Zeitschrift

 

 

Antiziganismus
 

 

 

Heft 1-2/2018

Hrsg: LpB



 

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Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Antiziganismus


„Nichts oder fast nichts hat die Gesellschaft daraus gelernt, sonst würde sie heute verantwortungsvoller mit uns umgehen.“ Mit diesen Worten erinnerte Zoni Weisz am 27. Januar 2011 im Deutschen Bundestag an den „vergessenen Holocaust“ an den Sinti und Roma. Der Niederländer, selbst ein Auschwitz-Überlebender, sprach dort als erster Vertreter seiner Minderheit anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus und mahnte in seiner Rede an, jegliche Form von Antiziganismus wirksam zu bekämpfen.

Die Beiträge des vorliegenden Heftes gehen auf eine Fachtagung zurück, die vom Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg e. V. gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) geplant und veranstaltet wurde. Bei der LpB waren unterschiedliche Fachbereiche beteiligt: der Fachbereich „Gedenkstättenarbeit“, das Landesprogramm „Demokratie stärken“ und die Redaktion „Bürger & Staat“.

Die Fachtagung ging der Frage nach, wo und in welcher Form sich antiziganistische Stigmatisierung und Diskriminierung in der Gegenwart zeigen und thematisierte die historische Entwicklung.
Antiziganismus bezeichnet Rassismus gegenüber Menschen, die als „Zigeuner“ stigmatisiert werden. Markus End definiert den komplexen Begriff anhand dreier Aspekte. Antiziganismus ist ein historisch gewachsenes Phänomen mit dem die Dominanz- bzw. Mehrheitsgesellschaft Sinti und Roma zu einer Fremdgruppe konstruiert. Die Mitglieder dieser Fremdgruppe werden auf das „Zigeunerische“ reduziert. Zugleich werden der Fremdgruppe vermeintliche Eigenschaften zugeschrieben, die nicht den Normen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Der dritte Aspekt sind Mechanismen der Diskriminierung und Verfolgung, die zu struktureller Ungleichheit führen. Am Beispiel des antiziganistischen Diskurses zur „Armutswanderung“ werden öffentlichkeitswirksame Vorurteile, deren Sinngehalte und Bedeutung für gesellschaftliche Diskriminierungsprozesse exemplarisch dargestellt.

Der Völkermord an den Sinti und Roma war kein abstraktes Geschehen. Die Politik des rassistischen Antiziganismus, die systematische Ausgrenzung und Verfolgung geschah vor Ort. Der Völkermord an den Sinti und Roma war nicht nur ein staatlich dirigiertes Programm, sondern ein Prozess, den lokale und regionale Akteure unterstützten und forcierten. Viele beteiligten sich im lokalen und regionalen Raum auf eigene Initiative an der Stigmatisierung und Ausgrenzung der Sinti und Roma. Udo Engbring-Romang zeigt am Beispiel der Stadt Mannheim, wie die von Berlin aus befohlenen Vorbereitungen zum Völkermord vor Ort konkret umgesetzt wurden. Unter den Opfern des Völkermordes waren mehr als 60 Sinti, die zwischen März 1943 und Juni 1994 von Mannheim nach Auschwitz verbracht wurden. Nach der Befreiung 1945 wurden die wenigen Überlebenden bis in die 1970er Jahre weiterhin diskriminiert.

Dem Holocaust fielen in Europa über 500.000 Sinti und Roma zum Opfer. Nach 1945 gab es im Deutschland der Nachkriegszeit keine gesellschaftliche oder politische Institution, die Sinti und Roma im Kampf gegen die Geschichtsvergessenheit unterstützt hätte. Es ist der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma zu verdanken, dass der Völkermord inzwischen weitgehend anerkannt ist. Jeder einzelne Teilerfolg der Bürgerrechtsarbeit musste gegen oftmals massive Widerstände in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit durchgesetzt werden. Ilona Lagrene, eine Pionierin und treibende Kraft der Bürgerrechtsarbeit der Sinti und Roma, schildert in einem persönlichen Rückblick die Anfänge, die mühsamen Schritte, Aktionen und Teilerfolge der Bürgerrechtsbewegung.

Die Wahrnehmung und Überwindung von Antiziganismus stand nach 1945 nicht auf der politischen Tagesordnung. Wirkmächtige Vorurteile wurden in der Nachkriegszeit bruchlos weitergeschrieben. Dazu trug auch die „kalte Amnestie“ bei: Täter und NS-Parteigänger machten erneut berufliche Karriere und förderten antiziganistische Denktraditionen in Behörden, Justiz und Wissenschaft. Wichtige Impulse gegen die Diskriminierung der Sinti und Roma gingen zunächst von Einzelpersonen aus. Die sozialliberale Reformpolitik der 1970er Jahren und die Aufbruchsstimmung jener Zeit trugen zum Entstehen der anfangs noch kleinen Bürgerrechtsbewegung bei. Dem Verband Deutscher Sinti, der Gesellschaft für bedrohte Völker und dem Engagement Einzelner ist es zu verdanken, dass sich eine breite Bürgerrechtskampagne etablierte. Daniela Gress beschreibt die Anfänge sowie steten Bemühungen der Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma. Aufklärungsarbeit, wirksame Protestaktionen und das hartnäckige Bemühen um einen Dialog zeitigten erst nach Jahrzehnten Erfolge.

