Zeitschrift

Der deutsche Wald

Der sorgsame Umgang mit einer knappen Ressource

Waldbauliche Ziele im Wandel



 

Inhaltsverzeichnis

 
Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen der Waldentwicklung seit 1800

Von Peter Weidenbach

Forstpräsident i. R. Peter Weidenbach war von 1994 bis 1999 Leiter der Forstdirektion Karlsruhe. Zuvor war er der für den Waldbau zuständige Referatsleiter im Ministerium Ländlicher Raum Baden-Württemberg.

Moderne Forstwirtschaft setzt ein im Gefolge der Französischen Revolution, die eine grundsätzliche Umgestaltung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse einleitete. Stärker als zuvor sollte der Wald nunmehr sowohl den gesamtwirtschaftlichen Interessen dienen als auch eine hohe einzelwirtschaftliche Rentabilität garantieren. Die aufkommende Industriegesellschaft benötigte zudem vermehrt Holz als Rohstoff. Da Holz einen langfristigen Produktionszyklus aufweist, musste Nachhaltigkeit angestrebt werden: Es darf nicht mehr eingeschlagen werden als nachwächst. Die Erfolge der neuen staatlichen Forstpolitik in allen deutschen Ländern waren groß: Die Waldflächen nahmen zu, die Holzvorräte stiegen an, der Wuchs verbesserte sich deutlich. Nicht nur immer wieder auftretende Waldschäden führten zu Korrekturen in der Forstpolitik. Auch die Funktionen, die der Wald zu erfüllen hat, werden entsprechend den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen neu definiert. Gegenwärtig ist vor allem die ökologische Funktion des Waldes in den Vordergrund getreten. Angestrebt wird heute der naturnahe, nachhaltig bewirtschaftete Wald. Red.

"Lothar" war schon der zweite "Jahrhundertsturm" innerhalb eines Jahrzehnts

Als Ende 1999 beim Übergang ins neue Millennium eine große Katastrophe durch den weltweiten Absturz der Computer befürchtet wurde, baute sich über dem Atlantik ein Zyklon gewaltigen Ausmaßes auf. In den Vormittagsstunden des 26. Dezembers 1999 überfiel der Orkan namens "Lothar" Frankreich, Teile Süddeutschlands, v. a. Baden-Württemberg, und die Schweiz. Dieser zweite "Jahrhundertsturm" innerhalb eines Jahrzehnts (!) hinterließ eine breite Spur der Verwüstung.
Der Sturmholzanfall wird in Europa auf mindestens 180 Mio. Festmeter geschätzt, auf ca. 500 000 Hektar oder 5000 qkm sind überwiegend ältere, ertragreiche Wälder verwüstet worden (12).
Im engeren Bereich der Sturmbahnen war kein Waldtyp gegen die Zerstörung gefeit, was nicht umfiel, wurde gebrochen oder zerfetzt.
Ein solches Ereignis führt im Allgemeinen zu heftigen, wenn auch meist nicht langlebigen, öffentlichen Diskussionen über Ursachen und Konsequenzen. Wirkt sich die Erwärmung der Erdatmosphäre bereits aus oder liegt ein wichtiger Grund auch in den Veränderungen des Waldzustandes?
Im folgenden Beitrag wird vor allem der zweite Teil der Frage behandelt, es werden die waldbaulichen Ziele seit 1800 beschrieben und die tatsächliche Waldentwicklung dargestellt und gewürdigt. Als Beispiel wird Baden-Württemberg gewählt, weil für den 836 000 Hektar großen Staats- und Körperschaftswald gesichertes statistisches Material vorliegt und weil der Verfasser vor allem in Baden-Wüttemberg berufliche Erfahrung gesammelt hat. Eine Übertragung dieser Ergebnisse auf andere Bundesländer ist in begrenztem Umfang möglich, weil die regionalen forstlichen Entscheidungen schon immer von den großräumigeren natürlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen entscheidend beeinflusst wurden.


Abb. 1: Das war nicht "Lothar", sondern "Wiebke": zwei Jahrhundertstürme in einem Jahrzehnt. Foto: Archiv Landesverwaltung Baden-Württemberg 

Ursprünglich war Deutschland weitgehend ein Buchenland

Das ursprüngliche Waldkleid, wie es bestand, bevor der Mensch wesentlich auf den Wald einwirkte, wurde von Laubbäumen bestimmt, wobei die Buchen vorherrschten. Baden-Württemberg war, ebenso wie die Bundesrepublik, ursprünglich ein Buchenland. Von den Nadelbäumen bedeckten allein die Tannen wesentliche Waldflächen, vor allem in den montanen Klimabereichen der Mittelgebirge. Fichten und Kiefern kamen nur in unbedeutendem Umfang auf Sonderstandorten und in Hochlagen vor (13).
Zivilisatorische und wirtschaftliche Entwicklungen veränderten die Verteilung und den Aufbau der Wälder im Laufe der Zeit ganz entscheidend. Die Rodungsphase ist um 1300 n. Chr. mehr oder weniger abgeschlossen. Die fruchtbaren Landesteile werden überwiegend landwirtschaftlich genutzt, nur in den klimatisch benachteiligten Gebieten bleiben vorerst größere Wälder mit erheblichen Holzvorräten erhalten. Überall sind die Wälder vielfältigen Nutzungen unterworfen, sie dienen neben der Holz- und Streunutzung insbesondere als Weideflächen für das Vieh (9).
Mit wachsender Bevölkerung nach dem 30-jährigen Krieg wird Holz als der entscheidende Bau- und Werkstoff sowie Energieträger im sog. hölzernen Zeitalter knapper und wertvoller. Übernutzungen und dadurch eine schleichende Zerstörung der Wälder führen in den dichter besiedelten Gebieten schon in der beginnenden Neuzeit zur Holzverknappung. Die Landesherrn versuchen, mit Forstordnungen die Nutzung der Wälder zu regeln und Waldzerstörungen einzudämmen - oftmals vergeblich. Die entlegenen Wälder der Mittelgebirge werden dann im 17. und 18. Jahrhundert von Handelsgesellschaften systematisch ausgebeutet, das Holz zu großen Teilen auf dem Wasserweg mit Flößen außer Landes gebracht (17). Am Ende des 18. Jahrhunderts erreicht der Waldzustand in Baden-Württemberg seinen tiefsten Stand.

