Zeitschrift

Die Bundesländer

 


Hans-Georg Wehling
Baden-Württemberg


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Inhaltsverzeichnis



Nach Gestalt und Traditionen von großer Vielfalt

Die Nummer 3 in der Bundesrepublik

Baden-Württemberg ist das drittgrößte Bundesland: nach Fläche mit 35752 qkm hinter Bayern und Niedersachsen als auch nach Einwohnern mit 10,4 Mio. hinter Nordrhein-Westfalen und Bayern. Auch der Wirtschaftsleistung nach steht der Südweststaat mit einem Bruttoinlandsprodukt von 581 Milliarden DM auf Platz 3, nach Nordrhein-Westfalen und Bayern (zum Vergleich: das gesamte deutsche Bruttoinlandsprodukt macht gegenwärtig 3,46 Billionen DM aus).

Das Land grenzt im Norden an Rheinland-Pfalz und Hessen, die längste Grenze hat es mit Bayern - vom Main bis ins Allgäu und zum Bodensee. Der Rhein bildet zugleich die deutsche Staatsgrenze zum Elsaß, nach Frankreich also. Im Süden grenzt Baden-Württemberg zudem an die Schweiz, mit einem teilweise vertrackten Grenzverlauf. So ist beispielsweise die Gemeinde Büsingen ganz von Schweizer Gebiet (Kanton Schaffhausen) umschlossen, sodaß diese Exklave zum Schweizer Zoll- und Währungsgebiet gehört. Büsingen, obwohl zum Landkreis Konstanz gehörig, hat sogar ein eigenes Autokennzeichen: BÜS.

Landschaftlich gesehen ist Baden-Württemberg ein äußerst abwechslungsreiches, vielgestaltiges Land, oft mit vielen kleinräumigen Unterteilungen. Geographen sprechen hier von Kleinkammrigkeit. Im Westen beginnt es mit dem Oberrheingraben, mit hoher Klimagunst zwischen Vogesen und Schwarzwald gelegen. Auch der Kaiserstuhl gehört dazu, mit den wärmsten Temperaturen in Deutschland (neben der Pfalz). Es ist das Land der Sonderkulturen, des Obstes und vor allem des Weins, der bis in die Ausläufer des Schwarzwaldes hier vorzüglich gedeiht. Nach Osten zu folgt der Schwarzwald mit dem höchsten Berg Baden-Württembergs, dem 1493 m hohen Feldberg. Zusammen mit dem Bodensee stellt der Schwarzwald nicht nur die baden-württembergische, sondern für viele Menschen - zusammen mit den bayerischen Alpen - die deutsche Ferienlandschaft schlechthin dar.

Es folgen das Tafelgebirge der Schwäbischen Alb, rauh und steinig, von herber Schönheit, mit dem Hohenzollern bei Hechingen (855 m) als bekanntestem Berg und dem 983 m hohen Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen als höchster Erhebung.

Nach Süden zu und gegen Bayern im Osten schließen sich die Hügellandschaft Oberschwabens - ein klassisches Bauernland -, das obstreiche Bodenseevorland und der Bodensee sowie das württembergische Allgäu an, wie das willkürlich davon getrennte bayerische Allgäu das Land der Milchwirtschaft, wegen der idealen Kombination von hohen Niederschlägen und langer Sonnenscheindauer. Der Schwarze Grat bei Isny ist mit 1118 m die höchste Erhebung Württembergs.

Der Norden Baden-Württembergs ist gekennzeichnet durch Mittelgebirge wie Odenwald, Stromberg und Heuchelberg, Löwensteiner Berge und jenen Gebirgslandschaften, die man summarisch als Schwäbischen Wald bezeichnet. Die Hohenloher (Hoch-)Ebene und das Bauland schließen sich an. Zwischendurch finden sich immer wieder fruchtbare Gäulandschaften. Durchflossen werden diese Teile Baden-Württembergs vom Neckar und seinen Nebenflüssen, in deren Tälern Wein wächst. Im Nordosten dann grenzt Baden-Württemberg an den Main, dessen Nebenfluß, die Tauber, bei Wertheim mündet.

Der Neckar entspringt im Lande (bei Schwenningen), aber auch die Donau (in der Gegend von Donaueschingen). Bis Ulm ist er ein baden-württembergischer Fluß. Kurz vor der alten Grenze zwischen Baden und Württemberg im Raum Tuttlingen versickert die Donau, was von badischer Seite bis zum heutigen Tage so interpretiert wird, die Donau wende sich bewußt ab, um nicht ins Württembergische zu müssen. Tatsächlich taucht das Wasser denn auch nicht an späterer Stelle wieder als Donau auf, sondern im Aachtopf im badischen Bodenseehinterland. Mit dieser Bemerkung sind aber bereits Besonderheiten der politischen Kultur angesprochen.

Kleinkammrigkeit auch in historischer und politisch-kultureller Hinsicht

Der deutsche Südwesten war das klassische Land der Kleinstaaterei. Eine Unzahl kleiner und kleinster Territorien beherrschten die historische Landkarte bis zu den Zeiten Napoleons, also bis Anfang des 19. Jahrhunderts: weltliche und geistliche Territorien, Deutschordensgebiete und Ritterschaften sowie eine Vielzahl Freier Reichsstädte. Größere Gebiete umfaßten lediglich die Kurpfalz (Residenzstadt Heidelberg bzw. Mannheim), käseartig durchlöchert, das Herzogtum Württemberg, einigermaßen zusammenhängend im mittleren Neckarraum (Hauptstadt Stuttgart), sowie Österreich, sehr zersplittert vom Breisgau um Freiburg bis hin vor die Tore Tübingens (Rottenburg) und nach Oberschwaben. Bequem kann man heute bei einer Tageswanderung durch drei ehemals quasi-souveräne Gebiete laufen. Eine Folge davon ist eine entsprechend hohe Kulturdichte um die ehemaligen geistlichen und weltlichen Zentren herum: mit Kirchen und Klöstern, Schlössern, Residenzstädten und -dörfern. Diese kleinen Zentren waren gute Ansatzpunkte auch für die Wirtschaftsentwicklung, besonders im Falle der Reichsstädte. Das Konzept der Zentralen Orte von Walter Christaller, das überall heute der Landesplanung zugrunde liegt, ist nicht zufällig am Beispiel des deutschen Südwestens entwickelt worden.

