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Natürliche und kulturelle Bedingungen der Bewaldung
Mitteleuropas
Von Hansjörg Küster
Prof. Dr. Hansjörg Küster ist Professor
für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik
der Universität Hannover
Eine einzige Art der "natürlichen"
Bewaldung gibt es nicht. Denn Natur ist einem ständigen
Wandel unterworfen, durch Klimaveränderungen, durch
Wanderungsbewegungen von Pflanzen und Tieren, durch Eingriffe
der Menschen. So haben sich die Waldbilder Mitteleuropas
über Jahrtausende hinweg verändert, bis in unsere
Gegenwart hinein. Pollenanalysen erlauben es, diesen Wandel
zu verfolgen. So kann es auch nicht darum gehen, "naturnahen"
Wald (wieder)herzustellen, sondern allenfalls Wald- und Landschaftsbilder,
die uns vertraut sind und in denen wir uns wiederfinden
können. Red.
Wie untersucht man die Geschichte des Waldes?
Geschichte im engeren Sinne befasst sich ausschließlich
mit schriftlichen Quellen, also mit gedruckten Texten, handschriftlichen
Urkunden und mit Landkarten. Diese Quellen sind aber nur
aus solchen Zeitaltern überliefert, in denen Menschen
etwas aufschrieben über den Gegenstand, dessen Geschichte
man untersuchen möchte. Über den Wald, in dem
und mit dem sie lebten, schrieben sie lange Zeit nichts
auf. Überhaupt keine Schriftzeugnisse sind aus vorgeschichtlicher
Zeit bekannt; daher ist diese Periode ja "vor-geschichtlich".
Weniges über den Wald Mitteleuropas erfahren wir aus
römerzeitlichen Schriftquellen; was damals aufgeschrieben
wurde, gab später Anlass zu mancherlei Fehldeutungen,
wovon in diesem Artikel noch die Rede sein soll. Häufiger
wurde etwas über den Wald erst in den letzten Jahrhunderten
aufgeschrieben, als die wirtschaftlichen Interessen am Wald
immer vielfältiger wurden (vgl. Beitrag Schmidt
in diesem Heft). Interessiert man sich für die Geschichte
des Waldes und des Verhältnisses zwischen Mensch und
Wald in älteren Perioden, muss man völlig andersartige
Geschichtszeugnisse auswerten. Man kann sich mit den Holzresten
befassen, die sich bei archäologischen Ausgrabungen
finden lassen; wenn die Reste gut erhalten sind, kann man
die Holzarten mit Hilfe des Mikroskops gut bestimmen (Schweingruber
1976). Dabei muss beachtet werden, dass die gefundenen Reste
möglicherweise von Hölzern stammen, die vom prähistorischen
Menschen für einen bestimmten Zweck ausgewählt
wurden; denn die Menschen wussten auch vor Jahrtausenden
schon genau, dass Hütten aus Eichenholz wegen seines
Gehaltes an Gerbstoffen besonders haltbar waren, dass man
möglichst Eibenholz zur Herstellung von Pfeil und Bogen
verwenden sollte und Kohle aus Buchenholz die höchsten
Temperaturen erzeugte, die man zur Schmelze von Erz benötigte.
Aus den Mengenanteilen bestimmter Holzarten kann man also
nur mit Einschränkungen darauf zurückschließen,
wie ein Wald insgesamt zusammengesetzt war, besonders dann,
wenn lediglich das für bestimmte Zwecke ausgewählte
Bau- und Werkholz einer Analyse unterzogen wurde. Bestimmt
man das Brenn- und Leseholz, kommt man zu direkteren Rückschlüssen
auf die Zusammensetzung von Wäldern in der Umgebung
einer Siedlung, weil dabei die Auswahl gewisser Holzarten
weniger eine Rolle spielte.
 Waldweide Vielfältig
wurde der Wald seit jeher von den Menschen genutzt, so auch
als Weide, insbesondere für die Schweinemast. Foto:
Archiv Landesforstverwaltung Baden-Württemberg
Ablagerungen von Pollen in Mooren und Seen
Noch umfassendere Rückschlüsse über die
Entwicklung der Wälder erlaubt die Untersuchung von
Ablagerungen, in denen Pollenkörner erhalten geblieben
sind. In den mikroskopisch kleinen Pollen- oder Blütenstaubkörnern
ist die männliche Erbsubstanz von Blütenpflanzen
enthalten. In den Körnern wird das genetische Material
auf weibliche Blütenteile übertragen, wo es zur
Befruchtung kommen kann. Die Pollenkörner werden dorthin
entweder von Insekten transportiert oder vom Winde verweht.
Weil die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass ein vom
Wind übertragenes Pollenkorn ausgerechnet auf einem
weiblichen Blütenteil eines anderen Individuums der
gleichen Pflanzenart "landet", ist die Menge an
Pollenkörnern, die eine vom Wind bestäubte Pflanze
hervorbringt, sehr groß. Die meisten Pollenkörner
landen irgendwo, ohne ihren eigentlichen biologischen "Zweck"
zu erfüllen, und nur ganz wenige Körner kommen
an ihr eigentliches Ziel, nämlich den Stempel des Fruchtknotens
einer Pflanze der gleichen Art. Gelangen die Pollenkörner
in feuchtes, sauerstofffreies Milieu, kann ihre Außenwand
schier unbegrenzt erhalten bleiben; unter dem Einfluss von
Sauerstoff wird sie aber zersetzt. Landen die Pollenkörner
auf der Oberfläche eines Moores, werden sie im sich
bildenden Torf eingeschlossen. Während sich Torf über
lange Zeiträume kontinuierlich bildet, werden die Pollenkörner
schichtweise darin abgelagert. In einem Torfkörper
findet man nahe der Mooroberfläche relativ junge, in
den tiefer gelegenen Schichten relativ alte Pollenkörner.
