Zeitschrift

Fußball und Politik


 

Heft 1 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Kollektiver Freizeitpark und Ort der Selbstvergewisserung
 

Das Fußballstadion als Pilgerstätte

  Bernd Strauss

 


Sportstadien sind beileibe keine Erfindung der Neuzeit. Schon in der Antike war die Arena der Inbegriff sportlichen Treibens. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert hat es den Anschein, dass das Fußballstadion einer der beliebtesten Versammlungsorte unserer Zivilisation ist. Und dies, obwohl es dort gelegentlich gar nicht so zivilisiert zugeht. Immer wieder sind Stadien auch Orte der Aggression und Gewalt. Warum opfern Menschen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit mit dem Anschauen von Fußballspielen und welchen "Kick" erfahren sie dabei? Zuschauer begegnen uns als Fans, die ihre Sportmannschaft lautstark in den Vereinsfarben zu deren Wettkämpfen begleiten. Manche Fans sind so stark mit "ihrem" Verein verbunden, dass ihr Leben in besonderer Weise von der Identifikation mit "ihrer" Mannschaft beeinflusst wird. Eine kleine Minderheit der Fans sucht den Nervenkitzel im Ausloten der Grenzen, will die Gefahr in körperlicher Konfrontation mit Fans der gegnerischen Mannschaft erleben. Welche Motive treiben die Fans in Heerscharen in die Stadien? Warum pilgern sie allwöchentlich zu Fußballspielen? Die Motive und psychologischen Facetten der Zuschauerinnen und Zuschauer, die Bernd Strauß in seinem Beitrag erörtert, sind äußerst vielfältig, spannend und letztlich zutiefst menschlich.

 

Sport und Kult in der Antike

Zuschauer und Sportzuschauer im Besonderen sind kein neu auftretendes Phänomen unserer Zeit. Bereits bei den autochthonen Völkern (den Naturvölkern) waren Zuschauer bei Handlungen anwesend, die mit sportlichen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden könnten und die besonders starke religiöse Anbindungen (wie Fruchtbarkeitsriten, Vertreibung böser Geister etc.) aufwiesen. Die Zuschauer waren schon damals höchst aktiv, bejubelten gute Leistungen und verschmähten Niederlagen (vgl. Guttmann 1986).

Zu unterschiedlichen Zeiten gab es schon die verschiedensten Formen von Zuschauern, und es wurde (mehr oder weniger fürsorglich) Vorsorge seitens der "Veranstalter" getroffen, dass Zuschauer anwesend sein konnten. So waren bereits in der Antike Sportwettkämpfe auch stets Zuschauerereignisse. Beispielsweise wurde für die ersten Olympischen Spiele 776 v. Chr. in Olympia Erde bewegt (Guttmann 1986, S. 15), um Möglichkeiten des Zuschauens (auf Erdwällen) zu schaffen. Allerdings war es wohl, wie Umminger (1992, S. 39) schreibt, eine "harte Strafe", Zuschauer zu sein: So gab es für die Zuschauer (wohl aber für die Athleten) keine Badeanlagen, im Stadion durfte trotz großer Hitze keine Kopfbedeckung getragen werden und überall lagen verfaulende Tieropfer, die zu einem bestialischen Gestank führten.

Die Zuschauer der Gladiatorenkämpfe und der Wagenkämpfe im alten Rom wurden besser versorgt: Riesige Stadien mit Zuschauergelegenheiten (u.a. mit Steinsitzen) wurden erbaut. So wurde 80 n. Chr. das Kolosseum in Rom von Kaiser Titus eingeweiht. 80.000 Zuschauer konnten hier die Gladiatorenkämpfe verfolgen. Den damaligen Wagenrennen wohnten sogar bis zu 350.000 Menschen im Circus Maximus bei. Das Vergnügen dürfte aber durch die damals sehr schwerwiegenden Zuschauerausschreitungen im Circus Maximus mit vielen Toten und Verletzten getrübt gewesen sein.

 

Sportliches Treiben in der Ständegesellschaft

Auch wenn die Zeit der großen Sportstadien erst wieder im 20. Jahrhundert beginnt, waren doch auch in der Zwischenzeit (im frühen Mittelalter, im Hochmittelalter und im Spätmittelalter sowie zu Beginn der Moderne) stets Zuschauer am sportlichen und spielerischen Treiben beteiligt. So waren bei den mittelalterlichen Ritterspielen auch Zuschauer zugegen. Beispielsweise berichtet Guttmann (1986) von einem Turnier in Sandricourt nahe Portoise 1493, bei dem 2.000 Zuschauer anwesend waren. Die Standesorientierung des Mittelalters war auch bei der Zusammensetzung der Zuschauerschaft zu beobachten. So vermutet Guttmann (1986), dass Nichtadlige von den Ritterturnieren ausgeschlossen waren oder zumindest von Adligen getrennt Platz nehmen mussten. Bei diesen Spielen besaßen Zuschauer und Akteure klar definierte, voneinander getrennte Rollen wie übrigens dann auch üblicherweise bei den Sportereignissen des 19. und 20. Jahrhunderts. Dies war nicht der Fall bei einem in der dörflichen Bevölkerung des Mittelalters sehr beliebten Spiel, bei dem ein Ball zu einem definierten Ziel, wie einer Brücke, gebracht werden musste. Dabei spielten zwei Mannschaften gegeneinander, die allerdings aus der ganzen Dorfbevölkerung bestehen konnten. Die Personen - Kinder, Erwachsene, Alte - waren also gleichzeitig Zuschauer und Akteure. Das Spiel konnte Tage dauern. Das Spielfeld war nicht genau definiert; einbezogen wurden auch Felder, Bäche und Wälder.

