Zeitschrift

Die Türkei vor den Toren Europas

 

 


Vereine und Politik


Inhaltsverzeichnis


"Vergnügte Unterhaltung" und "Zustände verändern"

Das Beispiel der Gesangvereine

Von Angelika Hauser-Hauswirth

Dr. Angelika Hauser-Hauswirth leitet das Referat Landeskunde/Landespolitik in der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Sie ist Autorin des Buches "150 Jahre Schwäbischer Sängerbund", das 1999 reich illustriert im Silberburg Verlag Tübingen erschienen ist.

Nach dem "Jahr des Ehrenamts" liegt es nahe, ein Blick in die Geschichte des deutschen Vereinswesens zu werfen. Vereine hatten von Anfang an sowohl politische Zielsetzungen als auch politische Bedeutung, waren zum Teil Vorläufer und Ersatz politischer Parteien, als staatliche Verbote politische Organisationen untersagten. Satzungen regelten die Willensbildung der Vereine streng formal und nach demokratischen Regeln. In den Vereinen erlernten die Menschen - und lernen auch heute noch - die Fertigkeiten, die sie für die politische Beteiligung benötigen.
Red.


Gründung trotz Revolution?

Mit einem großen Sängerfest in Ulm und einem Festakt in der Gründungsstadt Göppingen feierte der Schwäbische Sängerbund im Jahr 1999 sein 150-jähriges Jubiläum. Aber auch der Schwäbische Turnerbund, Deutsche Katholikentage und Evangelischer Kirchentage konnten in den Jahren 1998/99 auf 150 Jahre zurückblicken. Alle genannten Institutionen und Verbände wurden also in den Jahren der Revolution von 1848/49 gegründet.

Das kann kein Zufall sein! Weshalb hat man den Schwäbischen Sängerbund gerade 1849, den Schwäbischen Turnerbund 1848 gegründet? Es waren unruhige Jahre: 1846/47 Hungersnot. Dann Aufstände, Revolution, unruhige Zeiten. Man hatte sicher andere Sorgen. Weshalb also gerade 1848/49?

In Schwäbisch Hall entstand 1817 der älteste Gesangverein in Deutschland

Im 18. Jahrhundert gab es zwei Arten des gemeinsamen Gesangs: Zum einen waren dies Konzerte an den Höfen, bei denen Musik und Künstler meist italienisch waren. In "besseren Kreisen" gab es auch Hauskonzerte, gepflegte Abendunterhaltungen. Daneben gab es Kirchenchöre, von denen manche inzwischen bereits ihr 350-jähriges Jubiläum feiern konnten. Um 1800 bestand sogar der hohe Anspruch, mit dem gesamten Kirchenvolk vierstimmig zu singen. Dies war letztlich nicht realisierbar, zumal die Schüler der hierzu vorbildenden Lateinschulen immer weniger wurden, auch eine Folge der Säkularisation und der damit verbundenen Aufhebung der Klosterschulen.

Nun entstanden außerhalb der Kirchen Männerchöre, die sich zunächst fast alle "Liederkranz" nannten. Die ersten Chöre in Württemberg entstanden um 1820. Nach Zelters exclusiver Sängerrunde in Berlin und Nägelis Männerchor in Zürich wurde 1817 der Musikverein Hall in Schwäbisch Hall gegründet. Trotz seines Namens handelt es sich um den ältesten Gesangverein in Deutschland.

Vereine waren etwas Neues

Für uns ist es heute selbstverständlich: einem Verein treten wir bei oder wir treten wieder aus - beides ist unsere eigene Entscheidung. Ende des 18. Jahrhunderts waren Vereine etwas ganz Neues. Vorher gab es nur Körperschaften, denen man durch Geburt oder Stand zwangsweise

angehörte. Vereine waren nun ein "freier organisatorischer Zusammenschluss". Neben dem Aspekt des Freiwilligen war auch jener des "Zweckorientierten" wichtig. Man schloss sich zusammen, um gemeinsam etwas zu unternehmen oder um etwas zu erreichen. Vor allem vier Zielrichtungen unterscheidet man:

"vergnügte Unterhaltung",

"friedfertig belehren",

"allgemeine, öffentliche, gesellschaftliche Zustände verändern"

und "Kunst oder ihrer Wissenschaft dienen".

