Zeitschrift

Die Bundesländer

 


Werner Rellecke
Freistaat Sachsen


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Inhaltsverzeichnis



Im östlichen Deutschland, in der Mitte Europas

Das bedeutsamste unter den fünf neuen Bundesländern

Der Freistaat Sachsen ist hinsichtlich seiner Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft das bedeutsamste unter den fünf neuen Bundesländern. In Deutschland steht Sachsen mit ca. 4,55 Mio. Einwohnern an sechster Stelle und mit einer Fläche von ca. 18400 Quadratkilometern an zehnter Stelle im Ländervergleich.

Die Geographie Sachsens ist sehr abwechslungsreich: Im Nordwesten befindet sich das Leipziger Land mit der Leipziger Tieflandsbucht sowie Dübener und Dahlener Heide. Südlich davon, im mittelsächsischen Raum erstreckt sich das Sächsische Hügelland von der thüringisch-sächsischen Landesgrenze bis an die Elbe. Im Südwesten, zwischen Thüringen, Bayern, dem Erzgebirge und Böhmen finden wir das Sächsische Vogtland. Östlich schließt das Erzgebirge als typische Mittelgebirgslandschaft an. In der Nähe des Wintersportortes Oberwiesenthal steht der Fichtelberg, mit 1214 m die höchste Erhebung Sachsens. Die Sächsische Schweiz - rund um den oberen Elblauf - mit der berühmten Bastei und ihren eindrucksvollen Tafelbergen (z. B. Lilienstein und Königstein) dient den Dresdnern als Ausflugsziel wie den Touristen als Erholungsgebiet. Von Dresden elbaufwärts Richtung Osten dehnt sich das Lausitzer Bergland aus, das nach Tschechien zu in das Lausitzer Gebirge übergeht. Und im südöstlichen Zipfel des Landes - im Dreiländereck zu Polen und Tschechischer Republik - liegt das kleine Zittauer Gebirge. Nördlich des Berglandes markieren die Städte Bautzen, Hoyerswerda, Weißwasser und Görlitz den äußeren Rahmen der Oberlausitzer Teich- und Heidelandschaft, von denen die östlichen Gebiete zum niederschlesischen Landesteil zählen.

Die größten Städte in Sachsen sind Leipzig mit über 500000 Einwohnern, die Hauptstadt Dresden mit etwas unter 500000 Einwohnern und Chemnitz mit etwa 270000 Einwohnern. Die sächsischen Landesgrenzen zu Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg umfassen insgesamt etwa 660km, während die gleichzeitige Außengrenze der Europäischen Union zur Tschechischen Republik und zu Polen eine Länge von beinahe 530 km aufweist. Entlang der Grenze zu Polen verläuft die Lausitzer Neiße, entlang der Grenze zu Tschechien der Kamm des Erzgebirges und des Zittauer Gebirges. Auf dieser Linie befinden sich auch die vier Euroregionen (Neiße, Elbe/Labe, Erzgebirge, Egrensis) mit sächsischer Beteiligung, welche Aufgaben der Förderung grenzüberschreitender Zusammenarbeit wahrnehmen.

Anfänge einer tausendjährigen Geschichte

Die Sachsen waren ein germanischer Stamm, der erstmals etwa 150 n. Chr. schriftliche Erwähnung fand und sich vom heutigen Holstein her ausdehnte. Der Name geht wohl - nach Widukind von Corvey - auf das für den Stamm typische Kurzschwert (Sax) zurück. Bis ins 15. Jahrhundert hinein bezog sich die Geschichte Sachsens allerdings geographisch auf Niedersachsen, Teile Westfalens und Sachsen-Anhalts.

Die Herrschaftstradition des heutigen Freistaates geht auf die Mark Meißen zurück, die 929 durch Heinrich I. gegründet wurde und die Otto der Große in das deutsche Reichsgebiet einband. Germanen hatten den Raum in frühgeschichtlicher Zeit besiedelt, bevor sie im Zuge der Völkerwanderung westwärts zogen und sich unter anderen die slawischen Stämme der Sorben, Milzener, Lusizer, Daleminzer niederließen. Viele Ortsnamen und geographische Bezeichnungen sind slawischen Ursprungs. Südlich von Bautzen erheben sich z.B. zwei Berge, die noch heute auf ihre naturreligiöse Vergangenheit hindeuten: der Czorneboh ("schwarzer Gott") und der Bieleboh ("weißer Gott").

Die germanische oder deutsche Rückbesiedlung des Meißner Landes setzte im 9. und 10. Jahrhundert ein. Anschließend wurde der Grundstock für eine anhaltende wirtschaftliche Prosperität des Landes gelegt, denn im 12. und 13. Jahrhundert entwickelte sich der Silberbergbau in der Mark Meißen unter Otto dem Reichen, der zu diesem Zweck 1180 eigens die Stadt Freiberg gründete. Es war jedermann erlaubt, Schürf- und Abbaurechte frei zu erwerben, wenn der zehnte Teil der beförderten Edelmetalle als Abgabe entrichtet wurde. Auf diese Art und Weise stieg Meißen in den folgenden Jahrhunderten zum wohlhabendsten unter den deutschen Herrschaften auf.

Unter den Wettinern

Otto der Reiche entstammte dem Geschlecht der Wettiner, dessen Name auf die Burg Wettin an der Saale, nördlich von Halle, zurückgeht. Im Jahre 1089 wurde erstmals ein Wettiner (Heinrich I. von Eilenburg) mit der Markgrafschaft Meißen belehnt. Seit 1124 (Konrad der Große) regierten sie ununterbrochen in der Mark Meißen, in Kursachsen und im Königreich Sachsen bis 1918. Eine erstmalige Verbindung des sächsischen Namens mit dem Gebiet des heutigen Freistaates ergab sich im Zusammenhang mit dem Tode des Herzogs von Sachsen-Wittenberg. Sein politisches Erbe trat Markgraf Friedrich von Meißen (aufgrund seiner Verdienste im Kampf gegen die böhmischen Hussiten) im Jahre 1423 an. Hiermit ging auch die Kurwürde an die Wettiner. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich der Name Sachsen gegen den der Markgrafschaft Meißen durch. Seit dieser Zeit war der jeweils älteste Nachkomme aus dem Geschlecht der Wettiner auch Kurfürst und seine Besitzungen zählten zum sächsischen Kurfürstentum.