Die ehemalige territoriale Zugehörigkeit ist keine bloße historische Reminiszenz, sondern nach wie vor von erheblicher Bedeutung, auch für die politische Kultur. Grenzen umschreiben die obrigkeitlichen Einwirkungsmaßnahmen auf die ehemaligen Untertanen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Konfession, die festzulegen seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 Sache des Landesherrn war. Die Konfession bestimmt bis zum heutigen Tag sehr stark das Verhalten der Menschen, das bekannteste Beispiel ist das Wahlverhalten. Die kurpfälzischen Gebiete im Norden, die weit in das heutige Rheinland-Pfalz hineinreichen, sind calvinistisch geprägt. Das bedeutendste protestantische Gebiet lutherischer Prägung war das Herzogtum Württemberg, eine Art Bollwerk des Protestantismus in den weitgehend katholischen Süden hinein. Die Landesherren bestimmten aber auch das Erbrecht: ob nur einer alles erbte (Anerbenrecht) oder ob der Besitz gleichmäßig unter alle Kinder aufgeteilt wurde (Realteilung). Die Kurpfalz und das Herzogtum Württemberg sind die klassischen Realteilungsgebiete, was man sich hier wegen der größeren Ertragskraft der Böden auch eher leisten konnte. In fast allen anderen Gebieten (Hohenlohe, Schwarzwald, Oberschwaben) galt das Anerbenrecht.

Napoleon nahm dann eine große Flurbereinigung im deutschen Südwesten vor, um starke Mittelstaaten als Vasallen (Württemberg) zu gewinnen oder um die französische Ostgrenze abzusichern (Baden). Als starker Kern bot sich Württemberg für eine solche Gebietserweiterung geradezu an, das moderne Baden ist im Grunde ein napoleonisches Kunstprodukt mit einem sehr kleinen namengebenden Ausgangsbestandteil. Württemberg wurde auf diese Weise zum Königreich befördert, Baden zum Großherzogtum.

Als Anachronismus überlebten lediglich die beiden kleinen Fürstentümer Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Hechingen, einfach deshalb, weil die damalige Fürstin von Sigmaringen, Amalie Zephyrine, bereits seit vielen Jahren in Paris lebte und eine enge Freundin von Josephine Beauharnais war, der Frau Napoleons. Die Revolution von 1848/49 überlebten die Fürstentümer nicht. Seit ihnen die eigenen Untertanen das Fürchten gelehrt hatten, dienten die Fürsten den entfernten protestantischen preußischen Verwandten ihre Herrschaft an, König Friedrich Wilhelm IV. nahm an, dankbar, nunmehr das Stammschloß seiner Vorfahren im Besitz zu haben. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg lebten Hechingen und Sigmaringen als kleinste Landkreise Preußens fort, angeschlossen an die Rheinprovinz. Somit reichte Preußen jetzt bis ins Allgäu und bis in Sichtweite des Bodensees (Exklave Achberg).

Pläne, Baden und Württemberg miteinander zu vereinigen, hat es bereits in der Weimarer Republik gegeben. Für Hohenzollern kam eine Aufgabe seiner Existenz überhaupt nur im Rahmen einer Südweststaatslösung in Frage, zu tief war die Abneigung gegenüber dem benachbarten protestantischen Württemberg. Parteien und Verbände hatten teilweise in ihrer Organisationsbildung eine Südweststaatslösung schon vorwegenommen, auch die NSDAP.

Baden-Württemberg entstand erst 1952, und zwar unter großen Schwierigkeiten

Das Kriegsende 1945 teilte den südwestdeutschen Raum auf zwischen der amerikanischen Besatzungszone im Norden und der französischen im Süden. Der Grenzverlauf wurde durch die Autobahn Karlsruhe - Stuttgart - Ulm bestimmt, die die Amerikaner in ihrer Hand behalten wollten. Damit waren Baden und Württemberg jeweils zweigeteilt. Auf amerikanischer Seite entstanden so das Land Württemberg-Baden mit der Hauptstadt Stuttgart, auf französischer Württemberg-Hohenzollern (Hauptstadt Tübingen) und Baden (Hauptstadt Freiburg). Keines dieser Länder wollte so bestehen bleiben. Es stellte sich allerdings die Frage, ob man den Vorzustand wiederherstellen wollte (was mit Hohenzollern nicht ging, weil Preußen aufgehört hatte zu existieren) oder ob man gleich an eine große Südweststaatslösung gehen sollte. Lediglich (Süd-)Baden widersetzte sich energisch und immer wieder hinhaltend der großen Lösung, letztlich aus einer tiefen Abneigung gegen das als protestantisch und ungemein "schaffig" wahrgenommene Württemberg, unter dessen "Bevormundung" man nicht geraten wollte. Der entscheidende Schritt zur Bildung des neuen Südweststaates gelang mit der Verankerung des Art. 118 im neuen Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, der abweichend von der komplizierten Prozedur des Art. 29 ein vereinfachtes Verfahren zur Länderneugliederung im Südwesten erlaubte. Strittig war die Prozedur für die im Ausführungsgesetz vorgesehene Volksabstimmung: Sollte die Abstimmung auf der Grundlage der bestehenden drei Länder stattfinden, mit der Aufteilung Württemberg-Badens in die Stimmbezirke Nordwürttemberg und Nordbaden, wo-bei dann der Südweststaat als zustande gekommen galt, wenn sich die Mehrheit in drei der vier Abstimmungsgebiete dafür entschied. Oder sollte die Abstimmung getrennt nach den früheren Ländern Baden und Württemberg stattfinden, dann hätte die Bevölkerung der beiden ehemaligen Länder mehrheitlich eine Neugliederung bejahen müssen. Entschieden hat sich der Bundesgesetzgeber für den ersten Modus, und das Ergebnis fiel entsprechend aus: Nordwürttemberg, Nordbaden und Württemberg-Hohenzollern sprachen sich mehrheitlich dafür, Südbaden dagegen aus. Damit war das neue Land am 25. April 1952 zustande gekommen. Gegner der Südweststaats-Lösung rechneten vor, daß eine Abstimmung nach den alten Ländern in Baden eine knappe Mehrheit gegen den Südweststaat ergeben hätte, sie ließen in der Folge keine Ruhe, bis das Bundesverfassungsgericht für den 7. Juni 1970 eine erneute Volksabstimmung ansetzte, die dann überwältigend für Baden-Württemberg ausfiel, sicherlich auch Ausdruck der Macht des Faktischen.

