Zeitschrift

Die Bundesländer

 


Elisabeth Abendroth/Klaus Böhme
Hessen


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Inhaltsverzeichnis



Drei Hessen unter einem Hut

Historisch, nicht geographisch abgegrenzt

Hessen, mit 21114 qkm eines der kleineren Bundesländer, im Herzen Europas und nach der Wiedervereinigung 1989 im Zentrum Deutschlands gelegen, ist in seiner heutigen politischen Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Proklamation Nr. 2 der US-Militäradministration am 19. September 1945 entstanden. Es grenzt im Westen an die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, im Norden an Niedersachsen, im Osten an Thüringen, im Südosten an Bayern und im Süden an Baden-Württemberg. Der Grenzverlauf Hessens orientiert sich kaum an geographischen Gegebenheiten, wie etwa im Norden streckenweise an der Weser oder im Osten zum Teil am Lauf der Werra. Ansonsten zieht sich die Landesgrenze im Westen mitten durch das Rheinische Schiefergebirge, im Südosten zerschneidet sie den Odenwald und den Spessart und im Süden zerteilt sie den Wirtschaftsraum des Rhein-Neckar-Dreiecks.

Hessen ist ein Mittelgebirgsland. Die Vielfältigkeit seiner Landschaften hat Geschichte und Gegenwart geprägt. Das alte, erzreiche, schroff konturierte Rheinische Schiefergebirge an Lahn, Dill und Sieg im Westen ist durch einen mehrere Hundertmillionen Jahre dauernden Abtragungsprozeß entstanden. Die ersten Besiedlungshinweise reichen bis in die Bronzezeit zurück und die dortigen Eisenerzvorkommen wurden bereits in vorchristlicher Zeit ausgebeutet. Ortsnamen in dieser Gegend wie Silberberg und Goldhausen deuten darauf hin, daß auch edlere Metalle gefunden worden sind. Für Osthessen charakteristisch sind geologisch viel jüngere Buntsandsteinformationen, zum Teil bewaldete, weitgespannte Plateaulandschaften, die durch ihre mineralarmen Böden die Nutzung durch den Menschen erschweren, historisch eine dünn besiedelte, arme Gegend. Prägend für das geographische Bild Hessens sind die Vulkanberglandschaften - die älteren wie der Vordere Odenwald und der Vordere Spessart - sind die Folge einer starken Hebung am Rande des Oberrheingrabens, und die wesentlich jüngeren Basaltberge des Westerwalds, der Hohen Rhön, des Hohen Meißners, des Kaufunger Walds und des Knülls sind das Ergebnis vulkanischer Tätigkeit vor ca. 50 Millionen Jahren. Die größte zusammenhängende Basaltberglandschaft ist der Vogelsberg, hessischer Teil eines riesigen europäischen Grabens aus dem Tertiär, der im Rhonetal in Ostfrankreich beginnt, sich über den Oberrheingraben fortsetzt, Hessen in nordöstlicher Richtung durchzieht und im Mjösengraben in Skandinavien endet. Der hessische Teil dieser Tertiärlandschaft ist durch mehrere beckenartige Senken gegliedert, die Wetterau, das Gießener Becken, das Amöneburger Becken, das Schwalmbecken, das Fritzlar-Waberner Becken und die Kasseler Becken.

Dieser "Westhessischen Senke" steht die "Osthessische Senke" von der Haunau-Seligenstädter Gegend, dem Kinzigtal, dem Fuldaer, dem Hersfelder, dem Bebraer Becken bis zum Werratal und dem Leinegraben gegenüber. Diese Senkenzonen mit ihren dort abgelagerten Lößböden wurden zu den ersten Besiedlungsgebieten. So verweisen beispielhaft die ältesten menschlichen Spuren in Münzenberg und in der Wetterau auf die Altsteinzeit. Zum anderen boten sich diese Zonen als Durchgangsstraßen für Völkerwanderungen an, Straßen, die überall in Hessen ihre Spuren hinterließen. So ist Hessen das Land mit den meisten vor- und frühgeschichtlichen Festungsanlagen, deren Überreste zum Teil noch heute zu besichtigen sind, wie der jüngst durch sensationelle Funde aus keltischer Zeit bekannt gewordene Glauberg bei Büdingen, der Christenberg bei Marburg und der Büraberg bei Fritzlar. Auch in der Römerzeit wurde Hessen zum Durchgangs- und Kriegsschauplatz, lebendig durch die Erinnerung an die Chattenkriege. Reste des Limes im Taunus und im Odenwald zeugen von der römischen Tradition, die neben vielen anderen Prägungen, auch den Weinbau an die Bergstraße und in den Rheingau brachte.

Vom "populus Hassiorum" zu "Greater Hesse"

Im Jahre 738 wird erstmals ein "populus Hassiorum" (Volk der Hessen) in einem Sendschreiben von Papst Gregor III an den heiligen Bonifatius erwähnt. Gemeint waren vor allem die Bewohner der Gegend um Fritzlar und des Kasseler Beckens. Wo jedoch "die" ursprünglichen Hessen angesiedelt waren und woher sie kamen ist bis heute wissenschaftlich kontrovers und ungeklärt. Erst seit dem Karolingischen Zeitalter ist Genaueres über die Territorialstruktur im Gebiet des heutigen Hessen überliefert. Die zu Beginn der Karolingerherrschaft gegründeten Benediktinerabteien Fulda, wo Bonifatius begraben liegt, Hersfeld und Lorsch an der Bergstraße waren wichtige Stützpunkte der Königsmacht, von denen äußerst bedeutsame kulturelle und ökonomische Entwicklungsimpulse ausgingen. Unter Karl dem Großen avancierte das ehemals römische Rhein-Main-Gebiet mit den Kaiserpfalzen um Mainz und Worms zum Machtzentrum des Frankenreiches, während Nordhessen zum Aufmarschgebiet für die Sachsenfeldzüge wurde. Nach der Reichsteilung unter Karls Enkeln wählte Ludwig der Deutsche Frankfurt als Hauptstadt seines Reichsteils. Die Namen der karolingischen Verwaltungsseinheiten, der "Gaue" sind über Jahrhunderte überliefert: "Königssundergau" um Wiesbaden, "Rhein-Maingau", damals südlich des Mains, "Niddagau" und "Wettereiba" im Limesgebiet, "Lahngau" um Marburg und "Hessengau" mit dem Mittelpunkt Maden bei Gudensberg.

