Zeitschrift

Skandale

 

 

Heft 1/2014

Hrsg: LpB



 

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Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Skandale


Skandale sind Seismographen dafür, was in Gesellschaft und Politik akzeptiert wird und was nicht. Sie sind so alt wie die Politik selbst. Die Geschichte einer Demokratie ist immer auch die Geschichte ihrer Skandale. Zu Demokratien gehört ein gewisser Fundus an Skandalen und Affären. Mit politischen Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss geht eine gewisse Wahrscheinlichkeit von Regelverstößen, Fehltritten und „Sündenfällen“ einher. Wenn die skandalisierten Personen einem Parlament oder einer Regierung angehören, kommen Untersuchungsausschüsse ins Spiel. (Über deren Wirksamkeit und Praxis trefflich gestritten wird!) Im politischen Alltag können Skandale mitunter Macht- und Karrierestreben korrigieren.

Skandale werfen ein Schlaglicht auf die politische Kultur, auf zentrale Werte und Tabus einer Gesellschaft. Als Wertekonflikte enthüllen sie eine Verletzung von geltenden und allgemein geschätzten Normen. An Skandalen herrscht aktuell – so der Augenschein – kein Mangel. Eingängige Schlagzeilen sind ein Beleg dafür. Es hat den Anschein, dass Skandale Hochkonjunktur haben. Hat die Skandaldichte zugenommen? Hat sich deren Anzahl wirklich erhöht? Ist das „kulturelle Nervensystem“ (Ulrich Beck) unserer Gesellschaft sensibler geworden? Oder wird der Begriff nur inflationär verwendet? Wird jedes Gerücht zum Skandal erklärt, gar hochstilisiert?

Um die „Anatomie“ von Skandalen erschließen zu können, hat Karl Otto Hondrich in seinem Buch „Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals“ (Frankfurt/M. 2002) drei wesentliche Komponenten ausgemacht:
(1) Zumeist handelt es sich bei Skandalen um moralische Verfehlungen, die Persönlichkeiten des öffentlichen und/oder politischen Lebens oder Institutionen angelastet werden.
(2) Längst nicht alle moralische Verfehlungen werden ruchbar. Maßgeblich ist deren Enthüllung, die
(3) von einer weithin geteilten öffentlichen Empörung begleitet wird. Gleichzeitig offenbart sich jedoch eine gewisse Ambivalenz: Obwohl Skandale gemeinhin abgelehnt und moralisch verurteilt werden, zeichnen sie sich durch eine gewisse „Lust am Skandalösen“ aus, d. h. die öffentlich bekundeten Gefühlsaufwallungen werden als genussvoll und prickelnd empfunden.

Zu den oben genannten Kriterien kommt im Zeitalter der neuen Medien ein weiteres Merkmal hinzu: Konnte es bis vor wenigen Jahren nur „hochgestellte Personen“ oder Institutionen mit einer gewissen Reputation treffen, kann heute jeder/jede wegen Banalitäten bzw. harmlosen Fehltritten zum Objekt öffentlicher Entrüstung werden. Neue Technologien ermöglichen ein Mehr an Indiskretion und gefährden die Privatsphäre, die Menschen von unerbetener Teilhabe der Gesellschaft und/oder des Staates abschirmt.

Skandale folgen einer bestimmten Dramaturgie: Am Anfang des typischen Verlaufsmusters steht die Enthüllung einer Grenzüberschreitung oder eines Tabubruchs. Danach folgen öffentliche Anschuldigungen sowie aufgebrachte Diskussionen über die Geltung moralischer Normen und kulturpessimistische Klagen über einen vermeintlichen Werteverfall. Nachdem sich die öffentliche Erregung gelegt hat, stellt sich eine gewisse Normalisierung ein. Was in der (kollektiven) Erinnerung bleibt, sind Verurteilung, Misstrauen und Verdacht, nachhaltig bekräftigte oder veränderte Moralvorstellungen und letztlich beschädigte Biographien der skandalisierten Personen.

