Zeitschrift Bundestagswahlen Kanzler- oder Politikwechsel?
Bundestagswahl 1998: Ruck zur Mitte Der Regierungswechsel 1998 im Lichte wahlsoziologischer Interpretationen Von Ulrich Eith |
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In der Wissenschaft nicht unumstritten ist bis heute, worauf der sozialdemokratische Sieg von 1998 beruhte: Wollte die Wählermehrheit einen neuen Kanzler oder doch auch eine neue Politik, die insbesondere die Schutzbedürfnisse großer Teile der Bevölkerung vor Globalisierung, neoliberaler Wirtschaftspolitik, Abbau des Sozialstaates angesichts von Wirtschaftsflaute und Arbeitslosigkeit aufgriff? Die verschiedenen Interpretationsansätze schließen sich zwar nicht völlig aus. Doch von der jeweiligen Interpretation hängt es ab, welche Wahlkampfstrategie 2002 eingeschlagen wird - und wer letztlich gewinnen wird. Red.
Eine Abwahl Helmut Kohls?
Bekanntlich wurde bei der Bundestagswahl 1998 zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte eine amtierende Bundesregierung direkt abgewählt. Bereits am Wahlabend kristallisierten sich unterschiedliche Interpretationslinien des Wahlergebnisses heraus, die durch nachfolgende empirische Untersuchungen weiter ausgebaut und vertieft wurden. Oder die erfolgreiche Orientierung an zwei unterschiedlichen Wählergruppen?
Jürgen W. Falter stützt seine These von der zweigeteilten Wählerschaft der SPD auf eine Untersuchung der Koalitionspräferenzen der SPD-Wähler (Falter 1999) und unterscheidet zwischen (Wechsel-)Wählern mit großen Sympathien für schwarz-rot-gelbe Koalitionskonstellationen und den Anhängern einer rot-grünen Koalition. Erstere stellen etwa ein Drittel, Letztere entsprechend zwei Drittel der sozialdemokratischen Wählerschaft 1998. Beide Lager weisen nach Falter nicht nur spezifische sozialstrukturelle Profile auf - im schwarz-rot-gelben Lager sind niedrigere Bildungsabschlüsse und Arbeiter, aber auch höhere Angestellte überrepräsentiert -, sie unterscheiden sich auch im Ausmaß ihrer Parteibindungen sowie in grundlegenden gesellschaftspolitischen Fragen, etwa hinsichtlich des Zuzugs von Ausländern oder auch der Abschaltung von Kernkraftwerken. Oder doch die "soziale Frage"?
Einen anderen Akzent setzen die Autoren der Freiburger Arbeitsgruppe Wahlen. Demnach lassen sich die Zugewinne der SPD in der unteren Hälfte der Gesellschaft neben unterschiedlichen Kandidateneinschätzungen weitaus plausibler noch mit schichtspezifischen politischen Interessen erklären:
Warum die Regierungspolitik die Wähler enttäuschte
Beide Thesen - sowohl diejenige von der Öffnung der SPD zur Neuen Mitte als auch diejenige von der wahlentscheidenden Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit und wohlfahrtsstaatlicher Schutzbedürfnisse - können durchaus eine gewisse Plausibilität für sich in Anspruch nehmen und schließen sich letztlich auch keineswegs vollständig aus (Feist/Hoffmann 1999: 250-251; Schultze 2000: 46).1ûWenigstens setzt der Wunsch nach einem Politikwechsel die Unzufriedenheit mit der bisherigen Regierung geradezu voraus. Empirische Belege finden sich für beide Positionen, allerdings überwiegen die Hinweise auf eine gestiegene Sensibilität breiter Wählerkreise für Fragen der sozialen Gerechtigkeit. So beobachtet Elisabeth Noelle-Neumann seit Mitte der 1990er-Jahre verstärkte Präferenzen der Bürger für "Gleichheit" im Verhältnis zu "Freiheit" (Noelle-Neumann 1998); Bernhard Weßels und Renate Köcher konstatieren "die zunehmende Wahrnehmung einer ,Gerechtigkeitslücke' in den Neunzigerjahren" (Weßels 2000: 63; entsprechend Köcher 1998). Im Einklang hiermit stehen die Ergebnisse einer Emnid-Repräsentativbefragung für Monitor/ARD vom August 1999 (Eith 2000a), wonach 72 % der Wahlberechtigten und selbst 63 % der SPD-Wähler ein knappes Jahr nach der Bundestagswahl ihre Enttäuschung über die Regierungsarbeit der SPD bekunden. Bezeichnenderweise benannten 41 % (West) bzw. 55 % (Ost) dieser Enttäuschten als entsprechenden Grund den Umstand, "dass keine Politik ,für den kleinen Mann' gemacht wird". Eine modernere Wirtschaftspolitik hatte demgegenüber nur etwa ein Viertel der Enttäuschten erwartet (Tabelle 1). Weiterhin begründeten in derselben Umfrage 40 % (West) bzw. 64 % (Ost) der SPD-Wähler von 1998 ihre Wahlentscheidung im Nachhinein mit dem Wunsch nach mehr sozialer Gerechtigkeit. Nur jeweils etwa 15 % der sozialdemokratischen Wähler in Ost und West nannten hingegen die Erwartung, dass die SPD den Staat modernisieren sollte.