Als bedeutendste unter den hessischen Grafen vereinten Ende des 9. Jahrhunderts die Konradiner mit dem Lahn-, Hessen- und Rheingau sowie der Wetterau fast das gesamte Gebiet des heutigen Hessen unter ihrer Herrschaft. Die Kirchen ihrer Stiftsgründungen in Limburg, Weilburg und Wetzlar sind überkommene Zeugnisse ihrer Macht. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts erheiratete Ludwig von Thüringen das in Urkunden als "terra Hassia" (hessische Erde) bezeichnete, durch Städteneugründungen geprägte Gebiet um Kassel und Marburg. Sein Nachkomme Ludwig III nannte sich 1189 erstmals "rector Hassiae" (Fürst von Hessen). Im 12. Jahrhundert verstetigte sich auch Frankfurts Aufstieg zur bedeutenden Stadt der Kaiserkrönungen und Messen. 1152 empfing Barbarossa dort die Königskrone. Das durch die befestigten Reichsstädte Gelnhausen, Friedberg und Wetzlar gesicherte Rhein-Main-Gebiet wurde zum ökonomischen, kulturellen und politischen Zentrum des Reiches. 1240 verlieh Kaiser Friedrich II der Stadt Frankfurt das Messeprivileg und legte damit den Grundstein für die bis heute andauernde Rolle der Stadt am Main als Wirtschafts- und Finanzmetropole. Bedeutender als Frankfurt war damals Marburg. Zum Grab der 1231 verstorbenen und später heiliggesprochenen Elisabeth von Thüringen strömten Pilgerscharen aus dem ganzen Reich. 1248 ließ Elisabeths Tochter Sophie von Brabant ihren kleinen Sohn Heinrich zum "neuen Herrn des Landes Hessen" ausrufen. Das Marburger Schloß wurde zum kulturellen und politischen Zentrum der neuen Landgrafschaft, die die durch das Gebiet der Grafen von Ziegenhain und Nidda räumlich voneinander getrennten Regionen um Kassel, Eschwege und Rotenburg, Marburg, Alsfeld und die Stadt Gießen umfaßte. Daneben behaupteten sich die Fürstenfamilien der Hanauer, Isenburger, Solmser, der Katzenelnbogener und der Lauenburg-Nassauer, die über mehrere Generationen die Mainzer Bischöfe stellten, und der Schenken von Erbach im Odenwald. Landgraf Ludwig der Friedfertige erlangte auf dynastischem Wege das Erbe der Ziegenhainer und die Lehnshoheit über die Grafschaft Waldeck und führte so 1459 Ober- und Niederhessen zusammen. 1479 kam die Grafschaft Katzenelnbogen mit St. Goar, Rheinfels, Darmstadt, Groß-Gerau, Zwingenberg und Reinheim hinzu.

Einer der bekanntesten Landgrafen: Philipp der Großmütige

Nicht zu Unrecht ist Ludwigs Nachkomme Philipp der Großmütige bis heute einer der bekanntesten Landgrafen von Hessen geblieben. Als Anhänger Martin Luthers war er einer der profiliertesten Befürworter der Reformationsbewegung. Ab 1526 finanzierte er mit dem Vermögen der aufgehobenen Stifte und Klöster den Neuaufbau vorbildlicher Schulen, Landeshospitäler und Einrichtungen der Armenpflege sowie die Gründung der ersten evangelischen Universität in Marburg. Obwohl das "Marburger Religionsgespräch" von 1529, bei dem die Reformatoren Luther, Zwingli und Melanchton um die Grundfragen ihrer neuen Zeit rangen, ohne theologischen Konsens endete, kam es im damals hessischen Schmalkalden zum Zusammenschluß der Waldecker, der Nassauer Grafen und der freien Reichsstadt Frankfurt mit der Landgrafschaft Hessen zum Evangelischen Bund. Im Schmalkaldischen Krieg wurden die Territorien der Verbündeten verwüstet. Landgraf Philipp mußte lange Jahre in kaiserlicher Gefangenschaft verbringen. Nach Philipps Tod 1567 wurde das mühsam geeinte Land an seine vier Söhne verteilt. Trotz der zunächst weiterhin gemeinschaftlich betriebenen Einrichtungen wie Universität, Samthofgericht und Landtag wurden schon in der nächsten Generation die Teilgrafschaften zu selbständigen politischen Einheiten, die sich als Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt im Dreißigjährigen Krieg als Gegner gegenüberstanden. Geblieben sind die bis heute bestehende evangelische Prägung vieler hessischer Regionen, die reformierte Verwaltung, die erste nichtkatholische Universität und die damals wegweisenden Bildungs- und Sozialeinrichtungen.

Im Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, wurde das in Schutt und Asche liegende Land neu aufgeteilt. Das Prinzip "cuius regio - eius religio" (= wessen Herrschaft - dessen Religion) etablierte teilweise neue religiöse Grenzen, die oft bis in unsere Tage spätere administrative Ordnungen überdauern sollten. Hersfeld kam endgültig zu Hessen-Kassel und wurde lutherisch, das benachbarte Fulda blieb katholisch. Das entvölkerte Hessen-Kassel und die Regionen um Homburg und Darmstadt wurden zum Einwanderungsland für Menschen aus den Alpenländern, für Wallonen und für französische Hugenotten.

