Zeitschrift Der deutsche Wald Mehr als ein Rohstofflager Der Wald weltweit – ein Zustandsbericht |
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Eine wichtige Säule nationaler wie globaler nachhaltiger Entwicklung Von Dietrich Burger und Barbara von Kruedener Dr. Dr. h.c. Dietrich Burger und Barbara von Kruedener sind Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn, Abteilung Ländliche Entwicklung, Arbeitsfeld Nutzung und Sicherung natürlicher Ressourcen. Eine drohende Klima-Katastrophe kann nur abgewendet werden, wenn weltweit die Wälder besser geschützt werden. Doch immer noch müssen bis zu zwei Drittel des Holzes für die Gewinnung von Energie, für Heizzwecke verwendet werden. Raubbau kommt hinzu, der sich letztlich volkswirtschaftlich nicht einmal rechnet. Dass Nachhaltigkeit Vorteile bringt, muss vielfach erst noch gelernt werden. Internationale Vereinbarungen sollen den Wald schützen – und damit das Klima, aber auch die Artenvielfalt und damit ein ungeheures genetisches, bislang kaum genutztes Potenzial, nicht zuletzt für die Arzneimittel-Herstellung. Red. Trotz der Vielgestaltigkeit ist eine globale Betrachtung sinnvoll Trotz der Vielgestaltigkeit der Wälder weltweit und ihrer unterschiedlichen lokalen Bedeutung ist eine globale Betrachtung des Waldes und seiner Entwicklung sinnvoll. In dieser globalen Betrachtung werden besonders die Wechselwirkungen des Waldes mit weltweiten Entwicklungen in Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft beleuchtet. Die derzeitige Diskussion um die klimaregulierende Wirkung von Wäldern wird wegen ihrer Aktualität besonders eingehend behandelt. Wichtige Themen sind die wirtschaftlichen – illustriert am Beispiel der Boom-Kollaps-Dynamik im Amazonaswald – und sich zunehmend zu einer stärkeren Einbeziehung der Zivilgesellschaft ändernden sozio-politischen Rahmenbedingungen für Waldwirtschaft. Derzeitige Entwicklungen in der internationalen Waldpolitik, einschließlich nicht-staatlicher Initiativen wie der forstlichen Zertifizierung, runden den Sachstandsbericht ab, um die Bedeutung des Waldes für nachhaltige Entwicklung verständlich zu machen. Wechselwirkung zwischen Wald und Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft Wald tritt weltweit außerordentlich vielgestaltig auf. Je nach Klima, Boden und Höhenlage entwickeln sich unterschiedlichste Waldformationen, von den borealen Nadelwäldern im Norden mit Extremtemperaturen bis –78 °C und nur 3–5-monatiger Vegetationszeit bis zu den tropischen Regenwäldern am Äquator mit 12-monatiger Vegetationsperiode, von den Mangrovenwäldern, die bei Flut bis zu den Kronen unter Wasser stehen, bis zum Dornwald, in dem bis zu 10 Monate lang mehr Wasser verdunstet, als Regen fällt. Auch die wirtschaftliche Bedeutung der Wälder ist außerordentlich unterschiedlich und ebenso die Wechselbeziehungen zwischen Gesellschaft und Wald.
Trotz dieser Vielgestaltigkeit ist eine globale Betrachtung des Waldes und seiner Entwicklung angebracht. Auch Wälder sind nämlich von weltweiten Entwicklungen in Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft betroffen und sie beeinflussen ihrerseits Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Wälder können ein sehr wesentliches Element für nachhaltige Entwicklung darstellen, sowohl lokal wie global. Um die Rolle von Wäldern für nachhaltige Entwicklung zu verstehen und beeinflussen zu können, müssen neben der Entwicklung der Waldflächen auch die Wechselbeziehungen zwischen Wald und Umwelt, Wald und Wirtschaft sowie Wald und Gesellschaft berücksichtigt werden, ebenso derzeitige Initiativen internationaler Waldpolitik.