In den Volksparteien
Die These von der Renaissance der sozialen Frage bei der Bundestagswahl 1998 fügt sich darüber hinaus plausibel sowohl in den Rahmen der politischen Entwicklungen in anderen westlichen Industriegesellschaften als auch in den Kontext der Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat und zur sozialen Gerechtigkeit in Deutschland.
So hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den europäischen Nachkriegsgesellschaften die gruppen- und klassenspezifischen Schutzbedürfnisse durch den rasch zunehmenden Wohlstand und die zwischen den großen Parteien prinzipiell unstrittige Etablierung eines weit reichenden Sozial- und Wohlfahrtsstaats deutlich relativiert. Förderten christdemokratische Parteien aufgrund ihrer traditionellen Nähe zur katholischen Soziallehre und auch aus wahltaktischen Gründen vor allem den Ausbau der Sozialversicherungen unter Beteiligung der Wohlfahrtsverbände, setzten die wohlfahrtsstaatlichen Vorstellungen sozialdemokratischer Parteien stärker auf einen aktiven Staat und bezogen zudem weitere Politikfelder wie etwa auch die Beschäftigungspolitik mit ein (M. G. Schmidt 1998: 191-196). In den sich herausbildenden Mittelstandsgesellschaften mit ihren abgemilderten sozialen Konflikten entstanden politische Wettbewerbssituationen, die den alten Integrationsparteien mit ihrer starren Orientierung auf ein sozial-moralisches Milieu kaum noch Machtperspektiven boten. Die politische Mehrheitsfähigkeit hing zunehmend von einer gewissen Annäherung an die neuen Mittelschichten ab, und die meisten größeren Parteien in Europa vollzogen den strategischen Wandel zur Volkspartei (Kirchheimer 1969; Eith 2001: 22-25).
Die neoliberale Wende Die 1970er-Jahre standen dann vor allem im Zeichen des sozialdemokratischen, stark an Keynes orientierten Staats- und Politikverständnisses. Einen Einschnitt markierte jedoch bereits die Wirtschaftskrise 1974/75. Die Kritik am Umfang des Wohlfahrtsstaats wurde lauter, die umfassende sozialdemokratische Planungseuphorie zunehmend fraglicher (Zimmer 1999: 218-223). Verschiedentlich wurde bereits das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts als Konsequenz industýieller Modernisierungsprozesse eingeläutet. In den 1980er-Jahren dominierten dann vielfach neoliberale Positionen die politischen Problemanalysen und öffentlichen Diskussionen. Dieser vor allem bei großen Teilen der politischen Elite vollzogene Paradigmenwechsel hin zu einer strikt angebotsorientierten Wirtschaftspolitik rückte zugleich den Umbau, besser Abbau des Wohlfahrtsstaates und die Sanierung der öffentlichen Haushalte in die vorderste Reihe der politisch wichtigen Ziele. Die konsequenteste Umsetzung dieser neoliberalen Wende erfolgte in den anglo-amerikanischen Staaten Großbritannien, Neuseeland und USA, während in den kontinentaleuropäischen Ländern im Allgemeinen lediglich moderate Änderungen am System wohlfahrtsstaatlicher Leistungen und Absicherungen vorgenommen wurden (Schmid 1996: 32-40). Dennoch schafften es auch die mehr oder minder neoliberal orientierten bürgerlich-liberalen Parteien nicht, die anhaltenden ökonomischen Krisensymptome und insbesondere die konstant hohe Arbeitslosigkeit wirkungsvoll zu bekämpfen. Doch davon profitieren Sozialdemokraten nahezu überall in Europa Mit Anbruch der 1990er-Jahre gelangten in den führenden europäischen Demokratien sowie in den USA erneut die Sozialdemokraten bzw. Sozialisten in die Regierungsverantwortung. Häufig war dem allerdings ein innerparteilich zudem heftig umstrittener Erneuer*ngsprozess vorausgegangen, der neben der organisatorischen Modernisierung (Lösche 2000) zumindest in Großbritannien, Dänemark, Schweden und den Niederlanden auch zu programmatischen Kurskorrekturen, einer Verbindung von marktorientierten Sozialstaatsmodellen und zivilgesellschaftlicher Aktivierung führte (Giddens 1999, Fröhlich 2000, Volkens 2000). Zu Beginn des Jahres 2000 stellten die Sozialdemokraten in immerhin 11 der 15 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union den Regierungschef, in Belgien waren sie zumindest an der Regierung beteiligt. Bürgerlich-konservative Parteien regierten zum Millenniumswechsel lediglich in Irland, Luxemburg und Spanien. Ob mit dem äußerst knappen Sieg von George W. Bush in den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2000 bereits die nächste Runde eingeläutet worden ist, wird sich noch erweisen müssen. Zumindest distanziert sich die gemäßigte Rechte in den USA und in Europa derzeit zunehmend von reinen Deregulierungsmodelýen und greift wieder aktiver die Debatte über die soziale Frage auf. Anders als die Sozialdemokraten, die vor allem eine Neuorganisation des Sozialstaates anstreben, setzen die Mitte-Rechts-Parteien bei der Bekämpfung von Armut jedoch weitaus stärker auf die Freiwilligkeit privater Organisationen. So fordern etwa George W. Bush einen compassionate conservatism (Giddens 2000) und Angela Merkel eine Wir-Gesellschaft und neue Soziale Marktwirtschaft (Merkel 2000). Unter dem Stichwort fracture sociale hatte Jacques Chirac die soziale Gerechtigkeit bereits im französischen Präsidentschaftswahlkampf 1995 zu seinem Thema gemacht, ohne dass dem allerdings nach gewonnener Wahl weitere Konsequenzen gefolgt waren (J. Schmidt 2000: 205-206). Die deutsche Einigung verzögerte nur die sozialdemokratische Regierungsübernahme
Der vergleichsweise späte Zeitpunkt der sozialdemokratischen Regierungsübernahme in Deutschland geht nicht zuletzt auch auf die Besonderheiten der deutschen Einheit zurück. Nachdem Helmut Kohls Führungsqualitäten Ende der 1980er-Jahre selbst innerparteilich stark in der Kritik standen und die CDU ihre politische Vormachtstellung zu verlieren drohte, gingen Kanzler und Partei aus dem Vereinigungsprozess merklich gestärkt hervor (Korte 1994). In den ostdeutschen Bundesländern erzielte die Union 1990 gerade in der Arbeiterschaft eine deutliche Vormachtstellung vor der SPD. Schrittweise baute sich diese im Verlaufe der 1990er-Jahre allerdings wieder ab, als die Schwierigkeiten und Verwerfungen des Transformationsprozesses zunehmend sichtbarer wurden (Dalton/Bürklin 1996, Eith 2000b, K. SchmittY2001). Darüber hinaus lag der sozialdemokratischen Strategie, 1998 mit der Doppelspitze Schröder/ Die Einstellung zu Wohlfahrtsstaat und sozialer Gerechtigkeit haben sich in Deutschland kaum verändert Fast ungeachtet der ideologischen Konjunkturwechsel auf der Ebene der politischen Eliten weisen die in der deutschen Bevölkerung verbreiteten Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat und zur sozialen Gerechtigkeit über die Jahrzehnte hinweg eine hohe Stabilität auf (Roller 1992, 2000). Die bis in die 1970er-Jahre zurückreichenden empirischen Untersuchungen von Edeltraud Roller belegen insbesondere, dass die auf der Elitenebene bereits seit Mitte der 1970er-Jahre verstärkt vorgebrachte Kritik am Umfang des Wohlfahrtsstaates zunächst kaum zu nennenswerten Auswirkungen auf die Einstellungen der Gesamtbevölkerung geführt hat. Eine gewisse Skepsis betraf vorerst lediglich die Folgen, keineswegs jedoch den Umfang wohlfahrtsstaatlichen Handels. Ab Mitte der 1980er-Jahre wurden dann vor allem die unzureichenden Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Sicherung des sozialen Ausgleichs sowie die sich abzeichnenden Finanzierungsprobleme zunehmend zum Zentrum politischer Auseinandersetzungen und Kritik, auch wenn ab Sommer 1989 zunächst einmal vieles von der unverhofft die politische Agenda bestimmenden Einigungsthematik überlagert und zugedeckt wurde. Geringfügige Einstellungsveränderungen lassen sich für die 1990er-Jahre nachweisen, hinzu kommen nach der deutschen Einheit signifikante Ost-West-Unterschiede.
