Zeitschrift

Die Türkei vor den Toren Europas

 

 


Das politische Buch


Inhaltsverzeichnis


Zwei Standardwerke neu erschienen

Wolfgang Rudzio
Das politische System der Bundesrepublik Deutschland
Verlag Leske + Budrich, 5. überarbeitete Auflage, Opladen 1999
589 S., DM 26,80

Hiltrud Naßmacher Karl-Heinz Naßmacher
Kommunalpolitik in Deutschland
Verlag Leske + Budrich, 2. überarbeitete Auflage, Opladen 1999
508 S., DM 27,80

Ich bin ein Freund nützlicher Bücher, die einem schnell das nötige Wissen vermitteln: umfassend, kompakt, zuverlässig, auf neuestem wissenschaftlichen Stand, mit aufschlüsselndem Register und umfangreicher Bibliografie, gut zu lesen, handlich und preiswert. Die beiden hier genannten Bücher aus der utb-Taschenbuchreihe, das von Wolfgang Rudzio über das politische System der Bundesrepublik und das der beiden Naßmacher über Kommunalpolitik in Deutschland, werden diesen Kriterien in geradezu idealer Weise gerecht. Nicht zufällig haben beide mehrere Auflagen erlebt: Das Buch von Rudzio liegt soeben in 5. Auflage vor, das von Naßmacher in 2. Auflage, selbstverständlich jeweils in völlig überarbeiteter und erweiterter Form.

Über das politische System der Bundesrepublik Deutschland gibt es an sich eine ganze Palette von beachtlichen Darstellungen, angefangen beim umfangreichen Standardwerk von Thomas Ellwein und Joachim Jens Hesse mit seinen 830 Seiten (wovon beinahe die Hälfte aus einschlägigen Quellen besteht) und dem "Handwörterbuch des politischen Systems", von Uwe Andersen und Wichard Woyke herausgegeben, das als Nachschlagewerk das politische System der Bundesrepublik Deutschland lexikalisch aufbereitet hat, über die Darstellungen von Klaus von Beyme und von Kurt Sontheimer/Wilhelm Bleek bis hin für die stark von Schaubildern lebende und besonders gut auch für den Unterricht geeignete Darstellung von Horst Pötzsch "Die deutsche Demokratie", die als Gemeinschaftswerk von Bundeszentrale und Landeszentralen für politische Bildung erschienen ist. Die handliche, verlässliche, preisgünstige Gesamtdarstellung von Rudzio eignet sich vor allem für Studierende und für Mittler politischer Bildung, insbesondere auch Lehrer.

Kommunalpolitik flächendeckend darzustellen, ist ein besonderes schwieriges Unterfangen, weil die Kompetenz für Kommunalpolitik Ländersache ist, mithin Kommunalpolitik - schon von den rechtlichen Rahmenbedingungen her - von Land zu Land sehr unterschiedlich ist. Von daher liegt der Schwerpunkt der vorhandenen Darstellungen beim jeweiligen Land; leider jedoch nicht in flächendeckender Weise. In Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen ist man da besonders gut bedient. Als Überblick liegt neuerdings das von Roland Roth und Hellmut Wollmann herausgegebne Werk: "Kommunalpolitik" in 2. Auflage vor, ein Sammelwerk verschiedener Autoren, das Sachbereiche in sich geschlossen behandelt. Naturgemäß sind nicht alle Beiträge von gleicher Qualität

Das hier vorgestellte Buch von Hiltrud und Karl-Heinz Naßmacher ist demgegenüber aus einem Guss. Es geht einerseits systematisch vor, andererseits werden zwei Politikfelder - nämlich Wohnungspolitik und Wirtschaftspolitik - exemplarisch behandelt. Natürlich lässt sich da gleich fragen: Warum die und nicht andere Politikfelder wie beispielsweise Verkehr oder Stadtsanierung? Vergleicht man die Bibliografien, stellt man bereits fest, das die der Naßmachers umfangreicher und besser ist als die im Buch von Wollmann/Roth. Insgesamt ist das Buch von Naßmacher besonders geeignet für alle diejenigen innerhalb der politischen Bildung oder innerhalb der Kommunalpolitik selbst, die sich einen umfassenden Überblick über Kommunalpolitik, über die jeweilige Gemeinde und das eigene Bundesland hinaus verschaffen wollen. Sie können das hier so konzentriert und in gut lesbarer Weise wie sonst nirgendwo.

Hans-Georg Wehling

 

Atlas Baden-Württemberg

Rechtzeitig vor dem Jahreswechsel 1999/2000 noch erschienen ist:

Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.)

Baden-Württemberg 2000

Der NEUE ATLAS für das ganze Land, 282 Seiten, Stuttgart 1999, DM 49,-

 

Dieser Atlas wird seinem Anspruch gerecht. Im DIN A4-Format präsentiert er in 16 Kapiteln, mit Satellitenfotos, 100 Karten und 90 Grafiken das Land Baden-Württemberg - übersichtlich, anschaulich, informativ. Von den geografischen Grunddaten und Bevölkerung angefangen über Wahlen, Wirtschaft, Kommunen, Bildung und Kultur bis hin zur Umwelt enthält der Atlas (nahezu) alles, was man über das Land wissen muss. Jedes Kapitel ist in gleicher Weise gegliedert, zu Beginn findet man immer eine Seite mit den notwendigen Definitionen. Die anschauliche Präsentation ist es, die diesen Atlas von anderen verdienstvollen Publikationen des Statistischen Landesamtes - wie beispielsweise dem jährlich erscheinenden "Statistische Taschenbuch Baden-Württemberg" - unterscheidet. Die Abbildungen sind durchweg farbig. Im Anhang werden Gemeindekarten für die vier Regierungsbezirke einschließlich Namensliste geboten. Ferner wichtige Adressen, bei denen man sich weitere Informationen einholen kann. Dabei sind immer auch die Internet-Adressen angegeben.

