Zeitschrift

Der deutsche Wald

Natur und Kultur begegnen sich im Wald

Mythos Deutscher Wald



 

Inhaltsverzeichnis

 

Waldbewusstsein und Waldwissen in Deutschland

Von Albrecht Lehmann

Prof. Dr. Albrecht Lehmann ist Direktor des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg.

Die Deutschen sind das "Waldvolk" schlechthin. Der Wald ist für sie Identitätssymbol. Verständlich so, dass das "Waldsterben" sie zutiefst treffen musste. Im Kontrast dazu steht, dass das Waldwissen, aber auch die Waldnutzung in Deutschland verhältnismäßig gering sind. Den Wald nimmt man von den eigenen kulturellen Prägungen her wahr: als Landschaftskulisse, als harmonisches Zusammenleben altersverschiedener Bäume und Baumarten. Inzwischen ist ein Wandel zu einem eher "französischen" Waldverständnis zu beobachten, das verstärkt den individuellen Baum wahrnimmt. Gleichzeitig aber gibt es in Frankreich und Italien eine Tendenz zum "deutschen" Waldverständnis, das den Wald als Ganzes sieht und liebt. Red.

 

Mythengeschichte: unsere Herkunft aus undurchdringlichen Wäldern

Wer wissen will, wie der Wald zum Mythos der Deutschen wurde, muss sich weit in die Geschichte zurück denken. Am Anfang steht der altrömische Historiker und Ethnograf Tacitus; vor allem aber dessen Interpretation durch die Mythenforschung des 19. Jahrhunderts. Seine Germania, um das Jahr 100 unserer Zeitrechnung verfasst, war im 15. Jahrhundert wieder aufgefunden worden. Als Jacob Grimm und andere Romantiker aus Mythen und Sagen eine verborgene Geschichte der Deutschen rekonstruieren wollten, erhoben sie dieses Werk zum ältesten deutschen Geschichtsbuch. Wie bei ethnografischen Berichten bis heute üblich, lag auch bei der Germania der Reiz für die Leser nicht vornehmlich in der Beschreibung fremdartiger Landschaften, sondern in den Erzählungen über die darin lebenden merkwürdigen Leute mit ihren exotischen Gebräuchen.
Tacitus hatte seinen römischen Lesern von den riesigen Urwäldern im germanischen Norden erzählt und vor allem von der Furcht der Bewohner "Germaniens" vor dem Betreten bestimmter Waldbezirke. Vom Standpunkt der Mythenkunde des 19. Jahrhunderts aber war der Hinweis auf den mutmaßlichen Glauben der Germanen an den Ursprung ihrer Stämme wichtig, auf ihre geheimnisvolle Herkunft aus undurchdringlichen dunklen Wäldern. Diese Erzählung war von Tacitus und vielleicht sogar von seinen germanischen Informanten als ein Ursprungsmythos gedacht. Sie war als der Mythos eines wilden, unzivilisierten Volkes von ihm aufgezeichnet worden und für eine zivilisierte stadtrömische Leserschaft bestimmt. Von den Romantikern um Jacob Grimm wurde die Germania als historische Quelle ernst genommen. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie von Germanisten, Volkskundlern und besonders von Lehrern der unterschiedlichen Schularten als historische Tatsache vermittelt. Sie war damit zum Ursprungsmythos für die Deutschen geworden.
In Ursprungsmythen wirken Geschichtswünsche und Geschichtsvorstellungen in eine Gesellschaft hinein. Sie fungieren als Bilder, in denen Völker ihre Vergangenheit deuten und gegenwärtig halten (Langewiesche 1999, 614). Ursprungsmythen sagen viel über den mentalen Zustand einer Gesellschaft oder Nation aus. Die fatale Voraussetzung bei der Verwendung des deutschen Waldmythos im 19. und 20. Jahrhundert lag in einer Kontinuitätsvorstellung. Über alle historischen Entwicklungen - Kriege, soziale Veränderungen und technische Revolutionen hinweg - wurde eine Identität der Deutschen des Jahres 1900 oder 1920 mit den alten Germanen unterstellt: "Wir erfahren von Tacitus, mit welch heiliger Scheu die Germanen ihre Wälder betraten. Noch heute wirkt die Stille oder das Rauschen der Bäume tief auf das Gefühl des Volkes ein", hatte ein bekannter Germanist verkündet (Mogk 1921, 31).
Im 19. Jahrhundert war dieser als unkorrigierbare Tatsache genommene Ursprungsmythos sehr materialreich durch Forschungen "bewiesen" worden, etwa von dem Germanisten und Mythologen Wilhelm Mannhardt in seinen Wald- und Feldkulten. In den aus Volkserzählungen rekonstruierten Glaubensvorstellungen der Germanen und ihrer Nachbarstämme suchte und fand dieser hochgelehrte Mann in Wald und Feld eine mythische Welt voller Dämonen vor. Diese Geistwesen beseelten Steine, hielten sich in Bäumen und Flüssen auf. Besonders wohl aber sollen sich die Geister in den deutschen Wäldern gefühlt haben: "Noch heute guckt fast aus jeder Ecke und aus jedem Baumstumpf ein Spukgesicht heraus und erschreckt die armen Leute, die dort Leseholz suchen" (Mannhardt 1875, 43). Wer im Jahre 2001 über solche Vorstellungen heidnisch-germanischer Kulturüberlieferung lächelt, sollte an das gegenwärtige Esoterikangebot denken, etwa an die Neuen Heiden. Die Wirklichkeitsbilder der Mythologen des 19. Jahrhunderts haben in diesen Milieus gerade wieder Konjunktur (Lehmann 1999, 181ff.).