Das 18. Jahrhundert war auch im Hessischen eine Glanzzeit des Barock . In diese Zeit fallen die Neugestaltung der Fuldaer Abtresidenz, die Schloßbauten im nassauischen Weilburg, in Wiesbaden-Biebrich, in Hanau-Philippsruhe und auf der Kasseler Wilhelmshöhe sowie der aus Geldmangel unvollendet gebliebene Neubau der Darmstädter Residenz. Auch durch das fürstliche Gebaren in diesem Jahrhundert des Absolutismus wurde Hessen zum Auswanderungsland. Unzählige Menschen folgten den Werbern Maria Theresias von …sterreich nach Ungarn oder der Zarin Katharina von Rußland an die Wolga. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wurden Regimenter aus Hessen-Kassel, Waldeck und Hanau an die Engländer "vermietet".

Die territoriale Neuordnung im Gefolge Napoleons

Die Französische Revolution wirkte auch nachhaltig auf Hessen. Die napoleonische Herrschaft gliederte durch die Rheinbundakte von 1806 und durch die Aufhebung kirchlicher Territorien und die Angliederung bisher unabhängiger Grafschaften, Fürstentümer, Reichsstädte und Reichsritterschaften an die neuformierten Bundesstaaten das Hessische völlig neu. Gewinner dieser Umgestaltungen waren die nun zum Großherzogtum avancierte Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, das neu geschaffene Herzogtum Hessen-Nassau aber auch Landgraf Philipp von Hessen-Kassel, der jedoch 1806 von Napoleon exiliert wurde. Kassel war anschließend für einige Jahre Hauptstadt des vom jüngsten Bruder Napoleons, Jérome, regierten Königreichs "Westphalen". Hessische Untertanen waren napoleonische Zwangssoldaten bei den Feldzügen in Spanien und Rußland. Die Bevölkerung partizipierte durch den "Code Napoléon" an einer der zentralen Errungenschaften der Französischen Revolution: Gleichheit vor dem Gesetz. Nach Napoleons Niederlagen bei Leipzig und Waterloo wurden auf dem Wiener Kongreß und auf dem Frankfurter Bundestag die hessischen Landschaften wieder neu verteilt. Die abermals erstandene Freie Reichsstadt Frankfurt, das Kurfürstentum Hessen, das Großherzogtum Darmstadt, das Herzogtum Nassau und die neu geschaffene Grafschaft Hessen-Homburg erhielten teilweise neue Grenzen. Der aus dem Exil heimgekehrte Kurfürst von Hessen-Kassel erhielt das katholische Fulda. Und Hessen-Darmstadt wurde mit der Eingliederung von linksrheinischen Gebieten um Mainz, Worms und Alzey zum "Großherzogtum von Hessen und bei Rhein".

Büchner: Krieg den Palästen, Friede den Hütten

Die durch die Französische Revolution und die in den Befreiungskriegen mobilisierten Prinzipien und Hoffnungen auf Freiheit und Gleichheit, Überwindung der Kleinstaaterei, Rechtssicherheit und Gewerbefreiheit waren nicht zu unterdrücken. Im Herbst 1814 wurde unter Mitwirkung des Freiherrn vom Stein der freilich in seinen Mitwirkungsrechten sehr eingeschränkte Nassauische Landtag gewählt. Dieser und weitere in den folgenden Jahren entstehenden hessischen Landtage und Verfassungen blieben zunächst überwiegend auf administrative Neuerungen beschränkt. Der Kampf um eine zeitgemäße politische Verfassung und soziale Unruhen im Gefolge der langsam einsetzenden Industrialisierung politisierten im Hessenland. Im Herbst 1830 gab es Bauernunruhen im Hanauischen und in Oberhessen. Der Gießener Pfarrer Ludwig Weidig und der aus Goddelau im Ried stammende Student Georg Büchner erklärten im Hessischen Landboten den Palästen den Krieg. Seit Beginn des Eisenbahnbaus, verstärkt in den 1840er Jahren, wurden die vielen Grenzen immer mehr zum Hemmnis für Mobilität und ökonomischen Fortschritt. Als die europäische Revolutionswelle im März 1848 Hessen erreichte, forderten die revolutionären Hanauer "Drei Hessen unter einem Hut". Und eine in Darmstadt verteilte "Karte von Deutschland mit naturgemäßer Einteilung in 16 Herzogtümer" zeigte ein geeintes Hessen, das das Großherzogtum Darmstadt, Kurhessen-Kassel und Nassau, nicht aber das linksrheinische Rheinhessen einschloß und damit dem heutigen Territorium des Landes Hessen glich.

Frankfurter Paulskirche

Die demokratische Revolution von 1848/49 brachte mit der Paulskirchenversammlung das erste demokratisch legitimierte gesamtdeutsche Parlament nach Frankfurt. Nach dessen Scheitern mußten einige der hessischen Protagonisten dieser Bewegung von ihren Ämtern zurücktreten (z.B. der nassauische Minister August Hergenhahn). Andere retteten sich ins Exil (z.B. der Hanauer Turner August Schärttner). Manche zahlten mit ihrem Leben. (z.B. der in Rastatt von preußischen Soldaten füsilierte Wiesbadener Georg Böning). Viele Errungenschaften der Demokratisierung wurden von den Siegern annulliert. Aber der Abschluß der Agrarreform, die weitgehende Beseitigung der Feudalprivilegien, und beispielsweise die Öffentlichkeit der Strafverfahren vor dem Geschworenengericht blieben. Und die Sieger realisierten auch die Einheit, freilich auf ihre Weise. Im Sommer 1866 folgte dem preußischen Einmarsch der Zusammenschluß der annektierten Gebiete von Kurhessen, Nassau, Bad Homburg und Frankfurt zur preußischen Provinz Hessen-Nassau. Als formal unabhängiges, aber in seinen Rechten stark eingeschränktes "Hessen" verblieb nur noch Hessen-Darmstadt, das mit der Darmstädter Künstlerkolonie und der Mathildenhöhe die ihm verbliebene Restsouveränität immerhin zu einer auf größerer Liberalität gründenden kulturellen Blüte nutzte. Mit Jugendstil und Wandervogel erlebte auch das "Hessische" eine Renaissance.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden in Hessen die ersten Organisationen der Arbeiterbewegung. Einer ihrer herausragenden frühen Vertreter war ein Neffe des "Vormärzlers" Ludwig Weidig, der aus Gießen stammende Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie Wilhelm Liebknecht.

