Zeitschrift

Fußball und Politik


 

Heft 1 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Toleranz gegenüber Menschen anderer Herkunft, Religion und Hautfarbe
 

"ballance 2006" - Integration und Toleranz für eine friedliche Fußballweltmeisterschaft

  Michael Glameyer

 


Zur Fußballweltmeisterschaft werden knapp drei Millionen Fans erwartet, davon allein eine Million Fans und Schlachtenbummler aus dem Ausland. Gerade die ausländischen Fans und Besucher werden sich ein Bild von Deutschland machen. Welches Bild aber werden sie sich von Deutschland machen können? Schaffen wir es, dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" gerecht zu werden? Bereits im Vorfeld dieses Mega-Events machen sich - nicht nur im Kreise der Innenministerkonferenz - Sorgenfalten breit: Wie soll mit gewaltbereiten, zumeist jugendlichen Fans umgegangen werden? Sind unsere Stadien sicher? Haben wir die unzähligen Schlachtenbummler wirklich "im Griff"? Das 2001 ins Leben gerufene Projekt "ballance 2006" will in und um Hessen auf einen friedlichen und fairen Charakter der WM hinwirken. Mit vielfältigen Aktivitäten wird gerade jungen Menschen die Erfahrung vermittelt, dass Fairness und Toleranz die bessere Alternative darstellen als Randale, Diskriminierung und Gewalt. Michael Glameyer schildert in seinem Beitrag die Projektinitiative und das Engagement der Verantwortlichen und Beteiligten. Gerade die Projektziele und die Beschreibung einzelner Aktivitäten zeigen, dass sich
Integration und Toleranz durchaus mit sportlichem Ehrgeiz verbinden lassen.

 

"ballance 2006" - Hintergrund und Entstehung

"The winner is Deutschland", verkündete FIFA-Generalsekretär Sepp Blatter am 6. Juli 2000 um exakt 14.07 Uhr, und diese Worte lösten auch in Hessen große Freude aus. Erinnerungen an 1974 wurden wach, an die "Wasserschlacht" in Frankfurt mit dem entscheidenden Tor des unvergessenen Gerd Müller, an Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein und vor allem an ein farbenfrohes und friedliches Miteinander im sportlich-fairen Wettstreit eines großen Turniers. Der Freude jedoch folgte sogleich der Blick auf die vor uns liegende Dimension: Die Fußballweltmeisterschaft ist nach den Olympischen Spielen das größte internationale Sportereignis der Welt. Keine Sportart wird in so vielen Ländern der Erde betrieben, wie das Fußballspiel. Weltweit, so schätzt man, spielen mehrere hundert Millionen Jungen und Mädchen, Männer und Frauen Fußball.

Zur WM 2006 werden knapp drei Millionen Fans erwartet, davon allein eine Million aus dem Ausland. Im Fernsehen werden die Spiele viele Millionen Menschen verfolgen und sich - im wahrsten Sinne des Wortes - ein Bild von Deutschland machen. Welches Bild aber würden sich die Menschen von Deutschland und von Hessen machen können? Wie groß durfte das Vertrauen sein, dass "wir" dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" gerecht würden? Und wie war das mit der Fremdenfeindlichkeit hierzulande, mit Neonazis und Gewaltbereiten wie jenen, die 1998 in Lens den französischen Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode geprügelt hatten?

 

Die Projektinitiative

"Immerhin bleiben uns noch etwa sechs Jahre Zeit, etwas zu tun", sagten sich die Verantwortlichen des Hessischen Fußballverbandes (Präsident Rolf Hocke, Vorstand Stefan Reuß, stellvertretender Geschäftsführer Jens-Uwe Münker), der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (der damalige Direktor Klaus Böhme und Referatsleiter Jürgen Kerwer) und des gemeinnützigen Internationalen Bildungszentrums Witzenhausen (Geschäftsführer Michael Glameyer). Ein Jahr später, im Herbst 2001, lag ein detaillierte Projektplan vor, war mit der Kunsthochschule "Universität Kassel" ein ansprechendes Logo entwickelt worden und so konnte man auf einer Landespressekonferenz im Hessischen Landtag in Wiesbaden der Öffentlichkeit ein Projekt vorstellen, das auf fünf Jahre angelegt (1.1.2002 -31.12.2006) und solide finanziert war. Als Träger fungierten:

  • der Deutsche Fußball Bund (DFB - seit 2003);

  • der Hessische Minister des Innern und für Sport;

  • die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ);

  • der Landessportbund Hessen (LSBH);

  • der Hessische Fußball Verband (HFV);

  • das Internationale Bildungszentrum Witzenhausen (IBZW).