 

Ansteigendes Zuschauerinteresse in der Neuzeit

Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Clubs und Vereine gegründet. Dies führte wieder zu einem rasch ansteigenden Zuschauerinteresse. 1811 kamen beispielsweise bereits 20.000 Besucher zu einer Boxveranstaltung nach London. 1830 besuchten über 100.000 Besucher die Rennbahn in Newmarket, und 1869 lockte die Rennregatta zwischen Oxford und Cambridge über eine Million Menschen an.

 

Riesige Sportstadien entstehen im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert wurden weltweit Sportstadien erbaut, zum Teil mit riesigen Ausmaßen, um das gestiegene Zuschauerinteresse an Sportereignissen zu befriedigen. Dies waren häufig Fußballarenen, aber auch Mehrzweckbauten wie Stadien, in denen Leichtathletikwettkämpfe, Fußballveranstaltungen oder andere Wettkämpfe durchgeführt werden konnten.

Beispielsweise wurden das Wembleystadion 1923 und das Olympiastadion in Berlin 1936 erbaut. Viele der im 20. Jahrhundert erbauten Stadien wurden mittlerweile abgerissen (wie das Wembleystadion im Jahre 2002) oder vollständig renoviert; häufig mit einer Reduktion des Fassungsvermögens verbunden.

 

 


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BLICK IN DAS GRÖSSTE DEUTSCHE FUSSBALLSTADION: DAS DORTMUNDER WESTFALENSTADION. AUFGRUND DER FINANZIELLEN KRISE DES VEREINS WURDE DAS STADION AM 1.12.2005 IN SIGNAL IDUNA PARK UMBENANNT. DIESER „FUSSBALLTEMPEL“ BIETET FAST 83.000 ZUSCHAUERN PLATZ UND HEISST ZUM WM-TURNIER NOCH EINMAL WESTFALENSTADION. 

picture alliance / dpa

 

Die größte Menschenmenge in einem Stadion bei einem Fußballspiel wurde bislang im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro registriert, das zwischen 1948 und 1950 erbaut wurde. Ganz sicher ist man sich allerdings nicht, anlässlich welchen Spiels dies geschah, wohl aber, dass es auf jeden Fall im Maracana-Stadion stattfand. So wird zum einen das WM-Spiel zwischen Brasilien und Uruguay am 16. Juli 1950 mit 199.854 Zuschauern genannt, zum anderen das WM-Qualifikationsspiel am 19. November 1969 zwischen Brasilien und Paraguay mit 183.341 Zuschauern. Das Stadion wurde 1998 vollständig umgebaut und fasst nun zwischen 70.000 und 80.000 Zuschauer. Das Fußballstadion mit dem größten Fassungsvermögen weltweit ist zurzeit das Aztekenstadion in Mexiko City (105.000 Plätze). Hinzufügen ist, dass die beiden asiatischen Stadien in Pjöngjang und in Kalkutta sogar 150.000 bzw. 120.000 Zuschauer fassen, in diesen Stadien aber nur selten Fußballspiele stattfinden. In Europa ist das größte Fußballstadion das Camp Nou Stadion in Barcelona (mit ca. 99.000

Plätzen) und in Deutschland das Dortmunder Westfalen-Stadion mit ca. 82.000 Plätzen. (Auf der Website www.fussballtempel.net können Informationen zu allen Stadien weltweit nachgeschlagen werden).

 

Zuschauerrekorde

Diese Stadionplätze stehen natürlich nicht nur zur Verfügung, sondern werden auch tatsächlich und intensiv nachgefragt. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man versucht, ein Ticket für die diesjährige Fußballweltmeisterschaft zu erhalten. Ein gutes Beispiel liefert die deutsche Fußballbundesliga, die in der vergangenen Saison 2004/05 einen neuen Zuschauerrekord verzeichnete. Im Schnitt kamen 37.781 Zuschauer zu jedem der 306 Spiele. Zuschauerspitzenreiter war in der Saison 2004/05 Borussia Dortmund mit durchschnittlich 77.235 Zuschauern, gefolgt von Schalke 04 mit durchschnittlich 61.341 Zuschauern, Bayern München (53.294 Zuschauer im Schnitt), Borussia Mönchengladbach (durchschnittlich 49.183 Zuschauer) und dem Hamburger SV mit durchschnittlich 48.927 Zuschauern (Zahlen aus www.wikipedia.org).

 

Verletzte und Tote

Mit großen Zuschauermassen sind allerdings auch Gefahren verbunden, zur deren Vermeidung höchste bauliche, polizeiliche und andere ordnungspolitische Sicherheitsanforderungen zu stellen sind.

Immer wieder sind aber auch Verletzte und sogar Tote unter den Zuschauern während und am Rande von Sportveranstaltungen, häufig im Zusammenhang mit Fußballspielen zu beklagen.

In Erinnerung dürften noch die Ereignisse während des Europacup-Finales am 25. Mai 1985 im Brüsseler Heysel-Stadion sein. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Hooligans aus Liverpool und Turin starben 39 Menschen und 470 wurden zum Teil schwer verletzt.