Zu den Territorien der Wettiner zählten seit langem auch thüringische Lande, in denen bis 1482 eine wettinische Nebenlinie relativ unabhängig regierte. Diese Nebenlinie starb 1482 aus. Nun fielen die Gebiete wieder an die wettinische Hauptlinie zurück, der die beiden Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht vorstanden. Im Jahre 1485 wurden die sächsischen Territorien zwischen den beiden wettinischen Brüdern aufgeteilt. Es entwickelte sich hieraus die ernestinische und die albertinische Linie, wovon die albertinische die direkte Tradition des heutigen Sachsens repräsentiert. Diese sogenannte Leipziger Teilung stellte einen großen Einschnitt in der sächsischen Territorialgeschichte dar. Um die wettinischen Lande nicht auseinanderfallen zu lassen und um ihre Zusammengehörigkeit zu verdeutlichen, wurden die zum Besitz gehörigen Herrschaften, Städte und Ländereien wie ein Flickenteppich auf die beiden Brüder verteilt. Entgegen der ursprünglichen Absicht verfestigte sich die Landesteilung in den folgenden Jahrhunderten und schwächte die sehr mächtige Stellung des Kurfürstentums Sachsen im Deutschen Reich.

Unterhalb der Landesherrschaft entwickelten sich einflußreiche Wirtschafts- und Handelszentren, wozu besonders Leipzig zu zählen ist: Die Stadt Leipzig erhielt 1497 das kaiserliche Messeprivileg, das sie als privilegierten Handelsplatz auswies. Es entstand ein bedeutender wirtschaftlicher Knotenpunkt mit Ausstrahlung auf den gesamten deutschen und europäischen Raum. Und Leipzig war bereits damals zu Messezeiten "die Welt in einer Nuß", wie Goethe später schrieb.

Im Jahre 1547 zog Herzog Moritz von Sachsen (Albertiner) gegen seinen Vetter Kurfürst Johann Friedrich (Ernestiner), um die Leipziger Teilung rückgängig zu machen. Nach der Schlacht bei Mühlberg (1547) wurde Moritz die sächsische Kurwürde mitsamt umfangreicher Territorien des bisher ernestinischen Gebietes übertragen. Das albertinische Sachsen behielt seit dieser Zeit den Status des Kurfürstentums.

Zwischen Preußen und Habsburg

Der Dreißigjährige Krieg brachte, wie für die meisten deutschen Landesteile, einschneidende politische Veränderungen mit sich. In den Jahren 1619 und 1620 unterstützte das sächsische Kurfürstentum offen die Partei der Habsburger und besetzte im Herbst 1620 Schlesien und die beiden Lausitzen. Dies ist umso bemerkenswerter, als Sachsen zuvor zu den vordersten Vertretern der protestantischen Länder im Reich gezählt werden durfte. Die beiden Lausitzen erhielt Sachsen anschließend zum Pfand. Im Jahre 1635 wurden sie bleibend als sächsische Landesteile etabliert. Obwohl Sachsen somit territorial erheblich gestärkt aus dem Kriege hervorging, war die Bevölkerung um etwa die Hälfte dezimiert worden. Zudem wurde langsam erkennbar, daß es in eine politisch nachteilige Mittelposition zwischen Brandenburg-Preußen und dem Habsburgerreich geriet, aus der es sich bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht zu befreien vermochte. Vorerst jedoch nahm die wirtschaftliche Genesung des Landes - nicht zuletzt durch die Mitwirkung böhmischer Exulanten (Glaubensflüchtlinge), die sich in Sachsen niederließen - einen raschen Verlauf. Hierdurch ergab sich eine günstige Grundlage für die Regierungszeit Augusts des Starken (1694 - 1733).

1670 geboren, erlangte Friedrich August I. im Jahre 1694 die sächsische Kurwürde. Friedrich August war auch von seiner Körperfülle her eine eindrucksvolle Gestalt, was ihm zu seinem Beinamen "der Starke" verhalf. Schon 1696 hatte er die Gelegenheit, seinen Geltungsdrang und sein Machtstreben unter Beweis zu stellen: Die polnische Königskrone wurde vakant und ihm gelang es im darauffolgenden Jahr, seine Königskandidatur in Warschau durchzusetzen. Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen konnte als König August II. von Polen den königlichen Glanz auch in Dresden erstrahlen lassen. Rauschende Feste, prunkvolle Bauten, ein großer Hofstaat, eine königliche Zahl von Mätressen und Kindern gehörten zu seiner Regentschaft. So erfreut er sich noch heute in ganz Sachsen und besonders in Dresden volkstümlicher Beliebtheit; und die wichtigsten noch heute dominierenden barocken Bauwerke der Dresdener Altstadt (z.B. Zwinger, Kathedrale, Frauenkirche) gehen auf seine und seines Sohnes Regierungszeit zurück. Die sächsisch-polnische Union unter August II. (August der Starke) und seinem Sohn als August III. von Polen dauerte mit Unterbrechungen bis zum Jahre 1763.

Im 19. Jahrhundert wurde Sachsen zum modernsten und innovativsten Wirtschaftsraum Deutschlands

Erst wieder 1806 durften sich die sächsischen Kurfürsten Könige nennen, und zwar vorerst von Napoleons Gnaden. Durch eine glücklose Koalitionspolitik an der Seite Frankreichs stand die staatliche Existenz Sachsens 1815 im Rahmen des Wiener Kongresses zur Disposition. Im Mächtespiel zwischen Preußen und …sterreich durfte das Königreich Sachsen als Mittelmacht schließlich zwar bestehen bleiben, büßte jedoch geographisch etwa 60% (u. a. Görlitz/niederschlesische Gebiete und die Niederlausitz) und hinsichtlich der Bevölkerungszahl etwa 40% seines Umfanges ein.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts gelang es, Sachsen zum modernsten und innovativsten Wirtschaftsraum Deutschlands zu entwickeln. Ein Umstand, der bis heute z. B. im wirtschaftlichen Stellenwert der industriellen Produktion, im Erscheinungsbild sächsischer Städte und Dörfer oder im Traditionsbewußtsein der Hochschulen seinen Niederschlag findet. Als wichtigste Triebfeder der Industrialisierung fungierte die Textilindustrie im Vogtland, im Erzgebirge mit Chemnitz als "sächsischem Manchester" und in der Oberlausitz.