Als Förderer engagierten sich die Fraport AG, die Sparda-Bank Hessen und die Kfz-Innung.

 

Information schafft Identifikation und Vernetzung

In einem ersten Schritt lud man über die Bezirksfußballwarte zu sechs Informations- und Diskussionsabenden in den hessischen Fußballbezirken in Kassel, Wiesbaden, Darmstadt, Gießen/Marburg, in Frankfurt/Offenbach und Fulda ein, an denen insgesamt 125 Kreis- und Jugendfußballwarte sowie Schiedsrichterobmänner und Frauenbeauftragte teilnahmen. Ziel war es, systematisch und flächendeckend jene Multiplikatoren zu identifizieren, die an einer Vernetzung des gemeinsamen Engagements gegen Gewalt im Jugendfußball und im Sinne der Projektziele interessiert waren, die da heißen Integration, Toleranz und Fair Play für eine friedliche Fußballweltmeisterschaft.

Parallel wurden anlässlich der Jahreshauptversammlung der Hessischen Jugendbildungswerke in Witzenhausen ca. 50 hauptamtliche Bildungsreferenten informiert und zur Mitwirkung eingeladen.

 

Projektziele und vielfältige aktivitäten

In der Kooperation setzte man auf:

  • bestehende Methoden (z. B. DFB-Kampagne "Fair ist mehr", "Straßenfußball für Toleranz");

  • die gemeinsame Entwicklung neuer Konzepte ("Fair mit Pfiff");

  • die regionale Verankerung und dezentrale Verantwortung der Netzwerkpartner und ihrer Aktivitäten;

  • den Aufbau eines vom IBZW professionell koordinierten Netzwerks unter dem markenrechtlich geschützten Label "ballance 2006";

  • die Präsentation aller Aktivitäten über ein gemeinsames Internet-Portal (siehe: www. ballance2006.de);

  • die Einbindung prominenter Förderer: als Schirmherren wurden Weltmeisterin Steffi Jones und Vizeweltmeister Sebastian Kehl gewonnen, als Toleranzbotschafter u. a. Monika Staab, Armin Kraaz, Hanno Baltisch (Hannover 96), Christoph Preuß (Eintracht Frankfurt), Dragoslav Stepanovic, Lutz Wagner (Bundesliga-Schiedsrichter). Auch Bernd Hölzenbein und Jürgen Grabowski engagierten sich nicht nur mit ihren Namen, sondern durch Besuche bei den Veranstaltungen "auf dem flachen Land" in ganz Hessen.

Die vielleicht wichtigste Prämisse war der Vorsatz, auf unbedingte Freiwilligkeit zu setzen, und damit ausschließlich Personen bzw. Strukturen "mitzunehmen", die mit Begeisterung und Überzeugung dabei waren und nicht "zum Jagen" getragen werden mussten. Dieses Prinzip sollte sich später mehr als einmal bewähren.

Soweit die Idee - doch Theorie und Praxis sind bekanntermaßen zwei Paar Stiefel. Würde es gelingen, in der Wirklichkeit des hessischen Alltages anzukommen? Selbst ein Fundament mit starken Trägern und einer gesicherten Basisfinanzierung über fünf Jahre garantierte den Erfolg nicht automatisch. Werfen wir einen Blick auf die Ergebnisse, die in der Praxis verzeichnet werden konnten.

 

"ballance 2006" in Hessen

Etwa 50 Vereine, Jugendbildungswerke, Schulen, Kirchengemeinden oder andere Initiativen arbeiten seit Jahren kontinuierlich als Netzwerkpartner mit "ballance 2006" zusammen. Die Multiplikatoren halten untereinander bzw. mit den Koordinatoren Kontakt und treffen sich mindestens zweimal jährlich im Rahmen von Workshops zur Auswertung, zum Erfahrungsaustausch und zur weiteren Planung. Neben gemeinsamen Aktionen stehen vor allem die dezentral "vor Ort" organisierten Aktivitäten im Mittelpunkt. In den Jahren 2002 bis 2005 wurden knapp 100 Veranstaltungen mit über 8.000 Kindern und Jugendlichen organisiert. Davon waren ca. 80% männlich und 20% weiblich. Verantwortung übernahmen hierbei ca. 1.000 Multiplikatoren, davon etwa 65% männlich und 35% weiblich. Nach Schätzung der Netzwerkpartner vor Ort kamen ca. 13.500 Gäste (Publikum und Passanten) zu den Veranstaltungen (vgl. Tabelle 1).