Mit der deutschen Kapitulation nach dem ersten großen Krieg in diesem Jahrhundert und der November-Revolution von 1918/19 waren neue Voraussetzungen für eine Neuordnung Hessens gegeben. Schon wenige Wochen nach Kriegsende wurde ein Freistaat Großhessen propagiert, der das einstige Nassau, Frankfurt und Waldeck einschließen sollte. Die neugebildete Landesregierung des Volksstaates Hessen in Darmstadt unter dem Sozialdemokraten Carl Ulrich setzte dem vor allem in Kassel, Marburg und Gießen propagierten Konzept des Hessischen Volksbundes eine auf den Wirtschaftsraum Rhein-Main als Zentrum gründende "Rheinfranken"-Lösung mit dem früheren Großherzogtum Darmstadt, der bayerischen Pfalz, Aschaffenburg und der Südhälfte von Hessen-Nassau entgegen.

Ab 1931 stellte die NSdAP die stärkste Fraktion im Darmstädter Landtag. Die SPD-Regierung blieb zunächst weiter geschäftsführend im Amt, mußte jedoch nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Reich am 5. März 1933 weichen. Innenminister Wilhelm Leuschner ging in den Widerstand und wurde später ermordet - mit ihm zahlreiche "politisch" und "rassisch" Verfolgte, vor allem jüdische Bürgerinnen und Bürger, die die Geschichte Hessens zuvor entscheidend mit geprägt hatten.

In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gab es einen "Gau Hessen-Nassau" mit Sitz in Frankfurt, der den Weimarer Volksstaat Hessen umfaßte. Nordhessen bildete den eigenen "Gau Kurhessen". Mit der Berufung des Prinzen Philipp von Hessen zum Kasseler Oberpräsidenten versuchten die Nationalsozialisten an die Tradition des alten Kurfürstentums anzuknüpfen. Der Frankfurter NS-Gauleiter Jakob Sprenger galt als "Führer der Landesregierung in Hessen". Sein Plan der Vereinigung des ehemaligen Volksstaates mit der Provinz Nassau zum "Reichsgau Rhein-Main" wurde nicht mehr in die Tat umgesetzt. Die US-Armee überquerte am 23. März 1945 bei Oppenheim den Rhein, eroberte Südhessen und am 4. April die "Festung Kassel". Der von den Amerikanern initiierte Neuaufbau einer demokratischen Verwaltung vollzog sich zunächst innerhalb der alten territorialen Strukturen: Ludwig Bergsträsser verwaltete die provisorische Regierung in Darmstadt, in Kassel und Wiesbaden wurden Oberpräsidenten bestellt. Letztlich entschied der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay über das "neue" Hessen. Am 19. September 1945 proklamierte US-General Eisenhower, dessen Vorfahren aus dem Odenwald stammen, "Greater Hesse", Hessen in seinen heutigen Grenzen.

Die älteste deutsche Nachkriegsverfassung

Kriegsfolgen, Zerstörung und Mangel waren die prägenden Probleme in den Jahren nach 1945. Trotzdem "war Hessen 1949 ein stabiles Glied des Weststaates und hatte das wirtschaftliche und politische Fundament für eine erfolgreiche Aufwärtsentwicklung gelegt," so der Spezialist für die hessische Nachkriegsgeschichte Walter Mühlhausen. Dazu hatte beigetragen, daß die hessische Politik in der Zeit nach 1945 überwiegend auf einem breiten Konsens aller wichtigen politischen Kräfte im Lande basierte. Der Aufbau demokratischer Strukturen erfolgte unter der Ägide der US-Militäradministration "von unten nach oben". Im Januar 1946 gab es bereits die ersten Wahlen in Gemeinden unter 20000 Einwohnern. Im April 1946 wählten die Hessen ihre ersten Kreistage, im Mai in neun kreisfreien Städten ihre ersten Stadtparlamente. Die wieder zugelassene SPD erzielte bei all diesen Wahlen große Erfolge, die sie möglichst rasch auf Landesebene wiederholen wollte. Aber erst am 30. Juni 1946 fanden die ersten landesweiten Wahlen zur Verfassunggebenden Landesversammlung statt. Bei einer Wahlbeteiligung von 71% erzielte die SPD 44,3%, die CDU 37,3%, die KPD 9,7% und die LDP 6%. Bereits dieses erste Wahlergebnis signalisiert drei kommende Jahrzehnte mit stabilen sozialdemokratischen Mehrheiten.

Trotz harter Auseinandersetzungen einigten sich SPD und CDU in der Verfassunggebenden Landesversammlung über die Grundprinzipien des neu entstehenden Bundeslandes. Besonders schwierig war die Debatte über den Staatsaufbau - die CDU konnte sich mit ihrer Forderung nach einem parlamentarischen Zweikammersystem nicht durchsetzen. Die Sozialisierung war für die SPD ein zentraler Punkt der gesellschaftlichen Neuordnung. In zweiter Lesung verabschiedete die Landesversammlung am 30. September 1946 den historischen Hessischen Verfassungskompromiß, der in Artikel 41 Sozialisierungen vorsieht, und zwar in den Bereichen Bergbau, Eisen und Stahl, Energie und Verkehr, aber nicht, wie ursprünglich von der SPD gefordert, auch in der chemischen Industrie. Dieser von der Liberaldemokratischen Partei und der KPD nicht mitgetragene Kompromiß wurde durch die weitgehende Übereinstimmung der beiden großen Parteien im gesamten Bereich der zentralen Wirtschafts- und Sozialordnung ermöglicht, die, basierend auf der Anerkennung der Würde und Persönlichkeit des Menschen auch in der Ökonomie, das Recht auf Arbeit, den Achtstundentag, einen zwölftägigen Mindesturlaub, das Streikrecht sowie ein einheitliches Arbeitsrecht für Arbeiter, Angestellte und Beamte proklamiert, wobei die Aussperrung untersagt bleibt. Der Kompromiß kam dadurch zustande, daß die hessische CDU damals - anfangs unter dem Einfluß von Eugen Kogon, Walter Dirks und den Frankfurter Heften - im politischen Spektrum eher links anzusiedeln gewesen ist. Die zeitliche Nähe der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, die viele der (nur vier!) Mütter und Väter der Hessischen Verfassung geprägt hat, ist sicherlich ebenfalls dafür verantwortlich, daß die getroffenen sozialen Normgebungen viel weiter gingen als in späteren Länderverfassungen oder im Grundgesetz für die alte Bundesrepublik Deutschland. Die US-Militäradministration bestand auf einer gesonderten Abstimmung über den Sozialisierungsartikel im Plebiszit. Am 1. Dezember 1946 wurde die Hessische Verfassung als älteste deutsche Nachkriegsverfassung mit 76,4% für die Gesamtfassung und mit 72% Stimmenanteil für den Sozialisierungsartikel 41 von den hessischen Bürgerinnen und Bürgern angenommen. Gleichzeitig fanden die ersten Wahlen zum Hessischen Landtag statt, aus denen die SPD als stärkste Partei hervorging.