Unterschiedliche politische Kulturen standen im Wege

Der "Kampf um den Südweststaat" war Ausdruck von Antipathien, für die Theodor Eschenburg den Begriff des "Nächstenhasses" geprägt hat. Baden und Württemberg besitzen eine unterschiedliche politische Kultur, bedingt durch ihre unterschiedliche Lage im Raum, mehr noch durch ihre verschiedenartigen Traditionen. Das Rheintal ist ein Durchgangsland, offen für die vielfältigsten Einflüsse, die nicht zuletzt auch über den Rhein von Frankreich herüberkamen. So ist es kaum ein Zufall, daß 1848/49 in Baden die einzige erfolgreiche Revolution in Deutschland stattfand, genauso wenig, daß der Gourmetführer Guide Michelin für Baden mit Abstand die meisten Sterne aufweist. Die zu Baden gekommenen Territorien wiesen nicht die rigide, protestantisch inspirierte Arbeitserziehung wie in Altwürttemberg auf. In Baden kann man das Leben genießen, das fällt in Württemberg schwerer. Die Württemberger (meist als "Schwaben" bezeichnet) gelten dafür als tüchtiger, denen nicht nur die Bibel, sondern auch das Sparbuch heilig ist. Dagegen haben viele Badener eine ausgesprochene Phobie entwickelt, die auch nach fast 50 Jahren des Zusammenlebens immer wieder hervorbricht, nicht nur in der Unzahl gehässiger Schwabenwitze, denen auf der anderen Seite keine Badenerwitze entgegenstehen. Tief geprägt hat Baden im 19. Jahrhundert ein Kulturkampf zwischen (liberalem) Staat und (katholischer) Kirche, der dem preußischen vorausging und nirgendwo so heftig tobte wie hier. Protestantischer Monarch und seine liberale Beamtenschaft standen einer Bevölkerung gegenüber, die zu zwei Dritteln katholisch war. Die Protestanten und Liberalen konzentrierten sich eher in den Städten und im kurpfälzischen Raum. Vom Kulturkampf her sind in Baden die parteipolitischen Scheidelinien, ja Parteipolitik überhaupt und der Stil politischer Auseinandersetzung stärker ausgeprägt als in Württemberg, das einen Kulturkampf so gut wie nicht kannte.

Das Herzogtum Württemberg war im Vergleich zum badischen Raum ein eher abgekapseltes Gebiet, von Gebirgen umgeben. Die eingeschlossene Kessellage der Hauptstadt Stuttgart ist gleichsam symptomatisch. Fremde Ideen hatten es schwerer, hier einzudringen. Obrigkeitlich wurde hier, gestützt auf einen rigorosen Protestantismus, eine über Jahrhunderte währende Arbeitserziehung von Fleiß und Disziplin betrieben, die dem Land den Anstrich eines Überwachungsstaates gab. Träger waren nicht nur, nicht einmal in erster Linie, der Herzog selbst und seine Verwaltung, sondern vor allem die bürgerlichen Eliten, die untereinander verbunden waren durch Verwandtschaft, Ausbildung und Erziehung, ganz gleich ob sie in der Verwaltung, in der Kirche, im Erziehungswesen oder in der kommunalen Selbstverwaltung tätig waren. Es war ein eher egalitäres Land, gestützt auf den (durch die Realteilung bedingt) kleinen Besitz, die Oligarchie der bürgerlichen "Ehrbarkeit" hob sich wirtschaftlich kaum davon ab, Adel gab es in diesem Land überhaupt nicht. Angesichts der vielen kleinen selbständigen Existenzen, deren Grund und Boden keine großen Sprünge erlaubten, machten Fleiß und Disziplin durchaus Sinn, waren für jedermann einsehbar. Da man zumeist nicht von dem ausschließlich leben konnte, was die Landwirtschaft hergab, sah man sich ständig nach anderen Verdienstmöglichkeiten um. Flexibilität im Denken und Handeln sowie Erfindungsreichtum waren gefragt, um die eigene Lebenssituation zu verbessern. So entstand der schwäbische "Tüftler". Insgesamt waren das alles hervorragende Voraussetzungen für den Eintritt in die Industriegesellschaft, die hier jedoch später erst im großen Stil einsetzte: in erster Linie sicherlich auch wegen der fehlenden eigenen Energie- und Rohstoffquellen. Wegen fehlender Transportwege konnte auch die Kohle für den Betrieb von Dampfmaschinen erst vergleichsweise spät ins Land gelangen. Es gab aber eben auch mentale Hindernisse: Wer nur über einen kleinen Besitz verfügt, will ihn nicht gefährden, ist risikoscheu. Geld zu investieren, das man nicht selbst verdient, sondern ausgeliehen hatte, galt als unsolide und gefährlich. In Hinblick auf die Verbindung von Innovationsbereitschaft und Scheu vor strukturellen Neuerungen, die als Experimente wahrgenommen werden, läßt sich als Mentalitätsmerkmal - auch in bezug auf die Wirtschaftsgesinnung - für heute formulieren, zugespitzt natürlich: HighTech und CDU.

Doch Parteipolitik wird in Württemberg traditionell sehr klein geschrieben, erklärbar aus der egalitären Tradition und dem fehlenden Kulturkampf. So herrschen in den Gemeinderäten die Freien Wähler vor, die landesweit 42,7% der Sitze innehaben. Selbst in einer Großstadt wie Stuttgart sind sie vertreten. Daß mehr als die Hälfte aller Bürgermeister in Baden-Württemberg insgesamt parteilos ist, paßt ebenfalls ins Bild.

Unterhalb einer badischen und württembergischen regionalen politischen Kultur liegen viele andere politische Kulturen, die man sich als geologische Gemengelage vorzustellen hat, wobei frühere politische Grenzen die Schichten markieren. So weist in Württemberg das fränkische Hohenlohe eine ganz andere regionale politische Kultur auf, mit einem weniger rigorosen Protestantismus, mit einem großzügigerem Gehabe in diesem reichen Bauernland (Anerbengebiet), das seine Mastochsen bis Paris exportierte, mit seinem weit verzweigten Herrscherhaus, das einen beinahe täglich in Kontakt mit dessen Angehörigen brachte, woraus bis zum heutigen Tage sich ein Stil der "zweideutigen" Rede erhalten hat: Man sagt deutlich seine Meinung, aber hintenherum. Oberschwaben, der südliche Teil Württembergs zwischen Donau und Bodensee, bayerischer und badischer Grenze, ist weitgehend ein katholisches Land, mit einem reichen, selbstbewußten Bauerntum, vielen Reichsstädten, Abteien und weltlichen Herrschaften. Über die Jahrhunderte hinweg standen die Bauern selbstbewußt ihren Herren gegenüber, trotzten ihnen Herrschaftsverträge ab, die Rechte und Pflichten sauber von einander abgrenzen. Aus eigener Initiative setzten sie den Prozeß der "Vereinödung" ingang, eine Reform der Agrarstruktur, die zu Aussiedlung und Arrondierung der Betriebe führte. So lag der Hof dann vielfach inmitten des eigenen Besitzes, was nicht nur betriebswirtschaftliche Vorteile brachte, sondern auch die Konflikte mit den Nachbarn minimierte. Eine Liberalität des Leben und Lebenlassens konnte sich so herausbilden, die sich deutlich vom Lebensstil im engeren, besitzmäßig verschlungenen Leben im altwürttembergischen Dorf mit seiner Realteilung unterschied. Als nach der Einverleibung ins Königreich Württemberg hier durch die neuen Beamten und Schulmeister der altwürttembergische way of life verbindlich gemacht werden sollte, bildete sich eine eigene oberschwäbische Mentalität heraus, deren einigendes Band die katholische Konfession als das Unterscheidungsmerkmal abgab, organisatorisch verstärkt durch das sich bildende katholische Vereins- und Verbandswesen einschließlich der katholischen Partei, des Zentrums, das hier nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich von der CDU beerbt werden konnte.

