Zeitschrift

Sicherheit und Kriminalität


 

Heft 1/ 2003

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Einen Königsweg zur Verhinderung gibt es nicht
 

Kriminalität mit sexuellem Hintergrund

 

Von Rudolf Egg        

Prof. Dr. Rudolf Egg ist Direktor der Kriminologischen Zentralstelle e.V. in Wiesbaden. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Kriminal- und Rechtspsychologie, Rückfälligkeit und Behandlung von Straftätern, Drogen und Kriminalität, Sexual- und Gewaltdelikte, Aspekte von Tätern un  Opfern, forensisch-psychologische Begutachtung  Im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten und wissenschaftlichen Analysen beschäftigt sich die Kriminologische Zentralstelle mit folgenden Projekten: 

Schleuserkriminalität, Einstellungspraxis der Staatsanwaltschaften und Ermittlungsverhalten der Polizei, Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft, Sozialtherapie im Justizvollzug sowie Kriminalprävention.

 

Wohl wenige Deliktarten erregen in der Öffentlichkeit derartige Aufmerksamkeit wie kriminelle Handlungen, die einen sexuellen Hintergrund haben. Wie kaum ein anderer Bereich kriminellen Verhaltens stehen Sexualdelikte im Schnittpunkt kriminalpolitischer, fachlicher, aber auch öffentlich geführter Debatten. De  Beitrag von Rudolf Egg betrachtet da  komplexe und häufig kontrovers diskutierte Thema der Kriminalität mit sexuellem Hintergrund unter verschiedenen Blickwinkeln. Nach einer kurzen Übersicht über die Klassifikation von Sexualdelikten werden zunächst einige grundlegende Daten zur Sexualkriminalität aus amtlichen Rechtspflegestatistiken sowie ausgewählte Ergebnisse der Dunkelfeldforschung vorgestellt. In weiteren Abschnitten folgen Angaben zur Rückfälligkeit, zu Risikomerkmalen des Rückfalls sowie zu den Möglichkeiten und Ergebnissen der Behandlung von Sexualstraftätern. Die verschiedenen Facetten zeigen die Notwendigkeit einer sachlichen Diskussion. 

Red.

 

Sexualdelikte und öffentliche Wahrnehmung

Obwohl Sexualdelikte weniger als 1% aller polizeilich registrierten Straftaten 1 betreffen, spielen sie in der öffentlichen Wahrnehmung sowie in der kriminalpolitischen Diskussion eine besondere Rolle. Der Grund dafür ist zum einen, dass diese Delikte als moralisch besonders verwerflich angesehen werden, weil sie intimste und somit höchst empfindliche Bereiche des menschlichen Lebens berühren; andererseits erzeugt die Kombination von "Sex" und "Crime" bei vielen Menschen aber auch eine ungewöhnliche Faszination und Neugier, wie sie etwa bei einem Wohnungseinbruch oder einem Straßenraub nicht vorstellbar wäre. 

Für die öffentliche Meinung über Sexualkriminalität dürften Medienberichte, insbesondere die in den letzten Jahren zunehmend umfangreichere Darstellung spektakulärer Einzelfälle, eine große Rolle spielen (vgl. Rüther 1998). Dies bewirkt zwar eine an sich begrüßenswerte erhöhte Sensibilisierung der Öffentlichkeit bezüglich der Problematik und der Opfer sexueller Delikte, führt leicht aber auch zu einer gewissen Verzerrung der Wahrnehmung. So werden die zahlenmäßig eher seltenen Fälle mit fremden, überfallartig und serienhaft handelnden Tätern wesentlich stärker beachtet und gefürchtet als die deutlich häufigeren Vorkommnisse mit Tätern aus dem sozialen Nahraum der Opfer, namentlich innerhalb der eigenen Familie. Auf Seiten der Gesetzgebung war und ist der Bereich der Sexualkriminalität immer wieder Gegenstand von Veränderungen und Reformen. Während es bei der Reform des Sexualstrafrechts in den 60er- und 70er-Jahren vor allem darum ging, Strafrecht und Moral zu trennen, d.h. nur noch jene Tatbestände unter Strafe zu stellen, die auch sozialschädlich und nicht bloß unmoralisch sind (z. B. Ehebruch), steht im Vordergrund der in den letzten zehn Jahren vorgenommenen und diskutierten Reformen die Verbesserung des Schutzes der (potenziellen) Opfer von Sexualdelikten. So sollen die 1992 eingeführten Paragraphen 180b und 181 StGB (Menschenhandel) den Schutz ausländischer Mädchen und Frauen vor sexueller Ausbeutung verbessern. 1993 wurde der bloße Besitz kinderpornographischen Materials unter Strafe gestellt, um die Nachfrage und damit den Anreiz zur Herstellung solchen Materials und letztlich die Zahl möglicher Opfer zu reduzieren. 1997 wurde die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe gesetzlich geregelt und der Tatbestand der Vergewaltigung insgesamt geschlechtsneutral formuliert ("Wer eine andere Person …"; vgl. § 177 StGB). 1998 wurde mit dem "Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten" ein ganzes Maßnahmenpaket verabschiedet, das einerseits rechtliche Verschärfungen beinhaltet, z. B. größere Hürden bei vorzeitiger Entlassung, Erweiterung der Anordnung von Sicherungsverwahrung, zum anderen aber seit 2003 eine Sozialtherapie für Sexualstraftäter mit Freiheitsstrafen über zwei Jahren verpflichtend vorschreibt. Im Januar 2003 legte die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vor, der den strafrechtlichen Schutz von Kindern und behinderten Menschen gegen sexuellen Missbrauch durch Änderungen und Strafverschärfungen verbessern soll.2 So soll es zukünftig strafbar sein, wenn jemand von einem geplanten sexuellen Missbrauch weiß und nichts dagegen tut.

 

Klassifikation der Sexualstraftaten 

Die strafrechtliche Klassifikation der Sexualdelikte findet sich im 13. Abschnitt des Besonderen Teils des Strafgesetzbuches (StGB). Unter der Bezeichnung "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" 3 wird dort in den Paragraphen 174-184c StGB eine Vielzahl höchst divergierender Handlungsweisen aufgeführt, denen auf der Täter- wie auf der Opferseite sehr unterschiedliche Fallgruppen und Konstellationen entsprechen. Ihnen allen ist zwar gemeinsam, dass sie irgendwie mit Sexualität in Verbindung stehen. Keineswegs handelt es sich aber um eine Aufzählung von Tatbeständen, die etwa deckungsgleich wäre mit einer klinisch-psychologischen bzw. psychiatrischen Symptomatik der sexuellen Devianz (z. B. Schorsch 1993). 