Historische „Zigeuner“-Fotos werden in Ausstellungen, Medien oder Bildungsprojekten oftmals eingesetzt, ohne dass die Entstehungsbedingungen dieser Bilder und ihre Wirkungen auf heutige Betrachterinnen und Betrachter hinreichend reflektiert werden. Die mehrheitsgesellschaftliche Perspektive, die sich in solchen Fotos spiegelt, bildet einen auffälligen Kontrast zu den überlieferten fotografischen Selbstzeugnissen von Sinti und Roma. Diese tiefgreifende Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung wirft grundlegende Fragen nach gesellschaftlichen Verwendungspraktiken von Bildern und den zugrunde liegenden Machtverhältnissen auf. Der Beitrag von Frank Reuter ist der Versuch, die Tiefenschichten unseres Sehens von „Zigeunern“ freizulegen, das seit Jahrhunderten von Stereotypen überlagert ist. Die Bilder vom „Zigeuner“, die sich uns eingeprägt haben, wie auch die damit untrennbar verbundenen Vorstellungen und Projektionen legen sich wie ein Raster über unsere heutige Wahrnehmung, meist ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Ungleiche Zugangschancen von Sinti und Roma zu gesellschaftlichen Positionen sind mithin das Ergebnis von Bildungsungleichheit. Der Zusammenhang zwischen negativer Zuschreibung und Ausgrenzung manifestiert sich auch im Bildungssystem. Diese institutionelle Form der Diskriminierung behindert den Bildungserfolg von Sinti und Roma nach wie vor. Besonders deutlich wird, dass sich das während der NS-Diktatur erlittene Unrecht in der intergenerationellen Erinnerungskultur festgesetzt hat und als Hemmschuh für erfolgreiche Bildungsverläufe erweist. Romeo Franz präsentiert konkrete und letztlich für die deutsche Bildungspolitik beschämende empirische Daten zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma. Als Schlussfolgerung werden bildungspolitische Maßnahmen benannt und angemahnt.

Die Benachteiligung von Roma und Sinti zeigt sich im Bildungsbereich bis heute. Immer noch kursiert das stereotype Bild „bildungsferner“ Sinti und Roma. Am Beispiel einer Studie zur Bildungssituation deutscher Sinti und Roma wird diese soziale Benachteiligung im Bildungssystem offenkundig. Ebenso zeigt ein Blick auf Lehr- und Bildungspläne sowie auf didaktische Materialien, dass Roma und Sinti jahrelang als Unterrichtsthema vernachlässigt wurden. Auf der Grundlage einer Analyse von Unterrichtsmaterialien entwickelt Hajdi Barz einen rassismuskritischen Kriterienkatalog für die Analyse und Erstellung didaktischer Materialien.
Polizei- und Sicherheitsbehörden üben in demokratischen Gesellschaften das Gewaltmonopol aus. Da sie die einzigen gesellschaftlichen Institutionen sind, die legal Gewaltmittel einsetzen dürfen, bestehen besonders hohe Anforderungen an die Einhaltung der verfassungsgemäß verbrieften Grund- und Menschenrechte, der Gesetze und internen Verordnungen sowie insbesondere der Unvoreingenommenheit und Diskriminierungsfreiheit gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten. Dennoch besteht Grund zu der Annahme, dass diese Unvoreingenommenheit und Diskriminierungsfreiheit gegenüber Sinti und Roma nicht besteht, dass sogar im Gegenteil eine spezifische Disposition vorhanden ist, die dazu führt, dass Angehörige dieser Gruppen von Polizei- und Sicherheitsbehörden diskriminiert werden. Markus End diskutiert solche Ermittlungsansätze am Beispiel Baden-Württembergs.

Die soziale und ökonomische Inklusion der Roma/Romnja ist ein erklärtes Ziel der Europäischen Union (EU). Die EU stellt im Rahmen von Förderprogrammen erhebliche Finanzmittel für Roma-Projekte zur Verfügung. Trotzdem hat sich die Situation der Roma/Romnja in den Mitgliedstaaten nur unwesentlich verbessert. Stattdessen haben die von der EU finanzierten Maßnahmen zur Reproduktion und Verfestigung von antiziganistischen Stereotypen beigetragen und die sozioökonomische Ausgrenzung der Roma/Romnja fortgeschrieben. Sabrina Steindl-Kopf zeigt am Beispiel von vier Roma-Projekten in Österreich und der -Slowakei strukturelle Hindernisse solcher arbeitsmarktpolitischen Projekte auf. Sie analysiert die stereotypen Zuschreibungen, die die Konzipierung und Durchführung der Projekte beeinflusst haben. Letztlich wurden Fremdzuschreibungen instrumentalisiert, um das Misslingen der Projekte „erklärbar“ zu machen.