Im Deutschen Kaiserreich nach 1871 prägten drei Bestimmungsfaktoren das politische Leben in Sachsen: zum einen das Königshaus, recht populär, aber politisch sehr zurückhaltend, zum zweiten die Dominanz der Konservativen in den Regierungsgeschäften und zum dritten der große Rückhalt der Sozialdemokraten, die zwar aus Gründen des Wahlsystems (Zensuswahlrecht) in Sachsen von der Regierung ausgeschlossen blieben, aus den Reichstagswahlen (Gleichheitsprinzip) jedoch fast immer als stärkste sächsische Partei hervorgingen. So sprach man denn auch vom "roten Königreich".

Vom Freistaat zum Freistaat

Am 9./10. November 1918 verließ König Friedrich August III. von Sachsen das Land; am 13. November dankte er offiziell ab, wobei er gesagt haben soll: "Dann mach doch eiern Drägg alleene!" Am 13. November dankte er offiziell ab. Damit endete nicht nur die Herrschaft des alten Geschlechtes der Wettiner sondern auch die Monarchie als solche.

Bereits am 10. November übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat in Dresden die Macht und proklamierte die Republik Sachsen. Am 2. Februar 1919 fanden freie und gleiche Wahlen statt. In die Volksvertretung wurden 42 Sozialdemokraten (41,6%), 22 Mitglieder der Demokratischen Partei (22,9%), 15 Vertreter der Unabhängigen Sozialdemokraten (16,3%), 13 Deutschnationale (14,3%) und 4 Volksparteiler (3,9%) entsandt. Damit hatte sich Sachsen als traditionelle Hochburg der Sozialdemokratie behauptet. Am 28. Februar beschloß die sächsische Volkskammer ein Vorläufiges Grundgesetz für den Freistaat Sachsen, aus dem die - nach 1831 - zweite sächsische Verfassung von 1920 hervorging. (Freistaat bedeutet Republik im Sinne von nichtmonarchischer Herrschaft.)

In den Anfangsjahren der Weimarer Republik gewann die KPD an politischem Gewicht. 1920 und 1921 hatten sich einige Anschläge der extremistischen Linken unter Leitung des Vogtländers Max Hölz im mitteldeutschen Raum ereignet. Im Krisenjahr 1923 konzentrierte sich die Gefahr eines Umsturzversuches in Sachsen, wo KPD-Funktionäre, nach einer Anweisung der Komintern, als Minister in die Landesregierung Zeigner (SPD) eintraten. Um einer Bedrohung der inneren Sicherheit für das Reich entgegenzuwirken, rückten im Oktober mehrere Regimenter der Reichswehr in sächsische Städte ein. Anschließend kam es zur Reichsexekution gegen Sachsen auf Grund Art. 48 der Weimarer Reichsverfassung. Ein Reichskommissar wurde eingesetzt und die Reichswehr zwang die sächsischen Minister aus ihren Ämtern. Unter diesem Druck trat die Regierung Zeigner zurück; die Bildung einer neuen SPD-Minderheitsregierung ohne kommunistische Beteiligung führte zu einer Normalisierung der Lage. Gegen Ende der 20er Jahre stieg die NSDAP auch in Sachsen auf und wurde bis zur Kanzlerschaft Hitlers zur stärksten Partei. Im Zuge der Machtergreifung und der Gleichschaltung der Länder verlor Sachsen - nunmehr als "Reichsgau" - praktisch seine staatliche Existenz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Juli 1945, ließ die Sowjetische Militäradministration wieder eine sächsische Landesverwaltung einrichten, die zusammen mit den anderen Ländern der SBZ als föderalistische Staatsgliederung bis in die DDR-Zeit hinein bestand. 1947 erhielt Sachsen seine dritte Landesverfassung im Laufe der Geschichte. Im Zuge der zentralistischen Vorstellungen, Bestrebungen und Notwendigkeiten einer kommunistischen Diktatur hob die DDR 1952 die Länderstrukturen auf und ersetzte sie durch Bezirke (in Sachsen: Chemnitz/Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Dresden). Der sächsische Schriftsteller Erich Loest schrieb über das damalige (zweite) Ende Sachsens:

"Unter den historischen Begriff Sachsen wurde 1952 ein Schlußpunkt gesetzt, die Akte geschlossen und im Keller, Abteilung Tote Staaten, unfeierlich beigesetzt. Lange Jahre senkte sich Staub darauf, Flugasche, Braunkohlendreck."

Während der Jahrzehnte der deutschen Teilung wurde plötzlich das historisch bedeutsame und gemütliche Bautzen wegen seines Zuchthauses für politisch Inhaftierte ein Inbegriff des unmenschlichen SED-Regimes. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 fand durch eindrucksvolle Demonstrationen auch in Sachsen großen Rückhalt. Mehr als 30 Jahre später spielten die sächsischen Schauplätze dann eine führende Rolle beim Niedergang der SED-Herrschaft.

Die friedliche Revolution im Jahre 1989 und der Weg zur Wiedervereinigung wurden maßgeblich von sächsischen Personen und Ereignissen mitgeprägt. Die Leipziger Montagsdemonstrationen trugen der Messestadt den Beinamen "Heldenstadt" ein. Die ersten Montagsdemonstrationen waren 1982 in Form von Friedensgebeten in der Leipziger Nicolai-Kirche entstanden. In den entscheidenden Monaten des Oktober und November 1989 fanden sich oftmals mehrere 100000 Menschen ein, um gegen das DDR-Regime und später für die Wiedervereinigung einzutreten. Nach allzu langer Zeit wurden wieder weiß-grüne Flaggen mitgeführt, lebte auch der Wunsch zur Neubegründung sächsischer Landesstaatlichkeit wieder auf.

Am 3. Oktober 1990, dem Tag des Vollzugs der Wiedervereinigung, wurde auf der Albrechtsburg in Meißen der sächsische Staat neu gegründet. Der Ort der Neugründung, die alte Residenz der Mark Meißen, und die Namengebung "Freistaat Sachsen" knüpften an uralte historische Bindungen und demokratische Traditionen an.

Die Sorben

Seit über 1000 Jahren leben die slawischen Sorben in Dörfern und Kleinstädten im Raum zwischen Spree und Oder, von Bautzen bis Lübben, in der Ober- und Niederlausitz. Trotz vielfacher Bedrängung und sogenannten "Germanisierungsversuchen" im 19. und 20. Jahrhundert konnte sich das etwa 70000 Menschen umfassende kleine Volk bis heute behaupten. Die Sächsische Verfassung (Art. 6) - und für die Niederlausitzer Sorben die brandenburgische entsprechend - sichert der sorbischen Volksgruppe Gewährleistung und Schutz ihres Rechtes auf Sprach- und Kulturpflege "insbesondere durch Schulen, vorschulische und kulturelle Einrichtungen" zu.

