Zeitschrift



Indien


Heft 1/98

Hrsg: LpB

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Inhaltsverzeichnis


Vorwort


Indien ist nach Fläche und Gestalt ein Halbkontinent, mit seiner nahezu einer Milliarde Menschen nach China der bevölkerungsreichste Staat der Welt. Fast dreimal so viele Menschen leben hier wie in der Europäischen Union. Von seinen Potentialen her nicht zuletzt auch seinem potentiellen Humankapital, ist Indien eine künftige Großmacht, eine Wirtschaftsmacht und ein Markt der Zukunft.

Mehr noch: Indien gilt als die größte Demokratie der Welt, von erstaunlicher Stabilität. Und das, obwohl beinahe alle Bedingungen, von denen die moderne Politikforschung als Voraussetzung für Demokratie ausgeht, eigentlich dagegen sprechen., So ist Indien ethnisch-kulturell von äußerster Vielfalt, ja Gegensätzlichkeit, eine Vielzahl von Sprachen wird gesprochen; erst die britischen Kolonialherren haben Indien in seiner heutigen Gestalt überhaupt als eine politisch-administrative Einheit geschaffen. Der Hinduismus als die dominierende Religion stellt im Grunde eine Vielzahl von Einzelreligionen unterschiedlichster Art dar für die es nur einen kleinen gemeinsamen Nenner gibt. Hinzu kommt, daß die Moslems - auch nach der Abspaltung des islamischen Pakistans mit den Flüchtlingsströmen und Vertreibungen in ihrem Gefolge - nach wie vor mit ca. 11 Prozent eine beachtliche Minderheit im Lande darstellen. Analphabetismus und Armut sind weit verbreitet, die sozialen Gegensätze sind ausgeprägt und durch das Kastensystem religiös legitimiert. So warnte denn auch Winston Churchill vor der Unabhängigkeit Indiens, es für unfähig zur Selbstregierung erklärend und Mord und Totschlag beschwörend. Und er stand mit seiner Meinung nicht allein da: In der Tradition des "utilitaristischen" Indienbildes in Großbritannien dachten nahezu alle so, zumindest die Politiker Kolonialbeamten, Kolonialoffiziere und Missionare, die nicht müde wurden, die Rückständigkeit Indiens hervorzuheben. Die britisch erzogene indische Elite unterschied sich in ihrem Denken und Urteilen nur wenig davon, gewann daraus aber den Antrieb, den neuen Staat so zu gestalten, daß Demokratie und Stabilität dauerhaft etabliert werden konnten. Das geschah im Rahmen des All India Congress, der indischen Unabhängigkeitsbewegung, die als Congress-Partei das politische Leben bestimmte, ja mehr noch: die auch die Grundlagen des Staates gestalten konnte. Dazu gehörte auch die territoriale Gestaltung durch Einteilung nach Sprachprovinzen, wodurch ethnische Konflikte minimiert werden sollten. Das Beispiel Balkan stand, damals schon, warnend vor Augen! Säkularismus und Sozialismus wurden die Prinzipien der Partei wie des Staates, wobei beide westlichen Prinzipien geschickt mit der indischen Tradition verbunden wurden und Säkularismus in erster Linie erst einmal religiöse Toleranz bedeutete. Der Aufbau der Congress-Partei wurde so gestaltet, daß sie eine Art Mikrokosmos Indiens darstellte, in dem alle Partikularismen und alle sozialen Gruppen ihre Chance hatten; der Kompromiß, die friedliche Einigung unter einem einheitlichen Dach war das Erfolgsrezept. In Gestalt von Nawarhalal Nehru fanden Partei und Staat einen herausragenden Staatsmann, der die Geschicke des Landes über Jahrzehnte hinweg bestimmen konnte. Indien kann somit ein Vorbild abgeben für Demokratie und Demokratisierung in einem Entwicklungsland.

Die Dominanz des Congress ist dahin, zum Teil von Nehrus Nachfolgern aus der eigenen Familie mit ihren dynastischen Neigungen verspielt, zu einem guten Teil aber auch, weil die indische Gesellschaft sich modernisiert und weiter differenziert hat. In Gestalt der Hindunationalisten ist eine neue politische Kraft entstanden, die auf das Hindutum baut und von daher die Mohammedaner für ihr Feindbild braucht, eine gefährliche Entwicklung angesichts der starken islamischen Minderheit im Lande: Die Erstürmung und Zerstörung der Moschee in Ayodhya war ein Fanal.

Doch die Stabilität der Demokratie ist geblieben. Zwar bekamen die Hindunationalisten bei den jüngsten Wahlen 1998 starken Zulauf, aber ihr Führer gilt als gemäßigter Politiker Zudem ist der Hinduismus eine zu heterogene Religion, als daß sich daraus eine fundamentalistische Bewegung mit Anspruch auf Mehrheit formen ließe: Es gibt keinen Propheten und kein heiliges Buch wie im Islam. Neben dem Congress stehen die Hindunationalisten politisch in Konkurrenz zu einer Vielzahl von Regionalparteien, die sich auf nationaler Ebene immer wieder zu Bündnissen zusammenschließen und als Dritte Kraft auftreten. Bei der Analyse der jüngsten Wahlen fällt auf, daß das Wahlverhalten spiegelbildlich ist: Wo in den Einzelstaaten die Hindunationalisten an der Macht sind, haben sie kräftig verloren, wo sie in Opposition sind, haben sie dazugelegt. Die Wähler haben Demokratie also längst begriffen. In der internationalen Politik hat Indien immer eine bedeutende konstruktive Rolle gespielt, die Unabhängigkeitsbewegungen fördernd, friedensstiftend, ausgleichend. In der Zeit der Spaltung der Welt in zwei Blöcke hat es die Gruppe der Nichtgebundenen angeführt und die Verwicklung in Konflikte sorgsam vermieden. In der eigenen Region hingegen besteht ein Trauma von der Überlegenheit Indiens. Es hat hier auch militärische Auseinandersetzungen gegeben: mit China und natürlich mit Pakistan, aufgezäumt am Kaschmir Konflikt. Im Fall Pakistan liegen die Konfliktursachen nicht zuletzt in der Teilung des indischen Subkontinents begründet und sind hochgradig ideologisch besetzt, damit sind sie vernünftigen Regelungen nur schwer zugänglich. Insgesamt jedoch stellt der indische Subkontinent keinen Konfliktherd auf dieser Welt dar Indien war - und ist vielfach immer noch - das geliebte Land und das "Gelobte Land" der Deutschen. Seit der Romantik wird Indien wahrgenommen als das Land, dessen Menschen in Einklang mit Natur und Kosmos leben, mit einer hohen Kultur als das Land der Weisen. In keinem anderen Land der Welt - Indien ausgenommen - gibt es so viele Lehrstühle, die sich mit indischer Kultur befassen, wie in Deutschland. Dem steht das eher abwertende, "utilitaristische" Indienbild gegenüber das in Großbritannien vorherrscht Indien als das Land der Rückständigkeit, der Armut und des Elends. Dahinter stehen unterschiedliche Geschichtsbilder bzw. unterschiedliche Einstellungen zu Fortschritt und Moderne. Ob man also eher dem Indienbild Hermann Hesses anhängt oder dem von Günter Grass, sagt im Zweifelsfall mehr über die jeweilige Person aus als über das Indien von heute.

Hans-Georg Wehling