Zeitschrift

Inklusion

 

 

Heft 1/2016

Hrsg: LpB



 

Download als PDF (5,6 MB)
Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Inklusion


Das 2006 von den Vereinten Nationen verabschiedete Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention) ist seit 2009 auch in Deutschland in Kraft.

Die anfangs eher verhaltene Debatte zum Thema Inklusion hat inzwischen die Öffentlichkeit erreicht. Über Inklusion wird rege und kontrovers diskutiert. Im Zentrum des Interesses steht dabei u. a. die Frage nach der inklusiven Schule. Die Fokussierung der Inklusionsdebatte auf das Schulsystem verkennt aber, dass Inklusion mehr meint. Inklusion ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die darauf abzielt, allen Menschen auf Grundlage ihrer individuellen Bedarfe Zugang und Teilhabe zu allen Lebensbereichen zu verschaffen. Der Weg zu einer inklusiven Gesellschaft betrifft die Bereiche Bildung, Arbeit, Ehe und Familie, Wohnen, Gesundheit, Sport, Recht und Politik. Es geht nicht nur um materielle Teilhabe, sondern auch um Partizipation.

Inklusion ist ein Schlüsselbegriff der UN-Behindertenrechtskonvention. Neben Grundsätzen wie Nichtdiskriminierung, Chancengleichheit und Teilhabe ist Inklusion ein universell gültiges menschenrechtliches Prinzip mit dem Ziel, allen Menschen auf der Grundlage gleicher Rechte ein selbstbestimmtes Leben und die Teilhabe an allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund ist Inklusion stets mehrdimensional zu denken. Unter den gegenwärtigen ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen erfahren Menschen mit körperlichen, kognitiven und seelischen Beeinträchtigungen soziale Benachteiligungen und leiden unter eingeschränkten Möglichkeiten, ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch (Inklusion und Teilhabe) und Wirklichkeit (Exklusion und Benachteiligung) lässt Gudrun Wansing zufolge das kritische Potenzial des Inklusionsbegriffs gegenüber sozialen Verhältnissen erkennen und liefert gleichzeitig Impulse für die Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen, bei der Menschen mit Behinderungen aktiv einbezogen werden müssen.

Mareike Niendorf und Sandra Reitz werfen aus einer menschenrechtlichen Perspektive einen Blick auf den Inklusionsbegriff und das enge Verhältnis zu Partizipation. „Teil-Sein“ (d. h. Inklusion) und „Teil-Haben“ (d. h. Partizipation) bedingen sich gegenseitig. Anstatt einer Defizitorientierung, die häufig mit den Begriffen „Integration“ und „Assimilation“ einhergeht, meint Inklusion die Wertschätzung von Heterogenität. Dies schließt die Identifizierung und den Abbau von Barrieren, die Menschen an sozialer und gesellschaftlicher Teilhabe hindern, stets mit ein. Deshalb plädieren Mareike Niendorf und Sandra Reitz für eine Verschränkung der Diskriminierungsdiskurse, um den Blick für Barrieren und -Benachteiligungen zu schärfen. Neben dem Abbau struktureller Hemmnisse spielen inklusive Reflexions- und Bildungsprozesse eine zentrale Rolle, um die Barrieren in den Köpfen abzubauen und Einstellungen zu verändern.

Behinderung ist ein Begriff, der sich im 20. Jahrhundert im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat. Davor gab es einen solchen Begriff nicht, man betonte in den Bezeichnungen bestimmte Eigenschaften und Ausdrucksformen und sprach von „Lahmen“, „Blinden“, „Taubstummen“, „Krüppeln“, „Idioten“ und „Missgeburten“. Aber auch der Stempel „Behinderung“ hieß über Jahrzehnte für die gemeinten Personen Missachtung, Ausgrenzung und den Entzug persönlicher Rechte. Die langsamen Wandlungen im Verständnis von Behinderung und die damit einhergehenden veränderten Umgangsweisen spiegeln sozialhistorische Prozesse wider. Aus den entmündigten Krüppeln oder den zu versorgenden Anstaltsinsassen wurden tendenziell Personen mit einer eigenen Lebensgeschichte. Eine zeitgemäße Definition von Behinderung kommt ohne die Berücksichtigung von Faktoren wie soziale Umwelt und Kulturgeschichte nicht mehr aus. Christian Mürner und Udo Sierck zeichnen im dritten Beitrag exemplarisch nach, wie im Laufe der Jahrhunderte Chancen zur Partizipation und Akzeptanz behinderter Personen verhindert oder eröffnet wurden.