Der von den US-Behörden eingesetzten Allparteienregierung unter dem parteilosen Rechtswissenschaftler Karl Geiler folgte eine SPD/CDU-Koalition unter dem Darmstädter Sozialdemokraten Christian Stock, dessen Kabinett sehr pragmatisch an der Bewältigung der prekären Versorgungslage, der schrecklichen Wohnungsnot, des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, der Integration großer Flüchtlingsströme, der Bekämpfung der Naziideologie und des allgemeinen Neubeginns arbeitete.

Hessen war insofern privilegiert, da hier die wichtigsten überzonalen Gremien angesiedelt waren. Bereits durch die Wahl des IG-Farben-Gebäudes in Frankfurt zu ihrem Hauptquartier hatten die US-Amerikaner einen Schwerpunkt auf Frankfurt gelegt. Hier residierten auch der Wirtschaftsrat für das vereinigte Wirtschaftsgebiet der westlichen Alliierten, die bizonalen Verwaltungen und schließlich die Bank deutscher Länder. Frankfurt konnte damit an seine historische Bedeutung anknüpfen. Sitz der Landeshauptstadt wurde aber das nahe Wiesbaden, das von den Verwüstungen des Krieges weit weniger heimgesucht war.

"Hessen vorn" - gesellschaftlicher Strukturwandel und Identitätsbildung

Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 erhielt die politische Kultur Hessens ein neues Gewicht. In der Landtagswahl von 1950 erreichte die SPD die absolute Mehrheit der Landtagssitze. Georg August Zinn, Mitglied des Parlamentarischen Rates und bereits damals ein anerkannter Landespolitiker, wurde zum Hessischen Ministerpräsidenten gewählt. Zinn war nicht nur der Kandidat der "Nordhessen", sondern auch der des SPD-Parteivorsitzenden Kurt Schumacher, der sich von ihm ein hessisches Gegengewicht zu Konrad Adenauers Bonner Regierung erhoffte. Diese Hoffnung wurde in den folgenden Jahren doppelt realisiert: Zum einen engagierte sich die Regierung Zinn mehrfach durch Initiativen im Bundesrat oder bei Verfassungsklagen. Die spektakulärste war die erfolgreiche Klage gegen das von Bundeskanzler Adenauer geplante Staatsfernsehen mit dem Ergebnis, daß das ZDF 1961 nur durch Staatsvertrag der Länder gegründet werden konnte. Zum anderen wurde Hessen durch die Art, wie es die drängenden Probleme der Nachkriegszeit löste, zum beispielhaft empfundenen sozialhuman geprägten und erfolgreichen Bundesland.

Der sozialdemokratische Wahlslogan von 1962 "Hessen vorn" steht leitmotivisch für die gesamte Ära Zinn. Bereits in seiner ersten Regierungserklärung verkündete Zinn 1951 den "Hessenplan", der die Förderung des Wohnungsbaus, die Integration der über eine Million in Hessen lebenden Flüchtlinge sowie die Verbesserung der Infrastruktur und die Förderung von Industrieansiedlungen in den strukturschwachen Regionen zum Ziel hatte. Der Wohnungsbau stieg in Hessen für die kommenden zwanzig Jahre auf 50000 Einheiten, davon 20000 Sozialwohnungen jährlich. Viele Vertriebene konnten aus Behelfsheimen oder Untermiete in eigene Wohnungen umziehen. Dies war auch die Grundlage für Zinns spätere zwölfjährige Kooperation mit dem ursprünglich mit der FDP verbundenen Bund Heimatvertriebener und Entrechteter (BHE). Das Land vergab umfangreiche Kredite an mittelständische Unternehmen, vor allem Flüchtlingsbetriebe, die sich in traditionell strukturschwachen Gebieten ansiedelten und dort für neue Arbeitsplätze sorgten. Darüber hinaus flossen große Summen in die Verbesserung der Infrastruktur in den teilungsbedingt abgeschnittenen Randregionen, besonders an der Grenze zur früheren DDR. Auch industrielle Großprojekte konnte Zinn aufgrund seiner guten Wirtschaftskontakte ins Land holen: das Volkswagenwerk in Baunatal, das Chemiefaserwerk der Hoechst AG in Bad Hersfeld und die - damals noch von allen gesellschaftlichen Kräften akzeptierte - Atomindustrie nach Hanau. Hessen erzielte überproportional steigende wirtschaftliche Wachstumsraten und wurde zum führenden Geberland im bundesweiten Länderfinanzausgleich, eine Position, die es bis heute inne hat.

Sozialdemokratische Reformpolitik in Hessen

Georg August Zinn warb für wichtige Reformvorhaben hoch qualifizierte Spezialisten aus anderen Ländern ab, zum Beispiel den Bildungspolitiker Ernst Schütte, den Sozialpolitiker Heinrich Hemsath und von 1967 bis 1969 die Vorkämpferin für die Gesamtschule, Hildegard Hamm-Brücher.