Die Neugliederung der Verwaltung versuchte, die historischen Bestandteile zu verzahnen

Nach der Gründung des Südweststaates 1952 orientierte man sich bei der verwaltungsmäßigen Gliederung des Landes streng an der historischen Ausgangslage. Das Vorgängerland Baden wurde zum Regierungsbezirk Südbaden mit der Hauptstadt Freiburg, dessen Regierungspräsident konnte so zum Sachwalter südbadischer Belange in Stuttgart werden. Der badische Teil des Ausgangslandes Württemberg-Baden wurde zum Regierungsbezirk Karlsruhe, der bis nach Wertheim am Main sich erstreckte. Der württembergische Teil nannte sich Regierungsbezirk Nordwürttemberg mit der Hauptstadt Stuttgart. Und das Vorgängerland im Süden wurde zum Regierungsbezirk Südwürttemberg-Hohenzollern mit der Hauptstadt Tübingen. Der Zuständigkeitsbereich der Sonderbehörden wurde dem angepaßt (z.B. die Oberschulämter). Im Zuge der territorialen Verwaltungsreform der 60er Jahre wurden auch die Regierungsbezirke gleichmäßiger und "rationaler" zugeschnitten, zudem mit der politischen Absicht, die historischen Grenzen von Württemberg und Baden aufzuheben, die Ausgangsbestandteile miteinander zu verzahnen, um sie besser zusammenwachsen zu lassen - was freilich bis zum heutigen Tage nicht gelungen ist. Hohenzollern verschwand sogar völlig von der Verwaltungskarte. So nennen sich seitdem die Regierungsbezirke nur noch nach dem Verwaltungssitz: Stuttgart, Tübingen, Karlsruhe, Freiburg.

Die Verbände orientieren sich jedoch nach wie vor an den alten Grenzen, das gilt für die Tarifgebiete der Branchen, für die landwirtschaftlichen Verbände, aber auch für den Sport. Besonders zäh halten die Kirchen an den alten Grenzen von Baden und Württemberg fest. Auf evangelischer Seite hat das Gründe, die in der Kirchenordnung und Liturgie liegen, aber auch in der inhaltlichen Ausrichtung (Württemberg lutherisch mit starker pietistischer Akzentuierung); auf katholischer Seite bestehen die Unterschiede in der kirchenpolitischen Einordnung zwischen der Erzdiözese Freiburg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Auch das umfangreiche und differenzierte kirchliche Vereinswesen ist somit organisatorisch nach wie vor am alten Gebietsstand orientiert. Das heißt: Badische Landeskirche (mit Bischofssitz in der alten badischen Hauptstadt Karlsruhe) für das alte Land Baden, Württembergische Landeskirche für das alte Land Württemberg einschließlich Hohenzollern (bis 1950 gehörte Hohenzollern zur Rheinischen Landeskirche innerhalb der Altpreußischen Union) bzw. Erzdiözese Freiburg für Baden und Hohenzollern sowie Bistum Rottenburg-Stuttgart für Württemberg. Mithin können die alten Länder Baden, Württemberg und Hohenzollern trennscharf nur noch auf den aktuellen kirchlichen Verwaltungskarten ausgemacht werden.

Die Kreis- und Gemeindereform, in Baden-Württemberg 1973 bzw. 1975 abgeschlossen, veränderte die Verwaltungskarte vollständig. Die Zahl der Landkreise wurde von 63 auf 35 verringert, die Zahl der Stadtkreise blieb mit neun konstant (Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Baden-Baden, Pforzheim, Freiburg, Heilbronn, Stuttgart, Ulm). Die Zahl der selbständigen Gemeinden reduzierte sich auf ein Drittel, nämlich von 3384 auf 1111 (einschließlich des gemeindefreien Gebiets Gutsbezirk Münsingen). Diese kommunale Gebietsreform ignorierte völlig die historischen Zugehörigkeiten. In manchen Kreisgebieten vermischen sich nunmehr badische, württembergische und hohenzollerische Bestandteile. Manche neuen Gemeinden gar sind aus ehemals badischen und württembergischen Gemeinden zusammengesetzt. So wächst in der Gemeinde Eppingen sowohl Württemberger als auch Badischer Wein. Das markanteste Beispiel stellt jedoch Villingen-Schwenningen dar: Beide Städte, wiewohl benachbart, gehören ganz verschiedenartigen historischen und politisch-kulturellen Räumen (einschließlich Konfessionsverschiedenheit) an, bis zum heutigen Tage ist diese neue Stadt nicht zusammengewachsen. Nach wie vor ist Baden-Württemberg ein Land der kleineren und mittleren Gemeinden: rund 80% haben bis zu 10000 Einwohner. Dem stehen lediglich neun Großstädte mit über 100000 Einwohnern gegenüber (das sind die genannten Stadtkreise außer Baden-Baden und Pforzheim, hinzu kommen dafür Esslingen und Reutlingen). Setzt man die Großstadtgrenze erst bei 200000 Einwohnern an - wofür zumindest nach der Gemeindereform einiges spricht -, dann kennt Baden-Württemberg mit Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe und Freiburg nur vier Großstädte. Die Landeshauptstadt Stuttgart ist mit 585000 Einwohnern die größte. Zur Bewältigung der Probleme im Stadt-Umland-Bereich, die insbesondere im Großraum Stuttgart drängend sind, ist 1994 eine dritte Ebene geschaffen worden: der Verband Region Stuttgart, bestehend aus Nachbarstädten und -kreisen. Die 87 Mitglieder der Verbandsversammlung sind zusammen mit den Gemeinde- und Kreisräten direkt gewählt worden. Strittig sind gegenwärtig noch der Status des Verbandes, Finanzausstattung (bislang im Umlageverfahren finanziert) sowie der Umfang der Kompetenzen.

