Zeitschrift Der deutsche Wald Natur und Kultur begegnen sich im Wald Mythos Deutscher Wald |
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Waldbewusstsein und Waldwissen in Deutschland Von Albrecht Lehmann Prof. Dr. Albrecht Lehmann ist Direktor des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg. Die Deutschen sind das "Waldvolk" schlechthin. Der Wald ist für sie Identitätssymbol. Verständlich so, dass das "Waldsterben" sie zutiefst treffen musste. Im Kontrast dazu steht, dass das Waldwissen, aber auch die Waldnutzung in Deutschland verhältnismäßig gering sind. Den Wald nimmt man von den eigenen kulturellen Prägungen her wahr: als Landschaftskulisse, als harmonisches Zusammenleben altersverschiedener Bäume und Baumarten. Inzwischen ist ein Wandel zu einem eher "französischen" Waldverständnis zu beobachten, das verstärkt den individuellen Baum wahrnimmt. Gleichzeitig aber gibt es in Frankreich und Italien eine Tendenz zum "deutschen" Waldverständnis, das den Wald als Ganzes sieht und liebt. Red.
Mythengeschichte: unsere Herkunft aus undurchdringlichen Wäldern Wer wissen will, wie der Wald zum Mythos der Deutschen
wurde, muss sich weit in die Geschichte zurück denken.
Am Anfang steht der altrömische Historiker und Ethnograf
Tacitus; vor allem aber dessen Interpretation durch
die Mythenforschung des 19. Jahrhunderts. Seine Germania,
um das Jahr 100 unserer Zeitrechnung verfasst, war im 15.
Jahrhundert wieder aufgefunden worden. Als Jacob Grimm
und andere Romantiker aus Mythen und Sagen eine verborgene
Geschichte der Deutschen rekonstruieren wollten, erhoben
sie dieses Werk zum ältesten deutschen Geschichtsbuch.
Wie bei ethnografischen Berichten bis heute üblich,
lag auch bei der Germania der Reiz für die Leser
nicht vornehmlich in der Beschreibung fremdartiger Landschaften,
sondern in den Erzählungen über die darin lebenden
merkwürdigen Leute mit ihren exotischen Gebräuchen.
Natursymbol und politisches Symbol Die Mythenbilder der romantischen Germanenforscher waren
nicht vordergründig politisch gemeint. Doch sind sie
seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in
der Zeit des Nationalsozialismus sehr wirkungsvoll politisch
instrumentalisiert worden. Es ist nicht verwunderlich, dass
nach dem Ende des nationalsozialistischen Systems ein mythologisch
begründeter Glaube an den Wald als Ursprungsmythos
obsolet werden musste. Dabei werden "unsere Wälder"
immer noch besungen und wegen ihrer Schönheit geliebt.
Hier wird ein Zwiespalt erkennbar: Infolge der Geschichte
des 20. Jahrhunderts ist der Wald als politisches Symbol,
wie andere Optimismus und Stärke ausdrückende
Nationalsymbole, fragwürdig geworden. Aber seine Bedeutung
als Natursymbol hat der Wald behalten! Von diesem Zwiespalt
handelt mein Artikel. Vor allem handelt er vom heutigen
Waldbewusstsein, d. h. von den Waldgefühlen und dem
Waldwissen in der gegenwärtigen Bevölkerung (Lehmann
2001); außerdem von der tatsächlichen Nutzung
der Wälder als Aufenthaltsort. Beim Waldbewusstsein
geht es also nicht vordringlich um biologische Tatbestände,
nicht darum, ob die Forste tatsächlich gesund oder
krank sind, wie die Tiere in ihnen leben etc. Für die
Kulturwissenschaft geht es stattdessen um Menschen mit ihren
diversen Wünschen, Kenntnissen, Interessen und Erfahrungen. Romantische Seelenlandschaften Wie die politische Waldmythologie, so entstammen auch die kulturellen Muster des heutigen Waldbewusstseins, welche die Medien der Hochkultur vermitteln, der Epoche der Romantik. Auch diese kulturellen Bilder waren ein Ergebnis der städtischen Intellektuellenkultur. Zur Lebensweise der Intellektuellen des frühen 19. Jahrhunderts gehörte die räumliche und geistige Distanzierung von den Unbilden der Natur (Elias 1986). Es bedurfte erst der Sicherheit der Städte, um das Gefühl romantischer Natursehnsucht zu empfinden. Dazu gehörte von Anfang an die Erfahrung des Verlustes: des persönlichen lebensgeschichtlichen Verlustes eines Erfahrungsraumes, aber auch des Verlustes eines Teils der natürlichen Umwelt. Die Wälder der romantischen Dichter und Maler waren Seelenlandschaften, Erinnerungswälder, die diesen städtischen Intellektuellen bereits als Wohnort