Natursymbol und politisches Symbol

Die Mythenbilder der romantischen Germanenforscher waren nicht vordergründig politisch gemeint. Doch sind sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der Zeit des Nationalsozialismus sehr wirkungsvoll politisch instrumentalisiert worden. Es ist nicht verwunderlich, dass nach dem Ende des nationalsozialistischen Systems ein mythologisch begründeter Glaube an den Wald als Ursprungsmythos obsolet werden musste. Dabei werden "unsere Wälder" immer noch besungen und wegen ihrer Schönheit geliebt. Hier wird ein Zwiespalt erkennbar: Infolge der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist der Wald als politisches Symbol, wie andere Optimismus und Stärke ausdrückende Nationalsymbole, fragwürdig geworden. Aber seine Bedeutung als Natursymbol hat der Wald behalten! Von diesem Zwiespalt handelt mein Artikel. Vor allem handelt er vom heutigen Waldbewusstsein, d. h. von den Waldgefühlen und dem Waldwissen in der gegenwärtigen Bevölkerung (Lehmann 2001); außerdem von der tatsächlichen Nutzung der Wälder als Aufenthaltsort. Beim Waldbewusstsein geht es also nicht vordringlich um biologische Tatbestände, nicht darum, ob die Forste tatsächlich gesund oder krank sind, wie die Tiere in ihnen leben etc. Für die Kulturwissenschaft geht es stattdessen um Menschen mit ihren diversen Wünschen, Kenntnissen, Interessen und Erfahrungen.
Die wichtigste Grundlage des Artikels ist ein Hamburger volkskundliches Forschungsprojekt (Lehmann 1999; Lehmann/ Schriewer 2000). Etwa 130 Männer und Frauen - zu gleichen Teilen "waldfern" in norddeutschen Großstädten und "waldnahe" in ländlichen Gebieten lebend - wurden ausführlich in offenen Interviews über ihre Ansichten und über ihr Waldwissen befragt. Außerdem wurden viele andere Quellen in die Untersuchung einbezogen. Wir gingen von der Voraussetzung aus, dass sich das Waldbewusstsein nicht allein aus Waldspaziergängen, Wanderungen und Picknicks am Waldrand herleitet, sondern außerdem aus der Hoch- und Unterhaltungsliteratur, aus Gedichten, Märchen und Romanen, aus Malerei, Musik und Massenmedien: vom vertonten Eichendorff-Gedicht über die Bilder eines Caspar David Friedrich und seiner Epigonen; von Walt Disneys Bambi-Film bis zum jährlichen deutschen "Waldschadensbericht". Es kam uns in unserem Projekt darauf an, "soziale Kulturerscheinungen aus den Bedingungen ihres Entstehens" zu erklären (Weber 1968, 600).

Romantische Seelenlandschaften

Wie die politische Waldmythologie, so entstammen auch die kulturellen Muster des heutigen Waldbewusstseins, welche die Medien der Hochkultur vermitteln, der Epoche der Romantik. Auch diese kulturellen Bilder waren ein Ergebnis der städtischen Intellektuellenkultur. Zur Lebensweise der Intellektuellen des frühen 19. Jahrhunderts gehörte die räumliche und geistige Distanzierung von den Unbilden der Natur (Elias 1986). Es bedurfte erst der Sicherheit der Städte, um das Gefühl romantischer Natursehnsucht zu empfinden. Dazu gehörte von Anfang an die Erfahrung des Verlustes: des persönlichen lebensgeschichtlichen Verlustes eines Erfahrungsraumes, aber auch des Verlustes eines Teils der natürlichen Umwelt. Die Wälder der romantischen Dichter und Maler waren Seelenlandschaften, Erinnerungswälder, die diesen städtischen Intellektuellen bereits als Wohnort verloren gegangen waren. Als der Maler und Schriftsteller Adalbert Stifter seine berühmte Erzählung Hochwald (1842) schrieb, lebte er in Wien. Jahrelang blieb er den böhmischen Wäldern seiner Erzählungen fern. Die meisterhaften Naturbeschreibungen schildern eine geträumte Landschaft aus der Kindheit. Wie es sein Biograf Wolfgang Matz (1995, 152) ausdrückt, war der Hochwald "die Naturfantasmagorie eines Städters". Dabei waren die Wälder in Mitteleuropa damals längst keine unberührten Naturlandschaften mehr, sondern wirtschaftlich intensiv genutzte Flächen. Infolge wirtschaftlicher Übernutzung befand sich der Wald an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in einer erbärmlichen ökologischen Situation. Die heutigen Waldzustände nehmen sich im Vergleich dazu idyllisch aus.