Erschreckend war auch der Angriff deutscher Hooligans auf den regungslos am Boden liegenden französischen Polizisten Daniel Nivel am Rande des Weltmeisterschaftsspiels der Deutschen Fußballnationalelf gegen Jugoslawien im Juni 1998.

Allerdings soll auch gleich hinzugefügt werden, dass die Ursachen von Verletzten und Toten unter den Zuschauern nicht nur aggressives Verhalten und Gewalttätigkeiten von Hooligans oder Fans sind. Die Ursachen sind auch in der Entstehung von Panik unter den Zuschauern, aber auch in Baumängeln und Ähnlichem zu suchen. Gerade die hohen Zuschauerzahlen bei Fußballveranstaltungen können dann in solchen, wenn auch insgesamt seltenen Fällen (wie einer Panik) zu erheblichen und dramatischen Folgen führen.

So waren 33 Tote beim englischen Fußballpokal zwischen den Bolton Wanderers und Stoke City (England) im Jahre 1946 zu beklagen, nachdem eine Begrenzungsmauer eingestürzt war. Ein anderes Beispiel ist die Panik, die 1985 nach einem Ausbruch eines Feuers im Stadion von Bradford in England entstand. Wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen mussten dort 57 Menschen sterben. In Tabelle 1 sind Fußballveranstaltungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis 2001 aufgeführt, bei denen Menschen zu Schaden gekommen sind.

 

Tabelle 1: Fussballveranstaltungen mit Verletzten und Toten von 1900 bis 2001 (aus Russell 1993; www.contrast.org/hillsborough/history/; vgl. Schlicht/Strauss 2003)

Datum 

Ort 

Tote 

Verl. 

Datum 

Ort 

Tote 

Verl.

1902 

Glasgow 

25 

350 

1982 

Moskau  

60

-

1946 

Bolton (UK) 

33 

500 

1982 

Kolumbien 

24 

50

1957 

Florenz 

120 

1982 

Algerien 

600

1959 

Naples 

65 

1985 

Peking 

?? 

??

1961 

Chile 

300 

1985 

Bradford 

57 

200

1964 

Lima 

350 

500 

1985 

Mexico 

10 

30

1964 

Istanbul 

84 

1985 

Brüssel 

39 

470

1966 

Kairo 

300 

1989 

Hillsborough 

96 

400

1967 

Kayseri 

48 

602 

1991 

Johannesburg 

42 

42

1968 

Buenos Aires 

72 

113 

1992 

Frankreich 

15 

?

1971 

Glasgow 

66 

1996 

Guatemala 

84 

150

1974 

Kairo 

48 

47 

2000 

Harare 

13 

100te

1979 

Hamburg 

15 

2001 

Lambumbashi 

100te

1979 

Lagos 

24 

27 

2001 

Ellis Park 

43 

100te

1980 

Kalkutta 

16 

100 

2001 

Ghana 

126 

100te

1981 

Athen 

21 

54 

2001 

Sari 

100te

 

Die Tabelle sollte aber nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass Tote und Verletzte, aggressives Verhalten und Ausschreitungen ein alleiniges Problem des 20. Jahrhunderts sind. Tote und Verletzte, auch verursacht durch Zuschauerausschreitungen schwerster Art, sind in jeder Epoche zu beklagen.

 

Zuschauerausschreitungen haben Geschichte

So berichten Elias und Dunning (1983) vom Verbot Edwards II. im 14. Jahrhundert, ein Vorläuferspiel des heutigen Fußballs auszuüben, weil dies die öffentliche Sicherheit gefährden würde. Am Ende des 19. Jahrhundert schloss der englische Fußballverband kurzerhand viele Fußballplätze, weil eine deutlich steigende Zahl von Gewalttätigkeiten zu beobachten war und man fürchtete, die Entwicklung nicht mehr kontrollieren zu können. Aber auch schon wesentlich früher und abseits vom Fußball waren Tote und Verletzte zu beklagen.

Beispielsweise kam es im vierten Jahrhundert anlässlich der Wagenrennen im Circus Maximus zu häufigen und schweren Auseinandersetzungen zwischen den "Blauen" und den "Grünen", zwei Zuschauergruppen, die sich auch entsprechend dieser Farben kleideten (vgl. ausführlich Cameron 1976). Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55-120 n. Chr.) berichtet von Schlägereien aus "nichtigem Anlass" zwischen Bewohnern aus Pompeji und Siedlern aus Nuceria anlässlich eines Gladiatorenkampfes, den Livineius Regulus veranstaltete. Es gab viele Tote und Verwundete. Die Rädelsführer durften zehn Jahre lang keine Gladiatorenkämpfe veranstalten und wurden in die Verbannung geschickt. In den Arbeiten von Guttmann (1986) sowie Elias und Dunning (1983) findet man zahlreiche Beispiele zu diesem Thema.

 

Motive zum Besuch der Massenveranstaltungen

Warum opfern einige einen großen Teil ihres Lebens mit dem Anschauen von Spielen ihres Clubs? Warum reisen Menschen in über 100 Länder dieser Erde, um sich Fußballspiele in den bekanntesten Stadien anzuschauen und die Wimpel dann wie Trophäen zu behandeln? Dieses Verhalten nennt man "Groundhopping", und es wird von einigen Menschen wie ein Wettbewerb ausgetragen. Wer schafft es, die meisten Spielen in den meisten Ländern anzuschauen? Warum bevorzugen es auf der anderen Seite Menschen, vom Sport Abstand zu halten und sind nur höchst selten in den Stadien anzutreffen? Im Folgenden möchte ich näher auf die Motivation zum Besuch von Sportmassenveranstaltungen eingehen.