Die Vereinten Nationen betraten Neuland, als sie der Zivilgesellschaft bei den Verhandlungen zur UN-Behindertenrechtskonvention zwischen 2002 und 2006 weitreichende Partizipation ermöglichten. Bis zu 400 Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft begleiteten die Verhandlungen, die unter dem Motto standen „Nothing about us with-out us!“ (deutsch: „Nichts über uns ohne uns!“). Für viele Akteure der Zivilgesellschaft war es neu und ungewohnt, so ernst genommen zu werden und so weitgehende Mitspracherechte zu genießen. Ebenso steht die Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, in der die UN-Behindertenrechtskonvention seit 2009 geltendes Recht ist, mit dem Partizipationsgebot vor neuen Herausforderungen. Was bedeutet Partizipation? Wie wird sie umgesetzt? Wie kann sie gelingen? Warum misslingt sie so häufig? Auf diese Fragen gibt Sigrid Arnade Antworten.


Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) hebt die Bedeutung der Erwerbsarbeit für die gesellschaftliche Teilhabe und die individuelle Entwicklung von Menschen mit Behinderungen hervor. Das Ziel staatlicher Verpflichtungen soll es sein, die Ausgrenzung behinderter Menschen am Arbeitsmarkt zu beseitigen, ihnen Zugang zu Erwerbsarbeit auf dem Arbeitsmarkt zu öffnen und diesen so zu gestalten, dass sie sich darin mit ihren Arbeitsleistungen sinnstiftend einbringen können. Peter Trenk-Hinterberger konzentriert sich in seinem Beitrag auf drei zentrale Leitideen des Artikels 27: Zunächst geht es um die Forderung, so wenig Sonderarbeitswelten wie möglich einzurichten, bzw. bereits bestehende zu prüfen, neu zu gestalten oder zu reduzieren. Werden Sonderarbeitswelten aufrechterhalten, sollen diese so normal wie möglich, d. h. am allgemeinen Arbeitsmarkt orientiert, gestaltet werden. In der dritten Leitidee schließlich, die als Maßstab an die real existierende Arbeitswelt angelegt wird, geht es um die Verwirklichung eines inklusiven Arbeitsmarktes. Die Realität der Arbeitswelt entspricht allerdings bei weitem noch nicht den Leitideen der UN-BRK.

Die schulische Inklusion, die in Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben wird, ist heute ein allseits akzeptiertes Ziel. Allerdings variieren die Auffassungen, was unter schulischer Inklusion zu verstehen ist und welche schulstrukturellen Konsequenzen sich daraus ableiten lassen, erheblich. Das Versprechen einer „neuen“ Bildungsgerechtigkeit führt zu pädagogischen Konzepten, welche die Bedürfnisse behinderter Kinder nur unzureichend beachten. Der Diskurs um die Inklusion ist in weiten Bereichen emotional hoch aufgeladen, die Erwartungen, die sich an die schulische Inklusion richten, sind vielfach immens. Bernd Ahrbeck skizziert den aktuellen Diskussions- und Reformstand und warnt vor überzogenen Erwartungen. Mit der schulischen Inklusion – so sein Fazit – beginne kein neues Zeitalter der Pädagogik. Vielmehr müssen die Grenzen des Möglichen und Sinnvollen gesehen und akzeptiert werden.

Demgegenüber betont Simone Seitz, dass die Umsetzung eines inklusiven Schulsystems hinter das tradierte gegliederte Bildungssystem, das soziale Ungleichheit fortschreibt, ein deutliches Fragezeichen setzt. Denn die Entwicklung inklusiver Schulen ist kein bloßes Zusatzprogramm innerhalb des mehrgliedrigen Schulsystems. Inklusive Unterrichts- und Schulkulturen zeichnen sich dadurch aus, dass sie pädagogisch konstruktiv mit den herkunftsbedingten Unterschieden der Schülerinnen und Schüler umgehen. Entscheidend wird nicht sein, ob alle Kinder in einer Schule lernen können, sondern wie jedes Kind erfolgreich lernen kann. Guter inklusiver Unterricht verbindet deshalb soziale Integration mit den je individuellen Voraussetzungen der Lernenden. Angemessene didaktische und methodische Anknüpfungspunkte hierzu bieten geöffnete Unterrichtsformen, interessenorientiertes und dialogisches Lernen sowie vielfältige Lernformen. Individuell abgestimmte Leistungsanforderungen an alle Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage personaler Anerkennung – so das Fazit von Simone Seitz – sind tragende Pfeiler inklusiven Unterrichts.