Die Verfassung ist am Grundgesetz orientiert

Die Verfassung des neu gegründeten Landes Baden-Württemberg wurde am 11. 11. 1953 verabschiedet, also deutlich nach der Verabschiedung des Grundgesetzes. Entsprechend nimmt die Landesverfassung auf das Grundgesetz Bezug, verzichtet auf einen eigenen Grundrechtsteil und hat die Stellung des Ministerpräsidenten der des Bundeskanzlers nachempfunden, mit Richtlinienkompetenz und konstruktivem Mißtrauensvotum im Rahmen eines einkammerigen parlamentarischen Systems. In der Auswahl seiner Minister ist der Ministerpräsident rechtlich gesehen frei, er braucht allerdings für das Kabinett als solches die Zustimmung des Parlaments. Anders als der Bundesregierung können der Landesregierung auch Staatssekretäre und Staatsräte (ohne Geschäftsbereich) angehören, beide mit oder ohne Stimmrecht, wobei die Zahl der Staatssekretäre nicht mehr als ein Drittel der Zahl der Minister betragen darf. Seit 1972 sind Politische Staatssekretäre zur Entlastung der Minister hinzugekommen, die nicht Mitglied des Kabinetts sind (gleichwohl an dessen Sitzungen teilnehmen). Beamtete Staatssekretäre kennt Baden-Württemberg in der Regel nicht, höchster Beamter eines Ministeriums ist der Ministerialdirektor. Nur in Ausnahmefällen - wie im Staatsministerium, der Kanzlei des Ministerpräsidenten - wird der oberste Beamte in den Rang des Staatssekretärs erhoben. Mithin gibt es drei Kategorien von Staatssekretären: den mit Kabinettsrang (mit und ohne Stimmrecht), den Politischen Staatssekretär als Ministergehilfe und den Ministerialdirektor de luxe. Von der Möglichkeit, Staatssekretäre zu berufen, wird nicht zuletzt Gebrauch gemacht, um die Regierungsfraktion(en) zu disziplinieren. Minister müssen nicht Mitglied des Landtags sein, immer wieder wurde davon Gebrauch gemacht, qualifizierte Außenseiter zu berufen, jüngstes Beispiel ist die Kultusministerin Dr. Annette Schavan. Auffällig ist, daß immer wieder Bürgermeister in die Führungspositionen des Landes gekommen sind: so der gegenwärtige Ministerpräsident Erwin Teufel (wie schon sein Vorgänger Lothar Späth), Innenminister Dr. Thomas Schäuble, Finanzminister Gerhard Stratthaus, sowie der Vertreter des Landes beim Bund Willi Stächele.

Der Landtag besteht aus 120 Mitgliedern, im Regelfall zumindest. 70 Abgeordnete werden in Einer-Wahlkreisen direkt gewählt, die übrigen werden entsprechend dem proportionalen Ergebnis ihrer Parteien aus dem Kreis der Wahlkreisbewerber genommen, die absolut die besten Stimmergebnisse erzielt hatten (Prinzip des "ehrenvollst Unterlegenen"). D.h. es gibt keine Landeslisten - was den Parteien die Fraktionsplanung erschwert. Bei diesem Verfahren kann es Überhangmandate geben, wenn eine Partei mehr Kandidaten in der Direktwahl durchgebracht hat, als ihr vom Gesamtergebnis prozentual zustehen. Dafür erhalten die anderen Parteien dann Ausgleichsmandate, damit die Gesamtproportionen wieder stimmen. Auf diese Weise wächst der Landtag leicht über die Regelzahl hinaus, so nach der Wahl von 1996 auf 155 Mitglieder! Baden-Württemberg hält am Modell des Teilzeitparlamentariers fest, nur wenige Abgeordnete sind Berufspolitiker. Der sozialen Zusammensetzung nach sind ca. 60% Angehörige des öffentlichen Dienstes, ca. 20% sind Selbständige und Freiberufler, ca. 20% sind Angestellte. Der Akademikeranteil ist mit rund 70% sehr hoch, der Frauenanteil mit rund 16,77% gering, beides mit charakteristischen Abweichungen nach Fraktionen: So haben die GRÜNEN sowohl den höchsten Akademiker- als auch den höchsten Frauenanteil. Das hohe Durchschnittsalter (ca. 50 Jahre) macht deutlich, daß politische Karrieren langfristig angelegt werden müssen.

Bislang ist die Landesverfassung nur 17mal geändert worden (das Grundgesetz 43mal), teilweise zur Stärkung des Landtags. So wurde das Petitionsrecht verbessert (z.B. Aktenzugang auch ohne Einschaltung der jeweiligen Ministeriumsspitze, Art. 35a), Verwandlung des Notstandsrechts von der Stunde der Exekutive zur Stunde der Legislative (Art. 62), Stärkung der Untersuchungsausschüsse (z.B. striktes Verbot, den Untersuchungsgegenstand gegen den Willen der Minderheit abzuändern, Art. 34 und 35), Mitsprache des Landtags in Fragen der Europäischen Union (Stellungnahme des Landtags in Fragen von "herausragender politischer Bedeutung" und wenn "wesentliche Interessen des Landes unmittelbar" berührt werden; wenn dadurch die Gesetzgebung des Landes betroffen wird, "berücksichtigt die Landesregierung die Stellungnahme des Landtags", Art. 34a).

Die Verfassung Baden-Württembergs kennt auch direktdemokratische Elemente: So kann der Landtag durch Volksabstimmung aufgelöst werden, wenn ein Sechstel der Wahlberechtigte es verlangt und die Mehrheit der Stimmberechtigten dem beitritt (Art. 43). Bislang ist ein solcher Versuch erst einmal unternommen worden, und zwar von Gegnern der kommunalen Gebietsreform 1971; sie sind kläglich gescheitert. Seit 1974 gibt es zudem die Möglichkeit der Volksgesetzgebung (Art. 59/60): Ein Sechstel der Wahlberechtigten kann ein solches Volksbegehren einleiten. Macht der Landtag sich den entsprechenden Gesetzesentwurf nicht zu eigen, wird er in einer Volksabstimmung Gesetz, wenn die Mehrheit ein Drittel der Wahlberechtigten ausmacht. Auf Verlangen von einem Drittel der Landtagsmitglieder kann die Regierung ein bereits beschlossenes Gesetz zur Volksabstimmung vorlegen. Ähnliches gilt für ein Gesetz, das vom Landtag eingebracht worden ist. Bislang hat es in Baden-Württemberg jedoch keinen einzigen Fall von Volksgesetzgebung gegeben.

Das Schwergewicht der Parlamentsarbeit hat sich, wie in den anderen Ländern auch, auf die Verwaltungskontrolle verlagert, nachdem die großen landespolitischen Gesetzgebungsvorhaben wie Bildungsreform, kommunale Gebietsreform und Mediengesetzgebung abgeschlossen sind.

Die CDU als dominierende Partei

Für das Parteiensystem Baden-Württembergs ist charakteristisch: die Dominanz der CDU, die relative Schwäche der SPD trotz einer für sie günstigen Sozialstruktur (Arbeiter- und Protestantenanteil), eine vergleichsweise starke FDP (Baden-Württemberg gilt als "Stammland der Liberalen"), die frühe Behauptung der GRÜNEN (seit 1979 im Landtag).

Von Dr. Reinhold Maier (FDP/DVP), dem ersten Ministerpräsidenten, abgesehen, der eine Koalition gegen die CDU aus FDP/DVP, SPD und GB/BHE zustande gebracht hatte (1952/53), gehörten alle Ministerpräsidenten der CDU an: Dr. Gebhard Müller (1953-58), Dr. Kurt Georg Kiesinger (1958-1966), Dr. Hans Filbinger (1966-1978), Lothar Späth (1978-1991), Erwin Teufel (seit 1991). Von 1972 bis 1992 konnte die CDU sogar mit absoluter Mehrheit allein regieren. 1966 bis 1972 und dann wieder von 1996 kannte das Land eine Große Koalition, ansonsten regierte die CDU mit der FDP/DVP. Die immer wieder aufgetretene Notwendigkeit von Koalitionen hat verhindert, daß die Beamtenschaft ebenfalls dominiert ist.

