Zeitschrift

Der deutsche Wald

Das politische Buch 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Fritz K. - "Entnazifizierungsfall" und "Rückkehr in die Bürgerlichkeit"

Hartmut Berghoff/Cornelia Rauh-Kühne
Fritz K. Ein deutsches Leben im 20. Jahrhundert.
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA)
Stuttgart/München, 2000.
443 Seiten. DM 49,80

"Efka" ist der Markenname von Zigarettenpapierchen, der von den Initialen des Trossinger Unternehmers Fritz Kiehn abgeleitet ist. An der Unternehmerkarriere zeigen die beiden Tübinger Historiker Hartmut Berghoff und Cornelia Rauh-Kühne Brüche und Kontinuitäten in Württemberg zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik auf. Um die Leistung des Buches gleich vorwegzunehmen: sie liegt im individualbiografischen und mikrohistorischen Zugriff auf die unternehmerische und politische Karriere des Fritz K., die vor dem Hintergrund der kleinstädtischen Lebenswelt des protestantisch geprägten Trossingen und der "großen Politik" Württembergs und Deutschlands über drei politische Systemwechsel hinweg nachgezeichnet wird.
Fritz K. ist ein sozialer Aufsteiger und erfolgreicher Selfmademan aus ursprünglich ärmlichen Verhältnissen. Den Handlungsreisenden und Sohn eines preußischen Polizisten verschlägt es 1908 in das von der Musikinstrumentenindustrie geprägte Trossingen. 1912 heiratet Kiehn in eine wohlhabende Familie ein, eröffnet einen Schreibwarenhandel und ist 1920 bereits vom Detaillisten zum Papierfabrikanten aufgestiegen. Den wirtschaftlichen Erfolg seiner Zigarettenpapierchen verdankt er dem "Krisenbonus" des Produktes: Erster Weltkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise und "Engpassökonomie" nach 1945 machen in wirtschaftlichen Notzeiten das Selberdrehen zum Massenphänomen. Das eher unscheinbare Produkt bleibt Kernstück seiner unternehmerischen Tätigkeit und Basis seines Wohlstandes.
Kiehn ist ein typischer "Inflationsgewinnler" der 20er-Jahre und ein skrupelloser Profiteur im "Arisierungswettlauf" im NS-Staat um den Aufkauf von Unternehmen, die aus dem Besitz von Juden stammten und wegen der Verfolgung ihrer rechtmäßigen Eigentümer weit unter reellem Wert verkauft wurden. Die ambitionierten Versuche des von sozialem Aufstiegswillen geprägtem Kiehn, zum Großindustriellen zu werden, scheitern aber an unternehmerischen Fehlentscheidungen, halsbrecherischen Unternehmensaufkäufen und erfolglosen Spekulationsgeschäften. Die rein unternehmerische Biografie wäre damit erschöpft und keine rund 360 Seiten Text wert, wäre da nicht die enge Verquickung von unternehmerischem Aufstieg, steiler partei- und verbandspolitischer Karriere im NS-Staat und anschließender "Rückkehr in die Bürgerlichkeit" (Ulrich Herbert) in der "Wirtschaftswundergesellschaft" der Bundesrepublik.
Im Trossingen der Weimarer Jahre verkörpert Kiehn den Prototyp des nach dem Ersten Weltkrieg radikalisierten Kleinbürgers. Der geltungssüchtige und von der Steigerung seines Sozialprestiges geprägte Jungunternehmer versucht sich lokalpolitisch unter den etablierten Honoratioren zu positionieren. Im linksliberal geprägten Trossingen konkurriert er mit dem "Harmonikakönig" Hohner, dessen Familie seit Jahrzehnten Trossingen dominiert. Seit 1926 sympathisiert Kiehn mit der NSDAP. Die Erfahrung des Weltkriegs, Deutschlands Niederlage und die Wahrnehmung der Weimarer Republik als "schwachen Staat" machen die aggressive Propaganda der Partei für ihn attraktiv und zum Vehikel, um das von honoratiorenpolitischen Strukturen geprägte Trossingen zu "revolutionieren", seine Geltungssucht zu befriedigen und sich für die Zurückweisung durch die lokalen Eliten zu "entschädigen". 