Zeitschrift

Der deutsche Wald

Vowort

Heft 1/2001

Hrsg: LpB 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Deutschland ist ein waldreiches Land. Nahezu ein Drittel der Fläche ist waldbestanden. Vor allem aber besteht hier eine besondere Beziehung zum Wald: Wald in Deutschland wird als deutscher Wald wahrgenommen, als Teil der deutschen Identität. So hat seinerzeit das prognostizierte "Waldsterben" uns betroffener gemacht als jedes andere Land: Waldsterben war ein deutsches Thema.

Die Wahrnehmung unserer Umwelt, so auch die Wahrnehmung des Waldes ist kulturell vermittelt. Von besonderer Bedeutung war hier sicherlich die deutsche Romantik. In zahllosen Märchen und Sagen spielt der Wald eine Rolle. Das 19. Jahrhundert griff auf den römischen Schriftsteller Tacitus zurück, um den Wald als deutsches Identitätssymbol zu legitimieren.

In unseren Köpfen - oder sollten wir besser sagen: in unseren Herzen? - haben wir ausgeprägte Wald-Bilder, von Kindheit an uns vermittelt. Im Wald suchen wir uns selbst wieder zu finden, mit unseren Vorstellungen davon, was als schön und richtig anzusehen ist. Mit uns zusammen hat unsere Wald-Wahrnehmung Geschichte, ist dem Wandel unterworfen, schon zwischen den Generationen.

Selbstverständlich hat auch der Wald in Deutschland selbst seine Geschichte: bestimmt einmal durch die geomorphologischen, mehr noch durch die klimatischen Bedingungen, die über lange Zeiträume hinweg sich geändert haben. Markantes Ereignis stellt dabei die Eiszeit dar, innerhalb derer nur bestimmte Pflanzen in begünstigten Inseln überleben konnten. Danach wanderten neue Pflanzenarten ein, allerdings mussten sie den Sperr-Riegel der Alpen überwinden, was der Artenvielfalt Grenzen setzte.

In massiver Weise griffen zudem die Menschen in den Wald ein und bestimmten damit sein Erscheinungsbild, gesamthaft und in seiner Zusammensetzung im Einzelnen - durch Roden, Ackerbau, Weidenutzung, Holzgewinnung. Insofern ist die Geschichte des Waldes zugleich auch die Geschichte der Nutzung des Waldes durch die Menschen, mithin Teil der menschlichen Geschichte.

Seit der Aufklärung wurde von Staats wegen gezielt Forstpolitik betrieben: zur Sicherstellung des Rohstoff- und Energiebedarfs angesichts zunehmend schwindender Wälder. Zum Nutzen des Waldes wurden klare Abgrenzungen vorgenommen, zwischen landwirtschaftlicher und forstlicher Nutzung, zwischen Wald und Weide. In Konkurrenz zur materiellen, wirtschaftlichen Nutzung der Wälder in Form von Holz für die verschiedensten Zwecke blieb im Wesentlichen die Jagd übrig, als herrschaftliches Privileg. Bahnbrechend für die Holzwirtschaft war vor allem die Einführung des Prinzips der Nachhaltigkeit in die Forstpolitik, demzufolge nicht mehr an Holz eingeschlagen werden darf als nachwächst. Das Konzept war außerordentlich erfolgreich. Das Prinzip der Nachhaltigkeit hat inzwischen längst über den Forstbereich hinaus Karriere gemacht: als Prinzip für den Umgang mit der Natur überhaupt, verbunden mit dem Postulat, verstärkt solche Rohstoffe zu nutzen, die nachwachsen können.

Doch der Wald ist mehr als ein Reservoir von Holz für die Energiegewinnung und als Rohstoff. Der Wald hat eine ökologische Ausgleichsfunktion, reguliert den Wasserhaushalt, dient dem Boden- und Klimaschutz. Diese ökologischen Funktionen sind in den letzten Jahrzehnten immer stärker in den Vordergrund gerückt, angesichts der Gefährdungen unserer Umwelt und unseres Bewusstseins davon. So hat denn auch innerhalb des Naturschutzes selbst ein Paradigmenwechsel stattgefunden: weg vom Schutz einzelner Arten zum Systemschutz, des Ökosystems als Ganzem. Nicht zuletzt die gewaltigen Sturmschäden der letzten Jahre, aber auch die Gefährdungen des Waldes durch Schadstoffeinträge, die unter dem Namen "Waldsterben" bekannt geworden sind, haben ein Umdenken gefördert. Stärker in den Vordergrund getreten ist inzwischen auch die soziale Bedeutung des Waldes. Wald dient der Erholung, mit einem Zugangsrecht für alle.