Auf den folgenden Seiten sollen diese Aspekte beleuchtet, aber keinesfalls ausgeleuchtet werden; keiner kann hier auch nur annähernd umfassend behandelt werden. Ziel ist lediglich, beispielhaft die vielfältige Vernetzung von Wald mit unterschiedlichen Dimensionen global nachhaltiger Entwicklung zu illustrieren und Verständnis zu wecken für Sachstand und Bedeutung internationaler Waldpolitik. Nachdem die Verhandlungen zur Umsetzung des Kioto-Protokolls1 im November 2000 in Den Haag, an denen mehrere tausend Vertreter der Vertragsstaaten teilgenommen haben und die von der gesamten Weltöffentlichkeit mit Interesse verfolgt worden sind, gerade an der Frage forstlicher Kohlenstoffsenken gescheitert sind, soll der Aspekt Wald und Umwelt, insbesondere die klimabeeinflussende Wirkung von Wald eingehender behandelt werden als die anderen Wechselbeziehungen.
Entwicklung und Verteilung der Waldflächen 25% der Erdoberfläche sind Land, insgesamt 13.048
Mio. Hektare (ha). Davon waren nach der letzten Eiszeit,
vor ca. 18.000 Jahren, 50% bewaldet. 1995 nahm der Wald
mit 3.454 Mio. ha nur noch 26,6 % der Landfläche ein
(FAO,1999).
Die verschiedenen Pflanzenarten wandern beim klimabedingten
Zurückweichen und Wiedervordringen des Waldes unterschiedlich
schnell. Alle ehemaligen Arten sind deshalb nur in den unberührten
Refugien erhalten; in den vom Wald wieder eroberten Gebieten
tauchen sie zunächst nicht vollzählig wieder auf,
dafür aber auch neue Arten. Die hohe Artenvielfalt
und der mosaikartige Aufbau des Amazonaswaldes gehen möglicherweise
stark auf die klimatisch bedingten Vorwärts- und Rückzugsbewegungen
des Waldes zurück.
Die Bedeutung des Waldes für die Artenvielfalt . . . Wald beeinflusst die Umwelt und deren Qualität in
vielfältiger Weise: er beherbergt Biodiversität,
schützt Böden und Gewässer und wirkt stabilisierend
auf das Klima. . . . und für Boden- und Gewässerschutz Die Blätter des Waldes schützen den Boden vor erhitzender Sonneneinstrahlung und fangen die oft sehr große Wucht aufschlagender Regentropfen ab; die große ober- und unterirdische Biomasse von Wald nimmt das Regenwasser wie ein Schwamm auf und gibt einen Teil langsam über die Blattverdunstung in die Luft zurück, einen anderen Teil lässt er langsam und gefiltert in das Grundwasser sickern. Dadurch werden Böden gegen Erosion und Überschwemmung geschützt und gleichmäßige Wasserführung von Quellen und Flüssen sichergestellt. Diese Schutzwirkungen von Wäldern werden angesichts des wachsenden Bedarfes an landwirtschaftlichen Produktionsflächen und an Wasser immer wichtiger. Nach Myers (1996) verursachte die Entwaldung von Wassereinzugsgebieten in Indien allein im Jahr 1980 einen Schaden von 1 Mrd.US-$; die vorwiegend auf Entwaldung zurückzuführenden Schäden durch Versandung von Kraftwerken und Bewässerungssystemen verursachen weltweit jährlich Verluste in Höhe von 6 Mrd. US-$. Die Klima regulierende Wirkung Wald verdunstet große Mengen an Wasser; der entstehende
Wasserdampf wird vom Wind weggetragen und damit werden Wasser
und Energie aus der Waldfläche abtransportiert. Man
kann sich etwa den tropischen Regenwald am Äquator
wie einen riesigen Wasserkessel vorstellen, der die Energie
der starken Sonneneinstrahlung nutzt, um Wasser zu verdampfen,
das als Wolken weitertransportiert wird, die sich zum Teil
nicht weit vom Entstehungsort abregnen, zum Teil bis in
die Randtropen transportiert werden. Ohne Wald würde
sich die Erde am Äquator stark erhitzen, die Randtropen
würden abkühlen; am Äquator käme es
zu großen Überschwemmungen, in den Randtropen
gingen die Niederschläge zurück. Der Treibhauseffekt mit absehbaren katastrophalen Folgen Die derzeit am heftigsten diskutierte klimaregulierende
Wirkung von Wald ist seine Fähigkeit, bei der Photosynthese
aus der Luft das Gas Kohlendioxid CO2 aufzunehmen,
das z. B. bei der Verbrennung von Öl oder Kohle entsteht,
und daraus zusammen mit Wasser organische Verbindungen herzustellen,
aus denen dann z. B. Blätter und Holz aufgebaut werden.
