Zeitschrift

Brasilien

 

 

Heft 1-2/2013

Hrsg: LpB



 

 
Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Brasilien


Brasiliens wirtschaftlicher Aufstieg im letzten Jahrzehnt ist beispiellos. Neben Russland, Indien, China und Südafrika zählt das größte Land Südamerikas zu den sogenannten BRICS-Staaten, denen durchaus zugetraut wird, die führenden Industrieländer im Hinblick auf ihre Wirtschaftsleistung mittelfristig zu überrunden. Brasilien ist bereits jetzt eine regionale Führungsmacht und auf dem Sprung, eine Weltmacht zu werden. Die ökonomischen Stärken des Landes liegen in einem großen Binnenmarkt, gewaltigen Rohstoffvorkommen und soliden Unternehmen. Die Kehrseite der ökonomischen Entwicklung ist offenkundig: Rohstoffexploration, rasche Industrialisierung und Urbanisierung haben zu negativen ökologischen Folgen geführt.

Trotz Brasiliens ökonomischem Aufstieg in die „erste Liga“ sind im Innern soziale und politische Konfliktlinien weiterhin existent und harren der politischen Bearbeitung. Korruption und Günstlingswirtschaft kennzeichnen den politischen Prozess ebenso wie ein fragmentiertes Parteiensystem, das stabile Parlamentsmehrheiten und somit das Regieren erschwert. Die soziale Struktur Brasiliens, mithin eine Hypothek der kolonialen Vergangenheit, ist durch die ungleiche materielle Teilhabe am volkswirtschaftlichen Reichtum gekennzeichnet.

Brasiliens Wirtschaft blickt auf eine wechselvolle Vergangenheit zurück, mit einer Phase des Wachstums und der Prosperität bis in die 1970er-Jahre und einer lang andauernden Rezession in den 1980er-Jahren, dem sogenannten verlorenen Jahrzehnt. Doch dank der kontinuierlichen, stabilitäts- und wachstumsorientierten Wirtschafts- und Finanzpolitik der letzten zwei Jahrzehnte ist Brasilien heute die führende Volkswirtschaft Lateinamerikas, so Hartmut Sangmeister in seinem Beitrag. Wichtige Stütze des brasilianischen Wachstums ist der Export von Primärgütern, wobei China als Handelspartner zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die weltwirtschaftliche Bedeutung des Landes hingegen hat sich in den zurückliegenden Jahren – verglichen zum Beispiel mit China – kaum verändert. Zentral für die wirtschaftliche Zukunft Brasiliens, so die Schlussfolgerung, sind die Bekämpfung innenpolitischer Probleme wie Korruption und ausufernde Bürokratie sowie die aktive Förderung von Bildung, Wissenschaft und technologischem Fortschritt.

Verschiedene Regierungen schlugen in dem Versuch, das Wirtschaftswachstum des Landes anzukurbeln, unterschiedliche Wege ein. So wurde unter Fernando Henrique Cardoso ein neoliberaler Kurs verfolgt, indem Brasilien sich wirtschaftlich öffnete und sich in den Weltmarkt integrieren konnte. Cardosos Nachfolger Luis Inácio „Lula“ da Silva und Dilma Rousseff stärkten dagegen die Rolle des Staates und legten Wert auf eine aktive Sozialpolitik, die sich an den Ärmsten orientierte. Bernhard Leubolt erklärt in seinem Beitrag die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Wege und stellt zwei „Lager“ vor, die die brasilianische Wirtschaftsentwicklung unterschiedlich interpretieren und bewerten.