Zunächst entstanden - durchaus herrschaftlich gefördert - Lesevereine. Man wollte sich zunehmend informieren, und Zeitungen konnte sich nicht jeder leisten. Die in den Räumen der Lesegesellschaft ausgelegten Presseerzeugnisse konnte jeder lesen, nebenbei kam man natürlich auch ins Gespräch. Auch vielerlei Bildungsvereine für spezielle Themen entstanden. König Wilhelm I. von Württemberg initiierte 1818 einen landwirtschaftlichen Verein zur Fortbildung der Bauern im Land und das Cannstatter Volksfest, das jährlich an seinem Geburtstag stattfand. Nicht so sehr der Gedanke, die Bauern von ihrem harten Leben abzulenken, stand dahinter, sondern die Idee, durch bessere Bildung neue landwirtschaftliche Bearbeitungsmethoden anzuwenden und damit bessere Erträge zu erzielen.

Die Gesangvereine bildeten - von der selbst gestellten Aufgabe her gesehen - eine Mischform im neuen Vereinswesen. Sie wollten "friedfertig belehren": Das Ideal Pestalozzis, dass Bildung den Menschen gut mache, stand dahinter. Die Chöre hatten einen sehr hohen Erziehungs- und Bildungsanspruch. Die Stimme sollte gebildet werden, aber auch die Auswahl der Lieder sollte Niveau haben.

Einen ähnlichen erzieherischen Anspruch hatten die Turnvereine, die zunächst in Berlin von Friedrich Jahn - der nicht umsonst später "Turnvater" genannt wurde - gegründet wurden, um 1820 dann auch im Südwesten entstanden. Motiv war, dass "in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wehe". Der erste Turnplatz in Württemberg war eine alte Scheune in Hirsau. Die Mitglieder der Turnvereine waren zum größten Teil Handwerksburschen, zum Teil auch Studenten. Die Zusammensetzung war also weniger bürgerlich als bei den Gesangvereinen. Identisch war allerdings, dass die ersten Vereine in den Städten entstanden.

Verkappte politische Zielsetzungen

Die Gesang- und Turnvereine wollten aber auch "Zustände verändern". Sie waren höchst politische Gründungen des Bürgertums. Politische Zusammenschlüsse waren auf Grund der Karlsbader Beschlüsse von 1819 nicht erlaubt. Was blieb anderes übrig, als den Versuch zu machen, indirekt zu wirken. Dabei waren wichtigste Ziele die nationale Einheit, die Liberalisierung und die Demokratisierung. Die Lieder jener Zeit bringen die Forderungen deutlich zum Ausdruck. Das aus einem Lied von 1830 entnommene Motto der Ausstellung des Schwäbischen Sängerbundes "Freiheit - Einheit - Liedeslust" zeigt die Ziele der damaligen Gesangvereine ganz deutlich. Ein falsches Lied konnte mit Gefängnis oder beruflicher Versetzung bestraft werden. So hatte ein Beamter in Stuttgart, Mitglied des Stuttgarter Liederkranzes, alle Mühe, eine Versetzung nach Ellwangen zu verhindern, weil er mit seinem Verein "Polenlieder" gesungen hatte.

Natürlich spielte auch die "vergnügte Unterhaltung" eine Rolle. So wird berichtet, man habe Silvesterfeiern, Bälle und "Gesangsproduktionen" organisiert. Die Veranstaltungen müssen sehr begehrt gewesen sein, denn es wurde eigens festgelegt, dass außer Ehefrauen nur noch "Bräute" kostenlos eingeführt werden dürfen. Richtige Volksfeste scheinen Fasnachtsveranstaltungen gewesen zu sein.

Die Vereine - nicht nur die Gesangvereine - waren sehr auf demokratische Strukturen im Inneren bedacht.

Es gab Satzungen, Vorstandswahlen, gemeinsame Beschlüsse, fristgerechte Einladungen und Rechenschaftsberichte. Wie gemütlich es damals noch im Wirtschaftsleben zuging, beweisen Einladungen zu solchen Sitzungen auf 10 Uhr an einem Werktag-Vormittag.

Schwäbisch Hall 1838: Die am Liederfest teilnehmenden Vereine vor St. Michael

Und die Frauen?