1930 tritt Kiehn in die NSDAP ein und gründet kurze Zeit später eine Ortsgruppe der in Württemberg organisatorisch noch schwachen Partei. Innerhalb kürzester Zeit avanciert er zum Tuttlinger Kreisleiter und wird 1932 als einer der wichtigsten Geldgeber der württembergischen NSDAP in den Reichstag gewählt. Lokalpolitisch steigt Kiehn zum "König von Trossingen" auf. Der selbstherrliche lokale Potentat inszeniert durch prachtvoll gefeierte Einladungen von NS-Größen in das kleine Trossingen seine örtliche Vorrangstellung wirkungsvoll. Ämterkumulation und Opportunismus sind Kennzeichen seiner Karriere als Verbandsfunktionär im NS-Staat, in der er zum Präsidenten der Württembergischen Wirtschaftskammer und zum "Führer der Wirtschaft in Württemberg aufsteigt. Im "polykratischen Kompetenzchaos" verfeindeter Gruppen innerhalb der NS-Hierarchie sind seine gut gepflegten persönlichen Beziehungen von besonderer Bedeutung. 1938 wird Kiehn als SS-Hauptsturmführer in Himmlers "Freundeskreis Reichsführer-SS" aufgenommen, nachdem er mit Mühe die Strasser-Krise und die polische "Säuberung" der NSDAP im Zuge des "Röhm-Putsches" "überlebt" hat.
Im Zweiten Weltkrieg versteht Kiehn es geschickt, sein Unternehmen auszubauen: Er gründet in Straßburg und Posen Filialen, beteiligt sich an einem Unternehmen in Laibach (Lodz) und gliedert 1943 seinem Unternehmen eine weitere, aus jüdischem Besitz stammende Zullulosefabrik an. Mit der absehbaren militärischen Niederlage des "Tausendjährigen Reichs" setzt dann aber auch die schleichende Erosion der wirtschaftlichen und lokalen Position Kiehns und der Rückzug der Trossinger aus der "NS-Volksgemeinschaft" ein. Im März 1945 setzt sich Kiehn frühzeitig ab und wird am 12. Mai 1945 in Innsbruck von US-Soldaten festgenommen.
Das letzte Drittel des Buches beschäftigt sich mit dem "Entnazifizierungsfall" Kiehn. Im Mittelpunkt steht dabei die schleichende Rehabilitierung des Unternehmers als Arbeitgeber und Steuerzahler. Nach einer Haftzeit von fast vier Jahren kommt Kiehn nach einem Spruchkammerentscheid von 1949 als "Minderbelasteter" davon. Im Verdrängungskonsens der jungen Bundesrepublik, geprägt von der "Logik der Ortssolidarität" und mit Hilfe von "Entnazifizierungskartellen" versteht Kiehn es, sich selbst zum Opfer umzudeuten. Unterstützung erhält er dabei von der Bevölkerung, die in ihm bereits wenige Jahre nach Kriegsende den "braunen Samariter von Trossingen" sieht. War er sofort nach Kriegsende Zielscheibe der Wut der Bevölkerung und Personifikation des Regimes, das Deutschland zugrunde gerichtet und der Gewalt der Besatzer ausgeliefert hatte, wird nun seine Bedeutung als Arbeitgeber höher geschätzt als seine braune Vergangenheit.
Kiehn beginnt ein unternehmerisches und (lokal-)politisches Comeback. Noch bevor sein Spruchkammerurteil rechtskräftig wird, gewährt ihm die Regierung von Staatspräsident Gebhard Müller einen Drei-Millionen-Kredit zur Sanierung eines ehemaligen Rüstungsunternehmens in Tuttlingen. 1950 ist dieser Großkredit Anlass eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Landtag, der auf eine publizistische Initiative des SPD-Politikers Fritz Erler hin eingesetzt wird. Der Versuch, den Trossinger Fabrikanten "unschädlich" zu machen, bleibt erfolglos: die Belegschaft seiner Firmen und selbst die Gewerkschaften stellen sich hinter Kiehn. 