Bei der Verbrennung oder Verrottung von Holz läuft
der umgekehrte Prozess ab, CO2 wird wieder freigesetzt
(siehe Abb. 4). CO2 ist das wichtigste der so
genannten Treibhausgase, die in der Atmosphäre kurzwellige
Sonnenstrahlung ungehindert passieren lassen, nicht jedoch
die langwellige Wärmerückstrahlung der Erdoberfläche.
Wie der Name besagt, wirken sie wie das Glasdach eines Treibhauses,
nämlich erwärmend.
Wenn die Zunahme der Treibhausgase in der Erdatmosphäre
in dem derzeitigen Ausmaß weitergehen sollte, wäre
zu erwarten, dass die globale Mitteltemperatur alle zehn
Jahre um 0,3 °C steigen würde; in 100 Jahren würde
eine Temperatur erreicht, die auf der Erde seit 200.000
Jahren nicht vorgekommen ist. Die Folge wäre ein Anstieg
der Meeresspiegel bis zum Jahre 2100 um 70 bi s 100 cm mit
katastrophalen Folgen für viele Küstenregionen.
Aufgrund höherer Temperaturen und Verdunstungsraten
würden die Niederschläge zunehmen, allerdings
mit großen regionalen Unterschieden. Eine Temperaturerhöhung um 1 °C
würde eine Verschiebung der Vegetationszonen um 200
bis 300 Kilometer in Richtung der Pole bewirken. Mit solch
hoher Geschwindigkeit könnten die Ökosysteme nicht
mit den Grenzen der Vegetationszonen mitwandern und sie
könnten sich auch nur sehr beschränkt den neuen
klimatischen Verhältnissen an ihrem bisherigen Standort
anpassen. Die Folge wäre der Verlust zahlreicher Arten
und die zunehmende Destabilisierung der Ökosysteme.
Mit den Vegetationszonen würden sich auch die landwirtschaftlichen
Anbauzonen verschieben. Die erhöhte Temperatur könnte
möglicherweise zu einem beschleunigten mikrobiellen
Abbau des Humus im Boden führen, was zusätzliche
Freisetzung von CO2 und noch stärkere Erwärmung
bewirken würde.
Deswegen den Wald als CO2-Senke nutzen Theoretisch gibt es mehrere Möglichkeiten, die CO2
-Bilanz zu verbessern, also die weitere Zunahme von CO2
in der Atmosphäre zu verlangsamen: einerseits können
Emissionen reduziert werden, sei es durch Konsumverzicht
oder durch weniger Waldbrände – beide Möglichkeiten
sind schwer realisierbar –, durch höhere Energie-Effizienz
oder durch Nutzung alternativer Energiequellen; andererseits
kann dem Treibhauseffekt auch durch höhere CO2-Bindung
in der Biosphäre begegnet werden, etwa in Bäumen,
im Humus forstlicher und landwirtschaftlicher Böden
oder in Ozeanen, aber auch durch stärkere Verwendung
erneuerbarer Rohstoffe wie Holz. Im Kontext des Kioto-Protokolls
werden verschiedene Möglichkeiten für Maßnahmen
zur globalen Emissionsreduktion (Clean Development Mechanisms)
verhandelt. So könnten die Maßnahmen entweder
in dem Land durchgeführt werden, das seine CO2-Bilanz
verbessern will, oder ein Land könnte Reduzierungsmaßnahmen
durchführen und sich die Verbesserung der CO2-Bilanz
nicht auf die eigene Reduktionsquote anrechnen lassen, sondern
ein entsprechendes Zertifikat an ein anderes Land verkaufen.