Es gibt die unterschiedlichsten Vermutungen und Klassifikationen hierüber, z. B. die Vorschläge von Messing und Lames (1996), Bette und Schimank (1996), Sloan (1979) oder von Wenner und Gantz (1998). In Gabler (1998) sind diese Klassifikationssysteme ausführlich beschrieben. Wann, Schrader, Wilson (1999) schlagen beispielsweise acht Dimensionen vor: (1.) Gruppenanbindung: Die Motivation, mit anderen Menschen gemeinsam Zeit zu verbringen; (2.) Familie: Die Motivation, mit der Familie Zeit zu verbringen; (3.) Ästhetik: Die Motivation, die Schönheit sportlicher Bewegungen zu betrachten; (4.) Selbstwert: Die Motivation, zu einem positiven Selbstgefühl zu gelangen; (5.) Ökonomie: Die Motivation, als Sportzuschauer ökonomischen Gewinn zu erzielen (z.B. durch Gewinnspiele); (6.) Spannung: Die Motivation, Erregung und Aufregung zu erleben; (7.) Flucht: Die Motivation, sich abzulenken von den Alltagsproblemen und (8.) Unterhaltung: Die Motivation, eine freudvolle Freizeitgestaltung durchzuführen.

Bei genauerer Betrachtung unterscheiden sich diese Dimensionen nicht oder nur unerheblich von denen, die auch in anderen Klassifikationssystemen (wie z.B. von Sloan 1979) oder von Wenner und Gantz (1998) vorgeschlagen werden. Es fällt auf, dass sich innerhalb einer Klassifikation zum einen Dimensionen erheblich überschneiden (Spannung und Flucht), zum anderen aber auch Dimensionen fehlen können wie z.B. Identifikation. Ich habe daher verschiedentlich (z.B. Strauß 2000) lediglich vier (überdauerndere) Motive angenommen, die der (aktuellen) Motivation von Menschen zugrunde liegen, als Zuschauer Massenveranstaltungen zu besuchen:

  • Identifikation;

  • Selbstdarstellung;

  • Stimmungsregulation und

  • das Kontrollmotiv.

 

Identifikation und Identität als Motive

Folgt man der einflussreichen Theorie von Tajfel (1978), besitzt das Selbstkonzept bzw. die Identität einer Person zwei Aspekte (vgl. auch Schlicht/Strauß 2003). Der erste Aspekt betrifft die personale Identität, die die Meinungen, Einstellungen usw. der Person über eigene Merkmale wie z.B. Fähigkeiten und Fertigkeiten beinhaltet: Zum Beispiel, wenn eine Person der Meinung ist, dass sie Statistikaufgaben gut bewältigt, ist dies Teil ihrer personalen Identität. Die soziale Identität einer Person ist der zweite Aspekt. Diesen Teil des Selbstkonzepts leitet eine Person aus ihrem Wissen über die eigene Zugehörigkeit zu einer oder mehreren sozialen Gruppen oder Kategorien ab. Dass Bürger deutscher Nationalität sich eher über den Weltmeistertitel der deutschen Fußballnationalmannschaft freuen als über den Titelgewinn einer anderen Mannschaft, findet hier seinen Grund. Als Angehörige der sozialen Kategorie "Deutsche" zeigen diese Personen automatisch, ohne dass es ihnen bewusst ist, eine größere Nähe zu den gleichen Mitgliedern dieser Gruppe (also auch zum deutschen Team) als zu Mitgliedern anderer sozialer Gruppen (wie zu anderen Fußballteams).

Ein Fan ist also eine Person, die einen Teil des Selbstkonzepts aus der Verbindung zu einer Sportmannschaft, einem Verein oder auch zu einem Sportler aufbaut. Fans richten ihre soziale Identität ganz oder wenigstens zum großen Teil nach den Anforderungen, die die Gruppe, zu der man sich zugehörig fühlt, vermeintlich stellt. Schlenker (1986, S. 23) versteht unter Identifikation den Prozess, das Mittel oder auch die Präsentation seiner Selbst als bestimmte Persönlichkeit, um dadurch die eigene Identität bzw. das Selbstkonzept zu definieren.

McPherson (1976) zeigt zum Beispiel, dass für die Entstehung der Identifikation mit Sportmannschaften spezifische Sozialisationsagenten wichtig sind. Ganz besonders sind Väter für die Entwicklung einer sozialen Identität als Fan wichtig - übrigens für Söhne und Töchter in ähnlicher Weise. In der Wichtigkeit nachfolgend und mit deutlichem Abstand zu den Vätern sind als weitere relevante Sozialisationsagenten die Schule, Gleichaltrige und Freunde, Brüder, die Medien und die Mütter (besonders für die Töchter) wichtig.