Gewinnt man alle Torfschichten, die nacheinander
abgelagert wurden, und untersucht die darin enthaltenen
Pollenkörner, kann man in Erfahrung bringen, wie sich
die Vegetation des Gebietes in der Umgebung des Moores im
Lauf der Zeit entwickelt hat. In entsprechender Weise
lassen sich Pollenablagerungen in See-Sedimenten
untersuchen. Die darin enthaltenen Pollenkörner landeten
einst auf der Wasseroberfläche von Seen und sanken
von dort allmählich an den Grund des Gewässers,
wo sie vom sich kontinuierlich ablagernden Seeton eingeschlossen
wurden. Besonders interessant ist es, wenn man die Vegetationsentwicklung
während mehrerer Jahrtausende an einem bestimmten Ort
verfolgen kann; das gelingt dann, wenn man Pollenablagerungen
aus vielen aufeinander folgenden Jahrtausenden untersucht
und man die Ergebnisse zu einem so genannten Pollendiagramm
zusammenstellt (Abb. 1). Die Pollenanalyse ist
nicht nur die wichtigste Untersuchungsmethode zur Aufdeckung
der frühen Waldgeschichte. Pollenanalytische Untersuchungen
sind auch wichtig für die Rekonstruktion der Geschichte
von Wäldern in späteren Zeiten. Schriftliche und
pollenanalytische Quellen zur Waldgeschichte stoßen
an unterschiedlichen Stellen an methodische Grenzen. Bei
der Entstehung von schriftlichen Quellen fand stets eine
mehr oder weniger starke Wertung durch die Menschen statt,
die sie zu Papier brachten. Aber auch Pollenanalysen führen
nicht unbedingt zur Aufdeckung eines wahrheitsgetreuen Bildes
früherer Wälder. Denn die Pollenproduktion jeder
Pflanzenart ist unterschiedlich: Die einen Pflanzen bringen
viele Blütenstaubkörner, die anderen sehr viel
weniger hervor. Und man weiß nicht, aus welcher Himmelsrichtung
die Pollenkörner auf das Moor oder den See flogen,
so dass man nur ein Gemisch aus Blütenstaub von verschiedenen
Wäldern ermitteln kann, die rings um das Moor oder
den See standen.
 Abb.
1: Pollendiagramm vom Görbelmoos zwischen Weßling
und Gilching im Landkreis Starnberg (Oberbayern; aus Küster
2000). Aufgetragen sind die prozentualen Pollenanteile von
Pinus (Kiefer), Corylus avellana (Hasel), Quercus (Eiche),
Picea abies (Fichte), Fagus sylvatica (Buche), Carpinus
betulus (Hainbuche) und Cerealia (Getreide) in Abhängigkeit
von der Profiltiefe im Moor. Die Torfschichten wurden über
das 14 C-Verfahren datiert; vermerkt sind die 14 C-Alter
vor heute (B.P. = before present). Die Pollenanteile sind
zum Teil auch in zehnfacher Überhöhung (schraffiert)
dargestellt. Das Diagramm ist in drei Phasen eingeteilt:
Phase 1 zeigt Entwicklungen in den Wäldern, die nicht
vom Menschen beeinflusst wurden. In Phase 2 fand prähistorischer
Ackerbau mit Siedlungsverlagerungen statt, in Phase 3 bestanden
feste Siedlungen. Die Pfeile geben mögliche Sukzessionsschritte
und Beeinflussungen durch den Menschen an.
Pollen-Diagramme zeigen, dass Natur einem stetigen
Wandel unterworfen ist
Aus einem Pollendiagramm sind essentiell wichtige Aussagen
für das Verständnis der Waldentwicklung, ja der
Natur insgesamt zu gewinnen. Man kann herausfinden, welche
die wichtigsten Baumarten der Wälder waren und welche
Bäume überhaupt in der Nähe eines Punktes
vorkamen, an dem ein Pollenprofil gewonnen wurde. Gut zu
rekonstruieren sind die Sukzessionen, die im Lauf der Zeit
von einem Waldtyp zu einem anderen führten. Man erkennt,
welche dieser Entwicklungen ohne den Menschen in einem von
Ackerbauern noch unbeeinflussten Milieu abliefen und welche
Modifikationen der Baumartenverteilungen in den Wäldern
durch den Einfluss von Ackerbau und Waldnutzung einsetzten. Vor
allem lässt sich jedem Pollendiagramm entnehmen, dass
Natur stets dem Wandel unterworfen war. Keine zwei Schichten
eines Pollendiagramms enthalten identische Pollenanteile.
Pflanzenarten wurden häufiger und wieder seltener,
stabile Zustände in den Wäldern wurden nie erreicht.
Daraus muss gefolgert werden, dass es entgegen älterer
Vorstellungen keine festen Leitbilder für Entwicklungen
in der Natur geben kann, wie sie beispielsweise als "Potentielle
natürliche Vegetation" konstruiert werden. Weil
Natur sich in der Vergangenheit unablässig wandelte,
muss dies auch für künftige Entwicklungen als
Prinzip gelten. Man kann auch nicht eine bestimmte Zeit
auswählen, in der die Wälder "noch natürlich"
waren, um Hinweise auf eine naturnahe Waldbewirtschaftung
zu gewinnen; dies war Grundlage eines von der baden-württembergischen
Landesforstverwaltung betriebenen Projektes (Dieterich
und Hauff 1980). Denn auch dabei geht es um die Rekonstruktion
eines Zustandes, der grundsätzlich nicht charakteristisch
für die sich ewig wandelnde Natur ist. Naturnahe Waldbewirtschaftung
hat sich daher viel weniger an einem konkreten Bild der
Baumartenzusammensetzung als vielmehr am Prinzip des Wandels
zu orientieren. Andere Folgerungen aus Pollendiagrammen
sind viel weniger konkret oder zwingend, als dies früher
angenommen wurde. Entgegen weit verbreiteter Ansicht ergibt
sich aus Pollendiagrammen nur ein sehr vager Ansatz zur
Datierung von umweltgeschichtlichen Ereignissen.
Zwar weiß man, wann ungefähr die Ausbreitung
einer jeden Baumart in einer bestimmten Region einsetzte.
Aber man ist vor Zirkelschlüssen nicht sicher, und
es gibt inzwischen verlässlichere Datierungsverfahren
als die Pollenanalyse; besondere Bedeutung kommt stets der
14C-Analyse zu, einem physikalischen Messverfahren,
bei dem der Gehalt des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops
14 gemessen wird, das mit einer Halbwertszeit von 5730 Jahren
zerfällt. Auch eine Rekonstruktion der Klimageschichte
ist aus Pollendiagrammen nicht unmittelbar möglich.
Alle Baumarten, die heute in Mitteleuropa vorkommen, können
auch bei etwas niedrigeren und etwas höheren Temperaturen
gedeihen; die Buche kommt beispielsweise genauso in der
Nähe des Mittelmeeres wie im südwestlichen Norwegen
vor und bildet dort physiognomisch sehr ähnliche Waldtypen
aus. Immer wieder wird ferner an den Pollenanalytiker
die Frage heran getragen, welche Anteile Wald und Offenland
in früherer Zeit gehabt haben. Diese Frage ist schwer
zu beantworten, weil man wohl stets überproportional
mehr Pollen von Bäumen als von Kräutern findet,
die dicht am Boden ihren Blütenstaub ausstreuen. Und
ein Waldrand, der Wald und Offenland klar voneinander abgrenzt,
ist in aller seiner auf einer Karte darstellbaren Schärfe
nur ein Charakteristikum der modernen Kulturlandschaft,
während es in Gebieten, die vom Menschen nicht beeinflusst
werden, also auch in einer Urlandschaft, eher einen allmählichen
Übergang zwischen Wald und Offenland gibt; typisch
war stets eine Gradientensituation (Küster 1998).