Die Vertragsstaaten der Klima-Rahmenkonvention bzw. des
Kioto-Protokolls, das sich auf die Umsetzung dieser Konvention
bezieht, vereinbaren untereinander, welche Maßnahmen
als Beitrag zur Verbesserung der CO2-Bilanz anerkannt werden,
wie die Höhe des Beitrages bestimmt wird und ob und
wie ein Handel von entsprechenden Zertifikaten zwischen
den Ländern erfolgen darf. Ein breites Spektrum forstlicher Maßnahmen wäre erforderlich Die CO2-Bindung in Wäldern muss in diesen Verhandlungen aus mehreren Gründen eine zentrale Rolle spielen. Denn in Wäldern ist nahezu doppelt so viel Kohlenstoff gespeichert als in der gesamten Atmosphäre. Zudem kann ein breites Spektrum forstlicher Maßnahmen zum Ausgleich der CO2 -Bilanz beitragen (Burger, D.,1994):
Die Verhandlungen der Vertragsstaaten im November in Den Haag sind an der Frage der Anrechenbarkeit forstlicher CO2-Ausgleichsmaßnahmen gescheitert; man konnte sich nicht nur auf keinen Beschluss, sondern nicht einmal auf ein gemeinsames Schlusskommuniqué einigen. USA, Kanada, Japan, Australien und Neuseeland wollten erreichen, dass CO2-Bindung in Aufforstungen im eigenen Land oder der Kauf von derartigen Zertifikaten eines anderen Landes auf die Reduzierungsquote angerechnet werden kann. Umweltverbände, die Europäische Kommission und Deutschland haben sich dagegen gewehrt, weil sie befürchten, dadurch werde ein Schlupfloch geschaffen, das es reichen Industrieländern gestatte, mit relativ geringen Kosten Aufforstungen zu finanzieren, statt verschwenderischen Energieverbrauch in der eigenen Industrie und Gesellschaft zu reduzieren. Kompromiss-Suche nach dem Scheitern von Den Haag Dass die Verhandlungen gescheitert sind, ist ein Rückschlag
nicht nur für die Verhandlungsfähigkeit der Vereinten
Nationen generell, sondern insbesondere auch hinsichtlich
des Themas global nachhaltiger Entwicklung. Beide Parteien
von Den Haag müssen sich fragen lassen, ob sie ausreichend
berücksichtigt haben, dass die Klima-Rahmenkonvention,
um deren Umsetzung es ging, nicht Selbstzweck ist, sondern
in Rio 1992 als eines der Instrumente beschlossen wurde,
die global nachhaltige Entwicklung ermöglichen sollen.
Während sich die Befürworter der forstlichen Senken
offenbar stark auf die Interessen der eigenen Wirtschaft
fixierten, haben sich die Gegner möglicherweise zu
ausschließlich auf Energie- und Klimafragen konzentriert
und dabei das Oberziel global nachhaltiger Entwicklung aus
dem Auge verloren. Naturschutz ohne Wertschöpfung ist politisch und finanziell kaum durchsetzbar Die Unterscheidung der Dimensionen Umwelt, Wirtschaft
und Gesellschaft ist in Bezug auf den Wald etwas willkürlich
und nur als analytische Hilfe zu verstehen. Die drei Dimensionen
durchdringen sich nämlich immer mehr: so finden z.
B. in Naturschutzkonzepte immer mehr auch wirtschaftliche
Überlegungen Eingang; Naturschutz ohne Wertschöpfung
ist politisch und finanziell kaum mehr durchsetzbar und
deshalb nicht effizient; umgekehrt müssen aber auch
auf Gewinn orientierte Waldnutzer zunehmend Umweltgesichtspunkte
berücksichtigen. Schließlich sind sowohl Naturschutz
als auch Waldwirtschaft immer mehr darauf angewiesen, von
der lokalen Bevölkerung akzeptiert, von der städtischen
Bevölkerung politisch mitgetragen zu werden. Weltweit wird Holz zu zwei Dritteln für die Engergiegewinnung genutzt 1996 wurden weltweit 3.350 Mio. cbm Holz geerntet und
verbraucht. Interessant ist, dass davon zwei Drittel, nämlich
2100 cbm als Brennholz oder Holzkohle verwendet wurden.
In Entwicklungsländem ist der Anteil des Energieholzes
mit 8 1 % noch höher (Afrika 91 %, Asien 81%, Lateinamerika 70 %). Brennholz trägt weltweit 7 % der gesamten
Energieversorgung. In Entwicklungsländern stammen durchschnittlich
15 % des Energieverbrauches aus Brennholz und Holzkohle.
In 34 Entwicklungsländern liefern Brennholz und Holzkohle
über 70 % des gesamten Energieverbrauches. In entwickelten
Ländern liegt der Beitrag von Holz zum Energieverbrauch
bei nur 2 %. Allerdings bestehen hier große Unterschiede.
In Finnland z. B. stammen 17 % des nationalen Energieverbrauches aus Holz. In mehreren
Industrieländern wird die Energiepolitik derzeit geändert,
um die energetische Verwendung von Holz stärker zu
fördern. Es wird erwartet, dass die Nachfrage nach
Brennholz und Holzkohle weltweit bis zum Jahre 2010 um jährlich
1,1 % steigen wird (FAO, 1999).