 

Nähe zum Fanobjekt ist entscheidend

Für die Entwicklung der Identifikation ist aber weiterhin auch die psychologische Nähe zum Fanobjekt wichtig, also zur Mannschaft oder dem Verein, die der Verbindung zwischen Fan und Verein Bedeutung verschafft. Eine wichtige Komponente der psychologischen Nähe ist die räumliche Nähe (vgl. auch Schlicht/Strauß 2003). Die Wahrscheinlichkeit ist größer, Fan eines Clubs in der näheren Umgebung zu werden - am besten aus dem Ort, in dem man lebt oder aufgewachsen ist - als Fan eines weit entfernten Clubs. Dies lässt sich mit der Theorie der sozialen Identität von Tajfel (1978) erklären. Fan und Verein gehören der gleichen sozialen Kategorie an - z. B. Einwohner der gleichen Heimatstadt -, so dass es leicht ist, sich dieser sozialen Gruppe anzuschließen. Gleiches gilt für Studierende und Mitarbeiter amerikanischer Universitäten, an der häufig verschiedene (Mannschafts-)Sportarten auf hohem Niveau ausgeübt werden. Dietz-Uhler und Murrell (1999) befragten über 14 Wochen der gesamten Saison immer wieder Studierende einer Universität nach den Erfolgen und Misserfolgen des Football-Teams. Personen, die sich mit der eigenen Universität stark identifizierten, waren auch eher Fans der Universitätsmannschaft.

 

Erfolg als Quelle der Identifikation

Für die Identifikationsentstehung kommen zwei weitere Komponenten hinzu. Erstens spielt der Erfolg eine wichtige Rolle. Die eben erwähnte Studie von Dietz-Uhler und Murrell (1999) ist auch ein guter Beleg hierfür. Personen, die sich stark mit der Universität identifizierten, waren es auch, die die Mannschaft insbesondere nach Erfolgen mehr wertschätzten als nach Niederlagen. Personen mit geringer Universitätsidentifikation machten dagegen keine Unterschiede nach Erfolgen oder Misserfolgen. Zweitens ist das (vermeintlich) Besondere eines Ereignisses oder einer Mannschaft wichtig. Menschen haben das Bedürfnis, selbst Erfolge zu erzielen oder wenigstens an den Erfolgen anderer teilzuhaben (Tedeshi/Madi/Lyakhovitzky 1998; vgl. den Abschnitt Selbstdarstellung).

 

Fan ist nicht gleich Fan

Die Stärke der Identifikation kann sehr von Person zu Person variieren. Fans mit besonders hoher und stabiler Identifikation werden von Wann und Branscombe (1990) "Die Hard Fans" genannt. Personen, die temporär eine hohe Identifikation nur im Erfolgsfalle der Mannschaft aufbauen, werden von ihnen "Fair Weather Fans" bezeichnet.

Die sichtbaren Erscheinungsformen und Auswirkungen der Identifikation können sich erheblich unterscheiden und sind durch kulturelle, gesellschaftliche und historische Bedingungen mitbeeinflusst.
Pilz (2005) zeigt dies in einem Übersichtsbeitrag auf, in dem er die Entwicklung vom Kuttenfan zum "postmodernen Ultra und Hooltra" beschreibt. Beispielsweise wollen die so genannten Ultras ihre Mannschaft mit maximalen Mitteln unterstützen. Dazu setzen sie aufwändige Choreographien und zahlreiche optische Hilfsmittel ein wie Konfettiregen, bengalische Feuer und Fahnenmeere. Auch der koordinierte Gesang mit einem Vorsänger, dem Capo, spielt eine zentrale Rolle. Wenngleich es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt, steht doch die Gewalt nicht im Mittelpunkt; anders als bei den Hooligans (Kerr 1998), die eine Gewaltbereitschaft aufweisen (vgl. Pilz in diesem Heft).

 

Fankultur

Die Identifikation mit einer Mannschaft kann eine Reihe von grundsätzlichen Auswirkungen besitzen (vgl. im Überblick Strauß 1995; Schlicht/Strauß 2003; Wann et al. 2001). Fans wissen mehr als andere über ihre Mannschaft, die Sportart und den Sport im Allgemeinen. Sie investieren nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit für Auswärtsfahrten oder zahlreiche Fan-Club-Treffen, und sie sind die Besucher in den Stadien, die häufiger als andere anzutreffen sind. Grundsätzlich sind Fans optimistischer bezüglich des Abschneidens ihrer eigenen Mannschaft. Sie erwarten häufiger Gewinne ihres Teams und berichten auch eher von vergangenen Siegen. Aber es gibt noch eine ganze Reihe weiterer kognitiver Verzerrungen: Fans attribuieren den Erfolg ihres Teams häufig auf internale Faktoren, wie die "Stärke" ihrer Mannschaft oder Fähigkeiten der Athleten. Wenn die eigene Mannschaft hingegen Misserfolge zeigt, wird dies dagegen häufig mit externalen Faktoren wie Pech oder den Schiedsrichterleistungen erklärt (Hastorf/Cantril 1954; Mann 1974).

Fans innerhalb einer Gruppe fühlen sich untereinander eng verbunden und halten sich für etwas Besonderes. Sie besitzen ein höheres kollektives Selbstwertgefühl als andere Personen. Und sie beurteilen sich innerhalb der gleichen Fangruppe untereinander positiver als wenn sie von einem Nichtfan beurteilt werden (vgl. Strauß 1995).