Besonders typisch für das sorbische Volk ist eine sehr enge Verknüpfung von Sprach-, Kultur- und Religionsgemeinschaft (evangelisch wie katholisch), die allen historischen Widrigkeiten zum Trotz bis heute bestehen blieb. Viele Einrichtungen, wie die Domowina als kultureller Dachverband oder das Sorbische Institut mit der Sorbischen Zentralbibliothek in Bautzen, erhalten nach wie vor ihre finanzielle Absicherung durch staatliche Mittel. Die eigentliche Gefahr für das Sorbentum scheint jedoch nach 1989 die zumeist berufsbedingte höhere Mobilität und die Strukturschwäche des ländlichen Raumes zu sein. Ohne ausreichende Arbeitsplätze in der näheren Umgebung der sorbischen Dörfer ist der Wegzug junger Leute kaum vermeidbar. Hieraus resultieren existenzielle Probleme der Pflege und Weitergabe von Sprache und Brauchtum.

Die erste Verfassung der neuen Bundesländer

Die Sächsische Verfassung (die vierte Landesverfassung in der Geschichte) trat am 6. Juni 1992 in Kraft. Sie war die erste Verfassung, die in den neuen Bundesländern verabschiedet wurde. Die Präambel betont die historische Tradition Sachsens und grenzt diese zu den vorgehenden Jahrzehnten der Diktatur ab. Dort heißt es:

"Anknüpfend an die Geschichte der Mark Meißen, des sächsischen Staates und des niederschlesischen Gebietes, ... ausgehend von den leidvollen Erfahrungen nationalsozialistischer und kommunistischer Gewaltherrschaft, ... hat sich das Volk im Freistaat Sachsen dank der friedlichen Revolution des Oktobers 1989 diese Verfassung gegeben."

Die sächsische Verfassung enthält einen kompletten Grundrechte-Katalog in Entsprechung zum Grundgesetz und zur Beteuerung ihrer Aufgabenstellung für staatliches Handeln. Besondere Ergänzungen zum Grundgesetz wurden zumeist aufgrund leidvoller Erfahrungen der DDR-Zeit vorgenommen. So umfaßt der Grundrechtekatalog eingedenk der Verbrechen der Staatssicherheit gegen politisch Oppositionelle eine besondere Betonung z.B. des Datenschutzes (Art. 33) oder die ausdrückliche Bestimmung:

"Niemand darf grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe und ohne seine freiwillige und ausdrückliche Zustimmung wissenschaftlichen oder anderen Experimenten unterworfen werden" (Art. 16,2).

An direktdemokratischen Elementen in der Sächsischen Verfassung sind Volksantrag, Volksbegehren und Volksentscheid zu nennen. So ist es entsprechend Art. 3,2 der Sächsischen Verfassung ("Die Gesetzgebung steht dem Landtag oder unmittelbar dem Volk zu.") möglich, über einen Volksantrag ein Gesetzesvorhaben in den Landtag einzubringen und bei Ablehnung durch den Landtag auch einen Gesetzesentwurf als Volksbegehren zum Volksentscheid zu bringen und bei mehrheitlicher Zustimmung gegen die Landtagsposition durchzusetzen (Art. 70ff.). In Entsprechung zur Bundesebene sitzt in Leipzig ein Verfassungsgerichtshof des Freistaates Sachsen als unabhängiges Entscheidungsorgan in Grundsatzfragen.

Die neue Verwaltungsorganisation

Die ersten Landtagswahlen (14. 10. 1990) nach der friedlichen Revolution ergaben eine stabile CDU-Mehrheit im Parlament. Zum Ministerpräsidenten wurde Prof. Dr. Kurt Biedenkopf gewählt. Er brachte langjährige bundes- und landespolitische Erfahrungen (Nordrhein-Westfalen) in die anstehenden Aufgaben ein.

Der Aufbau der Landesverwaltung stand unter den Einflüssen der Diskussionen und Ergebnisse der Runden Tische sowie der politischen Vorstellungen und Erfahrungen der Verwaltungsfachleute, die hauptsächlich aus den Partnerländern Bayern und Baden-Württemberg nach Sachsen berufen wurden. Es galt, trotz des immensen Zeitdrucks, eine effektive Landesverwaltung aufzubauen, die dem Rahmen des Grundgesetzes und Einigungsvertrages entsprach, aber auch die Eigenarten Sachsens berücksichtigte. Umfangreiche theoretisch-konzeptionelle Überlegungen mußten vorerst auf zentrale Aufgabenstellungen beschränkt werden. Wegen des hohen Regelungsbedarfes im gesamten Prozeß des Umbaus von Verwaltungs- und Rechtsordnung konnte vielen weiteren Problemen vorerst nur durch Übernahme bestehender Gesetze und Verordnungen aus den alten Bundesländern begegnet werden.

Bei der Diskussion um die Einrichtung von Mittelbehörden in Form von Regierungspräsidien spielte die Erinnerung an die politisch sehr "berlinhörigen" Bezirke der DDR (Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, Leipzig und Dresden) eine große Rolle. Letztendlich setzte sich jedoch das Argument durch, daß die Kreise und Kreisfreien Städte ohne Mittelbehörden allzu schwer ihre Anliegen koordinieren könnten. Anstelle der ursprünglich geplanten fünf wurden dann drei Regierungspräsidien geschaffen, und zwar den vormaligen Bezirken geographisch sehr ähnlich. Die dreigliedrige Struktur der Regierungspräsidien als Mittelbehörden ist in einigen Bereichen nachträglich durchbrochen worden, wie z.B. durch die Bildung von Kulturräumen und die Zusammenfassung von Oberschul- und Schulämtern zu fünf Regionalschulämtern.