Ganz originell und amüsant ist das Kapitel 16 ausgefallen: "Die größten..., die kleinsten... (Ranking)". Da sind dann Städte und Gemeinden nach Fläche und Einwohnerzahl, nach Waldanteil und Rebfläche aufgelistet - durchaus als Gesellschaftsspiel zu nutzen.

Drei Dinge möchte ich kritisch anmerken:

1. Der Band enthält zwar die Ergebnisse von Bundestags- und Landtagswahlen, nicht aber die von Europawahlen und Kommunalwahlen. Der Atlas ist allerdings schon bald nach den Kommunalwahlen vom 24. Oktober 1999 erschienen. So kann man Verständnis dafür haben, warum die neuesten Kommunalwahlergebnisse nicht enthalten sind. Irgendwann muß ja einmal ein Buch erscheinen, zumal es (unnötige) Zwänge des Haushaltsjahres gibt; wir kennen das. Anlässe für eine Verschiebung gäbe es zudem immer. Aber frühere Wahlergebnisse hätte man doch veröffentlichen können; und die Europawahlen lagen doch schon weit zurück. Vielleicht hätte man zudem in der Titelei des Buches den Redaktionsschluss vermerken können.

2. Die Wirtschaftskraft wird in Bruttowertschöpfung gemessen, nicht als Bruttoinlandsprodukt, wie es die Leser normalerweise gewöhnt sind und wie sie es auch im Statistischen Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland zum möglichen Vergleich finden. Auf der Seite "Definitionen" (S. 153) hätte man den Unterschied erläutern müssen und darlegen können, warum man sich für das Eine und nicht für das Andere entschieden hat. Den Nicht-Volkswirten unter den Nutzern wäre man das wohl schuldig gewesen.

3. Allgemein zeichnet sich der "Atlas" durch hervorragende Schaubilder aus. Punktkarten jedoch, die deutlich machen sollen, wo sich, beispielsweise bei Wahlen, die Stimmen für Parteien häufen, sind an sich eine gute Sache, kommen aber darstellerisch nicht befriedigend heraus, wie etwa die Beispiele S. 67 und 69 zeigen.

4. Man wird sicher darüber streiten können, ob nicht alle Gemeindebezogenen Daten zu einem gesonderten Kapitel hätten zusammen gezogen werden können. So hängen z. B. die "Kommunalfinanzen" (Kap. 11) etwas in der Luft. Wir können die Leserinnen und Leser bei dieser Gelegenheit auf das "Taschenbuch Baden-Württemberg" verweisen, das die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Landesamt herausgegeben hat und das für DM 10,- Schutzgebühr bei der Landeszentrale noch zu haben ist. Der Datenanhang dieses Taschenbuches ist gemeindezentriert. Beide Publikationen ergänzen sich sehr gut.

Diese kritischen Bemerkungen schmälern keineswegs das Verdienst, das sich das Statistisches Landesamt allgemein und die Herausgeber Manfred Deckarm, Jutta Demel und Wolfgang Walla insbesondere mit diesem Atlas erworben haben.

Mit Befriedigung stellt man fest, dass dem Statistischen Landesamt mit diesem Atlas der Sprung in den Buchhandel gut gelungen ist. Auf den Büchertischen ist dieses Werk präsent, verdientermaßen. Zusätzlich hat das Statistische Landesamt Mittel durch ganzseitige Firmenanzeigen eingeworben. Nur Puristen können dabei etwas Böses finden. Zugleich wirbt der Atlas für das Land etwa im Sinne der Tourismusförderung durch große Bilder von Sehenswürdigkeiten und Einzelobjekten. Warum eigentlich auch nicht?

Insgesamt also ein Nachschlagewerk, das man haben muss - und sich bei diesem Preis auch leisten kann. Außer im Buchhandel kann man es sich auch direkt beim Statistischen Landesamt bestellen, unter der Adresse: Postfach 106033, 70049 Stuttgart, Fax 0711/641-2130, E-Mail: vertrieb@stala.bwl.de, Internet: http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de Hans-Georg Wehling

 

Die russische Revolution

Orlando Figes

Die Tragödie eines Volkes

Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924; aus dem Englischen von Barbara Conrad, unter Mitarbeit von Brigitte Flickinger und Vera Stutz-Bischizky.

Berlin Verlag Berlin 1998.

976 S., 98,- DM

In vielerlei Hinsicht zeichnet sich dieses Buch aus. Es gehört zu den drei Standardwerken, die in den letzten Jahren erschienen sind (R. Pipes und H. Altrichter); es zeichnet ein Ereignis in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts nach, das - gleich welcher Meinung man auch ist - diese Welt in Ost und West geteilt, nachhaltig geprägt und grundlegend verändert hat, und es bietet neben zahlreichen faszinierenden Photographien und Karten eine vorzügliche Darstellung, die jedem Romancier zur Ehre gereichen könnte, in Deutschland jedoch in der Wissenschaft eher verpönt ist.