 

Zuschauergewalt

Fans verhalten sich gegenüber Anhängern der gegnerischen Mannschaft (Out-group-Fans) eher aggressiver als Personen mit niedriger Identifikation (Wann et al. 2001) und haben - allerdings spezifisch für den Kontext von Fußballwettbewerben - auch schon häufiger als andere an gewalttätigen Auseinandersetzungen teilgenommen. Selbstverständlich entstehen Aggression und Gewalt von Zuschauern nicht nur im Zusammenhang mit Personen hoher Identifikation, sondern können auch auf zahlreiche weitere Ursachen wie Baumängel, polizeiliches Falschverhalten etc. zurückgeführt werden. Am Beginn des Beitrags bin ich darauf schon kurz eingegangen.

Mann (1979) hat die Ursachen der Zuschauergewalt in einer Typologie "FORCE" (Frustration, Outlawry, Remonstrance, Confrontation, Expression) zusammengefasst, in der er u.a. auch auf Aggression und Gewalt durch Vandalismus eingeht (vgl. ausführlich Schlicht/ Strauß 2003). Hierzu gehören auch die Gewalttätigkeiten von Hooligans (vgl. Kerr 1998; vgl. Pilz in diesem Heft). Kennzeichnend für diese Personengruppe ist, dass der Besuch der Sportveranstaltung oder auch der Besuch des Umfelds der Veranstaltung von vornherein mit dem Ziel verbunden ist, gewalttätige Auseinandersetzungen zu führen. Erhebliche Anstrengungen polizeilicher und auch sozialpädagogischer Art, wie Fan-Projekte, sind notwendig, um dieses gesellschaftliche Problem zu bewältigen (Pilz 2002).

 

Strategien und Taktiken der Selbstdarstellung

Es gibt verschiedene Strategien und Taktiken, mit denen Personen Selbstdarstellung betreiben. So können Personen z. B. ihre Vertrauenswürdigkeit betonen, ihre Offenheit hervorkehren oder sich durch bestimmte Verhaltensweisen beliebt machen wollen (vgl. Mummendey 1995; Tedeshi et al. 1998). Eine bei Sportzuschauern sehr beliebte Taktik ist das "Basking in reflected glory" (kurz: BIRG, "Sich im Ruhme anderer sonnen."). BIRGing bedeutet, dass Personen versuchen, ihre Verbindung zu erfolgreichen anderen mit Hilfe verschiedener Hilfsmittel zu demonstrieren. Cialdini et al. (1976) stellten fest, dass Studenten in Vorlesungen und Seminaren häufiger Kleidungsstücke trugen, die auf ihre Verbindung zur Universität hindeuteten (z.B. Schals, Trikots, Aufkleber), wenn die Footballmannschaft der eigenen Universität am Wochenende davor gewonnen hatte.

BIRGing kann auch sehr gut in der Sprache wiedergefunden werden: Wenn die eigene Universitätsmannschaft in Cialdinis Studien gewann, äußerten viele Studenten ganz im Sinne des BIRGing: "Wir haben gewonnen". Wenn die Mannschaft verlor, wurde weniger die Verbindung hergestellt, sondern die sprachliche Wendung "Die haben verloren" benutzt. Letzteres ist eine weitere Taktik von Zuschauern zur positiven Selbstdarstellung und wird CORFing (Cutting off reflected Failure) geannt (Snyder/Lassegard/Ford 1986).

BIRGing ist es auch, wenn versucht wird, das entscheidende oder zumindest sehr wichtige Spiel sowie seltene Sportereignis sehen zu können oder mindestens behaupten zu können, man wäre Zeuge von etwas Ungewöhnlichem gewesen. So wird in den USA gerne kolportiert (vgl. Tedeshi et al. 1998), dass ca. eine Million Menschen von sich behaupten, sie hätten den zweiten Boxkampf von Joe Louis gegen Max Schmeling live im Madison Square Garden gesehen, obwohl der Madison Square Garden nur 20.000 Plätze fasst. Die Person, die BIRGing betreibt, versucht, sich selbst als erfolgreich darzustellen, indem sie ein gemeinsames Merkmal des Erfolgreichen und von sich in der Öffentlichkeit präsentiert. Dieses Merkmal ist häufig höchst flüchtig, wird manchmal nur kurzzeitig benutzt - meistens von "Fair Weather Fans" - und stellt häufig auch lediglich ein Symbol dar. Dies ermöglicht dann aber sehr schnell die Demonstration, dass eine Verbindung nicht mehr besteht, etwa wenn eine Niederlage der Mannschaft eingetreten ist.

Häufig ist nämlich zu beobachten, dass sich Menschen in ihrer Selbstdarstellung von nicht-erfolgreichen Anderen gern distanzieren. Dies tritt nicht selten dann ein, wenn die eigene Mannschaft über einen längeren Zeitraum erfolglos ist. Typisch ist, dass CORFing seltener bei "Die Hard Fans" und eher bei "Fair Weather Fans" beobachtbar ist. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Taktiken wie zum Beispiel das so genannte "blasting" . Gegnerische Mannschaften werden von den Zuschauern abgewertet, um im Vergleich zur anderen Mannschaft zu einer positiven Selbstdarstellung zu gelangen (Cialdini/Richardson 1980).