Die bestehende Anzahl von 48 Landkreisen und Kreisfreien Städten sollte verringert werden, um überschaubarere Verwaltungsstrukturen zu schaffen. So gibt es derzeit in Sachsen 22 Landkreise und sieben Kreisfreie Städte (Chemnitz, Dresden, Görlitz, Hoyerswerda, Leipzig, Plauen und Zwickau). Daneben ermöglicht die Sächsische Gemeindeordnung auf Antrag die Etablierung von sogenannten Großen Kreisstädten (Voraussetzung: über 20000 Einwohner) mit speziellen zusätzlichen Kompetenzen gegenüber anderen Städten. 1998 verabschiedete der Sächsische Landtag eine Gemeindegebietsreform, die die Anzahl von 1626 Städten und Gemeinden auf nunmehr 537 selbständige Einheiten in Form von 332 Städten und Gemeinden im herkömmlichen Sinne sowie 205 Einheitsgemeinden (Zusammenschluß mehrerer ehemals selbständiger Gemeinden) reduziert. Zudem werden Verwaltungsgemeinschaften mit einem Verwaltungszentrum für benachbarte selbständige Gemeinden und Verwaltungsverbände als Zusammenschlüsse selbständiger Gemeinden ohne ein Verwaltungszentrum eingerichtet. Des weiteren werden die sächsischen größeren und Großstädte durch erhebliche Eingemeindungen weitgehend von den sogenannten Speckgürteln befreit.

Das sächsische Wahlsystem

Das sächsische Wahlsystem orientiert sich bei den Landtagswahlen am Wahlrecht zum Deutschen Bundestag und bei den Kommunalwahlen an den Regelungen in Baden-Württemberg und Bayern. Die Sächsische Verfassung bestimmt eine ordentliche Legislaturperiode des Sächsischen Landtages von fünf Jahren. Die 120 Parlamentssitze werden zur Hälfte über 60 Direktmandate (in 60 Wahlkreisen) und zur Hälfte über 60 Listenplätze bestimmt. Die Wähler haben somit je eine Stimme für einen Wahlkreiskandidaten und eine Parteiliste zu vergeben. Der Landtag wird nach dem Verhältnis der Zweitstimmenanteile der Parteien besetzt, wobei allerdings die 5%-Hürde zu überwinden ist. Kommt es durch das Ungleichgewicht von Erst- und Zweitstimmenanteilen zu Überhangmandaten, so werden diese im Unterschied zum Wahlrecht des Bundestages ausgeglichen.

Der erste Sächsische Landtag wurde am 14. Oktober 1990 - also vor Inkrafttreten der Sächsischen Verfassung - nach dem "Gesetz über die Wahlen zu Landtagen in der DDR" vom August 1990 gewählt. Er besaß eine Legislaturperiode von vier Jahren und setzte sich aus 160 Abgeordneten zusammen.

In sächsischen Kreisen, Städten und Gemeinden gilt der Verwaltungsaufbau nach dem Muster der Süddeutschen Ratsverfassung. Hiernach werden Landräte als Leiter der Kreisverwaltung und Vorsitzende der Kreistage direkt für sieben Jahre gewählt. Ebenfalls direkt werden die Oberbürgermeister und Bürgermeister als Vorsitzende des Stadt- oder Gemeinderates und als Leiter der Stadt- oder Gemeindeverwaltung gewählt. Landräte und Bürgermeister in Gemeinden mit über 3000 Einwohnern sind hauptamtliche Beamte auf Zeit. Organe des Landkreises sind der Kreistag und der Landrat, Behörde des Landkreises ist das Landratsamt. Mitglieder der Kreistage sind Kreisräte und jeweils ein Landrat als Vorsitzender. Die Wahlen zu Kreistagen, Stadt- und Gemeinderäten werden nach dem Prinzip der Verhältniswahl für eine Amtszeit von fünf Jahren durchgeführt. Jeder Wahlberechtigte hat drei Stimmen, die er auf einen Bewerber konzentrieren (kumulieren) oder aber auf mehrere Bewerber verteilen kann (panaschieren).

Die Stärke der Kreistage variiert von 50 Sitzen in Kreisen mit weniger als 100.000 Einwohnern bis zu 70 Sitzen in Kreisen mit mehr als 175000 Einwohnern. Die Sitzstärke der Stadt- und Gemeinderäte richtet sich entsprechend nach der jeweiligen Bevölkerungszahl, so werden z. B. acht Gemeinderäte bei bis zu 500 Einwohnern oder 60 bei Städten mit über 400.000 Einwohnern gewählt. Für Ortschaften einer Stadt oder Gemeinde mit einem Ortsvorsteher an der Spitze wird nach den Grundsätzen der Gemeinderatswahlen ein Ortschaftsrat gewählt.

Ähnlich wie auf der Landesebene besteht auch auf Gemeinde- und Kreisebene die Möglichkeit zur direkten politischen Einflußnahme der Wahlbevölkerung über Bürgerbegehren und Bügerentscheid.

Vom "roten Königreich" zur "schwarzen Hochburg"

Die CDU wurde nach der friedlichen Revolution zur dominierenden politischen Partei in Sachsen. Dies geschah wohl vorrangig, weil sie als Partei der zügigen Wiedervereinigung und der schnellen Eingliederung in die Bundesrepublik wahrgenommen wurde und dies den Wählerinteressen entsprach. Zudem engagierten sich zahlreiche Spitzenpolitiker der sächsischen CDU maßgeblich als Bürgerrechtler in der DDR-Opposition und trugen zur Entwicklung 1989 mit bei. Die SPD konnte somit - vor dem Hintergrund des CDU-Wahlerfolges - nicht an ihre Erfolge aus der Zeit von 1871 bis 1933 anknüpfen.

Bei den Landtagswahlen 1990 erreichte die CDU eine absolute Mehrheit (53,8% der Zweitstimmen) und konnte diese 1994 mit 58,1% noch weiter ausbauen. Bündnis 90 /Die Grünen (4,1%) und FDP (1,7%) sind im zweiten Sächsischen Landtag nicht vertreten, nachdem sie 1990 die 5-%-Hürde noch hatten überspringen können.

Eine Besonderheit der politischen Verhältnisse in Sachsen stellen die recht abweichenden Wahlergebnisse der Regierungspartei bei Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen dar. Bei den Kommunalwahlen 1994 errang die CDU 38,1% der Stimmen, bei den Bundestagswahlen im gleichen Jahr 48% (Zweitstimmen) und bei den Landtagswahlen 58,1% (Zweitstimmen).

Die Bundestagswahlen vom September 1998 brachten der CDU gegenüber 1994 einen massiven Einbruch: In den 21 Wahlkreisen gewannen acht SPD- und 13 CDU-Kandidaten die Direktmandate (1990 und 1994: alle CDU). Der maßgebliche Grund für die geringen Zuwächse der SPD bei großen Verlusten der CDU liegt in dem beachtlichen Stimmenanstieg anderer kleinerer Parteien (DVU: 2,6% = +2,6% ; Pro DM: 2,7% = + 2,7% ; Republikaner: 1,9% = + 0,5% ; NPD: 1,2% = + 1,2%). Die überwiegende Mehrheit der sächsischen Gemeinden und Städte wird von CDU-Bürgermeistern geführt. In größeren Städten gibt es jedoch einige Ausnahmen: Während sich die CDU im konservativeren Dresden als stärkste Partei behauptete, konnte die SPD bei den Kommunalwahlen in Leipzig und Chemnitz ihre Oberbürgermeisterkandidaten durchsetzen, in der Kreisfreien Stadt Hoyerswerda regiert ein PDS-Bürgermeister.