Schon das Vorwort legt von der Intention Figes` beredt Zeugnis ab. Er geht davon aus, dass es sich 1917 nicht um eine einzelne Revolution handelte, wie dies bis heute als Lehrmeinung akzeptiert wird, sondern um einen Komplex verschiedener Revolutionen, die mitten im Ersten Weltkrieg ausbrachen und nationale Konflikte auslösten. Er verweist auf die Tatsache, dass man das Ausmaß der Revolution am leichtesten vermitteln könne, wenn man danach fragt, wieviele Menschenleben sie gekostet hat: "Zehntausende wurden bereits vor 1917 durch die Bomben und Kugeln der Revolutionäre und mindestens die gleiche Zahl durch die Unterdrückungsmaßnahmen des zaristischen Regimes getötet; Tausende starben bei den Straßenkämpfen jenes Jahres, Hunderttausende in den folgenden Jahren durch den Roten Terror - und die gleiche Anzahl durch den Terror der Weißen, wenn man die Opfer ihrer Judenpogrome mitzählt; über eine Million kam bei den Kämpfen des Bürgerkrieges um, einschließlich der Zivilisten im Hinterland; und doch starben damals mehr Menschen an Hunger, Kälte und Seuchen, als alle anderen zusammengenommen." (S. 17)

Die Erzählung setzt mit dem Jahr 1891 ein, als die Öffentlichkeit mit ihrer Reaktion auf die Hungersnot erstmals auf Kollision mit der zarischen Autokratie ging, und endet mit dem Tode Lenins. Figes stellt unmissverständlich klar, dass die Ereignisse und ihre Auswirkungen 1917 und auch später nicht unbedingt in eine bolschewistische Diktatur münden mussten, sondern dass es mehrfach Gelegenheiten gab, in denen Russland einen demokratischen Kurs hätte einschlagen können. Das Buch "Die Tragödie eines Volkes" geht davon aus, dass das Scheitern der Demokratie in Russland auf seine politische Kultur und seine Sozialgeschichte zurückgeführt werden kann. Viele Themen, die Figes in der Einleitung erörtert, tauchen als historische Konstanten in der Darstellung der Teile II bis IV immer wieder auf. Zu diesen Themen gehören unter anderem Isolation und Labilität der liberalen bürgerlichen Gesellschaft, Rückständigkeit und Brutalität des russischen Dorfes wie auch der Fanatismus der russischen radikalen Intelligencija.

Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Sozialgeschichte ist auf das einfache Volk gerichtet. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig, dass die wichtigsten sozialen Kräfte - Bauern, Proletariat, Soldaten und nationale Minderheiten - eher als Beteiligte an ihrem eigenen revolutionären Drama denn als Opfer der Revolution zu beurteilen sind. Aber wie schon erwähnt, gab es viele Opfer; aus der Perspektive der Berufsrevolutionäre heißt das, "wo gehobelt wird, fallen auch Späne." Was allerdings in jüngster Zeit bekannt wurde, verbietet sowohl eine "Geschichte von unten" als auch eine "Geschichte von oben". Daher kann man nun ein differenzierteres Bild über das gesellschaftliche Leben der russischen Bauern, der Arbeiter, Soldaten und Matrosen, der Provinzstädte, der Kosaken und der nichtrussischen Regionen des Russischen Reichs während der revolutionären Periode nachzeichnen. Diese "neuen" Monographien bieten ein wesentlich komplexeres und überzeugenderes Bild von den Beziehungen zwischen Partei und Volk, von lokalen Leidenschaften und Interessen. Was als Revolution eines Volkes begann, endete in seiner Tragödie. Dieselben gesellschaftlichen Kräfte, die den Triumph des bolschewistischen Regimes erkämpften, wurden auch seine Hauptopfer. So sehr die Revolution vom Marxismus Leninscher Ausprägung bestimmt wurde, bettet Figes sie in die Sozial- und Kulturgeschichte ein, denn es ging keineswegs um die reine Theorie, sondern um deren Umsetzung in die Praxis, mit anderen Worten, um das Einschmelzen dieser Ideologie in emotionale Losungen und Parolen; in gewisser Weise gehörte der bolschewistische Kult von Schule und Industrie bei der Parteibasis zu ihrer eigenen unglücklichen Vergangenheit. Diese marxistischen Konzepte gewannen als symbolische Wörter auf eine gewisse Art und Weise revolutionäre Kraft, wie es die Führer oder Ideologen wohl nie hätten prognostizieren können.

Die epische Erzählung pendelt zwischen privater und öffentlicher Sphäre; deshalb lässt Figes, wo es immer möglich ist, die Stimmen einzelner Personen zu Wort kommen, indem er unter anderem ihre Tagebücher und Briefe in großem Umfang für die Darstellung heranzieht. Einige von ihnen sind allgemein bekannt (wie Maksim Go«rkij und General Brusilov), während andere selbst dem Berufshistoriker kaum geläufig sind. Anhand ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte, Ängste und Enttäuschungen stellt er das Chaos jener Jahre dar. Sein Urteil ist vernichtend: "Es war im Großen und Ganzen eine Geschichte von Menschen ..., die mit hohen Idealen ausgezogen waren, um hehre Ziele zu erreichen, und dann feststellen mussten, dass das Ergebnis ganz anders aussah. Auch das ist ein Grund, weshalb ich das Buch ,Die Tragödie eines Volkes` nenne: Denn es geht nicht nur um einen tragischen Wendepunkt in der Geschichte eines Volkes, sondern auch um die Art und Weise, wie die Tragödie der Revolution diejenigen, die sie erlebt haben, verschlungen hat." (S. 20)

Die Thematik wird folgendermaßen geschildert: (1) Russland unter dem alten Regime (bis 1891: Dynastie, unsichere Stützen, Ikonen und Kakerlaken, rote Tinte), (2) Die Krise der Autokratie (1891-1917: Erstes Blut, letzte Hoffnungen, ein Krieg an drei Fronten), (3) Revolution in Russland (Februar 1917 - März 1918: der ruhmreiche Februar, das freieste Land der Welt, die Agonie der Provisorischen Regierung, Lepins Revolution) und (4) der Bürgerkrieg und die Schaffung des Sowjetsystems (1918-1924: die letzten Träume der alten Welt, die Revolution zieht in den Krieg, das neue Regime triumphiert, die Niederlage im Sieg, Tode und Abschiede). Im Schlussteil führt Figes die verschiedenen Ereignislinien zusammen und ordnet sie in einen größeren historischen Zusammenhang ein. Kurzum, er konstatiert: "Es kam ihnen (= den europäischen Sozialisten, W. H.) so vor, als ob die alte Welt zum Untergang verurteilt sei und dass nur der Sozialismus, in den Worten der Internationale, ,die Welt neu erschaffen` konnte. Das Experiment misslang auf entsetzliche Weise, nicht so sehr wegen der Böswilligkeit der Führer, von denen die meisten mit den edelsten Idealen begonnen hatten, sondern weil ihre Ideale an sich unmöglich waren." (S. 871 f.). Die Darstellung endet, meines Erachtens zu Recht, mit der Feststellung: "Die Geister von 1917 sind noch nicht zur Ruhe gekommen." (S. 873)

