Zeitschrift

Homophobie und Sexismus

 

 

Heft 1/2015

Hrsg: LpB



 

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Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Homophobie und Sexismus


Homophobie bezeichnet feindselige und abwertende Einstellungen gegenüber Menschen, deren sexuelle Orientierung als Abweichung von heterosexuellen Normvorstellungen wahrgenommen wird. Studien zufolge sind solche Einstellungen in der Bevölkerung zwar rückläufig, dennoch werden homo-, bi-, trans- und intersexuelle Menschen im Alltag vielfach diskriminiert. Homophobie drückt sich u. a. in Witzen, abwertenden Sprüchen und abwehrender Haltung, im Extremfall in physischen Übergriffen aus. Sexismus meint die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften aufgrund des Geschlechts. Homophobie kann als Form von Sexismus verstanden werden, als Abwertung von Menschen aufgrund des ihnen zugeschriebenen Geschlechts und ihrer sexuellen Identität. Damit gehen festgelegte weibliche und männliche Rollenbilder einher, meistens verbunden mit der Abwertung von Frauen.

Hat Deutschland auch heute noch ein Homophobie-Problem? Der Fußballprofi Thomas Hitzlsperger, der sich als erster Bundesligaspieler und Fußballnationalspieler wohlweislich erst nach dem Ende seiner Karriere geoutet hat, brachte es in einer Talkshow auf den Punkt: „Viele Leute wissen nicht, ob sie wirklich so tolerant sind, wie sie tun!“ „Schwul“ ist ein gängiges Schimpfwort. Dies ist nur ein Ergebnis der von der Humboldt-Universität Berlin durchgeführten Studie „Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen“: Die Unwissenheit der befragten Schülerinnen und Schüler ist groß. Nahezu 70 Prozent aller befragen Sechstklässler denken, Homosexuelle hätten sich ihre Orientierung selbst ausgesucht. Knapp 80 Prozent gaben an, dass sie noch nie mit Unterrichtsmaterialien gearbeitet haben, in denen Lesben, Schwule, Bi-, Trans- oder Intersexuelle – abgekürzt: LSBTI – vorkommen.

Die Anzeichen mehren sich, dass eine gleichberechtigte und offen gelebte sexuelle Vielfalt in Deutschland noch lange keine Selbstverständlichkeit ist. Homophobie und sexuelle Vorurteile sind wieder salonfähig geworden. Die Abwertung gleichgeschlechtlich liebender Menschen wird von verschiedensten Interessengruppen in der politischen Arena instrumentalisiert und macht sich in homophoben Bekundungen Luft. Beate Küpper und Andreas Zick definieren Homophobie aus sozialpsychologischer Perspektive als sexuelles Vorurteil und als eine Facette Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sie skizzieren die verschiedenen Ausdrucksformen von Homophobie und erörtern auf einer breiten Datengrundlage das Ausmaß homophober Einstellungsmuster in Deutschland und anderen europäischen Staaten. Die empirischen Daten werden durch Befragungsergebnisse von Menschen, die von Homophobie betroffen sind, plastisch verdeutlicht.

„Das ist ja voll schwul …!“ – Solche und ähnliche Äußerungen sind unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Wie sind solche antihomosexuellen Äußerungen einzuordnen? Wie erklärt sich ihr Zustandekommen? Kurt Möller nimmt zunächst eine begriffliche Klärung vor, um sexuell konnotierte Abwertungen angemessen erfassen zu können. Anstatt „Homophobie“ wird der aus seiner Sicht begrifflich präzisere Begriff „Heterosexismus“ favorisiert. Im Folgeschritt werden anhand empirischer Befunde Ausmaß und Verbreitung antihomosexueller Haltungen bei Jugendlichen skizziert. Quantitative Daten allein sind für (sozial-) pädagogische Zwecke nicht ausreichend. Daher werden Auszüge aus Interviews mit Jugendlichen vorgestellt, die im Rahmen einer Längsschnittstudie entstanden. Die Interviewpassagen zeigen Ausprägungen, Auftrittsweisen und Entstehungshintergründe von antihomosexuellen Einstellungen. Ein Blick auf die prägenden Sozialisationserfahrungen der interviewten Jugendlichen verdeutlicht begünstigende Faktoren für antihomosexuelle Einstellungen und Haltungen, benennt aber auch solche, die im Zeitverlauf zu einer Distanzierung bzw. Einstellungsänderung führen können.

