Zeitschrift

Die Bundesländer

 


Heinrich-Christian Kuhn
Mecklenburg-Vorpommern


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Inhaltsverzeichnis



Gemeinsamkeiten trotz unterschiedlicher Geschichte

Tiefland, vom Meer geprägt

Mecklenburg-Vorpommern ist nach der Fläche zwar sechstgrößtes Bundesland (23170 km2), nach der Einwohnerzahl jedoch das viertkleinste (1,8 Mio). Weniger Einwohner haben das Saarland, Hamburg und Bremen. Nur durchschnittlich 78 Einwohner kommen auf den km2.

Die Nordgrenze bildet die Ostsee. Auf Grund vieler Bodden und Haffs mißt die Gesamtküste immerhin 1712 km, die Länge der Außenküste dagegen beträgt nur ein gutes Viertel davon (354 km). Der Küste vorgelagert sind 62 Inseln und Inselchen, darunter Rügen als Deutschlands größte Insel mit 930 km2 Fläche.

Im Süden grenzt Brandenburg an Mecklenburg-Vorpommern (375 km), im Westen Schleswig-Holstein (137 km) und Niedersachsen (94 km).

Die Ostgrenze des Landes mit Polen ist zugleich deutsche (und noch) EU-Außengrenze. Dies ist eine Landgrenze. Hierin unterscheidet sie sich von denen Brandenburgs und Sachsens, die Flußgrenzen sind (Oder und Neiße). Darin sehen die Menschen beiderseits der Grenze eine große Chance, zusammenzukommen, weil keine kostspieligen Brückenbauten nötig sind. Es gibt einen regen kleinen Grenzverkehr und vielfältige Kontakte beiderseits der Grenze.

Die größte Nord-Süd-Entfernung beträgt 157 km, die größte Ost-West-Entfernung 254 km.

Mecklenburg-Vorpommern gehört naturräumlich zur Großregion "Mitteleuropa" und hier wieder ausschließlich zu dessen Tieflandsbereich. Die 200-m-Höhenlinie wird nirgends erreicht: Die höchsten Erhebungen liegen im Bereich des Helpter Berges (im Landkreis Mecklenburg-Strelitz) bei 179 m und der Ruhner Berge (Landkreis Parchim) bei 177 m über NN.

Im Zuge der eiszeitlichen Überformungen und nacheiszeitlichen Naturraumentwicklung entstanden ebene, wellige und kuppige Platten, Hügelgebiete, Becken, Niederungen und Seen. Das "Rückgrat" des Landes bilden die Hügelzüge der "Pommerschen Hauptendmoräne", die von Litauen kommend ab Feldberg ganz Mecklenburg-Vorpommern in südöstlich-nordwestlicher Richtung durchzieht. Nördlich von Lübeck erreicht diese Hügelzone Schleswig-Holstein. In Mecklenburg-Vorpommern bildet sie die Wasserscheide zwischen Ost- und Nordsee.

An der Ostsee wurden durch die Tätigkeit des Meeres Steil- und Flachküsten geschaffen. Die eiszeitliche Entstehung und die Eigenschaften der Oberflächensedimente prägen die naturräumliche Ausstattung. Heidesandgebiete, Niederungen, Grund- und Endmoränen und Seenbecken (darunter die Müritz als größter deutscher Binnensee) prägen eine abwechslungsreiche Landschaft.

Wesentlichen Einfluß auf das Klima haben die Westwinde mit ihren maritimen Luftmassen und relativer Unbeständigkeit. Dennoch ist sowohl von West nach Ost als auch von Nord nach Süd eine allmähliche Klimaveränderung in Richtung zunehmender Kontinentalität erkennbar.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern wird erst im Juni 1945 durch eine Verfügung der sowjetischen Militäradministration errichtet, indem Westvorpommern Mecklenburg angegliedert wird. Im Februar 1947 mit Auflösung des Staates Preußen wird der Name "Vorpommern" aus der Landesbezeichnung gestrichen.

Wiedergegründet wird das 1952 aufgelöste Land erst am 3. Oktober 1990, mit dem Vollzug der deutschen Einheit. Bis 1945 nahmen beide Landesteile eine eigene Entwicklung.

Die slawische Herkunft gehört zur Identität

Im Jahr 1995 feierte das Bundesland (auch der vorpommersche Teil) die erste urkundliche Erwähnung Mecklenburgs. 995 ließ in "Michelenburg" (große Burg) während eines Kriegszuges gegen die Obotriten Otto III. eine Schenkungsurkunde ausstellen.

Die Mecklenburger blicken mit Stolz auf ihre slawische Herkunft. Als 1918 Großherzog Friedrich Franz IV. seinen Thronverzicht erklärt, endet die Herrschaft der obotritischen Dynastie, die bis auf ihren Gründer Niklot (1131-1160) zurückgeht. Es ist die älteste slawische Dynastie. Das Bewußtsein slawischer Wurzeln gehört zur mecklenburgischen Identität.

Seit dem 7. Jahrhundert prägt die slawische Besiedlung das Land. Die Slawen errichten an schwer zugänglichen Stellen Burgen als Verteidigungsanlagen und verbanden sie zu einem ausgezeichneten System kleinerer, überschaubarer Stützpunkte von weitreichender historischer Wirkung. Der Sitz der Obotritenfürsten (Michelenburg = Mecklenburg) gab dem Land den Namen.

Mit der Konfrontation des Sachsenherzogs Heinrich des Löwen und des Obotritenfürsten Niklot beginnt die Entwicklung Mecklenburgs zu einem mittelalterlichen Territorialstaat. Heinrich der Löwe rückte 1160 mit seinem Heer nach Mecklenburg ein und tötete den Obotritenfürsten Niklot in der Nähe der Burg Werle im Kampf. Heinrich der Löwe war zwar der Sieger, aber Niklot nicht der Besiegte. Sein Sohn Pribislaw, der inzwischen zum Christentum übergetreten war, erhielt den größten Teil der Obotritenherrschaft als sächsisches Lehen.

Heinrich der Löwe gründete zur Besiegelung des von ihm eingeleiteten Prozesses 1160 als erstes deutsches rechtlich verfaßtes Gemeinwesen auf mecklenburgischem Boden die Stadt Schwerin, die seither die Reiterfigur des sächsischen Herzogs in ihrem Siegel führt, und stattete sie mit lübischem Recht aus. Schwerin wurde zum westlichen Einfallstor nach Mecklenburg. Die alte obotritische Grenzburg auf der Insel im Schweriner See wurde zum Grafensitz, in die Stadt wurde der Bischofssitz aus der Ortschaft Mecklenburg verlegt und somit die Dreigliederung von Feudalsitz, Bürgeransiedlung und kirchlichem Zentrum konstituiert. Dem tatenfreudigen und machtbewußten Sachsenherzog trat eine weitere Gründergestalt an die Seite: Berno, der Zisterziensermönch aus dem Weserkloster Amelungsborn. Ihn setzte Heinrich zum ersten Bischof von Schwerin ein und ließ ihn 1171 einen der Vorgängerbauten des heutigen hochgotischen Domes in Schwerin weihen. Im gleichen Jahr siedelte Berno zwölf Zisterziensermönche aus seinem Heimatkloster in Althof nach Doberan an. Doberan wurde zu einem der wichtigsten christlichen Zentren in dem sich wandelnden Land.