In der Eiszeit konnten Wälder sich nur in wenigen
klimabegünstigten Refugien halten
Wälder, also einander von ihrem Erscheinungsbild
ähnliche Vegetationsformen mit mehrere bis viele Meter
hohen Bäumen, gibt es auf der Erde etwa seit dem Zeitalter
des Karbon, in dem sich die Ablagerungen der Steinkohle
bildeten. Pflanzen, die eine ähnliche Konstitution
wie heute bekannte Waldbäume haben, kamen in der geologischen
Epoche des Tertiär auf. In Mitteleuropa herrschte damals
ein wärmeres Klima als heute, die Biodiversität
von Wäldern war erheblich größer als heutzutage.
Gegen Ende des Tertiär sanken die Temperaturen allmählich
ab; die meisten Gehölzarten konnten aber weiterhin
in den Wäldern vorkommen. Im anschließenden
Eiszeitalter, dem Quartär, traten mehrmals erhebliche
Oszillationen des Klimas auf. Es gab Phasen im Quartär,
in denen die Jahresmitteltemperatur in Mitteleuropa bei
etwa 10°C lag und damit in einer vergleichbaren Größenordnung
wie am Ende des Tertiär. Diese Phasen wurden unterbrochen
von Kälteperioden, in denen die Durchschnittstemperatur
bis in Gefrierpunktnähe absank. Dies bedeutete, dass
große Wassermengen zu Eis gefroren und Gletscher entstanden.
Da das Wasser dann in Form von Eis gebunden war, sank der
Meeresspiegel auf unserem Globus insgesamt um über
100 Meter ab. Mitteleuropa war wegen seiner Nachbarschaft
zu flachen Schelfmeeren dem Meerwasser besonders fern gerückt,
so dass das Klima nicht nur erheblich kälter, sondern
auch erheblich kontinentaler war. Die kurzen Sommer, die
Trockenheit des Klimas und die sehr niedrigen Temperaturen
im Winter ermöglichten keine Existenz von Bäumen
in Mitteleuropa in den Kälteperioden; die Bäume
starben ab. Die Gletscher wirkten als riesige Kältespeicher;
sie hielten die Temperatur auf einem besonders niedrigen
Niveau stabil. Nur in klimatisch begünstigten Regionen
am Mittelmeer, in den so genannten Eiszeit-Refugien, konnten
Bäume weiterhin existieren. Aber diese Regionen waren
eng begrenzt. Es ist davon auszugehen, dass von einigen
Baumarten sich nur wenige Individuen hielten und schließlich
ausstarben, weil die genetische Vielfalt der Populationen
zu gering war. Nach dem Ende einer jeden Eiszeit war
ein Wachstum von Bäumen in Mitteleuropa wieder möglich.
Sukzessive breiteten sich die Bäume aus ihren Eiszeit-Refugien
nach Norden aus. Dieser Vorgang darf natürlich nicht
so wörtlich genommen werden, wie er gemeinhin formuliert
wird. Man muss ihn sich konkreter und präziser vorstellen.
Die Früchte und Samen der Bäume gelangten entweder
mit dem Wind oder über Tierverbreitung in Regionen,
in denen bisher nur Kräuter vorgekommen waren, wo aber
dank der verbesserten klimatischen Bedingungen nun auch
ein Wachstum von Bäumen möglich war. Daraus konnten
Keimlinge hervorgehen, die nun mit den bereits vorhandenen
krautigen Pflanzen in eine Konkurrenz um einen bestimmten
Wuchsort traten. Erst dann, wenn sich dort der individuelle
Baum gegen die anderen Pflanzen durchgesetzt hatte, war
der neue Wuchsort erfolgreich besiedelt, und es entstanden
so immer größere Wuchsgebiete oder Areale der
Baumarten. Man muss also richtigerweise formulieren, dass
es zu Beginn einer jeden Eiszeit zu einer Arealverkleinerung
der Baumarten kam und dass zu deren Ende eine Arealvergrößerung
einsetzte (Küster 1996). Die Klimaverbesserung
und die Arealvergrößerung von Baumarten und Wäldern
liefen nicht gleichzeitig ab (Abb. 2; vgl. Küster
2000). Das Abschmelzen eiszeitlicher Gletscher nahm einen
längeren Zeitraum in Anspruch als die Erwärmung
des Klimas; folglich dauerte es auch länger als die
Klimaverbesserung, bis sich die Meeresbecken wieder so weit
mit Wasser füllten, wie es uns heute vertraut ist.
In der frühen Nacheiszeit war Mitteleuropa daher immer
noch recht weit von der Küste entfernt, woraus zu schließen
ist, dass damals die Jahresmitteltemperaturen zwar schon
den heutigen geähnelt haben, das Klima aber noch kontinentaler
getönt gewesen sein muss als in späteren Phasen.
 Abb.
2: Mögliche Zusammenhänge zwischen dem Anstieg
der Sommertemperaturen nach der letzten Eiszeit, dem Anstieg
des Meeresspiegels, der Ausbreitung von Kiefer und Buche
sowie des Aufkommens von Ackerbau in Mitteleuropa (aus Küster
2000).
Die Alpen als Riegel
Im Zuge der Arealvergrößerung der verschiedenen
Baumarten traten diese auch untereinander in Konkurrenz.
Besonders bevorzugt waren im gesamten Verlauf des Eiszeitalters
mit seinen zahlreichen Klimaschwankungen diejenigen Baumarten,
die sich relativ rasch nach dem Abschmelzen des Eises massenhaft
in Mitteleuropa durchsetzen konnten. Andere Baumarten, die
nur kleine Populationen ausbilden oder sich überhaupt
nicht gegen die anderen Gehölze durchsetzen konnten,
wurden ökologisch benachteiligt oder starben sogar
aus. Insgesamt nahm die Biodiversität der Gehölzpflanzen
in Europa während des Eiszeitalters erheblich ab, während
sie in anderen Bereichen mit heute gemäßigtem
Klima eher auf dem gleichen Niveau wie im Tertiär erhalten
blieb, beispielsweise in Nordamerika und Ostasien. Dort
kommen heute noch zahlreiche Pflanzenarten vor, die im Tertiär
und im frühen Quartär auch in Mitteleuropa wuchsen,
beispielsweise Hickorynuss und Magnolie. In Europa starben
im Eiszeitalter viele Gehölzarten aus, weil die Refugien
am Mittelmeer nur eine sehr geringe Ausdehnung hatten und
weil die Arealvergrößerung in Richtung Norden
nur entlang sehr schmaler Korridore möglich war, nämlich
westlich und östlich der Alpen. In Nordamerika und
Ostasien besteht kein den Alpen ähnelnder Riegel, der
eine Arealverschiebung von Baumarten in Richtung Norden
oder Süden behindert. Als Folge dieser eigentümlichen
Geschichte sind die mitteleuropäischen Wälder
durch eine besonders geringe Zahl an Gehölzarten gekennzeichnet.