Reiseberichte um 1800 beschreiben den Schönbuch als kahle Weide

Statistische Unterlagen fehlen aus jener Zeit, ein ungefähres Bild lässt sich jedoch aus Waldbeschreibungen, Reiseberichten und Landschaftsbildern zusammensetzen: Bildpaare gleicher Landschaftsausschnitte von einst und heute zeigen ebenso wie frühe Wald- und Landschaftsbeschreibungen eindrucksvoll, wie weit die Waldfläche zurückgedrängt und die Substanz des Waldes beeinträchtigt waren. Im Jahr 1803 beschreibt Oberforstmeister von Moltke den Schönbuch, ein heute großes und geschlossenes Waldgebiet südlich von Stuttgart:
"Der Schönbuch besitzt mehr kahle Weiden als Waldungen. Bisher waren auf den Viehweiden noch ziemlich Eichen und Buchen gestanden, die vor allem des Äckerichs wegen geschont wurden. Jetzt ist es anders. Man kann auf 100 Morgen großen öden Platten oft keine einzige Eiche sehen" (23).
1797 hält Goethe bei einer Durchfahrt nach Italien den Schönbuch für eine Weide (23).
Eine Kommission mehrerer Oberforstmeister des Schwarzwaldes kommt 1726 zum "Ergebnis, dass die transportgünstig gelegenen Wälder des Schwarzwaldes ziemlich ausgehauen seien, dass man aber in den weiter als zwei Stunden von den Floßstraßen entfernten Waldungen große Mengen Floßholz jeder Art hauen kann" (18). Nach SCHEIFELE liegt 1819, also knapp 100 Jahre später, der württembergische Staatswald im Nordschwarzwald zu einem Drittel kahl. Der Herrenalber Klosterwald besteht 1782 zu 40 % aus kahlen Heidbergen (17).

Tief greifende Veränderungen im Gefolge der Französischen Revolution

Die freiheitlichen Ideen der Französischen Revolution beenden mit zeitlicher Verzögerung auch in Süddeutschland die absolutistischen Herrschaftsstrukturen einschließlich der barocken Jagdausübung und Wildhaltung, sie verändern die Rechts- und Verwaltungsstrukturen und wirken sich auch auf Wald und Waldwirtschaft aus.
Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts werden in den neu gebildeten Ländern Baden und Württemberg weit reichende forstgesetzliche und waldbauliche Regelungen erlassen. Die usprünglich an den Bedürfnissen der herrschaftlichen Jagd orientierte Forstverwaltung wird umgebildet und auf das Leitbild einer nachhaltigen, planmäßigen und pfleglichen Waldbewirtschaftung ausgerichtet. Das höhere Forstpersonal wird an den Universitäten Heidelberg, Karlsruhe und Hohenheim wissenschaftlich ausgebildet.
Die wichtigsten forstlichen Ziele im 19. Jahrhundert sind

  • die Erhaltung und Mehrung der noch vorhandenen Waldfläche,
  • die Ablösung der Nutzungsrechte Dritter und
  • die Steigerung der Holzproduktion.

Gegen Ende des Jahrhunderts rücken wirtschaftliche Aspekte, nämlich die Bereitstellung von Nutzholz für Wirtschaft und Gewerbe, und eine möglichst hohe Verzinsung des investierten Kapitals stärker in den Vordergrund. Die Erzeugung von Nutzholz hat absoluten Vorrang vor der "bloßen Brennholzwirtschaft". Die Niederwaldwirtschaft wird deshalb weitgehend aufgegeben, Mittelwälder werden zunehmend in schlagweise Hochwälder überführt.
Die gesteckten Ziele sind überwiegend erreicht worden: Die Waldfläche wurde nicht nur erhalten, sondern vergrößert, die weitläufigen Ödflächen wurden - v. a. mit Fichten und Kiefern - aufgeforstet und zuwachsschwache Laubwälder in leistungsfähige, gemischte oder reine Nadelwälder umgewandelt. Dazuhin konnten die lästigen Holznutzungsrechte und die waldschädigenden Streu- und Weiderechte abgelöst werden. Alles in allem weist das 19. Jahrhundert mit dem gelungenen Wiederaufbau der devastierten Wälder und mit der deutlichen Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit eine bemerkenswert positive Bilanz auf.