So sind darin einerseits auch Tatbestände enthalten, die auf Seiten der Täter in aller Regel nicht sexuell motiviert sein dürften (Förderung der Prostitution - § 180a StGB; Zuhälterei - § 181a StGB; Menschenhandel - §§ 180b, 181 StGB; Verbreitung pornographischer Schriften - § 184 StGB), auf der anderen Seite fehlen all jene Tatbestände, bei denen zwar eine (unbewusste) sexuelle Motivation eine maßgebliche Rolle spielen kann, die sich jedoch im Delikt selbst nicht unmittelbar äußert (z. B. bestimmte Raubdelikte oder körperliche Angriffe gegen Frauen). Schließlich ist das besonders schwere Delikt eines Sexualmordes - ein Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes - nicht im 13. Abschnitt des StGB, sondern bei den Tötungsdelikten (§ 211 StGB) enthalten. 

Aus kriminologischer Sicht wird der Kernbereich der sexuell motivierten kriminellen Handlungen üblicherweise in drei Hauptgruppen unterteilt, die auch für die nachfolgenden Ausführungen verwendet werden sollen: 

 

  1. Sexuelle Gewaltdelikte: Vergewaltigung und sexuelle Nötigung (§§ 177 und 178 StGB). Einen Königsweg zur Verhinderung gibt es nicht Kriminalität mit sexuellem Hintergrund Von Rudolf Egg 

  2. Sexuelle Missbrauchsdelikte: Dabei geht es vor allem um den sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176 a und b StGB); ferner zählen hierzu die Straftatbestände von § 174 StGB (sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen), § 174a StGB (sexueller Missbrauch von Gefangenen, Verwahrten oder Kranken in Anstalten), §§ 174b, c StGB (sexueller Missbrauch unter Ausnutzung einer Amtsstellung bzw. eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses) und § 179 StGB (sexueller Missbrauch Widerstandsunfähiger). 

  3. Sexuelle Belästigungsdelikte: Exhibitionistische Handlungen und Erregung öffentlichen Ärgernisses (§§ 183, 183a StGB). Die sexuelle Belästigung von Kindern wird strafrechtlich als sexueller Kindesmissbrauch gemäß § 176 Abs. 3 StGB verfolgt.

 

Sexualstraftaten im Spiegel der Kriminalstatistik 

Eine wichtige Datenquelle für eine Vielzahl kriminologischer Fragestellungen sind die amtlichen Rechtspflegestatistiken des Bundes und der Länder. Für den hier interessierenden Kontext ist dies vor allem die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die auf Bundesebene alljährlich vom Bundeskriminalamt (BKA) herausgegeben wird und über bekannt gewordene Straftaten sowie über Tatverdächtige und Opfer informiert.4 Selbstverständlich wird damit nicht die (Sexual-)Kriminalität als solche abgebildet, sondern lediglich jener Teil, der angezeigt und von der Polizei bearbeitet wird 

Für das Jahr 2001 ergibt sich aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) eine Zahl von 52.902 erfassten Fällen von "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung". Dies entspricht 0,83% aller Straftaten. 5 Bezogen auf die drei oben genannten Hauptgruppen ergibt sich folgende Verteilung: 

  1. Sexuelle Gewaltdelikte: 13.498 Fälle (entspricht 25,5%); 

  2. Sexuelle Missbrauchsdelikte 6: 18.711 Fälle (entspricht 35,4%); 

  3. Sexuelle Belästigungsdelikte: 9.780 Fälle (entspricht 18,5%). 

Eine weitere Gruppe bilden Delikte, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik unter dem Begriff "Ausnutzen sexueller Neigung" zusammengefasst werden (10.853 Fälle; 20,5%). Dabei handelt es sich um Delikte wie Förderung der Prostitution (§ 180a StGB), Zuhälterei (§ 181a StGB), Menschenhandel (§§ 180b, 181 StGB) und Verbreitung pornographischer Schriften (§ 184 StGB), die aber - wie bereits erwähnt - aus kriminologischer Sicht nicht zu den Sexualdelikten im engeren Sinne zählen. 

Betrachtet man die Fallzahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik im zeitlichen Verlauf für die letzten Jahrzehnte, so ergibt sich für die sexuellen Gewaltdelikte ein schwankender, uneinheitlicher Verlauf, währenddem beim sexuellen Kindesmissbrauch von Mitte der 50er- bis Mitte der 80er-Jahre ein stetiger Rückgang der Häufigkeitszahlen (HZ)7 zu verzeichnen ist (von rund 33 auf etwa 17 Fälle pro 100.000 Einwohner). Bis 1990 stiegen die Häufigkeitszahlen dann wieder an, ohne jedoch das hohe Niveau der 50er- und 60er-Jahre zu erreichen. Seit 1997 (HZ: 20,6) sind dagegen erneut rückläufige Häufigkeitszahlen zu verzeichnen (HZ im Jahre 2001: 18,4). Zu bedenken ist hier freilich, dass die öffentliche Diskussion über Sexualdelikte und die damit verbundene Aufklärung und Sensibilisierung von Betroffenen zu Veränderungen in der Anzeigebereitschaft und damit zu Schwankungen in der Kriminalstatistik führen dürfte, so dass über die Entwicklung des sexuellen Missbrauchs insgesamt damit nur wenig ausgesagt werden kann. 

Ein derartiger Zusammenhang ist freilich für das schwerste aller Sexualdelikte, den Sexualmord, nicht anzunehmen.8 Erfreulicherweise finden sich aber auch hier rückläufige Zahlen. Während in den 70er-Jahren die Zahl der vollendeten Sexualmorde an Kindern zwischen acht und zehn Fällen pro Jahr schwankte, beträgt der entsprechende Wert seit Anfang der 90er-Jahre - trotz der durch die Wiedervereinigung bedingten erhöhten Einwohnerzahl - zwei bis vier Fälle jährlich. Der in der Öffentlichkeit vorherrschende Eindruck einer stetigen Zunahme an Sexualstraftaten, namentlich an solchen mit kindlichen Opfern, lässt sich somit kriminalstatistisch nicht belegen. Diese Wahrnehmung ist vermutlich ein Effekt der gestiegenen Berichterstattung über spektakuläre Einzelfälle von Sexualstraftaten.9 Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch, dass es sich bei den polizeilich erfassten Fällen des sexuellen Kindesmissbrauchs in rund 36% der Fälle um Straftaten ohne Körperkontakt gemäß § 176 Abs. 3 handelt (so genannte "Hands-off-Delikte"), während lediglich etwa 3% der Missbrauchsfälle mit der Vergewaltigung eines Kindes gemäß § 177 StGB verbunden waren. 

