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Russland unter Putin Nach dem Ende der Sowjetunion Was macht Russland heute aus?
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Die Russländische Föderation als Großmacht - aus geografischer sicht Von Jörg Stadelbauer
Als bedeutendster Nachfolgestaat der Sowjetunion ist die Russländische Funktion mit dem gleichen Anspruch als Weltmacht angetreten. Sie macht gebietsmäßig immerhin noch drei Viertel der ehemaligen Sowjetunion aus, nach der Einwohnerzahl jedoch nur noch die Hälfte. Die Potenziale vor allem in den Bereichen von Rohstoffen und Energie machen das Land zu einem reichen Land. Problematisch ist die ungeheure Weite des Landes, vor allem aber die noch nicht geglückte Transformation von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. So stellt beispielsweise die Wirtschaftsleistung gegenwärtig nur einen Teil dessen dar, was hier in der Sowjetzeit erreicht war. Auch auf anderen Gebieten wird sichtbar, welche Aufgaben noch weit entfernt von ihrer Lösung sind. Red. Die Auflösung der Sowjetunion in fünfzehn Staaten Betrachtet man dürre Zahlen, so hat die Ende 1991
erfolgte Auflösung der Sowjetunion in fünfzehn
selbständige Staaten das von Moskau aus regierte Territorium
auf etwa drei Viertel, die Bevölkerung jedoch auf die
Hälfte reduziert. 1991, im letzten Jahr der Existenz
der UdSSR, lebten auf 22,4 Mill. km2 insgesamt
290,1 Mill. Menschen. Die Russische Föderation beherbergte
auf 17,1 Mill. km2 148,5 Mill. Menschen. Es wird
als demographische Krise interpretiert, dass knapp zehn
Jahre später nur noch 146,7 Mill. Personen in Russland
leben. Der Zuzug von Russen aus den nichtrussischen Nachfolgestaaten
hat zwar Migrationsgewinne verursacht, doch werden diese
durch steigende Sterblichkeit bei stark abgesunkenen Geburtenraten
überkompensiert, so dass sich derzeit eine negative
Bilanz der Bevölkerungsentwicklung ergibt. Die Weite des Raumes als Potenzial und Hindernis Die räumliche Weite mag heute im Zeitalter der Luftfahrt
an Bedeutung verloren haben, bleibt aber eine Barriere,
die umso spürbarer wird, je mehr die Staatsführung
wieder versucht, einen zentralistischen Weg einzuschlagen.
Dabei müssen nicht nur die großen Distanzen zwischen
den entlegenen räumlichen Peripherien des Landes kostenaufwendig
überwunden werden, sondern auch innere Peripherien
harren noch einer Erschließung. Die Weitmaschigkeit
aller Verkehrsnetze, der mangelhafte Ausbauzustand der Straßen
und Wege im ländlichen Raum, die relativ großen
Abstände zwischen Großstädten sowie die
starke Entwicklungsunterschiede zwischen Großstädten
und ländlichen Gemeinden machen noch immer weite ländliche
Gebiete zu einer Raumkategorie zweiter Wahl. Mangelnder
Infrastrukturausbau, Versorgungsengpässe und fehlende
Attraktivität für die Bevölkerung bedingen
in peripheren Räumen einander. Daher ist es nicht verwunderlich,
dass auch der schlecht erschlossene ländliche Raum
Abwanderungs und Überalterungsgebiet blieb. Dadurch bleiben aber auch Potenziale für den Fremdenverkehr ungenutzt, die eine umfangreiche, sich an internationalen Standards orientierende touristische Infrastruktur voraussetzen würden, welche nur punkthaft vorhanden ist. Im Konfliktgebiet Kaukasiens beschränkt sich der Tourismus weitgehend auf den Bereich der kaukasischen Mineralbäder um Pjatigorsk. Reiche Bodenschätze und ihre Nutzung Der geologischtektonische Großbau bestimmt die
räumliche Verteilung und Erschließbarkeit von
Bodenschätzen. Arm an Bodenschätzen ist die Weite
der Russischen Tafel im europäischen Teil des Landes;
im äußersten Nordosten geht sie in die Gebirgssenke
vor dem Ural mit den Kohlelagerstätten von Workuta
über, im Südwesten wird sie von dem Senkensystem
begrenzt, in dem die Kohle des Donbass lagert, die sich
Russland heute mit der Ukraine teilen muss. Erzvorkommen
finden sich vor allem in den altgefalteten Gebirgen (Chibinen
auf der KolaHalbinsel, Ural, Altai, Sajane sowie andere
sibirische Gebirgszüge), Lagerstätten von Steinkohle
in einigen Vorsenken. Unter den aktuellen wirtschaftlichen
und technischen Rahmenbedingungen sind jedoch umfangreiche
Kohlevorkommen in Sibirien wie die Lagerstätten des
Tunguska-Beckens nicht nutzbar. Die Entfernung von den Zentren
der Bevölkerungsverteilung bewirkte, dass die Erschließung
erst relativ spät erfolgte, im Ural zu Zeiten Peters
des Großen, in den meisten sibirischen Gebirgen und
ihren Vorsenken sogar erst im Lauf des 20. Jahrhunderts.