Obwohl die CDU des Landtags fast immer Regierungsfraktion gewesen ist, hat sie sich zumindest in den letzten Jahrzehnten stets auch als Gegengewicht zur Regierung verstanden. Die Fraktionsführer seit Lothar Späth profilierten sich gegen den eigenen Ministerpräsidenten, um ihn ablösen zu können, wenn er in Schwierigkeiten geraten war.

Die Gewichte im Parteiensystem sind Ausfluß der politischen Kultur. In einem traditionell organisationsfeindlichen Gebiet wie Altwürttemberg, in dem persönliche Bindungen mehr zählen als straffe Organisation, zudem mit einem ausgeprägten religiösen Hintergrund, hat es eine zentralistische und organisationsgläubige Partei wie die SPD von vornherein schwer. Hinzu kommt die Skepsis eines Realteilungsgebietes gegen alle gesellschaftlichen Umgestaltungsansprüche. Ein Großteil der Arbeiter sind von Hause aus Arbeiterbauern und Pendler, die in ihrer dörflichen Umgebung sich nicht zuletzt von ihrem kleinen Besitz her definieren. So paßte die CDU besser zur politischen Kultur des Landes und konnte leichter die ursprünglich starken Liberalen beerben. Die SPD sank bei der letzten Landtagswahl mit 25,1% auf einen historischen Tiefpunkt. Zu beachten ist allerdings, daß der badische Landesteil ein sehr viel "normaleres" Wahlverhalten zeigt, das sich viel stärker an den sozialstrukturellen Gegebenheiten (einschießlich Konfession) orientiert.

Starke Bürgermeister, mehr direkte Einwirkungsmöglichkeiten der Bürger

Die baden-württembergische Kommunalpolitik ist durch starke Bürgermeister gekennzeichnet sowie durch mehr direkte Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger von Anfang an.

Die Macht des Bürgermeisters ist zunächst eine Folge der Kompetenzballung: Der Bürgermeister ist zugleich stimmberechtigter Vorsitzender des Gemeinderats und aller seiner Ausschüsse, Chef einer monokratisch strukturierten - also auf ihn zugespitzten - Verwaltung sowie Repräsentant und Rechtsvertreter der Gemeinde nach außen. Hinzu kommt die direkte Wahl des Bürgermeisters durch das Volk, die unabhängig von der Ratswahl stattfinden muß. Die Amtsperiode beträgt acht Jahre, ist also bedeutend länger als die des Rates mit fünf Jahren. Kandidieren dürfen zudem nur Einzelpersonen, Parteienvorschläge sind ungültig. Kein Wunder, daß die Hälfte aller Bürgermeister parteilos ist, die anderen haben ein eher instrumentelles Verhältnis zu den Parteien. Mit ansteigender Gemeindegröße erhöht sich der Anteil der Parteimitglieder, vor allem weil sie im Wahlkampf auf die organisatorische und finanzielle Unterstützung durch Parteien angewiesen sind. Es kommt aber durchaus vor, daß Kandidaten einer Minderheitspartei am Ort zu Bürgermeistern gewählt werden, weil sie als Persönlichkeit überzeugen oder weil die Wähler ein Gegengewicht haben wollen (auch im Sinne einer "Filzbremse").

Regieren können Bürgermeister einer Minderheitspartei nicht zuletzt deshalb, weil die Gemeinderäte ein differenzierteres Parteiensystem als bei Bundestags- und Landtagswahlen aufweisen bzw. weil sie weitgehend ihren Honoratiorencharakter wahren konnten. In einer Stadt wie Reutlingen z. B. - mit 106000 Einwohnern eine der neun Großstädte des Landes -, die bei Bundes- und Landtagswahlen mehrheitlich CDU wählt, umfaßt der Gemeinderat Mitglieder folgender acht Gruppierungen: CDU und eine Abspaltung der CDU, SPD und eine Abspaltung der SPD, Freie Wähler, GRÜNE, Freie Frauenliste, FDP. Das kommunale Wahlrecht, das die Möglichkeiten zur Stimmenhäufung (kumulieren) und zum Listenwechsel (panaschieren) zuläßt, begünstigt die Profilierung Einzelner und prämiert Abspaltungen. Die Wähler kumulieren und panaschieren vorzugsweise solche Kandidaten, die in der Gemeinde etwas sind und etwas gelten. Das sind die Angehörigen angesehener Familien und Berufe, aber auch Vereinsvorsitzende. Parteifunktionäre, die keine weiteren Qualifikationen vorzuweisen haben, werden nicht gewählt. Die Listenmacher von Parteien und Wählervereinigungen wissen das und nominieren ihrerseits im Konkurrenzkampf vorzugsweise allseits bekannte und beliebte Persönlichkeiten als Stimmenfänger, so daß der genannte Effekt sich verdoppelt. Auch in Gemeinden, in denen nur die Bundestagsparteien vertreten sind, ist dieses Auswahlverhalten schon bei Aufstellung der Listen zu beobachten, weil die Gefahr einer weiteren Konkurrenz potentiell immer vorhanden ist. Mit solchen Gemeinderäten kann auch ein parteiloser Bürgermeister oder einer der Minderheitspartei am Ort in der Regel mühelos kooperieren.

Die starke Stellung des Bürgermeisters schafft klare Verantwortlichkeiten. Er kann sich hinter niemanden verstecken, und er muß Leistung erbringen, will er wiedergewählt werden. Die Bürger wählen in der Regel gelernte Verwaltungsfachleute (zu 89%!), die aber mehr aufweisen müssen: Bürgernähe und die Fähigkeit, Konzeptionen für die Zukunft der Gemeinde zu entwickeln. Unter den rund 1030 hauptamtlichen Bürgermeistern befinden sich lediglich 12 Frauen, deren erste 1990 gewählt worden ist (Beate Weber als Oberbürgermeisterin von Heidelberg), nicht zuletzt ein Ausdruck überkommener Rollenvorstellungen.

Über Jahrzehnte hinweg war Baden-Württemberg neben Bayern das einzige Land, das den volksgewählten Bürgermeister kannte. Inzwischen sind alle Flächenstaaten diesem Beispiel gefolgt. Bis in die neunziger Jahre war Baden-Württemberg sogar das einzige Bundesland, das das Instrument von Bürgerbegehren und Bürgerentscheid kannte, mit dessen Hilfe sich die Bürgerschaft jederzeit direkt in die Kommunalpolitik einmischen kann, und zwar entscheidend. Von dieser Möglichkeit wird allerdings nur selten Gebrauch gemacht, sicherlich auch eine Folge der restriktiven Regelungen (z. B. reicht bei der Abstimmung nicht die Mehrheit aus, sie muß gleichzeitig 30% der Abstimmungsberechtigten ausmachen). Übersehen werden sollte jedoch nicht, daß die Existenz des Instruments allein schon Kommunalpolitik verbessern mag, weil es die gewählten Vertreter zwingt, nah am Bürger zu entscheiden, um keinen Bürgerentscheid heraufzubeschwören. - Auch im Fall von Bürgerbegehren und Bürgerentscheid sind inzwischen alle Flächenstaaten dem baden-württembergischen Beispiel gefolgt, allerdings zum Teil mit großzügigeren Regelungen, was das Zustimmungsquorum und die Entscheidungsgegenstände angeht.