Der Wald der Bauern war nicht "romantisch"

Das romantische Landschafts- und Waldgefühl war in den intellektuellen Eliten entstanden. "Natur als Landschaft ist Frucht und Erzeugnis des theoretischen Geistes" (Ritter 1974, 146). Die waldnahe lebende Bevölkerung auf den Dörfern konnte mit den forstgeschichtlichen und waldästhetischen Vorstellungen der Gebildeten zunächst nicht viel anfangen. Der Wald war für die bäuerliche Wirtschaft primär ein Nutzungsraum für Brenn- und Bauholz. Hinzu kamen diverse bäuerliche "Nebennutzungen". Sie reichten von der Imkerei und der Weide bis zum Beerenpflücken und Harzzapfen (Radkau 2000). Volkskundler "wissen" es heute nicht mehr so genau wie vor 100 Jahren: Aber vielleicht glaubten viele auf den Dörfern, wie es Wilhelm Mannhardt beschrieb, damals wirklich daran, dass in den Bäumen des Waldes, in Felsen und Hügeln Geister und Dämonen hausen. - Die "Waldeinsamkeit", die Ludwig Tieck zum "Schlagwort" der Romantik gemacht hatte, wurde zunächst in den unteren Schichten keineswegs als heimelig und erholsam empfunden. Darauf weisen viele regionale Sagen hin, die z.B. von der Angst der Waldarbeiter in den Mittags- und Abendstunden erzählen. Für die Schönheit eines Waldes oder eines Flusses hatten die Bewohner der Dörfer vermutlich keinen Sinn. Adalbert Stifter erzählt davon, dass die Bauern die Wälder ihrer Gegend überhaupt nur dann besuchten, wenn dort gerade wieder einmal Nutzholz "ausgeteilt oder ausgewiesen" wurde (Stifter 1990, 26).


Die Deutschen als Waldvolk
Das Volk aus den Wäldern besiegte die römischen Feinde: Hermann der Cherusker und sein Denkmal im Teutoburger Wald, nicht zufällig im 19. Jahrhundert errichtet und in Beisein von Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1875 eingeweiht.   Foto: Landesverband Lippe 

Naturgenuss dem Kunstgenuss gleichgestellt: die Verbreitung des romantischen Waldbewusstseins

Die Schönheitsvorstellungen der malenden und schreibenden Romantiker breiteten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts rasch in der Bevölkerung aus. Zunächst erreichten sie das Forstwesen. Dafür ist die wissenschaftliche Forstästhetik ein Beispiel. Die Exponenten dieser angewandten Kulturwissenschaft wollten die Landschaftsvorstellungen der romantischen Dichter und Maler in die Realität des forstlichen Waldbaus übertragen. Wie auf den Ölgemälden, sollten Steine, Bäche, stattliche Bäume zum "Schmuck der Waldungen" werden. Heinrich von Salisch, einer der Gründer der Forstästhetik, sah den Naturgenuss als gleichwertig neben dem Kunstgenuss an. Der Besuch eines Waldes sollte für ihn zum Äquivalent eines Museumsbesuchs werden. Der schlesische Forstbesitzer von Salisch entwickelte am Beispiel des Waldes eine "Farbenlehre der Landschaft" (von Salisch 1902, 39, 51, 116f.) mit feinen Abstufungen der Laub- und Grüntöne, des Wassers, Laubes und Mooses. Doch auch der Waldgeruch und die "Stimmen des Wal-des" - Windgeräusche und der Vogelgesang - gehörten zu seiner Ästhetik des Waldes.

Eine bemerkenswerte Kontinuität des Waldbewusstseins, schichtübergreifend

Dieses romantische Bild bestimmt bis heute das Waldverständnis der Bevölkerung. Über alle sozialen Konflikte und Klassengegensätze der Industrialisierungsepoche hinaus breitete es sich im 19. Jahrhundert aus. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Vorstellung vom Wald als Ort der Muße und als Symbol der menschlichen Eintracht mit der Natur durch Schule und Journalismus - nicht zuletzt auch durch die Institutionen der Arbeiterbildung - die Schicht der Industriearbeiter erreicht. Adolf Levenstein veröffentlichte 1912 seine Arbeiterfrage, ein Werk, das auf eine empirische Erhebung unter 8.000 Arbeitern zurückging. "Was denken Sie, wenn Sie auf dem Waldboden liegen, ringsum tiefe Einsamkeit?", wollte er wissen. Die schriftlichen Antworten lassen erkennen, wie der Wald in der Bevölkerung bereits zum Gesamtsymbol für Natur geworden war. Ein Berliner Textilarbeiter versuchte, seine Gefühle im Stil romantischer Dichtung auszudrücken: "Ja. Ich liege im Moos und blicke empor zum reinen Firmament, nichts regt sich, nichts stört mich, ein unendlich wohliges Gefühl durchzieht die Brust, ich fühle es, wie ich langsam wieder Mensch werde, wie ich zur Natur zurückkehre, wie ich wieder eins werde mit dem großen, unendlichen All" (Levenstein 1912, 370).
Diese Schilderung eines subjektiven Gefühls ist inzwischen fast einhundert Jahre alt. Unsere Hamburger Untersuchungen lassen keinen Zweifel: Bis in die Sprachmuster hinein artikuliert sich das heutige Waldbewusstsein auf so romantische Weise. Was hier Klischee ist und was erlebtes Gefühl, ist eine rein akademische Frage, denn die Vorgaben des Bewusstseins wirken stets in unsere Wahrnehmungen und Gefühle hinein. Wenn man allerdings die politischen und sozialen Entwicklungen in Deutschland in den vergangenen neunzig Jahren in Betracht zieht, ist diese Kontinuität des Waldbewusstseins ein bemerkenswerter Tatbestand. Die Frage nach den Funktionen dieser und anderer romantischer Bewusstseinsvorgaben in der Gegenwart bedarf weiterer Untersuchungen.
Zum damaligen Naturbewusstsein zählte außerdem eine quasi moralische Dimension. Levenstein fand im Waldgefühl seiner Arbeiter, dass sie dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Lebensformen in der Natur vielfach eine höhere Moral zusprachen als den Sozialbeziehungen in der menschlichen Gesellschaft: Natur als Wunschtraum und Modell für eine glücklichere Zukunft. Auch dieser Gegensatz Natur-Kultur-Gesellschaft wirkt bis heute. Die harmonische, wie von Künstlerhand geordnete Natur des Waldes, seine Einsamkeit und Stille fungieren noch immer als Gegenentwurf zur unübersichtlichen Groß stadt und zur Welt der Technik.