Die mecklenburgische Kirchenorganisation wurde seit dem 13. Jahrhundert begründet und ist - wenn auch in wechselnder Gestalt - bis heute erkennbar. Die äußerlich sichtbare Seite dieser Organisation, das dichte Netz gotischer Backsteinkirchen, gehört bis heute zu den besonderen mecklenburgischen Kennzeichen.

Deutsche Ministeriale, Dienstleute im Hof- und Verwaltungsdienst, erhielten seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Landgüter zum Lehen mit dem Auftrag, Mecklenburg zu kolonisieren und nach ihren Erfahrungen umzugestalten. Im 13. Jahrhundert strömten einige Zehntausend Siedler vor allem aus Niedersachsen und Westfalen ins Land.

Die mecklenburgische Raumordnung zeigt bis heute die Wege der Gründer und Mönche, der Lokatoren und Siedler, die das Land mit einem Raster von Ortschaften überzogen. In Verbindung mit dem alten System der slawischen Burgbezirke war diese Ordnung auf Dezentralisierung angelegt.

Deutsche Siedler mit überlegener Ackerbautechnik

Die Bauern erhielten steuerfreie Hufen als Lehnsgut und siedelten vor allem im Bereich der schweren Böden nördlich des Landrückens. Auf diese Siedlungen deuten Ortsnamen mit der Endung "-hagen" hin. Der Ackerbau bei den slawischen Stämmen war unterentwickelt, wurde durch Jahrhunderte nur mit hölzernem Pflug betrieben, wies geringe Erträge auf und führte nicht zu Wohlstand und Steuer- oder Tributpotential für eventuelle Lehnsherren. Mit den deutschen Siedlern wurde auch die Dreifelderwirtschaft mit fortentwickelter landwirtschaftlicher Technik eingeführt. Die Dörfer wurden großflächig und planmäßig angelegt und die slawischen Bevölkerungsteile in die Besiedlung einbezogen.

Im Südwesten Mecklenburgs (Griese Gegend) blieben noch für längere Zeit slawische Siedlungsräume erhalten.

Seit dem 13. Jahrhundert wurden zahlreiche Städte als zentrale Orte für das Umland vor allem durch die Territorialherren gegründet. Die Küstenstädte (Rostock 1218, Wismar 1229, Stralsund 1239, Greifswald 1250) übernahmen das lübische Stadtrecht zur Demonstration ihrer Stellung als Freihandelsplätze mit Zollfreiheit, Münz- und Stapelrecht und weitgehender eigener Gerichtsbarkeit.

Zu weiterer Entwicklung und Machtfülle in Mecklenburg und Vorpommern trug vor allem der Städtebund der Hanse bei, dem alle bedeutenden Küstenstädte angehörten. Hanse steht für Urbanität, für intakte Kommunikation nach innen und außen. Im Jahre 1280 bildeten Rostock und Wismar mit Lübeck und Hamburg den Kern des Bündnisses der "wendischen Städte". Die pommerschen Städte Stralsund, Greifswald, Stettin, Demmin und Anklam schlossen sich an. Die Küstenstädte unterhielten bedeutende Handelsflotten. Unter der Flagge von Stralsund fuhren zur Blütezeit der Hanse um 1400 mehr als 300 Schiffe.

Aus der Verbindung von Hansegeist und Bildungsbedürfnis entstand im Jahre 1419 die Universität Rostock. Sie zog Studenten vor allem aus dem skandinavischen Raum und aus den Niederlanden an. Auf Initiative des Bürgermeisters Heinrich Rubenow wurde 1456 eine Universität auch in Greifswald gegründet, die sich rasch zu einem wichtigen geistigen Mittelpunkt des Herzogtums Pommern entwickelte.

Die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges

In Mecklenburg griffen kirchenreformatorische Prozesse im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts schnell um sich, besonders in den größeren, gesellschaftlich differenzierten Städten an der Küste. Seit 1531 fanden in allen Kirchen Rostocks lutherische Gottesdienste statt. 1540 hielt die Reformation auch im Bistum Schwerin Einzug.

Auf dem Landtag, der Versammlung der mecklenburgischen Stände in Sternberg, wurde 1549 das evangelische Glaubensbekenntnis für das ganze Land Mecklenburg als verbindlich erklärt.

Das Erwachen bürgerlichen Selbstbewußtseins führte zu kultureller Blüte. Auch in Mecklenburg entwickelten sich Ansätze von Humanismus und Renaissance.

Ein erster Schloßumbau in Schwerin sowie fürstliche Bauten in Wismar, Gadebusch und Güstrow zeugen von renaissancistischem Formempfinden.

Die Blüte von Reformation, Humanismus und Renaissance wurde durch den Dreißigjährigen Krieg alsbald geknickt, und über Mecklenburg, das an den Streitigkeiten nicht eigentlich beteiligt war, ging die erste große Walze eines Krieges, der das Land nahezu auslöschte und seine Entwicklung auf Jahrzehnte unterbrach. Dabei hatte es zunächst nach Glanz und Aufschwung ausgesehen, als Wallenstein, der 1628 das Land besetzt und 1629 als erbliches Lehen vom Kaiser erhalten hatte, auf Schloß Güstrow eine Hofhaltung entfaltete, die selbst am Kaiserhof ihresgleichen suchte. Er trennte Verwaltung und Justiz, schuf ein Kabinett aus vier Räten und förderte Handel und Gewerbe.

Doch dann wurde das Land mit aller Brutalität und Grausamkeit in das Gemetzel der Nachbarn einbezogen und selbst zum Kriegsschauplatz zwischen Schweden und Kaiserlichen. Die Eroberung und Zerstörung von Neubrandenburg im Jahre 1631 bezeichnet den Gipfel an Wunden und Schmerzen, die dem Land zugefügt wurden.

Der Dreißigjährige Krieg hinterließ ein zerstörtes und verwüstetes Land, dessen Einwohnerzahl auf weniger als ein Drittel dezimiert worden war. Schweden beanspruchte und erhielt auch Wismar, die Insel Poel sowie das Amt Neukloster und konnte somit seine Herrschaft im Ostseeraum ausbauen.

Die starke Stellung der Ritterschaft

Den Gewinn aus dem Bevölkerungsrückgang zog der Stand der Grundbesitzer, die Ritterschaft. In einem Gesetz von 1654 wurde ihnen das Recht zugebilligt, ihre Untertanen in Knecht- und Leibeigenschaft zu halten und über ihren Aufenthalt und Familienstand zu entscheiden. Brachliegendes Land wurde zu den großen Gütern gelegt. Die Ritterschaft wurde immer mächtiger.