Der Reichtum des Landes sind nicht Bodenschätze und Energiequellen, sondern seine Menschen

Über nennenswerte Bodenschätze und Energiequellen verfügt das Land nicht. Erst die Transportierbarkeit von Energie (Kohle per Schiff und Bahn; Elektrizität) machte in Baden-Württemberg eine Industrialisierung möglich, in Baden früher (Rhein), in Württemberg später. Den wirtschaftlichen Reichtum Baden-Württembergs machen jedoch seine Menschen aus, durch ihren hohen Ausbildungsstand, mehr noch durch ihre Arbeitsmentalität, die wiederum Ausfluß einer spezifischen politischen Kultur ist. Die Industriestruktur ist entsprechend dezentralisiert, zugespitzt formuliert: Jedes Dorf hat sein "Fabrikle". Die Produktpalette ist ausgesprochen vielfältig, bestimmt durch Knowhow, Erfindungs- und Einfallsreichtum, Innovaton. Baden-Württemberg steht nicht zufällig an der Spitze bei den Patentanmeldungen in Deutschland. An erster Stelle der Wirtschaftsstruktur rangiert das produzierende Gewerbe mit den Branchen Maschinenbau, Fahrzeugbau (Daimler-Chrysler, Porsche, Audi) einschließlich Zulieferer (Bosch, ZF = Zahnradfabrik Friedrichshafen), Elektrotechnik. Knapp die Hälfte der Wertschöpfung im Lande wird hier erbracht, und jeder zweite Erwerbstätige ist hier beschäftigt. An zweiter Stelle folgt die Verbrauchsgüterindustrie mit Textil, Holz-und Kunststoffverarbeitung. Schwach vertreten ist der Dienstleistungsbereich. Politiker beklagten immer wieder, daß keine deutsche Großbank ihren Sitz im Lande hat, und kein Ministerpräsident wird müde, sich um Bankenfusionen im Lande zu bemühen. Die Schwierigkeiten liegen auch hier in den Gegensätzen zwischen den Landesteilen (soll die neue Großbank ihren Sitz im Badischen oder Württembergischen haben?). Inzwischen jedoch hat die Politik eine Fusion landes- und gemeindeeigener Banken zur Landesbank Baden-Württemberg zustande gebracht, die am 1. 1. 1999 ins Leben trat.

Die Landwirtschaft ist - wie überall in Deutschland - nur noch von geringer wirtschaftlicher Bedeutung, auch wenn sie das Bild des Landes immer noch stark prägt und im Bereich der Sonderkulturen Erhebliches zur Bekanntheit des Landes beiträgt: Badischer und Württemberger Wein, Schwetzinger und Bruchsaler Spargel, Obst und Obstbrände (Schwarzwälder Kirsch), Sauerkraut (von den Fildern oberhalb Stuttgarts), Tettnanger Hopfen, Allgäuer Käse.

Mit der Branchenstruktur allein wäre die Wirtschaft des Landes jedoch nur sehr unvollkommen beschrieben. Eine Fülle von Markenprodukten, weit in der Welt bekannt, kommt aus dem Land. Gerade die für das Land so typischen mittelständischen Betriebe, häufig im Familienbesitz und vom Erfindungsreichtum ihrer Besitzer lebend, sind es, die sich mit ihren Produkten einen Namen gemacht haben: so etwa Reisebusse von Neoplan und Setra, Wohnwagen von Dethleffs und Hymer, Baumaschinen, Kräne, aber auch Kühlschränke von Liebherr, Bizerba-Waagen, Grohe-Sanitärarmaturen, Hartmann-Watte, Triumpf-Miederwaren und Wäsche, Boss-Anzüge, Salamander-Schuhe, Junghans-Uhren, Steiff-Tiere, Märklin-Modelleisenbahnen und -Baukästen, UHU-Alleskleber, WMF-Bestecke, aber auch Sauerkonserven und Senf von Hengstenberg. Maggi und Knorr sind allerdings Töchter Schweizer Konzerne. Viele kleine, dem breiten Publikum unbekannte, aber für die Produktion unverzichtbare Produkte kommen aus dem Land, oftmals mit einer monopolartigen Stellung. So etwa im Bereich der Meß- und Regeltechnik. Und wer hätte gedacht, daß nahezu alle Jeanshosen der Welt Lederetiketten tragen, die aus Isny im Allgäu (oder dessen nordamerikanischem Tochterunternehmen) stammen?

Monostrukturen kennt also die Wirtschaft Baden-Württembergs nicht, dementsprechend ist sie nicht allzu konjunkturabhängig, wenngleich inzwischen vom Fahrzeugbau sehr viele Arbeitsplätze abhängen. Die Arbeitslosigkeit ist entsprechend gering (7,9%). Sehr hoch ist die Exportabhängigkeit. Der Ausländeranteil beträgt Anfang 1999 12,7%.

Hochschullandschaft Baden-Württemberg

Baden-Württemberg bietet eine profilierte Hochschullandschaft, der Rohstoffarmut und der Exportorientierung durchaus angemessen. 64 Hochschulen, darunter 10 Universitäten, von denen drei - Heidelberg (die älteste deutsche Universität überhaupt, 1386 gegründet), Freiburg, Tübingen - zu den ältesten und angesehensten in Deutschland gehören, 34 allgemeine Fachschulen, 5 Verwaltungsfachhochschulen, 6 Pädagogische Hochschulen, 8 Kunsthochschulen, 1 Theologische Hochschule. Zwei private Universitäten sind in Planung, eine davon, nämlich in Bruchsal, auch bereits eröffnet. Hinzu kommen als weitere Einrichtungen des tertiären Bildungssektors acht Berufsakademien, die in besonderer Weise Studium und Berufspraxis miteinander verknüpfen (außer Baden-Württemberg nur noch in Berlin und Sachsen). In der Bildungspolitik allgemein, in der Schulpolitik im besonderen, gehört Baden-Württemberg mit Bayern zusammen zu den eher konservativen Ländern. Seit eh und je besteht hier Zentralabitur. Inzwischen kann man hier das Abitur bereits nach acht Jahren machen.