Unterschiedliche Konzepte vom Wohlfahrtsstaat werden angeboten - und unterschiedlich geschätzt Die aktuelle Situation kann prägnant mit Bezug auf unterschiedliche Wohlfahrtsstaatsmodelle in Anlehnung an Gøsta Esping-Andersen (1990) verdeutlicht und diskutiert werden. Unter Berücksichtigung des Grades der "Dekommodifizierung" (= Chance zur Lebensführung unabhängig von Marktzwängen), der durch den Wohlfahrtsstaat hervorgerufenen gesellschaftlichen Schichtung und Umverteilung sowie der Bedeutung des Staates gegenüber anderen Wohlfahrtsproduzenten hat Esping-Andersen (1990: 26-29) ein liberales, konservatives und sozialdemokratisches welfare-state regime unterschieden.2KIn einer auf die deutsche Situation bezogenen Operationalisierung ersetzt Roller (2000: 91) das konservative Modell durch den christdemokratischen Wohlfahrtsstaat und fügt der Typologie ein sozialistisches Modell hinzu, um die vor allem im Osten verbreiteten post-kommunistischen Einstellungen besser erfassen zu können. Durch den Ausschluss des vor allem die USA, Kanada und Aust-ralien kennzeichnenden liberalen, minimalen Wohlfahrtsstaats verbleiben wiederum drei unterschiedliche Typen.
Während nun der bundesdeutsche Wohlfahrtsstaat in etwa dem christdemokratischen Modell entspricht, befürworten demgegenüber jedoch Mitte der 1990er-Jahre knapp 60 % der Westdeutschen das sozialdemokratische, gut 25 % sogar das sozialistische Modell (Tabelle 2). Verbunden mit diesen hohen Erwartungen an den Wohlfahrtsstaat ist zudem eine sensible Wahrnehmung sozialer Ungleichheiten. Überdies weisen beide Einstellungsdimensionen eine plausible sozialstrukturelle Verankerung auf: Mit sinkendem sozialen Status steigen die wohlfahrtsstaatlichen Ansprüche, die Wahrnehmung von sozialer Ungleichheit und die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit. Seit den 1980er-Jahren haben sich allerdings leichte Veränderungen in der Frontstellung dieser traditionellen, in der Sozialstruktur verankerten Konfliktlinie um den angemessenen Wohlfahrtsstaat ergeben, da die nach sozialem Status und formaler Bildung eher besser gestellten Anhänger der Grünen ebenfalls zu den Verfechtern eines umfangreichen Wohlfahrtsstaates zählen (Roller 2000).