Die Liebe zum Wald wurde zu etwas exklusiv Deutschem

Die politische Instrumentalisierung der romantischen Idylle aus Malerei und Dichtung hatte bereits kurz nach dem Ende der romantischen Bewegung, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, eingesetzt. In der Zeit des aufkommenden Nationalismus wurde der deutsche Wald zunehmend zu einem politischen Symbol. Die Liebe zu den schönen, wilden Wäldern wurde von nationalistischen Publizisten zu etwas exklusiv Deutschem, zu einer wesentlichen Dimension ihres Nationalcharakters erklärt. Durch diesen intellektuellen Kunstgriff wurden die Deutschen zu dem Waldvolk Europas. Mochten die anderen Völker, vor allem die Engländer und Franzosen, doch ihre Parks und Ziergärten lieben, das taten ja auch die Deutschen. Sie hatten aber außerdem den "deutschen Wald", etwas Einmaliges.
Dieser politischen Waldideologie lag die Vorstellung zugrunde, dass sich Nationalcharaktere als kollektive Identitäten von Stämmen und Völkern nicht allein aus der gemeinsamen Geschichte, sondern auch aus der Bodenbeschaffenheit ableiten. Darauf bezog sich Wilhelm Heinrich Riehl (1894, 50-57), der einflussreichste Waldideologe des 19. Jahrhunderts. In Deutschland bestimme der Wald immer noch das Bild der Landschaft. Dichte Wälder symbolisierten für ihn die Wildnis der Natur. Bei anderen Völkern, speziell in den Konkurrenznationen Frankreich und England, wo die Wälder schon früh gerodet worden waren, bestimme nicht die natürliche Kraft rohen Volkstums den Kulturstil, sondern die Ordnung der Zivilisation. Die Nachbarvölker des Westens seien mithin in ihre kulturelle Endphase eingetreten, ins Stadium eines "halbwegs ausgelebten Volkstums". Sein Fazit: In der Wildnis der deutschen Wälder ruhe nicht nur ihre völkische Vergangenheit, dort liege auch die Verjüngungskraft ihrer Zukunft verborgen.

Ein Waldvolk ist auch rassisch überlegen: der Nationalsozialismus

Solch eine politische Waldsymbolik des 19. Jahrhunderts passte ausgezeichnet ins völkisch-politische Konzept der Nationalsozialisten. Die von den Waldideologen verkündete Kraft und Ursprünglichkeit eines Waldvolkes ließ sich als rassisch bedingte Überlegenheit innerhalb der europäischen Völker interpretieren (Helbok 1937, 680-691). Gelegentlich gingen wissenschaftliche Publizisten noch weiter. Sie wollten eine Parallele zwischen dem deutschen Volk und seinen Wäldern kreiieren, der Bevölkerung den Wald als soziales Vorbild anbieten. Der Wald als Erzieher lautete der Titel eines Buches, welches eine Parallele zwischen Baum und Mensch und zwischen Wald und Volk entwickelte (Mammen 1934). Kaum zu glauben: Das Werk war ernst gemeint.
Die politische Bewirtschaftung deutscher Mythen, also auch des Mythos vom deutschen Wald, ist nach dem Zweiten Weltkrieg bald an ihr Ende gekommen. Freilich mochte selbst die symbolängstliche Bundesrepublik am Anfang noch nicht völlig auf die Symbolkraft des Waldes und des deutschen Eichbaums verzichten. Das Eichblatt ziert bis heute jede Münze vom 1-Pfennig- bis zum Markstück. Und auf der Rückseite der 50-Pfennig-Münze ist eine "Kulturfrau" - tatsächlich die damalige Bezeichnung für Waldarbeiterinnen - gerade damit beschäftigt, einen Eichenschössling als Symbol einer verheißungsvollen Zukunft einzupflanzen. Immerhin: Die Deutsche Mark ist schließlich zu einer unbezweifelbaren Erfolgsstory und vermutlich zum eigentlichen politischen Nationalsymbol - zumindest der Westdeutschen - geworden.