 

TABELLE 1: "ballance 2006"-VERANSTALTUNGEN VON NETZWERKPARTNERN 

 

2002/2003 

2004 

2005 

Gesamt

Anzahl Veranstaltungen

30 

31 

37 

98

Kinder und Jugendliche

2.100 

2.942 

3.022 

8.064

davon Mädchen

500 

561 

780 

1.841

davon Jungs

1.600 

2.381 

2.242 

6.223

Multiplikatoren

220 

477 

341 

1.038

davon Frauen

70 

172 

101 

343

davon Männer

150 

305 

240 

695

Gäste (ca.)

3.500 

6.835 

3.090 

13.425

 

Auch werden "projekteigene Veranstaltungen" organisiert, die Test- bzw. Modellcharakter für Netzwerkpartner haben sollen. Hinzu kommen Präsentationen bei geeigneten Veranstaltungen und Gespräche mit möglichen Unterstützern des Projektes, sei es auf ideeller oder materieller Basis. Hier wurden im Berichtszeitraum 2002 bis 2005 bei ca. 90 Veranstaltungen insgesamt ca. 4.000 Personen erreicht. Die Grafik verdeutlicht die geografische Verteilung.

Überwältigend ist auch die Unterstützung der Medien: Alleine in Hessen erschienen 488 Artikel über "ballance 2006", was für die Verbreitung der Ziele einen unschätzbaren Beitrag darstellte.

 

"ballance 2006" in hessischen Partnerregionen

Von Anfang an war es der Wunsch der Organisatoren gewesen, "ballance 2006" gemeinsam mit den europäischen Partnerregionen zu gestalten. Dass es gelingen würde, ausländische Fußballverbände dazu zu bewegen, eigene Maßnahmen zur Gewaltprävention zu ergreifen, hätte man nicht zu hoffen gewagt. Dennoch ist genau dies eingetreten:

  • die "Ligue de Football d'Aquitaine" in Bordeaux veranstaltet unter "ballance 2006 - Aquitaine" Schulungen für Schiedsrichter ("Lutte contre la violence"), wo mit Patrick Battiston sogar ein prominenter Schirmherr gewonnen werden konnte und

  • der Fußballverband Wielkopolska in Posen, der unter "ballance 2006 - Wielkopolska" internationale Fußballturniere für Toleranz und Sicherheit ausrichtet.

Darüber hinaus konnten mit beiden Regionen sowie mit einem Partner ("Antirassistische Weltmeisterschaft") aus der Emilia Romagna (Italien) und England mehrere Jugendbegegnungen zu den Themenbereichen "Konzepte gegen Gewalt", "Fair gehandelte Fußbälle", "Antirassismus" und "Soziale Kompetenz von Jugendbetreuern" organisiert werden; mit einer Co-Finanzierung durch die Deutsche Agentur JUGEND in Bonn und das Deutsch-Französische Jugendwerk.

Hier ließ es sich der hessische Ministerpräsident Roland Koch nicht nehmen, die europäischen "Youngster" höchstpersönlich in der Staatskanzlei in Wiesbaden zu empfangen und die Bedeutung des Projekts zu erläutern: "Wir haben ,ballance 2006' gemeinsam mit Trägern aus dem Fußball, der Politik, der Bildung und der Wirtschaft gegründet, weil wir die Begegnung der jungen Generation im Zeichen von Integration und Toleranz für wichtig halten. Erfolgreich sind wir dann, wenn die Jugend zueinander findet, wenn sie sich austauscht, miteinander arbeitet aber auch Spaß hat. Wenn Sie gerne an Ihren Aufenthalt in Wiesbaden und Witzenhausen zurückdenken, ist schon viel gewonnen."