Buntmetallerze wurden in entlegenen Lagerstätten nur
dann erschlossen, wenn strategische Interessen dahinter
standen wie bei den Kupfer, Kobalt und Nickelerzen von Norilsk.
Grenzen, die durch die Auflösung der Sowjetunion zu
Staatsgrenzen wurden, erschweren die seit den 1950er Jahren
aufgebaute großräumige Zusammenarbeit zwischen
Ural, Kusnezker Becken und Nord-Kasachstan (Karaganda, Temirtau).
Eine parzielle De-Industrialisierung Schätzungen über die Menge der wirtschaftlich
nutzbaren Vorräte gehen weit auseinander. Die Verfügbarkeit
natürlicher Ressourcen bestimmt jedoch heute in hohem
Maß Russlands Wirtschaftsaktivitäten, seitdem
die Wirtschaftskrise der Transformationsphase auch eine
parzielle Deindustrialisierung bewirkte. Unter den exportierten
Bodenschätzen sind an erster Stelle Erdöl aus
dem mittleren und Erdgas aus dem nördlichen Westsibirien
zu nennen. Die Erdölförderung, die 1990 noch 516
Mio. t betragen hatte, fiel bis 1998 auf 303 Mio. t zurück,
während die Erdgasförderung (601 bzw. 564 Mrd.
m3 ) nur relativ geringe Einbußen hinnehmen
musste. Die Erdgasregion dehnt sich derzeit sogar noch aus,
weil die anhaltende westeuropäische Nachfrage einen
sicheren Markt garantiert. Allerdings sind die Erschließungsarbeiten
im hohen Norden mit großen Kosten verbunden. Daher
wird weiterhin das sowjetische Modell einer Arbeitsorganisation
mit zeitlich befristeten Einsätzen von weiter südlich
gelegenen Wohnsiedlungen aus beibehalten. Die Einwohnerzahlen
zahlreicher Siedlungen im Hohen Norden stagnieren oder sind
rückläufig. Klimatische Gegebenheiten beeinflussen die Agrarproduktion Das Klima ist in den meisten Landesteilen kontinental
mit großen jahreszeitlichen Unterschieden in der Wärmeversorgung.
Die räumliche Differenzierung beruht einerseits auf
der Ausbildung eines winterlichen Kältehochs , welches
sich zeitweise von der ostsibirischen Baikalregion bis nach
Westrussland ausdehnt, wo eine relativ gleichmäßige
durchschnittliche Temperaturverteilung zustande kommt, andererseits
auf regelmäßigen Vorstößen subpolarer
Tiefdruckgebiete, die vom Atlantik weit in das Innere Russlands
vordringen und im wärmsten Monat des Sommerhalbjahrs
zwischen der Südgrenze der Tundra und der Nordgrenze
der Steppe nur 4° Temperaturunterschied bewirken. In
der Steppenzone des Trans-Wolga Gebietes können allerdings
auch Dürreperioden auftreten, die die Getreideernte
ebenso beeinträchtigen wie Spätfröste, die
noch nach Aussaat und Keimen der Frühjahrsaussaat möglich
sind. Extreme Absenkungen der Wintertemperaturen wie im
Winter 2000/2001 können vor allem in großen Teilen
Sibiriens und des Fernen Ostens zur existenzbedrohenden