Einige Baumarten kamen in einigen Warmphasen in Mitteleuropa
vor, in anderen nicht. Es muss besonders hervorgehoben werden,
dass die Buche, heute ein Charakterbaum mitteleuropäischer
Wälder, in der Warmphase vor der letzten Eiszeit in
Mitteleuropa nicht nachgewiesen ist. Damals gelangten ihre
Standortkonkurrenten Eibe und Hainbuche zu wesentlich weiterer
Verbreitung als heute.
Eine wichtige Vegetationsgrenze zwischen West und
Ost in Mitteleuropa
In den mitteleuropäischen Wäldern der frühen
Nacheiszeit, deren Bildung vor etwa 13 000 Jahren einsetzte,
waren Kiefern und Birken besonders weit verbreitet;
Birken überwogen in küstennahen Regionen im Nordwesten,
Kiefern in den anderen Gebieten (Küster 1993).
Kiefernreiche Ökosysteme sind die einzigen in Mitteleuropa,
die durch Blitzschlag entzündet werden können.
Beispielsweise dadurch, aber auch durch Klimarückschläge
und Schädlingsbefall sind Kiefernökosysteme in
Mitteleuropa nie sehr stabil gewesen. War ein Kiefernbestand
zerstört, konnte sich zeitweise die Birke ausbreiten;
unter den raschwüchsigen Birken konnten erneut Kiefern
aufkommen, oder es bildeten sich andere Typen von Wäldern.
Vor etwa 9000 Jahren wurden Haselsträucher sehr
häufig, vor allem im Westen Mitteleuropas. Es ist immer
wieder vermutet worden, dass die Ausbreitung der Haselsträucher
zum Teil durch den Menschen erfolgte. In der Zeit der frühen
Wälder war die Nahrungsbeschaffung für den Menschen
insgesamt sicher nicht einfach: Es gab nur wenige Tiere,
die gejagt werden konnten. Die meisten Menschen lebten am
Ufer von Seen und Flüssen, wo ihnen wohl die Fischerei
zu regelmäßiger Nahrung verhalf. Das Ausbringen
und Ernten von Haselnüssen mag eine willkommene zusätzliche
Möglichkeit gewesen sein, weitere Nahrung zu gewinnen
(Firbas 1949). In den klimatisch kontinentaler
geprägten Regionen Norddeutschlands hielt sich die
Kiefer, im Südosten Mitteleuropas kam vor 9000 Jahren
bereits die Fichte vor. Damals bildete sich eine wichtige
Vegetationsgrenze zwischen West und Ost in Mitteleuropa
heraus: Im Westen wuchsen mehr Haselsträucher, im Osten
kamen mehr Nadelbäume vor, und zwar Kiefern und Fichten.
Die Grenze zwischen den beiden Gebieten verlief etwa zwischen
der Altmark und dem Alpenrhein; diese Grenze hatte fortan
immer wieder pflanzen- und auch kulturgeografische Bedeutung
(Küster 1993). Weitere Laubbäume
wurden in der Folgezeit häufiger, die Eichen, Ulmen,
Linden und Eschen. Firbas (1949) und andere haben
aus ihnen einen einheitlichen Typ eines "Eichenmischwalds"
rekonstruiert. Aber aus geobotanischer Sicht muss dieser
Mischwald nicht einheitlich gewesen sein. Es gab vielmehr
verschiedene Typen von Mischwäldern, die regional verschieden
verbreitet waren (Küster 1988, Freund
1994): In einigen Gebieten, beispielsweise im norddeutschen
Tiefland und im bayerischen Tertiär-Hügelland,
dominierten die Eichen. Am feuchten Alpenrand waren die
Ulmen (wahrscheinlich die Bergulme) häufiger, und in
vielen Mittelgebirgen hatten Eichen, Ulmen und Linden etwa
gleich große Verbreitung.
Die ersten Ackerbauern Mitteleuropas hatten exzellente
Kenntnisse des Werkstoffes Holz
Vor etwa 7000 Jahren lebten die ersten Ackerbauern in
Mitteleuropa. Sie bauten Pflanzen an, die im Vorderen
Orient durch Selektion seitens der Bauern zu Kulturpflanzen
geworden waren, und hielten Tiere, die Menschen wohl ebenfalls
im Nahen Osten domestiziert hatten. Es ist möglich,
dass die ersten Ackerbauern aus dem Südosten nach Mitteleuropa
einwanderten. Dies ist aber wenig wahrscheinlich; denn die
ersten Ackerbauern Mitteleuropas kannten sich sehr gut mit
den Charakteristika der dortigen Landschaft aus. Ihre Kenntnisse
des Werkstoffes Holz waren exzellent. Sie bauten Holzhäuser,
für die wir keine Vorbilder aus dem Nahen Osten und
Südosteuropa kennen; und ihre Holztechnologie war hoch
stehend, was sich beispielsweise bei der Entdeckung eines
Brunnens bei Erkelenz zeigen ließ, der aus der damaligen
Zeit stammt (Weiner 1991); mit Steinbeilen war eine
Konstruktion in Blockbautechnik geschaffen worden. Mit
Steinbeilen konnten die Bäume gefällt werden,
was durch Experimente bewiesen werden konnte (Iversen 1956).
Brandrodung gab es dagegen in Mitteleuropa ganz offensichtlich
damals nicht; die in den Wäldern zu dieser Zeit vorherrschenden
Laubbäume lassen sich in lebendem Zustand nicht in
Brand setzen, außerdem war Holz als Baustoff dringend
begehrt. Anders als in den Tropen brauchte man die Asche
von niedergebrannten Bäumen nicht als Mineraldünger,
denn in den Böden Mitteleuropas waren und sind mehr
mineralische Nährstoffe enthalten als in denjenigen
der Tropen. Mit der Gründung einer Siedlung und
ihrer Ackerflächen war zwar die Rodung einer Waldparzelle
verbunden, doch war das Holz des Waldes keineswegs nutzlos.
