deutsche werden.
Globus

Der andere Blick der Amerikaner

Nur die Amerikaner betrachteten die Türkei anders als die Europäer. Erinnert sei nicht nur an die Äußerung des US-Präsidenten Bill Clinton in Berlin, als er während seiner Rede anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Luftbrücke unterstrich, dass ein starkes Europa die Türkei einschließen müsse. Schützenhilfe erhielt der türkische Wunsch nach einer EU-Vollmitgliedschaft 1997 auch von dem früheren US-Botschafter in Bonn, Richard Burt. "Die Türkeipolitik", sagte er in einem Interview, werde "der deutschen Innenpolitik geopfert."

Der stellvertretende amerikanische Außenminister Strobe Talbott äußerte sich über die deutsch-türkischen Beziehungen in demselben Sinne. Eine Abweisung der Türkei sei dem pan-europäischen Sicherheitsbestreben abträglich. Die Politik der offenen Tür sei die wichtigste Leitlinie beim Bau des neuen Europa. Einige der gegen die Türkei vorgebrachten Argumente seien 400 Jahre lang Teil des europäischen Systems gewesen und wurzelten offenbar in Vorurteilen gegenüber Moslems. Und der Platz eines Staates in der europäischen Familie dürfe nicht daran festgemacht werden, ob dessen Bild von Kirchturmspitzen oder Minaretten geprägt werde, sagte Talbott 1998 in Helsinki.

Auch die Wirtschaftslage der Türkei - trotz gegenwärtig hoher Inflation - wird in den USA anders beurteilt als in Westeuropa. Nach einem Artikel in Time-Magazin z.B., das die Titelgeschichte seiner ersten Ausgabe 1998 der Türkei widmete, ist die Türkei durchaus im Stande, in einigen Jahren dank ihres Wirtschaftspotenzials mit der Bundesrepublik zu konkurrieren. Manche mögen da vielleicht lachen. Wer jedoch zuletzt lacht, lacht am besten, meint der türkische Außenminister Ismail Cem und erklärt, warum die USA dem Land zwischen Europa und Asien eine andere Bedeutung beimessen als Westeuropa:

"Die Vereinigten Staaten betrachten die Türkei politisch anders als die EU. Die USA verfolgen langfristig strategische Ziele. Die Europäische Union ist verständlicherweise zu sehr mit ihren inneren Angelegenheiten beschäftigt. Zur Zeit eben mit dem Euro und damit, wie sie die einzelnen nationalen Institutionen auf europäischer Basis vereinheitlichen und zusammenschließen kann. Die USA verfügen über eine globale Vision: Sie interessieren sich nicht nur dafür, was in den Vereinigten Staaten läuft, sondern auch z.B. für die Entwicklung in Mittelasien, für die weltweite Energiesituation im Jahre 2008 oder aber für die neu zu errichtenden Erdöl- und Gasleitungen im Jahre 2010. Deswegen verfolgt sie aufmerksam die sich (ver-)ändernden Machtverhältnisse. Und wenn man strategisch an diese Probleme herangeht, dann kommt der Türkei eine tragende Rolle zu. Die Türkei steht nicht nur im Mittelpunkt des eurasischen Geflechtes von Erdöl und Gasleitungen, sondern sie hat auch eine dynamisch wachsende Wirtschaft mit einer jungen Bevölkerung. Wenn die Türkei gut regiert wird, dann bin ich der Meinung, dass sie bis zum Jahre 2010 eine führende Wirtschafts- und Regionalmacht sein kann."

Erleichterung Einbürgerung
Sie gehören zum kulturellen und wirtschaftlichen Leben der Bundesrepublik und sind aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken: 7,32 Mio. Ausländer und Ausländerinnen leben in Deutschland; das sind rund 9 % der gesamten Bevölkerung. Mit 2,11 Mio. Menschen stellen die Türken die größte ausländische Gruppe, gefolgt von Jugoslawen (720 000) und Italienern (612 000). Nach dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht, das seit 1. Januar 2000 gültig ist, kann fast die Hälfte der hier lebenden Ausländer deutscher Staatsbürger werden - wenn sie ihre Staatsbürgerschaft aufgeben wollen. Alle in Deutschland geborenen Kinder sind von sofort an mit ihrer Geburt, wenn ein Elternteil seit mindestens 8 Jahren in der Bundesrepublik lebt. Bis zu ihrem 23. Lebensjahr können diese Kinder den deutschen und einen ausländischen Pass besitzen. Dann müssen sie sich für eine ihrer beiden Staatsbürgerschaften entscheiden.
Globus