Bezüglich der Opfer des sexuellen Kindesmissbrauchs ergibt die Polizeiliche Kriminalstatistik 2001 eine Gesamtzahl von 19.230 Kindern. Davon waren 77% weiblich und 23% männlich. Die weit überwiegende Mehrzahl der kindlichen Opfer (rund 91%) war zwischen sechs und 14 Jahre alt. Bei den Tatverdächtigen handelte es sich in 97% der aufgeklärten Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs um männliche Personen.10 Bei den sexuellen Gewalt- und Belästigungsdelikten liegt der entsprechende Wert sogar bei rund 99%. Analysiert man die Tatverdächtigen hinsichtlich verschiedener Altersgruppen, dann ergibt sich für die sexuelle Gewalt - ähnlich wie für die Gewaltkriminalität insgesamt - eine Dominanz junger Männer zwischen 21 und 25 Jahren sowie eine gewisse Episodenhaftigkeit (deutlich niedrigere Werte bei Altersgruppen ab 25 Jahren). 

Ein etwas anderes Bild bezüglich der Verteilung der Altersgruppen zeigt sich dagegen für den sexuellen Kindesmissbrauch. Hier finden sich nämlich nennenswerte Anteile auch bei den 30- bis 40-Jährigen sowie bei Jugendlichen (14- 18 Jahre). Dies ist vermutlich durch die heterogene Zusammensetzung dieser Tätergruppe zu erklären: 

  1. Jugendliche Dissoziale (gelegentliche Übergriffe auf altersgleiche oder altersnahe Personen, teilweise mit deren Einverständnis: Ausprobieren der Sexualität); 

  2. Jungerwachsene und erwachsene (Kern-)Pädophile/Pädosexuelle (Neigungstäter) und 

  3. über 30-jährige Täter, die ohne primärpädosexuelle Orientierung Ersatzobjekte suchen, vorwiegend im sozialen Nahraum (Konflikt- und Stresstäter).

Die Aufklärungsquote, also das prozentuale Verhältnis von aufgeklärten zu bekannt gewordenen Fällen, ist bei Sexualdelikten vergleichsweise hoch, zumindest im Bereich der sexuellen Gewalt (75-80%) und des sexuellen Kindesmissbrauchs (rund 75%), während sexuelle Belästigungsdelikte nur zu rund 50% aufgeklärt werden. Maßgeblich hierfür ist der hohe Anteil an angezeigten Sexualdelikten, bei denen der Täter dem Opfer gut bekannt ist, so dass keine aufwändige Ermittlungsarbeit erforderlich ist. 

Bezüglich der Strafverfolgung der Täter sexuellen Kindesmissbrauchs ergibt sich nach mehreren kriminologischen Studien ein deutlicher Ausfilterungsprozess, der meist bereits im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren stattfindet und dazu führt, dass nur ein kleiner Teil der Tatverdächtigen angeklagt und verurteilt wird. So wurden im Jahr 2000 rund 9.000 Tatverdächtige polizeilich ermittelt, aber lediglich 2.249 verurteilt.11 Der Hauptgrund der Verfahrenseinstellungen betrifft fehlenden Tatverdacht oder Verfahrenshindernisse (vgl. Gunder 1999).

 


Als Mitte der sechziger Jahre die Taten des Kindermörders Bartsch, die einen sexuellen Hintergrund hatten, entdeckt wurden, artikulierte sich das Entsetzen der Öffentlichkeit, indem man den Mordfall zum Jahrhundertfall deklarierte. Richter, Psychiater und Öffentlichkeit mussten sich damit auseinandersetzen, dass ein Zusammenhang zwischen der Psyche eines pathologischen Mörders und einer sozialen Biografie besteht.

Foto: dpa

 

Das Dunkelfeld der Sexualstraftaten

Sexualstraftaten sind so genannte Anzeigedelikte, d.h. Straftaten, deren Erfassung, Aufklärung und Verfolgung wesentlich davon abhängt, ob die Opfer Anzeige erstatten oder nicht.12 Anders als etwa beim Wohnungseinbruch oder beim Kfz-Diebstahl, wo die Geschädigten meist schon wegen der zu erwartenden Versicherungsleistungen Anzeige erstatten, gelten Sexualdelikte, namentlich solche mit vorausgehenden nennenswerten Täter- Opfer-Beziehungen, als deutlich unterberichtet. Opfer scheuen vielfach den Gang zur Polizei, weil sie Nachteile befürchten, z.B. eine sekundäre Viktimisierung durch anstrengende Vernehmungen, weil sie sich mitschuldig fühlen oder weil sie die Angelegenheit lieber informell mit dem Täter regeln wollen. Das dadurch bestehende Dunkelfeld der Sexualkriminalität ist naturgemäß schwer abzuschätzen, da es zum einen in Deutschland bislang keine regelmäßigen Opferumfragen oder Kriminalitätsbelastungsstudien gibt, andererseits aber auch solche Studien nur einen Teil des Dunkelfeldes aufhellen können.13 So stellt sich etwa die Frage der Repräsentativität der untersuchten Stichprobe (Größe, Erreichbarkeit, Teilnahmebereitschaft) sowie der Zuverlässigkeit der jeweils gewonnenen Angaben (Leugnung versus Übertreibung der tatsächlich erlebten Viktimisierung). Nicht zuletzt kann auch die Befragungsmethode (z.B. offene, geschlossene Fragen, schriftliche oder mündliche Interviews) einen nicht geringen Einfluss auf die erzielten Ergebnisse haben. 

In der einschlägigen Literatur schwanken die berichteten Dunkelziffern, also das Verhältnis der bekannt gewordenen zu den tatsächlich begangenen Sexualstraftaten zwischen 1:5 und 1:20. Diese hohe Spannbreite hängt mit verschiedenen methodischen und definitorischen Aspekten der referierten Studien zusammen, wie z.B. Stichprobenauswahl, Befragungsmethode und verwendete Fragestellung (z.B. Delikte mit und ohne Körperkontakt). Mitunter werden auch Ergebnisse ausländischer Studien unkritisch übernommen, ohne dass länderspezifische Besonderheiten oder Unterschiede in der strafrechtlichen Klassifikation der Delikte hinterfragt werden. 

1992 wurde vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) erstmalig eine bundesweit repräsentative Studie zum sexuellen Kindesmissbrauch durchgeführt, bei der rund 3.200 Personen zwischen 16 und 59 Jahren befragt wurden (Wetzels 1997). Berücksichtigt man nur sexuelle Handlungen mit Körperkontakt und eine Schutzaltersgrenze von 14 Jahren, also den sexuellen Kindesmissbrauch im engeren Sinne, dann betrugen die Opferraten in dieser Studie bei den befragten Männer 2% und bei den Frauen 6,2%. Höhere Werte fanden sich naturgemäß bei Einschluss von "Handsoff- Delikten" sowie bei höheren Altersgrenzen. Für alle sexuellen Übergriffe in Kindheit und Jugend ergaben sich folgende Opferraten: Männer 7,3%, Frauen 18,1%. 