Bei der Enthüllung von Skandalen kommt den Medien eine Schlüsselrolle zu. Art und Umfang ihrer Berichterstattung sind ausschlaggebend, wie die Resonanz in der Öffentlichkeit ausfällt. Skandale sorgen für Aufmerksamkeit, für hohe Auflagen und Einschaltquoten. Jedoch sind die Grenzen zwischen Investigationsjournalismus, seriöser Berichterstattung und medialem „Betriebsunfall“ gelegentlich fließend. Moralisierung, Inszenierung und Personifizierung sind beliebte Stilmittel, um sich im Blätterwald des Boulevards behaupten zu können. Emotionen haben einen höheren Unterhaltungswert als die unaufgeregte Abwägung von Informationen und die sachliche Erörterung kontroverser Sachverhalte.

Skandale sind immer auch „ein Kind ihrer Zeit“. Was gestern als skandalös galt und für eine Affäre stets gut war, relativierte sich im Zeitverlauf. Erregten in der prüden Zeit der 1950er und 1960er Jahre Sittenskandale und Filmausschnitte öffentliche Empörung, erntet man heute damit nur ein müdes Lächeln oder allenfalls kurzfristiges Interesse. Ebenso verhält es sich mit literarischen Texten, die gegen geltende moralische und/oder gesellschaftliche Konventionen und Werte „verstoßen“. Literatur setzt sich mit zeitgebundenen sozialen Konstellationen, gesellschaftlichen Strukturen und normativen Horizonten auseinander und kann dabei Grenzüberschreitungen provozieren.

Enthüllung und kollektive Empörung sind so alt wie die öffentliche Kommunikation. Die historische Sicht auf Skandale ist allemal lohnenswert, weil sie Einblicke in gesellschaftlich jeweils geltende Normen und Werte früherer Zeiten gewährt. Zudem zeigen ausgewählte Skandale der Vergangenheit, wie das Verhältnis zwischen Medien, Öffentlichkeit und Politik beschaffen war. In vergleichender Perspektive schließlich werden Unterschiede in der politischen Kultur, in den gesellschaftlichen Normen und moralischen Standards bzw. Tabus der in den Blick genommenen Länder deutlich. Frank Bösch geht der Frage nach, wie seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland und England das Image der Politiker und das Bild der Politik selbst durch Skandale geprägt wurden. Entlang historischer Zeitabschnitte werden die als skandalös empfundenen Themen sowie die Verlaufsformen der öffentlichen Empörung erörtert. Der historische Blick macht deutlich, dass Skandale nichts Neues sind. Interessant ist vielmehr, dass sich das gehäufte Aufkommen von Skandalen durch die um 1900 einsetzende Medialisierung des Politischen, durch die schrittweise Demokratisierung und die Veränderung der politischen Kultur erklären lässt.

Durch die Entstehung breitenwirksamer Massenmedien bekamen Intellektuelle im Laufe des 19. Jahrhunderts ein neues Forum. Sie konnten nun als „öffentliche Ankläger“ auftreten, Missstände und Skandalöses anprangern. Mit der Person des Intellektuellen eng verbunden ist der polarisierende, eine Gesellschaft zersplitternde Skandal. Bei diesen fundamentalen Skandalen stehen sich Wertegemeinschaften unversöhnlich gegenüber: Moral kämpft gegen Moral! Norman Domeier wirft in seinem Beitrag einen Blick in die klassische Moderne um 1900 und verdeutlicht am so genannten Eulenburg-Skandal und an der Rolle des Intellektuellen Maximilian Harden, wie die Phänomene „Skandal“, „Intellektueller“ und „Öffentlichkeit“ zusammenhängen. Der Eulenburg-Skandal war im wilhelminischen Deutschland der Anlass, um über politische, gesellschaftliche und kulturelle Streitfragen äußerst strittig zu verhandeln: Die Themen Ehre, Freundschaft, Ehe, Privatheit, Sexualmoral, Antisemitismus, Obrigkeitsgläubigkeit und Militärbegeisterung wurden über drei Jahre hinweg überaus kontrovers und vor den Augen der ganzen Welt diskutiert.