Natürliche Ressourcen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung falsch bewertet Obwohl Waldwirtschaft in den meisten Ländern für
deren nachhaltige Entwicklung wichtig ist, kann nachhaltige
Waldwirtschaft in vielen Ländern, insbesondere in vielen
Entwicklungsländern, nicht mit anderen Landnutzungsformen
konkurrieren. Schuld an dieser paradoxen Situation sind
mehrere Verzerrungen in den Rahmenbedingungen, aber auch
Defizite in der Waldwirtschaft selbst. Fataler "Boom-Kollaps-Zyklus" im brasilianischen Amazonas-Gebiet Eine Gruppe von Forschern der Weltbank und der privaten
Forschungsorganisation IMAZON haben unlängst die Landnutzungsdynamik
im brasilianischen Amazonasgebiet untersucht (Schneider,
R. et alii, 2000) und festgestellt, dass die Entwicklung
eines Landkreises typischerweise nach dem "Boom-Kollaps-Zyklus"
verläuft. Die Sägeindustrie ist in der Landnutzung
der dominierende Sektor, sie erwirtschaftet in mehreren
Amazonasstaaten 15 % des Bruttosozialproduktes und schafft 500.000 Arbeitsplätze.
Die Sägewerker tauchen in einem Landkreis auf, besonders
nachdem dieser durch eine Straße erschlossen worden
ist, und bieten relativ hohe Preise für den Kauf stehender
Bäume. Während einer Phase von etwa 8 Jahren wird intensiv eingeschlagen, die Sägewerke
erzielen eine Rentabilität von 122 %; der Landkreis
verzeichnet hohes Wirtschaftswachstum und hohe Beschäftigung.
Auf 77% der gerodeten Flächen werden Viehweiden angelegt
mit einem mittleren Viehbesatz von 0,7 Tieren pro ha und
einer niedrigen Rentabilität von nur 4,2 %, nur in
Einzelfällen bis zu 13 %. Nach der Boom-Phase von etwa
8 Jahren sind die Wertholzstämme genutzt, es beginnt
die Nutzung geringerwertiger Bäume, Wertschöpfung
und Beschäftigung gehen deutlich zurück: Etwa
im 20. Jahr sind die Holzvorräte völlig erschöpft,
auch die letzten Sägewerke verlassen den Landkreis,
die Weiden sind bereits stark verunkrautet, das Wachstum
des Grases ist wegen Phosphormangel sehr reduziert, die
Produktivität der Weiden so niedrig, dass sie großenteils
aufgegeben werden. Der wirtschaftliche Kollaps des Landkreises
tritt ein, wer kann, wandert weiter, es entstehen wahre
Geisterstädte. Seit 1850 mehr Wald gerodet als in der Menschheitsgeschichte zuvor Seit 1850 ist mehr Wald gerodet worden als im Laufe der
gesamten Menschheitsgeschichte; seit diesem Jahr hat sich
aber auch die Zahl der Menschen von 1,3 Mrd. auf 6 Mrd.
mehr als vervierfacht. Mit steigender Bevölkerungszahl
und steigendem Konsum an Holzprodukten wächst der Druck
auf den Wald und gleichzeitig verringert sich die Waldfläche
pro Kopf der Bevölkerung. Während 1960 noch 1,2
ha pro Kopf zur Verfügung standen, waren es 1995 nur
noch die Hälfte, 0,6 ha/Kopf, und für 2025 wird
mit 0,4 ha/Kopf gerechnet. Die Schere zwischen Bevölkerungswachstum
und Waldabnahme bringt bereits kritische Situationen hervor:
derzeit leiden etwa 250 Millionen Menschen in 20 Ländern
unter Mangel sowohl an Wald als auch an Trinkwasser; im
Jahr 2025 werden dies schätzungsweise 800 Millionen
Menschen in 26 Ländern sein. Für nahezu 3 Mrd. Menschen, also für fast die Hälfte der
Menschheit, ist Holz die wichtigste Energiequelle zum Kochen
und Heizen. 8 von 10 Menschen verfügen nicht über die Papiermenge,
die als notwendig erachtet wird, um die Grundbedürfnisse
an Lesen und Kommunikation zu decken. Diese Papier-Lücke
ist eine ernste Bedrohung der Wirksamkeit von Bildungsprogrammen
in Entwicklungsländern (Gardner-Outlaw, 2000). Die Bevölkerung stärker in die Waldnutzungs-Politik einbeziehen In vielen Ländern scheint seit einigen Jahren ein
Rollenwechsel in der Beziehung zum Wald in der Gesellschaft
stattzufinden. Während lange Zeit staatliche Forstbehörden
die Entscheidungsgewalt über den Wald weitgehend monopolisierten
und die Bevölkerung als waldschädlich betrachteten,
wird inzwischen in vielen Ländern versucht, die Bevölkerung
stärker in die Waldnutzung einzubeziehen, sei es durch
Lohnarbeit, als Beteiligung am Nutzen oder an Entscheidungen
im operativen Bereich, Entscheidungen der Rollenzuweisung
oder gar Entscheidungen über die Spielregeln unter
den verschiedenen Akteuren der Waldnutzung. Teilweise werden
dabei der Bevölkerung historische Nutzungs- oder auch
Eigentumsrechte wieder zurückgegeben.