Den erheblichen Abweichungen vom durchschnittlichen Landesergebnis der Parteien CDU, SPD und PDS bei den Bundestagswahlen von 1998 entsprechen typische Muster der Wahlanalyse. So errang die CDU bei den Bundestagswahlen von 1998 in den kleinen Gemeinden des katholischen Sorbenlandes (z. B. im Wallfahrtsort Ralbitz-Rosenthal 69,1%) und in den katholisch geprägten Städten Wittichenau (54,7%) und Schirgiswalde (54%) sowie in Erzgebirgsgemeinden mit einer hohen Kirchenbindung unter der protestantischen Bevölkerung einen Zweitstimmenanteil, der gegenüber dem Landesdurchschnitt von 32,7% deutlich abweicht. Die Stadt Hoyerswerda, die ihr Gesicht zu DDR-Zeiten vollständig verwandelte und zu einer Industriearbeiterstadt im Herzen des Braunkohlebergbaus wurde, stellt heute eine Hochburg der PDS dar mit einem Zweitstimmenanteil von 28,4%. Die SPD konnte in den zwei Leipziger Wahlkreisen an historische Erfolge anknüpfen und im Unterschied zu 1994 die CDU als stärkste Partei ablösen. Sie lag hier mit Zweitstimmenanteilen von 36,6 und 37% weit über dem Landesdurchschnitt von 29,1%.

"Was in Chemnitz erarbeitet wird, wird in Leipzig gehandelt und in Dresden verpraßt"

Das Städtedreieck Dresden-Leipzig-Chemnitz stellte vor dem Zweiten Weltkrieg das industrielle Herz Deutschlands dar. Damals trugen besonders Unternehmen mittelständischer Größe zur Blüte der sächsischen Wirtschaft bei. Zu DDR-Zeiten erwirtschafteten die sächsischen Bezirke etwa 40% der gesamten Industrieproduktion der DDR. Der Anteil an Beschäftigten im produzierenden Gewerbe betrug noch 1989 54%. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Freistaates Sachsen belief sich 1997 auf 123,3 Mrd. DM. Dies entspricht etwa 30% der Wirtschaftsleistung der neuen Bundesländer und einem Anteil von 3,4% des deutschen BIP insgesamt. Das sächsische BIP liegt damit im Vergleich zwischen den Bundesländern Schleswig-Holstein (112,5 Mrd. DM) und Hamburg (142,6 Mrd. DM). Das reale Wirtschaftswachstum der letzten acht Jahre erreichte 1994 einen Spitzenwert von 11,1% und sank seitdem jährlich ab bis auf 2% im Jahre 1997. Dies ist ein bedrückendes Ergebnis im Hinblick auf das Ziel der wirtschaftlichen Angleichung zwischen alten und neuen Bundesländern, denn bei beinahe gleichen Wachstumsraten kommt der Aufholprozeß natürlich zum Erliegen.

Ein altes Sprichwort, das bis heute gewisse Gültigkeit besitzt, besagt: "Was in Chemnitz erarbeitet wird, wird in Leipzig gehandelt und in Dresden verpraßt." Der Raum Chemnitz/Zwickau verfügt über eine vorrangig schwerindustriell geprägte Wirtschaftsstruktur mit dem Schwerpunkt des Fahrzeugbaus und der Metallverarbeitung (z. B. Volkswagen, Sachsenring). Leipzig ist der infrastrukturelle Knotenpunkt der neuen Bundesländer im Bereich des Handels (Leipziger Messe, Flughafen Leipzig-Halle, Bankenstandort) und der polygraphischen Industrie. In und um die Landeshauptstadt Dresden konzentrieren sich Unternehmen der Elektrotechnik und elektronischen Hochtechnologie (z. B. Siemens, AMD) bis in den Freiberger Raum hinein sowie traditionell der kosmetischen Industrie. Die wichtigsten Wirtschaftszweige des produzierenden Gewerbes in Sachsen sind der Maschinenbau, die Metallverarbeitung, die Elektro- und Elektronikindustrie sowie das Ernährungs-, Textil- und Papiergewerbe. Außerhalb der Oberzentren gelang es bisher kaum, in ausreichendem Maße Arbeitsplätze zu sichern oder neu zu schaffen. Der Braunkohletagebau in der Lausitz (z. B. in Schwarze Pumpe) oder Waggon- und Turbinenbau in Görlitz, der Instrumentenbau und die Spitzenproduktion im Vogtland, die Spielzeugherstellung im Erzgebirge sowie die Stahl- und Reifenproduktion in Riesa haben - soweit sie den Wirtschaftswandel überhaupt als Unternehmen überstehen konnten - bei weitem nicht mehr das Beschäftigungsgewicht wie zu DDR-Zeiten und stellen zumeist nur noch einen Grundstock für den viel größeren Arbeitsplatzbedarf dar.

An die traditionelle Wirtschaftsstruktur der Vergangenheit konnte Sachsen nach der Revolution von 1989 im großen und ganzen wieder anschließen. Besonders weil die Neuansiedlung bzw. Umstrukturierung großer Industrieunternehmen nicht mehr den überragenden Stellenwert in der Erwerbsstruktur verzeichnen kann, ist die Förderung der Entstehung und Etablierung von Kleinunternehmen ein wichtiges Anliegen der sächsischen Staatsregierung. Hiermit wird an die Traditionen der Gründerzeit und der Weimarer Republik angeknüpft.