 

"ballance 2006" in Rheinland-Pfalz und im Saarland

Mit großer Freude registrierten die Initiatoren das Interesse des Nachbarlandes Rheinland-Pfalz am Konzept und unterstützten den Gründungsprozess tatkräftig. Am 6. Juli 2004 war es dann soweit: die Träger um den damaligen Sportminister Walter Zuber, Jürgen Klopp und Präsident Strutz (FSV Mainz 05), Olaf Marschall (1. FC Köln), Wolfgang Möbius (DFB) und Dr. Franz-Josef Kemper, dem früheren Weltklasse 800m-Läufer, verkündeten auf dem Podium im Mainzer Bruchwegstadion die Gründung von "ballance 2006 - Rheinland-Pfalz". Seither geht das Projekt in unserem Nachbarland einen erfolgreichen Weg mit zahlreichen Aktionen. Auch "ballance 2006 - Saarland" wurde zwischenzeitlich gegründet.

 

Methoden und Inhalte bei "ballance 2006"

Grundsätzlich kann man sich natürlich auf viele unterschiedliche Weisen für die Projektziele engagieren. Im Wesentlichen werden die Ziele von "ballance 2006" im Rahmen folgender Veranstaltungsarten verwirklicht:

  • Straßenfußball für Toleranz: Diese Methode wurde maßgeblich von Jürgen Griesbeck in Kolumbien entwickelt und über die Sportjugend Brandenburg erfolgreich nach Deutschland transferiert. Auch bei "ballance 2006" wurde der Ansatz vielfach aufgegriffen. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass Mädchen und Jungs nach speziellen Toleranz-Regeln gemeinsam kicken und die Verantwortung für das Geschehen gemeinsam übernehmen. (Unter  www.streetfootballworld.org  gibt es hierzu weitere interessante Infos: u. a. hinsichtlich des "festivals 06", das Teil des offiziellen Rahmen- und Kulturprogramms der FIFA WM 2006 ist.) Bei "ballance 2006" findet man diesen Ansatz meistens eingebettet in ein Gesamtkonzept, bei dem die Kooperation von Netzwerkpartnern aus verschiedenen Strukturen (Stadt, Verein, Schule, Kirche) im Vordergrund steht.

  • Fair mit Pfiff: Gemeinsam mit den Schiedsrichtervereinigungen Kassel und Darmstadt wurde dieser Ansatz entwickelt mit dem Ziel, für die Rolle und Belange der Schiedsrichter zu werben, zu informieren und zu sensibilisieren. Dabei können unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden: (1.) Förderung des Vertrauensverhältnisses zwischen Schiedsrichtern, Spielern, Funktionären; (2.) Unterstützung von Jung-Schiedsrichtern; (3.) Verbesserung der Atmosphäre auf und am Fußballplatz; (4.) Gewaltprävention.

  • Förderung vorbildlichen Verhaltens: Wer kennt sie nicht: die rotgesichtigen Eltern oder Betreuer am Spielfeldrand, die mit falsch verstandenem Ehrgeiz Aggressivität in ein Jugendspiel überhaupt erst hineintragen? Von guten Vorbildern kann man hier nicht sprechen. Der Ansatz besteht darin, bereits vor einem Spiel oder Turnier (z.B. Hallen-Kreismeisterschaft) an das Publikum, an Eltern und Betreuer zu appellieren, Kriterien für angemessenes Verhalten zu benennen, und entsprechende Preise auszuloben. Die anschließende Würdigung vermag positive Beispiele zu verdeutlichen und entsprechend zu motivieren.

  • Seminare und Podiumsveranstaltungen: Ob mit kompetenten Gesprächspartnern im Rahmen von Podiumsdiskussionen, im Konfirmandenunterricht der Kirche oder bei Workshops zum interkulturellen Lernen - in vielen Formen wurden die Inhalte des Projekts vermittelt und diskutiert.

  • Mediation: Sonntag auf dem Fußballplatz. Eine zunächst harmlose Auseinandersetzung eskaliert. Man beschimpft sich: "Scheiß Kanake! Scheiß Nazi!". Ein Spieler rastet völlig aus und schlägt einem Gegenspieler ins Gesicht. Es werden Drohungen in Richtung Rückrunde ausgesprochen und dem Schiri die Reifen seines Autos zerstochen. In den meisten Fällen können Trainer, Betreuer oder die Jugendlichen selbst ihre Konflikte auf und neben dem Fußballplatz lösen. Manchmal sind Auseinandersetzungen jedoch richtig festgefahren, man redet nicht mehr miteinander (oder "hinter dem Rücken"), die Wahrnehmung verengt sich. Der Konflikt kostet allen Beteiligten Zeit und Nerven. In diesem Fall kann das Angebot des Projektes "Interkulturelle Konfliktvermittlung/Mediation" wahrgenommen werden. Um den Konflikt zu schlichten, besuchen vom Projekt ausgebildete Fußballmediatoren die Mannschaften und erarbeiten Regeln, wie man sich bei künftigen Spielen verhalten will. Ziel ist die Gewährleistung eines friedlichen Rückspiels. Diese Projektkomponente wird von "ballance 2006" finanziell gefördert und von der Sportjugend Hessen umgesetzt.