Abb. 2: Alpirsbach im Schwarzwald - 1839 und heute. Foto: Müller, Freudenstadt 

 

Volkswirtschaftliche Produktivität hat Vorrang vor privatwirtschaftlicher Rentabilität

Der einzelstammweise oder kleinflächige Holzeinschlag, ausgerichtet an den jeweils örtlichen Bedürfnissen, war vor dem 19. Jahrhundert wohl das gängige Verfahren der Holznutzung. Davon abweichend wurden die Wälder in den abgelegenen Mittelgebirgen, v. a. im Schwarzwald, im 17. und 18. Jahrhundert von großen Holzhandelsgesellschaften im Kahlschlagsverfahren genutzt und ausgebeutet. Beide Nutzungsformen führten in Verbindung mit Übernutzung, Waldweide und Weidbrennen zu den bereits erwähnten, unbefriedigenden Verhältnissen, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Baden-Württembergs Wälder die Regel waren.
Erst als zu Beginn des 19. Jahrhunderts funktionsfähige Forstverwaltungen mit sachkundigem Personal und wirksame Waldgesetze zur Verfügung standen, konnte das bereits früher sporadisch begonnene Aufbauwerk fortgesetzt und intensiviert werden.
In Baden erging 1810 eine grundlegende Verordnung zur Bewirtschaftung der Wälder. Ganz im Sinne der überkommenen Forstordnungen beginnt auch diese Vorschrift mit der Klage über die Nichtbeachtung geltenden Rechts und über den schlechten Zustand vieler Waldungen, dem entgegengewirkt werden müsse. Zwei Vorwürfe werden erhoben, nämlich der Unfug regelloser Waldbewirtschaftung und die verderbliche Methode kahler Abtriebshiebe (10). Man erhofft sich, durch die Einführung des HARTIG'schen Dunkelschlags (später Schirmschlag genannt), Naturverjüngung auf großer Fläche.
Das Badische Forstgesetz von 1833 gestattet den Kahlhieb nur ausnahmsweise mit forstbehördlicher Genehmigung. Die Plenter- oder Femelwirtschaft - das heißt, die einzelstammweise Nutzung der Bäume - ist verboten. Das allein vorgesehene Verjüngungsverfahren ist der Schirmschlag, dessen einzelne Phasen im Gesetz detailliert vorgeschrieben sind. Aus dem Schirmschlag entwickelt sich durch Verlängerung des Verjüngungszeitraumes von 10 bis 20 auf wenigstens 30 Jahre der badische Femelschlag.
In den Laubwaldgebieten dominiert der Gemeindewald, dort war der Mittelwald weit verbreitet. Seine Überführung in Laubhochwälder bzw. die Umwandlung in Nadelwälder beginnt im Staatswald um 1840, in den Körperschaftswäldern in der Regel erst gegen Ende des Jahrhunderts. Eine Spezialität sind die Plenterwälder des mittleren Schwarzwaldes. Dort hat sich - trotz Verbotes durch das Badische Forstgesetz von 1833 - die einzelstammweise Nutzung von Starkholz in Verbindung mit Holländerhandel und Flößerei über Jahrhunderte erhalten und dort finden sich auch heute noch prächtige, ausgereifte und leistungsfähige Plenterwälder, v. a. im Bauernwald.
"Um die Jahrhundertwende herrschte" - wie EICHHORN sich ausdrückte - "im Gegensatz zu der lebhaft vorwärts drängenden Wirtschaft und Technik, in allen deutschen Forstverwaltungen 'eine Art Ruhezustand'. Man trieb eine ausgesprochen konservative Waldwirtschaft, freute sich der steigenden Holzvorräte als Folge der Aufbauarbeit des vergangenen Jahrhunderts und pflegte unter dem Einfluss Karl GAYER's, wo immer nur möglich, natürliche Verjüngung und Mischwald. Rechnen war im Wald verpönt" (7).
Die volkswirtschaftliche Produktivität hatte - zumindest im Staatswald - damals Vorrang vor der privatwirtschaftlichen Rentabilität.
In Württemberg wurden 1818 "Allgemeine Grundsätze für die Bewirtschaftung der Staatsforste" und 1819 eine "Technische Anweisung für das Forstpersonal" erlassen. Diese sehr allgemein gehaltenen Vorschriften wurden 1862-65 dem forstlichen Wissensstand angepasst und insbesondere nach fünf großen Wuchsgebieten differenziert (1).
Als Betriebsart wird im Allgemeinen der schlagweise Hochwald bindend vorgeschrieben. Mittel- und Niederwälder (Ausnahme Eichenschälwald) sollen umgewandelt werden, anstelle "bloßer Brennholzwirtschaft" soll "überall auf die Erzielung möglichst vielen und wertvollen Nutzholzes" gesetzt werden. In den Laubwaldgebieten soll die "Buche künftig nicht mehr in reinem Stande, sondern immer nur noch in der Mischung mit solchen Holzarten erzogen werden, die vieles und wertvolles Nutzholz liefern".
Für die Nadelholzgebiete gilt grundsätzlich, dass "bei der natürlichen wie bei der künstlichen Verjüngung die Nachzucht gemischter Bestände anzustreben" ist. "Eine mäßige Einmischung der Buche in die Nadelholzbestände erscheint zwar stets wünschenswert, weil die Buche den Boden verbessert und zur Erhaltung des Bestandesschlusses beiträgt" (1). Die natürliche Verjüngung der Wälder erfolgt überwiegend nach dem von G. L. HARTIG beschriebenen und weiterentwickelten Schirmschlagverfahren. Beim Bestockungsumbau, insbesondere bei der Umwandlung der Mittelwälder, werden im allgemeinen Kahlhiebe geführt, in mehr oder weniger breiten Streifen von Nordosten nach Südwesten mit nachfolgender Bodenbearbeitung sowie Saat und Pflanzung.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts tritt der streifenweise Kahlhieb mit Saat und Pflanzung von Nadelbäumen immer mehr in den Vordergrund. Auch die höhere Wertschätzung der Tanne gegenüber der Fichte wird nach und nach verlassen und die Fichte bevorzugt (8).