Kirchenchöre waren Frauenchöre oder gemischte Chöre gewesen, die neuen Liederkränze dagegen waren Männerchöre. Der Stuttgarter Liederkranz hatte zwar einen eigenen Frauenchor, der von Emilie Zumsteeg geleitet wurde, aber zur Aufführung durfte sie nicht auftreten, sondern sie musste den Taktstock an ihren männlichen Kollegen vom Männerchor abgeben. Auch wurde Emilie Zumsteeg aus Anlass des 25jährigen Jubiläums des Stuttgarter Liederkranzes zum Ehrenmitglied ernannt - normale Mitglieder durften die Frauen nicht sein!

Andererseits war es Frauen bis zum Jahr 1908 gar nicht erlaubt, sich politisch zu betätigen. Was umgekehrt aber auch ein Beweis dafür ist, dass die Vereine in der Tat politisch waren. Bei Festen durften Frauen dabei sein. Und in Zeiten, in denen das Sticken von - entsprechenden - Fahnen mit Zuchthaus bestraft wurde, war auch diese, heute vielleicht als unbedeutend angesehene, Tätigkeit politisch.

Liederfeste als politische Demonstration

Feste im 19. Jahrhundert sind nicht gleichzusetzen mit Festen heute. Für den Großteil der Bevölkerung gab es zuvor lediglich kirchliche Feste im Jahreslauf. Richtige, also "unterhaltende" Feste gab es nur am Hof. Nach der Befreiung von der Herrschaft Napoleons gab es die ersten Nationalfeste, z.B. das Wartburgfest. Im ersten Hochgefühl des gemeinsamen Sieges wurde dieses als ein erstes allgemeines, da alle Schichten Volk und Herrschaft - umfassendes Fest empfunden. Von der zunächst beschworenen Gemeinschaft zwischen Herrschern und Volk war wenig später nichts mehr zu spüren und auch die kleinste Liberalisierung wurde durch die Karlsbader Beschlüsse zunichte gemacht.

Ältere Sänger und Turner erzählen auch heute noch von Festen als Höhepunkte des Vereinslebens. Die Sänger waren die ersten, die auf die Idee kamen, sich mit Vereinen aus der Nachbarschaft zu einem Fest zu treffen. 1827 fand das erste größere Liederfest in Plochingen statt. Ziel war es, möglichst die verschiedenen Schichten mit einzubeziehen:

"Niedersinken vor des Gesanges Macht der Stände lächerliche Schranken".

Dieser Satz in der Ansprache Karl Pfaffs in Plochingen wird bis heute am häufigsten zitiert.

Schon die Dekoration bei den Festen war revolutionär. 1831 beim Liederfest in Esslingen schmückten neben Blumen und Zweigen französische und polnische Fähnchen die - allerdings säkularisierte, d. h. verweltlichte - Kirche. Schwarz-Rot-Gold - die Farben der Freiheitsbewegung - das man sich noch nicht getraut. Wichtiger Punkt der Feste war eine politische Rede, für die man sich auch bedeutende Redner von außen einlud. Turnfeste verliefen ähnlich wie die Sängerfeste. Auch hier war die politische Rede der Hauptpunkt, gesungen wurde auch hier, Turnen war Nebensache. 1844 fand ein gemeinsames Fest in (Schwäbisch) Gmünd statt.

Skandal in Esslingen

Nach der Juli-Revolution 1830 in Frankreich gab es für eine kurze Zeit eine kleine Erleichterung bei Pressefreiheit und Vereinsfreiheit. Forderungen nach Demokratisierung und nationaler Einheit wurden formuliert. Im Februar 1832 wurde die 1830 erfolgte Lockerung durch ein Koalitionsverbot für politische Vereine wieder zunichte gemacht. Dazwischen hatte es in Polen Aufstände gegen die Herrschaft der Russen gegeben, die auch von württembergischen Bürgern und Vereinen ideell und materiell unterstützt wurden. Auch schwäbische Gesangvereine veranstalteten Benefizkonzerte und sangen Polen-Lieder. Außerdem war 1831 in Württemberg Wahlkampf für den Landtag gewesen. Die politischen Ziele waren so auch offiziell zu Forderungen geworden.

Am 27. Mai 1832 versammelten sich im zur bayerischen Pfalz gehörenden Hambacher Schloss 20000 Menschen. In vielen Reden wurde Pressefreiheit, Demokratie und nationale Einheit gefordert. Bei dem mehrere Tage dauernden Fest wurde auch viel gesungen: vorzugsweise revolutionäre Texte auf bekannte Weisen, bei denen man bei Bedarf rasch auf den ursprünglichen harmlosen Text wechseln konnte. Die Obrigkeit musste reagieren! Überall wurden Menschen mit schwarz-rot-goldenen Kokarden verhaftet.