Eine weitere Analyse dieser und einige anderer Dunkelfeldstudien im Bereich des sexuellen Kindesmissbrauchs14 erlaubt zusammenfassend folgende Feststellungen: 

  • Ähnlich wie im Hellfeld sind auch im Dunkelfeld die Täter weit überwiegend Männer, die Opfer meist Mädchen. 

  • Bei sexuellen Übergriffen mit Körperkontakt handelt es sich größtenteils um Berührungen ohne Penetration. 

  • Mehrheitlich werden einmalige Übergriffe angegeben. Anzahl, Dauer und Intensität der Handlungen nehmen jedoch mit der sozialen Nähe zwischen Täter und Opfer zu. 

  • Der relative Anteil völlig fremder Täter ist im Dunkelfeld geringer als bei den polizeilich bekannt gewordenen Fällen. 15 Diese werden also häufiger angezeigt als dem Opfer bekannte Täter. Allerdings spielen auch missbrauchende Väter nicht die bisweilen vermutete große Rolle. Vielmehr ist bezüglich der sozialen Vorbeziehungen etwa von einer Dreiteilung auszugehen: Familienmitglieder, Täter aus dem sozialen Umfeld, fremde Täter. 

  • Auch aus den Dunkelfeldstudien ergeben sich keine Anzeichen für einen Anstieg des sexuellen Kindesmissbrauchs in den letzten Jahrzehnten, stattdessen deuten die geringeren Opferraten bei jüngeren Frauen in der KFN-Studie eher darauf hin, dass die Verbreitung des sexuellen Missbrauchs von Kindern rückläufig ist.

 

Rückfall nach Sexualdelikten

In der öffentlichen Diskussion nimmt die Frage der Rückfälligkeit von Sexualstraftätern, namentlich das Problem der damit verbundenen Progredienz, also der Steigerung der kriminellen Aktivität, eine große Rolle ein. So wurde die in den letzten Jahren geführte Diskussion bezüglich einer Verbesserung des Schutzes vor Sexualverbrechern maßgeblich initiiert und beeinflusst von Gewalttaten an Kindern, die von Rückfalltätern verübt wurden.16 

Allerdings lassen sich aus den amtlichen Rechtspflegestatistiken von Polizei und Justiz zur Frage der Rückfälligkeit von Sexualstraftätern nur sehr wenige Informationen entnehmen. Beispielsweise ergibt sich aus der jährlich vorgelegten Strafverfolgungsstatistik17 zwar eine allgemein recht hohe strafrechtliche Vorbelastung verurteilter Sexualstraftäter, doch lässt sich aus diesen Zahlen nicht ersehen, ob es sich dabei um ähnliche Delikte, also um einschlägige Vorstrafen, oder um Verurteilungen wegen anderer krimineller Taten handelt. Zudem kann die Vorstrafenbelastung - wie sich leicht zeigen lässt - nicht mit Rückfälligkeit gleichgesetzt werden. Ähnliches gilt für die Bewährungshilfestatistik. Daraus lässt sich z.B. nicht entnehmen, ob es sich bei Straftaten, die zum Widerruf einer Bewährungsaufsicht führten, um neue Sexualdelikte oder um andere Straftaten handelt. Eine allgemeine Rückfallstatistik, die für einzelne Delikte, Personengruppen (Alter, Geschlecht) und Sanktionsformen Basiszahlen liefern könnte, existiert jedoch derzeit in Deutschland noch nicht, obwohl seit einigen Jahren entsprechende Vorarbeiten im Gange sind (vgl. dazu Jehle/Brings 1999). 

Bisherige wissenschaftliche Untersuchungen zur Rückfälligkeit von Sexualstraftätern wurden meist in Form von katamnestischen oder Follow-up-Studien konzipiert. Dies bedeutet, dass sie sich auf einzelne Entlassungsjahrgänge oder Entlassungsgruppen aus Straf- oder Maßregelvollzugsanstalten beziehen. So untersuchten etwa Dünkel und Geng (1994) mehrfach vorbestrafte Karrieretäter, die in den 70er-Jahren aus dem Berliner Strafvollzug entlassen wurden. Für einen Beobachtungszeitraum von zehn Jahren ergab sich dabei für Sexualstraftäter (N= 41) ein einschlägiger Rückfall mit nachfolgender neuer Freiheitsstrafe ohne Bewährung in Höhe von 29%. In einer Untersuchung von Entlassenen aus dem psychiatrischen Maßregelvollzug gemäß § 63 StGB stellten Dimmek und Duncker (1996) für Sexualstraftäter bei einem Beobachtungszeitraum von bis zu vier Jahren eine deliktspezifische Rückfälligkeit von 27% fest, wobei all jene Delikte erfasst wurden, die in den Führungsaufsichtsakten verzeichnet waren, unabhängig von den rechtlichen Konsequenzen. Aus diesen und ähnlichen Studien lassen sich fraglos wichtige Informationen bezüglich der Wirksamkeit therapeutischer Programme und Maßnahmen entnehmen, sie sind jedoch kaum geeignet für die Bestimmung allgemeiner Inzidenzoder Basisraten der Rückfälligkeit bei verschiedenen Tätergruppen. Dies liegt an der allgemeinen Konzeption solcher Rückfallstudien: 

  1. Es werden meist nur relativ kleine Stichproben berücksichtigt (insgesamt oder bezogen auf Sexualdelikte), deren Aussagekraft und Verallgemeinerbarkeit naturgemäß eng begrenzt ist. 

  2. Eine Konsequenz dieser geringen Fallzahlen ist, dass in der Regel keine oder lediglich eine geringe Differenzierung nach einzelnen Deliktgruppen möglich ist. Damit werden eventuelle Unterschiede in den Rückfallraten (etwa: innerfamiliäre versus außerfamiliäre Täter) zu wenig deutlich. 

  3. Die Studien beziehen sich gewöhnlich auf Entlassene einzelner Anstalten oder Begutachtungsfälle spezieller Einrichtungen, sind also nicht bundesweit repräsentativ. 

  4. Die Beschränkung auf Entlassene geschlossener Einrichtungen oder auf Begutachtungsfälle bedeutet, dass überwiegend so genannte "schwere Fälle", also z.B. nur Verurteilte mit vollstreckbaren Freiheitsstrafen, erfasst werden. Auch dies steht einer Bestimmung allgemeiner Basisraten im Wege. 