Abb. 3: Vorratsreicher Fichtenwald mit Naturverjüngung.
Foto: Landesbildstelle Baden
 


Abb. 4: Eichen-Wertholz - gepflanzt und gepflegt im 19. Jahrhundert.
Foto: Landesbildstelle Baden 

Mit welchem Waldbauverfahren lässt sich eine maximale Rendite erzielen?

Das beginnende 20. Jahrhundert stellt andere Anforderungen an den Wald. Baden und Württemberg entwickeln sich von Agrar- zu Industrieländern. Die Erschließung des Landes mit Eisenbahnen ist weitgehend abgeschlossen. Steinkohle steht als Energieträger zur Verfügung. Brennholz verliert an Wert, Nutzholz ist gefragt, sein Aufkommen muss gesteigert werden (3).

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Der erwerbswirtschaftliche Charakter der Forstwirtschaft tritt stärker in den Vordergrund. Die höchste Verzinsung des investierten Kapitals bzw. die maximale Wald- oder Bodenrente werden zu dominierenden Leitbildern (2). Das bedeutet im Wesentlichen den Abbau der als zu hoch angesehenen Holzvorräte, die Herabsetzung der Umtriebszeiten, einen verstärkten Anbau von Nadelbäumen und die Intensivierung der Durchforstung. Dieser veränderten waldbaulichen Zielsetzung kommt entgegen, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den inzwischen vorratsreicheren Nadelwäldern größere Sturmschäden auftraten. Als Ursache wird im wesentlichen der Femelschlag und die Auflichtung der Bestände, jedenfalls generell mangelnde räumliche Ordnung bei der Hiebsführung ausgemacht. In der saumweisen Verjüngung der Wälder und in der konsequenten Anwendung der räumlichen Ordnung durch Trauf- und Deckungsschutz wird eine Möglichkeit gesehen, rationelle und sichere Waldwirtschaft zu betreiben.
So entstehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Baden-Württemberg drei in der Literatur ausführlich beschriebene Waldbauverfahren:

  • der Schirmkeilschlag von EBERHARD im Forstamt Langenbrand (5),
  • der Keilschirmschlag von PHILIPP im benachbarten Forstamt Huchenfeld (14) und
  • der Blendersaumschlag von WAGNER im Forstamt Gaildorf (19).


Abb. 5: Naturnaher Mischwald - Garant für optimale Erfüllung der Funktionen des Waldes. Foto: Landesbildstelle Baden 

PHILIPP führt als späterer Leiter der Landesforstverwaltung in Baden sein örtlich erprobtes Waldbauverfahren als generelles Betriebssystem ein. Auch WAGNERÕs Blendersaumschlag wird von seinem Nachfolger im Amt des Leiters der Württembergischen Forstdirektion als allein gültiges Waldbauverfahren bindend vorgeschrieben. Beiden Betriebssystemen bleibt der waldbauliche Erfolg weitgehend versagt, sie werden von Anfang an auch massiv kritisiert. So setzt sich z. B. DIETERICH in einem Vortrag vor dem Württembergischen Forstverein 1926 engagiert für die Wiederherstellung der waldbaulichen Freiheit ein. Er wendet sich grundsätzlich gegen jede waldbauliche Meisterlehre, welche die Alleinrichtigkeit und Allgemeineinführung einzelner Hiebs und Verjüngungsarten vertritt. Die Schranken der waldbaulichen Freiheit sind für ihn allein die Naturgesetze, die wirtschaftlichen Verhältnisse, der Wille des Waldbesitzers und über allem das Gebot der Nachhaltigkeit (4).
Bereits nach wenigen Jahren werden die Nachteile der schematischen Anwendung beider Verfahren offenkundig, die bindenden Vorschriften werden aufgehoben und der waldbaulichen Entwicklung wieder freiere Bahnen gegeben.

Kahlflächen als Folgen des Zweiten Weltkriegs

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen fügen den Wäldern schmerzliche Wunden zu. Kriegsbedingte Überhiebe (150 % des Hiebsatzes), Reparationshiebe durch die französische Besatzungsmacht (8,4 Mio. Festmeter) und eine mehrjährige Borkenkäferkalamität (7,7 Mio. Festmeter) verursachen von 1936 bis 1950 etwa 80 000 Hektar Kahlflächen (6). Die Wiederaufforstung und die Befriedigung des hohen Holzbedarfs in der Notzeit unmittelbar nach dem Krieg sowie später für die rasch wachsende Volkswirtschaft bestimmen das damalige forstliche Ziel: Unter Einhaltung der Nachhaltigkeit sollen möglichst große Mengen hochwertigen Nutzholzes erzeugt und ein möglichst hoher Geldnutzen erzielt werden.