Nach der Transformation Ende der 1980er Jahre und den damit einhergehenden gesellschaftlichen und sozialen Umbrüchen wurden die meisten Roma in der Ostslowakei arbeitslos, neue Slums entstanden, der Teufelskreis der Armut verstärkte sich. Thomas Handrich erläutert am Beispiel von vier ostslowakischen Dörfern, wie lokale Initiativen es schaffen können, für viele Roma ein besseres Leben zu ermöglichen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass die Inklusion und Teilhabe marginalisierter Gruppen – in diesem Fall der Roma – am gesellschaftlichen Leben prinzipiell möglich ist. Durch das Konzept der Gemeinwesenentwicklung wurden Verbesserungen in fast allen zentralen Lebensbereichen (Wohnen, Arbeit, Gesundheit und Bildung) möglich.

Roma leben in allen europäischen Ländern, zwei Drittel von ihnen in den postkommunistischen Staaten Osteuropas. Nach der politischen Wende 1989/1990 hat sich die soziale, ökonomische und kulturelle Situation der Roma in den Transformationsstaaten dramatisch verschlechtert. Eine weitere Migrationsursache ist der grassierende Antiziganismus. Kamen in den 1990er Jahren vermehrt Roma-Migranten aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, so kommen sie heute aus Bulgarien, Rumänien und der Slowakei. Jovica Arvanitelli und Juan-Ramon Munuera beschreiben ihre Beratungsarbeit und fokussieren dabei den politisch umstrittenen Begriff der „sicheren Herkunftsstaaten“, die für Roma keineswegs sicher sind. Die Grund- und Menschenrechte von Roma sind in den westlichen Balkanländern häufig nicht gewährleistet. Während Jovica Arvanitelli die Arbeitsschwerpunkte der Beratungsstelle für nichtdeutsche Roma beschreibt, erklärt Juan-Ramon Munuera die asylrechtlichen Hintergründe.

Der Einfluss negativer Klischeevorstellungen auf gesellschaftliche Diskurse zeigt sich auch in den Medien, die im Rahmen ihrer Berichterstattung unreflektiert an tradierte Klischees und Negativbilder über Sinti und Roma anknüpfen. Bei der Produktion und Reproduktion antiziganistischer Darstellungen, die letztlich zur Exklusion einer gesellschaftlichen Gruppe führen, kommt den Medien eine zentrale Rolle zu. Uwe Wenzel erörtert mediale Darstellungsformen von Sinti und Roma anhand ausgewählter Beispiele. Abschließend wird diskutiert, inwieweit bestehende Ethikrichtlinien der Medien und Angebote der politischen Bildungsarbeit einen Beitrag zur Dekonstruktion verzerrter Fremdwahrnehmungen leisten können.

Der Erinnerung an die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma mit ihren Orten, Zeichen und Formen gingen Jahrzehnte voraus, in denen der Genozid geleugnet und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt wurde. Erst die Bürgerrechtsarbeit der Sinti und Roma hat hier einen politischen und gesellschaftlichen Bewusstseinswandel herbeigeführt. Der Zentralrat und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma setzen sich gemeinsam mit ihren Mitgliedsverbänden bis heute für die Rechte der Minderheit und für das Erinnern an den Völkermord ein.

Inzwischen sind zahlreiche Erinnerungszeichen entstanden: an Orten der Verfolgung, an Wohnorten der Deportierten, an Orten des Wirkens der Schreibtischtäter. Andreas Pflock wirft aus der Perspektive des Heidelberger Dokumentationszentrums einen Blick auf zurückliegende Entwicklungen und mögliche Perspektiven der Erinnerungsarbeit.

Bernd Grafe-Ulke, Tobias Neuburger und Daniel Tonn zeigen an einem konkreten Projekt, wie Aufklärungs- und Bildungsarbeit zum Abbau von Antiziganismus und gleichzeitig zum verantwortungsvollen Umgang mit Sinti und Roma beitragen kann. Nach einer definitorischen Annäherung an den Begriff Antiziganismus und einer Erörterung der Zielsetzungen antiziganismuskritischer Aufklärungsarbeit werden Intentionen, Ansatz und Inhalte des von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten durchgeführten Projekts „Kompetent gegen Antiziganismus in Geschichte und Gegenwart“ skizziert.

Allen Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen aufschlussreiche Informationen und Einsichten vermitteln, sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag und der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech

 

 


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