Mecklenburg wurde auch in die Nachfolgekämpfe des Dreißigjährigen Krieges, so in den Nordischen Krieg (1713-1717), einbezogen. Herzog Carl Leopold (1713 bis 1747) baute mit russischer Hilfe ein stehendes Heer auf, um ein absolutistisches Regime gegen die Ritterschaft zu errichten, was ihm jedoch mißlang. Im Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich (1755), der ersten "Verfassung" Mecklenburgs, der Magna Charta der mecklenburgischen Ritterschaft, muß der Landesherr der Ritterschaft ihre Rechte auf unumschränkte Herrschaft über ihre Untertanen und das unheilvolle "Bauernlegen" gesetzlich verbriefen.

Seit der Landesteilung 1701 gab es zwei mecklenburgische Territorialstaaten, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz, und jedes dieser Gebiete nahm eine durchaus elgene Entwicklung. Trotz aller Schäden und Verluste brachte auch das 18. Jahrhundert noch einmal eine bescheidene, liebenswürdige Blüte hervor, Zeugnisse einer Feudalkultur mit Schlössern, Herrensitzen und Parkanlagen, die zu einem weiteren Charakteristikum der Gebiete von Mecklenburg wurden. Im Herzogtum Strelitz wurde Neustrelitz als neue Residenz planmäßig angelegt.

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wurde unter Herzog Friedrich Ludwigslust als Residenz des Herzogtums Mecklenburg-Schwerin gegründet und zu einer einmaligen spätbarocken Stadtanlage mit Schloß, Kirche und weiträumigen, von Wasserläufen durchzogenen Parkflächen ausgebaut.

Die napoleonischen Kriege zogen auch Mecklenburg stark in Mitleidenschaft und raubten das Land aus.

Die Beschlüsse des Wiener Kongresses erhoben die beiden mecklenburgischen Herzöge in den Rang von Großherzögen. Im Jahre 1816 wurde Mecklenburg Mitglied des Deutschen Bundes. Die Aufhebung der Leibeigenschaft 1820 führte in der Folgezeit zum Anwachsen sozialer Spannungen und zu einer lawinenartigen Auswanderungsbewegung vor allem nach Nordamerika. Die ungelösten sozialen Probleme auf dem Lande hemmten die politische und gesellschaftliche Entwicklung.

Die beiden Mecklenburg überlebten das Ende der Dynastie

Die gesellschaftlichen Bewegungen im Zusammenhang mit der Märzrevolution von 1848 hinterließen in Mecklenburg trotz revolutionärer Aufbrüche keine bleibenden Spuren. Zwar hatte Großherzog Friedrich Franz II. unter dem Druck der Volksmassen die Umwandlung Mecklenburgs in einen konstitutionellen Staat versprochen, und im April 1848 waren Vertreter aller Schichten des Volkes in Güstrow zusammengetreten, um über die Repräsentativverfassung ohne ständische Gruppierungen zu beraten, aber im September 1850 wurde die alte ständische Verfassung wieder bestätigt.

Im Jahre 1867 wurde die in Berlin proklamierte Verfassung des Norddeutschen Bundes auch für beide Mecklenburg verbindlich. Nachdem Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz 1870 dem Deutschen Zollverein beigetreten waren, wurden sie 1871 mit einer Einwohnerzahl von 360000 Gliedstaaten des Deutschen Reiches.

Die nach der Jahrhundertmitte beginnende Industrialisierung wirkte sich vor allem in der Landwirtschaft aus und führte zur Beschäftigung zahlreicher ausländischer, vor allem polnischer Saisonarbeiter auf den mecklenburgischen Gütern und führte zu einer Verschärfung der sozialen Situation.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Ständeherrschaft in Konsequenz der Novemberrevolution 1918 abgeschafft und der Großherzog zur Abdankung veranlaßt, beide Mecklenburg wurden zu Republiken. Der Zwergstaat Mecklenburg-Strelitz behielt trotz der geringen Einwohnerzahl von 110000 seine Eigenständigkeit. In beiden Landtagen stellten die Sozialdemokraten die stärkste Fraktion. Wichtigste Aufgaben waren eine Verwaltungs- und Agrarreform, soziale Probleme und die Entstaatlichung der Kirche.

Überschuldete und unrentabel gewordene Gutsbetriebe wurden aufgesiedelt und an Siedler auch aus Westfalen, Oldenburg und dem Emsland vergeben.

Die NSDAP erhielt 1932 eine knappe absolute Mehrheit, so daß die Einführung der NS-Diktatur 1933 ohne nennenswerten Widerstand vor sich ging. Ein Staatsminister als Verwaltungsbeamter in besonderer Position genügte für ganz Mecklenburg. Am 13. Oktober 1934 wurden die beiden mecklenburgischen Staaten auf Anordnung des Reiches zusammengeschlossen. Aus dem relativ eigenständigen Land wurde der Gau Mecklenburg, eine wichtige Ernährungsbasis des Deutschen Reiches. Die Macht lag seit 1934 in den Händen des Reichsstatthalters Friedrich Hildebrandt.

Der Zweite Weltkrieg bezog auch Mecklenburg in Luftangriffe (besonders Rostock und Wismar), Kampfhandlungen und in die totale Niederlage des Deutschen Reiches ein.

Die letzten Kriegswochen waren gekennzeichnet durch die deutsche Rückwärtsverteidigung vor allem seitens der SS und durch die sowjetischen Kampf- und Vergeltungsmaßnahmen, denen vor allem Städte in Ostmecklenburg zum Opfer fielen. Am Störkanal östlich von Schwerin stießen im Mai 1945 amerikanische und sowjetische Truppen aufeinander, Westmecklenburg mit Schwerin und Wismar stand bis Juli 1945 unter amerikanisch-englischer Besatzungshoheit.

Vorpommern: 200 Jahre lang schwedisch

Auch in Pommern siedelten seit dem 6. Jahrhundert westslawische Volksstämme. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts erobert Polenherzog Boleslaw III. Pommern. Der Begründer der pommerschen Dynastie der Greifen Wartislaw I. dehnt die Herrschaft bis ins Peenegebiet aus.

Zur Christianisierung wendet sich Boleslaw an Bischof Otto von Bamberg, der in enger Beziehung zum polnischen Herrscherhaus steht. Die Missionsreisen von 1224 und 1228 sind erfolgreich, und er legt die Voraussetzungen für die kirchliche Organisation. Die Christianisierung Rügens gelingt erst 1168, als die Dänen die Insel erobern.