Kein Wunder, dass es, als nur eine Woche nach dem Hambacher Fest zum fünften Mal das Liederfest in Esslingen stattfand, zum Skandal kam. Wieder waren die leerstehende, geräumige Kirche des ehemaligen Dominikanerklosters und die Stadttore und der Festplatz Maille festlich geschmückt. Tausende von Sängern waren anwesend. Mit eher religiösem Gesang fing alles an, nachmittags sollte auf dem Festplatz die übliche Festrede gehalten werden. Darüber wird berichtet, "man" habe den Festredner an der Festrede gehindert, indem "man" ihm die Treppe zur Tribüne weggenommen habe.

In dieser Situation hatten die Sänger ausgerechnet Rudolf Lohbauer als Festredner engagiert, den Redakteur des Organs der liberalen Opposition Der Hochwächter. Er war im Wahlkampf 1831 erfolgreich gewesen. Bereits damals gab es Beurteilungen, dass dies weniger ein Sängertreffen, denn eine politische Manifestation war. Es war vorauszusehen, dass die Obrigkeit reagieren würde. Auch in den Jahren danach wurden die Sänger genau beobachtet.

Vereine, Revolution und Cannstatter Volksfest

In den 40er Jahren wurden die Einschränkungen für die Vereine allmählich gelockert. Eine große Zahl neuer Vereine entstand, nun sehr stark auch im ländlichen Raum. Neu bei den Vereinsgründungen war, dass sie sich stärker als bisher differenzierten: nach einer Firma, nach einem spezielleren Aufgabengebiet oder auch nach dem gesellschaftlichen Stand. Die ersten Arbeitervereine entstanden.

Anfang Mai 1847 hatte es vor allem in Ulm und in Stuttgart Unruhen und Krawalle gegeben, weil Lebensmittel - und ganz besonders Getreide und Kartoffeln - wie überall in Deutschland und sogar Europa infolge von Missernten rapide teurer wurden. Frauen stürmten die Marktstände und Bäckerläden. Die Regierung versuchte das Problem durch Einfuhr von Getreide zu lösen.

Vielerorts wurden Volksvereine gegründet als Vorläufer der Parteien. Auch die bereits bestehenden Turn- und Gesangvereine beteiligten sich an der Revolution 1848/49 - zumal es sich ohnehin größtenteils um Doppelmitgliedschaften handelte. Beim militärischen Aufstand 1849 in Baden waren auch württembergische Turner mit dabei. Gewiss nicht ohne Grund wurden nach der Revolution eine große Zahl von Vereinen verboten. Gefangengenommene Württemberger wurden nach der Revolution an der badisch-württembergischen Grenze den Behörden übergeben und kamen größtenteils auf den Hohen Asperg.

Im März 1848 gab König Wilhelm I. schnell nach und setzte eine liberale Regierung unter Friedrich Römer ein. König Wilhelm hielt es wohl auch für die beste Methode, Sänger, Turner und Schützen in die Politik zu integrieren und lud 1848 alle drei Gruppen zum Cannstatter Volksfest ein, das 1818 von ihm eingerichtet worden war, zur Förderung der Landwirtschaft. Nun wollte er das Fest weiteren Bevölkerungskreisen öffnen. Er wollte es zu einer umfassenderen wirtschaftlichen Schau erweitern und "auch die volkstümlichen Elemente des Gesangs, der Turnkunst und der Wehrhaftigkeit" beifügen.

Dabei hatte zum Zeitpunkt der Einladung die Regierung sicherlich noch nicht gewusst, wie kritisch die Situation in den Tagen des Volksfestes möglicherweise werden konnte. Nachdem am 21. September Gustav Struve in Lörrach die Deutsche Republik ausgerufen hatte und nun mit einer Zahl von Freischärlern auf dem Weg nach Karlsruhe war, um dort die großherzogliche Regierung zu stürzen, wagte Gottlieb Rau am 24. September von Rottweil aus einen ähnlichen Zug nach Stuttgart. Bis zum Sonntag wollte man beim Volksfest in Stuttgart sein. Auch die Turnliedertafel Reutlingen wollte mitziehen. König Wilhelm verhängte für die Soldaten in den Stuttgarter Kasernen ein Ausgehverbot. Rau gab jedoch auf, als zu wenig Anhänger bereit waren, mitzuziehen und als bekannt wurde, dass Gustav Struve mittlerweile in Staufen im Markgräflerland geschlagen worden war.