Das "Waldsterben" wurde zur Metapher einer weltweiten Umweltkatastrophe

Sind die Deutschen immer noch das Waldvolk, das sie im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im eigenen Selbstbild und auch im Fremdbild ihrer Nachbarn sein sollten? - Verhalten sie sich tatsächlich so, wie es Elias Canetti 1960 über sie schrieb? "Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit den Bäumen" (Canetti 1960, 195).
Wer nach den Gründen für die Karriere des Themas "Waldsterben" in den Massenmedien und im Bewusstsein der Bevölkerung in den 1980er-Jahren fragt, wird kaum daran vorbeikommen, den Waldmythos in Betracht zu ziehen und die romantischen Angebote unseres Waldbewusstseins unter die Ursachen dieser kollektiven Erregung zu zählen. Der Untergangsmythos vom "Waldsterben" erreichte offenbar wirklich verborgene seelische Schichten. Die Angst vor dem Verlust kultureller Traditionen gehört ohnehin zu den Motiven der Romantik. Wie schon die romantische Bewegung und ihre Waldliebe, so war dann auch die Angst vor dem Waldsterben zunächst ein Phänomen der Städte (Holzberger 1995; Lehmann 1999, 263ff.). Je naturferner die Bevölkerung lebte, desto gewisser war sie sich des Verlustes der Wälder und gelegentlich des daraus resultierenden Untergangs der ganzen Menschheit. Wohl kaum in deutschen Dörfern, aber überall in den Großstädten fand sich der populäre Wandspruch "Erst stirbt der Baum, dann stirbt der Mensch". Dem deutschen Wald wurde in den 1980er-Jahren von vielen Journalisten nur noch eine kurze Zeit des Überlebens verheißen. "Schauen Sie sich ihn noch einmal an. Bald gibt es den deutschen Wald nicht mehr", galt als eine wissenschaftlich gesicherte journalistische Aussage. Rudi Holzberger (1995) hat in seiner Untersuchung des journalistischen Diskurses über das "Waldsterben" die Medienkarriere des Themas minutiös analysiert. Als Forstwissenschaftler und Umweltschützer im Jahre 1978 aufgrund ihrer ökologischen Untersuchungen zum ersten Mal Hinweise auf den bedrohlichen Zustand vieler Wälder gaben, reagierten die Presse und das Fernsehen ungewöhnlich schnell. Zwei bis drei Jahre später bestimmte das Thema die gesamte Diskussion über Natur. Wer als Wissenschaftler zur Vorsicht vor einem ungebremsten Alarmismus warnte, hatte keine Chance, in den Medien überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Der "sterbende" Wald war zur Metapher für eine weltweite Umweltkatastrophe geworden.
Inwieweit damals erwachsene Leute ernsthaft an die minutiös aufgelisteten Schreckensszenarien dieses Todesmythos glaubten, ist eine offene Frage. Auch bei anderen Mythen ist die Frage der individuellen Glaubensbereitschaft schwer zu beantworten. Doch die Tatsache, dass im Mythos vom "Waldsterben" der alte Mythos von den Deutschen und den ihre Kultur und das Leben spendenden Wäldern nachhallte, ist kaum zu bestreiten. In den Nachbarländern, vor allem in Frankreich, staunten die Journalisten über diesen neuerlichen Ausbruch deutscher Angst. Inzwischen ist die Gewissheit über das Sterben der Wälder selbst in den Publikationsorganen, die damals dem Wald nur noch einige Überlebensjahre geben wollten, einer nüchternen Beobachtung gewichen: "Generelle Urteile über die Auswirkungen der Eingriffe der Menschen in das neben den Ozeanen wichtigste Ökosystem der Erde sind nicht möglich" (Paper news 1996; Küster 1998, 220ff.).


Bäume, Wald und Hochgebirge: deutsche Seelenlandschaften.
Foto: Helga Wöstheinrich 

Pauschal ist das Waldwissen . . .

Wer sich an einem beliebigen Wochentag und selbst am Wochenende tiefer als 500 Meter in einen Wald abseits der großen Städte hineinbegibt, stellt fest, dass er sich dort in einer fast menschenfreien Zone bewegt. Wir können also in den Wäldern immer noch die Waldeinsamkeit genießen, von der die romantischen Dichter so eindrucksvoll geschwärmt haben. Der Wald wird immer noch wegen seiner Schönheit geliebt und besungen. Seine Krankheiten erfüllen uns mit Sorge. Aber trotz allem: Ein "durchschnittlicher" Großstädter stellt allenfalls ein- bis zweimal im Jahr sein Auto für einen Spaziergang am Waldrand ab (Ammer und Pröbstl 1991).
Das Waldwissen kann bei derartig reduzierten Formen des "Waldkonsums" kaum von Naturbeobachtungen stammen, zumal auch der Biologieunterricht in den letzten Jahrzehnten nur sehr selten in freier Natur gehalten wird. Tatsächlich wissen nur wenige etwas Genaues über die Lebensverhältnisse in den Wäldern (Steinlin 1985). Sieht man von den "Waldprofis", also von Forstleuten, Biologielehrern usw. ab, finden sich die meisten Kenner des Waldes unter Pilzsammlern, Fotografen, Vogelkundlern. Unsere Untersuchungen zeigen: Außerhalb der Gruppen dieser Hobby-Waldkenner kann nur eine Minderheit mehr als vier oder fünf Baumarten bestimmen. Für viele ist jeder Nadelbaum eine "Tanne". Dass Bäume überhaupt unter die Pflanzen fallen, ist in der verbreiteten Alltagsbotanik nur selten bekannt (Stachow 2000, 218ff.). Denn als Pflanze gilt hier zunächst etwas Krautiges, d. h. Gewächse, die kein Holz bilden. Auf der Basis dieses populären Klassifikationsmusters setzt sich die Waldflora aus Bäumen, Pflanzen, Pilzen und Moosen zusammen. Jeder weiß natürlich, dass es essbare und giftige Pilze gibt. Und den Fliegenpilz kennt auch jeder - aus den Illustrationen des Kinderbuchs. Aufgrund dieser frühen literarischen Erfahrung ist dieser Pilz selbst ein Symbol des "deutschen Waldes" geworden. Zu den Favoriten zählt neben Steinpilz und Marone der Pfifferling. Alle drei - Pilze des Wochenmarktes.
Moose schmücken in großer Artenvielfalt die Ränder der Waldwege. Wer die Schönheit eines Waldes beschreibt, mag kaum auf die Schilderung ihrer frischen Farben verzichten und auch nicht auf die Atmosphäre, die sie verbreiten. Vor allem interessiert das - als eine Art wahrgenommene - Moos aber in seiner Funktion als Kissen. Fast jedem fällt unverzüglich das Wort "Moospolster" ein.