1954 wird Kiehn auf der Liste der Freien Wähler mit den meisten Stimmen aller Kandidaten in den Trossinger Gemeinderat gewählt. In den folgenden Jahren geht Kiehn erneut auf "Titeljagd": 1955 wird dem spendenfreudigen Trossinger die zehn Jahre zuvor förmlich abgesprochene Ehrenbürgerschaft der Stadt stillschweigend wieder zuerkannt. Zum Bundesverdienstkreuz, mit dem er liebäugelt, reicht es trotz guter Kontakte zu hochrangigen Vertretern der Bundes-CDU nicht, immerhin aber zur Ehrendoktorwürde der Universität Innsbruck in den 60er-Jahren. Bis 1972 leitet Kiehn die Efka-Werke in Trossingen, wo er 1980 stirbt. Noch heute sind ein Platz und eine Turnhalle nach ihm benannt.
Für die Gesamtbewertung des Buches sind zwei Aspekte entscheidend. Zum einen wird die Herrschaftpraxis des Nationalsozialismus und dessen Prägung durch die "Führer der Provinz" deutlich herausgearbeitet. Der biografische Ansatz bleibt immer in den lebensweltlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungskontext der Bevölkerung eingebettet. Kiehn steht als Vertreter der wirtschaftlichen Funktionselite des NS-Staates, aber auch für das Verhalten mittelständischer Unternehmer im polykratischen Dickicht der NS-Lenkungswirtschaft, das, geprägt von persönlichen Beziehungsgeflechten, große Spielräume zuließ. Im Mittelpunkt steht nicht einer der meist untersuchten Großunternehmer, sondern ein "Mittelständler" als Teil einer regionalen politischen und wirtschaftlichen Elite.
Herauszuheben ist zweitens die Verknüpfung der Biografie mit der bislang kaum erforschten Erfahrungsgeschichte des politischen Umbruchs von 1945. Die Autoren verweisen dabei auf vier für die Integrationskraft und Stabilität der jungen Bundesrepublik grundlegende Faktoren: Zum einen die "hochgradig funktionale" Adenauersche Politik der Vergangenheitsbewältigung, die unversöhnlichen Gegnern der Weimarer Demokratie und NS-Funktionären eine Rückkehr in die "bürgerliche Existenz" ermöglichte. Zum andern die ökonomische Leistungskraft des neuen Staates und die damit verbundene hohe Legitimationskraft des neuen politischen Systems. Darüber hinaus werden die Kontinuitäten auf politischem und mentalem Gebiet herausgearbeitet, denn das Feindbild des Kommunismus diente sowohl dem NS-Staat als auch der Bundesrepublik im heraufziehenden Kalten Krieg als Integrationsklammer. Und nicht zuletzt spielte die Entschärfung sozialer Gegensätze eine zentrale Rolle: "Zwischen der Betriebs- bzw. Volksgemeinschaftsideologie des Nationalsozialismus und einem aufgeklärten Unternehmertum im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft bestanden bei allen klaren Unterschieden durchaus auch Anknüpfungspunkte und Kontinuitäten" (S. 327). Eine bemerkenswerte These, die weitere Forschungsarbeiten erhoffen lässt.
Insgesamt hebt sich das Buch positiv von anderen Forschungsarbeiten ab: Es ist anschaulich und gut leserlich geschrieben, zeigt keinen überflüssigen Fußnotenballast und gibt dem Leser dennoch die Möglichkeit, sich anhand der verzeichneten Forschungsliteratur vertiefend zu informieren. Die zahlreichen Fotos sind gut gewählt und unterstreichen die Informationen im Text. Und das Buch zeigt bereits Resonanz über die Fachkreise hinaus: Der Trossinger Gemeinderat will nun untersuchen lassen, ob Kiehn nach 1945 tatsächlich noch einmal zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde und ob öffentlicher Platz und Turnhalle der Stadt weiterhin nach dem Unternehmer benannt bleiben sollen.