Die Demokratie hat sich in Brasilien seit ihrem Neubeginn 1989 etabliert und als Standortvorteil erwiesen. Die wirtschafts- und sozialpolitischen Anstrengungen und Reformen der Präsidenten Fernando Henrique Cardoso (1995–2002) und Luis Inácio „Lula“ da Silva (2003–2010) haben zur Stabilisierung des politischen Systems und zu sozialen Reformen geführt. Trotz aller Kritik an Verfahren und Institutionen ist die brasilianische Demokratie gefestigt, wie die Wahlen im Oktober 2010 erneut bestätigt haben. Erstmals wurde mit Dilma Rousseff eine Frau zur Staatspräsidentin gewählt. Sérgio Costa beschreibt in seinem Beitrag Brasiliens politisches System. Er erörtert dessen Aufbau, die besonderen Problemlagen sowie die maßgeblichen Akteure. Zunächst werden die Exekutive und die Judikative umrissen, danach folgen Ausführungen zur Legislative sowie zur Gesetzgebung. Abschließend werden das Wahlsystem, die Parteien sowie Rolle und Einfluss der Interessengruppen dargestellt.

Brasilien ist eines der Länder, in denen die Einkommen am stärksten auseinander klaffen und eine der sozial ungleichsten Gesellschaften der Welt. Die soziale Kluft wird zwar kleiner, schließt sich aber nur langsam. Seit Mitte der 1990er-Jahre findet ein Rückgang der Ungleichverteilung statt: soziale Disparitäten werden abgebaut, Armut wird erfolgreich bekämpft. Gilberto Calcagnotto stellt anhand verschiedener Indikatoren die Sozialstruktur des Landes dar und vergleicht diese mit den übrigen BRICS-Staaten. Im Folgeschritt werden diejenigen Faktoren benannt, welche die Sozial- und Einkommensstruktur beeinflussen und sie merklich zum Positiven gewendet haben.

Der ökonomische Erfolg des Landes basiert auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, weswegen er mit hohen ökologischen Kosten einhergeht. Martin Coy geht in seinem Beitrag auf diese Kosten und die brasilianische Umweltpolitik der letzten Jahrzehnte ein. Abholzungen für riesige Monokulturen und für extensive Rinderhaltung, Wasserknappheit und schlechte Abwassersysteme in den rasant wachsenden Städten – Brasiliens Umweltprobleme ergeben eine lange Liste. Um auf diese Probleme und globalen Herausforderungen zu reagieren, betreibt Brasilien spätestens seit dem Umweltgipfel der Vereinten Nationen, der 1992 in Rio de Janeiro stattfand, eine aktive und zielgerichtete Umweltpolitik. Der Umweltschutz ist dennoch weit davon entfernt, im Zentrum brasilianischer Politik zu stehen. Wie Brasilien diesen umweltpolitischen Herausforderungen begegnen wird, ist noch unklar.

Die Beziehungen zwischen Brasilien und seinen südamerikanischen Nachbarstaaten haben sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts in mehrerer Hinsicht intensiviert. Claudia Zilla beschreibt in ihrem Beitrag, wie sich während der Amtszeit von Lula da Silva eine bis dahin nicht vorhandene, südamerikanische Identität formte. Heute besitzt Brasilien eine regionale Vormachtstellung, die durch die abnehmende Bedeutung Südamerikas in der Politik der USA und durch die außenpolitische Schwäche anderer lateinamerikanischer Länder gefördert wurde. Die südamerikanische Ausrichtung Brasiliens vollzieht sich im Rahmen verschiedener regionaler Systeme, unter denen die Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) und der Gemeinsame Markt des Südens (Mercosur) die wichtigsten sind. Diese Institutionen dienen als Forum für den politischen Dialog und für Konfliktmanagement. Brasilien ist jedoch – trotz aller Kooperation mit seinen Nachbarn – alleine auf Erfolgskurs und erweckt damit immer wieder auch das Misstrauen anderer südamerikanischer Staaten.