Politskandale sind eine eigene Gattung medialer Kommunikation. Große politische Skandale, die breite Aufmerksamkeit erregen und ihre Sprengkraft aus dem Zeitgeist und den Moralvorstellungen der Öffentlichkeit beziehen, beruhen auf einer medial inszenierten Dramaturgie. Diese medial in Szene gesetzte Dramaturgie von Skandaltragödien lässt sich entlang von fünf Phasen analysieren. Steffen Burkhardt erläutert diese am Modell der „Skandaluhr“ und benennt für jede einzelne Phase beispielhafte Belege. In chronologischer Abfolge lassen sich folgende Phasen unterscheiden: Die Skandalisierung beginnt mit der Latenzphase, an deren Ende die Veröffentlichung von Schlüsselereignissen steht, die öffentliche Empörung auslösen. Daran schließt sich die Aufschwungphase an, in der weitere Einzelheiten und Protagonisten publik werden. In der Etablierungsphase wird der Skandal am öffentlichen Moralkodex gemessen und einer Bewertung unterzogen. Nachdem auf dem Höhepunkt des Skandals eine Entscheidung der Öffentlichkeit provoziert wird, folgt schließlich die Phase des Abschwungs, in der sich nach erfolgter Sanktionierung die Rehabilitationsphase andeutet.

Skandale sind allgegenwärtig und werden nur allzu gerne goutiert. Sie setzen Themen auf die öffentliche Agenda, tragen zur Moralisierung inzwischen aller Lebensbereiche bei und produzieren Opfer. Allerdings – so die These von Bernhard Pörksen und Hanne Detel – hat die Allgegenwart von Skandalen im Zusammenspiel mit neuen, um ein Vielfaches indiskreteren Medien zu einem neuen Skandalschema und -typus geführt. Abweichend von der klassischen Dramaturgie, die Skandale gemeinhin durchlaufen, haben neue Formen der Enthüllung und Empörung den so genannten entfesselten Skandal hervorgebracht, der sich nicht mehr entlang einer linearen Zeitabfolge bewegt, sondern durch ein neues Wirkungsnetz charakterisiert ist. Am Beispiel einer Aussage des zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler im Jahr 2010 wird das Zusammenspiel von technischen Möglichkeiten, Erregung und Empörung eines mächtig gewordenen Medienpublikums erörtert: Eine in ihrer Brisanz zunächst verkannte Interviewpassage gewinnt durch einen in der Bloggerszene aufkommenden Verdacht an Aufmerksamkeit. Das Geschehen eskaliert und führt schließlich zum Rücktritt Horst Köhlers. An dieser Fallgeschichte wird deutlich, dass die klassischen und die neuen Medien über alle inhaltlichen Differenzen und Animositäten hinweg faktisch kooperativ agieren.

Untersuchungsausschüsse und deren Wirkung werden unterschiedlich eingeschätzt. Prägend für die Arbeit dieser parlamentarischen Hilfsorgane ist das Spannungsverhältnis zwischen Wahrheitsfindung und politischer Auseinandersetzung. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt eindeutig bei der Untersuchung von Missständen im Bereich von Bundesregierung und Verwaltung. Wolfgang Ismayr erörtert die Funktionen von Untersuchungsausschüssen im Deutschen Bundestag, ihre Zusammensetzung und die Bestimmung des Vorsitzes. Er geht außerdem auf die Rolle des Ermittlungsbeauftragten und die in der Regel zeitaufwändige Beweiserhebung ein. Die Untersuchungen des Verteidigungsausschusses, der vornehmlich aus Gründen der Geheimhaltung sicherheitspolitischer Maßnahmen für Fragen der Verteidigungspolitik zuständig ist, werden gesondert betrachtet. Für die öffentliche Resonanz der Arbeit der Untersuchungsausschüsse, so Wolfgang Ismayr, sind Art und Umfang der medialen Berichterstattung maßgebend. So kann die Arbeit von Untersuchungsausschüssen – wie der „Flick-Ausschuss“ und der Untersuchungsausschuss „Neue Heimat“ gezeigt haben – auf eine breite öffentliche Resonanz stoßen und die politische Kultur der Bundesrepublik nachhaltig beeinflussen.

