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Zeitschrift Fußball und Politik
Heft 1 2006 Hrsg: LpB
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"ballance 2006" - Hintergrund und Entstehung "The winner is Deutschland", verkündete FIFA-Generalsekretär Sepp Blatter am 6. Juli 2000 um exakt 14.07 Uhr, und diese Worte lösten auch in Hessen große Freude aus. Erinnerungen an 1974 wurden wach, an die "Wasserschlacht" in Frankfurt mit dem entscheidenden Tor des unvergessenen Gerd Müller, an Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein und vor allem an ein farbenfrohes und friedliches Miteinander im sportlich-fairen Wettstreit eines großen Turniers. Der Freude jedoch folgte sogleich der Blick auf die vor uns liegende Dimension: Die Fußballweltmeisterschaft ist nach den Olympischen Spielen das größte internationale Sportereignis der Welt. Keine Sportart wird in so vielen Ländern der Erde betrieben, wie das Fußballspiel. Weltweit, so schätzt man, spielen mehrere hundert Millionen Jungen und Mädchen, Männer und Frauen Fußball. Zur WM 2006 werden knapp drei Millionen Fans erwartet, davon allein eine Million aus dem Ausland. Im Fernsehen werden die Spiele viele Millionen Menschen verfolgen und sich - im wahrsten Sinne des Wortes - ein Bild von Deutschland machen. Welches Bild aber würden sich die Menschen von Deutschland und von Hessen machen können? Wie groß durfte das Vertrauen sein, dass "wir" dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" gerecht würden? Und wie war das mit der Fremdenfeindlichkeit hierzulande, mit Neonazis und Gewaltbereiten wie jenen, die 1998 in Lens den französischen Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode geprügelt hatten?
Die Projektinitiative "Immerhin bleiben uns noch etwa sechs Jahre Zeit, etwas zu tun", sagten sich die Verantwortlichen des Hessischen Fußballverbandes (Präsident Rolf Hocke, Vorstand Stefan Reuß, stellvertretender Geschäftsführer Jens-Uwe Münker), der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (der damalige Direktor Klaus Böhme und Referatsleiter Jürgen Kerwer) und des gemeinnützigen Internationalen Bildungszentrums Witzenhausen (Geschäftsführer Michael Glameyer). Ein Jahr später, im Herbst 2001, lag ein detaillierte Projektplan vor, war mit der Kunsthochschule "Universität Kassel" ein ansprechendes Logo entwickelt worden und so konnte man auf einer Landespressekonferenz im Hessischen Landtag in Wiesbaden der Öffentlichkeit ein Projekt vorstellen, das auf fünf Jahre angelegt (1.1.2002 -31.12.2006) und solide finanziert war. Als Träger fungierten:
Als Förderer engagierten sich die Fraport AG, die Sparda-Bank Hessen und die Kfz-Innung.
Information schafft Identifikation und Vernetzung In einem ersten Schritt lud man über die Bezirksfußballwarte zu sechs Informations- und Diskussionsabenden in den hessischen Fußballbezirken in Kassel, Wiesbaden, Darmstadt, Gießen/Marburg, in Frankfurt/Offenbach und Fulda ein, an denen insgesamt 125 Kreis- und Jugendfußballwarte sowie Schiedsrichterobmänner und Frauenbeauftragte teilnahmen. Ziel war es, systematisch und flächendeckend jene Multiplikatoren zu identifizieren, die an einer Vernetzung des gemeinsamen Engagements gegen Gewalt im Jugendfußball und im Sinne der Projektziele interessiert waren, die da heißen Integration, Toleranz und Fair Play für eine friedliche Fußballweltmeisterschaft. Parallel wurden anlässlich der Jahreshauptversammlung der Hessischen Jugendbildungswerke in Witzenhausen ca. 50 hauptamtliche Bildungsreferenten informiert und zur Mitwirkung eingeladen.
Projektziele und vielfältige aktivitäten In der Kooperation setzte man auf:
Die vielleicht wichtigste Prämisse war der Vorsatz, auf unbedingte Freiwilligkeit zu setzen, und damit ausschließlich Personen bzw. Strukturen "mitzunehmen", die mit Begeisterung und Überzeugung dabei waren und nicht "zum Jagen" getragen werden mussten. Dieses Prinzip sollte sich später mehr als einmal bewähren. Soweit die Idee - doch Theorie und Praxis sind bekanntermaßen zwei Paar Stiefel. Würde es gelingen, in der Wirklichkeit des hessischen Alltages anzukommen? Selbst ein Fundament mit starken Trägern und einer gesicherten Basisfinanzierung über fünf Jahre garantierte den Erfolg nicht automatisch. Werfen wir einen Blick auf die Ergebnisse, die in der Praxis verzeichnet werden konnten.