Internationale Waldpolitik ist unumgänglich Als sich die Öffentlichkeit in den 80er-Jahren,
besonders in Europa und Nordamerika, zunehmend des dramatischen
Ausmaßes der Tropenwaldzerstörung und ihrer Folgen
für Menschen und Umwelt bewusst wurde, rückte
der Wald immer mehr auf die internationale politische Tagesordnung.
Zwar konnte sich die internationale Staatengemeinschaft
bisher noch nicht auf ein umfassendes und verbindliches
Regelwerk zum Umgang mit Wald einigen; erste Elemente eines
solchen "Internationalen Wald-Regimes" konnten
aber bereits beschlossen werden: Zum einen wurden einige
für den Umgang mit Wald wichtige, völkerrechtlich
verbindliche Vereinbarungen wie die Konvention zum Erhalt
der Biodiversität und die Konvention zur Bekämpfung
der Wüstenbildung verabschiedet, zum anderen einigte
sich die internationale Staatengemeinschaft auf Grundsätze
und politische Verpflichtungen, die zwar völkerrechtlich
nicht verbindlich, aber doch handlungsleitend sind. Nationale Waldprogramme: partizipativ und sektorübergreifend Die wohl wichtigste der Empfehlungen ist die, auf nationaler
Ebene Waldprogramme zu entwickeln. Dabei verrät der
Begriff "nationales Waldprogramm" (National Forest
Programme, NFP) eigentlich nicht, was für ein umfassender
und partizipativer Prozess dahintersteckt. Die angestrebten
Programme sollen weit mehr beinhalten als herkömmliche,
staatliche Programme zur Entwicklung eines Sektors. Sie
sind vielmehr als breit angelegte Verhandlungsprozesse zum
Umgang mit Wald unter Beteiligung interessierter gesellschaftlicher
Gruppen zu verstehen und sollen ganzheitliche und sektorübergreifende
Ansätze für die Bewirtschaftung und Erhaltung
von Wäldern entwickeln. In Brasilien hat in diesem Jahr das Umweltministerium
die Ausarbeitung eines nationalen Waldprogramms initiiert.
Während der brasilianische Forstsektor und das zuständige
Ministerium lange Zeit deutlich autoritär, sektoral
und technisch orientiert waren, wird nun in einem Grundlagenpapier
der partizipative und sektorübergreifende Charakter
des Prozesses betont. Der Entwurf erhebt ausdrücklich
den Anspruch, das bisherige Entwicklungsparadigma zu ersetzen,
das besagt, in Brasilien bedeute Entwicklung den Ersatz
von Wäldem durch andere wirtschaftliche Aktivitäten.
So werden zum ersten Mal Themen angesprochen, die bisher
in offiziellen Dokumenten kaum erwähnt wurden, wie
die Bedeutung von anderen Produkten als Holz für die
Bevölkerung in Amazonien, von kommunaler Waldwirtschaft
für traditionelle Bevölkerungsgruppen oder auch
die derzeit fehlende Nachhaltigkeit der Holzproduktion in
Amazonien. Zertifizierung nachhaltiger Waldwirtschaft als Marktinstrument Ein anderes und bisher wohl das wirkungsvollste Instrument
zur Umsetzung der in Rio gefassten Beschlüsse zu nachhaltiger
Waldwirtschaft wurde, unabhängig von IPF, durch nicht-staatliche
Organisationen geschaffen: Zertifizierung nachhaltiger Waldwirtschaft.
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