. . . genau so pauschal wie das Tierwissen

Ähnlich pauschal ist das Tierwissen. In deutschen Wäldern leben etwa 100 Vogelarten. Davon "singen" fünfzig bis sechzig. Das sind die Singvögel. "Irgendwie ist bekannt", dass es davon verschiedene Arten gibt. Einen einzelnen Singvogel zu bestimmen, fällt aber bereits unter das Spezialistenwissen der Ornithologen. Doch jeder liebt die fleißigen Sänger. Ihre Stimmen gehören unverzichtbar zum Naturgenuss. Das war zur Zeit des Tiervaters Alfred Brehm nicht anders: "Die Singvögel sind es, die der Waldesdichtung das rechte Wort leihen und zum Wort den rechten Klang zu finden wissen; ihnen zumeist dankt der Wald die Liebe, mit der wir an ihm hängen" (Brehm 1947, 3). Wenn die Singvögel in jedem Winter fast völlig verstummen, steigert sich die melancholisch-depressive Stimmung, die ohnehin zum Besuch eines schneefreien, wolkenverhangenen Winterwaldes gehört. Die Waldvögel gelten im populären Waldbewusstsein vielfach in ihrer Gesamtheit als gefährdete, vom Aussterben bedrohte Lebewesen.
Nicht nur die Vögel, sondern auch die attraktiven Säugetierarten sind in diesem Waldverständnis gefährdet. Man muss solche seltenen Tiere von Staats wegen schützen. Andernfalls sterben sie in bestimmten Regionen aus und müssen danach, wie es bei Luchs und Auerhahn inzwischen praktiziert wird, wieder mühevoll angesiedelt werden. Eine Auffassung wie diese lässt sich aus den in der Bevölkerung üblichen Umständen des Waldbesuches ableiten, z. B. aus der Wahl der Tageszeit beim Spaziergang. Denn bei einem der üblichen mittäglichen Waldbesuche lassen sich fast nie attraktive Tiere, z. B. Wildschweine, Hirsche, Dachse beobachten. Das führt vielfach zu der Überzeugung, diese Arten seien nicht mehr ausreichend zwischen den Tannen und Buchen vorhanden. Dabei liegt die Ursache des "Fehlens" dieser Tiere in der unterschiedlichen Tageseinteilung bei Wildtieren und Menschen: Frühmorgens oder in der Dämmerung, wenn Hirsche und Dachse unterwegs sind, ist der menschliche "Normalnutzer" des Waldes zu Hause. Die verbreitete Vorstellung von der existenziellen Bedrohung der Waldtiere ergibt sich also aus der Tatsache, dass das heutige Waldbewusstsein weitgehend nicht auf alltäglicher Naturerfahrung beruht, sondern auf selektiv wahrgenommenen Informationen aus den Massenmedien.

Die Ökologie fungiert als Arzt

Die Vorstellung von der "essentiellen Güte der Natur" (Elias 1986, 476) bestimmt heute das gesamte Naturbewusstsein, also auch das populäre Waldbewusstsein. Das Wort Natur wird primär als "Lobwort" verwendet. Ökologie firmiert im Alltag nicht als Bezeichnung einer Forschungsrichtung (Stachow 2000, 230), sondern fast ausschließlich als Synonym für Schadenskunde. Sie ist ein Teilbereich des Umweltschutzes. Die häufigste Aussage, in der sich ein populäres Naturbewusstsein ausdrückt, lautet: Die Natur des Waldes, der Flüsse und Gebirge ist durch menschliche Einwirkungen krank geworden. Der Ökologe fungiert als Arzt.
Andererseits gerät das Bewusstsein auch bei der Frage nach dem Waldzustand in einen Zwiespalt: Der Wald bleibt die wichtigste Metapher für Natur, aber zu viel Natur ist unerwünscht. Denn in der Forstästhetik der Waldlaien wird - anders als im Umweltschützermilieu - keineswegs der dichte, schwer durchdringliche Urwald favorisiert, wie er etwa auch als Märchen- und Sagenwald in der Volksliteratur präsent ist. Das populäre Waldverständnis favorisiert stattdessen die offene Landschaft eines Mischwaldes. Eine ideale Waldlandschaft soll möglichst überall einen freien Blick auf ein harmonisches Panoramabild gestatten. Die Wege sind dabei wichtig, denn von ihnen aus schweift das Auge des "Normalnutzers" über die Fläche. Nur eine Minderheit, speziell die engagierten Tierbeobachter oder Pilzsammler, verlässt diese Waldstraßen regelmäßig. Denn das Waldesinnere ist für viele von uns immer noch etwas "Unheimliches" oder "Geheimnisvolles" geblieben. Jedenfalls etwas, worin wir uns leicht verlaufen können. - Wer wird diese reduzierte Nutzung der Wälder beklagen wollen, wenn er sich als "Bürger im Staat" eine gesunde Natur wünscht?