Wie in Mecklenburg erfolgt die deutsche Siedlungsbewegung aus dem Niederrhein, Westfalen und Niedersachsen entlang der Küste. In die südlichen und östlichen Gebiete Pommerns gelangen Siedler auf dem Landweg aus Niedersachsen, Brandenburg, Obersachsen und Thüringen. Nur wenige Jahre später als in Mecklenburg folgen hier Bistums- und Stadtgründungen. Die Hanse prägt das Leben und die Beziehungen der Küstenstädte und der Städte im Binnenland. Erstmals wird hier eine gemeinsame Identität an der Ostseeküste greifbar. Im Hansebund fanden die Städte und Kaufleute eine gemeinsame Organisation, die bis ins 17. Jahrhundert von Bedeutung war.

1295 kommt es zur Teilung des Herzogtums in Pommern-Wolgast, das 1325 das Fürstentum Rügen erwirbt, und Pommern-Stettin. Speziell Pommern-Wolgast wird in den folgenden 200 Jahren mehrfach geteilt. Polen, Dänemark, der Kaiser und Brandenburg wechseln in der Lehnshoheit ab und machen ihre Ansprüche geltend.

Erst 1478 eint Herzog Bogislaw X. ganz Pommern unter seiner Herrschaft. 1493 kann Pommern im Vertrag von Pyritz Brandenburg zur Aufgabe der Ansprüche auf Lehnshoheit bewegen. Allerdings bleibt der Anspruch für den Fall bestehen, daß das Greifengeschlecht keinen männlichen Nachfolger habe, dies tritt 140 Jahre später auch ein.

1534 wird das reformatorische Bekenntnis eingeführt. Maßgeblichen Anteil an der neuen Kirchenordnung hat Johannes Bugenhagen (1485-1558).

Im ersten Nordischen Krieg (1563-1570) bleibt Pommern offiziell neutral, doch versorgen die pommerschen Städte die Schweden mit Waffen und Proviant. Hier beginnt die Interessengemeinschaft mit Schweden, die auch völkerrechtlich ab 1648 fixiert wird, als Vorpommern für fast 200 Jahre an Schweden fällt, während Brandenburg Hinterpommern erhält.

1625 gelingt es Herzog Bogislaw XIV. nochmals, die Einheit Pommerns herzustellen. Doch schon 2 Jahre später besetzt Wallenstein Pommern, 1630 folgen die Schweden und 1637 erlischt mit Bogislaws Tod das Greifengeschlecht. Brandenburg meldet sofort seine Ansprüche auf Pommern aus dem Vertrag von Pyritz an. 1679 besetzt es die östliche Odermündung, 1719 Usedom, Wollin, Demmin, Stettin und Anklam (Preußisch-Vorpommern). Trotz verschiedener militärischer Erfolge kann Preußen Schwedisch-Vorpommern erst 1815 seinem Gebiet einverleiben. Auf dem Wiener Kongreß wird dem Abkauf des Gebietes für 3,5 Mio Taler von Schweden zugestimmt.

Ein gemeinsames norddeutsches Lebensgefühl durch Hanse und napoleonische Besetzung

Während der napoleonischen Besetzung Pommerns bereitete sich ein neues, gesamtnorddeutsches Lebensgefühl vor. Mecklenburg und Pommern hatten als Operationsfeld für die Lützowschen und Schillschen Freischaren einen hervorragenden Anteil an den Freiheitskriegen. In Schwedisch-Pommern hatte sich inzwischen ein Verinnerlichungspotential entwickelt, das seinesgleichen sucht. Es prägte sich aus in Ernst Moritz Arndts Worten vom Gott, der Eisen wachsen ließ und keine Knechte wollte, in den Landschaftsräumen von Caspar David Friedrich und den hoffnungsvollen Gestalten von Philipp Otto Runge. Hier wird ein neues Lebensgefühl auf der Grundlage einer voll ausgebildeten norddeutschen Identität, in der auch die Idee des gemeinsamen deutschen Vaterlandes bereits fest verankert ist, sichtbar.

1815 wird Pommern preußische Provinz. Es folgt ein bedeutender Modernisierungsschub: Reformen in Verwaltung und Bildungswesen, Sozialreformen, Förderung von Handel, Gewerbe, Verkehrswesen. Der Provinz Pommern stehen ein unmittelbar dem preußischen Innenminister unterstellter Oberpräsident und Regierungspräsident vor. Die neue Verwaltungsstruktur drängt erheblich den Einfluß der Stände zurück.

Die revolutionären Ereignisse des März 1848 fanden in Pommern geringen Nachklang. Die Wahlen zur Nationalversammlung und zum preußischen Abgeordnetenhaus gewannen - anders als in den beiden Mecklenburg - die Konservativen. Auch in späteren Wahlen zum Reichstag und zum Preußischen Abgeordnetenhaus siegten regelmäßig konservative Politiker. (Und wenn man die Wahlen zum Landtag und Bundestag im September 1998 heranzieht, glaubt man sich bestätigt, Pommern sei von Natur aus konservativ.)

Ein Kind der Sowjetischen Militäradministration

Nachdem nach Kriegsende 1945 Hinterpommern und Stettin ins polnische Staatsgebiet eingegliedert worden waren, wurde Vorpommern Mecklenburg angegliedert und die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) gründete das Land Mecklenburg-Vorpommern.

Schon im Verlauf des Zweiten Weltkrieges hatte eine große Wanderungsbewegung eingesetzt und zum starken Anstieg der Bevölkerungszahl in Mecklenburg und Vorpommern geführt. Vor allem aus Hamburg, Berlin und dem Ruhrgebiet waren Ausgebombte und Evakuierte ins Land gekommen. Seit Anfang 1945 folgten Flüchtlingsströme aus dem Osten, die bis weit in die 50er Jahre anhielten. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich innerhalb kürzester Zeit. Der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen lag in Mecklenburg und Vorpommern bei etwa 40% der Gesamtbevölkerung. Das industriell wenig entwickelte Land bot außerhalb der Landwirtschaft kaum Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten, und die Bevölkerungsbewegung ging in Richtung Westen kontinuierlich weiter.

Das Ergebnis der Landtagswahl vom Oktober 1946, der die Zwangsvereinigung von KPD und SPD vorausgegangen war, (SED 49,5%, CDU 34,1%, LDP 12,5%, VdgB 3,95%) diente fortan als Verteilerschlüssel aller folgenden Wahlen.

Mit der Bodenreform von 1945/46 wurden alle Güter über 100 ha Fläche entschädigungslos enteignet und zu zwei Dritteln als Neubauernstellen an ehemalige Landarbeiter, Flüchtlinge und Vertriebene übereignet. Diese agrarische Umstrukturierung betraf 54% der landwirtschaftlichen Nutzfläche. 80 Güter mit einer Fläche von etwa 60000 ha wurden zum "Volkseigentum" (Volkseigenes Gut, VEG) erklärt und vom Staat zur Saat- und Viehzucht sowie als Landwirtschaftsschulen genutzt. Von 1952 bis 1960 wurden zwangsweise die selbständigen Bauern in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) eingegliedert. Diese Kollektivierung war nach den Intentionen der SED die Vorstufe zum geplanten "Sieg des Sozialismus auf dem Lande".