 

Politische Bildung und Fussball

Drehen wir die Frage um: Ist es nicht geradezu die Pflicht des verantwortlich denkenden Staatsbürgers und erst recht für staatliche Institutionen mit Bildungsauftrag mindestens den Versuch zu unternehmen, mit der jungen Generation in einen Dialog über Werte zu treten. Und macht es nicht Sinn, die Jugendlichen dort zu treffen, sie dort "abzuholen", wo sie sich aus freien Stücken und wegen ihrer eigenen Interessen aufhalten, statt zu erwarten, dass sie in die Institutionen kommen, um sich dort auf - möglicherweise abstrakte oder moralisch und akademisch überladene - Gesprächsangebote einzulassen?

"Fußball", so wird stets unermüdlich wiederholt sei "ein Spiegelbild der Gesellschaft - im Guten wie im Bösen". "Nun denn", möchte man meinen: "nichts wie hin zu den Kiddies…" genau wie es die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) bei "ballance 2006" tut. Und so war und ist die HLZ im Trägerkreis derjenige unter den Partnern, der die inhaltliche Ausrichtung der Werte und Leitlinien maßgeblich mitgestaltete. Immerhin hat sich "ballance 2006" Begriffe wie "Integration, Toleranz und Fair Play" auf die Fahnen geschrieben und diese Begriffe mussten definitorisch unterfüttert und über die Multiplikatoren und Netzwerkpartner an die Jugendlichen vermittelt werden.

 

Vereinbarungen als Leitlinien und Orientierungshilfen

Dabei war es durchaus im Sinne des Projekts, die Messlatte nicht allzu hoch zu legen: Man sollte nicht Philosophie oder Sozialpädagogik studiert haben müssen, um sich im Projekt engagieren zu können. Niemandem, der sich mit guten Absichten und gesundem Menschenverstand gegen Gewalt und Diskriminierung engagieren wollte, sollte der Weg verschlossen bleiben. Andererseits war es wichtig, eine Orientierungshilfe vorzugeben, die in den entsprechenden Netzwerk-Vereinbarungen als Leitlinien wie folgt formuliert wird:

  • Deutschland steht als Gastgeber der WM 2006, einer Veranstaltung mit großer öffentlicher Ausstrahlung, in einer besonderen gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. Die Partner im Netzwerk "ballance 2006" verpflichten sich, ein gastfreundliches und sportlich-faires gesellschaftliches Klima gezielt zu fördern, um auf einen friedlichen Charakter dieser Veranstaltung hinzuwirken.

  • Die Partner engagieren sich gemeinsam gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die unserem gemeinsamen demokratischen Wertesystem von Toleranz und Weltoffenheit widersprechen. Die Integration und Gleichberechtigung von Menschen mit einem unterschiedlichen kulturellen, religiösen und ethnischen Hintergrund wird aktiv unterstützt und die qualitativ gleichrangige Einbindung von Mädchen und Jungen in entsprechende Maßnahmen angestrebt. (Hierzu Monika Staab, 1. Vorsitzende des 1. FFC Frankfurt: "Die Verantwortlichen von ‚ballance 2006' engagieren sich nicht nur für eine friedliche Fußball-WM in Deutschland, sondern versuchen auch, alle Nationalitäten und eben auch alle Geschlechter unter einen Hut zu bringen. ‚ballance' vermittelt, dass uns alle eines eint: die Liebe zum Fußball.")

  • Gewalt und Diskriminierung sind als Mittel der Auseinandersetzung in ihren unterschiedlichen Formen und Motiven zu ächten. Ihnen sind präventive Maßnahmen entgegen zu setzen.

Über die zentralen Begrifflichkeiten wie Integration und Toleranz, Fair Play, Nachhaltigkeit, Netzwerk, Gewaltprävention, Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen etc. wird im Evaluierungsbericht ausführlicher berichtet. Dieser wird Mitte des Jahres von Prof. Gunter A. Pilz (Universität Hannover), Dr. Matthias Wesseler (Universität Kassel), Günther Koegst (SOKRATES-Mannheim) und Rudolf Schmidt (Heusenstamm) vorgelegt.