Der Neuanfang von 1999

War das Deutschlandbild in der Türkei aus den oben beschriebenen Gründen an einem Tiefpunkt angelangt, sollte sich 1999 plötzlich alles ändern. Wie ich anfangs geschrieben habe, hängt die Beurteilung und die Einschätzung gegenüber einem Land, einem Volk von vielen Faktoren ab. Manchmal genügt eine kurze Bekanntschaft und eine Geste eines Menschen, um das Bild eines Landes, das wir durch die verzerrten Bilder eines Fernsehens (vermeintlich) zu kennen glauben, total zu revidieren. Manchmal ist es auch nur ein Politiker, der in der gegenwärtigen Landschaft der Politikverdrossenheit den Menschen wieder Mut und Hoffnung gibt. Manchmal können sogar Katastrophen und gemeinsames Leid zwei verfeindete Völker einander näherbringen, wie es letztes Jahr nach der Erdbebenkatastrophe zwischen der Türkei und Griechenland geschehen ist. Es gibt zweifelsohne viele Ereignisse und Erkenntnisse, die den Menschen dazu bewegen, seine vorgefasste Meinung zu ändern. Viele Faktoren kamen auf einmal in so kurzer Zeit zusammen, dass das Türkeibild in Europa und in Deutschland eine positive Änderung vollzog. In Brüssel und in Berlin kam so etwas wie eine Respekthaltung gegenüber dem Lande auf, das man jahrhundertelang symbolisch als den "kranken Mann am Bosporus" bezeichnet hatte.

Die Ereignisse überschlugen sich. PKK-Chef Abdullah Öcalan wurde durch den türkischen Geheimdienst aus Kenia nach Imrali gebracht. Die Bundesrepublik Deutschland musste sich den Vorwurf gefallen lassen, rechtsstaatliche Prinzipien, die sie von der Türkei forderte, selber nicht einzuhalten, weil sie keinen Auslieferungsantrag für Öcalan bei den italienischen Behörden stellte, obwohl in Deutschland ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Trotz der Missstimmungen hielt der neue Bundeskanzler Gerhard Schröder an seiner Politik fest, die Türkei als europäischen Staat anzusehen.

Im Dezember unternahm US-Präsident Bill Clinton seine längste Auslandsreise in die Türkei. Trotz des Erdbebens fand die letzte KSZE-Konferenz in Istanbul statt. Amerikanische Rating Organisationen wie Standard & Poors und Moody`s räumten der Türkei durch gestiegene Kredibilitätsnoten eine höhere Glaubwürdigkeit ein. Und prompt stieg der Index der Istanbuler Börse auf ein Jahreshoch, so dass sie im Januar 2000 zur gewinnträchtigsten Börse der Welt avancierte. Auch Sportereignisse wie die Schwimm-Europameisterschaften in Istanbul und der Sieg gegenüber der deutschen Fußballnationalmannschaft, erweckte bei den Türken ein neues Selbstbewusstsein und bei den Deutschen Respekt. Schließlich wurde die Türkei Ende 1999 als Beitrittskandidat von der Europäischen Union anerkannt.

Die deutsch-türkischen Beziehungen sind wieder normalisiert, nicht zuletzt, weil die besonnen reagierende türkische Regierung unter Bülent Ecevit das Todesurteil gegenüber Abdullah Öcalan vorläufig ausgesetzt hat. Sie will vorerst das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte abwarten. In der Zwischenzeit diskutiert das türkische Parlament in Ankara über die gänzliche Abschaffung der Todesstrafe. Vielleicht bietet das neue Jahrtausend eine Möglichkeit, dass beide Staaten und Völker, sowohl Deutsche als auch Türken, sich normal und selbstverständlich begegnen. Die Türkei wird dann nicht mehr vor den Toren Europas stehen, sondern innerhalb Europas. Und in dieser Wertegemeinschaft sollten sie miteinander so umgehen, wie einst der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt in Sachen Freundschaft und Beziehung forderte:

"Wir sind einander durch Grundwerte verbunden, so sehr wir uns auch voneinander unterscheiden. In solcher Freundschaft ist gegenseitige Kritik notwendig und hilfreich. Wer gegenüber dem Freunde Kritik unterdrückt, kann auf die Dauer kein guter Freund bleiben. Wer seine eigenen Interessen gegenüber dem Freund nicht vertritt, kann eben dadurch Respekt und Freundschaft verlieren."

 


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