Homophobie und Sexismus sind kein ausschließliches Phänomen der Gegenwart. Seit dem frühen 20. Jahrhundert lässt sich in der Sexualgeschichte der Politik eine Kontinuität sexueller Denunziation nachweisen. Sexuelle Denunziation in der Politik meint den bewussten Einsatz sexueller Stereotypen mit dem Ziel, die politische Macht konkurrierender Gruppen oder Einzelpersonen zu vernichten. Diese perfide Art der Skandalisierung ist auch für das gesellschaftliche Alltagsleben von Bedeutung. Wenn man dem politischen Raum eine Vorbildfunktion zuschreibt, sind sexuelle Verleumdungen in eben dieser Sphäre ein Freibrief, auch in anderen sozialen Bereichen Analoges zu praktizieren. Norman Domeier analysiert Fälle sexueller Denunziation in der deutschen Politik aus den letzten hundert Jahren. Alle diese Fälle werfen ein Schlaglicht auf den jeweiligen historischen „Zeitgeist“, auf zentrale Werte und Tabus einer Gesellschaft. Daher ist die Frage nahe liegend, ob Sexismus und Homophobie mit dem tiefgreifenden Wertewandel der vergangenen Jahre der Nährboden entzogen wurde. Wenngleich Homosexualität in der „hohen Politik“ kaum noch als „moralische Verfehlung“ angesehen wird, ist Skepsis angebracht. Im gesellschaftlichen Alltag ist dies noch lange nicht der Fall.

Die Ächtung und Verfolgung vermeintlich „Anderer“ nimmt in diktatorischen und totalitären Unrechtssystemen extreme Formen an. Das Naziregime unterwarf Familienleben und Sexualität dem Primat der Ausbreitung der „arischen Rasse“. Alle Formen der Sexualität, die nicht diesem Ziel dienten, sollten „ausgemerzt“ werden. Liebe und Sexualität hatten nicht lustvoll zu sein, sondern reproduktiv. Die sexualpolitische Willkür und der repressive Charakter des „Dritten Reiches“ zeigten sich insbesondere am Umgang mit lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen. Die NS-Ideologie duldete die Sexualität dieser Menschen nicht. Homosexuelle Männer und lesbische Frauen wurden ausgegrenzt, verfolgt, ihrer Persönlichkeit und Identität beraubt. Repression, Verfolgung und die von den Nazis begangenen Verbrechen an homosexuellen Menschen werden auch heute noch tabuisiert. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der historischen Forschung wider. Recherchen und historische Arbeiten zur Verfolgung und Repression von LSBTI im Nationalsozialismus stecken noch in den Anfängen. Ausgehend vom aktuellen Stand der historischen Aufarbeitung skizziert Stefanie Wolter die wichtigsten Forschungsdesiderate und -perspektiven.

Noch in den 1950er Jahren brüstete sich die im „Hotel Silber“ ansässige Stuttgarter Kriminalpolizei, „zum Schrecken der Homosexuellen Stuttgarts“ geworden zu sein. Baden-Württemberg war in der Nachkriegszeit Vorreiter bei der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer. Ralf Bogen beschreibt zunächst die Verfolgungspraxis der Stuttgarter Kriminalpolizei in den 1950er und 1960er Jahren. Fünf biografische Skizzen belegen die Schicksale homosexueller Männer in den Jahren nach 1945. Diese Repressionen erklären sich u. a. auch durch die unsägliche Traditionslinie, die aus der radikalen Verfolgung gleich-geschlechtlich Liebender zwischen 1933 und 1945 herrührt. In einem historischen Rückblick werden die einzelnen Etappen der Verfolgung während der NS-Diktatur erörtert. Wiederum geben Einzelschicksale auch dieser Epoche ein Gesicht. Ralf Bogen mahnt die systematische Aufarbeitung der Lebenssituation von LSBTTIQ in der NS- und Nachkriegszeit an. Der Landtag von Baden-Württemberg hat sich mit der am 16.10.2014 beschlossenen Annahme des Antrags „Entschließung zur Aufarbeitung der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer“ für die strafrechtliche Verfolgung entschuldigt und damit ein Signal gesetzt.

Wie kann ein wertschätzender Umgang mit sexueller Vielfalt in der schulischen und außerschulischen Bildung realisiert werden? Wie erreicht man es, Vorurteile aktiv anzugehen, einen selbstbewussten Umgang mit dem vermeintlich „Anderssein“ zu erlernen und zu praktizieren?