Eine seit einiger Zeit verstärkt genutzte Möglichkeit zur Verbesserung der beschränkten Aussagemöglichkeiten kleiner empirischer Studien besteht im Einsatz so genannter Meta-Analysen. Durch die hierbei vorgenommene Gesamtschau wird der Einfluss störender Bedingungen oder Fehlerquellen reduziert, wenngleich nicht völlig aufgehoben. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang eine von Hanson und Bussière (1998) in Kanada durchgeführte Meta-Evaluation, die 61 Rückfallstudien aus sechs Ländern, darunter allerdings keine Arbeit aus Deutschland, umfasst. 

Für über 23.000 in die Analyse einbezogene Sexualstraftäter ergab diese Meta- Evaluation bei einem Beobachtungszeitraum von vier bis fünf Jahren eine Basisrate der einschlägigen, d.h. deliktspezifischen Rückfälligkeit in Höhe von 13,4%; höhere Werte zeigten sich bei sexuellen Gewalttätern (18,9%), etwas geringere bei Kindesmissbrauchern (12,7%). Die Basisrate für jedes beliebige neue Delikt in diesem Zeitraum betrug insgesamt 36,3%. Dabei wurden freilich nur Straftaten mit neuen Verurteilungen berücksichtigt. Zu bedenken ist ferner, dass sich bei längeren Beobachtungszeiträumen höhere Rückfallraten ergeben dürften.

 

Studie der Kriminologischen Zentralstelle zur Rückfälligkeit

In Deutschland erhielt die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden im Herbst 1996 den Auftrag, eine empirische Studie zur Gewinnung repräsentativer und differenzierter Daten über die Rückfälligkeit und kriminelle Entwicklung von Sexualstraftätern durchzuführen. Erste Zwischenergebnisse wurden bereits Mitte 1997 vorgelegt, weitere Teilergebnisse wurden 1998/ 1999 präsentiert (Egg 1999). Die Vorlage der Endberichte erfolgte in den Jahren 2001 und 2002 (Elz 2001, 2002; Nowara 2001). 

Ausgangspunkt der Studie waren alle Personen, die im ersten Halbjahr 1987 in Deutschland (BRD und DDR) wegen eines Sexualdelikts verurteilt worden waren. Aus dieser Grundgesamtheit wurden mehrere Stichproben gezogen, für die zum einen Daten des Bundeszentralregisters (zu Vorstrafen und neuen Verurteilungen) ausgewertet wurden und - sehr viel umfangreicher - die Strafakten von knapp 780 Verurteilten. Hier einige wesentliche Ergebnisse dieser Studie: 

Die Vorstrafenbelastung von Sexualstraftätern ist - bezogen auf alle Delikte - recht hoch. Sie beträgt rund 55% bei Kindesmissbrauchern, über 70% bei sexuellen Gewalttätern und sogar fast 80% bei "Exhibitionisten". Demgegenüber ist die Quote früherer Verurteilungen wegen Sexualdelikten, zumindest bei Kindesmissbrauchern und sexuellen Gewalttätern, mit knapp 20% relativ gering.

Für die Rückfälligkeit, also für neue Verurteilungen innerhalb des Risikozeitraums, ergibt sich ein ähnliches Bild: Etwa die Hälfte begeht wieder neue Straftaten (und wird deswegen verurteilt), aber lediglich bei rund 20% ist dies (auch) ein neues Sexualdelikt. Diese 20% dürften als Basisrate der Rückfälligkeit (neues einschlägiges Delikt innerhalb von sechs Jahren mit anschließender Verurteilung) von Sexualstraftätern (Missbraucher und Gewalttäter) angesehen werden können. Lediglich bei "Hands-off-Tätern" ist für den genannten Zeitraum von einer deutlich höheren Rückfallrate von über 50% auszugehen. 

Betrachtet man die Rückfallgeschwindigkeit, also den Zeitpunkt, zu dem der Rückfall erfolgte, so zeigt sich, dass über die Hälfte der neuerlichen Straftaten bereits in den ersten beiden Jahren nach der Verurteilung bzw. nach Verbüßung einer Freiheitsstrafe oder sogar noch vor der Entlassung aus dem Gefängnis begangen wurde. Dieser Effekt eines meist recht kurzen Zeitraums bis zu einer neuen Tat ist aus der allgemeinen Rückfallforschung mit anderen Tätergruppen bekannt. Allerdings gab es bei den Sexualstraftätern der Studie der Kriminologischen Zentralstelle auch eine nicht geringe Zahl von Rückfällen, nämlich rund 30%, die erst vier, fünf oder gar sechs Jahre nach Beginn des Beobachtungszeitraums verübt wurden.

 

Risikomerkmale der Rückfälligkeit

Extremgruppenvergleiche zwischen einschlägig Rückfälligen und nicht oder anderweitig Rückfälligen erbrachten Hinweise auf verschiedene Risikomerkmale der Rückfälligkeit, die für Prognosebeurteilungen, aber auch für die Einleitung von Behandlungsmaßnahmen relevant sind. Hier einige Ergebnisse für die Gruppe der Kindesmissbraucher: 

  1. An erster Stelle der Risikofaktoren rangiert die Täter-Opfer-Beziehung, also die Art der vor den Missbrauchshandlungen bereits bestehenden Kontakte zwischen Täter und Opfer. Hier erwiesen sich Täter aus dem außerfamiliären Bereich allgemein als rückfallgefährdeter als innerfamiliäre Kindesmissbraucher; besonders hoch ist die Rückfallgefahr zudem bei Tätern, die dem Opfer völlig fremd waren. Die verbreitete Furcht vor diesem - zum Glück seltenen Typus - des fremden, oft überfallartig handelnden Täters und dessen hoher Gefährlichkeit ist insoweit nicht unbegründet. Kriminologisch betrachtet lässt sich dieses höhere Rückfallrisiko fremder Täter so verstehen, dass Personen, die sich bei ihren Missbrauchshandlungen auf das Ausnützen "günstiger" Gelegenheiten innerhalb ihrer Familie oder ihrer sonstigen näheren sozialen Umgebung beschränken, eine insgesamt geringere kriminelle Energie aufweisen als Personen, die solche Tatgelegenheiten aktiv suchen oder herstellen und dabei auch die Grenzen ihres sozialen Nahraums überschreiten. 

  2. Erwartungsgemäß erhöhen einschlägige Vorstrafen die Gefahr weiterer Sexualdelikte, allerdings sind Verurteilungen wegen anderer Delikte diesbezüglich nicht relevant. Dieser Befund lässt sich so interpretieren, dass für die Begehung von Sexualdelikten im Rückfall eher abweichende pädosexuelle Einstellungen und Neigungen als allgemein- kriminelle Neigungen ausschlaggebend sein dürften. 