Reinhold Weber

Resolution zur deutschen Vereinigung

Anlässlich eines Symposiums zum Thema "Zehn Jahre deutsche Einheit" im Studienhaus Wiesneck in Buchenbach bei Freiburg vom 26.-28. Januar 2001 zogen über 50 Wissenschaftler und Experten der politischen Bildung eine kritische Bilanz des bisherigen Einigungsprozesses. Angesichts der beunruhigenden sozialen Entwicklung in den neuen Bundesländern, der Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation, der anhaltenden Abwanderung der Besserqualifizierten in allen Bereichen sowie der Unfähigkeit der Politik, zu einer sozialen Befriedung der Situation zu gelangen, empfehlen die Teilnehmer dringend:

1  Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass nur durch bessere berufliche Qualifizierung und die Schaffung von Arbeitsplätzen Fremdenangst und Gefühle sozialer Benachteiligung bekämpft werden können. Hierfür ist eine Bildungsoffensive zur Verbesserung der individuellen Chancen auf dem Arbeitsmarkt dringend notwendig. Priorität hat die Eröffnung von Berufschancen für sozial Benachteiligte und geringer Qualifizierte.

2  Die Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie in den neuen Bundesländern hat zehn Jahre nach der deutschen Einheit deutlich abgenommen. Notwendig sind verstärkte Angebote der politischen Bildung. Die Begründung einer demokratischen politischen Kultur in den neuen Bundesländern muss mit dem gleichen Nachdruck verfolgt werden, wie der wirtschaftliche Aufbau. Eine konstruktive Diskussion über das politische System der Bundesrepublik und seine zukünftige Gestaltung setzt Unterschiede zwischen einem demokratischen Sozialstaat und einem autoritären Fürsorgestaat, wie es die DDR war, sichtbar gemacht werden. Kontinuierliche, staatlich geförderte politische Bildungsarbeit ist allemal effektiver als kurzfristige Feuerwehraktionen aus Anlass rechtsextremer Gewalttaten.

3  Mit Betroffenheit nahmen die Teilnehmer der Tagung zur Kenntnis, dass im Schulunterricht die DDR-Geschichte bestenfalls am Rande behandelt wird. Voraussetzung für die Gestaltung einer gemeinsamen demokratischen Zukunft von Ost- und Westdeutschen ist die kritische Auseinandersetzung mit der geteilten deutschen Vergangenheit. Das politsche System der DDR muss sowohl in den Geschichtsbüchern als auch im Unterricht breiteren Raum einnehmen.

4  Eine vollständige Wiedergutmachung des politischen Unrechts an den Opfern von SED und Staatssicherheit wird nicht möglich sein. Die bisherige Praxis zögerlich gewährter, minimaler Entschädigungen entwertet zivilcouragiertes Verhalten unter den Bedingungen einer Diktatur und ist eines demokratischen Systems unwürdig. Zur Förderung der Akzeptanz des demokratischen Rechtsstaates gehört, dass die Opfer autoritärer staatlicher Gewalt in einem freiheitlichen politischen System angemessen und, anders als bisher, unbürokratisch entschädigt werden.