Die Beziehungen zwischen der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Brasilien und der derzeit krisengeschüttelten Europäischen Union (EU) sind sowohl von gemeinsamen Werten und Kooperation, als auch von Rivalität geprägt. Sie spielen sich, wie Susanne Gratius in ihrem Beitrag erläutert, auf drei Ebenen ab: zwischen Brasilien und einzelnen EU-Mitgliedstaaten, zwischen Brasilien und der EU als Staatenverbund sowie zwischen dem Gemeinsamen Markt des Südens (Mercosur) und der EU. In den langjährigen Verhandlungen zwischen der EU und dem Mercosur über ein Freihandelsabkommen kam es allerdings bisher zu keiner Einigung. Dagegen ist Brasilien seit 2007 strategischer Partner der EU und damit ein wichtiger Handelspartner. Das Land profiliert sich international als selbstbewusster BRICS-Staat und grenzt sich dabei in seinen Positionen immer öfter von denen der EU ab. Es versteht sich als Teil des globalen Südens und ist bestrebt, eine Gegenmacht zu den USA zu bilden. Bisher unternehmen weder die EU noch Brasilien ernsthafte Anstrengungen, um die zunehmende Distanz und Rivalität in den Beziehungen zu überwinden – zum beiderseitigen Nachteil.

Deutschland und Brasilien sind auf den ersten Blick ideale Kooperationspartner. Die beiden Staaten ergänzen einander in vielfacher Hinsicht. So ist Deutschland auf den Import von Bodenschätzen und Nahrungsmitteln angewiesen, befindet sich technologisch aber auf einem sehr hohen Stand. Brasilien verfügt, im Gegenzug, über einen schier unerschöpflichen Reichtum an natürlichen Ressourcen, ist für die Entwicklung seiner Industrie allerdings auf technologisches Know-how anderer Länder angewiesen. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten blicken auf eine lange Tradition zurück. Zahlreiche Deutsch-Brasilianer trugen durch Unternehmensgründungen sowie Investitionen zur Entwicklung Brasiliens bei, fünf bis zwölf Millionen von ihnen leben heute in dem südamerikanischen Land. Dennoch gibt es Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Brasilianern und auch die wirtschaftliche Kooperation läuft nicht immer problemlos. Umso wichtiger ist es, so Peter Rösler, dass beide Staaten sich auf gemeinsame Interessen und Stärken besinnen, um ihre strategische Partnerschaft weiterzuentwickeln.

In Brasilien ist eine Vielzahl politischer und militärischer Institutionen für den Sicherheits- und Verteidigungssektor zuständig. Die Streitkräfte sind in ihren Entscheidungen dennoch weitgehend autonom, da sie nur unzureichend von zivilen Kräften kontrolliert werden – so die Kernaussage von Daniel Flemes. Die brasilianische Gesellschaft ist von der sicherheitspolitischen Debatte zumeist ausgeschlossen, kritische Stimmen im Parlament sind selten. Nichtsdestotrotz schenkt die Bevölkerung den Militärinstitutionen weit mehr Vertrauen als den politischen Parteien. Somit kann sich das Militär weitestgehend unbehelligt der Verfolgung strategischer Ziele widmen. Diese sind zum einen die Aufrüstung zur Aufrechterhaltung der militärischen Abschreckungsfähigkeit als erste strategische Priorität und zum anderen die Ausweitung der regionalen Machtposition des Landes.

Religion und Glaubensausübung sind elementare Bestandteile der brasilianischen Gesellschaft. Rechtlich gesehen sind Staat und Kirche in Brasilien getrennt. Nichtsdestotrotz spielen die Kirchen eine wichtige Rolle in der brasilianischen Öffentlichkeit, wie Rudolf von Sinner in seinem Beitrag beschreibt. In keinem Land der Welt leben mehr praktizierende Katholiken. Gleichzeitig sind eine starke religiöse Diversifizierung und damit eine wachsende Pluralität zu beobachten. Fast täglich kommt es zu Kirchengründungen. Neben der traditionellen römisch-katholischen Kirche zählen die Pfingstkirchen, denen die meisten nicht-katholischen Christen angehören, zu den wichtigsten religiösen Institutionen des Landes. Aber auch indigene, afro-brasilianische und jüdische Glaubensgemeinschaften sind vertreten. Mit der großen Anzahl von Kirchengründungen geht in Brasilien eine relativ hohe religiöse Mobilität einher.