Das Buch wurde mehrfach ausgezeichnet; stellvertretend für viele Kritiker sei auf den Osteuropahistoriker Norman Stone verwiesen: "Ich bezweifle, dass es einen gleichwertigen Kenner der Russischen Revolution auf der Welt gibt." Da ein vorzüglicher Anhang dieses didaktisch hervorragende Buch ergänzt und durch exzellente Kartenskizzen vervollständigt, kann dieses Buch uneingeschränkt empfohlen werden. Auf die stilistisch souveräne Übersetzung sei besonders hingewiesen. Wolfgang Heller

 

Kommunismus und Terror

Gerd Koenen

Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?

Alexander Fest Verlag Berlin 1998

452 S., 44,- DM

Der Historiker und Publizist Gerd Koenen bietet im vorliegenden Buch keine Monographie im streng wissenschaftlichen Verständnis, sondern - wie er selbst sagt - einen Essay, der durch die Publikation des Pariser "Schwarzbuches" (St. Courtois [Hrsg.]: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Gekürzte Ausgabe: München 1998) hervorgerufen wurde, das die Frage aufwirft, welche Rolle der Kommunismus in der Geschichte des 20. Jahrhunderts gespielt hat. Koenens Buch kann daher unter anderem als Ergänzung zu Hildermeiers "Geschichte der Sowjetunion 1917-1991" verstanden werden, zumal seine These am Beispiel der Sowjetunion erläutert wird: Es sei falsch, den eigentlichen Totalitarismus ausschließlich im Nationalsozialismus zu lokalisieren; der Begriff des Totalitären könne gerade an den kommunistischen Regimen des 20. Jahrhunderts in voller Bedeutung entfaltet werden. Zum Totalitären gehört zuerst der Terror, der somit als logische Konsequenz des beispiellosen Unternehmens erscheint, die alte Gesellschaft ganz und gar umzuformen.

Kommunismus als Utopie ist die radikale Säuberung, die auf Massengewalt nicht verzichten kann. Der Zweck heiligt daher jedes Mittel. Als Beleg für diese politische Maßnahme führt Koenen das folgende Trotzki-Zitat an: "Das war die Periode, wo Lenin bei jeder passenden Gelegenheit die Idee von der Unvermeidbarkeit des Terrors in unsere Köpfe einzuhämmern bemüht war. Jede Äußerung von Gutherzigkeit, Schwärmerei, Lässigkeit - von all dem gab es übergenug - empörte ihn ... Ihnen (den Feinden, W.H.) droht die Gefahr, alles zu verlieren. Zur gleichen Zeit aber haben sie Hunderttausende von Leuten, die durch die Schule des Krieges gegangen sind, satte, mutige, zu allem bereite Offiziere, Offiziersanwärter, Bourgeois- und Gutsbesitzersöhnchen, Polizeibeamte, Kulaken. Und unsere, mit Verlaub gesagt, Revolutionäre bilden sich ein, dass wir die Revolution gütlich-gemütlich durchführen können. Wo haben denn die gelernt? Was verstehen sie denn unter Diktatur?" (S. 64)

Als weitere Grundlage des Buches ist die eigene Biographie des Verfassers zu werten, die er dadurch zu verarbeiten versucht, dass er mit den alten linken (poststalinistischen, trotzkistischen und maoistischen) Mythen bricht, die er sich in seiner Studienzeit erworben hatte. Die Diskussion in der Fachwissenschaft dient ihm dabei als Illustration. Koenen präsentiert einen Abriss der Sowjetgeschichte, der an Weggabelungen anhält und sich besonders dem Stalinismus widmet. Obwohl er die alten linken Vorstellungen liquidieren möchte, stehen gerade hier Anleihen bei Trotzki Pate, der vor allem vor dem Nationalsozialismus warnte.

Die zeitliche Gliederung ist höchst aufschlussreich, da jede Strukturierung auch zugleich Interpretation ist. Das erste und das letzte (14.) Kapitel bietet den Rahmen des Buches: Nach dem Ende des Kommunismus. Zweierlei Erinnerung und Was war der Kommunismus? Epilog auf eine nahe Vergangenheit. Darauf folgt der historische Überblick: (2) "Je mehr Opfer, desto klarer". Weltkrieg und totalitäre Bewegungen (1905-1917), (3) Revolution und Involution. Der Bolschewismus des Jahres 1917, (4) Marsch ins Niemandsland. Der Bürgerkrieg als "Säuberung der russischen Erde" (Dezember 1917-1921), (5) Wechsel der Wegzeichen. Vom Parteiorden zur Staatsklasse (1922), (6) Der sozialistische Übermensch. Von der Erziehung zur Züchtung (1922-1935), (7) Phönix und Asche. Kollektivierung und Industrialisierung (1922-1935), (8) Ein kausaler Nexus? Zur Realgeschichte des Antifaschismus und Antibolschewismus (1931-1937), (9) Im Gehäuse des Wahns. Der Große Terror als "endgültige" Säuberung (1934-1937), (10) Zweierlei Singularität. Nationalsozialismus und Stalinismus im Vergleich 1933-1939), (11) Sieg im Weltkrieg. Die Neubegründung der Sowjetmacht aus dem Vaterländischen Krieg (1945-1948), (12) Zwei Welten, zwei Kulturen. Das "sozialistische Lager" und der Kalte Krieg (1945-1948), (13) Vom Endkampf zur Auflösung. Stalins letzter Wahn und der Übergang zum posttotalitären System (1948-1998).