"ballance 2006" in Hessen
Etwa 50 Vereine, Jugendbildungswerke, Schulen, Kirchengemeinden oder andere Initiativen arbeiten seit Jahren kontinuierlich als Netzwerkpartner mit "ballance 2006" zusammen. Die Multiplikatoren halten untereinander bzw. mit den Koordinatoren Kontakt und treffen sich mindestens zweimal jährlich im Rahmen von Workshops zur Auswertung, zum Erfahrungsaustausch und zur weiteren Planung. Neben gemeinsamen Aktionen stehen vor allem die dezentral "vor Ort" organisierten Aktivitäten im Mittelpunkt. In den Jahren 2002 bis 2005 wurden knapp 100 Veranstaltungen mit über 8.000 Kindern und Jugendlichen organisiert. Davon waren ca. 80% männlich und 20% weiblich. Verantwortung übernahmen hierbei ca. 1.000 Multiplikatoren, davon etwa 65% männlich und 35% weiblich. Nach Schätzung der Netzwerkpartner vor Ort kamen ca. 13.500 Gäste (Publikum und Passanten) zu den Veranstaltungen (vgl. Tabelle 1).
TABELLE 1: "ballance 2006"-VERANSTALTUNGEN VON NETZWERKPARTNERN
Auch werden "projekteigene Veranstaltungen" organisiert, die Test- bzw. Modellcharakter für Netzwerkpartner haben sollen. Hinzu kommen Präsentationen bei geeigneten Veranstaltungen und Gespräche mit möglichen Unterstützern des Projektes, sei es auf ideeller oder materieller Basis. Hier wurden im Berichtszeitraum 2002 bis 2005 bei ca. 90 Veranstaltungen insgesamt ca. 4.000 Personen erreicht. Die Grafik verdeutlicht die geografische Verteilung. Überwältigend ist auch die Unterstützung der Medien: Alleine in Hessen erschienen 488 Artikel über "ballance 2006", was für die Verbreitung der Ziele einen unschätzbaren Beitrag darstellte.
"ballance 2006" in hessischen Partnerregionen Von Anfang an war es der Wunsch der Organisatoren gewesen, "ballance 2006" gemeinsam mit den europäischen Partnerregionen zu gestalten. Dass es gelingen würde, ausländische Fußballverbände dazu zu bewegen, eigene Maßnahmen zur Gewaltprävention zu ergreifen, hätte man nicht zu hoffen gewagt. Dennoch ist genau dies eingetreten:
Darüber hinaus konnten mit beiden Regionen sowie mit einem Partner ("Antirassistische Weltmeisterschaft") aus der Emilia Romagna (Italien) und England mehrere Jugendbegegnungen zu den Themenbereichen "Konzepte gegen Gewalt", "Fair gehandelte Fußbälle", "Antirassismus" und "Soziale Kompetenz von Jugendbetreuern" organisiert werden; mit einer Co-Finanzierung durch die Deutsche Agentur JUGEND in Bonn und das Deutsch-Französische Jugendwerk. Hier ließ es sich der hessische Ministerpräsident Roland Koch nicht nehmen, die europäischen "Youngster" höchstpersönlich in der Staatskanzlei in Wiesbaden zu empfangen und die Bedeutung des Projekts zu erläutern: "Wir haben ,ballance 2006' gemeinsam mit Trägern aus dem Fußball, der Politik, der Bildung und der Wirtschaft gegründet, weil wir die Begegnung der jungen Generation im Zeichen von Integration und Toleranz für wichtig halten. Erfolgreich sind wir dann, wenn die Jugend zueinander findet, wenn sie sich austauscht, miteinander arbeitet aber auch Spaß hat. Wenn Sie gerne an Ihren Aufenthalt in Wiesbaden und Witzenhausen zurückdenken, ist schon viel gewonnen."
"ballance 2006" in Rheinland-Pfalz und im Saarland Mit großer Freude registrierten die Initiatoren das Interesse des Nachbarlandes Rheinland-Pfalz am Konzept und unterstützten den Gründungsprozess tatkräftig. Am 6. Juli 2004 war es dann soweit: die Träger um den damaligen Sportminister Walter Zuber, Jürgen Klopp und Präsident Strutz (FSV Mainz 05), Olaf Marschall (1. FC Köln), Wolfgang Möbius (DFB) und Dr. Franz-Josef Kemper, dem früheren Weltklasse 800m-Läufer, verkündeten auf dem Podium im Mainzer Bruchwegstadion die Gründung von "ballance 2006 - Rheinland-Pfalz". Seither geht das Projekt in unserem Nachbarland einen erfolgreichen Weg mit zahlreichen Aktionen. Auch "ballance 2006 - Saarland" wurde zwischenzeitlich gegründet.