Wichtiger Schwerpunkt war ihm Struktur und Regionalpolitik. Mit Ausnahme der ökonomisch weit entwickelten Rhein-Main-Region, des Lahn-Dill-Gebiets und des Kasseler Raums bestand das Land Hessen damals vor allem aus Agrarregionen, die historisch gesehen stets Notstandsgebiete waren. Mit Investitionsprogrammen für Aussiedlerhöfe, für Dorfgemeinschaftshäuser und für ländliche Mittelpunktsschulen zur Schaffung von Chancengleichheit im Bildungssektor - ein Hauptanliegen der Landespolitik - lag Hessen im Bundesvergleich tatsächlich "vorn".

Die unstreitbaren Erfolge förderten Entstehung und Herausbildung eines hessischen Gemeinschaftsgefühls. Ausdruck hierfür waren und sind die seit 1961 regelmäßig begangenen Hessentage, die zum Symbol hessischer Identitätsbildung geworden sind.

Ein Spezifikum hessischer Landespolitik bestand im Versuch, staatliches Handeln in Form integrativer Planung zu bündeln. Die verschiedenen Einzelpläne, die dem ersten "Hessenplan" von 1951 folgten, widmeten sich, wie beispielsweise der Hessische Sozialplan für alte Menschen, der Hessische Jugendplan und das Rot-Weiße Sportförderungsprogramm, sozialen und kulturellen Aufgaben. Alle Planungen wurden 1965 im "Großen Hessenplan" zusammengefaßt, der Handlungsperspektiven für die nächsten zehn Jahre entwickelte. Mit Ablauf der dynamischen Aufbauzeit - durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstumsraten von 5,5% war man gewohnt - mußte die Planungseuphorie Mitte der 70er Jahre den rückläufigen finanziellen Möglichkeiten des Landes angepaßt werden.

In seiner langen Regierungszeit ist Georg August Zinn zum "Landesvater" des jungen, alten Landes Hessen geworden. Als 1969 der Gießener Albert Oswald die Regierungsgeschäfte übernahm, hatte sich die politische Landschaft verändert. Die Studentenbewegung drängte auf umfassendere und schnellere Reformen gerade bezüglich einer Erhöhung der in Hessen im Vergleich zu anderen Ländern bereits überdurchschnittlichen Ausgaben für Schulen und Hochschulen. Die sozialliberale Regierung Oswald räumte in einem neuen Hochschulgesetz allen Hochschulmitgliedern größere Mitwirkungsrechte ein und gründete mit der Gesamthochschule Kassel eine Universität neuen Typs. Damit rief sie ebenso konservative Kritiker auf den Plan wie mit dem Ausbau der Gesamtschulen und mit dem Versuch des Hessischen Kultusministers Ludwig von Friedeburg, die Lehrinhalte für Deutsch und Gesellschaftslehre in "Rahmenrichtlinien" neu zu formulieren. Die Schulpolitik wurde zum Hauptstreitpunkt der hessischen Landespolitik. Da die zunehmenden Bildungsausgaben mit einer das Land benachteiligenden Reform des Länderfinanzausgleichs einherging, bemühte sich die Regierung Oswald um eine Effektivierung der Verwaltung - wegweisend beispielsweise durch die von einem Datenschutzgesetz begleitete Gründung der Hessischen Landeszentrale für Datenverarbeitung im Jahre 1970.

Parallel dazu verlief eine umfassende Gebietsreform, die 2682 Gemeinden zu 421 neuen Großgemeinden zusammenfaßte, ein Prozeß, der vor Ort erheblichen Verdruß auslöste, wie z.B. die beabsichtigte Zusammenlegung der altehrwürdigen Städte Gießen und Wetzlar zu einem kommunalen Kunstgebilde namens "Lahn", ein Vorhaben, das von der nachfolgenden Regierung Börner zurückgenommen wurde. Die umstrittenen Reformen dieser Zeit ermöglichten es dem hessischen CDU-Vorsitzenden Alfred Dregger, seine Partei zu einem zentral wichtigen landespolitischen Faktor zu gestalten. Zwischen 1966 und 1974 erhöhte die CDU ihren Stimmenanteil von 26,4% auf 47,5%.

Biblis und Startbahn West: Arbeitsplätze versus Umweltschutz

1976 trat Albert Oswald als Ministerpräsident zurück. Seinem Nachfolger, dem Kasselaner Holger Börner, waren die Schaffung neuer Arbeitsplätze und die Sicherung der Energieversorgung angelegen. Börner sah es als notwendig an, das Atomkraftwerk Biblis auszubauen, ein entsprechendes Werk in Borken anzusiedeln und einen Standort in Hessen für die Wiederaufbereitung von nuklearem Brennstoff zu finden. Gegen breiten Protest aus der Bevölkerung engagierte sich die sozialliberale Landesregierung für den Bau einer zusätzlichen Startbahn am Frankfurter Flughafen unter Hinweis auf die Notwendigkeit der Sicherung von Arbeitsplätzen in der Rhein-Main-Region. Die sich formierende Umweltbewegung und die hessische Partei der Grünen gingen aus diesem Konflikt gestärkt hervor. Die Grünen zogen bei den Landtagswahlen 1982 mit 8,0% in das Parlament ein und tolerierten nach der Wende der FDP aus dem sozialliberalen Lager zur CDU eine sozialdemokratische Minderheitenregierung mit politisch instabilen "hessischen Verhältnissen" wie es bald sprichwörtlich heißen sollte. 1985 kam es zur ersten rot-grünen Regierungskoalition auf Landesebene in der Bundesrepublik mit Joseph Fischer als erstem grünen Minister, zuständig für das Umweltressort.