Wald nach dem Bild der Familie: wo Vater, Mutter, Kinder einträchtig zusammen leben

Die Monokulturen der Fichte, die heute immer noch etwa die Hälfte der Wälder in Deutschland bestimmen, werden von der Bevölkerung kritisch gesehen. Forstwissenschaftler haben herausgefunden, dass der Wald von der Bevölkerung als Artenmischwald und zugleich als Altersklassenwald unterschiedlicher Baumgenerationen gewünscht wird (Ammer und Pröbstl 1991, 37, 148; Lehmann 1999, 58ff.). In verschiedenen gemeinsam sichtbaren Pflanzenarten und Wachstumsstufen - großen und kleinen Bäumen, Sträuchern und Kräutern - soll der Wald dem Muster einer funktionierenden Familie gerecht werden, wo Vater, Mutter, Kinder einträchtig zusammmenleben. Das heißt: Ein Waldgebiet soll natürlich aussehen und zugleich so weit wie möglich die Werte unserer Kultur präsentieren. - Also keine militärisch in Reih und Glied formierten Fichten, nicht die "Stangengärtnerei" Heideggers (Heidegger 1980).
Aber ein Waldstück soll auch keine unaufgeräumte Wildnis sein, mit kreuz und quer am Boden herumliegenden Stämmen und Ästen. Offensichtlich spielen die Vorstellungen vom städtischen Park und vielleicht auch die vom wohl organisierten, sauberen Garten hinter dem Eigenheim ins populäre Waldverständnis hinein. Ein Begriff wie "Totholz" wird außerhalb von Umweltschützer-Gruppen nur ungern akzeptiert. Das hat auch seine quasi kunsthistorischen Gründe. Totes Holz, positiv als Teil natürlicher Prozesse bewertet, findet ja kaum eine Entsprechung in den Darstellungen des Waldes in der bildenden Kunst. Am Boden modernde Stämme und Äste drücken in Gemälden bis in die Gegenwart hinein nicht die Harmonie in der Natur aus, sondern eher das Chaos und den Niedergang. Hier zeigt sich wiederum, wie tradierte kulturelle Muster das gegenwärtige Naturgefühl vorprägen. Es sind Vorgaben einer Ikonologie des Alltags, die uns über die bildende Kunst, Literatur, Zeitschriften und Sachbücher, Wandbilder des Schulunterrichts und natürlich durch Fernsehsendungen vermittelt werden.


Weidebäume
In freier Lage konnten sie sich zu vollendeter Schönheit entwickeln. Sie boten den Tieren Schutz, manchmal auch noch Nahrung.
Foto: Archiv Landesforstverwaltung Baden-Württemberg 

Kindheitswälder oder das Heimatliche einer Landschaft

Dieses Muster der Vermittlung des Naturbewusstseins ist gegenwärtig maßgebend. Es ist ein Naturbewusstsein aus zweiter Hand. Wenn das Naturgefühl im Gegensatz dazu auf eigenen Lebenserfahrungen beruht, sind nicht allein die Kenntnisse konkreter, auch die Vorliebe für die Wälder ist dann größer. Kindheitserfahrungen lassen den Wald manchmal geradezu "zum Lebensstichwort" werden. Davon hat Thomas Bernhard (1988, 302ff.) in dem von ihm als "Erregung" bezeichneten Roman Holzfällen, gesprochen. Das Wort Wald zähle zu den "Lebensstichwörtern" von Millionen von Menschen. - Einen berühmten, unter dem Einfluss von Alkohol gerade sentimental werdenden Wiener Schauspieler lässt er Folgendes sagen: "In den Wald gehen, tief in den Wald hinein ... sich gänzlich dem Wald überlassen, das ist es immer gewesen, der Gedanke, nichts anderes, als selbst Natur zu sein. Wald, Hochwald, Holzfällen, das ist es immer gewesen."
Unsere Untersuchungen zeigen: Es sind speziell die Erinnerungen an dieses "In-den-Wald-Hineingehen", es sind Erinnerungen an Familienwanderungen und Geländespiele der Kindheit, an die Beobachtung von Tieren und Bächen, in denen sich die lebensgeschichtliche Bedeutung des Naturerlebnisses konkretisiert. Wenn von Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend in der Natur die Rede war, fehlte selten der Hinweis auf vorbildhafte Erwachsene, die damals den Naturaufenthalt inszenierten und dabei den Kindern ihr Wissen vermittelten - Eltern, Großeltern und Lehrer als Vorbilder. "Meine Eltern haben mich schon im Kinderwagen in den Wald gescho-ben. Deshalb liebe ich bis heute die Wälder." - Wenn die Waldliebe auf kindlichen Erfahrungen beruht, gilt sie meistens nicht "allen Wäldern", sondern bestimmten Waldformen, etwa dem Fichtenwald des Harzes, den Buchenwäldern im niedersächsischen Solling. Auf diese Weise entsteht ein bleibendes Gefühl für das Heimatliche einer Landschaft. Wenn sich Gefühle beim Einzelnen an eine bestimmte Landschaft als Erfahrungsraum binden, ist es nicht erstaunlich, dass von Menschen bewirkte Veränderungen an solchen "Kindheitswäldern" wie ein Eingriff in die persönliche Biografie empfunden werden. - "Da war ein Waldstück. Das war unser Spielplatz. Wunderschön. Und im letzten Jahr ist es gefällt worden. Das fehlt mir heute sehr."

Unterschiede nach Generationen

Beim Naturverständnis fallen die Unterschiede zwischen den heute zusammenlebenden Generationen ins Auge. Die Nachkriegsjahre des Zweiten Weltkriegs waren Zeiten der Not oder doch wenigstens der kollektiven materiellen Einschränkung. Wer diese Jahre noch bewusst erlebt hat, die Zeit des Pilze- und Bucheckernsammelns (für die Speiseölgewinnung), die Zeit der Wandertage in die Wälder und der Geländespiele, der sieht den Wald anders als die Generation der heutigen Jugend. Dieses Waldbewusstsein beruht auf eigener Erfahrung. Es unterscheidet sich in seiner Anschaulichkeit vom Waldbewusst-sein aus zweiter Hand, welches heute das Thema bei den "jungen Leuten" bestimmt. Auf der Grundlage interessengeleiteter Tätigkeiten in der Familie und unter Freunden haben sich in der "älteren Generation" also wesentlich intimere Kenntnisse über die Zusammenhänge der Natur entwickelt. Das Beispiel zeigt, wie die große Geschichte der Wirtschaft und der Politik ins Naturbewusstsein hineinwirkt.