Es konnte direkt an Ort und Stelle zum Bau von Häusern
verwendet werden, ferner als Rohstoff für Werkzeuge,
zum Heizen und zur Nahrungszubereitung (Küster
1998). Baumlose Viehweiden gab es damals nicht; das Vieh
wurde in die Wälder getrieben, die rings um die Siedlung
lagen. Das weidende Vieh lichtete durch Verbiss den Wald
mit der Zeit auf. Auch Wiesen, auf denen Gras zur Heubereitung
geschnitten werden konnte, gab es damals nicht, ebenso keine
Messer, um das Gras zu schneiden. Für die Winterfütterung
wurde Laubheu gewonnen: Man schneitelte Ulmen, Linden,
Eschen und Birken, trocknete die Zweige und warf sie im
Winter dem Vieh vor (Troels-Smith 1960). Die Bäume
wurden dadurch geschädigt, vor allem die Ulmen. Es
konnte nachgewiesen werden, dass vor etwa 5000 Jahren in
ganz Nordwesteuropa das Ulmensterben grassierte. In einem
englischen Moor fanden sich die Überreste des Ulmensplintkäfers,
der den Erreger der Ulmenkrankheit überträgt (Peglar
1993); durch die zahlreichen Verletzungen des Holzes, die
beim Schneiteln entstanden waren, drangen die Erreger des
Ulmensterbens sehr leicht in die Bäume ein. Die Bedeutung
der Ulme ging damals in einem Gebiet zwischen den Britischen
Inseln und Polen, Südskandinavien und den Mittelgebirgen
erheblich zurück, also in einem riesigen Gebiet.
Siedlungen bestanden immer nur für wenige Jahrzehnte
Vorgeschichtliche Siedlungen bestanden stets nur für
einige Jahrzehnte und wurden anschließend verlagert
(z.B. Hvass 1981). Die Gründe dafür lagen wohl
darin, dass nach einigen Jahrzehnten Siedlungsdauer irgendeine
Mangelsituation in der Siedlung auftrat, die deren Verlagerung
erzwang. Möglicherweise nahmen Bodenfruchtbarkeit und
Erträge landwirtschaftlicher Kulturpflanzen ab. Es
kann aber auch sein, dass die Häuser allmählich
baufällig wurden. Nun standen aber an Ort und Stelle
der Siedlung keine Bäume mit geradschäftigen Stämmen
mehr zur Verfügung, die sich zum Bau neuer Häuser
eigneten. Solche Stämme mit den damaligen Mitteln über
größere Distanzen herbeizutransportieren, wäre
sehr aufwändig gewesen. Vermutlich errichtete man lieber
dort eine neue Siedlung, wo sich noch reichlich Holz einschlagen
ließ und man erneut an Ort und Stelle Häuser
bauen konnte. So eine Siedlungsverlagerung mag selbstverständlich
auch dann stattgefunden haben, wenn die Siedlung oder einzelne
Häuser niedergebrannt waren, was wegen der Existenz
offener Feuerstellen in Holzhäusern, die mit Stroh
oder Reet gedeckt waren, sicher immer wieder einmal geschah
(Küster 1998).
Die Siedlungsverlagerungen hatten zur Folge, dass Siedel-
und Ackerflächen verlassen wurden. Auf ihnen konnte
eine Sekundärsukzession des Waldes einsetzen,
in deren Verlauf bald keine Kulturpflanzen und Unkräuter,
sondern ausdauernde Kräuter, dann Sträucher verschiedener
Arten und Birken, schließlich wieder Bäume emporwuchsen,
die geschlossene Wälder bildeten. Im Zuge der Sekundärsukzessionen
konnten sich Bäume von solchen Arten wieder einfinden,
die vor Gründung der Siedlungen bereits an Ort und
Stelle vorgekommen waren, aber auch andere, deren Ausbreitung
nun dadurch begünstigt wurde, dass immer wieder Entwicklungen
von der Freifläche zum geschlossenen Wald abliefen.
Den Pollendiagrammen aus Mitteleuropa ist zu entnehmen,
dass in den Jahrtausenden, in denen es immer wieder zu Siedlungsgründungen
und -aufgaben kam, die Buche ganz allmählich
häufiger wurde. Dieser Baum konnte sich offenbar im
Zuge der Sekundärsukzessionen besser ausbreiten als
in geschlossenen Eichenwäldern (Küster 1996, 1998).
Im östlichen Mitteleuropa wurde das Wuchsgebiet der
Hainbuche aus ähnlichen Gründen größer
wie weiter im Westen dasjenige der Buche (Ralska-Jasiewicz
1964), und im Schweizer Alpenvorland wurde die Fichte häufiger,
weil immer wieder aufgelassene Freiflächen neu vom
Wald überzogen wurden (Markgraf 1970, 1972). Die
ersten bäuerlichen Siedlungen entstanden in der Jungsteinzeit,
in der die Menschen lediglich Werkzeuge aus Stein, Knochen
und Holz besaßen. Mit diesen Werkzeugen konnten sie
lediglich Äcker auf steinfreiem Löss bearbeiten.
Mit der Zeit kamen weitere Werkstoffe auf; nach den archäologischen
Funden werden die nachfolgenden Epochen der Vorgeschichte
Kupferzeit, Bronzezeit und Eisenzeit genannt. Es lässt
sich an diesen Epochennamen erkennen, dass die technischen
Fähigkeiten der Menschen allmählich zunahmen.
Zugleich wurden die Bauern auch in die Lage versetzt, in
immer neuen Gegenden Wälder zu roden und Landwirtschaft
zu etablieren, wenn auch - wie stets in der damaligen Zeit
- nur für einige Jahrzehnte. In der Kupferzeit entstanden
Siedlungen und Äcker auch in den von eiszeitlichen
Gletschern geformten Moränengebieten Norddeutschlands
und im Alpenvorland; dort waren die Böden nur teilweise
lehmig, sonst sandig, aber nur selten frei von Steinen.
Wenig später siedelten die ersten Ackerbauern und Viehhalter
in den Alpen. Seit der Bronzezeit konnten die Schwemmlehme
in Tälern der Kalkgebirge besiedelt und beackert werden,
in der Eisenzeit wurden dann auch Regionen mit steinigeren
Böden aufgesucht, beispielsweise Hunsrück und
Eifel (Küster 1995). Stets bestanden die
Siedlungen nur für eine kurze Zeitspanne von einigen
Jahrzehnten. Danach wurden Siedlung und Ackerland aufgegeben;
an anderer Stelle wurde eine weitere Parzelle Wald gerodet,
während auf dem verlassenen Stück Land erneut
Wald in die Höhe wuchs, in denen die Buche immer noch
häufiger wurde. Siedlungen konnten offenbar nur dort
entstehen, wo geradschäftige, hohe Bäume in ausreichender
Anzahl zur Verfügung standen, nicht aber dort, wo ausschließlich
junge Bäume verfügbar waren oder nur diejenigen,
deren Kronen sich in die Breite entwickelt hatten, weil
das weidende Vieh nur wenige Bäume in die Höhe
kommen ließ und daher die Abstände zwischen den
einzelnen Bäumen recht hoch waren.