Buchenbach bei Freiburg, den 28. Januar 2001

Unterzeichner: Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Oberndörfer, Freiburg; Prof. Dr. Karl Schmitt, Jena; Prof. Dr. Günter C. Behrmann, Potsdam; Prof. Dr. Roland Eckert, Trier; Dr. Dieter von Schrötter, Direktor des Studienhaus Wiesneck, Buchenbach; Siegfried Schiele, Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung, Baden-Württemberg; Dr. Wolf-Dieter Legall, Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung, Sachsen; Jörn Mothes, Landesbeauftragter für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; Dr. Uwe Berndt, Arnold-Bergstraesser-Institut, Freiburg; Dr. Ulrich Eith, Universität Freiburg; Fred W. Elsner, Studienhaus Wiesneck, Buchenbach; Dr. Conchita Hübner-Oberndörfer, Universität Rostock; Dr. Gerd Mielke, Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, Mainz; Dr. Beate Rosenzweig, Studienhaus Wiesneck, Buchenbach; Jochen Schmidt, Stellvertreter des Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; Gerald Syring, Studienhaus Wiesneck, Buchenbach; Dr. Michael Wehner, Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung, Außenstelle Freiburg; Sabina Wilhelm, Landeszentrale für Politische Bildung, Außenstelle Freiburg; PD Dr. Heribert Weiland, Arnold-Bergstraesser-Institut, Freiburg, sowie mehr als 30 weitere Multiplikatoren der politschen Bildung.

Kontakt: Dr. Beate Rosenzweig, Studienhaus Wiesneck, Tel. (0 76 61) 98 75-2

 

Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland

Ulrich von Aleman
Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland
Leske und Budrich Opladen 2000
232 Seiten/DM 33,-