Die Zusammenfassung ist bemerkenswert: Koenen rechnet ganz offen mit dem Kommunismus und seiner eigenen nahen Vergangenheit ab: "Zwischen diesen Menschenopfern und den Hochmotivierten gibt es offensichtlich eine Verbindung É" Diese genuine Verführungskraft einer totalitären Gewalt führt zurück an die dunklen Quellen aller Religion - eines Numinosen, das sich ursprünglich gerade aus dem Menschenopfer und dem Schrecken vor einem Dämonisch-Göttlichen speiste. In einer Zeit, die nach dem Zerfall der alten Weltordnung, und mit ihr auch der meisten Formen traditioneller Gläubigkeit und Bindung, nach neuer Orientierung, Sinnstiftung und Zusammenfassung strebt, war ein solcher unbedingter Gestaltungswille, der keine Opfer scheute, weil er sich vom objektiven Gang der Geschichte getragen fühlte, ein Magnet, auf den sich viele Späne ausrichteten. Gerade die Opfer waren der Beweis dafür, dass es hier ums "Ganze" ging, um etwas historisch "Erstmaliges" und zugleich auch "Letztes", um einen geschichtlichen Durchbruch aus einer grauen Vorzeit in eine völlig neue, lichtere Menschheitsepoche.

Kurzum, die religiösen Konnotationen sind nicht zu übersehen. Und wenn man die kommunistischen Bewegungen einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, dann findet man eine unendliche Fülle von Attributen und Assoziationen, die sie fast wie eine neue Kirche aussehen ließen, anfangs mehr protestantisch-ketzerischer Provenienz, bald dann schon, wie im Zeitraffer, katholisch-traditioneller Manier. Man findet Propheten und Märtyrer, Prediger und Gläubige, Lehre und Exegese, Riten und Katechismen, Eucharistie und Gebet, Beichte und Reue. Aber das alles sind nur Analogien. Sie verweisen auf eine Ähnlichkeit der psychischen Energien, die mit einfließen - oder, anders herum, auf die Leerstelle, die der Verlust der Religion als Heilsgewissheit im Seelenhaushalt der Einzelnen wie auch der Gesellschaft hinterlassen hat." (S. 416 f.)

Koenen geht allerdings noch einen Schritt weiter: "Eine Gesellschaft ist ein historisch entstandener, komplexer, lebendiger Zusammenhang, den man zwar verändern, aber nicht in toto ,säubern`, ,zerschlagen` und ,neu erschaffen` kann. Der Kommunismus war bisher der radikalste Versuch in diese Richtung. Er ist zutiefst gescheitert." (S. 432) - Für interessierte Lehrer und Schüler mag dieser Essay zuerst merkwürdig erscheinen, dann aber wegen seiner kühnen Thesen höchst anregend werden, weil er nachdrücklich zeigt, dass die Geschichtsschreibung nichts Statisches sein kann und in vielen Fällen Darstellung und Inhalte der Lehrbücher im Fach Geschichte "einholt und überholt". Deswegen kann dieses Buch - als Korrektiv - uneingeschränkt empfohlen werden.

Wolfgang Heller

 

Schule und Bürgergesellschaft

Gerd Hepp/Herbert Schneider (Hrsg.)

Schule in der Bürgergesellschaft

Demokratisches Lernen im Lebens- und Erfahrungsraum der Schule

Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Ts.1999

239 S., DM 38,-

Der Begriff "Bürgergesellschaft" hat sich zu einem Hochwert-Wort entwickelt. Abhängig von der wissenschaftstheoretischen Provenienz stößt man gelegentlich auch auf den Terminus "Zivilgesellschaft". Der Kernsatz des propagierten Modells der Bürgergesellschaft, der in seltener Einmütigkeit von allen (politischen) Lagern vertreten wird, lautet, Bürger und Bürgerinnen wieder für Aufgaben und Probleme des Gemeinwesens zu interessieren, Eigeninitiative, Mitverantwortung und soziales Engagement zu beleben. Kennzeichnend ist, dass dem lebensweltlichen Nahraum hierbei ein beträchtliches Chancenpotenzial zugesprochen wird. Daher bietet auch und gerade die Schule mit ihren starken lebensweltlichen Bezügen eine Möglichkeit, Partizipationsimpulse zu stimulieren und die Brücke zur Politik zu schlagen.

In dem Sammelband von Gerd Hepp und Herbert Schneider wird jedoch bereits auf der ersten Seite nachgefragt, ob die gegenwärtige Verfasstheit der Schule junge Menschen angemessen auf ihre Bürgerrolle vorzubereiten vermag. Die Herausgeber konstatieren, dass "in der Schule noch manche Sozialisationsfelder für demokratisches Lernen brachliegen" (S. 6). In dem Sammelband, der eine Ringvorlesung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg dokumentiert, wird dieses Chancenpotenzial aus verschiedenen Perspektiven ausgelotet. Das interdisziplinäre Unterfangen vereint verschiedene Perspektiven: Bildungstheoretische Überlegungen, methodenbezogene Sichtweisen, Beiträge zur Entwicklung einer demokratischen Schulkultur und Anregungen zur institutionellen Öffnung der Schule sondieren die Frage nach Bedingungen und Möglichkeiten demokratischen Lernens. Das Buch gliedert sich in die Kapitel "Bürgergesellschaft und politischer Bildungsbegriff", "Schule und Lebensweltbezug", "Innere Schulentwicklung und demokratische Schulkultur" sowie "Unterricht als demokratische Praxis". Mehrere Beiträge - vor allem in den beiden letztgenannten Teilen - stellen eine Verbindung zur Schulwirklichkeit und -praxis her.