Holz als Ressource zur Erzverhüttung
In den Metallzeiten, vor allem in der Eisenzeit, setzte
ein erheblicher zusätzlicher Bedarf an Holz zur Verhüttung
bzw. Schmelze von Erz ein. Dies führte besonders in
den Bergbauregionen zu einer Veränderung der Waldentwicklung.
In der Lausitz und in Thüringen, in den norddeutschen
Moorgegenden, im Siegerland und in den Bergbaugebieten der
Alpen, in Gebieten, die zu den Zentren der eisenzeitlichen
Erzgewinnung gehörten, mussten immer wieder an gleicher
Stelle Bäume und Sträucher geschlagen werden,
um genügend Holz zur Verhüttung zur Verfügung
zu haben. Dabei war es nun egal, ob die Bäume bereits
wieder dick geworden waren und große Höhen erreicht
hatten; an Holz, das zur Erzschmelze gebraucht wird, waren
ganz andere Ansprüche zu stellen als an solches, das
zum Hausbau benötigt wurde. Man begann jedenfalls,
Holz in kurzen Abständen immer wieder an der gleichen
Stelle zu schlagen, was beispielsweise sehr gut für
das Siegerland nachgewiesen ist (Pott 1985, 1993).
Dort entstanden bereits in der Eisenzeit Niederwälder
oder Vorläufer der heutigen Hauberge, in denen nur
wenige Jahre lang Gehölz in die Höhe wachsen kann,
bevor es erneut abgetrieben wird.
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Flößer Holz
aus dem Schwarzwald wurde von Flößern
bis nach Holland transportiert, für den
Schiffsbau. Bild: Archiv Landesforstverwaltung
Baden-Württemberg
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Durch den häufigen Einschlag wurden andere Baumarten
in ihrer Ausbreitung gefördert als in den Jahrtausenden
zuvor. Die Buche kann sich nicht halten, wenn ihre Stämme
im Abstand von nur wenigen Jahren immer wieder geschlagen
werden; nach mehrfachem Hieb gehen die Bäume ein. An
Stelle von Buchen konnten sich damals andere Gehölze
ausbreiten, deren Stämme nach einem Einschlag immer
wieder neu austreiben, beispielsweise die Hainbuche, die
zuvor in Mitteleuropa noch kaum vertreten gewesen war (Pott
1981). An den Stellen, an denen häufig Holz gemacht
wurde, bildeten sich allmählich buchenfreie oder buchenarme
Niederwälder heraus mit Sekundärtrieben von Holz,
die nach dem Schlagen des Kernwuchses nur einige Meter in
die Höhe kommen konnten, ehe sie erneut gekappt wurden.
Die Ausbreitung der Buche war durch den häufigen Einschlag
erstmals gestoppt worden. Buchenholz war für die
Verhüttung von Erz aber besonders begehrt, weil die
daraus hergestellte Holzkohle bei Verbrennung die höchsten
Temperaturen erzeugte, die damals genutzt werden konnten.
Standen keine Buchen zur Verfügung, musste man auf
andere Holzarten ausweichen, beispielsweise auf Eiche und
Kiefer. Schlug man Kiefern, bildeten sich aber keine Niederwälder,
weil die Bäume keine Stockausschläge hervorbringen;
statt dessen breitete sich die Birke kurzzeitig aus, und
über eine Sekundärsukzession kam es wieder zur
Bildung eines Kiefernbestandes. Derartiges konnte in der
Oberlausitz nachgewiesen werden (Küster im Druck).
Die dauerhaften Siedlungen der Römerzeit waren
nur möglich durch Handel und Transportwege
In der Römerzeit breitete sich erstmals das Areal
eines Staates mit festen wirtschaftlichen Strukturen in
Teile Mitteleuropas aus. Im Bereich des Imperium Romanum
gab es ortsfeste Siedlungen, zwischen denen solide Handelsbeziehungen
bestanden; zwischen den Siedlungen wurden Straßen
angelegt. In der Umgebung ortsfester Siedlungen trat das
gleiche Phänomen auf wie in den Erzabbaugebieten schon
während der Eisenzeit: Holz wurde immer wieder an der
gleichen Stelle gemacht. Die Buche wurde benachteiligt und
von ausschlagfreudigeren Baumarten verdrängt. Es bildeten
sich niederwaldartige Strukturen heraus. Aus den Pollendiagrammen
lässt sich ablesen, dass die Bedeutung der Hainbuche
in römischer Zeit weiter zunahm. Zwar entstanden
nun auch Steinhäuser, aber zu ihrem Bau war dennoch
eine große Menge Holz notwendig; auch wurden weiterhin
Holzhäuser gebaut, man brauchte Holz für Schiffe
und Brücken. Gerade in der Umgebung der Siedlungen
gab es aber nach einigen Jahrzehnten Dauer des Siedelns
und Wirtschaftens im Wald keine geradschäftigen Baumstämme
mehr, die sich zum Hausbau eigneten. Bestand nun an einem
bestimmten Ort Bedarf an Holz, vor allem an Bauholz, musste
es über den Handel herbeigeschafft werden. An die Stelle
der Verlagerung von Siedlungen und Wirtschaftsflächen
traten nun also Transport und Handel, um den Holzmangel
zu kompensieren. Holzlieferungen wurden teilweise über
sehr weit reichende Wirtschaftsbeziehungen gewährleistet.
Beispielsweise konnte nachgewiesen werden, dass die Römer
in ihrem ganzen Besatzungsgebiet nördlich der Alpen
Tannenholz verbauten, obwohl Tannen nur in den Alpen und
in ihrem Vorland, in den Vogesen und im Schwarzwald innerhalb
der römischen Provinzen vorkamen. Dort wurden Tannen
eingeschlagen, die Bäume wurden anschließend
auf den Flüssen, vor allem auf dem Rhein und den Flüssen
im Alpenvorland, nach Norden getriftet oder geflößt
und weit außerhalb des Verbreitungsgebietes des Baumes
als begehrtes Bauholz verwendet (Küster 1994).
Sicher wurde auch das Holz anderer Baumarten transportiert,
was sich aber nicht so gut nachweisen lässt, weil die
anderen Baumarten eine allgemeinere natürliche Verbreitung
hatten.