Methoden und Inhalte bei "ballance 2006" Grundsätzlich kann man sich natürlich auf viele unterschiedliche Weisen für die Projektziele engagieren. Im Wesentlichen werden die Ziele von "ballance 2006" im Rahmen folgender Veranstaltungsarten verwirklicht:
Politische Bildung und Fussball Drehen wir die Frage um: Ist es nicht geradezu die Pflicht des verantwortlich denkenden Staatsbürgers und erst recht für staatliche Institutionen mit Bildungsauftrag mindestens den Versuch zu unternehmen, mit der jungen Generation in einen Dialog über Werte zu treten. Und macht es nicht Sinn, die Jugendlichen dort zu treffen, sie dort "abzuholen", wo sie sich aus freien Stücken und wegen ihrer eigenen Interessen aufhalten, statt zu erwarten, dass sie in die Institutionen kommen, um sich dort auf - möglicherweise abstrakte oder moralisch und akademisch überladene - Gesprächsangebote einzulassen? "Fußball", so wird stets unermüdlich wiederholt sei "ein Spiegelbild der Gesellschaft - im Guten wie im Bösen". "Nun denn", möchte man meinen: "nichts wie hin zu den Kiddies…" genau wie es die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) bei "ballance 2006" tut. Und so war und ist die HLZ im Trägerkreis derjenige unter den Partnern, der die inhaltliche Ausrichtung der Werte und Leitlinien maßgeblich mitgestaltete. Immerhin hat sich "ballance 2006" Begriffe wie "Integration, Toleranz und Fair Play" auf die Fahnen geschrieben und diese Begriffe mussten definitorisch unterfüttert und über die Multiplikatoren und Netzwerkpartner an die Jugendlichen vermittelt werden.
Vereinbarungen als Leitlinien und Orientierungshilfen Dabei war es durchaus im Sinne des Projekts, die Messlatte nicht allzu hoch zu legen: Man sollte nicht Philosophie oder Sozialpädagogik studiert haben müssen, um sich im Projekt engagieren zu können. Niemandem, der sich mit guten Absichten und gesundem Menschenverstand gegen Gewalt und Diskriminierung engagieren wollte, sollte der Weg verschlossen bleiben. Andererseits war es wichtig, eine Orientierungshilfe vorzugeben, die in den entsprechenden Netzwerk-Vereinbarungen als Leitlinien wie folgt formuliert wird:
Über die zentralen Begrifflichkeiten wie Integration und Toleranz, Fair Play, Nachhaltigkeit, Netzwerk, Gewaltprävention, Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen etc. wird im Evaluierungsbericht ausführlicher berichtet. Dieser wird Mitte des Jahres von Prof. Gunter A. Pilz (Universität Hannover), Dr. Matthias Wesseler (Universität Kassel), Günther Koegst (SOKRATES-Mannheim) und Rudolf Schmidt (Heusenstamm) vorgelegt.
Einblicke in die Inhaltliche Arbeit Anstelle von detaillierten definitorischen Begriffsbeschreibungen und Kriterien möchten wir drei Quellen heranziehen, und deren Sicht des inhaltlich Relevanten wiedergeben. Es handelt sich um: 10- bis 12-Jährige, die sich unter der Leitung von Manfred Lotz, dem HFV-Verbandsreferenten für jugendpädagogische Aufgaben, mit der Leitfrage "Was finde ich fair?" beschäftigen. 10- bis 12j-ährige Mädchen und Jungs während der DFB-Fußball-Ferien Freizeit auf die Frage: "Was finde ich fair?":
Kreisjugendwarte des HFV zur Frage: "Wo liegen die Probleme?". Feedback von Bezirks-, Kreis- und Jugendfußballwarten bei Diskussionsabenden in der Startphase von "ballance 2006" auf die Frage: "Wo liegen die Probleme im Umgang mit Jugendfußballern?":
Und last but not least Dr. Bernd Heidenreich, Direktor der HLZ, bei seinem Statement zur Frage, warum sich die HLZ bei "ballance 2006" engagiert: "Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung hat den Satzungsauftrag, die Entwicklung des freiheitlich-demokratischen Bewusstseins durch politische Bildungsarbeit zu fördern. Deshalb wirbt sie für das Grundgesetz und seine Werte und für unsere freiheitliche Demokratie. Dabei liegt uns die Wertorientierung von Jugendlichen besonders am Herzen. Viel zu oft lassen wir Jugendliche mit ihren Problemen alleine, kümmern uns erst um sie, wenn es zu Gewalt, Pöbeleien oder rassistischen Äußerungen gekommen ist. Deshalb sind Prävention und Vorbeugung besonders wichtig. Wir müssen auf junge Menschen zugehen und sie dort abholen, wo wir sie finden. Mit unserer Aktion wollen wir junge Menschen für Toleranz, Solidarität und Fairness begeistern; ihnen klarmachen, dass diese demokratischen Werte weiterführen als Gewalt und Fremdenfeindlichkeit; ihren Sinn für Rücksichtnahme, für Verantwortungsbewusstsein, Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit fördern und damit unsere Demokratie stärken. Sport und vor allem der Fußball bieten dafür einen guten Rahmen; denn: demokratische Werte müssen gelernt und eingeübt werden. Genau das passiert im Rahmen des Projektes ‚ballance 2006 - Integration und Toleranz für eine friedliche Fußballweltmeisterschaft', z. B. beim ‚Straßenfußball für Toleranz' oder bei den Jugendbegegnungen mit unseren Partnerregionen in Frankreich, Italien und Polen.