Im April 1987 wurde erstmals in der hessischen Nachkriegsgeschichte eine SPD-geführte Regierung durch eine CDU/FDP-Koalition unter dem ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann abgelöst. Ministerpräsident Wallmann erkannte rasch, daß die deutsche Vereinigung 1989 die Möglichkeit barg, Hessen aus seiner früheren Randlage wieder ins "Herz Deutschlands" zurückzuführen. Seine Regierung legte ein 250 Millionen Mark schweres Hilfsprogramm für Thüringen auf. Dadurch wurden sehr frühzeitig vielfältige hessen-thüringische Behördenkooperationen ermöglicht, die das Land Hessen zum Protagonisten des "Wiederaufbaus Ost" werden ließ.

In Wallmanns Ägide fiel auch die Schaffung der Voraussetzungen dafür, daß Frankfurt am Main heute die Europäische Zentralbank beherbergt und damit seinem historisch begründeten Spitznamen in Finanzkreisen als "Mainhattan" gerecht wurde und diese Tradition als Metropole europäischen Formats in das kommende Jahrtausend tragen wird.

Seit 1991 wurde Hessen von einer rot-grünen Koalition unter Leitung des früheren Oberbürgermeisters aus Kassel, Hans Eichel, geführt. Seine Regierung war mit den tiefgreifenden ökonomischen und gesellschaftlichen Umbrüchen am Ende unseres Jahrhunderts konfrontiert. Späteren Beobachtern muß es vorbehalten bleiben zu beurteilen, ob Hessen, in zwei Legislaturperioden unter politisch rot-grüner Verantwortung gestaltet, zum "Zukunftsland" und zum Paradigma unserer heutigen gesamtstaatlichen Gegebenheiten geworden ist. Mentalitätsgeschichtlich sind Leitmotiv und Selbstverständnis aus der landesväterlichen Ära Zinn: "Hessen vorn" in der landespolitischen Demokratiegesellschaft tief verinnerlicht.

Bei der Wahl zum neuen Landtag im Februar 1999 erhielten CDU und FDP eine Mehrheit zur Bildung der Landesregierung unter Leitung von Roland Koch (CDU).

Verwaltungs-, Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur

Wie die äußeren wurden auch die inneren Grenzen Hessens im Laufe seiner jüngeren Geschichte oft verschoben. Heute besteht das Land aus 21 Landkreisen und 5 kreisfreien Städten. Verwaltungsreformen haben im Nachkriegshessen eine lange Tradition (seit 1947), deren nachhaltigstes Ergebnis ab 1972 die bereits erwähnte kommunale Gebietsreform war. Auch die mittlere Verwaltungsebene wurde dadurch reformiert. Zu den bestehenden Regierungsbezirken Darmstadt und Kassel wurde ein weiterer Regierungsbezirk Gießen gebildet, der eine neue Region "Mittelhessen", bestehend aus den Landkreisen Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf, Gießen, Limburg-Weilburg und Vogelsbergkreis schaffen sollte. Die Veränderungen der Verwaltungsgliederung sind Reflex auf die Modernisierungsprozesse in der Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur. Nordhessen ist letztlich seit dem späten 18. Jahrhundert trotz aller Bemühungen gerade des dynamischen Gesamtlandes in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts der Modernisierungsverlierer geblieben. Alle bevölkerungsmäßigen Wanderbewegungen gingen zu Lasten der nordhessischen Region. Auch heute noch liegt die Bevölkerungsdichte in den nord-, mittel- und osthessischen Regionen um die Hälfte niedriger als im Landesdurchschnitt und bis zum Siebenfachen unter den hochentwickelten Regionen Südhessens.

"Mainhattan": Banken- und Messestadt

Im Rhein-Main-Gebiet mit seinem Zentrum Frankfurt am Main, in der Region "Mainhattan" genannt, multikulturell durch seinen hohen Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung und seiner beeindruckenden Skyline von Bankentürmen ist die Wirtschaftskraft Hessens konzentriert. 430 Geldinstitute haben sich in der monetären Hauptstadt Europas, dem Sitz der Deutschen Bundesbank und der Europäischen Zentralbank niedergelassen. Frankfurts Börse liegt auf Platz vier der Weltrangliste. 70000 Beschäftigte arbeiten am Ufer des Mains im Bankenwesen. Zudem ist Frankfurt mit großen Fachmessen z.B. Premiere, Ambiente, Heimtextil, Interstoff, Achema, der Internationalen Automobilausstellung und der historisch bedeutsamen Internationalen Buchmesse auch seit alters her die deutsche Messestadt schlechthin. Zu Börse und Banken kommen Finanzdienste, Versicherungen, Werbeagenturen, Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfer, Anwaltskanzleien und Servicefirmen, bedeutende Buch- und Presseverlage wie die literarisch und wissenschaftlich renommierten Häuser Suhrkamp, S. Fischer und Campus, Zeitschriften und Zeitungen, mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Rundschau unter ihnen zwei überregional hoch angesehene Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Telekommunikationsunternehmen. Der Hessische Rundfunk mit seinen zahlreichen Hörfunk- und Fernsehprogrammen hat seinen Hauptsitz in Frankfurt am Main.

Und die Welt kommt durch das "Tor zur Welt", den Flughafen, nach Frankfurt. Mit 60000 Beschäftigten ist die FAG-Betriebsgesellschaft der größte Arbeitgeber Hessens. Das verarbeitende Gewerbe ist mit dem Firmenkonsortium der ehemaligen Hoechst AG und Philipp Holzmann in Frankfurt, mit E. Merck und Wella in Darmstadt, mit Opel in Rüsselsheim, mit Heraeus in Hanau und Linde in Wiesbaden gut vertreten. Branchenvielfalt und Polyzentrismus kennzeichnen die Rhein-Main-Region, von der zunehmend auch andere hessische Regionen profitieren. Bedeutend ist Südhessen auch als Wissenschaftsstandort mit den Universitäten Frankfurt und Darmstadt, den Fachhochschulen Frankfurt und Wiesbaden sowie den zahlreichen angeschlossenen und assoziierten Forschungsinstituten. Mit dem Pfund seiner außergewöhnlichen Hochschuldichte, mit dem innovativen Know-how seiner Universitäten kann das Land wuchern. In die Kooperation Wirtschaft-Wissenschaft sind zum Beispiel das Gießener Transferzentrum und das Wetzlarer Institut für Mikrostrukturtechnologie und Optoelektronik eingebunden, Hier liegen wichtige Standorte der zukunftsweisenden Biotechnologie. In Marburg entstand das Software-Center, vielleicht Ausgangspunkt für ein hessisches Silicon Valley? Die Universität Gesamthochschule Kassel, die seit ihrer Gründung die Kooperation mit der Praxis auf ihre Fahnen geschrieben hat, konnte internationale Reputation insbesondere in zukunftsweisenden Umwelttechnologien erwerben..