Belastung werden. Die geringe agrarische Produktivität ist aber nur teilweise den Witterungsbedingungen anzulasten Damit bringt die klimatologische Differenzierung eine räumliche Einschränkung ausreichender Anbaubedingungen auf das sog. Agrardreieck, d.h. auf einem relativen Gunstraum, der von der europäischen Westgrenze Russlands zwischen St. Petersburg und Rostow keilförmig nach Osten zur mittleren Wolga, zum südlichen Ural und weiter in das südliche Westsibirien reicht. In den Steppen bestehen aber bereits so große Schwankungen der Niederschlagsverteilung und menge von Jahr zu Jahr, dass große Unterschiede bei den Ernteerträgen auftreten. Hiervon betroffen sind insbesondere die Gebiete östlich der Wolga, während in Südrussland und Nordkaukasien die Erntesicherheit höher ist. Während 1997 noch eine ausreichende Getreideernte von 74,5 Mill. t eingebracht werden konnte, blieb sie 1998 mit 41,9 Mill. t weit hinter dem Bedarf zurück. In dieser Krisensituation versuchten einzelne Regionen, den Binnenexport von Getreide und anderen Agrargütern zur Sicherung der Versorgung der eigenen Bevölkerung zu unterbinden. Die zur Versorgung der Bevölkerung erforderlichen Importe belasteten in Jahren mit niedrigen Getreideernten wie 1998 und 1999 die Außenhandelsbilanz. Im Jahr 2000 konnte wieder eine ausreichende Ernte erzielt werden. Allerdings ist zu beachten, dass die geringe agrarische Produktivität nur teilweise den von Jahr zu Jahr schwankenden Witterungsbedingungen anzulasten ist; im Ursachengeflecht sind Mängel in der Agrarstruktur, in der Organisation der landwirtschaftlichen Produktion und im Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag ebenso wichtig. Die räumliche Erschließung in historischer Zeit hat Folgen bis heute Russlands Herrschaftsbereich entwickelte sich aus einem
relativ kleinen Kerngebiet zum Weltreich. Lässt man
die Kiewer Rus unbeachtet und geht man vom Moskauer Reich
aus, so war zunächst das Sammeln der russischen Länder,
d.h. die Unterwerfung der zahlreichen Großfürstentümer
und insbesondere Nowgorods unter die Herrschaft Moskaus,
der das späte Mittelalter prägende Vorgang. Die
Eroberung der Wolga-Chanate von Kazan und Astrachan unter
Iwan IV. bereitete nicht nur der Mongolen und Tatarenherrschaft
ein definitives Ende, sondern brachte vor allem einen territorialen
Zuwachs, der Russland zur Großmacht werden ließ
und gleichzeitig das Interesse an den kontinentalen Binnenräumen
Eurasiens förderte. Mit dieser Expansion wurde Russland
aber auch zum Vielvölkerstaat.3 Seit dem
ausgehenden 16. Jahrhundert erweiterten die Vorstöße
nach Sibirien - innerhalb eines knappen Jahrhunderts wurde
der Gesamtraum Nordsibiriens bis Tschukotka dem russischen
Herrschaftsbereich einverleibt , dann das Vorschieben von
Kosakenlinien in den nordkaukasischen und zentralasiatischen
Steppen und Wüstenraum das Reich. Mit der Eroberung
des südlichen Zentralasien, des Kaukasus und mit den
Gebietsgewinnen in Osteuropa im 20. Jahrhundert entstand
ein Vielvölkerstaat, dessen größtes Problem
zunehmend die Regierbarkeit wurde. Das kommunistische Regime
konnte den Staat noch zusammenhalten, solange eine positive
Wirtschaftsentwicklung bestand; als das ethnischnationale
Selbstbewusstsein der betroffenen Randvölker zunahm,
zerbrach das Großreich ohne in die Fläche gehende,
heftige innere Unruhen.