Am Donnerstag, den 28. September 1848, versammelten sich morgens um 9 Uhr etwa 20 Liederkränze im Wilhelmsbad, von denen acht am Wettsingen teilnahmen. Den Preisträgern wurde "vorzüglich geistige Belebtheit und Energie des Vortrags, scharfe Korrektheit und schöner Ton, sowie gute Aussprache des Liedertextes" bescheinigt. Den zweiten Preis, bestehend aus vier Dukaten und einem Kranz, erhielt eben jene Turnliedertafel Reutlingen, die eigentlich hatte im Revolutionszug nach Cannstatt ziehen wollen.

Nachmittags zog man im Festzug, der von Sängern, Turnern und Schützen angeführt wurde, durch die Stadt auf den Wasen. Die Nachmittagsfeier dort wurde mit dem gemeinsam von allen Anwesenden gesungenen Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?" eröffnet. Dies galt bis 1870 als heimliche Nationalhymne. Theodor Georgii aus Esslingen, der Gründer des Schwäbischen Turnerbundes, hielt die "kräftige Festrede". Das im Freien stattfindende Fest musste später wegen einsetzenden Regens abgebrochen werden.

Im September 1849 war die Revolution endgültig besiegt. Damit war auch die Hoffnung der Sänger auf die deutsche Einheit für viele Jahre erledigt. Beim Cannstatter Volksfest 1849 waren Sänger, Turner und Schützen wieder dabei. Wie bei allen Sängerfesten, so hatte auch die Festrede 1849 einen tagespolitischen Bezug. Dies mag Regierung und König nicht gefallen haben. Der Festredner leitete die Preisverleihung mit folgenden Worten ein:

"Sangesbrüder und Freunde!

Die Wellen der Begeisterung des Jahres 1848 sind in ein stilles Bett zurückgegangen, und über die Einheitshoffnungen der Deutschen hat sich ein Wolkenschleier gelagert"

Zwei Tage später berichtet die Schwäbische Chronik, "dass eine Verbindung der Liederfeste mit dem landwirtschaftlichen Feste sich nicht als zweckmäßig erwies." Eine genaue Begründung wird nicht gegeben.

Die Ausbreitung des Vereinswesens machte die Gründung von Dachorganisationen nötig

Versammlungen der Volksvereine, der Vorläufer unserer heutigen Parteien, waren nicht anders organisiert als zuvor die Sängerfeste und Turnfeste. Nur war jetzt die politische Versammlung, das politische Fest, auch offiziell möglich. Inzwischen waren in ganz Württemberg - und darüber hinaus - so viele Vereine entstanden, dass es sinnvoll schien, vor allem zur besseren Vorbereitung der Feste, eine Dachorganisation zu gründen. 1848 waren verschiedene Vereine in Württemberg dabei, sich überörtlich zu organisieren. Die durch die Märzrevolution errungene Liberalisierung ermöglichte den Vereinen diesen überörtlichen Zusammenschluss.

Zunächst schlossen sich die Turner am 1. Mai 1848 in Esslingen zum Schwäbischen Turnerbund zusammen. Theodor Georgii, gerade erst 20 Jahre alt und aus Esslingen stammend, war die treibende Kraft gewesen. Auch Katholiken und Protestanten nutzten die Zeit, die zuvor lokal und regional betriebene Vereinsarbeit auf eine größere Grundlage zu stellen.

Die Sänger hatten bislang abgewartet und beschlossen erst beim Cannstatter Volksfest 1849, sich eine Dachorganisation zu geben. Am 25. November 1849 kam man in Göppingen im Hotel Apostel zusammen und gründete den Schwäbischen Sängerbund. Nicht wie heute wurde ein Vorsitzender gewählt, sondern ein Ausschuss, der die Aufgaben selbst unter sich aufteilte. Konrektor Dr. Karl Pfaff aus Esslingen wurde Vorsitzender, Dr. Otto Elben, |nhaber des Schwäbischen Merkur, Schriftführer.