Die immense Kulturdichte ist auch eine Folge der historischen Zersplitterung

Die dezentrale Struktur des Landes als Erbe der historischen Zersplitterung hat eine immense Kulturdichte zur Folge. Das betrifft nicht nur das vorzeigbare Erbe in Form von Baudenkmalen aller Stilrichtungen: Klöster, Kirchen, Schlösser, liebevoll gepflegte Stadtensembles. Die vielen Zentren des Landes bieten viel, auch in Form kultureller Veranstaltungen. Das betrifft insbesondere die große Zahl alter Reichsstädte im Lande. Schlösser und Kirchen sind Veranstaltungsorte für Konzerte und Festspiele. Daß bis zur Gründung des Südweststaates 1952 zwei überkommene Hauptstädte bestanden, nämlich Karlsruhe und Stuttgart, hat dazu geführt, daß bestimmte staatliche Kultureinrichtungen doppelt vorhanden sind: Landesbibliothek, Landesmuseum, Staatsgalerie (Stuttgart) bzw. Staatliche Kunsthalle (Karlsruhe), Staatstheater und Staatsoper. Die Stuttgarter Staatsoper wurde von Kritikern 1998 zum "Opernhaus des Jahres" gewählt. Das Ballett gilt als eines der besten der Welt, mit einer hohen Beliebtheit: für eher "verdruckte", pietistisch geprägte Altwürttemberger eine Form von Erotik, die man (und natürlich auch frau) sich gestatten kann, weil sie "Kunscht" ist (Erotik "helinge" sozusagen). - Kommunale Theater als Ausfluß bürgerlichen Selbstbewußtseins kommen hinzu, von denen nicht zuletzt das Nationaltheater Mannheim eine große Tradition besitzt.

Eine vielfältige Medienlandschaft

Auch in Hinblick auf die Auflagen der Tageszeitungen nimmt Baden-Württemberg nach Nordrhein-Westfalen und Bayern den dritten Platz ein. 50% der Haushalte werden damit erreicht. Doch die Zeitungslandschaft ist hier ausgesprochen zersplittert. So gibt es insgesamt 17 publizistischen Einheiten mit 64 selbständigen Zeitungsverlagen. Typisch ist die mittelgroße Heimatzeitung. Lediglich neun Zeitungen haben eine Auflage von über 125000 Exemplaren. Der Größe nach sind das die Schwäbische Zeitung (Leutkirch im Allgäu), Mannheimer Morgen, Badische Zeitung (Freiburg), Badische Neuesten Nachrichten (Karlsruhe), Stuttgarter Zeitung, Schwarzwälder Bote (Oberndorf am Neckar), Südkurier (Konstanz). Hinzu kommen die beiden Mantellieferanten Südwestpresse (Ulm) und Stuttgarter Nachrichten, die damit die höchsten Auflagen im Land insgesamt innehaben. In der Landeshauptstadt Stuttgart konkurrieren die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten miteinander, die aus dem selben Verlag kommen und eine gemeinsame Anzeigen- und Vertriebsabteilung haben. Ansonsten sind lokale und regionale Monopole für das Land charakteristisch. Typisch für Baden-Württemberg ist, daß es keine "Landeszeitung" gibt (wie etwa in Bayern die Süddeutsche Zeitung), die überall verbreitet, vielleicht sogar tonangebend wäre. Auffällig ist, daß die Zeitungen sich ziemlich genau an die alten Landesgrenzen zwischen Baden und Württemberg als ihrem Verbreitungsgebiet halten. Wo eine Gemeinde nach der kommunalen Gebietsreform aus badischen und württembergischen Ortsteilen zusammengesetzt ist wie Villingen-Schwenningen, wird im einen Stadtteil die badische Zeitung, im anderen die württembergische vorwiegend gelesen.

In der öffentlich-rechtlichen Rundfunklandschaft spiegelten sich bis 1998 die alten Besatzungsverhältnissen nach 1945 bzw. die Länderaufteilung vor der Gründung Baden-Württembergs wieder: Die ehemalige amerikanische Zone (Nordwürttemberg, Nordbaden) war das Sendegebiet des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (SDR), für die französische Zone (Südbaden, Südwürttemberg-Hohenzollern) war der Südwestfunk Baden-Baden (SWF) zuständig, als Zweiländer-Anstalt zudem auch für Rheinland-Pfalz. Nach vielen Anläufen von Seiten der Politik ist es inzwischen gelungen, zum 1. Januar 1998 eine einheitliche Zweiländer-Anstalt durch Staatsvertrag zu gründen, deren Sendegebiet ganz Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz umfaßt. Sie ist am 30. August 1998 als Südwestrundfunk (SWR) auf Sendung gegangen. Nach dem Westdeutschen Rundfunk ist der SWR damit, gemessen sowohl an den Gesamtaufwendungen als auch der Zahl der Beschäftigten die zweitgrößte Anstalt innerhalb der ARD.

Im Bereich des privaten Hörfunks gibt es in Baden-Württemberg drei Bereichssender (Radio Regenbogen, Antenne 1/Antenne RT 4, Radio 7), 15 Lokalsender und 14 nichtkommerzielle (z.B. Uni Welle der Universität Tübingen) Veranstalter. Hinzu kommen fünf private Fernsehanbieter.

Baden-Württemberg ist mit weitem Abstand das Fachpresseland Nr. 1 in Deutschland (mit einem Umsatz von 45,7%). Sowohl der Zahl der Verlage (472 = 17%) als auch den erwirtschafteten Umsätzen (29,5%) nach ist Baden-Württemberg auch das Buchland Nr. 1. Mehr als jedes fünfte neue Buch kommt aus Baden-Württemberg. Im Multimedia Bereich nimmt das Land vor Hessen, der Schweiz und Bayern - gemessen an Umsatz, Pro-Kopf-Umsatz und Wachstum - den ersten Platz im deutschsprachigen Raum ein.

Das Wappen:

Das Drei-Löwen-Wappen ist dem Wappen der Staufer nachempfunden, die bis 1268 Herzöge Schwabens waren.

Die zwei mittleren Wappen der Wappenkrone repräsentieren die beiden früheren Staaten: Baden mit rotem Schrägbalken auf goldenem Grund und Württemberg mit drei übereinanderliegenden Hirschstangen. Des weiteren sind noch der "Fränkische Rechen" zu sehen, der "Zollernschild" für die ehemals hohenzollerischen Gebiete, der goldene Löwe der Kurpfalz und der österreichische "Brückenschild". Der Hirsch ist Schildhalter früherer württembergischer, der Greif badischer Staatswappen.

Das kleine Landeswappen zeigt nur das Drei-Löwenschild. Anstatt der Wappenkrone ist eine goldene Blattkrone, auch "Volkskrone" genannt, zu sehen.

Da von Monarchenkronen älterer Staatswappen eindeutig verschieden, soll sie die Volkssouveränität symbolisieren.

Literaturhinweise

Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs. Bd. 1-27. Hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Insbes.: Baden-Württemberg. Eine politische Landeskunde. (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs,1). Stuttgart 1996.

Taschenbuch Baden-Württemberg. Gesetze - Daten - Analysen. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg. Neuausgabe. Stuttgart 1999.


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