Territorialer Staatsaufbau - Rückkehr zum Verwaltungszentralismus? Die Russländische Föderation übernahm die aus sowjetischer Zeit ererbte Verwaltungsgliederung nahezu unverändert, sieht man vor der Statusanhebung der meisten Autonomen Gebiete zu Republiken und der Aufteilung der vormaligen Tschetscheno-Inguschetischen ASSR in zwei Republiken ab. 49 Verwaltungsgebiete und sechs Verwaltungsregionen (russ.: oblast, kraj), 21 Republiken, das Autonome Gebiet der Juden im Fernen Osten sowie zehn Autonome Bezirke in dünn besiedelten Gebieten mit ethnischen Minderheiten als Titularvölkern, aber in der Regel russischer Dominanz sowie die beiden Metropolitangebiete Moskau und St. Petersburg machen den territorialen Staatsaufbau auf mittlerer Ebene aus. Nach der Verfassung sind diese 89 Territorialeinheiten ("Subjekte der Verfassung") gleichberechtigt, tatsächlich bildete sich aber eine deutliche Asymmetrie aus. Einige Republiken konnten sich Mitte der 1990er Jahre Sonderrechte durch Kompetenzabgrenzungsverträge sichern, die heute jedoch zunehmend in Frage gestellt werden. Zudem sind die Autonomen Bezirke mit Ausnahme von Tschukotka in den Verwaltungsaufbau der jeweils übergeordneten Verwaltungsgebiete oder -regionen eingebunden, obwohl sie nach der Verfassung als gleichberechtigt mit den anderen Subjekten gelten; hieraus ergeben sich neue Kompetenzüberschneidungen. Deutliche Unterschiede in Bezug auf die Reformbereitschaft Deutliche Unterschiede bestehen zwischen den Regionen
hinsichtlich ihrer Reformbereitschaft. Die Gebiete Nowgorod,
Archangelsk und Samara gelten derzeit als demokratisch und
reformorientiert, eine Reihe von Verwaltungsgebieten südlich
von Moskau eher als kommunistisch und rückwärts
gewandt (sog. "Roter Gürtel", u.a. mit Brjansk,
Kursk, Tula, Rjasan, Uljanowsk). Wieder andere Regionen
werden ausgesprochen autoritär geführt und stoßen
deshalb auf Widerstände bei der Moskauer Zentralregierung
(Republik Kalmückien Chalmg Tangtsch, Region Primorje
mit Wladiwostok). Durch die massive Verstädterungspolitik leben heute fast drei Viertel der Menschen in Städten Russland ist durchschnittlich dünn besiedelt. Aus
der Umrechnung der Bevölkerungszahl (1999: 146,7 Mill.)
ergibt sich eine durchschnittliche Bevölkerungsdichte
von nur 8, Personen je km 2 . Bezogen auf die mittleren
Verwaltungseinheiten bestehen bei der Dichte - von den beiden
Metropolitanregionen Moskau und St. Petersburg abgesehen
- Unterschiede zwischen 74,4 Einw./km (Tschuwaschien an
der mittleren Wolga) und 0,03 Einw./ km 2 (Autonomer Bezirk
der Ewenken in Ostsibirien). Da in den meisten Fällen
ein beträchtlicher Bevölkerungsanteil im jeweiligen
Gebietshauptort lebt, liegt die Bevölkerungsdichte
im ländlichen Raum selbst in den relativ dicht besiedelten
zentralrussischen Verwaltungsgebieten selten höher
als 40 bis 50 Bewohner / km2. Eine "demografische Krise"? Die natürliche Bevölkerungsbewegung war seit Ende der 1980er Jahre und der mehrere Jahre andauernden Wirtschaftskrise durch niedrige Geburtenraten, steigende Sterberaten und eine sinkende Lebenserwartung gekennzeichnet. Während 1990 13,4 Geburten je 1000 Einwohnern noch 11,2 Sterbefälle gegenüberstanden, waren es 1994 auf dem Höhepunkt der Krise 9,6 Geburten, jedoch 15,7 Sterbefälle je 1000 Einwohnern. Erst kurz vor der Jahrhundertwende kehrte sich dieser Trend wieder etwas um (1998: 8,8 Geburten bei 13,6 Sterbefälle je 1000 Einw.). Die eher überalterte ländliche Bevölkerung ist von diesen relativen Bevölkerungsverlusten besonders betroffen.5 Im regionalen Vergleich weisen Dagestan und Inguschetien in Nordkaukasien auch Ende der 1990er Jahre positive Salden bei der natürlichen Bevölkerungsentwicklung auf, während in den zentralrussischen Verwaltungsgebieten von Tula und Twer elf Sterbefälle mehr als Geburten auf 1000 Einwohner entfallen.6 Trotz leichten Rückgangs dieser negativer Salden kann die demographische Krise noch lange nicht als überwunden gelten. Im Altersaufbau sind die hohen Verluste der Stalinzeit und des Zweiten Weltkriegs nach wie vor sichtbar; sie führten auch in der Folgegeneration der heute etwa 30 Jährigen zu unterdurchschnittlichen Anteilen. In der Gegenwart überlagern sich die Folgen dieser Ausfälle mit den Folgen der Geburtenregelung und den Geburtenausfällen, die durch die sozioökonomische Lage bedingt sind. Damit ist abzusehen, dass sich der Bevölkerungsrückgang zunächst fortsetzen wird. Er betrifft die russische Bevölkerung meist mehr als die nichtrussische, bei der in der Regel höhere natürliche Zuwachsraten festzustellen sind. Es ist abzusehen, dass die niedrigen Geburtenraten der Gegenwart zu einem Mangel an Arbeitskräften führen wird. Daher ist bereits eine Diskussion entstanden, Russland nach außen als potenzielles Einwanderungsland darzustellen. Ethnische Vielfalt als Ursache territorialer Konflikte? Als einziger Nachfolgestaat der Sowjetunion begreift
sich die Russländische Föderation auch heute als
Vielvölkerstaat. Im Gegensatz zu den Verhältnissen
in der Sowjetunion droht in Russland jedoch keine nichtrussische
Überfremdung: Einem russischen Bevölkerungsanteil
von 83,0% standen nach den Mikrozensusergebnissen von 1994
3,8% Tataren, 2,3% Ukrainer, 1,2% Tschuwaschen und 0,9%
Baschkiren als nächstgrößere Gruppen gegenüber.