Im Jahr 1947 wurde eine neue Landesverfassung in Kraft gesetzt, und im gleichen Jahr erfolgt die Unterstellung des Landes unter die (ost-deutsche) Wirtschaftskommission und somit die Einführung eines zentralistischen Prinzips. Die Politik richtete sich nach einem für die gesamte sowjetische Besatzungszone verbindlichen einheitlichen Themenplan, der nach Gründung der DDR 1949 ohne Schwierigkeiten in die neue zentralistische Regie überführt werden konnte, die ausschließlich in den Händen der SED lag.

Das 1952 von der Volkskammer der DDR verabschiedete "Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise der staatlichen Organe in den Ländern der Deutschen Demokratischen Republik" beendete die Eigenständigkeit der Länder.

Die Aufteilung in die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg

Das Land Mecklenburg(-Vorpommern) wurde in die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg aufgeteilt, die Bezirke Schwerin und Neubrandenburg wurden um Landkreise des ehemaligen Landes Brandenburg erweitert. Jeder Bezirk erhielt ein "Parlament" (Bezirkstag) auf der Basis der eingefrorenen und administrativ angepaßten Wahlergebnisse von 1946, in dem die von der Volkskammer gefaßten Beschlüsse und die zum Gesetz erhobenen Volkswirtschaftspläne an die Gegebenheiten der Bezirke angepaßt wurden. Die neuen Bezirksstädte nahmen an Bedeutung und Einwohnerzahl zu.

Der Bezirk Rostock mit seiner überdimensionalen Ausdehnung von der Lübecker Bucht bis zum Oderhaff entsprach in seiner homogenen Strukturierung als maritime Wirtschaftsregion und attraktives Tourismus- und Erholungsgebiet ganz und gar den Interessen einer eigenständigen DDR. Rostock zählte zu ihren wichtigsten Städten. Zum Aufbau der Industrie, insbesondere im Raum Rostock, kamen zahlreiche Arbeitskräfte aus dem Süden der DDR in den Nordbezirk. Zentralistisch wurde das Land industrialisiert. Bei der Ansiedlung von Industrie spielten die Erfordernisse der DDR die Hauptrolle: Die Werften lieferten Schiffe an die Sowjetunion (anfangs Reparationsleistungen) und produzierten für die Kriegsmarine, Ansiedlung von Rüstungsindustrie (Neubrandenburg) und Zulieferern, daneben entstanden Betriebe, die landwirtschaftliche Produkte verarbeiteten.

Am 26. Mai 1952 wurde auch entlang der Demarkationslinie zwischen Mecklenburg und der Bundesrepublik Deutschland eine 5-km-Sperrzone errichtet. In mehreren Aktionen wurden als politisch unzuverlässig geltende Bewohner ausgewiesen.

Seit Beginn der 80er Jahre verschärften sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Widersprüche in der DDR in ständig zunehmendem Tempo und drängten nach Veränderungen.

Die erste Großdemonstration mit der Forderung nach umfassenden Reformen in der DDR fand am 2.10.1989 in Leipzig statt und hatte eine auslösende Wirkung auch auf die mecklenburgischen Bezirksstädte. Diese Großdemonstrationen erzwangen die Wende in der DDR und mit der Auflösung der Bezirke und nach den ersten freien Wahlen seit über einem halben Jahrhundert auch die Wiedereinführung der föderalistischen Struktur durch die Neuerrichtung des Landes Mecklenburg-Vorpommern als Bundesland der Bundesrepublik Deutschland.

Wirklichen Widerspruch gegen die Wiederbegründung eines gemeinsamen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern gab es weder 1990 noch später, auch wenn einige wenige Pommern, die zumeist nicht in Vorpommern lebten, aufriefen, sich einem gemeinsamen Bundesland zu widersetzen und öffentlich erklärten, die Vorpommern hätten eher gemeinsame Wurzeln mit Brandenburg. Allerdings wurden diese Gedanken beim Gesetz zum großen Landeswappen mit herangezogen. So zeigt dieses heute auf gevierteiltem Wappenschild neben den beiden mecklenburgischen Stierköpfen und dem pommerschen roten Greif den roten brandenburgischen Adler, um "die enge historische Verbindung zu Brandenburg" zu dokumentieren.

Echte Spannungen aber zwischen Mecklenburg und Vorpommern gibt es nicht. Und wenn gelegentlich die Vorpommern ihre Zurücksetzung im gemeinsamen Bundesland beklagen wegen angeblich zu großer Ferne zur Landeshauptstadt und damit nicht genügender Förderung des Landesteils, so haben die Maßnahmen der Landesregierung in den letzten 8 Jahren dieses Argument ad absurdum geführt. Die Menschen in beiden Landesteilen sind auf dem Weg, ihre gemeinsame Identität zu finden.

Die Regierungsbildung gelang hier nach der Wende am schnellsten

Am 14. Oktober 1990 fanden die ersten Landtagswahlen nach der deutschen Vereinigung statt. Die CDU erhielt 38,3% der Stimmen, die SPD 27,0%, die PDS 15,7% und die F.D.P. 5,5%. Der Einzug der Grünen in den Landtag scheiterte mit 4,2%. Mit nur 1 Stimme Mehrheit wurde eine Koalitionsregierung aus CDU und F.D.P. schon am 27. Oktober 1990 gebildet.

Die Mehrheit der Bürger und Bürgerinnen war stolz, daß hier die Regierungsbildung als erste in den neuen Bundesländern gelang. Man meinte damit das Bismarck-Wort, wonach in Mecklenburg alles 50 Jahre später käme, widerlegt zu haben und blickte zu optimistisch in eine Zukunft, die schnellen Anschluß an das Lebensniveau der alten Bundesländer bringe.

Doch die nach zentralistisch-planwirtschaftlichen Vorgaben gegründeten Betriebe waren für die Marktwirtschaft nicht gerüstet. Sprunghaft stieg die Arbeitslosigkeit an. Bis Mitte 1991 hatten sich die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft um knapp 110000 verringert (von 180000 auf 71400). Als dann zu Jahresbeginn 1992 die Arbeitslosenquote über 17% lag und die Zukunft der Werften gefährdet war, rollte eine massive Streikwelle gegen die Landesregierung an. Das ursprüngliche Konzept der Landesregierung, keine Verbundlösung bei der Werftenprivatisierung anzustreben, wurde abgelehnt. Ministerpräsident Dr. Alfred Gomolka trat auf dem Höhepunkt der Werftenkrise zurück. Die Regierungskrise konnte jedoch mit der Wahl von Dr. Berndt Seite zum neuen Ministerpräsidenten nach nur 3 Tagen überwunden werden. Die neue Landesregierung beugte sich dem Druck von Streikenden und Gewerkschaften und wählte die Verbundlösung. (4 Jahre später in der 2. Werftenkrise erwies sich, daß diese Entscheidung falsch war.)