Heute gilt die naturnahe Waldbewirtschaftung als verpflichtendes Ziel

Das Europäische Naturschutzjahr 1970 und die wachsende Sensibilität der Bevölkerung für den Umweltschutz haben die forstliche Zielsetzung in der Folgezeit stark beeinflusst. Das Wirtschaftsziel höchster Wertschöpfung wird seit 1971 auf alle Funktionen des Waldes, also auch auf die Schutz- und Erholungsfunktionen angewendet. Das Landeswaldgesetz von 1976 gibt der Landesforstverwaltung einen klaren Auftrag:
"Der Staatswald soll dem Allgemeinwohl in besonderem Maße dienen. Ziel der Bewirtschaftung des Staatswaldes ist, die den standörtlichen Möglichkeiten entsprechende, nachhaltig höchstmögliche Leistung wertvollen Holzes zu erbringen bei gleichzeitiger Erfüllung und nachhaltiger Sicherung der dem Wald obliegenden Schutz- und Erholungsfunktionen".
Diese Bestimmungen gelten entsprechend auch für den Körperschaftswald. Die veränderte Gewichtung der Aufgaben und Funktionen des Waldes und die bedrohliche Entwicklung der neuartigen Waldschäden in den 80er-Jahren machen eine stärkere Berücksichtigung ökologischer Belange und walddynamischer Prozesse erforderlich und münden im Konzept "Naturnahe Waldbewirtschaftung".
Der heute in Baden-Württemberg geübte Waldbau orientiert sich an den Grundsätzen naturnaher Waldwirtschaft (20). Die wesentlichen Säulen dieses Konzeptes sind die Naturnähe und Vielfalt bei der Baumartenwahl sowie die Einbeziehung natürlicher Abläufe des Waldwachstums in den Produktionsprozess (biologische Automation). Hinsichtlich der Verjüngungsmethode gilt das Prinzip vom "freien Stil des Waldbaus". Alle zielführenden Verfahren sind möglich, die Palette reicht vom Plenterhieb bis zum Kahlhieb, z. B. bei der Umwandlung nicht standortsgemäßer Waldbestände. Die Möglichkeit der Naturverjüngung soll verstärkt genutzt und Kahlschläge weitgehend vermieden werden. Als dominierendes Verfahren kann heute der langfristige Femelschlag gelten, mit Übergang zum Plenterwald, wo immer dies sinnvoll und möglich ist.
Nach Horst STERN ist der liebe Gott für den Wald und der Förster für den Kahlschlag zuständig; in Baden-Württemberg betreiben die Förster den naturnahen Waldbau und der liebe Gott sorgt (durch Sturmereignisse) für gelegentliche Kahlflächen, die in den Jahren 1990 und 1999 jedoch unerfreulich groß ausgefallen sind.

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Abb. 5: Naturverjüngung älterer Bestände - ein wichtiges Ziel naturnaher Waldwirtschaft. Foto: Landesbildstelle Baden 

Waldentwicklung: Fichten und Buchen weisen die stärksten Flächenveränderungen auf

Seit über 150 Jahren werden die wichtigsten Strukturdaten im Staats und Körperschaftswald im 10-jährigen Abstand durch die Forsteinrichtung ermittelt. Diese Inventuren und die darauf aufbauende Forsteinrichtungsstatistik sind ein hervorragendes Instrument zur Beurteilung des Waldzustandes und seiner Veränderungen (11).
Erste sichere Ergebnisse zur Baumartenentwicklung im Staats- und Körperschaftswald liegen seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor. Damals hatten die Nadelbäume einen Anteil von 58 % (31 % Fichten, 14 % Tannen, 13 % Kiefern), Laubbäume kamen auf 42 % der Fläche vor (28 % Buchen, 6 % Eichen, 8 % sonstige Laubbäume).

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Durch Rückrechnung lässt sich das Baumartenverhältnis im Jahre 1850 näherungsweise ermitteln. Danach ergibt sich eine umgekehrte Verteilung von 42 % Nadelbäumen (20 % Fichten, 13 % Tannen, 9 % Kiefern) und 58 % Laubbäumen (40 % Buchen, 10 % Eichen, 8 % sonstige Laubbäume) (16). Nach den Ergebnissen der jüngsten Forsteinrichtungsstatistik 1987/96 haben die Nadelbäume einen Flächenanteil von 59 % (Fichte 37 %, Tanne 8 %, Douglasie 3 %, Kiefer 9 %, Lärche 2 %), Laubbäume kommen auf 40 % der Fläche vor (Buche 23 %, Eiche 7 %, sonstige Laubbäume 10 %), ein Prozent ist Blöße.
Damit zeigt sich, dass die Phase der stärksten Umwandlung und Aufforstung mit Nadelbäumen um 1850 schon weit fortgeschritten war. Von 1850 bis 1900 stieg der Nadelbaumanteil von 42 auf 58 %, er erreichte in der Forsteinrichtungsperiode 1971/80 mit 64 % seinen Höhepunkt und ging bis 1986/97 auf 59 % zurück.
Fichten und Buchen weisen die stärksten Flächenveränderungen auf, bei den übrigen Baumarten halten sie sich in engeren Grenzen.

Eine deutliche Zunahme des Holzvorrats im Wald

Eine erste sichere Aussage über den Holzvorrat stammt aus der badischen Forsteinrichtungsstatistik von 1862. Damals betrug der Holzvorrat:

  • 163 Vfm/ha1 im Staatswald und
  • 126 Vfm/ha im Körperschaftswald.

Er ist bis 1965 in Baden auf 247 Vfm/ha im Staatswald und 235 Vfm/ha im Körperschaftswald angestiegen (23). Das bedeutet eine Steigerung um 52 % im Staatswald und um 87 % im Körperschaftswald in etwa 100 Jahren.
Der Anstieg des Holzvorrats setzte sich in den vergangenen drei Jahrzehnten weiter fort, von 261 Vfm/ha (1965) auf 334 Vfm/ ha (1992) im Staats- und Körperschaftswald Baden-Württembergs; das ist ein Vorratsanstieg von 28 % in 27 Jahren oder ein jährlicher Vorratsaufbau von 2,7 Vfm/ha.
Die Vorratsentwicklung in absoluten Zahlen zeigt einen - auch messtechnisch bedingten - Anstieg seit 1965 um rd. 70 Mio. Festmeter im Staats- und Körperschaftswald.