Parteien sind in der Politik allgegenwärtig. Mehr als andere Organisationen prägen und bestimmen sie die politische Willensbildung und wirken bis in den kommunalen Bereich an wichtigen Entscheidungen mit. In einer Demokratie ist eine Vielzahl von Parteien unerlässlich, seien es nun basisdemokratische oder Honoratioren-Parteien, enge Milieuparteien oder große Volksparteien mit Tausenden von Mitgliedern.
Politikwissenschaftlich gibt es selbstverständlich genau so viele Möglichkeiten, Parteien zu erforschen, wie Parteien. Sei es historisch, staatstheoretisch, systemtheoretisch, ideologiekritisch oder parteiensoziologisch. Das in der Reihe Grundwissen Politik als 26. Band bei Leske und Budrich erschienene Buch will auf 232 Seiten nicht programmatisch einseitig in die Parteienforschung einführen, sondern die zahlreichen Methoden zum Parteiverständnis aufzeigen um so einen allgemeinen Blick auf den gegenwärtigen Forschungsstand zu ermöglichen und den Leser interdisziplinär für das Thema zu öffnen. Aktuelle Themen, wie beispielsweise die vielzitierte Parteienverdrossenheit und die Parteienfinanzierung, werden nicht ausgelassen, sondern ebenso vielseitig wie auch kritisch diskutiert. Eine schwierige Zielsetzung, denn Parteien sind seit jeher Untersuchungsgegenstand der Politikwissenschaft und der Soziologie, weshalb dieses Feld eines der facettenreichsten und kontroversesten ist. Dieser Sachverhalt erschwert es, in einem einführenden Buch einen guten Überblick zu geben.
In zehn Kapiteln behandelt das Buch alle wichtigen Felder der Parteienforschung, unterstützt von zahlreichen Diagrammen, Tabellen und Zeichnungen. Besonders interessant sind die Literaturhinweise, die der Autor am Ende der einzelnen Kapitel und Unterkapitel gibt. Diese sind dann nützlich, wenn man sich für eine bestimmte Richtung der Parteienforschung interessiert und erspart möglicherweise langes Suchen in Bibliotheken. Ferner werden so Anstöße zu weiterem Lesen gegeben.
Das Buch liefert gut verständliches Basiswissen zu Parteien in Deutschland, von der Entstehung der Parteien über ihre Ausdifferenzierung bis hin zu internen Parteistrukturen und dem gesellschaftlichen Wirken der Parteien, wobei man dem Autor seine langjährige Tätigkeit als Professor am Politikwissenschaftlichen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie seine Herausgeberschaft der Reihe Grundwissen Politik deutlich anmerkt.
So schneidet Ulrich von Alemann alle wichtigen Felder der Politikwissenschaft an und vermittelt dabei genau das, um was es in dem Buch geht: Grundwissen. Die bereits oben angesprochenen Literaturhinweise am Ende eines Abschnittes, laden den Leser dazu ein, aus Grundwissen Fachwissen zu machen, ganz zu schweigen, von der umfangreichen Literaturliste im Anhang des Buches.
Die Wurzeln der Parteien im deutschen Kaiserreich und deren Entwicklung bis und in der Weimarer Republik werden im ersten Kapitel des Werks anhand von gut verständlichen Texten erläutert und von zahlreichen Diagrammen näher verdeutlicht. Als unter Adolf Hitler die Parteiendemokratie im Nationalsozialismus ein jähes Ende fand, schien das Ende der Parteien in Deutschland besiegelt. Doch nach Kriegsende 1945, unter der Besatzungsherrschaft der Alliierten, formierten sich aus den alten Wurzeln neue Parteien, die sich in der neu entstandenen Bundesrepublik schnell ausdifferenzierten.