Nach der Landtagswahl vom 16. Oktober 1994 bildeten CDU (37,7%) und SPD (29,5%) eine Koalitionsregierung. Als einzige Oppositionspartei verblieb die PDS im Landtag mit 22,7% Zweitstimmen. Grüne (3,7%) und F.D.P. (3,8%) scheiterten an der 5%-Klausel.

Auf dem Höhepunkt der 2. Werftenkrise ("Vulkanpleite") im Frühjahr 1996 schien die Koalition zu zerbrechen. Massiver Druck aus Bonn verhinderte eine SPD-PDS-Koalition. Bis zum Ende der Legislatur stellten CDU und SPD die Landesregierung, obwohl die Gemeinsamkeiten aufgebraucht waren und die Koalitionäre im Landtag mehrmals unterschiedlich und gegeneinander abstimmten.

Im Ergebnis der Landtagswahlen vom 27. September 1998 (SPD = 34,3%, CDU = 30,2%, PDS = 24,4%, Bündnis 90/Die GRÜNEN = 2,7%, F.D.P. = 1,6%) konstituierte sich eine SPD-PDS-Landesregierung unter Ministerpräsident Dr. Harald Ringstorff als erste im vereinten Deutschland.

Auf absehbare Zeit werden im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern nur diese 3 Parteien vertreten sein. Die Landesverbände von F.D.P. und Bündnis 90/Die GRÜNEN haben nur wenige Hundert Mitglieder, und es fehlt das entsprechende Wählerpotential. Mitgliederstärkste Partei ist mit 10600 die PDS, gefolgt von der CDU mit 8300 und der SPD mit etwa 3500 Mitgliedern. Rechtsradikale Parteien (NPD, DVU und Republikaner) suchen verstärkt im Land Fuß zu fassen, blieben bei den Wahlen bisher glücklicherweise zusammen immer unter 5%. Feste Parteibindungen und Wählermilieus haben sich bisher nicht herausgebildet, deshalb sind auch Prognosen für künftige Entscheidungen vage.

Eine sanfte Gemeindereform

Als das Land Mecklenburg-Vorpommern am 3. Oktober 1990 wiederbegründet wurde, gab es 6 kreisfreie Städte (größte: Rostock mit 221000 Einwohnern) sowie 1117 kreisangehörige Städte und Gemeinden in 31 Landkreisen. Über 90% der Gemeinden zählten weniger als 2500 Einwohner, über 50% weniger als 500 Einwohner. Die Landkreise umfaßten im Durchschnitt 40000 Einwohner, in der kleinsten Kreisstadt Sternberg lebten knapp 5000 Menschen.

Die Reform der Gemeindeverwaltungsstruktur wurde erforderlich, weil die örtlichen Verwaltungen in zahlreichen kleineren Gemeinden den fachlichen Ansprüchen nicht mehr gerecht wurden, gleichwohl aber große Anteile der Finanzkraft beanspruchten.

Man entschied sich dennoch bewußt für die historisch gewachsene Gemeindestruktur und Erhaltung der Selbstverwaltung in den Gemeinden. Gebündelt wurden lediglich die Verwaltungen in etwa 120 Ämtern auf der Grundlage der Amtsordnung von 1992. Etwa 5800 Einwohner gehören zu einem Amt. Die amtsangehörigen Gemeinden behalten uneingeschränkt ihre eigene Rechtspersönlichkeit sowie Beschluß- und Entscheidungsverantwortung in Angelegenheiten des eigenen Wirkungskreises. Die Ämter sind lediglich mit der verwaltungstechnischen Vorbereitung und Durchführung dieser Aufgaben befaßt.

Aus den ehemaligen 31 Landkreisen wurden 1994 12 neue Landkreise mit durchschnittlich 100000 Einwohnern gebildet. Dabei hielt man sich nicht an die historische Grenze zwischen den Landesteilen. Keiner der dafür angeführten Gründe ist einleuchtend. Die Aufregung hierüber hat jedoch sicher die Suche nach gemeinsamer Landesidentität von Vorpommern und Mecklenburg nicht gefördert.

Auf Direktwahlen für Bürgermeister, Oberbürgermeister und Landräte wurde bei der Kommunalwahl 1994 verzichtet. Erst mit der Kommunalwahl 1999 werden ehrenamtliche Bürgermeister direkt gewählt, hauptamtliche Bürgermeister und Landräte erst ab 2002. Das wird die Position der Bürgermeister und Landräte stärken. Der Gesetzgeber begründete damals, die Bürger und Bürgerinnen seien 1994 hierzu noch nicht reif, nachdem Jahrzehnte Zentralismus Verhaltensweisen geprägt hätte. Doch ging es bei dieser Entscheidung eher um Machtpositionen der Parteien, die eigene Personalentscheidungen so besser durchzusetzen glaubten. Dennoch konnten gerade in den kreisfreien Städten Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister starke Positionen ausbauen.

Der Geist der friedlichen Revolution in der Landesverfassung

Die Verfassung vom 23. Mai 1993 ist nicht die erste demokratische Verfassung in Mecklenburg-Vorpommern. 1919 und 1920 gaben sich die beiden mecklenburgischen Freistaaten eine Verfassung, für Pommern galt ab 1920 die preußische Verfassung. 1947 beschloß der damalige Landtag eine Verfassung für Mecklenburg-Vorpommern. Entgegen dem Wunsch von sowjetischer Besatzungsmacht und SED enthielt sie neben Staatsorganisationsvorschriften auch die Grundrechte. Ihre Aufnahme konnten CDU und LDP gegen Besatzungsmacht und SED durchsetzen, mußten aber dafür in Kauf nehmen, daß bereits deutliche Ansätze für eine sozialistische und zentralistische Entwicklung fixiert wurden. Diese Verfassung galt bis zur Auflösung der Landes am 25. Juli 1952.

Im November 1990 setzte der Landtag eine "Kommission für die Erarbeitung der Landesverfassung" ein. Mitglieder der Verfassungskommission waren nicht nur Abgeordnete des Landtags, sondern auch vier von den Fraktionen (je Fraktion einer) benannte Sachverständige sowie ein Mitglied der Partei Die GRÜNEN, ein Mitglied der Bürgerbewegung, ein Mitglied der Arbeitsgruppe "Vorläufige Verfassung" der "Runden Tische" der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg aus der Wendezeit der DDR und ein Mitglied des Regionalausschusses.

Vorangestellt ist der Verfassung eine Präambel, die als Auslegungs- und Orientierungshilfe für das Verständnis der Verfassung gedacht ist und deutlich macht, daß die Verfassung an die Werte und Zielvorstellungen der friedlichen Revolution an 1989 anknüpft. Sie bekennt sich zu den Grundrechten der Würde und Freiheit des Menschen als Rechten, die ihm von Natur aus zustehen und die der Staat deshalb zu schützen hat. Auch die Formulierung der Grundrechte und Staatsziele atmet den Geist der friedlichen Revolution von 1989/90. So ist in Artikel 3 etwa formuliert:

"Parteien und Bürgerbewegungen wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit."