Deutlich wird darüber hinaus, dass sich die wohlfahrtsstaatlichen Einstellungen der Westdeutschen, ungeachtet der teils gegensätzlichen öffentlichen Diskussionen und Verlautbarungen, zwischen 1985 und 1996 im Aggregat nur geringfügig in Richtung christdemokratisches Modell verschoben haben. Somit bleibt weiterhin eine beachtliche Inkongruenz von gemessenen Präferenzen (Kultur) und tatsächlicher Ausprägung des Wohlfahrtsstaates (Struktur) zu konstatieren.3 In Ostdeutschland wird weitgehend das sozialistische Modell von Wohlfahrtsstaat geschätzt
Besonders gravierend sind diese Differenzen in Ostdeutschland. 1996 bevorzugen dort lediglich 27 % das sozialdemokratische Modell, knapp 70 % sprechen sich für das sozialistische Modell aus (Tabelle 2). Hinzu kommen eine im Vergleich zu Westdeutschland weitaus kritischere Beurteilung der sozialen Ungleichheit sowie stärker egalitär ausgerichtete Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit. Dementsprechend ist gerade bei Personen mit mittlerer oder niedriger formaler Bildung das Gefühl, Bürger 2. Klasse zu sein, nach einem zwischenzeitlichen Rückgang auf ca. 70 % zwischen 1995 und 1997 erneut um 15 Prozentpunkte auf 85 % angestiegen (Brunner/Walz 1998: 236). Diese überaus hohen Präferenzen für umfangreiche sozialstaatliche Absicherungen gehen jedoch nur zum Teil auf die im Zuge des Transformationsprozesses häufig schwierige ökonomische Situation zurück. Anders als im Westen zählen im Osten soziale Grundrechte für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung schon sozialisationsbedingt zu den unverzichtbaren Kernelementen einer Demokratie (Fuchs 1997).
Die Doppelspitze Schröder/ Lafontaine war somit wohl die ideale Wahlkampfbesetzung
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass sowohl die These vom Ruck der SPD zur neuen Mitte als auch die These von der Renaissance der sozialen Frage davon ausgehen, dass die Ende der 1990er-Jahre auch in der Bundesrepublik vehement geführten verbalen Auseinandersetzungen zwischen einem neoliberalen und einem wohlfahrtsstaatlichen Politikansatz als wichtiger Faktor des Wahlverhaltens bei der Bundestagswahl 1998 anzusehen sind. Die gravierende Verunsicherung breiter Bevölkerungskreise durch die Auswirkungen der Globalisierung sowie das Unvermögen der bürgerlichen Regierung, die anstehenden Probleme der Sozialsysteme effektiv anzugehen, beförderten eine weit verbreitete Wechselstimmung. Zudem erscheint aus Sicht beider Thesen die Doppelspitze Schröder/Lafontaine im Nachhinein als ideale sozialdemokratische Wahlkampfstrategie, allerdings mit unterschiedlichen Begründungen. So unterstellt die These von der neuen Mitte eine durch die Person des Kanzlerkandidaten Schröder repräsentierte programmatische Positionsveränderung oder zumindest Öffnung der SPD in Richtung etwa der von Giddens (1999) skizzierten Politik des dritten Wegs. Die der Sozialdemokratie eher fernstehenden Wähler der neuen Mitte konnten somit auf Schröder setzen, die traditionelle Stammklientel hingegen band Lafontaine. Literaturverzeichnis Arzheimer, Kai, Jürgen W. Falter (1998): "Annäherung durch Wandel?" Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 1998 in Ost-West-Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 48. Jg. B 52, S. 33-43. Brunner, Wolfram, Dieter Walz (1998): Selbstidentifikation der Ostdeutschen 1990-1997. Warum sich die Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse fühlen, wir aber nicht auf die "innere Mauer" treffen, in: Heiner Meulemann (Hg.): Werte und nationale Identität im vereinten Deutschland, Opladen, S. 229-250. 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Anmerkungen 1 Weitere, hier nicht explizit ausgeführte Aspekte der Wahlentscheidung 1998 thematisieren etwa Arzheimer/Falter (1998), Rattinger/Maier (1998), Niedermayer (1999), Neu/Molitor (1999) oder auch Kepplinger (1999). 2 Unterschiedliche Typologisierungen diskutieren M. G. Schmidt (1998: 215-228), Schmid (1996: 55-61). 3 Dieser Befund ist allerdings durch den Hinweis etwas zu relativieren, dass die beiden charakteristischen Merkmale des sozialdemokratischen Modells - Vollbeschäftigung und Ergebnisgleichheit - in dieser empirischen Untersuchung als Befürwortung einer staatlichen Verantwortung für die Bereitstellung von Arbeitsplätzen für Arbeitswillige bzw. Befürwortung einer größeren - keineswegs strikten - Einkommensgleichheit operationalisiert wurden. Beides bedient der deutsche Wohlfahrtsstaat zumindest ansatzweise in Form der aktiven Arbeitsmarktpolitik (etwa ABM-Maßnahmen) und auch der progressiven Einkommensbesteuerung.
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Thema des nächstes Heftes:
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