  3. Eine deutlich erhöhte Rückfallgefahr zeigte sich bei Tätern, die ihr erstes Sexualdelikt als Jugendliche oder Heranwachsende verübt hatten. Die aus anderen kriminologischen Studien bekannte Episodenhaftigkeit der Delinquenz junger Menschen, die im Regelfalle eine eher zurückhaltende kriminalrechtliche Reaktion ratsam erscheinen lässt, gilt bei Sexualdelikten, vor allem bei fremden Opfern und größerem Altersabstand, offenbar nicht in gleicher Weise. 

  4. Waren die Opfer des sexuellen Missbrauchs (auch oder ausschließlich) männlich, so war das Rückfallrisiko ebenfalls erhöht. Dieser Befund, der auf die offenbar stärkere pädosexuelle Neigung und damit größere Tatbereitschaft von Kindesmissbrauchern mit bi- und homosexuell-pädophiler Orientierung verweist, bestätigt Ergebnisse anderer Rückfallstudien (vgl. Beier 1995). 

  5. Überraschend wurden Täter, die bei Begehung ihrer Missbrauchshandlungen nicht oder nur gering alkoholisiert waren, häufiger rückfällig als andere. Obwohl Alkoholeinfluss zweifellos bei Sexualstraftaten im Sinne einer Verminderung von Hemmschwellen bedeutsam sein kann, scheint die wiederholte Begehung von Sexualdelikten im wesentlichen doch von anderen Faktoren, insbesondere einer dauerhaften pädosexuellen Neigung, abhängig zu sein. Zudem wird ein Sexualstraftäter, der seine Missbrauchshandlungen gezielt plant, organisiert und ausführt, größeren Alkoholeinfluss und damit einen möglichen Kontrollverlust eher meiden. 

Insgesamt zeigen die Ergebnisse deutlich, dass Sexualstraftäter hinsichtlich der Rückfallneigung keine homogene Gruppe bilden, vielmehr sind unterschiedliche Karriereverläufe und Risikofaktoren zu beobachten. Der Anteil so genannter Serientäter (mindestens drei einschlägige Verurteilungen im erfassten Zeitraum) umfasste in der Studie der Kriminologischen Zentralstelle lediglich eine Minderheit von etwa 5-7 % der Gesamtgruppe. Freilich wäre es angesichts der teilweise sehr massiven, dauerhaften Schädigungen von Opfern des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Gewalt dennoch verfehlt, diesen Deliktsbereich und die damit verbundenen Gefahren zu verharmlosen. Vielmehr sind verstärkte Anstrengungen zur Verbesserung der Rückfallprävention erforderlich, namentlich eine frühzeitige Identifizierung und gegebenenfalls Behandlung von Tätern mit besonderem Rückfallrisiko.

 

Rückfallvermeidung durch Therapie von Sexualstraftätern?

Entgegen einem landläufigen Vorurteil handelt es sich bei Sexualstraftätern, wie oben ausgeführt, nicht um Personen mit durchwegs hoher Rückfallgefahr, sondern um eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Rückfallrisiken. So dürften bei einer Vielzahl von Sexualdelikten situative Aspekte wie sozialer Stress, Alkoholeinfluss, Gruppendruck oder besondere Tatgelegenheiten wesentliche Entstehungsmerkmale sein, weshalb in diesen Fällen eine erneute Sexualstraftat dann nicht zu erwarten ist, wenn zukünftig andere situative Bedingungen gegeben sind. Dies ist z.B. bei innerfamiliären Missbrauchern der Fall, deren Opfer aus Tätersicht lediglich leicht verfügbare Ersatzobjekte waren. Weitere sexuelle Übergriffe sind bei solchen Tätern dann wenig wahrscheinlich, wenn ihnen nach einer Verurteilung und gegebenenfalls Strafhaft geeignete Opfer nicht mehr zur Verfügung stehen. Anders verhält es sich dagegen bei Tätern, deren sexuelle Gewalthandlungen und/ oder Missbrauchshandlungen als Ausdruck oder Ergebnis einer allgemein-dissozialen Störung oder einer spezifischen sexuellen Abweichung, namentlich einer Pädophilie, anzusehen sind. Hier dürfte eine nachhaltige Reduzierung des Rückfallrisikos nur durch gezielte therapeutische Interventionen erreichbar sein, weil die deliktrelevante Neigung meist auch nach längeren Freiheitsstrafen noch bestehen bleibt. 

Auch der Gesetzgeber hat durch die im Rahmen des "Gesetzes zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten" von 1998 festgelegte und seit 2003 geltende verpflichtende sozialtherapeutische Behandlung von Sexualstraftätern mit Verurteilungen zu mehr als zwei Jahren Freiheitsstrafe zum Ausdruck gebracht, dass zur Verminderung der Rückfallgefahr von Sexualstraftätern und damit im Interesse eines verbesserten Opferschutzes in den genannten Fällen therapeutische Maßnahmen durchgeführt werden sollen.18 Allerdings ist dabei vor einem überzogenen therapeutischen Optimismus zu warnen. Aus der Therapieforschung, namentlich aus Meta-Evaluationsstudien, z.B. von Lösel (2000) oder von Egg, Pearson u.a. (2001), wissen wir zwar, dass die Behandlung von Straftätern, auch von Sexualstraftätern, im Rahmen des Strafvollzuges möglich ist und grundsätzlich erfolgreich sein kann, wenn auch mit nicht sehr hohen Effektstärken (ca. 10%). Wir wissen aber noch zu wenig über differenzielle Therapieeffekte, also darüber, welche Maßnahmen bei welchen Tätern wie wirksam sind. Zu bedenken ist auch, dass einige gut kontrollierte Studien zeigen (vgl. etwa Andrews u.a. 1990), dass bei der Behandlung von Straftätern neben substanziellen, also positiven Effekten bei gut strukturierten, multimodalen und an den Bedürfnissen und (kognitiven) Möglichkeiten der Klienten ausgerichteten Maßnahmen auch keine oder gar nachteilige Auswirkungen auftreten können, wenn es sich dabei um wenig spezifische Maßnahmen wie etwa allgemeine Gesprächsgruppen oder unstrukturiert Fallarbeit handelt.19  

Eine neuere Meta-Evaluationsstudie zur Behandlung von Sexualstraftätern von Hanson (2002) ergab für 43 Studien mit zusammen 9.454 Probanden insgesamt positive Effekte (Follow-Up-Intervall: 4-5 Jahre). Allerdings waren nicht alle eingesetzten Maßnahmen gleichermaßen wirksam. So zeigten Therapieansätze, die vor dem Jahr 1980 zum Einsatz kamen, kaum positive Effekte, während neuere Verfahren sowohl die allgemeine Rückfälligkeit wie die einschlägige Rückfälligkeit deutlich reduzierten (von 51% auf 32% bzw. 17% auf 10%). Besonders günstig schnitten dabei (bei erwachsenen Straftätern) so genannte kognitiv-behaviorale Verfahren ab. 