Auch beim Holzeinschlag eine beachtliche Aufwärtsentwicklung

Der Holzeinschlag zeigt eine beachtliche Aufwärtsentwicklung. Im Zeitraum 1866/75 werden im ehemaligen badischen Staatswald 3,3 Efm/ha und 1861/70 im ehemaligen württembergischen Staatswald 3,6 Efm/ha, insgesamt also 3,5 Efm/ha eingeschlagen. Etwa 100 Jahre später ist der Holzeinschlag im Staatswald Baden-Württembergs auf 6,0 Efm/ha oder 171 % angestiegen (16). Das entspricht einer Steigerung von 0,7 % pro Jahr. Noch stärker stieg der Holzeinschlag nach 1961, von 6,0 Efm/ha (1961/70) auf 8,6 Efm/ha (1991/98). Das sind 43 % in 29 Jahren oder 1,5 % pro Jahr.

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Die günstigere Verteilung der Altersklassen erhöht möglicherweise das Risiko von Sturmschäden

Das traditionelle baden-württembergische Forsteinrichtungsverfahren ordnet die Waldbestände nach ihrem jeweiligen durchschnittlichen Alter einer entsprechenden 20-jährigen Altersklasse zu. Die sich daraus ergebende Alterklassenverteilung war bisher relativ ausgeglichen. Dies ist ein Hinweis auf eine langfristig nachhaltige Waldbewirtschaftung.
Die verstärkte Ausrichtung des Waldbaus auf Wertholzerzeugung in strukturreichen Wäldern samt einzelstammweiser Nutzung und Naturverjüngung haben in den vergangenen vier Jahrzehnten zu deutlichen Veränderungen der Altersklassenverteilung geführt:
Die Fläche der I. Altersklasse hat sich stark verringert, der größte Teil der Verjüngung befindet sich unter dem Schirm älterer Bestände, deren Flächenanteil sich erhöht hat. Ebenso hat die Plenterwaldfläche zugenommen.
Die Verminderung der Fläche jüngerer Altersklassen und die Verstärkung des Anteils der produktiveren, älteren Bestände steigert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Betriebe ebenso wie den ökologischen Wert der Wälder. Möglicherweise wird aber das Risiko von Sturmschäden erhöht.

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Die Wuchsleistung hat sich deutlich erhöht

Die Entwicklung der Bonitäten (das ist der Maßstab für die Wuchsleistung) zeigt einen zum Holzeinschlag nahezu parallel verlaufenden Anstieg. Im ehemaligen badischen Landesteil hat sich die Wuchsleistung der Wälder von 1862 bis 1965 nahezu verdoppelt. Seit 1965 wird eine weitere kontinuierliche Erhöhung im Staats- und Körperschaftswald Baden-Württembergs festgestellt, von 7,2 Vfm/ha (1961/70) auf 8,1 Vfm/ha (1981/90).
Die wesentlichen Faktoren für die höhere Wuchsleistung sind - weiter zurückliegend - die Verbesserung der Humusverhältnisse nach Einstellung von Streunutzung und Waldweide. In jüngerer Vergangenheit wirken sich veränderte Umwelt- und Ernährungsbedingungen aus, insbesondere der vermehrte Stickstoffeintrag, ein erhöhter CO2-Gehalt der Atmosphäre, möglicherweise auch schon die verlängerte Vegetationsperiode infolge der veränderten klimatischen Verhältnisse. Wahrscheinlich wirken Kahlschlagsverzicht und Strukturreichtum (Mischung und Stufigkeit) ebenfalls spürbar zuwachserhöhend.

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Langfristig sollen Nadel- und Laubbäume zu gleichen Teilen vertreten sein

Die Entwicklung der Betriebszieltypenplanung zeigt den Wandel der waldbaulichen Ziele in den vergangenen Jahrzehnten deutlich.
In den 60er- und 70er-Jahren war die Steigerung der Produktionsleistung und die Heilung der kriegsbedingten Wunden vordergründig. Es wurden sehr viele fichten- und douglasienbetonte Kulturen angelegt.
In den 80er-Jahren wurde der Anteil der Laubbäume bei der Betriebszieltypenplanung deutlich erhöht. Diese stärkere Berücksichtigung von Baumarten der potenziellen natürlichen Waldgesellschaft am künftigen Waldaufbau entspricht den Zielen eines multifunktionalen, naturnahen Waldbaus und wurde nach den Stürmen 1990 durch die konsequente Umwandlung labiler Fichtenbestände in stabilere Mischwälder weiter verstärkt (21). Die derzeitige Baumartenplanung verfolgt das langfristige Ziel, dass Nadel- und Laubbäume mit etwa gleichen Anteilen im Staats- und Körperschaftswald vertreten sein sollen.