verloren gegangen waren. Als der Maler und Schriftsteller Adalbert Stifter seine berühmte Erzählung Hochwald (1842) schrieb, lebte er in Wien. Jahrelang blieb er den böhmischen Wäldern seiner Erzählungen fern. Die meisterhaften Naturbeschreibungen schildern eine geträumte Landschaft aus der Kindheit. Wie es sein Biograf Wolfgang Matz (1995, 152) ausdrückt, war der Hochwald "die Naturfantasmagorie eines Städters". Dabei waren die Wälder in Mitteleuropa damals längst keine unberührten Naturlandschaften mehr, sondern wirtschaftlich intensiv genutzte Flächen. Infolge wirtschaftlicher Übernutzung befand sich der Wald an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in einer erbärmlichen ökologischen Situation. Die heutigen Waldzustände nehmen sich im Vergleich dazu idyllisch aus. Der Wald der Bauern war nicht "romantisch" Das romantische Landschafts- und Waldgefühl war in den intellektuellen Eliten entstanden. "Natur als Landschaft ist Frucht und Erzeugnis des theoretischen Geistes" (Ritter 1974, 146). Die waldnahe lebende Bevölkerung auf den Dörfern konnte mit den forstgeschichtlichen und waldästhetischen Vorstellungen der Gebildeten zunächst nicht viel anfangen. Der Wald war für die bäuerliche Wirtschaft primär ein Nutzungsraum für Brenn- und Bauholz. Hinzu kamen diverse bäuerliche "Nebennutzungen". Sie reichten von der Imkerei und der Weide bis zum Beerenpflücken und Harzzapfen (Radkau 2000). Volkskundler "wissen" es heute nicht mehr so genau wie vor 100 Jahren: Aber vielleicht glaubten viele auf den Dörfern, wie es Wilhelm Mannhardt beschrieb, damals wirklich daran, dass in den Bäumen des Waldes, in Felsen und Hügeln Geister und Dämonen hausen. - Die "Waldeinsamkeit", die Ludwig Tieck zum "Schlagwort" der Romantik gemacht hatte, wurde zunächst in den unteren Schichten keineswegs als heimelig und erholsam empfunden. Darauf weisen viele regionale Sagen hin, die z.B. von der Angst der Waldarbeiter in den Mittags- und Abendstunden erzählen. Für die Schönheit eines Waldes oder eines Flusses hatten die Bewohner der Dörfer vermutlich keinen Sinn. Adalbert Stifter erzählt davon, dass die Bauern die Wälder ihrer Gegend überhaupt nur dann besuchten, wenn dort gerade wieder einmal Nutzholz "ausgeteilt oder ausgewiesen" wurde (Stifter 1990, 26).
Naturgenuss dem Kunstgenuss gleichgestellt: die Verbreitung des romantischen Waldbewusstseins Die Schönheitsvorstellungen der malenden und schreibenden Romantiker breiteten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts rasch in der Bevölkerung aus. Zunächst erreichten sie das Forstwesen. Dafür ist die wissenschaftliche Forstästhetik ein Beispiel. Die Exponenten dieser angewandten Kulturwissenschaft wollten die Landschaftsvorstellungen der romantischen Dichter und Maler in die Realität des forstlichen Waldbaus übertragen. Wie auf den Ölgemälden, sollten Steine, Bäche, stattliche Bäume zum "Schmuck der Waldungen" werden. Heinrich von Salisch, einer der Gründer der Forstästhetik, sah den Naturgenuss als gleichwertig neben dem Kunstgenuss an. Der Besuch eines Waldes sollte für ihn zum Äquivalent eines Museumsbesuchs werden. Der schlesische Forstbesitzer von Salisch entwickelte am Beispiel des Waldes eine "Farbenlehre der Landschaft" (von Salisch 1902, 39, 51, 116f.) mit feinen Abstufungen der Laub- und Grüntöne, des Wassers, Laubes und Mooses. Doch auch der Waldgeruch und die "Stimmen des Wal-des" - Windgeräusche und der Vogelgesang - gehörten zu seiner Ästhetik des Waldes. Eine bemerkenswerte Kontinuität des Waldbewusstseins, schichtübergreifend Dieses romantische Bild bestimmt bis heute das Waldverständnis
der Bevölkerung. Über alle sozialen Konflikte
und Klassengegensätze der Industrialisierungsepoche
hinaus breitete es sich im 19. Jahrhundert aus. Bereits
vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Vorstellung vom Wald
als Ort der Muße und als Symbol der menschlichen Eintracht
mit der Natur durch Schule und Journalismus - nicht zuletzt
auch durch die Institutionen der Arbeiterbildung - die Schicht
der Industriearbeiter erreicht. Adolf Levenstein
veröffentlichte 1912 seine Arbeiterfrage, ein Werk,
das auf eine empirische Erhebung unter 8.000 Arbeitern zurückging.