Artikel 11 legt das Land fest auf die Mitwirkung an der Verwirklichung der europäischen Integration und Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit speziell im Ostseeraum, die auch intensiv mit Polen und den baltischen Staaten gepflegt wird.

In Artikel 20 wird die Zahl der Landtagsabgeordneten auf "mindestens 71" festgelegt. Überhang- oder Ausgleichmandate sind möglich. Gebrauch davon wurde bisher nicht gemacht. Nach dem Wahlgesetz vom Dezember 1993 werden 36 Mandate durch die Erststimme vergeben, 35 durch Verhältniswahl aus den Landeslisten der Parteien.

Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid sind als direktdemokratische Elemente in den Artikeln 59 und 60 der Landesverfassung verankert. Eine Volksinitiative muß von mindestens 15.000 Wahlberechtigten (etwa 1%) unterzeichnet sein, ein Volksbegehren von 140000. Haushalts-, Abgaben- und Besoldungsgesetze können nicht Gegenstand eines Volksbegehrens sein. Ein Gesetzesentwurf ist durch Volksentscheid angenommen, wenn die Mehrheit der Abstimmenden, mindestens aber ein Drittel der Wahlberechtigten zugestimmt hat. (Ausnahme: Verfassungsänderungen sind nur mit Zweidrittelmehrheit bzw. Hälfte der Wahlberechtigten möglich.)

Die Verfassung wurde am 14. Mai 1993 in namentlicher Abstimmung mit den Gegenstimmen der PDS vom Landtag beschlossen und trat am 23. Mai 1993 vorläufig in Kraft. Am 12. Juni 1994 stimmten die Bürgerinnen und Bürger über die Annahme der Verfassung in einem Volksentscheid ab. 60,1% votierten für die Verfassung (Wahlbeteiligung: 65%). Mit Beendigung der ersten Wahlperiode im Oktober 1994 trat sie endgültig in Kraft.

Der schwierige Weg in die Marktwirtschaft - nicht selbsttragender Aufschwung

1990 stand Mecklenburg-Vorpommern vor besonderen Herausforderungen beim Übergang von einer sozialistischen Planwirtschaft zu marktwirtschaftlichen Verhältnissen. Schwerpunkte der Wirtschaftsstruktur waren Land- und Ernährungswirtschaft und Schiffbau. Diese Monostruktur prägt noch heute die Wirtschaft und auf ihr basiert ihre Krisenanfälligkeit. Von ehemals 6 Werften, die fast ausschließlich für die Sowjetunion produzierten, konnten 4 erfolgreich privatisiert, umstrukturiert und modernisiert werden: Aker MTW Wismar, die Kvaerner Warnow Werft, die zur A.P. Möller-Gruppe gehörende Volkswerft Stralsund und die Peene-Werft. Mit ihnen verfügt Mecklenburg-Vorpommern heute über die modernsten und wettbewerbsfähigsten Werften in Europa. Die Auftragsbücher sind voll, es könnten mehr Schiffe gebaut werden; dem stehen jedoch die EU-Kapazitätsbegrenzungen entgegen. Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind stolz darauf, daß hier gebaute Schiffe weltweit geschätzt werden; aber mit Wehmut und Erbitterung nehmen sie zur Kenntnis, wieviele Arbeitsplätze gerade im Schiffbau seit 1990 im Zuge der Modernisierung und Umstrukturierung verloren gingen.

Zu Zeiten des geschlossenen sozialistischen Wirtschaftssystems war Rostock nicht nur für die DDR, sondern auch Ungarn und die ehemalige CSSR das "Tor zur Welt". Heute sind Rostock und die anderen Ostseehäfen "nur" noch für die Schiffahrt auf der Ostsee von Bedeutung, die deutschen Überseehäfen sind Hamburg und Bremen. Die Hafenwirtschaft konnte trotz zunehmendem Waren- und Personenverkehr zwischen den Ostseeanrainern die Verluste nicht kompensieren.

In den 8 Jahren seit der deutschen Einheit ist es bisher nicht gelungen, die wirtschaftlichen Monostrukturen zu durchbrechen. Viel wurde bisher in den Ausbau der Infrastruktur investiert, neue und tragfähige Produktionen konnten jedoch nicht flächendeckend angesiedelt werden. Ein selbsttragender Aufschwung zeichnet sich bisher nicht ab, und so schwankt die Stimmung zwischen Resignation ("Armenhaus Deutschlands") und Euphorie ("Bayern des Nordens" mit Produktionsstätten des Airbus A 3 XX und Transrapid).

Mecklenburg-Vorpommern - ein attraktives Urlaubsziel

Mecklenburg-Vorpommerns Attraktivität für Urlaub und Freizeit liegt zum einen in dem gesunden naturräumlichen Potential, der landschaftlichen Ausstattung, dem Klima an den Küsten- und Boddengewässern und seinem reichen interessanten kulturgeschichtlichen Erbe.

Wesentliche Grundlage des touristischen Angebots im Land ist die natürliche Attraktivität und Erholungseignung vieler mecklenburgisch-vorpommerscher Landschaften, die in ihrer Kombination und Weitläufigkeit diesem Land eine herausragende Position geben: den Gewässern (Küsten-, Bodden- und Binnengewässern mit der ihnen eigenen Schönheit und ihrer Eignung zum Baden und vielfältigen Wassersport) sowie dem relativ stark bewegten Relief in Verbindung mit abwechslungsreicher Bewaldung und Vegetation und weiten Blicken in großräumig unzerschnittene und schwach besiedelte Landschaften.

Mecklenburg-Vorpommern blickt auf eine mehr als 200jährige Tradition im Fremdenverkehr zurück. Nach Gründung des ersten deutschen Seebades Heiligendamm im Jahre 1793 entwickelten sich bald weitere Seebäder entlang der mecklenburgischen und vorpommerschen Ostseeküste. Schon früh bildeten sich auch Ansätze zum Fremdenverkehr abseits der Küste, insbesondere im Bereich der Mecklenburgischen Seenplatte.

Die Gründerjahre und die Jahrhundertwende hinterließen ihre Spuren bis heute in der typischen Bäderarchitektur der Hotels und Pensionen entlang der Ostseeküste.

Seit 1990 ist es gelungen, die Beherbergungskapazitäten qualitativ und quantitativ auszubauen. Waren es bis 1990 jährlich 1168000 Gästeübernachtungen in teils maroden Unterkünften und auf einfachen Zeltplätzen, so stehen dem heute 11 Mio. in komfortablen Beherbergungsstätten gegenüber. Um witterungsunabhängig zu werden, sind Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten geschaffen und ausgebaut worden, die saisonverlängernd wirken. Mecklenburg-Vorpommern belegt nach Bayern heute den 2. Platz unter den deutschen Urlaubsländern.