Ein dynamischer und mittelständisch geprägter Wirtschaftsstandort

In den Jahren 1990 bis 1996 ist die Zahl der Gewerbe in Sachsen um 216.500 Betriebe gewachsen. 86% der sächsischen Betriebe beschäftigen weniger als 20 Mitarbeiter. Etwa 50.000 Handwerksbetriebe sind in Sachsen gemeldet. Die Betriebsdichte und die Anzahl der Handelsregistereintragungen liegen in Sachsen signifikant höher als im Bundesdurchschnitt. Entgegen den ersten Jahren nach 1989 verlagert sich das Branchengewicht der Gewerbeneuanmeldungen von Handel und Handwerk zunehmend in Richtung Industrieproduktion. Mittlerweile entfallen etwa 75% der sächsischen Industrieproduktion auf den mittelständischen Bereich. Damit behauptet sich Sachsen als dynamischer und besonders mittelständisch geprägter Wirtschaftsstandort. In den sächsischen Wachstumszentren um Leipzig und Dresden befinden sich die Werte wiederum auf einem bedeutend günstigeren Niveau als in ländlichen Räumen. Allerdings weisen die Regionen Zwickau, Bautzen und Riesa die höchste Dichte an Industriearbeitsplätzen auf, während in den Ballungszentren der Dienstleistungsanteil stärker ins Gewicht fällt.

Die Arbeitslosigkeit stellt in Sachsen - wie in den neuen Bundesländern allgemein - das größte wirtschafts- und sozialpolitische Problem dar. Gab es 1989 noch 2,8 Mio. Erwerbstätige in Sachsen, so schrumpfte diese Zahl auf etwa 1,8 Mio. bis 1992 und befindet sich seitdem auf vergleichbarem Niveau. Die Arbeitslosenquote in Sachsen betrug in den vergangenen Jahren zwischen 14 und 17% und lag damit jeweils etwas günstiger als in den neuen Bundesländern insgesamt. Die regionalen Unterschiede sind gravierend (z. B. im Okt. 1997: 12,1% im Raum Plauen und 19,3% im Raum Bautzen).

Trotz hoher Steigerungsraten (1997 ca. 39%) liegt der Exportanteil Sachsens mit einem Viertel der Exporte der neuen Bundesländer immer noch unter dem entsprechenden Anteil der gesamten Wirtschaftsleistung. Dies ist vor dem Hintergrund der geographischen Lage bemerkenswert und birgt offensichtlich weitere Wachstumsperspektiven.

Neue Wege in der Bildungspolitik

Das sächsische Bildungswesen steht in einer langen und verpflichtenden Tradition. Theodor Fontane schrieb über die Sachsen im Vergleich zu den übrigen deutschen Stämmen:

"Sie sind die Überlegenen, und ihre Kulturüberlegenheit wurzelt in ihrer Bildungsüberlegenheit, die nicht vom neuesten Datum, sondern fast vierhundert Jahre alt ist."

So ging man nach der friedlichen Revolution sehr ambitioniert an die Chance des Bildungsum- und neuaufbaus. Das Schulsystem wurde mit zwei markanten Besonderheiten im Vergleich zu westlichen Bundesländern ausgestattet. Einerseits dauert die Schulzeit - im Unterschied zu den meisten Bundesländern - bis zum Abitur lediglich zwölf Jahre, andererseits stellt die neue Mittelschule den einzigen allgemeinbildenden Schultypus neben dem Gymnasium dar. In der Mittelschule können die Schüler einen Hauptschul- oder Realschulabschluß erlangen. Auch im Bereich der Schulverwaltung geht man in Sachsen neue Wege. So wurden zum 1. Januar 1999 20 Schulämter und drei - entsprechend den Regierungsbezirken - Oberschulämter aufgelöst und an deren Stelle fünf Regionalschulämter eingerichtet (mit Sitz in Bautzen, Dresden, Leipzig, Chemnitz und Zwickau).

Das Hochschulwesen wurde den Strukturen der alten Bundesländer angepaßt, z. B. durch Auflösung der ehemaligen Pädagogischen Hochschulen. Besonders einschneidend waren die personellen Abwicklungen von belasteten Hochschullehrern. Die Technische Universität Dresden (ca. 22.000 Studenten) wurde mit der Ausweitung um geisteswissenschaftliche Fakultäten zur Volluniversität. Sie lief der Leipziger Universität (ca. 20.000 Studenten) bezüglich der Immatrikulationen den ersten Rang ab. In Sachsen werden vier Universitäten, vier Kunsthochschulen, und fünf Fachhochschulen als Hochschulen für Technik und Wirtschaft unterhalten. Hinzu kommen als Sondereinrichtungen das Internationale Hochschulinstitut in Zittau und die Akademie für Künstlerischen Tanz (Palucca Schule Dresden) sowie die private Handelshochschule Leipzig (als Universität).

Auf das baden-württembergische Vorbild zurückgreifend wurde zudem 1991 eine Berufsakademie Sachsen gegründet. An sechs Standorten absolvieren etwa 3.600 Studenten ein "duales Studium", das zur Hälfte nichtstaatlich durch sogenannte Praxispartner organisiert wird.

Kultur in Sachsen

Das Kulturland Sachsen in Kürze und ausgewogen vorzustellen, ist ein Unterfangen, das einem Dialog Heinrich von Kleists ähnelt, den er auf einer Reise durch Sachsen niederschrieb: "Sind Sie in Dresden gewesen?" - "Ja, durchgereist." - "Haben Sie das Grüne Gewölbe gesehen?" - "Nein." - "Das Schloß?" - "Von außen." - "Königstein?" - "Von weitem." - "Pillnitz, Moritzburg?" - "Gar nicht." - "Mein Gott, wie ist das möglich?" - "Möglich? Mein Freund, das war notwendig."

Die kulturellen Besonderheiten Sachsens sind eng mit der Geschichte der einzelnen Regionen verflochten. Zur gezielteren finanziellen Unterstützung und zur besseren Koordination der kulturellen Aktivitäten in Sachsen schuf man die acht ländlichen Kulturräume Vogtland, Zwickauer Raum, Erzgebirge, Mittelsachsen, Leipziger Raum, Elbtal, Sächsische Schweiz/Osterzgebirge, und Oberlausitz-Niederschlesien sowie die drei urbanen Kulturräume Chemnitz, Leipzig und Dresden. Die Kulturstätten internationalen Ranges konzentrieren sich in Leipzig und Dresden: So stehen die Knaben vom Thomanerchor Leipzig in stetem Wettbewerb mit dem Dresdner Kreuzchor. Das Leipziger Gewandhausorchester, die Leipziger Oper und die Deutsche Bücherei als Teil der Nationalbibliothek sind weitere Säulen der Kulturpflege. Und die Neue Messe beherbergt nicht nur die Frühjahrsbuchmesse, sondern ist auch Veranstaltungsort sportlicher und musikalischer Großereignisse.