"Was denken Sie, wenn Sie auf dem Waldboden liegen,
ringsum tiefe Einsamkeit?", wollte er wissen. Die schriftlichen
Antworten lassen erkennen, wie der Wald in der Bevölkerung
bereits zum Gesamtsymbol für Natur geworden war. Ein
Berliner Textilarbeiter versuchte, seine Gefühle im
Stil romantischer Dichtung auszudrücken: "Ja.
Ich liege im Moos und blicke empor zum reinen Firmament,
nichts regt sich, nichts stört mich, ein unendlich
wohliges Gefühl durchzieht die Brust, ich fühle
es, wie ich langsam wieder Mensch werde, wie ich zur Natur
zurückkehre, wie ich wieder eins werde mit dem großen,
unendlichen All" (Levenstein 1912, 370). Die Liebe zum Wald wurde zu etwas exklusiv Deutschem Die politische Instrumentalisierung der romantischen
Idylle aus Malerei und Dichtung hatte bereits kurz nach
dem Ende der romantischen Bewegung, also in der Mitte des
19. Jahrhunderts, eingesetzt. In der Zeit des aufkommenden
Nationalismus wurde der deutsche Wald zunehmend zu einem
politischen Symbol. Die Liebe zu den schönen, wilden
Wäldern wurde von nationalistischen Publizisten zu
etwas exklusiv Deutschem, zu einer wesentlichen Dimension
ihres Nationalcharakters erklärt. Durch diesen intellektuellen
Kunstgriff wurden die Deutschen zu dem Waldvolk Europas.
Mochten die anderen Völker, vor allem die Engländer
und Franzosen, doch ihre Parks und Ziergärten lieben,
das taten ja auch die Deutschen. Sie hatten aber außerdem
den "deutschen Wald", etwas Einmaliges. Ein Waldvolk ist auch rassisch überlegen: der Nationalsozialismus Solch eine politische Waldsymbolik des 19. Jahrhunderts
passte ausgezeichnet ins völkisch-politische Konzept
der Nationalsozialisten. Die von den Waldideologen verkündete
Kraft und Ursprünglichkeit eines Waldvolkes ließ
sich als rassisch bedingte Überlegenheit innerhalb
der europäischen Völker interpretieren (Helbok
1937, 680-691). Gelegentlich gingen wissenschaftliche Publizisten
noch weiter. Sie wollten eine Parallele zwischen dem deutschen
Volk und seinen Wäldern kreiieren, der Bevölkerung
den Wald als soziales Vorbild anbieten. Der Wald als
Erzieher lautete der Titel eines Buches, welches eine
Parallele zwischen Baum und Mensch und zwischen Wald und
Volk entwickelte (Mammen 1934). Kaum zu glauben:
Das Werk war ernst gemeint. Das "Waldsterben" wurde zur Metapher einer weltweiten Umweltkatastrophe Sind die Deutschen immer noch das Waldvolk, das sie im
19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im
eigenen Selbstbild und auch im Fremdbild ihrer Nachbarn
sein sollten? - Verhalten sie sich tatsächlich so,
wie es Elias Canetti 1960 über sie schrieb?
"Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume,
ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen
mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald,
in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf
und fühlt sich eins mit den Bäumen" (Canetti
1960, 195).
Pauschal ist das Waldwissen . . . Wer sich an einem beliebigen Wochentag und selbst am
Wochenende tiefer als 500 Meter in einen Wald abseits der
großen Städte hineinbegibt, stellt fest, dass
er sich dort in einer fast menschenfreien Zone bewegt. Wir
können also in den Wäldern immer noch die Waldeinsamkeit
genießen, von der die romantischen Dichter so eindrucksvoll
geschwärmt haben. Der Wald wird immer noch wegen seiner
Schönheit geliebt und besungen. Seine Krankheiten erfüllen
uns mit Sorge. Aber trotz allem: Ein "durchschnittlicher"
Großstädter stellt allenfalls ein- bis zweimal
im Jahr sein Auto für einen Spaziergang am Waldrand
ab (Ammer und Pröbstl 1991). . . . genau so pauschal wie das Tierwissen Ähnlich pauschal ist das Tierwissen. In deutschen
Wäldern leben etwa 100 Vogelarten. Davon "singen"
fünfzig bis sechzig. Das sind die Singvögel. "Irgendwie
ist bekannt", dass es davon verschiedene Arten gibt.