Wie sich die Parteien dann strukturierten und verfeinerten, wird im zweiten Kapitel beschrieben. Durch Differenzierung ist die Parteienlandschaft Deutschlands bis heute in stetigem Wandel begriffen, sei es durch die 1981 gegründeten Grünen, durch die aus der SED entstandene PDS, die mittlerweile an Landesregierungen beteiligt ist, oder durch die DVU des Verlegers Frey, die erst vor einigen Jahren in einige Landtage einzog. Diese Tatsachen führen letztendlich zu folgenden Fragen: Wie sind Parteien rechtlich zu sehen? Wie finanzieren sie sich? Und: Wie sind die Parteien in die Gesellschaft eingebunden? Auf eben diese Fragen gibt der Band in den Kapiteln drei bis fünf Antworten, die, obwohl nicht immer erschöpfend, auf jeden Fall vielseitig sind und immer mehrere Aspekte eines Themas beleuchten. So werden zu einem Problem viele Ansätze verschiedener Forschungsrichtungen mit ihren Vorzügen und Nachteilen vorgestellt. Das entspricht der Intention des Buches, die Parteiengeschichte und -forschung möglichst ausdifferenziert wiederzugeben.
Die innere Struktur der Parteien wird in den letzten Kapiteln des Buches ebenso angesprochen wie deren Strategien und deren gesellschaftliches Tun. Abschließend geht Ulrich von Alemann in einem eigenen Kapitel auf die Parteienkritik ein. Erfüllen die Parteien noch ihre Aufgaben? Wie ist die Politikverdrossenheit zu interpretieren? Ist sie Zeichen dafür, dass sich das deutsche Parteiensystem nach dem Kriegsschock nun an europäische Standards anpasst, oder ist sie ein ernstzunehmendes Problem des politischen Systems in Deutschland? Gewohnt vielseitig werden auch die kritischen Themen behandelt, um abschließend die Funktionen der Parteien darzustellen. Ulrich von Alemann skizziert die gängigen Theorien und Modelle und schlägt schließlich eine selbstentwickelte Lösung vor, die Parteifunktionen als Partizipation, Transmission, Selektion, Integration, Sozialisation, Selbstregulation und Legitimation beschreibt, parallel zu seiner Parteiendefinition im Prolog des Buches. Mit dieser Definition der Parteifunktionen sei der Makro- und Mikroebene der Parteien Genüge getan.
Die Zielsetzung des Buches scheint anfangs utopisch, sollen doch alle gängigen Ergebnisse der Parteienforschung, sowohl die der Politikwissenschaft als auch die der Politiksoziologie, verständlich dargestellt werden. Die Parteienforschung stellt ein sehr ausdifferenziertes Feld dar und es scheint beinahe unmöglich, in einem Werk einen qualifizierten Überblick über alle Nuancen der Diskussion zu geben. Ulrich von Alemann hat diese Herausforderung angenommen. Natürlich stellt das Buch keine Alternative zu einer umfangreichen politikwissenschaftlichen Bibliothek dar, vermittelt aber einen weitgefächerten Überblick über den gegenwärtigen Stand der Dinge. Für Studienanfänger mit Fachrichtung Politik oder Soziologie ist dieses Buch bestimmt ein sinnvoller Einstieg. Auch für politisch interessierte Menschen ist der 26. Band der Reihe "Grundwissen Politik" eine empfehlenswerte Lektüre, die dazu animiert, sich weitergehend zu informieren, und eine solide Wissensbasis legt.
Die Stärken des Buches liegen in seiner Vielfalt, die jedoch ohne Verständnisschwierigkeiten begriffen werden kann, ebenso wie in seinem durchdachten inhaltlichen Aufbau, der von der Entstehung der Parteien bis zu komplexen Themen stets aufeinander aufbaut und so die Zusammenhänge klar werden lässt.
Schwachstellen liegen in einer gewissen Oberflächlichkeit, mit der manche Themen behandelt werden, was aber keinen gravierenden Mangel darstellt. Der Autor will schließlich Grundwissen über das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland vermitteln. Das selbstgesetzte Ziel, einen guten und breiten Überblick über das Feld der Parteienforschung zu geben, ist in diesem Buch sicherlich geglückt.