 

Einblicke in die Inhaltliche Arbeit

Anstelle von detaillierten definitorischen Begriffsbeschreibungen und Kriterien möchten wir drei Quellen heranziehen, und deren Sicht des inhaltlich Relevanten wiedergeben. Es handelt sich um:

10- bis 12-Jährige, die sich unter der Leitung von Manfred Lotz, dem HFV-Verbandsreferenten für jugendpädagogische Aufgaben, mit der Leitfrage "Was finde ich fair?" beschäftigen.

10- bis 12j-ährige Mädchen und Jungs während der DFB-Fußball-Ferien Freizeit auf die Frage: "Was finde ich fair?":

  • Schiri-Entscheidung akzeptieren;

  • neuen Spielern helfen, in die Mannschaft zu kommen;

  • Gegnern zum Sieg gratulieren;

  • schwächere Spieler akzeptieren;

  • andere nicht verspotten;

  • nicht den Ball weg schlagen;

  • im Streit vermitteln;

  • keine absichtlichen Fouls;

  • nach einem Foul entschuldigen;

  • nicht alle Schuld auf den Tormann schieben;

  • keine "Schwalben".

Kreisjugendwarte des HFV zur Frage: "Wo liegen die Probleme?".

Feedback von Bezirks-, Kreis- und Jugendfußballwarten bei Diskussionsabenden in der Startphase von "ballance 2006" auf die Frage: "Wo liegen die Probleme im Umgang mit Jugendfußballern?":

  • Gewalt und Umgangston bei Jugendspielen;

  • das Verhältnis der Jugendbetreuer untereinander;

  • die Rolle der Eltern an der Seitenlinie;

  • rücksichtsloser Umgang aller Beteiligten untereinander;

  • das Verhalten gegenüber Schiedsrichtern;

  • interkulturelle Probleme, auch zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen;

  • zunehmende Verständigungsprobleme ( Kultur, Sprache);

  • die Integration jugendlicher Russlanddeutscher;

  • das Verhalten gegenüber Minderheiten;

  • mangelnde Akzeptanz von ausländischen Schiedsrichtern;

  • der Wille zur Integration seitens ausländischer Vereine fehlt.

Und last but not least Dr. Bernd Heidenreich, Direktor der HLZ, bei seinem Statement zur Frage, warum sich die HLZ bei "ballance 2006" engagiert:

"Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung hat den Satzungsauftrag, die Entwicklung des freiheitlich-demokratischen Bewusstseins durch politische Bildungsarbeit zu fördern. Deshalb wirbt sie für das Grundgesetz und seine Werte und für unsere freiheitliche Demokratie. Dabei liegt uns die Wertorientierung von Jugendlichen besonders am Herzen.

Viel zu oft lassen wir Jugendliche mit ihren Problemen alleine, kümmern uns erst um sie, wenn es zu Gewalt, Pöbeleien oder rassistischen Äußerungen gekommen ist. Deshalb sind Prävention und Vorbeugung besonders wichtig. Wir müssen auf junge Menschen zugehen und sie dort abholen, wo wir sie finden.

Mit unserer Aktion wollen wir junge Menschen für Toleranz, Solidarität und Fairness begeistern; ihnen klarmachen, dass diese demokratischen Werte weiterführen als Gewalt und Fremdenfeindlichkeit; ihren Sinn für Rücksichtnahme, für Verantwortungsbewusstsein, Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit fördern und damit unsere Demokratie stärken.

Sport und vor allem der Fußball bieten dafür einen guten Rahmen; denn: demokratische Werte müssen gelernt und eingeübt werden. Genau das passiert im Rahmen des Projektes ‚ballance 2006 - Integration und Toleranz für eine friedliche Fußballweltmeisterschaft', z. B. beim ‚Straßenfußball für Toleranz' oder bei den Jugendbegegnungen mit unseren Partnerregionen in Frankreich, Italien und Polen.

 

 

SCHIRMHERR SEBASTIAN KEHL „INTERVIEWT“ IN MELSUNGEN SEINE JUGENDLICHEN FANS ZUM THEMA „FAIR PLAY“.

 

Das ist eines der Motive, warum sich die Landeszentrale für politische Bildung an diesem Projekt beteiligt. Es kommt jedoch ein weiteres Motiv hinzu: Demokratie braucht Vorbilder.