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Die Wilddichte auf ein waldverträgliches Maß beschränken

Viele Wildtierarten haben im Wald ihren angestammten Lebensraum und sollen ihn auch behalten. Wald und Wild gehören untrennbar zusammen; eine andere Sichtweise lässt die ganzheitliche Betrachtung des Waldes als Ökosystem auch gar nicht zu.
Besonderen Schutz bedürfen seltene, vom Aussterben bedrohte Arten. Falls erforderlich müssen ihre Lebensräume gezielt gepflegt werden.
Pflanzenfressenden Schalenwildarten (v. a. Reh- und Rotwild) müssen bejagt und in ihrer Dichte (das ist die Zahl der Individuen pro Flächeneinheit) so begrenzt werden, dass eine ordnungsgemäße Waldbewirtschaftung nachhaltig möglich ist und Schäden durch Wild am Wald möglichst vermieden werden. Die zahlenmäßige Begrenzung der Schalenwilddichte auf ein waldverträgliches Maß gehört deshalb zu den wichtigen forstwirtschaftlichen Zielen.
Seit 1980 wird die Verbissintensität durch Reh- und Rotwild sowie die erforderlichen Schutzmaßnahmen gegen Wildschäden im "Forstlichen Gutachten" im 3-jährigen Turnus durch die Forstämter revierweise überprüft und mit den Jägern erörtert. Seither hat sich die Situation insofern entspannt, als die Zahl der Reviere mit überhöhten Schalenwildbeständen geringer geworden ist.
Verbissschäden sind bei Eichen und Tannen noch relativ hoch, Buchen können wieder überwiegend ohne Schutzmaßnahmen verjüngt werden. Fichtenverbiss ist in den Nadelwaldgebieten kein Problem mehr (22). (Übersicht 4). Schälschäden durch Rotwild kommen nur noch vereinzelt vor.

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Die wachsende Weltbevölkerung lässt die Produkte des Waldes knapper werden

Nachhaltige Forstwirtschaft ist ihrem Wesen nach langfristig. Forstwirtschaftliche Maßnahmen wirken in eine ferne Zukunft hinein, die wir ebenso wenig kennen wie die Bedürfnisse der dann lebenden Menschen mit ihren Ansprüchen an den Wald und seine Produkte. Andererseits sind viele ältere Bestände, die vor Jahrzehnten, z. T. vor mehr als einem Jahrhundert, unter völlig anderen zivilisatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entstanden sind, durchaus in der Lage, die vielfältigen Ansprüche der Gesellschaft an den Wald auch heute noch zu erfüllen. Das gibt Hoffnung für das schwierige Geschäft der forstlichen Futurologie, für die Frage also, welche Wälder heute begründet werden sollen und welche Aufgaben die Wälder in Zukunft zu erfüllen haben.
Seit der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 besteht auch im politischen Raum weitgehend Übereinstimmung, dass die Bedeutung der Wälder wächst, und dass weltweit Anstrengungen unternommen werden müssen, die Waldfläche zu erhalten und zu mehren sowie die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder sicherzustellen.
Die wachsende Bevölkerung - die jüngst die 6-Milliarden-Grenze überschritten hat -, der zunehmende Holzverbrauch pro Kopf der Bevölkerung und die abnehmende Waldfläche - jährlich gehen nach dem Waldbericht der Vereinten Nationen über 11 Mio. Hektar verloren - sind sichere Indizien dafür, dass alle Produkte des Waldes knapper und alle seine Funktionen wichtiger werden.

Auch die ökologische Bedeutung des Waldes nimmt zu

Schwieriger ist die Abschätzung der Veränderungen der Umwelteinflüsse auf den Wald.
Die Erwärmung der Erdatmosphäre ist nachgewiesen, sie wird sich wegen der weiterhin steigenden Konzentration der klimabeeinflussenden Gase, v.a. Kohlendioxid und Methan, fortsetzen.
"Lothar", der zweite sog. Jahrhundertsturm innerhalb von 10 Jahren, muss als nicht zu übersehender Hinweis (Menetekel?) auf die Zunahme der Häufigkeit und Heftigkeit schwerer Orkane in Mitteleuropa gewertet werden. Darauf müssen sich die Waldbesitzer einrichten und sie gehen insofern schwierigen Zeiten entgegen. Da aber Ausmaß und Geschwindigkeit der Klimaentwicklung zu unsicher sind, als dass waldbauliche Ziele derzeit grundsätzlich neu definiert werden könnten, liegt der Schwerpunkt waldbaulichen Handelns in der konsequenten Fortsetzung der Stabilisierung des Waldgefüges. Das bedeutet v. a. den kostenaufwändigen Umbau labiler Waldbestände. Standortgerechte, vielfältige und strukturreiche Wälder dürften am ehesten in der Lage sein, auf Umweltveränderungen elastisch und flexibel zu reagieren. An der schnellen und deutlichen Reduktion der treibhausrelevanten Gase führt jedoch kein Weg vorbei, wenn Klimaveränderungen mit nicht kalkulierbaren Folgen vermieden werden sollen.
Wälder sind wirkungsvolle Sammler von Kohlendioxid, das im Holz über längere Zeiträume hinweg gespeichert werden kann. Deshalb sind auch in einem dicht besiedelten, industriereichen und relativ wohlhabenden Land wie Baden-Württemberg die Erhaltung der Waldfläche, womöglich auch ihre Vermehrung, sowie die Erhaltung der Gesundheit und Funktionsfähigkeit der Wälder vorrangige forstpolitische Ziele. Ebenso unverzichtbar ist die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, die immer noch unter dem Eintrag von Luftschadstoffen leidet.
Die Waldbewirtschaftung muss sich auch künftig an den standörtlichen Gegebenheiten orientieren und insofern naturnah sein. Nur von stabilen und relativ vorratsreichen Wäldern können optimale Erträge, materieller und imaterieller Art, erwartet werden.
Bei der Waldbewirtschaftung muss ein Ausgleich gefunden werden zwischen den Interessen des Waldeigentümers und den Ansprüchen der Gesellschaft an den Wald. Die zentrale Aufgabe ist die Optimierung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Leistungen des Waldes. Im Fall von Zielkonflikten haben, zumindest im Staatswald Baden-Württembergs unter den heutigen Rahmenbedingungen, die Schutz- und Erholungsfunktionen Vorrang vor der Holzproduktion.
Nachhaltige Waldbewirtschaftung, wie sie in Mitteleuropa seit etwa 200 Jahren erfolgreich betrieben wird, ist ein zukunftsfähiges Modell für den verantwortlichen Umgang mit einer natürlichen Ressource. Das Grundprinzip nachhaltigen und naturverträglichen Handelns sollte weltweit umgesetzt und auch in andere Bereiche von Wirtschaft und Politik hineingetragen werden (15).