Lehrer und Lehrerinnen prüfen diesen Band wohl zu allererst unter dem Gesichtspunkt der Praxisnähe und schulpraktischen Umsetzbarkeit. Diesem Interesse werden mehrere Beiträge gerecht. Das alte, bereits im Rahmen der Diskussion um offene Unterrichtsformen geäußerte Postulat der Gemeinwesenorientierung der Schule wird von Horst Stotz aufgegriffen und mündet in ein praxisnahes 10-Schritte-Konzept zur Realisierung einer sog. "Nachbarschaftsschule" (S. 106ff.). In einem grundschulorientierten Beitrag argumentiert Ingrid Prote, dass das Einüben von Demokratie in der Grundschule weniger auf der kognitiven Ebene geschehen kann. Vielmehr liefern alltägliche Problemsituationen von Grundschülern Anlässe zur Reflexion, die für demokratisches Lernen genutzt werden können (S. 197 ff.). Hervorzuheben ist der Beitrag von Peter Kleefass, der ein konkretes Beispiel gelungener Schulentwicklung (Helene-Lange-Gymnasium Markgröningen) schildert (S. 184ff.). Vom Autor selbst wird eingeräumt, dass dieses Vorgehen nicht kopierbar ist, weil die Voraussetzungen und Ziele jeder Schule anders sind. Lesenswert ist der Beitrag dennoch, weil er Eckpunkte der Schulentwicklung benennt: Innere Schulentwicklung kann nicht punktuell erfolgen und kann schon gar nicht "von oben" verordnet werden. Betont wird die Notwendigkeit externer Moderatoren und auch die zeitliche Belastung der Lehrer und Lehrerinnen wird nicht verschwiegen. Erkennbar wird, dass das Konzept der Inneren Schulentwicklung als kosten- und deputatsneutrale Lösung nur schwer durchsetzbar ist.

Ein Großteil der Aufsätze (Kapitel I und II) dürfte eher für Studierende, Multiplikatoren und Lehrende, die erworbenes Wissen auffrischen wollen, von Interesse sein. Die Qualität der fachwissenschaftlichen Beiträge ist recht unterschiedlich. Solide Darstellungen und Auseinandersetzungen mit der Begrifflichkeit der Bürgergesellschaft - zu nennen sind hier die Beiträge von Herbert Schneider (S. 16ff.) und Hartmut Wasser (S. 50ff.) - wechseln mit Beiträgen, deren Fundament bereits vor Jahren oder im Rahmen anderer Ringvorlesungen bzw. pädagogischer Veröffentlichungen gelegt wurde. Einzelne Beiträge verdeutlichen außerdem, dass namhafte Autoren noch keine Gewähr für Qualität bieten. So könnte man den Beitrag von Wolfgang Klafki (S. 30) durchaus als eine nur geringfügige Aktualisierung seiner bildungstheoretischen Überlegungen aus dem Jahre 1985 bezeichnen. Für unzählige Studenten und Studentinnen war die Beschäftigung mit den "Neuen Studien zur Bildungstheorie und Didaktik" ein Muss, wollte man die Weihen des Staatsexamens erhalten. Auch der Beitrag "Schule und Institution als Lebenswelt", der sich mit der soziologischen Dimension der Schule beschäftigt, erinnert an eine Zusammenfassung der vor mehr als zwanzig Jahren von Franz Wellendorf (1973) und Helmut Fend (1976) angestoßenen Diskussionen um die Sozialisationseffekte der Schule.

Aus dem Spektrum der eher grundsätzlichen Aufsätze habe ich mit Wohlgefallen den kurzen Beitrag von Manfred Hättich gelesen. Hättich geht mit der "politisch-pädagogischen Lyrik" (S. 183), die den Polisgedanken in die pädagogische Diskussion eingeführt hat, schwer ins Gericht. Diese von Hartmut von Hentig geschaffene Metapher erfreut "sich unter Pädagogen einer geradezu euphorischen Zustimmung" (S. 12). Manfred Hättich legt dar, dass die griechische Polis wohl kaum so etwas wie ein Idealbild von Schule sein kann und warnt vor vorschnellen Analogiebildungen und ideellen Überfrachtungen. Seine Analyse mündet in die Schlussfolgerung: "Demokratie als Ernstfall, also nicht als bloßes Trainingsinstitut, kann in der Schule nur partiell und sektorial gelingen" (S. 179).

Erfahrungsgemäß kann eine Buchbesprechung nicht allen Beiträgen gerecht werden. Lesenswert ist der Sammelband allemal. Schon deshalb, weil die Herausgeber an der Debatte um die Zukunft der Schule und das neu zu definierende Selbstverständnis des Bildungswesens teilnehmen und sich bemühen, die politikwissenschaftliche Diskussion nach ihrem Gehalt für die politische Bildung in der Schule zu befragen. Siegfried Frech

 

Eschenburgs Memoiren 1933-1999

Theodor Eschenburg

Letzten Endes meine ich doch Erinnerungen 1933-1999

Siedler Verlag, Berlin 2000

286 Seiten, DM 39,80

Theodor Eschenburg ist einer der Väter der Politikwissenschaft in Deutschland. Generationen von Gemeinschaftskundelehrer wie auch Mittler politischer Bildung in Landeszentralen sind von ihm entscheidend geprägt worden. Die politische Bildung verdankt ihm auch organisatorisch wichtige Anstöße. So schildert er in seinem Buch, wie er mit Arnold Bergstraesser zusammen den ersten Lehrplan für das Fach Gemeinschaftskunde hierzulande verfasste und eine feste Stundentafel gegen einen zaudernden Kultusminister durchsetzte.