Ein Streifzug durch die hessische Kulturszene

Die hessische Kulturszene ist so vielfältig wie das Land als Ganzes. Wo soll man beginnen? Zu nennen wären die zahlreichen Stadttheater mit ihren trotz mancher Kritikerschelte in der Mehrzahl sehr sorgfältigen Inszenierungen. Da wären die Opernhäuser und Musiktheater (wie zum Beispiel die Alte Oper in Frankfurt). Da wären die zahlreichen Kulturzentren und kleinen Bühnen - das innovative Kulturzentrum Mousonturm in Frankfurt, die Frankfurter Brotfabrik, die sich der "Weltmusik" verschrieben hat, das rührige Kasseler Dock 4, der Kasseler Kulturbahnhof, der multikulturelle Kasseler Schlachthof. Da wären die hochprofessionellen freien Theatergruppen vom Klappmaul-Theater in Frankfurt bis zur wunderbaren Marburger Studentenbühne. Da wären die bekannten und weniger bekannten hessischen Kabarettisten von Matthias Belz über Michael Quast und Cornelia Niemann bis Hilde Wackerhagen. Da wäre die rührige Jazz-Szene vom internationalen Starposaunisten Albert Mangelsdorff bis zu den spannenden Kasseler Funkedelics, vom Landesjugendjazzorchester, über die HR-Big-Band bis zum Gar-nicht-mehr-Insider-Tip Frankfurt Jazz Big Band. Da wären die Duos, Trios, Quartette, die einfach nur schöne, kluge Musik zum Zuhören machen vom Duo Bärenz-Wolff aus Frankfurt bis zur Kasseler Leib-und-Magen-Gruppe Ganz schön feist. Da wäre die Rock- und Popszene von Sabrina bis zur Beatles Revival Band. Da wären die beiden schönen Literaturhäuser in Darmstadt und Frankfurt und die zahlreichen Literaturbüros. Da wären die Poetik-Professur an der Frankfurter Goethe-Universität und die zahlreichen Literaturpreise, deren renommierteste alljährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vergeben werden. Da wären die Programmkinos und interessanten Filmemacher. Da wären die Museen mit alter und neuer Kunst vom Städel und Museum für Moderne Kunst in Frankfurt über das Hessische Landesmuseum in Darmstadt bis zum Museum der 100 Tage und der immer wieder spannenden Kasseler Documenta. Da wären die vielen interessanten Galerien. Da wären die Festspiele und Festivals, von den Wiesbadener Maifestspielen über die Bad Hersfelder Festspiele und die regionalen Kultursommer-Veranstaltungen über die Darmstädter Tage für neue Musik bis zu den Idsteiner Jazztagen und dem Rheingau-Musikfestival.

Gemeinsam ist allen hessischen Kulturschaffenden, daß sie sich mit immer leerer werdenden öffentlichen Kassen konfrontiert sehen und deshalb viele von ihnen dazu übergehen müssen, private Sponsoren zu suchen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie unter schwieriger werdenden Bedingungen einen unverzichtbaren Beitrag zur politischen Kultur und Lebensqualität in Hessen und zur hessischen Identitätsfindung leisten - oft in Anknüpfung an Ereignisse der hessischen Geschichte und Gegenwart, wie etwa jetzt aktuell an den 150. Jahrestag der deutschen Revolution und der Frankfurter Paulskirchenversammlung als erster demokratisch legitimierter Konstituente oder an die Wiederkehr des 250. Geburtstags von Johann Wolfgang von Goethe in diesem Jahr.

Das Wappen

Der neunmal silbern und rot geteilte, steigende Löwe Hessens gleicht dem Wappentier Thüringens. Denn 1247, als Hessen und Thüringen geteilt wurden, behielten beide Territorien den Löwen als Wappentier bei. So wurde der Löwe auch 1920 vom Volksstaat Hessen übernommen, ebenso wie 1948 vom neugegründeten Land Hessen.

Literaturhinweise:

Heidenreich, Bernd; Schacht, Konrad (Hrsg.) Hessen. Eine politische Landeskunde. Stuttgart 1993

Heidenreich, Bernd; Schacht, Konrad (Hrsg.) Hessen. Gesellschaft und Politik. Stuttgart 1995

Heidenreich, Bernd; Schacht, Konrad (Hrsg.) Hessen. Wahlen und Politik 1946 - 1995. Stuttgart 1995

Heidenreich, Bernd; Böhme Klaus (Hrsg.) Hessen. Verfassung und Politik. Stuttgart 1997

Böhme, Klaus; Mühlhausen Walter (Hrsg.) Hessische Streiflichter. Frankfurt am Main 1995

Berg-Schlosser, Dirk; Fack, Alexander; Noetzel, Thomas (Hrsg.) Parteien und Wahlen in Hessen 1946 - 1994. Marburg 1994

Lilge, Herbert. Hessen in Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 1992

Koch-Arzberger, Claudia; Hohmann, Eckart (Hrsg.) Hessen im Wandel. Wiesbaden 1996

Sarkowicz, Hans (Hrsg.) Stadtluft macht frei. Hessische Stadtporträts. Leinfelden 1993

Schiller, Theo; von Winter, Thomas Hessen. In: Hartmann, Jürgen (Hrsg.)

Handbuch der deutschen Bundesländer. Frankfurt am Main 1997, S. 269 ff.


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