Die Forstpolitik hat entsprechend reagiert. Als Leitbild der Forstpolitik gilt nunmehr der naturnahe Wald. Zudem gilt Nachhaltigkeit nicht nur ökonomisch, sondern auch für die ökologischen und sozialen Funktionen des Waldes.

Das beinhaltet für die Waldbesitzer wirtschaftliche Nutzungsbeschränkungen, die für den Staat oder die Kommunen leichter zu tragen sind als für die vielen privaten Waldbesitzer, in deren Händen sich immerhin fast die Hälfte des Waldes in Deutschland befindet. Darunter sind nicht zuletzt viele landwirtschaftliche Betriebe, für die der Wald eine wichtige wirtschaftliche Ausgleichsfunktion besitzt. Das gilt beispielsweise für den Schwarzwald, in dem viele Betriebe nur deshalb überleben können, weil sie auch über Waldbesitz verfügen. Diese Betriebe brauchen eine Überlebenschance, auch wenn ihr unmittelbarer Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt nicht allzu hoch ist. Hinzu kommt im Schwarzwald eine Fülle Holz verarbeitender Betriebe in unmittelbarer Nähe. Vor allem aber lebt der Fremdenverkehr davon, dass der Schwarzwald eben ein Waldgebiet ist, mit dem charakteristischen Wechsel von Wiesen, Weiden und Wald sowie behäbigen Schwarzwaldhöfen. Diese wiederum können ihre landschaftspflegerische und ökologische Aufgabe nur erfüllen, wenn sie wirtschaftlich lebensfähig sind.

Nimmt man alles zusammen, dann ist der Beitrag des Waldes zum Bruttoinlandsprodukt also wesentlich höher als es auf den ersten Blick erschienen ist. Kaum zu bemessen, kaum zu überschätzen ist vor allem der Beitrag des Waldes für das Ökosystem. Das gleiche gilt für den Erholungs- und Erlebniswert, den der Wald darstellt. Auch er ist nicht in Geld zu messen.

Weltweit ökologisch aufgewertet ist der Wald durch die globale Bedrohung unserer natürlichen Lebenswelt. So vermag der Wald CO2 zu binden und leistet damit einen beträchtlichen Beitrag zur Verminderung des Treibhauseffektes. Schadstoffe werden so in Rohstoffe verwandelt, in Holz. Folglich ist die Verwendung von Holz ökologisch nützlich, ferner ist Holz ein hervorragender Grundstoff über die unmittelbare Nutzung hinaus, für die Papier- und Textilindustrie, selbst für die chemische Industrie. Zudem erfüllt Holz in idealer Weise ökologische Anforderungen an die Produktion: Zur Gewinnung von Materialien aus Holz sowie für die Beseitigung von Produkten, die aus dem Rohstoff Holz gewonnen sind, wird nur ein Mindestmaß an fossilen, nicht erneuerbaren Energieträgern gebraucht. Vor allem ist Holz ein Rohstoff, der nachwächst - und dabei gleichzeitig die Umweltqualität erhöht.

Die Wälder unserer Erde dienen dem Boden- und Gewässerschutz sowie der Stabilisierung des Klimas. Darüber hinaus bewahren sie die Artenvielfalt, stellen ein genetisches Reservoir ungeheuren Ausmaßes dar. Doch die Wälder sind weltweit bedroht - durch den Menschen.

So gesehen ist Forstpolitik nicht nur ein Thema für Forstleute und Waldbesitzer. Forstpolitik ist ein Thema für Politik ganz allgemein, wenn sie über den Tag hinaus denkt, und sie ist mithin ein Thema für die politische Bildung.

Hans-Georg Wehling

 


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