Vor allem auch war Eschenburg ein bemerkenswerter Zeitzeuge. Seine Erinnerungen lassen sich auf drei Phasen aufteilen: die des Beobachters in aussichtsreichen Positionen (bis 1945/6), die des politisch Handelnden, (Mit-)Entscheidenden (bis zur Gründung des Südweststaates), die des Lehrenden, Belehrenden, Rat Gebenden (ab 1952). Politik lernte und lehrte er nicht nur aus Büchern. Geschichte und Geschichten hatten für ihn stets einen hohen Stellenwert, an denen er wichtige Einsichten vermittelte, kurzweilig und lehrreich zugleich, sich dem Gedächtnis einprägend. Fast 95 Jahre alt ist er geworden, als er am 10. Juli 1999 in Tübingen starb, bis in seine letzten Tage Politik analysierend, kommentierend und immer noch gefragt.

Auf seine Erinnerungen haben wir lange warten müssen. Der erste Band erschien 1995 unter dem Titel: "Also hören Sie mal zu. Geschichte und Geschichten 1904 bis 1933" und behandelte die Zeit vom Kaiserreich bis zur Machtergreifung. Der neue Band mit dem Titel "Letzten Endes meine ich doch" schließt nahtlos dort an. Wie sonst nirgendwo, kann man bei ihm nachempfinden, wie Machtergreifung sich in vielen Bereichen vollzog: unspektakulär, auf einer schiefen Ebene, von der alles in eine - falsche - Richtung rutschte: Zuerst waren in gesellschaftlichen Vereinigungen die Juden beispielsweise noch voll dabei, dann saßen sie für sich, dann meldeten sie sich nicht mehr zu Wort, schließlich kamen sie nicht mehr - und die Vereinigung löste sich von selbst auf, ohne dass die neuen Machthaber das verfügen mussten. Das Klima hatte sich verändert. Jeder versuchte, mit den neuen Verhältnissen zurecht zu kommen, sich anzupassen, manchmal auch seine Haut zu retten, auch mit Verstellung, auch mit Lügen. Eschenburg als Funktionär eines Industrieverbandes trat als Autobesitzer in die Motor-SS ein, machte deren Übungen mit, konnte aber auch ohne Komplikationen wieder austreten, als seine Geschäftsreisen und die Anforderungen der SS sich nicht mehr zeitlich miteinander vertrugen. Das ging ohne Komplikationen ab - wobei zu bedenken ist, dass Eschenburg schon von seiner großbürgerlichen Herkunft her über allerbeste Verbindungen verfügte: Er wußte, wo er Rat und Hilfe finden konnte. Eindrucksvoll überhaupt ist, wie er das Überleben im Dritten Reich schildert, fast eine Schullektüre. Eschenburg ist ein Stilist von hohen Graden, der sich auszudrücken vermag, kein Wunder, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung seine neuen Erinnerungen in Fortsetzungen abdruckt. Raffiniert ist er auch in der Wahl der Perspektive: Er spielt nicht den allwissenden Erzähler, sondern schreibt konsequent aus der Perspektive von damals, wie Martin Walser in seinen Jugenderinnerungen. In beiden Fällen mag das der Entlastung dienen.

Gegen Kriegsende macht er seine letzte Auslandsreise, in die Schweiz, in Sachen Reißverschlüsse. In sein "Verbandsreich" gehören neben den Herstellern von Taschenlampenbatterien und Knöpfen vor allem die Produzenten von Reißverschlüssen, die sich als Kartell den Weltmarkt aufgeteilt hatten. Dieses Kartell überstand auch Nationalsozialismus und Krieg, wie im Ersten Weltkrieg schon das Aluminium-Kartell, beides hat Eschenburg seinen Schülern zu deren Überraschung immer schon verdeutlicht. Das Kriegsende erlebt er so zufällig in der Schweiz, kehrt - mit Schwierigkeiten - zu seiner Familie im Salzkammergut zurück und geht nach Plochingen in einen mittelständischen Betrieb: Der Hanseat Eschenburg hat in Tübingen studiert und eine schwäbische Fabrikantentochter geheiratet, eine Volljuristin übrigens. Von dort wird er sehr schnell nach Tübingen geholt, in die dortige Landesregierung, zunächst als Flüchtlingskommissar, dann als oberster Beamter ins Innenministerium. Hier hat er entscheidenden Anteil an der Gründung des Südwestsstaates. Dass der Artikel 29 des neuen Grundgesetzes mit seinen Modalitäten eine Neugliederung des Bundesgebietes nur schwer möglich machen würde, lag auf der Hand, zumal in den neuen Landesregierungen sich die Besitzstandswahrer längst etabliert hatten. Im deutschen Südwesten war die Situation anders: Die Teilung Württembergs wie Badens wollte niemand - warum nicht gleich eine großzügige Lösung? Als Norddeutscher verstand Eschenburg wohl als erster hier, dass ein Südweststaat in Hamburg und Bremen, in Schleswig-Holstein und Niedersachsen als ein unerwünschter Präzedenzfall verstanden werden könnte: Also musste die Südweststaatsgründung als Ausnahmefall angegangen werden - mit einem Ausnahmeartikel (Art. 118 GG), den er mit Hilfe des Mitglieds im Parlamentarischen Rat Fritz Eberhard und mit anschließender Rückendeckung des Staatspräsidenten von Württemberg-Hohenzollern, Gebhard Müller, in das Grundgesetz bringen konnte. Oft genug hat Eschenburg vor seinen Schülern diesen "Husarenstreich" demonstriert.