 

Stimmungsregulation als Motiv für Zuschauer

Menschen sind grundsätzlich bestrebt, in einen Zustand positiver Stimmung zu gerraten und versuchen, negative Stimmungszustände zu vermeiden oder sie zu beseitigen, um in eine erträglichere positive Stimmung zu geraten ("Mood Management"; vgl. Zillmann/Bryant 1998). Dazu muss nicht notwendigerweise auf Komödien oder ähnliche Medienangebote zurückgegriffen werden. Beispielsweise bevorzugen viele Männer aggressiv getönte Filme wie Western oder Kriegsfilme. Und zur Stimmungsverbesserung gehört auch das Betrachten von Sportveranstaltungen, im Fernsehen oder live vor Ort - auch dies bevorzugen Männer eher als Frauen (vgl. Zillmann/Bryant 1998).

Die Betrachtung und Darstellung von Konflikten und Dramatisierungen von sportlichen Wettkämpfen (bzw. auch in der Sportberichterstattung) führt zu einer Verbesserung der Stimmung bei den Zuschauern, wie zahlreiche Experimente von Zillmann und anderen zeigen (vgl. Bryant/Raney/Zillmann 2002). Beispielsweise machte es den Zuschauern eines Tennisspiels mehr Spaß, das Spiel zu verfolgen, wenn sie die Information bekamen, die beiden Spieler wären "Intimfeinde". Zuschauer, die das gleiche Tennisspiel anschauten, aber die Information erhielten, es handle sich bei den Tennisspielern um Freunde, machte es deutlich weniger Freude zuzusehen (Bryant/Brown/Comisky/ Zillmann 1982).

Grundsätzlich steigt vor und während eines Wettbewerbs die Erregung von Sportzuschauern an (Corbin 1973). Dies betrifft allerdings besonders Fans: Sie zeigen eine höhere physiologische Erregung während des Betrachtens eines Wettbewerbs ihres Fanobjekts als andere Personen.

Die Richtung der Stimmungen von Fans werden besonders durch den Ausgang des Wettkampfs beeinflusst: Nach Siegen ihres Fanobjekts zeigen Personen mit hoher Identifikation vermehrt positive Emotionen, nach Niederlagen vermehrt negative Emotionen (z.B. Hirt et al. 1992; Sloan 1979).

 

Stimmungen beeinflussen Urteile

Schwarz et al. (1987) zeigten, dass diese Stimmungen als Informationsquelle dienen, wenn die Personen Urteile über sich selbst oder andere Personen bzw. Ereignisse abgeben sollen. Sie stellten fest, dass deutsche Männer unmittelbar nach Siegen der deutschen Fußballnationalmannschaft während der Weltmeisterschaft 1982 über eine größere Lebenszufriedenheit berichteten als vor dem Spiel.

Schweitzer, Zillmann, Weaver und Luttrell (1992) zeigten in einer Studie, die kurz vor dem ersten Irakkrieg durchgeführt wurde, dass die negative Stimmung von Fans nach verlorenen Spielen ihrer Mannschaft dazu führte, einen Krieg der USA mit dem Irak und große Verwüstungen für wahrscheinlicher zu halten als nach gewonnenen Spielen.

Hirt et al. (1992) belegen darüber hinaus, dass Personen mit hoher Identifikation Erfolg und Niederlage des Teams mit dem eigenen persönlichen Erfolg verbinden. Nachdem Fans eine Niederlage ihrer Basketballmannschaft am Fernsehschirm live miterlebt hatten, waren diese niedergeschlagener und schätzen ihre eigenen Leistungen in einer Anagramm-Aufgabe niedriger ein als Personen, die ein erfolgreiches Spiel ihrer Mannschaft am Fernsehschirm miterlebten.

Fans betreiben auch während der Sportveranstaltung "Mood Management". Marsh (1978) berichtet, dass während der Fußballspiele in der ersten englischen Fußballdivision im Schnitt 147 Lieder von den Zuschauern gesungen werden. Dies geschieht in der Regel in Phasen, in denen das Spiel besonders langweilig ist. Es geht also darum, sich während des Spiels in einer positiven Stimmung zu halten oder in eine solche zu gelangen. Allerdings gibt es auch Ausnahmen, etwa wenn die eigene Mannschaft ein Tor geschossen hat, wie dies die Analyse der beiden Musikwissenschaftler Kopiez und Brink (1998) ergeben hat. Sie untersuchten die Gesänge der deutschen Zuschauer während der sieben Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft 1990 in Italien. Es zeigt sich, dass nach einem Tor wesentlich mehr gesungen wird als vorher. Dies kann als Versuch der Zuschauer interpretiert werden, die gute Stimmung, die durch das Tor der eigenen Mannschaft entstanden ist, durch die Gesänge zu verlängern und deren Intensität zu erhöhen.

 

Die Illusion der Kontrolle

Menschen sind im Allgemeinen bestrebt, Ereignisse und Zustände in ihrer Umwelt so zu beeinflussen und wahrzunehmen, dass sie die Fähigkeit zur Kontrolle besitzen. Dies betrifft auch Situationen, die objektiv nicht beeinflussbar sind (wie z. B. beim Glücksspiel), wenn es sich also nur um eine Illusion der Kontrolle handeln kann (Langer 1975). Es kommt bei diesem Konzept also nur darauf an, dass die Person davon überzeugt ist, Kontrolle ausüben zu können (kognizierte Kontrolle).