In der gedenkstättenpädagogischen Arbeit wurde die Geschlechterdimension lange Zeit vernachlässigt. Eine historisch angemessene Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Unrechts- und Vernichtungssystem in der schulischen und außerschulischen Bildung muss weibliche und männliche Täterschaften gleichermaßen in den Blick nehmen. Männer und Frauen waren in vielfältiger Weise am System der Ausgrenzung, Verfolgung und an der planmäßigen Vernichtung beteiligt, wie auch davon betroffen. Matthias Heyl geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie Gender-Konstruktionen, Zuschreibungen und traditionelle Geschlechterbilder in der alltäglichen Gedenkstättenarbeit wirken. Zwei Fallvignetten verdeutlichen, welche stereotypen Zuschreibungen und „Männerphantasien“ die zumeist jugendlichen Besuchsgruppen mit in die Gedenkstätte bringen und auf sie projizieren. Diese Stereotypen – u. a. homophobe Äußerungen bei der Thematisierung homosexueller KZ-Häftlinge – wiederum treffen auf die Gender-Vorstellungen der pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit ständiger Reflexion der gedenkstättenpädagogischen Praxis: Welche Erfahrungen machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Feld? Mit welchen Zuschreibungen werden sie konfrontiert? Wie lassen sich die Wahrnehmungen der Besucherinnen und Besucher in die Führungsnarrative des pädagogischen Personals integrieren?

Anke Rietdorf schildert ihren persönlichen Bezug zu FLUSS e. V. und erörtert die Zielsetzungen sowie die didaktischen Ansätze und Methoden der von FLUSS e. V. praktizierten Bildungs- und Aufklärungsarbeit. FLUSS e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der seit 1996 Bildungs- und Aufklärungsarbeit im Bereich nicht-heterosexueller Lebensformen leistet. Wichtigstes Anliegen ist es, Räume zu schaffen, in denen Begegnungen zwischen Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen und Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*Menschen ermöglicht werden. Nicht Belehrung, sondern Dialog und handlungsorientierte Methoden stehen im Mittelpunkt der konkreten Bildungsarbeit. Mit seiner pädagogischen Arbeit will der gemeinnützige Verein dazu beitragen, nicht-heterosexuelle Lebensformen als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen. Die Schulbesuche und Fortbildungsveranstaltungen wollen Anstöße zum Abbau von Vorurteilen und zur Reflexion der Einstellungen gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten geben.

„HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ ist ein Projekt, das sich für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzt. Zielgruppe des Projekts sind Jugendliche und junge Erwachsene aus sogenannten Ehrenkulturen, die im Laufe ihrer Sozialisation überkommene und patriarchalisch fundierte Geschlechterrollen verinnerlicht haben. Diese zutiefst frauenfeindlichen Rollenzuschreibungen rechtfertigen die Unterdrückung von Frauen und verwehren ihnen die Teilhabe am öffentlichen Leben. Ahmad Mansour beschreibt zunächst den Wertehorizont dieser Ehrenkulturen. In einem weiteren Schritt werden die Sozialisationsbedingungen und Erziehungspraktiken erläutert, die das Konstrukt der „Ehre“ absolut setzen. Die abschließende Projektschilderung zeigt, wie es in der außerschulischen und schulischen Bildungsarbeit gelingen kann, dass sich Jugendliche aus Ehrenkulturen von tradierten Rollenvorstellungen lösen und ihre Erfahrungen an andere Jugendliche weitergeben.

Die im vorliegenden Heft versammelten Beiträge gehen auf die Fachtagung „Homophobie und Sexismus“ der LpB im Frühjahr 2104 zurück. Die einzelnen Aufsätze vermitteln Forschungsergebnisse, zeigen aber auch pädagogische Handlungsoptionen auf. Zudem werden aktuelle und historische Entwicklungen thematisiert. Wir haben die von den Autorinnen und Autoren gewählte Schreibweise belassen. Zum besseren Verständnis verweisen wir auf das Glossar im Textkasten.

LSBTI/LSBTTIQ: Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell und intersexuell. Manchmal noch erweitert um ein weiteres T (= transgender) und ein Q (= queer).

Das Sternchen *: Das Sternchen ist ein Platzhalter und verweist auf die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten jenseits von „männlich“ und „weiblich“: Trans* bedeutet z. B., dass man transsexuell und transgender meint.

Der Gender-Gap _: Der Gender-Gap ist ebenfalls Platzhalter und soll betonen, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt, wie es die deutsche Sprache gemeinhin vorsieht, sondern auch noch alle möglichen Zwischenformen.

Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die mit der notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt und mit großer Umsicht die Texte redigiert hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag und der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.


Siegfried Frech



 

 


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