Angesichts dieser Erkenntnisse sollte eine Qualitätssicherung der seit 1998 erweiterten oder neu aufgebauten Programme in den sozialtherapeutischen Einrichtungen des Justizvollzuges durch eine systematische Begleitforschung erfolgen, bei der weniger die Frage der Wirksamkeit der Behandlung von Sexualstraftätern "an sich", sondern die differenzierte Evaluation einzelner therapeutischer Schritte oder Programmpunkte zu untersuchen wäre. An einigen Orten wurden auch bereits entsprechende Begleitprogramme initiiert, doch erscheint ein bundesweit einheitliches, koordiniertes Vorgehen notwendig. 

In diesem Zusammenhang ist noch auf folgende kritische Punkte hinzuweisen: Serienhaft begangene Sexualkriminalität weist regelmäßig eine deutliche progrediente Entwicklung auf, d.h. am Anfang stehen weniger schwere Übergriffe, deren Intensität und Häufigkeit sich im Laufe der Zeit steigert. Umgekehrt bedeutet aber ein einfaches Sexualdelikt nur in besonderen Fällen den Einstieg in eine dauerhafte kriminelle Karriere. Um potenzielle Karrieretäter möglichst bald zu erkennen und von Einmal- oder Gelegenheitstätern zu unterscheiden, ist es notwendig, frühzeitig differenzierte Untersuchungen und Risikobeurteilungen vorzunehmen. Dabei sollten nicht bloß allgemeine klinische Beurteilungen, sondern neuere Verfahren zur Abschätzung des individuellen Rückfallrisikos (z.B. HCR 20, SVR 20, Rehder-Skala, Dittmann-Kriterien) 20 Anwendung finden. 

Eng verbunden mit dieser Empfehlung einer Frühdiagnostik ist die Notwendigkeit einer rechtzeitigen Einleitung geeigneter Interventionen, auch und gerade bei jungen, erstmalig auffälligen Sexualstraftätern. Dies ist schon aus Gründen des Opferschutzes notwendig. Wenn zu lange abgewartet und nichts oder das Falsche getan wird, begünstigt dies die Entwicklung zu einem nicht oder nicht mehr behandelbaren Sexualstraftäter, bei dem nur noch eine lebenslange sichere Verwahrung übrig bleibt. 

Verbesserungsbedarf besteht auch bezüglich der so genannten Nachsorge, also der ambulanten Nachbetreuung aus dem Straf- oder Maßregelvollzug Entlassener. Ursache der Sexualkriminalität ist ja nicht eine eng umgrenzte Störung, die stationär zu behandeln ist und im erfolgreichen Fall zu Straffreiheit führt. Meist geht es auch gar nicht um die Heilung einer Krankheit, sondern um (Selbst-)Kontrolle des Verhaltens ("No cure but control"). Dies aber bedarf der ambulanten Nachsorge. Glücklicherweise gibt es hier bereits einige erfolgversprechende Modelle, deren Weiterentwicklung und verstärkte Anwendung dringend geboten erscheint. 

 


Die häufig geäußerte Besorgnis über scheinbar ineffektive Maßnahmen der Prävention und Bekämpfung von Kriminalität mit sexuellem Hintergrund oder gar der Ruf nach einem "Wegsperren für immer" lassen sich bei nüchterner Betrachtung nicht bestätigen oder rechtfertigen. 

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Einen Königsweg zur Verhinderung gibt es nicht

Kriminalität mit sexuellem Hintergrund steht wie kaum ein anderer Bereich kriminellen Verhaltens im Schnittpunkt zahlreicher kriminalpolitischer, fachlich-spezieller, aber auch allgemein-öffentlich geführter Debatten. Vor allem dann, wenn diese nach spektakulären Einzelfällen und vor dem Hintergrund großer emotionaler Betroffenheit geführt werden, entsteht mitunter der Eindruck pauschaler Schuldzuweisungen und überzogener Behauptungen. So kann etwa die oft gehörte Aussage, es werde mehr für die Täter als für die Opfer getan, angesichts der vielfältigen gesetzgeberischen und praktischen Bestrebungen zur Verbesserung des Opferschutzes in dieser verallgemeinernden Form nicht aufrechterhalten werden. 

Auch die häufig geäußerte Besorgnis über scheinbar ineffektive Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung dieser Delikte oder gar der Ruf nach einem "Wegsperren für immer" lässt sich bei nüchterner Betrachtung der vorliegenden kriminologischen Erkenntnisse so nicht bestätigen bzw. rechtfertigen. 

Zweifellos handelt es sich bei Sexualdelikten um schwere und mitunter schwerste Rechtsverletzungen. Jeder sexuelle Übergriff ist einer zuviel. Einen Königsweg zur Verhinderung von Sexualstraftaten gibt es jedoch nicht. Neben der berechtigten Sorge um die Opfer sollte die Diskussion daher - so schwer dies im Einzelfall immer sein mag - auch und gerade von Sachlichkeit sowie von der Erkenntnis geprägt sein, dass es eine Welt ohne Gefahren und Risiken nicht geben kann und nicht geben wird. Problematisch ist auch, wenn die mit Prognose, Behandlung, Lockerung und Entlassung verbundenen Risiken von Sexualstraftätern ausschließlich jenen angelastet werden, die beruflich als Richter, Sachverständige, Therapeuten oder Vollzugsbedienstete mit diesem Personenkreis befasst sind. Diese tragen zwar im Rahmen ihrer beruflichen Aufgaben eine besondere Verantwortung, nehmen aber eigentlich nur einen gesellschaftlichen Auftrag wahr, der letztlich auch von der Allgemeinheit mitgetragen werden muss. Eine Gesellschaft, die diesen Zusammenhang verkennt, läuft Gefahr, dass sie die Augen vor effektiven Lösungswegen verschließt und dadurch auf lange Sicht mehr Probleme erzeugt als beseitigt.