Reinhold Maier, der erste Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und Eschenburg verstanden sich nicht. Von daher war klar, dass Eschenburg in der neuen Landesregierung in Stuttgart keine seinem Rang entsprechende Beschäftigung finden konnte. Man machte ihn in Tübingen zum ersten Lehrstuhlinhaber eines neuen Faches, der "Wissenschaftlichen Politik". Leicht läßt sich vorstellen, wie die dortige Aufnahme verlief: ein neues Fach, das verdächtig nach "re-education" roch, ein abgehalfteter Ministerialbeamter von 47 Jahren, der untergebracht werden mußte, und noch nicht einmal habilitiert... Dennoch konnte sich Eschenburg sehr schnell das Vertrauen seiner Kollegen erwerben, nicht zuletzt angesehener, liberaler Wissenschaftler wie Rothfels, Schadewaldt und Spranger. Längst war er ja auch schon Bestandteil der Tübinger Honoratiorengesellschaft. Zweimal hintereinander war Eschenburg dann Rektor der Universität, traf Weichenstellung für eine Präsidialverfassung, da er als Verwaltungsmann sah, dass angesichts der "Bildungsexplosion" eine laienhafte Selbstverwaltung den Universitäten nicht mehr reichte. Er als Rektor war es auch, der Walter Jens einen ordentlichen Lehrstuhl verschaffte und dafür sorgte, dass Ernst Bloch dauerhaft und anständig versorgt nach Tübingen kam - gegen den Widerstand einer konservativen Professorenschaft: "Ich sehe nicht ein, warum unsere konservative Universität nicht einmal etwas aufgemöbelt werden sollte", argumentierte Eschenburg (S. 224), und der CDU-Kultusminister Gerhard Storz stimmte ihm zu. Das alles, obwohl Eschenburg mit den politischen Ansichten von Walter Jens und Ernst Bloch überhaupt nicht übereinstimmte. Nun liegt er selbst auf dem Tübinger Bergfriedhof nur drei Schritte entfernt von Bloch begraben, zur Ruhe geleitet von Hans Küng als katholischem Geistlichen, er, der norddeutsche Protestant, der als erster seit Jahrhunderten in seiner Familie nicht einmal kirchlich geheiratet hatte.

Als begnadeter Autor hat Eschenburg einen entscheidenden Fehler gemacht: Zu spät hat er sein Memoiren-Werk begonnen. Der dicke Geschichtsband über die Anfänge der Bundesrepublik "Jahre der Besatzung 1945-1949" war ihm dazwischen gekommen (erschienen 1983), doch den hätte ein Anderer genau so schreiben können. Danach fehlte ihm die Kraft für seine Memoiren, die naturgemäß nur er schreiben konnte. Der Verleger Siedler hatte sich gedacht, man könnte im protokollierten Gespräch die Erinnerungen festhalten, man traf sich zusammen mit Joachim Fest und Johannes Gross - gut vorbereitet - in Hotels, aß gut, trank und rauchte viel und ließ das Band mitlaufen. Was Eschenburg als Manuskriptentwurf auf den Tisch bekam, gefiel ihm nicht. Jeder weiss, dass man anders redet als schreibt, nicht nur stilistisch. Die Situation ist eine ganz andere, Vieles gerät dann allzu pointiert, persönlich zugespitzt und auch großsprecherisch. Eschenburg fing an, sein Manuskript neu zu schreiben. Und wer ihn besuchte, konnte immer feststellen, an welchem Kapitel er gerade arbeitete. Es gab den Gesprächsstoff ab. Man konnte auch erleben, wie sorgfältig Eschenburg nachrecherchierte, er verließ sich, was Fakten und Deutungen anging, nie ausschließlich auf sein Gedächtnis und seine frühere Einschätzung. Er war da ganz penibel. Leider hat er nicht mehr alles zuwege gebracht. Das Buch ist ergänzt worden aus den Gesprächsprotokollen, somit fällt der Band in zwei Teile auseinander, von denen der zweite zweifellos deutlich abfällt. Daraus sollte aber niemand einen Vorwurf machen: Wir sollten froh sein, dass dieser zweite Band seiner Memoiren auf diese Weise bis in die jüngste Zeit reicht, abgerundet noch durch Interviews, die Sibylle Krause-Burger für den Süddeutschen Rundfunk, Werner Birkenmaier und Stefan Geiger für die Stuttgarter Zeitung sowie Andreas Borchers und Hans Peter Schütz für den Stern mit dem über Neunzigjährigen gemacht haben - sie lesen sich anregend und frisch wie eh und je, wenn man beispielsweise an seine Urteile über die GRÜNEN und Joschka Fischer denkt.

In einer "Editorischen Notiz" legt der Herausgeber Hermann Rudolph Rechenschaft über sein Vorgehen ab. Allerdings hätte das Buch mehr Sorgfalt verdient gehabt. Manche der Fotos kommen nicht gut raus, vor allem sind manche Namen falsch geschrieben, Orte verwechselt (statt nach Landau haben die Franzosen Eschenburg wohl nach Lindau gebracht; ein Isliberg bei Wangen gibt es nicht, es handelt sich wohl um ein Hotel in Isnyberg). Schlimmer noch: Auf Seite 145 fehlt ein ganzer gedanklicher Abschnitt, gerade dort, wo es sich um die entscheidende Phase der Südweststaatsgründung handelt. Denkbar, dass Eschenburg ihn nicht geschrieben hat oder die Manuskriptseiten verloren gingen. Wir hätten aushelfen können, mit Originalton Eschenburg: mit S. 64 und 65 des Buches der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Hermann Bausinger/Theodor Eschenburg u.a. "Baden-Württemberg. Eine politische Landeskunde" (4. Aufl., 1997).

Hans-Georg Wehling


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