Albrecht Mangler

 

Die gescheiterte Aufklärung

Vadim Oswalt
Staat und ländliche Lebenswelt in Oberschwaben 1810-1871
(K)ein Kapitel im Zivilisationsprozess?
Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde Bd. 29
DRW-Verlag Weinbrenner Leinfelden-Echterdingen 2000
230 Seiten, DM 56,-

Das Buch von Vadim Oswalt interessiert sich dafür, wie nach der Einverleibung jener Gebiete, die wir heute summarisch als "Oberschwaben" bezeichnen, die neue württembergische Obrigkeit daran ging, diese stark ländlich strukturierten, weitgehend katholischen "Neuerwerbungen" in den allgemeinen Rationalisierungs- und Sozialdisziplinierungsprozess einzubeziehen, der im Herzogtum Wirtemberg schon sehr viel früher und durchaus erfolgreich abgelaufen war. Zu Hilfe kam dabei der neuen württembergischen Obrigkeit die katholische Pfarrerschaft im zunächst noch weiterbestehenden Bistum Konstanz unter seinem Generalvikar und Bischofsverweser Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg. Er verfolgte ja ganz ähnliche Ziele und hatte dafür auch entsprechende institutionelle Vorkehrungen getroffen. Der staatskirchlich orientierte Katholische Kirchenrat in Stuttgart lag nach Auflösung des Bistums Konstanz auf der gleichen aufgeklärten Linie. Das von Altwürttemberg nach Oberschwaben exportierte altbewährte Disziplinierungsinstrument der Kirchenkonvente beispielsweise wurde daher von der aufgeklärten katholischen Geistlichkeit gerne übernommen.
Vadim Oswalt geht es um die Beschreibung und Analyse dieses Prozesses, den der Autor als die "Modellierung einer rationalen Mentalität der Moderne durch Amtskirche und Staat " (S. 184) wertet.
Interessant ist dabei vor allem die Frage nach dem, was der Autor die "Interventionstiefe" nennt, d. h. mit welchem Erfolg Staat und Geistlichkeit in der Lage waren, in überkommene Verhaltensmuster einzudringen und sie zu verändern - oder anders herum: in welchem Umfang, mit welchen Mitteln und vor allem mit welchem Erfolg die Menschen sich widersetzten. Der Kirche kommt dabei eine größere Bedeutung als dem Staat zu, weil sie in ganz anderem Umfang bis in die Dörfer hineinreichte und dabei auch dichter an den Menschen war.
Im Ergebnis zeigt sich, dass diese Massenpädagogik, die auf Mentalitätsänderung abzielte, trotz rund 40 Jahren Wirkmöglichkeit gründlich gescheitert ist. Die landläufigen Bräuche waren viel zu sehr in der ländlichen Lebenswelt verankert als dass sie sich so einfach beiseite schieben ließen. Man denke beispielsweise an das Gewitterläuten, das auch nach der Einführung der Brandversicherung als zusätzliche Absicherung gegen Blitzschlag angesehen wurde. Die von Staats und Kirche wegen bekämpften üppigen Hochzeitsgesellschaften lagen im ökonomischen Interesse der Wirte; vor allem aber unterstrichen sie im Anerbengebiet den sozialen Status der Hoferben, die bis dahin das alleinige Recht zur Heirat hatten. Der Blutritt in Weingarten setzte den Besitz des eigenen Pferdes voraus, war somit ein soziales Unterscheidungsmerkmal; und da nur Männer daran teilnehmen konnten, war er zugleich auch Ausdruck einer patriarchalischen Welt.
So wundert es nicht, dass die katholischen Geistlichen es schwer hatten, ihre aufgeklärten Zielsetzungen durchzusetzen. Immer stärker waren sie auf die Hilfe des Staates und seines Sanktionsapparates angewiesen, womit sie sich in den Augen der Gläubigen letztlich selbst diskreditierten. Die nachwachsende, junge, ultramontan eingestellte Geistlichkeit stand schon bereit, Kapital aus den Schwierigkeiten der Aufklärer zu schlagen. Wenn dann auch noch der Oberamtmann Hoyer in Weingarten, Sohn eines protestantischen Pfarrers aus Aalen, eine Lanze für den Blutritt bricht  ...!
Vadim Oswald übersieht freilich in seiner Fixierung auf den Gegensatz Aufklärung - barocke Volksfrömmigkeit/Ultramontanismus bei seiner ausführlichen Darstellung des Hoyer-Papiers, seiner Hintergründe und seiner Wirkung, dass längst auch eine andere Geistesströmung sich in gebildeten Kreisen breit gemacht hatte: die Romantik. Hoyer war - so betrachtet - als Vertreter des gebildeten Bürgertums eher auf der Höhe seiner Zeit. Das ist allerdings kein Einwand gegen die Untersuchung im Ganzen.
Entstanden ist insgesamt eine Arbeit, die sich ausgesprochen spannend liest und bei den Lesern sicherlich des Öfteren ein "Aha-Erlebnis" auszulösen vermag. Denn diese Vergangenheit ist eben auch so vergangen nicht. Vadim Oswald bezieht dabei die ganze Fülle menschlichen sozialen Lebens in die Betrachtung ein, erschließt eine ganze Reihe bislang nicht genutzter Akten. Es ist ihm damit gelungen, ein sehr wichtiges Stück Alltags- und Mentalitätsgeschichte im Oberschwaben des 19. Jahrhunderts detailliert und anschaulich herauszuarbeiten. Merkwürdig bleibt allerdings, dass das Wort "Kirche" im Titel wie im Untertitel fehlt, ging es doch bei diesem Untersuchungsgegenstand gerade auch darum, wie und warum die kirchliche Aufklärung scheiterte und der Ultramontanismus den Sieg davon trug, für rund ein Jahrhundert - nicht nur, aber auch im katholischen Oberschwaben.
Die Arbeit von Vadim Oswald ist als geschichtswissenschaftliche Dissertation in Tübingen bei Dieter Langewiesche entstanden. Sie wurde von der Gesellschaft Oberschwaben im Jahre 2000 mit dem Franz-Ludwig-Baumann-Preis ausgezeichnet, zu Recht.

Hans-Georg Wehling

 


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