Römer und Germanen: fest siedelnde und wandernde
Völker verstanden sich nie
Die ortsfeste Siedelweise der Römer und die noch
im früheren Zustand verbliebene Siedelstrategie der
Ackerbauern außerhalb des Römischen Reiches waren
nicht kompatibel miteinander. Die Römer brauchten den
Limes, um sich gegen die Übergriffe von "wandernden
Barbaren" zur Wehr zu setzen. Diese Übergriffe
konnten einen aggressiven Charakter haben; es ist aber auch
möglich, dass die Barbaren nur deswegen in das römische
Gebiet vorstießen, weil sie dort eine neue Siedlung
gründen wollten. Es liegt außerdem nahe, dass
sie an den Errungenschaften der römischen Zivilisation
teilhaben wollten. Es wird auf jeden Fall deutlich, dass
sich das Siedelverhalten prähistorischer Völkerschaften
und staatliche Gewalt mit festen wirtschaftlichen Strukturen
gegenseitig ausschlossen. Die Römer und später
auch die mittelalterlichen Staaten mussten sich gegen Übergriffe
der "wandernden Völker" schützen, was
bei der Kolonisierung immer weiterer Gebiete jahrhunderte-lang
eine wichtige Rolle spielte, in Mitteleuropa wie später
weiter im Osten und Norden Europas und auch in den Kolonien
in anderen Kontinenten. Fest siedelnde und "wandernde"
Völker verstanden sich nie. In der Römerzeit kam
es durch Nichtverstehen der Siedelweise der Germanen zum
Urteil des Tacitus, dass diese in dichten und schaurigen
Wäldern lebten; dieser Topos von Wildnis setzte sich,
weil er einer der außerordentlich wenigen und daher
überbewerteten Schriftquellen am Übergang von
schriftloser zu schriftlicher Kultur entstammte, in den
folgenden Jahrhunderten fest und ist noch immer in aller
Munde. Dabei waren die Wälder nördlich des Limes
keineswegs mehr dicht geschlossen; Ackerbauern bauten dort
Getreide an, und sie hielten Vieh. Das erwähnte Tacitus
zwar, aber es wird daran deutlich, dass es ihm nicht gelang,
ein korrektes Bild der Lebensweise der Germanen und der
Landschaft Germaniens zu zeichnen. Die Existenz der
"schaurigen Wälder Germaniens" wurde später
immer wieder als entscheidender Grund dafür angesehen,
dass die Mannen des legendären Hermann des Cheruskers
die zivilisierten Römer besiegen konnten, was eine
weitere Ausbreitung des Imperium Romanum nach Mitteleuropa
verhinderte: Die römischen Soldaten konnten angeblich
in den dichten Wäldern nicht militärisch operieren. Die
Besinnung auf die Aussage des Tacitus war seit dem 18. Jahrhundert
ein wesentlicher Beweggrund dafür, in Deutschland Wiederaufforstung
von Wäldern zu betreiben (vgl. Küster 1998). Zwar
ging es dabei auch entscheidend um wirtschaftliche Beweggründe
(vgl. Beitrag Schmidt in diesem Heft), und es wurde
im 18. Jahrhundert das Prinzip der nachhaltigen Bewirtschaftung
von Wäldern erfunden und durchgesetzt; aber vor allem
in der Zeit der Freiheitskriege besann man sich auf die
Aussagen von Tacitus, befasste sich mit Hermann
dem Cherusker. Friedrich Ludwig Jahn, heute vor allem
als der "Turnvater" bekannt, forderte während
der Freiheitskriege allen Ernstes, man möge einen Wald
gegen die Franzosen pflanzen, damit sie sich darin verliefen
- genauso wie 1800 Jahre früher die Römer, wobei
die Parallele zwischen Römern und Franzosen deshalb
gezogen wurde, weil beide Romanen waren (Küster
1998). Das Missverständnis eines Menschen, der in der
Zivilisation lebte, einer anderen Lebensform gegenüber,
die in der "Wildnis" existierte, trug letztlich
entscheidend dazu bei, dass Deutschland heute besonders
reich an aufgeforsteten Wäldern ist und dies zu seiner
Identität entscheidend beiträgt.
Der zunehmende Holzbedarf führte zu einem deutlichen
Rückgang der Wälder ab dem Mittelalter
Einige Jahrhunderte nach Christi Geburt nahm der Einfluss
staatlicher Gewalt auf Mitteleuropa ab, weil das Imperium
Romanum zerbrach. Damit gingen auch zahlreiche wirtschaftliche
Strukturen unter, die in der Zeit der römischen Besetzung
Mitteleuropas aufgebaut worden waren. Holzhandel über
größere Distanzen fand nun nicht mehr statt;
es breitete sich erneut - wie in vorgeschichtlicher Zeit
- das System der kurzfristigeren, nicht völlig ortsfesten
Besiedlung aus. Weil Siedlungen erneut verlagert wurden
und wieder Sekundärsukzessionen zur Bildung geschlossener
Wälder führten, wurde auch die Ausbreitung der
Buche in den Wäldern erneut gefördert. Die Buche
erreichte vor etwa 1500 Jahren ihre größte Verbreitung
in Europa während der Nacheiszeit und ihre auch heute
bestehenden Verbreitungsgrenzen in Südostengland, Südskandinavien
und an der polnischen Ostseeküste. Damals setzten
wieder historische Entwicklungen ein, die eine weitere Ausbreitung
der Buche in den Wäldern verhinderten. Von Westen her
kam es erneut zur Etablierung fester staatlicher und wirtschaftlicher
Strukturen, unter deren Einfluss Holzhandel stattfinden
konnte und Siedlungen in aller Regel ortsfest blieben. In
den Wäldern wurde die Buche erheblich dezimiert, einerseits
weil man ihr Holz zur Erzschmelze sowie zur Herstellung
von Steinzeug und Glas benötigte, andererseits weil
immer wieder an den gleichen Stellen Holz gemacht wurde.