Brasiliens Kultur wird nur allzu gerne auf Exotik, Samba und den Karneval in Rio reduziert. Dabei sind die historischen wie auch die gegenwärtigen „Brasilienbilder“ durchaus ambivalent; sie oszillieren häufig zwischen „Paradies“ und „Hölle“. Keines dieser beiden gegensätzlichen Bilder aber wird der Vielfalt und der Widersprüchlichkeit der brasilianischen Kultur gerecht. Die historischen Wurzeln dieser Vielfalt gehen auf die drei großen brasilianischen Bevölkerungsgruppen zurück: die indigenen Ureinwohner, die portugiesische Bevölkerung der ehemaligen Kolonialmacht und deren Nachkommen sowie die Schwarzafrikaner, die als Sklaven millionenfach nach Brasilien verschleppt wurden. Horst Nitschack skizziert die verschiedenen Bilder und Stereotypen, die durch Selbst- und Fremdzuschreibung entstanden und unser „Brasilienbild“ nachhaltig formten bzw. immer noch prägen. Sein Streifzug durch die Welt der Telenovelas, durch die sogenannte Hochkultur und die Alltagskultur zeigen den Umgang eines lateinamerikanischen Landes mit all seinen Widersprüchlichkeiten und scheinbaren Unvereinbarkeiten.

Eva Karnofsky gibt in ihrem Beitrag einen Überblick über Themen, Strömungen und Facetten der brasilianischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Diese war insbesondere von den Erfahrungen der Autorinnen und Autoren mit der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 geprägt, während der Oppositionelle verfolgt und die bürgerlichen Freiheiten massiv eingeschränkt wurden. So beschäftigen sich zahlreiche Romane mit der Repression durch das Militärregime und dem Widerstand der Guerillabewegungen gegen die Unterdrückung. Kritische Werke fielen der strikten Zensur des Regimes zum Opfer. Darüber hinaus setzt sich die zeitgenössische brasilianische Literatur besonders mit der Frage nach der brasilidade, der Identität und den Werten der Brasilianerinnen und Brasilianer, auseinander. So thematisieren brasilianische Autoren u.a. die sozialen und ökologischen Probleme Brasiliens, die Gegensätze zwischen Stadt und Land, Fortschritt und Rückständigkeit und die Suche ihres Landes nach seinem Weg in die Zukunft.

Es gibt wenige Länder, die ein derart ausgeprägtes Verständnis von ihrer Großmachtrolle haben wie Brasilien. Mit ausschlaggebend für den rasanten Aufstieg Brasiliens zur Regionalmacht sind die politische Stabilität des südamerikanischen Landes sowie die intensiven Süd-Süd-Beziehungen, die letztlich auf einer erfolgreichen Diplomatie gründen. Wolf Grabendorff erörtert zunächst die Zielvorstellungen der brasilianischen Außenpolitik und skizziert sodann die internen Voraussetzungen für den Aufstieg Brasiliens zur regionalen Führungsmacht. Richtschnur der brasilianischen Regionalpolitik ist das Modell friedlicher Konfliktlösungen. Als gewichtiges Mitglied der regionalen Institutionen Mercosur und UNASUR setzt Brasilien eher auf regionale Kooperation denn auf Integration. In internationaler Hinsicht ist Brasiliens Politik durch eine Vielzahl von außenpolitischen Initiativen und Aktivitäten geprägt, die das globale Prestige sowie das Profil des Landes als Führungsmacht gestärkt haben. Dies hat die traditionellen bilateralen Beziehungen mit den USA und der EU verändert und vereinzelt zu Konfliktpunkten geführt. Brasilien ist – so das Fazit – eine noch nicht konsolidierte Führungsmacht, die zukünftig eine Brückenfunktion zwischen den demokratischen Staaten des alten „Westens“ und den eher autoritär geprägten Staaten des aufstrebenden „Südens“ einnehmen könnte.

Allen Autorinnen und Autoren sowie Wolf Grabendorff, der mit fachlichem Rat wesentlich zum Entstehen des Heftes beigetragen hat, sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die mit der notwendigen wissenschaftlichen Genauigkeit und mit großer Umsicht die Texte redigiert und druckreif gemacht hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag und Ingrid Gerlach in der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.
 

Siegfried Frech

 

 


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