Literaturhinweise

1  Allgemeine Grundsätze und Regeln für den Wirtschafts- und Culturbetrieb in den Staatswaldungen des Königreichs (1862-1865), Stuttgart.

2  Allgemeine Wirtschaftsgrundsätze der württembergischen Staatsforstverwaltung (1921), Stuttgart.

3  BRANDL, H. (1992): Entwicklungen und Tendenzen in der Forstgeschichte seit Ende des 18. Jahrhunderts, Mitteilungen der FVA, Freiburg, Heft 166.

4  DIETERICH, V. (1926): Freiheit und Unfreiheit im waldbaulichen Planen und Handeln. Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 46, S. 9, Stuttgart.

5  EBERHARD, J. (1922): Der Schirmkeilschlag und die Langenbrander Wirtschaft, (FWC; S. 41).

6  GEYER, S. et al. (1985): Forstverwaltung und Forstwirtschaft des späteren Landes Baden-Württemberg 1945-52, Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 62.

7  GNÄNDINGER, H. und HASEL, K. (1980): KARL PHILIPP in Biographie bedeutender Forstleute aus Baden-Württemberg, Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 55, S. 441, Stuttgart.

8  GRANER, F. (1910): Die forstlichen Verhältnisse Württembergs, Stuttgart.

9  HASEL, K. (1985): Forstgeschichte. Verlag Paul Parey, Hamburg und Berlin.

10 HASEL, K. (1989): Kleine Beiträge zur Forstgeschichte, insbesondere in Baden, Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 67, Stuttgart.

11 MINISTERIUM FÜR ERNÄHRUNG, LANDWIRTSCHAFT UND UMWELT, (1973): Forsteinrichtungsstatistik 1961-70 für die öffentlichen Waldungen in Baden-Württemberg. (1984): 1971-80. (1994): 1981-90.

12 MINISTERIUM LÄNDLICHER RAUM, (2000): mündliche Mitteilung.

13 MOOSMAYER, H.-U. (1977): Zur regionalen waldbaulichen Planung in Baden-Württemberg, AFZ, J.

14 PHILIPP, K. und KURZ, E. (1926): Die Verjüngung der Hochwaldbestände, LangÕs Buchhandlung, Karlsruhe.

15 PRODAN, M. (1976): Verpflichtung der Forstwirtschaft und der Forstwissenschaft, AFZ.

16 RIEDL, W. (1978): Forsteinrichtungsstatistik 1961 bis 1970 für die öffentlichen Waldungen in Baden-Württemberg, Teil II - Auswertung, Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 52, Stuttgart.

17 SCHEIFELE, M. (1996): Als die Wälder auf Reisen gingen, Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 77, Stuttgart.

18 VOLK, H. (1969): Untersuchungen zur Ausbreitung und künstlichen Einbringung der Fichte im Schwarzwald, Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 28, Stuttgart.

19 WAGNER, C. (1912): Der Blendersaumschlag und sein System, Tübingen.

20 WEIDENBACH, P., SCHMIDT, J., KARIUS, K. (1989): Waldbauliche Ziele und Forsteinrichtungsergebnisse im öffentlichen Wald in Baden-Württemberg, Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 69, Stuttgart.

21 WEIDENBACH, P. (1992): 40 Jahre Baden-Württemberg; Waldbauliche Ziele und Ergebnisse, AFZ.

22 WEIDENBACH, P. (1990): Erfahrungen mit dem forstlichen Gutachten in Baden-Württemberg, AFZ.

23 ZEYHER, M. (1938): Der Schönbuch, Kohlhammer Verlag Stuttgart.

Anmerkungen

Anmerkung 1: "Vfm" bedeutet Vorratsfestmeter (syn. Kubikmeter), als Maßeinheit für stehende Bäume. "Efm" bedeutet Erntefestmeter als Maßeinheit für aufbereitetes Holz. 1 Efm entspricht 0,8 Vfm. "ha" bedeutet Hektar, eine Fläche von 100 x 100 Meter.

Anmerkung 2: Betriebszieltypen sind die bei der Nutzung und Verjüngung geplanten, künftigen Waldformen.

Befindet sich die Menschheit auf dem Weg in eine selbst verschuldete Klimakatastrophe? Der vorläufige Bericht des UN-Wissen-schaftsrates zur Klimaveränderung (IPCC) sagt für das 21. Jahrhundert eine dramatische Erhöhung der Temperaturen voraus. Durch die Erderwärmung werden die Meeresspiegel im Vergleich zu 1990 um 14 bis 80 Zentimeter steigen, die Schnee- und Eisflächen werden zurückgehen. Verantwortlich dafür ist der weiterhin ungebremste weltweite Ausstoß von Treibhausgasen wie zum Beispiel Kohlendioxid (C02), das mit 64 Prozent den höchsten Anteil hat.  Globus
 

 


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