Es entstanden erneut Niederwälder mit Hainbuchen, Haselsträuchern,
Eschen, Linden, auch Eichen. Eichen wurden aber auch gezielt
geschont, weil man die Eicheln zur Eichelmast der Schweine
brauchte. Besonders nach der Entstehung der ersten Städte
wurde der Holzbedarf immer größer. Immer umfangreichere
Flächen wurden abgeholzt, auch in den Mittelgebirgen,
die als klimatisch ungünstigere Gebiete nun auch besiedelt
werden konnten; in ungünstigen Jahren, in denen Missernten
auftraten, bestand nun die Möglichkeit, den Mangel
an Nahrung über den Handel zu kompensieren. Auf der
anderen Seite konnten in den Mittelgebirgen große
Holzeinschlagsgebiete entstehen, von denen aus das Holz
über Flößerei und Trift in die Wirtschaftszentren
transportiert wurde (Küster 1998 mit Angaben
weiterer Literatur). Weitere Gebiete wurden durch Beweidung
ärmer an Bäumen; nur einige wenige Bäume
- zumeist Eichen, die man als Mastbäume auf Viehweiden
förderte - blieben stehen und entwickelten charakteristisch
breite Kronen. Diese Baumkronen sehen besonders malerisch
aus; daher wurden sie später häufig von Künstlern
gemalt, beispielsweise von Caspar David Friedrich.
Dieser Maler und andere stellten die Bäume aber nicht
nur als ein Naturdokument dar, was gelegentlich vermutet
wird, sondern auch aus symbolischen Gründen. Sie als
Naturdokument zu verstehen wäre aber auch deswegen
falsch, weil Eichen natürlicherweise diese Wuchsform
nicht annehmen, sondern breitkronige Bäume sich nur
in einer intensiv genutzten Hudelandschaft herausbilden
konnten (Pott und Hüppe 1991). Insgesamt
ging der Bestand an Bäumen und Wäldern in Mitteleuropa
während des Mittelalters und der frühen Neuzeit
erheblich zurück; Holz war in einer Zeit, in der Stein-
und Braunkohle sowie Erdöl noch nicht in großem
Umgang als Ressourcen zur Verfügung standen, der einzige
Rohstoff zur Erzeugung von Wärmeenergie. Dem Raubbau
konnte erst durch die Etablierung des Nachhaltigkeitsprinzips,
die Einrichtung von Forstverwaltungen, den Beginn des Steinkohlenbergbaus,
den Aufbau des Eisenbahnnetzes, über das Kohle verteilt
wurde, und die Aufforstung im 18. und 19. Jahrhundert Einhalt
geboten werden. Dabei berief man sich interessanterweise
auf die Wiederherstellung eines alten, in der Antike beschriebenen
Zustandes, auch wenn er nicht so tradiert worden war, wie
es der Realität entsprach.
Folgerungen für den Naturschutz heute
Durch den Wandel der Natur und später auch durch
den Wandel des menschlichen Einflusses auf die Umwelt entstanden
immer wieder neue, andersartige Waldbilder in Mitteleuropa,
auch wenn deren Biodiversität aus den eingangs geschilderten
Gründen nicht besonders hoch war und ist. Weil viele
heute in Mitteleuropa nicht natürlicherweise auftretenden
Gehölze aber aus physiologischen Gründen hier
zu Lande sehr wohl wachsen könnten, wurden in den letzten
Jahrhunderten zahlreiche "Exoten" in den Wäldern
gepflanzt, beispielsweise Lärche, Douglasie, Roteiche
und Robinie. Alle diese Baumarten wären "natürlicherweise"
hier zu Lande zu finden, hätte es die mehrfachen Klimaschwankungen
des Eiszeitalters nicht gegeben. Von daher ist es nicht
einfach, ein gutes Gegenargument für den Anbau von
"Exoten" in den Forsten zu finden. Im Naturschutz
und in der so genannten "naturnahen Waldwirtschaft"
versucht man vielmehr, die "Potenzielle natürliche
Vegetation" zu etablieren, die aus einheimischen, "natürlicherweise
vorkommenden" Gehölzen besteht und als Zustand
gedacht wird, der so bald wie möglich erreicht werden
soll. Natur ist aber kein Zustand, sondern durch Wandel
ausgezeichnet, und auch die Umwelt des Menschen ist stets
wandelbar. Aus der Vegetationsgeschichte ist abzuleiten,
dass die Zu- und Abnahme der Bedeutung von Buche und Hainbuche,
aber auch vieler anderer Gehölzarten mehr oder weniger
stark auf menschlichen Einfluss während der letzten
Jahrtausende zurückging. Es zeigt sich, wie widersinnig
es ist, bestimmte Zustände "natürlich"
zu nennen und andere nicht: Buchenwälder sind, wie
man auf vielen Karten finden kann, die statisch gedachte
"Potenzielle natürliche Vegetation" in weiten
Bereichen Mitteleuropas. Weil sie stabil ist, kann sie mit
Natur nicht viel zu tun haben. Dagegen herrscht wirkliche
Natur nur dort, wo jegliche Nutzung durch den Menschen aufgegeben
ist und eine natürliche Dynamik tatsächlich ablaufen
kann. Dies ist in Mitteleuropa nur in wenigen Gebieten der
Fall, beispielsweise in den Nationalparks Bayerischer
Wald und Hainich, sowie in Bannwaldgebieten, die
beispielsweise in Baden-Württemberg in großer
Zahl ausgewiesen wurden (Dieterich und andere 1970), und
ebenso im Wattenmeer. Andernorts gibt es auch
zahlreiche Naturschutzgebiete, die zum Teil Wälder
umfassen. In ihnen geht es aber nicht um den Schutz des
Wandels, sondern um den Schutz des Bestandes, der Identität
bestimmter Landschaftsbilder, die den Bewohnern einer Gegend
vertraut sind. Zu dieser Identität gehören bestimmte
Baumarten und Waldbilder, die auf Grundlage natürlicher
Bedingungen und menschlicher Tätigkeit weite Verbreitung
finden konnten; die Identität mitteleuropäischer
Wälder wird ebenso durch deren historisch bedingte
Artenarmut geprägt. Dieser Schutz der Identität
bestimmter Waldbilder kann sehr wohl ein wichtiges Anliegen
sein; allerdings hat es mit Naturschutz im engeren Sinne
wenig zu tun. Es wird in Zukunft darauf ankommen, die aus
der Waldgeschichte gewonnenen Ergebnisse besser mit den
Schutzkonzepten für unsere Umwelt abzustimmen: In Mitteleuropa
geht es meist nicht um den Schutz der wandelbaren Natur,
sondern um die Bewahrung landschaftlicher Zustände,
die einen wichtigen Teil der Identität unserer Umgebung
ausmachen. Für die Durchsetzung dieses Schutzzieles
ist es günstiger, sich nicht auf den Naturschutz als
Schutz des Wandels, sondern auf den Landschaftsschutz als
Bewahrung eines Zustandes zu berufen.
 Meiler
zur Gewinnung von Holzkohle Holz war über
Jahrtausende die wichtigste Energiequelle. Holzkohle aus
Buchenholz eignete sich besonders für die Verhüttung
von Erz. Foto: Archiv Landesforstverwaltung Baden-Württemberg
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