Das ist eines der Motive, warum sich die Landeszentrale für politische Bildung an diesem Projekt beteiligt. Es kommt jedoch ein weiteres Motiv hinzu: Demokratie braucht Vorbilder. Demokratische Werte werden nicht mit ‚Trockenübungen' vermittelt. Es bedarf vielmehr Menschen aus Fleisch und Blut, die sich engagieren und mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Engagement für die Botschaft der Demokratie stehen. Daher sind wir den erfolgreichen Sportlerinnen und Sportlern besonders dankbar, dass sie für ‚ballance 2006' als Toleranzbotschafter bereitstehen. Nichts ist so überzeugend wie das gute Beispiel. Dafür stehen Steffi Jones und Armin Kraaz.
Zusammenfassend können wir feststellen: Hessen hat im Rahmen der Fußball-WM eine reale Chance, sich als guter Gastgeber, fairer Partner und weltoffener Veranstalter zu präsentieren; Jugendliche aktiv einzubeziehen und ihnen zu zeigen, dass die Weltmeisterschaft auch ihre Veranstaltung ist; Jungen und Mädchen klarzumachen, dass Erfolg nicht von Toren, sondern davon abhängt, für sich selbst und für die eigene demokratische Entwicklung etwas zu lernen. Wer deshalb im Rahmen dieses Projekts zur Fußballweltmeisterschaft gelernt hat, tolerant gegenüber Menschen anderer Herkunft, Religion und Hautfarbe zu sein, solidarisch und kameradschaftlich in einer Mannschaft für ein sportliches Ziel zu kämpfen sowie fair mit seinem Gegner umzugehen, der hat eine ganze Menge für sich persönlich und für die Demokratie getan. Und er hat sozusagen das Golden Goal, ‚Das goldene Tor' geschossen."
Schlussbemerkungen Ob nun "ballance 2006" eines Tages im Rückblick als mehr oder weniger erfolgreiches Programm gesehen wird, eines steht bereits heute fest: Der Einsatz gegen Gewalt und der Dialog mit der jungen Generation zu Themen wie "Integration, Toleranz und Fair Play" wird auch über die WM 2006 hinaus von Bedeutung bleiben. "ballance 2006" ist die Summe all dessen, was diejenigen daraus gemacht haben, die sich darin für die gemeinsamen Ziele engagieren und Beiträge leisten. Dabei sind die Beiträge so verschieden wie die beteiligten Menschen und Strukturen. Jeder war eingeladen, sich an der Konstellation zu orientieren, die er/sie vor Ort vorfindet: an der Problemstellung, den Menschen, den Ressourcen, Möglichkeiten und Grenzen. Und es ist nicht durchgängig ein Hochglanzprodukt, sondern in vielen Facetten liebevolle Handarbeit. In jedem Fall jedoch hat jeder Beitrag seine Daseinsberechtigung und seine besondere Relevanz für das Ganze. (Wer sich eine umfassende Übersicht verschaffen möchte, dem sei die Projekt-Homepage empfohlen: www.wm2006-hessen.de). Hoffen wir, dass sich jederzeit Menschen und Institutionen finden, die bereit sind, Verantwortung fürs Gemeinwohl zu übernehmen. Vielleicht nicht immer mit der Weisheit letzter Schluss, dafür aber mit Begeisterung und der Überzeugung, dass es sich für ein faires Miteinander lohnt!
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