Obwohl wir heute aus der Distanz von 150 Jahren oft versucht sind, Turner und Sänger hinsichtlich der Gründung ihrer Dachorganisation in einem Atemzug zu nennen, besteht doch ein himmelweiter Unterschied. Nicht einfach nur ein Jahr liegt zwischen der Situation 1848 und jener 1849. Im Frühjahr 1848 als der Schwäbische Turnerbund gegründet wurde, war die Revolution siegreich gewesen. Es gab in Württemberg das liberale "Märzministerium" unter Friedrich Römer, es gab Pressefreiheit und Vereinsfreiheit.

Ende 1849 war die Situation völlig anders. In Baden war die Revolution im Sommer militärisch geschlagen worden. Die Gegenrevolution hatte in ganz Deutschland gesiegt. Die Herrschenden stellten nicht nur den vorrevolutionären Zustand wieder her, sondern griffen verschärft durch. Den Turnern wäre die Gründung einer Dachorganisation im Herbst 1849 sicher nicht mehr möglich gewesen. Das Ansehen der Sänger bei der Obrigkeit war besser: schließlich hatten sie sich bei der Revolution selbst eher herausgehalten. Aber allerhöchste Zeit war es gewiss! Aus heutiger Sicht haben sowohl Turner als auch Sänger "ein Fenster in der Geschichte" geschickt genutzt, um ans Ziel zu kommen. 1849 war also kein Zufall.

Friederich Silcher (1789-1860)
Wer an schwäbische Gesangvereine denkt, dem fällt der Name Silcher ein. Friederich Silcher war Komponist zahlreicher Chöre, von denen viele zu Volksliedern wurden.

Die Eisenbahn gab neue Impulse

Es gab immer mehr Vereine. Zumindest für die Feste war auch damals schon eine gewisse Organisation notwendig. Dabei gab es ein ganz praktisches Problem: Die Kommunikation. Es gab zwar schon Tageszeitungen, aber noch keine Eisenbahn und kein Telefon.

Man muss sich die Entfernungen allein im Großraum Stuttgart vergegenwärtigen - ganz zu schweigen von den übrigen Gebieten Württembergs. 1827 in Plochingen waren Vereine aus Stuttgart, Göppingen, Kirchheim, Esslingen, Geislingen, Reutlingen und Tübingen dabei. Nur zu Fuß oder mit einer Kutsche oder einem landwirtschaftlichen Ochsenkarren kam man von Geislingen oder Tübingen nach Plochingen. 1840 zum Sängerfest in Heilbronn fuhr der Esslinger Liederkranz mit dem Segelschiff, 1846 beim Deutschen Sängerfest in Köln kamen bereits Sänger mit dem Dampfschiff.

Den richtigen Durchbruch brachte die Eisenbahn. 1845 wurde der erste württembergische Abschnitt zwischen Cannstatt und Untertürkheim in Betrieb genommen. In den folgenden Jahren wurden weitere einzelne Strecken in dem sehr weit in Nord-Süd-Richtung sich erstreckenden Württemberg gebaut. Und am 29. Juni 1850 wurde die Geislinger Steige eröffnet. Damit bestand erstmals eine durchgehende Verbindung zwischen Heilbronn und Ravensburg. Die Querverbindung Plochingen-Tübingen wurde erst 1859 gebaut.

Fünf Wochen nach Inbetriebnahme der Geislinger Steige feierten der Schwäbische Turnerbund und der Schwäbische Sängerbund in Ulm ihre Feste. Die Turner am Sonntag, den 4. August, die Sänger am Montag, den 5. August 1850. Selbstverständlich waren die Sänger bereits am Sonntag dabei. Der Sonderzug fuhr in Stuttgart um 4.00 Uhr früh los.

Ab 1860 konnten gesamtdeutsche Vereinsgründungen stattfinden

Zunächst waren die 1850er Jahre alles andere als einfach für die Vereinsarbeit. Die gescheiterte Revolution hatte die Reaktion in den Vordergrund zurückgebracht. Sängerfeste und Turnfeste fanden wohl jedes Jahr statt, nun auch weiter "draußen" in Württemberg. Erst etwa ab 1860 war eine eher politische Arbeit wieder möglich, nachdem eine allgemeine Amnestie für "Revolutionsstraftaten" ausgesprochen wurde. Viele Aktive der Revolutionsjahre kamen aus dem Exil zurück.