Thompson (1981) unterscheidet vier Möglichkeiten kognizierter Kontrolle: (1.) behavioral control: eine Person ist davon überzeugt, dass sie durch ihr Verhalten ein Ereignis beeinflussen kann; (2.) information control: eine Person besitzt Informationen über das zukünftige Ereignis und glaubt, es zumindest in Teilen vorhersehen zu können; (3.) cognitive control: eine Person ist überzeugt, über kognitive Strategien zur Reduktion der Aversivität eines Ereignisses zu verfügen (z. B. positives Denken, Uminterpretation) und (4.) retrospective control: dabei handelt es sich um die nachträgliche Zuschreibung von Ursachen zu eingetretenen Ereignissen. Sport bietet die Gelegenheit, alle vier beschriebenen Möglichkeiten anzuwenden, um kognizierte Kontrolle ausüben zu können.

Am wichtigsten ist die Möglichkeit der behavioralen Kontrolle. Strauß (1999) berichtet von einer Befragung mit 1.063 Zuschauern eines American-Football-Spiels in Kiel. 62,1% glaubten, dass "Zuschauer den Ausgang von Footballspielen" mindestens stark beeinflussen können. Und ganz besonders glaubten Fans, dass das Spiel durch die Zuschauer und durch sie selbst beeinflusst wurde. In dieser Studie, wie auch in der Untersuchung von Wann, Dolan, McGeorge und Allison (1994), in der Psychologiestudierende befragt wurden, zeigte sich, dass Personen den Zuschauern im Allgemeinen eine höhere direkte Einflussnahme zuschreiben als sich selbst.

Aber auch außerhalb des Wettkampfs wird durch konkrete Verhaltensweisen versucht, die Geschicke der Mannschaft zu beeinflussen, wie etwa die unzufriedenen Fans, die einen Mannschaftsbus am Wegfahren hindern oder die Zuschauer, die lautstark den Rücktritt des Trainers fordern oder Leserbriefe in einschlägigen Zeitschriften veröffentlichen.

Allerdings heißt dies nicht, dass diese behavioralen Einflussversuche gezielt und gerichtet eingesetzt werden. In einer Befragung von 231 Sportzuschauern von Dimmock und Grove (2005) zeigte sich, dass insbesondere Personen mit hoher Identifikation sich so beschrieben, dass sie die Kontrolle über ihr konkretes Verhalten verloren.

Zuschauer sind also der festen Überzeugung, dass Zuschauer im Allgemeinen bzw. sie persönlich das sportliche Geschehen durch ihr Verhalten beeinflussen können. Der tatsächliche Einfluss von Zuschauern ist allerdings nur klein oder gar nicht vorhanden, wie verschiedentlich empirisch gezeigt wurde (vgl. im Überblick Strauß 1999; 2002a; 2002b). Es handelt sich bei der festen Überzeugung also eher um eine Kontrollillusion.

 

 


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FRANKFURTER FANS DER GRUPPE „ULTRABRUTALEN“ FEIERN IM BREMER WESERSTADION IHR ZEHNJÄHRIGES BESTEHEN. „ULTRAS“ UNTERSTÜTZEN IHRE MANNSCHAFT  MIT MAXIMALEN MITTELN. DABEI SETZEN SIE AUF AUFWÄNDIGE CHOREOGRAPHIEN, OPTISCHE HILFSMITTEL UND FAHNENMEERE. WENNGLEICH ES AUCH ZU KÖRPERLICHEN AUSEINANDERSETZUNGEN KOMMT, STEHT DIE GEWALT NICHT IM MITTELPUNKT. DIE ABBILDUNGEN AUF DEN TRANSPARENTEN SIND ANLEIHEN AUS DEM KULTFILM „CLOCKWORK ORANGE“ (REGIE: STANLEY KUBRICK) NACH DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON ANTHONY BURGESS. 

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Vielfältige Facetten und Motive

Die Facetten von Zuschauerinnen und Zuschauern sind vielfältig. Sie begegnen uns als Fans, die ihre Sportmannschaft lautstark in den Vereinsfarben zu deren Wettkämpfen begleiten. Manche Fans sind ein Leben lang so stark mit "ihrem" Verein verbunden, dass ihr Leben in erheblicher Weise von ihrer Identifikation beeinflusst wird ("Die Hard Fans"). Sehr eindrücklich hat dies 1992 der Schriftsteller und Fan des Fußballclubs Arsenal London Nick Hornby in seinem biographischen Roman "Fever Pitch" beschrieben. Und manchmal werden Fans zur Bedrohung, wenn von ihnen aggressive Handlungen und Gewalt ausgehen. Sicher ist aber auch, dass Sportzuschauer untrennbar zum Sport gehören und Sport ohne sie nicht denkbar wäre.

 

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Unser Autor

Prof. Dr. Bernd Strauß, geboren 1959; Diplom in Psychologie 1987 in Kiel; 1992 Promotion in Psychologie in Kiel; von 1987 bis 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter und ab 1992 wissenschaftlicher Assistent am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in der Abteilung Sportpädagogik. 1998 Habilitation mit der Arbeit "Die Beeinflussung sportlicher Leistungen durch Sportzuschauer"; seit 1998 Professor für Sportpsychologie an der Universität Münster. Bernd Strauß ist seit 2003 Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Arbeitsschwerpunkte: soziale Prozesse im Sport, Zuschauer, Expertise, Diagnostik, forschungsmethodologische Fragen und Medien.

 


 

 

 

 


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