Einen einzelnen Singvogel zu bestimmen, fällt aber
bereits unter das Spezialistenwissen der Ornithologen. Doch
jeder liebt die fleißigen Sänger. Ihre Stimmen
gehören unverzichtbar zum Naturgenuss. Das war zur
Zeit des Tiervaters Alfred Brehm nicht anders: "Die
Singvögel sind es, die der Waldesdichtung das rechte
Wort leihen und zum Wort den rechten Klang zu finden wissen;
ihnen zumeist dankt der Wald die Liebe, mit der wir an ihm
hängen" (Brehm 1947, 3). Wenn die Singvögel
in jedem Winter fast völlig verstummen, steigert sich
die melancholisch-depressive Stimmung, die ohnehin zum Besuch
eines schneefreien, wolkenverhangenen Winterwaldes gehört.
Die Waldvögel gelten im populären Waldbewusstsein
vielfach in ihrer Gesamtheit als gefährdete, vom Aussterben
bedrohte Lebewesen. Die Ökologie fungiert als Arzt Die Vorstellung von der "essentiellen Güte
der Natur" (Elias 1986, 476) bestimmt heute
das gesamte Naturbewusstsein, also auch das populäre
Waldbewusstsein. Das Wort Natur wird primär als "Lobwort"
verwendet. Ökologie firmiert im Alltag nicht als Bezeichnung
einer Forschungsrichtung (Stachow 2000, 230), sondern
fast ausschließlich als Synonym für Schadenskunde.
Sie ist ein Teilbereich des Umweltschutzes. Die häufigste
Aussage, in der sich ein populäres Naturbewusstsein
ausdrückt, lautet: Die Natur des Waldes, der Flüsse
und Gebirge ist durch menschliche Einwirkungen krank geworden.
Der Ökologe fungiert als Arzt. Wald nach dem Bild der Familie: wo Vater, Mutter, Kinder einträchtig zusammen leben Die Monokulturen der Fichte, die heute immer noch etwa
die Hälfte der Wälder in Deutschland bestimmen,
werden von der Bevölkerung kritisch gesehen. Forstwissenschaftler
haben herausgefunden, dass der Wald von der Bevölkerung
als Artenmischwald und zugleich als Altersklassenwald unterschiedlicher
Baumgenerationen gewünscht wird (Ammer und Pröbstl
1991, 37, 148; Lehmann 1999, 58ff.). In verschiedenen
gemeinsam sichtbaren Pflanzenarten und Wachstumsstufen -
großen und kleinen Bäumen, Sträuchern und
Kräutern - soll der Wald dem Muster einer funktionierenden
Familie gerecht werden, wo Vater, Mutter, Kinder einträchtig
zusammmenleben. Das heißt: Ein Waldgebiet soll natürlich
aussehen und zugleich so weit wie möglich die Werte
unserer Kultur präsentieren. - Also keine militärisch
in Reih und Glied formierten Fichten, nicht die "Stangengärtnerei"
Heideggers (Heidegger 1980).
Kindheitswälder oder das Heimatliche einer Landschaft Dieses Muster der Vermittlung des Naturbewusstseins ist
gegenwärtig maßgebend. Es ist ein Naturbewusstsein
aus zweiter Hand. Wenn das Naturgefühl im Gegensatz
dazu auf eigenen Lebenserfahrungen beruht, sind nicht allein
die Kenntnisse konkreter, auch die Vorliebe für die
Wälder ist dann größer. Kindheitserfahrungen
lassen den Wald manchmal geradezu "zum Lebensstichwort"
werden. Davon hat Thomas Bernhard (1988, 302ff.)