Demokratische Werte werden nicht mit ‚Trockenübungen' vermittelt. Es bedarf vielmehr Menschen aus Fleisch und Blut, die sich engagieren und mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Engagement für die Botschaft der Demokratie stehen. Daher sind wir den erfolgreichen Sportlerinnen und Sportlern besonders dankbar, dass sie für ‚ballance 2006' als Toleranzbotschafter bereitstehen. Nichts ist so überzeugend wie das gute Beispiel. Dafür stehen Steffi Jones und Armin Kraaz.

 

 

WELTMEISTERIN UND SCHIRMHERRIN STEFFI JONES MIT DR. BERND HEIDENREICH, DEM DIREKTOR DER HESSISCHEN LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG, BEI DER ERÖFFNUNG DER NEUEN STAATSKANZLEI.

 

Zusammenfassend können wir feststellen: Hessen hat im Rahmen der Fußball-WM eine reale Chance, sich als guter Gastgeber, fairer Partner und weltoffener Veranstalter zu präsentieren; Jugendliche aktiv einzubeziehen und ihnen zu zeigen, dass die Weltmeisterschaft auch ihre Veranstaltung ist; Jungen und Mädchen klarzumachen, dass Erfolg nicht von Toren, sondern davon abhängt, für sich selbst und für die eigene demokratische Entwicklung etwas zu lernen.

Wer deshalb im Rahmen dieses Projekts zur Fußballweltmeisterschaft gelernt hat, tolerant gegenüber Menschen anderer Herkunft, Religion und Hautfarbe zu sein, solidarisch und kameradschaftlich in einer Mannschaft für ein sportliches Ziel zu kämpfen sowie fair mit seinem Gegner umzugehen, der hat eine ganze Menge für sich persönlich und für die Demokratie getan. Und er hat sozusagen das Golden Goal, ‚Das goldene Tor' geschossen."

 

Schlussbemerkungen

Ob nun "ballance 2006" eines Tages im Rückblick als mehr oder weniger erfolgreiches Programm gesehen wird, eines steht bereits heute fest: Der Einsatz gegen Gewalt und der Dialog mit der jungen Generation zu Themen wie "Integration, Toleranz und Fair Play" wird auch über die WM 2006 hinaus von Bedeutung bleiben. "ballance 2006" ist die Summe all dessen, was diejenigen daraus gemacht haben, die sich darin für die gemeinsamen Ziele engagieren und Beiträge leisten.

Dabei sind die Beiträge so verschieden wie die beteiligten Menschen und Strukturen. Jeder war eingeladen, sich an der Konstellation zu orientieren, die er/sie vor Ort vorfindet: an der Problemstellung, den Menschen, den Ressourcen, Möglichkeiten und Grenzen. Und es ist nicht durchgängig ein Hochglanzprodukt, sondern in vielen Facetten liebevolle Handarbeit. In jedem Fall jedoch hat jeder Beitrag seine Daseinsberechtigung und seine besondere Relevanz für das Ganze. (Wer sich eine umfassende Übersicht verschaffen möchte, dem sei die Projekt-Homepage empfohlen: www.wm2006-hessen.de).

Hoffen wir, dass sich jederzeit Menschen und Institutionen finden, die bereit sind, Verantwortung fürs Gemeinwohl zu übernehmen. Vielleicht nicht immer mit der Weisheit letzter Schluss, dafür aber mit Begeisterung und der Überzeugung, dass es sich für ein faires Miteinander lohnt!

 

Unser Autor

Michael Glameyer, Jahrgang 1958; bedingt durch berufliche Tätigkeit des Vaters zehn Jahre Auslandsaufenthalt (Sudan, Nigeria, Pakistan), nach einem landwirtschaftlichen Praktikum 1979-1982 Studium der Agrarwirtschaft in Witzenhausen mit Studienaufenthalten in Kanada und Marokko; 1983-1985 Entwicklungshelfer in Benin/Westafrika; 1986-87 freier Dozent und Gutachter (GTZ); 1988-2000 Programmleiter und Prokurist im Deutschen Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft (DITSL); 2000 Gründung und Geschäftsführung des gemeinnützigen Internationalen Bildungszentrums Witzenhausen (IBZW GmbH). Programmschwerpunkte: Europäischer Freiwilligendienst, "ballance 2006", Fortbildung für internationale Fach- und Führungskräfte.

 


 

 

 

 


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