1861 wurde der Deutsche Schützenverband, 1862 der Deutsche Turnerbund und der Deutsche Sängerbund gegründet, vor allem initiiert von den schwäbischen Vereinen. Das war sozusagen das zweite "Fenster der Geschichte", das genutzt wurde. 1865 fand das erste offizielle Deutsche Sängerfest in Dresden statt, symbolisch genau fünfzig Jahre nach der Schlacht bei Waterloo, dem endgültigen Sieg über Napoleon.

Danach war eine Arbeit auf "gesamtdeutscher Ebene" nicht mehr möglich. Nach dem noch gemeinsam ausgefochtenen Kampf gegen Dänemark 1864, kämpften die Preußen 1866 nun offen gegen die Österreicher. Die schwäbischen Sänger waren im Konflikt Preußen-Österreich auf österreichischer Seite wie der württembergische Staat insgesamt, also "großdeutsch".

Die deutsche Einheit als "Kleindeutsche" Lösung war zunächst enttäuschend

Die Einigung des Deutschen Reiches durch Bismarck "von oben" war für jene, die seit Jahrzehnten für Einheit und Demokratie sowie für eine großdeutsche Lösung unter Einschluss Österreichs gekämpft hatten, alles andere als erbaulich. Mehr oder weniger zähneknirschend akzeptierten es die Sänger und arrangierten sich mit dem neuen Staat. Im Lauf der Jahre standen sie jedoch voll dahinter. Die Turner dagegen, die von ihrer Gründung her eher preussisch beeinflusst waren, waren mit der kleindeutschen Lösung rasch einverstanden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es vermehrt zur Gründung von Gesangsabteilungen von Turn- oder Sportvereinen sowie von Arbeitergesangvereinen. Zunächst hatten es die Arbeitervereine sehr schwer, da ihnen der Zugang zu den Schulen als Probelokal und zu Lehrern als Chorleiter verwehrt war. Erst nach der Jahrhundertwende kam es teilweise zur Zusammenarbeit, als auch die Arbeitergesangvereine vermehrt klassische Musik mit Solisten und Orchester aufführten.

Der Erste Weltkrieg bedeutete einen jähen Einschnitt in das Leben der schwäbischen Sängerbewegung. Nicht nur sehr viele Sänger, sondern auch die meisten Chorleiter wurden einberufen. Dennoch herrschte in den Gesangvereinen rege Aktivität, wobei die Schwerpunkte weniger auf sängerischem als auf karitativen Gebiet lag - vor allem organisiert von den Frauen.

Unmittelbar nach dem Ende des Krieges und der Umgestaltung zur Republik nahmen die Vereine ihre Sängertätigkeit sehr rasch wieder auf, nun sehr häufig als gemischter Chor. Die wirtschaftlichen. Schwierigkeiten Anfang der zwanziger Jahre und die zunehmende Arbeitslosigkeit nach der Weltwirtschaftskrise belasteten die Gesangvereine zunehmend.

Die Gleichschaltung der Vereine durch die Nationalsozialisten

Nur drei Monate nach ihrer Machtergreifung ergriffen die Nationalsozialisten Maßnahmen, die Vereine in ihr System zu integrieren. Die Arbeitervereine wurden im Mai 1933 verboten, die Verbände gleichgeschaltet und das Führerprinzip eingeführt. Dies bedeutete, dass nur noch Vereine zugelassen waren, die dem Deutschen Dachverband angehörten. Die Vorstandschaft wurde nicht mehr gewählt, sondern durch die Politik bestimmt.

Die Verantwortlichen in den Vereinen gingen offensichtlich davon aus, dass man mit dem Zugeständnis einer einheitlichen Dachorganisation und mit der Aufnahme einiger Nationalsozialisten in die Vorstände Ruhe einkehren würde und die Vereine unbehelligt von der Politik ihre eigentliche Arbeit leisten könnten. Diese Hoffnung trog.

In den fast fünfzig Jahren seither haben sich die Vereine ganz entscheidend verändert. Positiv sind die Forderungen in der ersten Zeit der Vereine ganz sicherlich gewesen. Demokratie und deutsche Einheit haben wir heute. Und dies haben wir auch den damals engagierten Männern und Frauen zu verdanken. Die Vereine sollten sich dieser Tatsache bewusst sein.


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