Die anderen ethnischen Gruppen in der Russländischen
Föderation haben jeweils weniger als 0,7% Anteil an
90.der Gesamtbevölkerung. Die weit verbreiteten kartographischen
Darstellungen, die die Verwaltungsgebiete mit nichtrussischer
Titularnation als nichtrussische Gebiete nachzuweisen versuchen,
stellen daher nur die halbe Wahrheit dar. Tatsächlich
ist das russische Bevölkerungselement in allen städtischen
und industriell geprägten Räumen landesweit dominant,
und die Titularnation bildet auch in ihren "eigenen"
Territorien meist nur eine Minderheit. Besonders deutlich
wird dies im Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen und dem der
Chanten und Mansen (beide dem Verwaltungsgebiet Tjumen in
Westsibirien zugeordnet), wo die jeweiligen Titularvölker
gerade einmal 4,2 bzw. zusammen 1,4 % der Bevölkerung
ausmachen, Russen jedoch 59,2 bzw. 66,3 %). Im nach außen
hin sehr selbstbewusst auftretenden Tatarstan hatten 1989
die Tataren einen Bevölkerungsanteil von 48,5, die
Russen einen von 43,3 %. Tschetschenien erklärte 1991 einseitig die Unabhängigkeit von Russland und hält diesen Anspruch auch nach zwei verlustreichen Kriegen (19941996; 19992000, aber eigentlich auch Anfang 2001 nicht abgeschlossen) aufrecht. Es setzt damit die Freiheitsbewegung der kaukasischen Bergvölker fort, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Festnahme Schamyls ihre treibende Kraft verloren hatte, aber nie erlosch. Das russische Interesse in diesem Konflikt besteht vor allem in der Integrität des gesamten Staatsterritoriums und in der Sicherung eines wichtigen Transportkorridors durch Nordkaukasien, während die tschetschenische Gegenseite mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker argumentiert und Russland massive Menschenrechtsverletzungen vorwirft. Zugleich muss an Vorstellungen erinnert werden, die seit dem 19. Jahrhundert ein belastetes Tschetschenienbild entstehen ließen. Ein Ende des Konflikts, in dem Russland eine moskautreue Verwaltung im vorläufigen Hauptort Gudermes eingesetzt hat, ist Anfang 2001 nicht absehbar.
Die Zuwanderung ist zumeist eine Rückwanderung Dass Russland in der Transformationsphase keinen noch
stärkeren Bevölkerungsverlust hinnehmen musste,
ist vor allem auf Zuwanderungen aus den nichtrussischen
Nachfolgestaaten der Sowjetunion zurückzuführen.