Sprachkompetenz ist eine Voraussetzung für Kommunikation und Partizipation. Leichte und verständliche Sprache schafft für Menschen mit Behinderungserfahrung einen besseren Zugang zu Informationsinhalten, fördert deren Kommunikationsfähigkeit und die gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb kommt dem Zugang zu Informationen und der barrierefreien Kommunikation in der UN-Behindertenrechtskonvention ein besonderer Stellenwert zu. Leichte Sprache ist ein Schlüssel zur „Enthinderung“ der Gesellschaft und fördert die soziale und politische Teilhabe zahlreicher Menschen, darunter auch Menschen mit Behinderungen, die schwere Sprache nicht verstehen. Valentin Aichele zeigt an vielfältigen Beispielen und wegweisenden Modellprojekten, wie durch Leichte Sprache Barrieren abgebaut und Inklusion gefördert werden kann. Trotz positiver Trends werden vermehrte Anstrengungen und verpflichtende Regelungen für Leichte Sprache im Bereich der öffentlichen und privaten Medien, in Behörden sowie im privaten Dienstleistungsbereich angemahnt.

Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungserfahrungen werden im Wohnungsbau und bei der Planung der öffentlichen Infrastruktur nicht hinreichend berücksichtigt. Vielen Kommunen mangelt es an adäquatem, bezahlbarem und barrierefreiem Wohnraum. Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention fordert für Menschen mit Beeinträchtigungen die gleichen Chancen einer selbstbestimmten Lebensführung, die für alle anderen Mitglieder einer Gesellschaft üblich sind. Dies gilt auch für die Entscheidung, an welchem Ort, in welcher Wohnform und mit wem Menschen mit Behinderungen bzw. mit einem hohen Assistenzbedarf leben und wohnen wollen. Da aufgrund des demografischen Wandels in den nächsten Jahren immer mehr Menschen auf stationäres und ambulantes Wohnen angewiesen sind, ist die Schaffung von inklusiven Wohnformen – flankiert von Förder- und Unterstützungsleistungen – mehr als dringlich. Jo Jerg zeigt am Beispiel integrativer Wohngemeinschaften, was ein gemeinsames Leben von Menschen mit und ohne Behinderung auf individueller und sozialer Ebene bewirken kann.

Artikel 30 der UN-Behindertenrechtskonvention fordert die Vertragsstaaten auf, Menschen mit Behinderung die gleichberechtigte Teilnahme an Sportaktivitäten zu ermöglichen und behinderungsspezifische Sportaktivitäten zu organisieren und zu entwickeln. Martin Sowa, Referent für Inklusionssport bei der Geschäftsstelle des Landes-Behindertenbeauftragten von Baden-Württemberg, zeigt an vielen Praxisbeispielen, wie inklusive Sportangebote für Menschen mit und ohne Behinderung in Schulen und Vereinen umgesetzt werden können. Voraussetzung für das Gelingen solcher Sportprojekte ist der Mut, gewohnte Denkmuster zu verlassen und mit Spontaneität sowie einer Portion Kreativität Neues auszuprobieren.

„Kultur vom Rande“ wird seit Jahren regelmäßig als Kulturfestival für Menschen mit und ohne Behinderungserfahrung in Reutlingen durchgeführt. Elisabeth Braun, eine der Initiatorinnen und künstlerische Leiterin des Festivals, erörtert die inklusiven Wirkungen und Chancen des Kulturfestivals. Sie skizziert verschiedene Adressaten- und Beteiligtengruppen, die mit Blick auf Integration und Inklusion von der Planung und Durchführung des Festivals profitieren. Der Beitrag stellt abschließend die durchaus kritische Frage, wie es anlässlich der Kulturfestivals um nachhaltige Veränderungen im sozialen Miteinander der Stadt bestellt ist. Es ist schwierig – so das Fazit – zu interpretieren, was als beginnende Integration, als Voraussetzung für Inklusion oder als wachsende Teilhabe aller am kulturellen Leben zu werten ist. Abschließend werden vier Beispiele aus „Kultur vom Rande“ geschildert, die das inklusive Potenzial des Kulturfestivals aufzeigen.

Jürgen Lutz plädiert vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über Inklusion für die Ergänzung von inklusiven Formaten durch zielgruppenorientierte Angebote für Menschen mit Behinderungen. Er erläutert sein Vorgehen anhand mehrerer thematischer Beispiele (z. B. Wahlen, Besuche von Politikerinnen/Politikern und Institutionen, allgemeinpolitische Themen). Der Beitrag verdeutlicht das Potenzial von Kooperationen zwischen Volkhochschulen, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und Trägern der Behindertenhilfe. Unter didaktischen Gesichtspunkten wird u. a. am Beispiel der Leichten Sprache aufgezeigt, wie Zugänge zu komplexen Sachzusammenhängen ermöglicht werden. Ein Anliegen des Autors ist es, mit diesem Beitrag politische Bildnerinnen und Bildner zur Nachahmung zu motivieren.

Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die mit der notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt und mit großer Umsicht die Texte redigiert hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag und der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.


Siegfried Frech
 

 


Copyright ©   2016  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de