 

Literaturhinweise

Andrews, D. A./Zinger, I./Hoge, R. D./Bonta, J./Gendreau, P./Cullen, F. T.: Does correctional treatment work? A clinically relevant and psychologically informed metaanalysis. In: Criminology, 28/1990, S. 369-404 Beier, K. M.: Dissexualität im Lebenslängsschnitt. Theoretische und empirische Untersuchungen zur Phänomenologie und Prognose begutachteter Sexualstraftäter. Berlin 1995

Boetticher, A.: Kann die Justiz die erhöhten Anforderungen des "Gesetzes zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten" erfüllen? In: Egg, R. (Hrsg.): Behandlung von Sexualstraftätern im Justizvollzug. Erfahrungen aus den Gesetzesänderungen (Kriminologie und Praxis, Bd. 29). Wiesbaden 2000, S. 47-72 

Braun, G.: Täterinnen beim sexuellen Missbrauch von Kindern. In: Kriminalistik, 56/2002, S. 23-27 Bundeskriminalamt (Hrsg.): Polizeiliche Kriminalstatistik Bundesrepublik Deutschland. Berichtsjahr 2001. Wiesbaden 2002 

Dimmek, B./Duncker, H.: Zur Rückfallgefährdung durch Patienten des Maßregelvollzuges. In: Recht und Psychiatrie, 14/1996, S. 50-56 Dünkel, F./Geng, B.: Rückfall und Bewährung von Karrieretätern nach Entlassung aus dem sozialtherapeutischen Behandlungsvollzug und aus dem Regelvollzug. In: Steller, M./Dahle, K.P./Basqué, M. (Hrsg.): Straftäterbehandlung. Argumente für eine Revitalisierung in Forschung und Praxis. Pfaffenweiler 1994, S. 35-59 Egg, R. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch von Kindern. Täter und Opfer (Kriminologie und Praxis, Bd. 27). Wiesbaden 1999 

Egg, R. (Hrsg.): Behandlung von Sexualstraftätern im Justizvollzug. Erfahrungen aus den Gesetzesänderungen (Kriminologie und Praxis, Bd. 29). Wiesbaden 2000 

Egg, R.: Prognosebegutachtung im Straf- und Maßregelvollzug. Standards und aktuelle Entwicklungen. In: Kühne, H.H./Jung, H./Kreuzer, A./Wolter, J. (Hrsg.): Festschrift für Klaus Rolinski. Baden-Baden 2002, S. 309-333 

Egg, R./Kälberer, R./Specht, F./Wischka, B.: Bedingungen der Wirksamkeit sozialtherapeutischer Maßnahmen. In: Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligenhilfe, 47/1998, S. 348-351 

Egg, R./Pearson, F. S./Cleland, C. M./Lipton, D. S.: Evaluation von Straftäterbehandlungsprogrammen in Deutschland. Überblick und Meta-Analyse. In: Rehn, 

G./Wischka, B./Walter, M. (Hrsg.): Behandlung "gefährlicher Straftäter". Grundlagen, Konzepte, Ergebnisse. Herbolzheim 2001, S. 321-347 

Elz , J.: Legalbewährung und kriminelle Karrieren von Sexualstraftätern. Sexuelle Missbrauchsdelikte (Kriminologie und Praxis, Bd. 33). Wiesbaden 2001 

Elz J.: Legalbewährung und kriminelle Karrieren von Sexualstraftätern. Sexuelle Gewaltdelikte (Kriminologie und Praxis, Bd. 34). Wiesbaden 2002 

Gunder, T.: Der Umgang mit Kindern im Strafverfahren: Eine empirische Untersuchung zur Strafverfolgung bei Sexualdelinquenz. Frankfurt am Main 1999

Hanson, R.: The effectiveness of treatment for sexual offenders. 2002. Available: www.sgc.gc.ca. Hanson, R. K./Bussière, M. T.: Predicting Relapse: A Meta-Analysis of Sexual Of-fender Recidivism Studies. 

In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 55/1998, S. 348-362 

Jehle, J.-M./Brings, S.: Zur Messung der Rückfälligkeit von Straftätern. In: Wirtschaft und Statistik, 51/1999, S. 498-504 

Lösel, F.: Evaluation der Kriminaltherapie - unter besonderer Berücksichtigung der Behandlung von Sexualstraftätern. In: Salzgeber, J./Stadler, M./Willutzki, S. (Hrsg.): Polygraphie: Möglichkeiten und Grenzen der psychophysiologischen Aussagebegutachtung. Köln 2000, S. 69-91 

Nowara, S.: Sexualstraftäter und Maßregelvollzug: Eine empirische Untersuchung zu Legalbewährung und kriminellen Karrieren (Kriminologie und Praxis, Bd. 32). Wiesbaden 2001 

Rüther, W.: Internationale Erfahrungen bei der Behandlung von Sexualstraftätern. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 81/1998, S. 246-262 

Schorsch, E. (1993): Perversion, Liebe, Gewalt (Beiträge zur Sexualforschung, Bd. 68). Stuttgart 1993 

Wetzels, P.: Gewalterfahrung in der Kindheit. Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Baden-Baden 1997

 

Fußnoten

1 Siehe: Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik. Bundesrepublik Deutschland. Berichtsjahr 2001. Wiesbaden 2002. 

2 Näheres siehe unter: www.bmj.bund.de 

3 Strafbar sind also nicht mehr wie vor der Reform von 1973 Verstöße gegen die "Sittlichkeit", also die Moral, sondern Verletzungen der "sexuellen Selbstbestimmung". 

4 Siehe auch im Internet unter: www.bka.de 

5 Gesamtzahl der Statistik: N= 6.363.865 Fälle. 

6 Einschließlich sexuelle Belästigungsdelikte an Kindern. 

7 Die Häufigkeitszahl (HZ) ist die Zahl der Fälle pro 100.000 Einwohner. 

8 Verzerrungen können sich hier jedoch z.B. dadurch ergeben, dass Sexualmorde nicht aufgedeckt werden, weil die Opfer nicht gefunden werden und lediglich als vermisste Personen gelten. 

9 Vgl. Rüther (1998). 

10 Zum sexuellen Missbrauch von Kindern durch Frauen siehe Braun (2002) mit weiteren Nachweisen. 

11 Allerdings lassen sich diese Zahlen nicht direkt, sondern lediglich hinsichtlich der Größenordnung aufeinander beziehen, da Polizeiliche Kriminalstatistik und Strafverfolgungsstatistik nur die polizeiliche bzw. justizielle Erledigung von Fällen des jeweiligen Berichtsjahres abbilden und somit nur teilweise dieselben Personen betreffen. 

12 Im Unterschied zu so genannten Kontrolldelikten, wie z.B. Drogendelikte und viele Wirtschaftsstraftaten. 

13 Vgl. Elz (2001), S. 39ff. 

14 Vgl. dazu Elz (2001, S. 39-51). 

15 Polizeiliche Kriminalstatistik 2001: Bei rund 44% aller Opfer gab es keine Vorbeziehung zum Tatverdächtigen. 

16 Vgl. Boetticher (2000). 

17 Herausgegeben vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden 

18 Vgl. zum Ganzen Egg (2000). 

19 Vgl. Egg et al. (1998). 

20 Zum Ganzen vgl. Egg (2002).

 

 

 


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