Ein Wandel zeigt sich hin zur Europäisierung des Naturbewusstseins

Das Natur- und Waldbewusstsein der Bevölkerung ist stets im Wandel. Das gilt für alle Generationen, d. h. auch für die Angehörigen der Nachkriegsgenerationen. Viele der "jüngeren Leute", die wir befragten, sprachen mit deutlichen Vorbehalten über den Wald; nicht nur über den Wald als politisches Symbol, sondern auch über den Wald als Aufenthaltsort. Das lässt sich am Beispiel der Tätigkeit "Wandern" veranschaulichen. Die beiden Wörter "Wandern" und "Wald" bringen heute im Bewusstsein vieler Jugendlicher und junger Erwachsenen zwei der "typisch deutschen" Leidenschaften als Unarten des Verhaltens und vielleicht auch des Geschmacks gemeinsam auf den Punkt. Fast niemand wollte sich gern "den Wanderern" zurechnen lassen, diesen älteren kniebundbehosten Leuten mit ihren gewürfelten Hemden. Viel lieber sahen sie sich in ihren Erzählungen Beachvolleyball spielend am Strand oder auf der eleganten Skipiste. Was so "typisch deutsch" ist wie der Wald, kann schwerlich die Zustimmung junger international denkender Leute finden.
Manchmal stoßen die dichten Massen der Wälder geradezu auf Abneigung. Statt dessen gilt die Vorliebe eher einem allein für sich wachsenden stattlichen Baum, etwa der Individualistin unter den Bäumen, der Kastanie, oder der weiblichen hellzarten Birke. Diese Abneigung gegen den Wald bei gleichzeitiger Vorliebe für solitär wachsende Bäume entspricht französischer Tradition (Tournier 1987).

Eine Symbolverschiebung zum allein wachsenden Baum

Die Symbolverschiebung vom Massensymbol Wald zum allein wachsenden Baum als Zeichen des Individualismus lässt sich als Teil des allgemeinen Internationalisierungsprozesses in der Gesellschaft der Gegenwart und als ein Teilaspekt eines europäischen Internationalisierungsprozesses deuten. Die Internationalisierung der Jugendkultur betrifft also nicht nur die Musikszene und die Mode, sondern offensichtlich auch das Naturgefühl. - Es ist eine Internationalisierung, die nicht allein in eine Richtung verläuft, sondern ein Austauschprozess. Denn kulturelle Muster, die in Deutschland ihre Tradition haben, wirken ebenfalls in die Kulturen anderer Länder hinein. Das gilt gerade auch für das Waldbewusstsein. Das Wort Waldsterben war bekanntlich unverzüglich in die französische und englische Sprache übernommen worden.

Deutsche Waldvorstellungen verbreiten sich nach Frankreich und Italien

Jüngst hat nun der Volkskundler Reinhard Johler (2000, 83-96) gezeigt, wie in den letzten Jahrzehnten das "deutsche Waldbewusstsein" und auch die deutschen Vorstellungen von der Jagd zunehmend Eingang ins italienische Naturbewusstsein finden. Johler stellt fest: Das "mediterran-lateinisch-hedonistische Muster" - "landwirtschaftlich und waldfeindlich" - hat es zunehmend schwer, sich gegenüber den "asketischen" deutschen Vorstellungen von Wald- und Umweltschutz in den Massenmedien Italiens zu behaupten. Fast wirkt es auf den Beobachter erheiternd, wenn italienische und französische Kulturanthropologen peu à peu die Übernahme einer logica "germanica" ins eigene Naturbewusstsein bestaunen: gewissermaßen eine "Ver-Protestantisierung" der Mensch-Natur-Beziehungen. Die Überlegungen Johlers unterstreichen, dass es notwendig ist, nicht nur Politik, Wirtschaft und Sport, sondern auch die Naturvorstellungen im Kontext einer die Ländergrenzen überwindenden europäischen Symbolik zu sehen.
Als Baum Europas (Johler 2000, 96) wurde in Wien aus Anlass des 40. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge zwischen all die "Landesbäume", zwischen deutsche Eiche, italienischen Esche usw. eine Eibe gepflanzt. Der Wahl der Eibe zum Symbolbaum Europas ist eine gewisse Logik nicht abzusprechen. Denn dieser Baum ist alles andere als prächtig. Die Eibe wächst nur langsam. Für lange Zeit vegetiert sie unscheinbar im Unterholz. Aber ist sie erst einmal aus dem Gröbsten heraus, erweist sie sich als so widerstandsfähig wie sonst kaum ein Baum.
Zum Schluss deshalb ein konkretes Beispiel zum neu ernannten Europabaum: Das Alter der Eibe in Hennersdorf in Schlesien wurde auf über 1.400 Jahre geschätzt. Der Baum war buchstäblich nicht kaputt zu kriegen. Die Hühner brüteten darin, und auch die Schulkinder hatten im Stamm ihre Nester. Älter als Methusalem: Mindestens bis ins Jahr 1945 galt die Hennersdorfer Eibe als ältestes Lebewesen Deutschlands.

 

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