in dem von ihm als "Erregung" bezeichneten Roman
Holzfällen, gesprochen. Das Wort Wald zähle
zu den "Lebensstichwörtern" von Millionen
von Menschen. - Einen berühmten, unter dem Einfluss
von Alkohol gerade sentimental werdenden Wiener Schauspieler
lässt er Folgendes sagen: "In den Wald gehen,
tief in den Wald hinein ... sich gänzlich dem Wald
überlassen, das ist es immer gewesen, der Gedanke,
nichts anderes, als selbst Natur zu sein. Wald, Hochwald,
Holzfällen, das ist es immer gewesen." Unterschiede nach Generationen Beim Naturverständnis fallen die Unterschiede zwischen den heute zusammenlebenden Generationen ins Auge. Die Nachkriegsjahre des Zweiten Weltkriegs waren Zeiten der Not oder doch wenigstens der kollektiven materiellen Einschränkung. Wer diese Jahre noch bewusst erlebt hat, die Zeit des Pilze- und Bucheckernsammelns (für die Speiseölgewinnung), die Zeit der Wandertage in die Wälder und der Geländespiele, der sieht den Wald anders als die Generation der heutigen Jugend. Dieses Waldbewusstsein beruht auf eigener Erfahrung. Es unterscheidet sich in seiner Anschaulichkeit vom Waldbewusst-sein aus zweiter Hand, welches heute das Thema bei den "jungen Leuten" bestimmt. Auf der Grundlage interessengeleiteter Tätigkeiten in der Familie und unter Freunden haben sich in der "älteren Generation" also wesentlich intimere Kenntnisse über die Zusammenhänge der Natur entwickelt. Das Beispiel zeigt, wie die große Geschichte der Wirtschaft und der Politik ins Naturbewusstsein hineinwirkt. Ein Wandel zeigt sich hin zur Europäisierung des Naturbewusstseins Das Natur- und Waldbewusstsein der Bevölkerung ist
stets im Wandel. Das gilt für alle Generationen, d.
h. auch für die Angehörigen der Nachkriegsgenerationen.
Viele der "jüngeren Leute", die wir befragten,
sprachen mit deutlichen Vorbehalten über den Wald;
nicht nur über den Wald als politisches Symbol, sondern
auch über den Wald als Aufenthaltsort. Das lässt
sich am Beispiel der Tätigkeit "Wandern"
veranschaulichen. Die beiden Wörter "Wandern"
und "Wald" bringen heute im Bewusstsein vieler
Jugendlicher und junger Erwachsenen zwei der "typisch
deutschen" Leidenschaften als Unarten des Verhaltens
und vielleicht auch des Geschmacks gemeinsam auf den Punkt.
Fast niemand wollte sich gern "den Wanderern"
zurechnen lassen, diesen älteren kniebundbehosten Leuten
mit ihren gewürfelten Hemden. Viel lieber sahen sie
sich in ihren Erzählungen Beachvolleyball spielend
am Strand oder auf der eleganten Skipiste. Was so "typisch
deutsch" ist wie der Wald, kann schwerlich die Zustimmung
junger international denkender Leute finden. Eine Symbolverschiebung zum allein wachsenden Baum Die Symbolverschiebung vom Massensymbol Wald zum allein wachsenden Baum als Zeichen des Individualismus lässt sich als Teil des allgemeinen Internationalisierungsprozesses in der Gesellschaft der Gegenwart und als ein Teilaspekt eines europäischen Internationalisierungsprozesses deuten. Die Internationalisierung der Jugendkultur betrifft also nicht nur die Musikszene und die Mode, sondern offensichtlich auch das Naturgefühl. - Es ist eine Internationalisierung, die nicht allein in eine Richtung verläuft, sondern ein Austauschprozess. Denn kulturelle Muster, die in Deutschland ihre Tradition haben, wirken ebenfalls in die Kulturen anderer Länder hinein. Das gilt gerade auch für das Waldbewusstsein. Das Wort Waldsterben war bekanntlich unverzüglich in die französische und englische Sprache übernommen worden. Deutsche Waldvorstellungen verbreiten sich nach Frankreich und Italien Jüngst hat nun der Volkskundler Reinhard Johler
(2000, 83-96) gezeigt, wie in den letzten Jahrzehnten das
"deutsche Waldbewusstsein" und auch die deutschen
Vorstellungen von der Jagd zunehmend Eingang ins italienische
Naturbewusstsein finden. Johler stellt fest: Das
"mediterran-lateinisch-hedonistische Muster" -
"landwirtschaftlich und waldfeindlich" - hat es
zunehmend schwer, sich gegenüber den "asketischen"
deutschen Vorstellungen von Wald- und Umweltschutz in den
Massenmedien Italiens zu behaupten. Fast wirkt es auf den
Beobachter erheiternd, wenn italienische und französische
Kulturanthropologen peu à peu die Übernahme
einer logica "germanica" ins eigene Naturbewusstsein
bestaunen: gewissermaßen eine "Ver-Protestantisierung"
der Mensch-Natur-Beziehungen. Die Überlegungen Johlers
unterstreichen, dass es notwendig ist, nicht nur Politik,
Wirtschaft und Sport, sondern auch die Naturvorstellungen
im Kontext einer die Ländergrenzen überwindenden
europäischen Symbolik zu sehen.
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