Dadurch konnten auch die Abwanderungsverluste ausgeglichen
werden, die durch die Übersiedlung von Russlanddeutschen
nach Deutschland und von Juden nach Mitteleuropa oder Israel
entstanden. An der ethnischen Zusammensetzung dürfte
sich - von den beiden zuletzt genannten Gruppen abgesehen
- durch die russische Zuwanderung wenig verändert haben,
da zahlreiche nichtrussische Ethnien eher etwas höhere
natürliche Zuwachsraten aufweisen. Soziale Verwerfungen im Gefolge der Transformation Während das Gesamtvolumen der Wanderungen in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gegenüber der sowjetischen Zeit rasch zunahm, ist seit etwa 1996 ein Abflauen der Migrationswelle festzustellen. Dies hängt nicht nur mit geringerer Aufnahmebereitschaft in den Aufnahmeländern zusammen, sondern auch mit einer gewissen Resignation der verbliebenen Bevölkerung, aber auch mit der beginnenden makroökonomischen Stabilisierung Russlands. Die Abwanderung aus dem Hohen Norden und die Zuwanderung aus den kaukasischen und zentralasiatischen Nachfolgestaaten wirft aber weiterhin große Probleme bei der Ansiedlung der Migranten und bei der Arbeitsplatzbeschaffung auf. Damit sind zugleich die sozialen Verwerfungen angesprochen, die mit der Transformation einhergingen: Während einer relativ dünnen Bevölkerungsschicht eine aktive Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung gelang, wurde der bei weitem größere Teil der Bevölkerung von Verarmung betroffen. Dies gilt insbesondere für den sowjetischen Mittelstand, der in dem gut ausgebauten sowjetischen Bildungs- und Hochschulwesen tätig gewesen war. Auch das Militär erfuhr beträchtliche Einbußen, da die aus den nichtrussischen Nachfolgestaaten zurückkehrenden Soldaten und Offiziere in der Regel keine adäquaten Betätigungsfelder fanden. Die ersten offiziellen Zahlen für das Jahr 2000 lassen auch in diesem Bereich eine gewisse Stabilisierung erkennen: Die Industrieproduktion zeigte in fast allen Regionen des Landes im ersten Halbjahr leichtes Wachstum gegenüber dem ersten Halbjahr 1999, während die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit rückläufig ist.8 Dennoch ist Russland noch weit davon entfernt, die Transformationskrise überwunden zu haben. Erst eine Konsolidierung der Wirtschaft wird auch eine bessere Ressourcennutzung und günstigere Lebensbedingungen für die Bevölkerung ermöglichen. Landwirtschaft - nach wie vor Sorgenkind Nr. 1 Zu den größten Transformationsdefiziten gehört
in Russland das Fehlen einer umfassenden Privatisierung
von Grund und Boden. Dadurch wurde die Verselbständigung
von agrarischen Einzelbetrieben erschwert, aber auch die
nach ihrer Rechtsform privatisierten Großbetriebe erlebten
nur einen geringen Wandel. Nach wie vor sind Defizite in
der vertikalen Integration des Agrarsektors, unzulängliche
Belieferung der Betriebe mit Saatgut, Agrochemikalien und
Maschinen, ferner der unzureichende Ausbau der Verkehrsinfrastruktur
im ländlichen Raum, Mängel bei Lagerung und Transport,
das Fehlen unabhängiger Absatzorganisationen, die den
Agrarproduzenten den Marktzugang ermöglichen, und die
zu starke Spezialisierung zahlreicher Arbeitskräfte
wichtige strukturelle Mängel. Die regionale Anordnung
der Anbauzonen hat sich gegenüber der Sowjetzeit kaum
verändert, doch verhinderte der chronische Kapitalmangel
eine ausreichende technische Anpassung. Dies ist eine Ursache
für den Rückgang sowohl bei der landwirtschaftlichen
Nutzfläche (Ackerland: zwischen 1990 und 1998 um 22%)
als auch bei den Viehbeständen (Rinder: Halbierung
der Bestände zwischen Anfang 1991 und 1999). In der Industrie fortbestehende Standorte bei niedriger Produktivität Auch das produzierende Gewerbe hat es in der Transformationsphase
nicht geschafft, einen entscheidenden Innovationssprung
vorzunehmen. Vielmehr erlebte die Produktion in den 1990er
Jahren dramatische Einbußen. 1998 betrug der gesamte
Produktionswert, gemittelt über alle Branchen und Regionen,