Jeder Landesteil hat seine eigene Universität

Die beiden Universitäten des Landes in Rostock (knapp 10000 Studenten) und Greifswald (etwa 5500) haben 600 Jahre europäische Universitätsgeschichte mitgeschrieben. Wenn sie auch 1990 manchen Nachholbedarf durch über 50jährige Abschottung zu DDR-Zeiten hatten und erhebliche Mittel für Anschaffungen nötig waren, sind es heute moderne Universitäten, an denen sich auch zunehmend Studentinnen und Studenten der alten Bundesländer immatrikulieren lassen.

Zwei Universitäten für ein kleines Bundesland mit geringem Steueraufkommen sind eine große finanzielle Belastung. Doch jegliche Pläne der Landesregierung, Schwerpunkte an den beiden Universitäten zu setzen und nicht jeden Fachbereich an beiden Standorten vorzuhalten, scheinen am aufgeregten Protest der Studenten und des Lehrkörpers zu scheitern. Neben universitären Gründen gegen die Schließung von Fachbereichen wird auch das Argument ins Feld geführt, man dürfe in keinem Landesteil eine Universität beschneiden, dies störe das Zusammenwachsen von Mecklenburg und Vorpommern.

Daneben gibt es in Rostock die Hochschule für Musik und Theater (300 Studenten), 3 Fachhochschulen in Neubrandenburg, Stralsund und Wismar mit zusammen 5400 Studierenden und die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege Güstrow (700 Studenten). Mit 21000 Studenten und einem Hochschulpersonalbestand von 12000 Personen ist somit Mecklenburg-Vorpommern ein angemessener Hochschulstandort.

Die Forschung der Universitäten und qualifiziertes Personal müssen zukünftig direkt auf die Wirtschaft des Landes wirken. Dazu wurden Projekte und Partnerschaften gerade in der letzten Zeit initiiert.

Medienlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern

Auf die Frage, wo heute im Lande noch am deutlichsten alte DDR-Strukturen faßbar sind, muß man auf die Presselandschaft verweisen. Die Hauptverbreitungsgebiete der drei Zeitungen im Land mit Regionalbezug (Schweriner Volkszeitung, Ostsee-Zeitung, Nordkurier) entsprechen in etwa den ehemaligen DDR-Bezirken Schwerin, Rostock und Neubrandenburg. Diese Zeitungen, die aus den SED-Bezirkszeitungen hervorgingen, verzeichneten nicht etwa wie das SED-Zentralorgan Neues Deutschland massive Abonnenteneinbrüche, sondern konnten eher zulegen. Falsch wäre es jedoch, aus diesem treuen Abonnentenstamm Ostalgie abzuleiten. Diese Regionalzeitungen (heute gehören sie Burda und Springer) informieren aus und für die Region. Und sie weisen darauf hin, daß zwischen 1952 und 1990 doch eine gewisse Identifikation der Menschen mit "ihrem" DDR-Bezirk als gemeinsamem Lebensraum wuchs.

Versuche von Zeitungsneugründungen nach der Wende, etwa dem Mecklenburger Aufbruch sind mangels Nachfrage gescheitert.

Artikel 36 des Einigungsvertrages bestimmte, daß bis zum 31. Dezember 1991 die alte Rundfunk- und Fernsehstruktur aufzulösen und in Anstalten des öffentlichen Rechts einzelner oder mehrerer Länder zu überführen seien. Wie die Länder Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sich für den MDR entschieden, war für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern eine gemeinsame Anstalt angedacht. Doch die Mehrheit hier wünschte sich den NDR. Sicher führte parteipolitisches Kalkül die Debatten im Landtag. Aber die Mehrheit der Menschen im Land votierte auch für den NDR, weil man gesamtnorddeutsch fühlte und zudem so seine Abneigung gegen Berlin (Ost) dokumentieren konnte. Mecklenburg-Vorpommern trat somit zum 1. Januar 1992 dem NDR-Staatsvertrag bei. Damit ist der NDR die einzige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die die Grenze zwischen alten und neuen Bundesländern überschreitet. Doch heute, 7 Jahre nach der Entscheidung für den NDR, scheint diese ost-west-übergreifende Anstalt in Frage gestellt zu werden. Im Zuge einer (auch politisch motivierten) Ostalgie werden die Stimmen laut, die im Zuge einer Kultivierung von DDR-Identität ein Ende dieser "grenzübergreifenden" Rundfunkanstalt wünschen. Die Programmdirektoren haben sicher die Chance vertan, die gemeinsame Rundfunk- und Fernsehlandschaft in den Dienst der inneren Einheit Deutschlands zu stellen.

Daneben gibt es mit Antenne MV und Ostseewelle zwei landesweite private Rundfunkanstalten.

Das Wappen:

Das große Landeswappen von Mecklenburg-Vorpommern zeigt einen viergeteilten Schild. Der Stierkopf auf goldenem Grund im linken oberen und im rechten unteren Feld symbolisiert die beiden ehemaligen Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz. Im rechten oberen Feld befindet sich der rote pommersche Greif auf silbernem Grund. das Wappen des Herzogtums Pommern. Der rote brandenburgische Adler auf silbernem Grund im linken unteren Feld steht für die schicksalhafte Verbindung Pommerns mit Brandenburg. Das große Landeswappen wird vom Landtag, Landtagspräsidenten und Ministerpräsidenten, von den Ministern sowie vom Bevollmächtigten des Landes beim Bund und von den anderen oberen Landesbehörden geführt.

Literaturhinweise

1. Werz, N./Schmidt, J. (Hg.): Mecklenburg-Vorpommern im Wandel. Bilanz und Ausblick. München 1998.

2. Schwabe, K.: Arroganz der Macht. Herrschaftsgeschichte von KPD und SED in Mecklenburg und Vorpommern 1945-1952. Schwerin 1997.

3. Schwabe K.: Zwischen Krone und Hakenkreuz. Sindelfingen 1994.

4. Langer, H.: Leben unterm Hakenkreuz. Alltag in Mecklenburg 1932-1945. Bremen und Rostock 1996.

5. Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern (Hg.): Historischer und geographischer Atlas von Mecklenburg und Pommern, 2. Bd. Schwerin 1995 und 1996.

6. Buske, N.: Kurzer Abriß der Vorpommerschen Verfassungsgeschichte. Schwerin 1994.

7. bei der Wieden, H.: Kurzer Abriß der Mecklenburgischen Verfassungsgeschichte. Schwerin 1994

8. Schwabe, K.: Mecklenburgische und vorpommersche Identität. Mentalitäten und Befindlichkeiten, Schwerin 1996.

Anschrift:
Landeszentrale für politische Bildung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Jägerweg 2, 19053 Schwerin


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