Tabus markieren Grenzen des Handelns, Redens und Denkens. Im politischen Diskurs sind es vor allem verbale Tabus, die für unterschiedliche politische Zwecke instrumentalisiert werden. Politische Tabus sind laut Hartmut Schröder nicht hinterfragbare Glaubenssätze, die eine durchaus problematische Kehrseite haben können, weil sie gesellschaftliche Entwicklungen hemmen und den Blick auf notwendige öffentliche Debatten verstellen. Hierbei spielen weniger Fragen des Anstands oder der Feinfühligkeit eine Rolle. Ideologisch oder politisch motivierte Tabus sind vor allem im Zusammenhang mit den allgemein akzeptierten Standards der political correctness zu interpretieren. Deshalb ist der Tabuvorwurf, jeweils abhängig von der ideologischen oder (partei-)politischen Provenienz und Interessengebundenheit, eine beliebte rhetorische Figur in der politischen Auseinandersetzung. Bewusst geplante Tabubrüche werden zumeist durch Tabuvorwürfe legitimiert. In inszenierten Tabubrüchen stilisieren sich Diskursakteure zu Tabubefreiern, versperren jedoch gleichzeitig den Blick auf tiefer liegende gesellschaftliche Tabus. Insofern können Tabus eine wichtige Waffe in der Lenkung öffentlichkeitswirksamer Diskussionen sein.

Die wohl erste Kussszene in der Filmgeschichte löste im Jahre 1896 einen Filmskandal aus und ließ den Ruf nach Zensur laut werden. Vor allem die Apologeten der Hochkultur sahen sich bestätigt, sprachen sie doch dem Kinofilm jegliche Kunstfähigkeit ab. Skandalöse Szenen in Filmen sind ein Gradmesser für den kulturellen und moralischen Konsens einer Gesellschaft. Erregten in den prüden 1950er Jahren Filmausschnitte mit kurzen Nacktszenen öffentliche Empörung, erntet man heute mit solchen Szenen allenfalls ein müdes Lächeln. Es sind eben nicht nur die Inhalte, die einen Film zum Skandalfilm machen, sondern die durch ihn ausgelösten öffentlichen Reaktionen. Stefan Volk erörtert entlang der Filmgeschichte am Beispiel von „cineastischen Aufregern“ den Wandel von sozialen, kulturellen und moralischen Normen, belegt aber auch, dass Filme schon immer ein Medium der Provokation waren. Skandalfilme sind mithin Indikatoren für den sozialen Wandel. Wenn auch angesichts der nahezu vollständigen Medialisierung der Gesellschaft verschiedentlich das Ende des Skandalfilms prophezeit wurde, wird es ihn dennoch weiterhin geben. Und dies aus einem einfachen Grund: Das Publikum goutiert Skandalfilme und hat Spaß daran!

Bereits die Bibel enthält auf so manchen Seiten Skandalöses, Anstößiges und Unappetitliches – so die Theologin Marita Hecker. Und doch gilt die Heilige Schrift als großartiges Werk. In der Rezeptionsgeschichte von skandalträchtigen Werken zeigt sich, dass literarische Skandale immer auch „ein Kind ihrer Zeit“ sind. Bücher thematisieren zeitgebundene soziale Gegebenheiten und normative Horizonte. Dabei können sie allemal Grenzüberschreitungen provozieren. Der Stoff, auf dem Literaturskandale gründen, bleibt über die Zeit hinweg stets der gleiche: Religiöse Empfindungen werden verletzt, Gewaltdarstellungen und sexuell anzügliche Passagen provozieren heftigen Widerspruch. Eine weitere Zutat für Skandale ist die vermeintliche persönliche Verunglimpfung. Oft glauben prominente Personen, dass sie als Protagonisten in fiktionalen Werken absichtsvoll platziert und unvorteilhaft dargestellt werden. Marita Hecker stellt dies exemplarisch an drei Literaturskandalen aus drei Jahrhunderten dar. In Gustave Flauberts „Madame Bovary“ (1856) steht das Thema Religion im Mittelpunkt des Skandals, das Thema Sexualität hingegen in Vladimir Nabokovs „Lolita“ (1955). Und die Frage schließlich, wer denn nun eigentlich gemeint sei, steht im Zentrum des 2002 erschienen Romans „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser.

Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die mit der notwendigen wissenschaftlichen Genauigkeit und mit großer Umsicht die Texte redigiert hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag und Ingrid Gerlach in der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.
 

Siegfried Frech



 

 


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