nur noch die Hälfte des Wertes von 1991. Ein anhaltend geringes Engagement ausländischer Investoren Zu den Hemmnissen einer industriellen Wiederbelebung gehört das anhaltend geringe Engagement ausländischer Investoren. Dabei ist zu bedenken, dass Russland zwar durchaus für ein solches Engagement geworben hat, dass in verschiedenen Landesteilen Wirtschaftssonderzonen ausgewiesen wurden, doch besteht nach wie vor eine erhebliche Rechtsunsicherheit durch häufig geänderte Bestimmungen. 1998 bestanden insgesamt 8835 Joint Ventures, davon 2316 im Bereich des Produzierenden Gewerbes, 3311 im Einzelhandel. Der Gesamtumsatz von 215,7 Mrd. Rbl. (ca. 2,1 Mrd. US$) relativiert sich angesichts der Größe des Landes. Unter den Staaten, aus denen die ausländischen Partnerunternehmen stammen, stehen die USA und Deutschland (1350 bzw. 1123) vor Zypern (733; häufig Re-Investitionen russischen Auslandskapitals), China (713) und Großbritannien (662). Die nichtrussischen GUS-Staaten sind mit 1273 Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Angaben zum Kapitalvolumen fehlen, doch ist von einer eher schwachen Kapitalverflechtung innerhalb der GUS auszugehen. Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur bleiben zurück Die heutige Infrastruktur des Landes beruht im wesentlichen
auf Investitionen, die noch in sowjetischer Zeit getätigt
wurden. Die Transformationsphase erlaubte kaum neue Einrichtungen,
so dass weder im Verkehrswesen noch im Bereich der sozialen
Infrastruktur mit Neuerungen zu rechnen ist. Nur in den
Metropolen mit ihrem höheren Steueraufkommen wurden
Modernisierungsvorhaben realisiert, so etwa der vielspurige
Ausbau des Autobahnrings um Moskau. Ein anderes Großprojekt,
der Bau einer Hochgeschwindigkeitstrasse für die Eisenbahn
zwischen St. Petersburg und Moskau musste dagegen aus Kostengründen
zunächst zurückgestellt werden. Auch die Modernisierung
des Eisenbahnwesens kommt nicht so rasch voran, wie es zu
Beginn der 1990er Jahre zunächst geplant war. Immerhin
führt die Monopolstellung der russischen Eisenbahn dazu,
dass inzwischen eine weitgehende Rentabilität erreicht
wurde. Im Flugverkehr wird von staatlicher Seite versucht,
die Vielzahl an unkontrollierbaren kleinen, regionalen Fluggesellschaften
zu reduzieren, die nach 1990 entstanden waren und meist
mit veraltetem Fluggerät operieren. Inzwischen hat
Aeroflot die frühere Dominanz im internationalen Passagiertransport
zurückgewonnen, obwohl auch hier Konkurrenz erwuchs.
Zu den Gewinnern der Transformation gehören bislang vor allem die Metropolen . Zu den Gewinnern der Transformation gehören bisher vor allem die Metropolen, allen voran Moskau. Die meisten Repräsentanzen ausländischer Unternehmen konzentrieren sich dort, die Umgestaltung des Einzelhandels ist am weitesten vorangeschritten, und auch die Privatisierung von Immobilien löst Prozesse aus, die die Stadtstruktur verändern. So hat bereits in einzelnen innerstädtischen Teil gebieten eine Luxussanierung eingesetzt, die ebenso zur Verdrängung wirtschaftlich schwächerer Bevölkerungsgruppen führt wie die Nachfrage nach Büroraum, der derzeit vor allem mit dem Neubau großer Dienstleistungszentren nachgekommen wird. Eine anfängliche Überhitzung des Kauf und Mietmarktes für Büroraum ist inzwischen aufgrund dieses zusätzlichen Angebotes wieder abgeklungen. Eine außerordentliche Konzentration auf Moskau zeigen auch das Bankenwesen und damit der internationale Kapitalverkehr. Die noch ausstehende Privatisierung von Grund und Boden wird als größtes Hemmnis für eine noch stärkere Dynamik gesehen. St. Petersburg, Samara, Nishnij Nowgorod, Jekaterinburg und Nowosibirsk zeigen geringere Transformationsfolgen, obwohl sie sich um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen oder um die Öffnung der Märkte bemühen. . während der ländliche Raum von Stagnation geprägt ist Der ländliche Raum wird weithin von Stagnation geprägt, da Modernisierung im Siedlungswesen kaum finanzierbar ist und insbesondere im vertikalen Verbund des Agrarsektors die bereits genannten Mängel fortbestehen. Es gibt aber genügend Landbewohner, die in der Krisensituation innovativ arbeiten und im agrarischen oder Dienstleistungssektor um Veränderungen bemüht sind. Wegen der anhaltenden Landflucht wird bereits befürchtet, dass die Landwirtschaft zusätzlich zu den Defiziten, die aus mangelnder Effizienz entstehen, weitere Einbußen erleben wird. Nach wie vor Großmacht - und Hegemonieanspruch Russland sieht sich nach wie vor als Großmacht.
