Zeitschrift

Sicherheit und Kriminalität


 

Heft 1/ 2003

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis


Kriminalität


steht wie kaum ein anderes Thema beständig auf der gesellschaftlichen und politischen Tagesordnung. Je nach Medienkonjunktur sind es besonders brutale Delikte (z.B. Kindermorde, Sexualdelikte) oder bestimmte Tätergruppen (z.B. Jugendliche, Ausländer), die im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Abhängig von der Größe der Schlagzeilen schwappt bei spektakulären Verbrechen eine Woge von Emotionen über die Bundesrepublik. Kein Wunder, wenn an Stammtischen (und nicht nur dort) Entwicklung und Ausmaß der Kriminalität sorgenvoll diskutiert und beklagt werden. Oft gehen mit der Sorge um die Entwicklung des Gemeinwesens populistische Forderungen nach härteren Strafen einher.

 

Foto: dpa- Fotoreport

Kriminalität ist zwar ein "normaler" Bestandteil (Emile Durkheim) einer Gesellschaft. Jedoch sind die Vorstellungsinhalte von Sicherheit und Kriminalität heterogen und gelegentlich recht diffus. Die Furcht, selbst Opfer einer Straftat zu werden, ist besonders bei Frauen und älteren Menschen stark ausgeprägt. 

Auf den ersten Blick mag das Ausmaß an Kriminalität auch Furcht auslösen. Allerdings ist das subjektive Empfinden von Furcht zu trennen von der statistisch erfassten Entwicklung der Kriminalität. Wenn auch die jährlich herausgegebene Polizeiliche Kriminalstatistik gegenwärtig wieder einen Anstieg an Straftaten verzeichnet, ist die Tendenz über die Jahre hinweg betrachtet rückläufig. Wenn man die Deliktformen genauer betrachtet, relativiert sich das Bild erneut. Wie schon in den vergangenen Jahren war fast jede zweite Straftat ein Diebstahl. Eine starke Zunahme verzeichnete die Polizei bei der Computer- und Wirtschaftskriminalität. Mord und Totschlag hingegen gingen deutlich zurück. Eigentumsdelikte machen demnach das Gros der Kriminalität aus. Gewaltdelikte sind in der Minderzahl. Ein Blick auf die im Hellfeld registrierten Straftaten zeigt zunächst, dass Kriminalität geschlechtsspezifisch verteilt ist: Etwa drei Viertel aller registrierten Delikte werden von Männern begangen. Eine etwas andere Perspektive vermitteln Dunkelfelduntersuchungen. Straftaten, die sich im sozialen Nahraum oder in der Familie ereignen, werden in offiziellen Statistiken weit weniger erfasst. Insbesondere häusliche Gewalt spielt sich zumeist im Dunkelfeld ab. Tatsächlich sind Frauen und Männer in annähernd gleichem Umfang Täter und Opfer häuslicher Gewalt.

Zwei Gruppen fallen im Spiegel der amtlichen Statistik durch ihre Kriminalitätsbelastung auf: Jugendliche und Ausländer. Eine kritische Betrachtung der von beiden Gruppen begangenen Straftaten zeigt aber, dass - von wenigen Ausnahmen abgesehen - Kinder- und Jugenddelinquenz ein zeitweiliges Phänomen ist. Die meisten Delikte sind Bagatellfälle und lediglich Episoden in der Biografie. Dies scheint sich gleichermaßen bei empirischen Umfragen zu bestätigen, die sich mit Gewalt und Aggression in der Schule beschäftigen. Nur eine Minderheit von Kindern und Jugendlichen handelt brutal und skrupellos. Und auch bei der Kriminalitätsbelastung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gilt es zu berücksichtigen, dass ein nicht geringer Prozentsatz dieser Straftaten solche gegen das Ausländer- oder Asylverfahrensgesetz sind, die nur von Ausländern begangen werden können. Rechnet man diese Straftaten aus der Statistik heraus und berücksichtigt diejenigen Delikte, die von durchreisenden Tätern und Touristen begangen werden, ergibt sich schon ein sachlicheres Bild.

Unabhängig von soziologischen Betrachtungen, ob Kriminalität sich an gesellschaftlichen Konfliktlinien entwickelt und ob es eine Gesellschaft ohne Kriminalität überhaupt geben kann, ist die Bekämpfung und Verhinderung der Kriminalität eine staatliche Aufgabe. Interessant ist der Blick auf die städtebauliche und kommunale Kriminalprävention. Wenn auch zwischen bebauter und sozialer Um- und Mitwelt und Kriminalität nur mittelbare Wechselbeziehungen bestehen, werden "Angsträume" und Kriminalitätsfurcht von der bebauten Umgebung stark beeinflusst. Gerade die Verknüpfung kommunaler Politikfelder mit präventiven Maßnahmen scheint ein vielversprechender Ansatz zu sein, unmittelbar vor Ort Kriminalität und Kriminalitätsfurcht zu senken. 

Die Beiträge in diesem Heft der Zeitschrift "Der Bürger im Staat" sollen ohne Dramatisierung und Bagatellisierung die Fragen von Sicherheit und Kriminalität behandeln. Geplant und realisiert worden ist dieses Heft in enger Kooperation mit Herrn Prof. Dr. Werner Maschke von der Fachhochschule Villingen-Schwenningen, Hochschule der Polizei. Ihm und allen Autorinnen und Autoren, die zum Gelingen beigetragen haben, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

 Siegfried Frech

 

 


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