In Dresden sind die Semperoper mit der Staatskapelle, die Dresdner Philharmonie, die Gemäldegalerie alter Meister mit Raffaels Sixtinischer Madonna oder das Hygiene-Museum herausragende Publikumsmagneten. Außerhalb der Zentren existiert selbstverständlich auch ein weitverzweigtes und tiefschichtiges Kulturangebot in allen größeren Städten und Regionen, das neben traditionellen Schwerpunkten, die z. B. durch 18 Theater und 10 Orchester repräsentiert werden, auch moderne Ansätze berücksichtigt, wie z. B. in den über 40 soziokulturellen Zentren des Landes.

Nur noch 30% der Bevölkerung sind Kirchenmitglieder

Sachsen war seit 1539 protestantisch geprägt, auch wenn das Herrscherhaus seit August dem Starken der katholischen Kirche angehörte. Durch die kirchenfeindliche Politik und materialistische Ideologie des Marxismus-Leninismus und eine erhebliche Zahl von Kirchenaustritten beider großer christlicher Konfessionen nach der friedlichen Revolution ging der Anteil an Kirchenmitgliedern nach dem Zweiten Weltkrieg von über 90% auf heute unter 30% der Bevölkerung zurück.

Ungefähr 25% der sächsischen Bevölkerung gehören Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen stellt mit ca. einer Million Mitgliedern die größe Gemeinschaft dar, gefolgt von der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz mit ca. 62.000 Mitgliedern und der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen mit ca. 32.000 Mitgliedern im sächsischen Teil. Etwa 4% der Bevölkerung sind römisch-katholischen Bekenntnisses. Sie gehören zu den sächsischen Teilen der Bistümer Dresden-Meißen (ca. 150.000 Seelen), Görlitz (ca. 21.000 Seelen) und Magdeburg (ca. 7.000 Seelen). Besonders die katholischen Sorben in ihren Dörfern im Großraum Bautzen und die Städte Wittichenau und Schirgiswalde stellen durch lange böhmisch-habsburgische Zugehörigkeit beinahe rein katholische Enklaven dar.

Die drei jüdischen Gemeinden in Sachsen konnten zwar seit 1989 einen erheblichen Zuwachs erzielen, bilden jedoch mit insgesamt ca. 450 Mitgliedern eine sehr kleine Glaubensgemeinschaft.

Presse und Rundfunk in Sachsen

Das Angebot an regionalen Tageszeitungen in Sachsen ist sehr beschränkt. In den meisten Regionen dominiert eine Zeitung den Markt. Die Freie Presse mit Sitz in Chemnitz (Eigentümer: Medien Union, d.h. Die Rheinpfalz) legt täglich ca. 452.000 Expl. auf, die Sächsische Zeitung mit Sitz in Dresden (Haupteigentümer Gruner und Jahr) ca. 390.000 Expl. und die Leipziger Volkszeitung mit Sitz in Leipzig (Eigentümer Madsack/Springer) ca. 317.000 Expl. Durch die sehr konzentrierte Presselandschaft zählen die drei großen sächsischen Tageszeitungen zu den auflagenstärksten in ganz Deutschland. Die großen nationalen Tageszeitungen und Wochenmagazine (z. B. Frankfurter Allgemeine oder Der Spiegel) finden im Verhältnis zu den alten Bundesländern einen schlechten Absatz. Eine Besonderheit stellen sorbischsprachige Publikationen dar, wovon die Tageszeitung Serbske Noviny aus Bautzen mit etwa 1.500 Exemplaren Auflage das Angebot der großen deutschsprachigen Organe gezielt ergänzt.

Im Bereich des Fernsehkonsums existieren erhebliche Unterschiede zu den alten Bundesländern. So steht in Sachsen in der Rangfolge der beliebtesten Fernsehsender zumeist ein privater Anbieter an der Spitze. Der Mitteldeutsche Rundfunk als gemeinsame Anstalt der Länder Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen hat sich seit seinem Sendestart 1992 zu einer der wichtigsten öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radioanstalten in Deutschland entwickelt. Das Rundfunkangebot in Sachsen gestaltet sich sehr vielseitig. Unter den öffentlich-rechtlichen Programmen erfreuen sich neben dem MDR auch die nationalen Sender Deutschlandradio Berlin und traditionell der Deutschlandfunk (Köln) großer Beliebtheit. Zudem strahlen eine Vielzahl von kleinen Sendern über UKW aus, wovon sich die meisten allerdings auf leichte Unterhaltung konzentrieren.

Insbesondere die Regionalsender vermitteln einen Eindruck, wie sehr die Vielfältigkeit sächsischer Regionen nach 1989 wieder selbstbewußt zum Ausdruck gebracht wird; und nicht zuletzt auch sprachlich. So möge am Ende dieser Vorstellung Sachsens ein Wortspiel des Kabarettisten Jürgen Hart stehen, das auch für die gemütliche sächsische Lebensart sprechen mag: Sohn und Vater sehen eine Gruppe schwarzgekleideter Männer angemessenen Schrittes daherziehen. Fragt der Sohn: "Babba, was sindn das vor Leide?" "Das sind Bilcher, die loofen nach Rom!" "Und warum gehndn die Bilcher ze Fuße?" "Na, das is billcher!"

Das sächsische Wappen

Die askanischen Herzöge führten seit Ende des 12. Jahrhunderts einen mehrfach schwarz-gold geteilten Schild. Nach 1200 wurde der grüne Rautenkranz ins Wappen aufgenommen, der wohl zur Unterscheidung der Wittenberger Linie der Askanier von der anhaltinischen diente, später aber als Ehrenkranz interpretiert wurde.

 

Literaturhinweise:

Blaschke, Karlheinz: Geschichte Sachsens im Mittelalter. Leipzig 1990.

Drehwald, Suzanne/Jestaedt, Christoph: Sachsen als Verfassungsstaat. Hrsg. von Thomas Pfeiffer. Leipzig 1998.

Gerlach, Siegfried (Hrsg.): Sachsen. Eine politische Landeskunde. Stuttgart 1993.

Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands, Bd. 8: Sachsen. Hrsg. von Walter Schlesinger. (Neudruck der 1. Aufl. 1965) Stuttgart 1990.

Kaemmel, Otto: Sächsische Geschichte. Mit einem Beitrag Sachsen im 20. Jahrhundert von Agatha Kobuch, Dresden 1995.

Kötzschke, Rudolf und Kretzschmar, Hellmut: Sächsische Geschichte. Neudruck der 2. Aufl. 1965 (1. Aufl. 1935), Augsburg 1995.

Anschrift:
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