Aus geographischer Sicht scheint dies gerechtfertigt hinsichtlich
der Staatsfläche und der in ihnen verfügbaren
Ressourcen, des nach wie vor bestehenden militärischen
Potentials, der Bedeutung einer Einflusssphäre im Bereich
der nichtrussischen GUS-Staaten und der Mitwirkung in internationalen
Organisationen. Andererseits bestehen eine hohe Auslandsverschuldung,
deren Abbau in überschaubarer Zeit höchst ungewiss
ist, und massive strukturelle Mängel im Produzierenden
Gewerbe. Literaturhinweise Bater, James H.: Russia and the PostSoviet Scene: A Geographical Perspective. London etc.: Arnold 1996. Brade, Isolde, Monika Schulze: Rußland - aktuell. Leipzig: Institut für Länderkunde 1997. Carrère d'Encausse, Helène: Risse im roten Imperium. Das Nationalitätenproblem in der Sowjetunion. Wien usw.: F. Molden 1979 Demografic¡eskij ez¡egodnik Rossii. Moskva: Goskomstat Rossii 1999. Kappeler, Andreas: Rußland als Vielvölkerstaat. München: Beck 1992. Karger, Adolf: Sowjetunion. Frankfurt am Main: Fischer TaschenbuchVerlag 1987. Lappo, Georgij M., Fritz W. Hönsch: Urbanisierung Rußlands. Berlin, Stuttgart: Gebr. Borntraeger 2000 (= Urbanization of the Earth; vol. 9). Lydolph, Paul: Geography of the U.S.S.R.: Topical Analysis. Elkhart Lake, Wisc.: Misty Valley Publ. 1979. Radvanyi, Jean: La nouvelle Russie. Paris: Arman Colin 2000. Rossijskij statistic¡eskij ez¡ egodnik 1999, Moskva: Goskomstat 1999. Rossijskij statistic¡eskij ez¡ egodnik 1999. Moskva 1999. Shaw, Denis J.B.: Russia in the Modern World: A New Geography.Oxford: Blackwell 1999. Social'noeÿ konomic¡ eskoe poloz¡ enie Rossii. Janvar' - ijun' 2000 goda. Moskva: Goskomstat Rossii 2000.
Stadelbauer, Jörg: Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996. 1 Über die geographischen Grundlagen informiert eine Reihe jüngerer Darstellungen, die bereits die Veränderungen nach der Auflösung der Sowjetunion berücksichtigen. Als umfassendere Darstellungen seien genannt James H. Bater: Russia and the PostSoviet Scene: A Geographical Perspective. London etc.: Arnold 1996; Jean Radvanyi: La nouvelle Russie. Paris: Armand Colin 2000; Denis J.B. Shaw: Russia in the Modern World: A New Geography. Oxford: Blackwell 1999; Jörg Stadelbauer: Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996. Die naturräumlichen Zusammenhänge sind dort meist etwas knapper abgehandelt; ergänzend heranzuziehen sind Paul Lydolph: Geography of the U.S.S.R.: Topical Analysis. Elkhart Lake, Wisc.: Misty Valley Publ. 1979 sowie Adolf Karger: Sowjetunion. Frankfurt am Main: Fischer TaschenbuchVerlag 1987 mit einer den Naturraum und die historische Entwicklung besonders betonenden Darstellung. Eine aktuelle Materialsammlung wurde von Isolde Brade und Monika Schulze: Rußland - aktuell. Leipzig: Institut für Länderkunde, 1997 vorgelegt. 2 Alle Zahlenangaben nach Rossijskij statistic¡eskij ez¡ egodnik 1999, Moskva: Goskomstat 1999, S. 317ff. 3 Hierzu grundlegend Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich: Entstehung, Geschichte, Zerfall. München: C.H. Beck 1992. 4 Helène Carrère d'Encausse: Risse im roten Imperium. Das Nationalitätenproblem in der Sowjetunion. Wien usw.: F. Molden 1979. 5 Demografic¡eskij ez¡ egodnik Rossii. Moskva: Goskomstat Rossii, 1999, S. 50ff 6 Demografic¡eskij ez¡ egodnik, 1999, S. 56ff, 7 Demografic¡eskij ez¡ egodnik, 1999, S. 323ff. 8 Social'noeÿ konomic¡ eskoe poloz¡ enie Rossii. Janvar' - ijun' 2000 goda. Moskva: Goskomstat Rossii 2000. 9 Rossijskij statistic¡eskij ez¡ egodnik 1999, Moskva 1999, S. 350..
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