Zeitschrift

Russland unter Putin

Ein Reflex tief greifender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen

Putin und die Macht der Oligarchen  



 

Inhaltsverzeichnis

 

Zur Verflechtung von Politik und Wirtschaft in Russland

Von HansHenning Schröder

Dr. HansHenning Schröder ist apl. Professor am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Rurniversität Bochum und Referent am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Köln.
 

Den Zerfall der Sowjetunion haben die bislang politisch Mächtigen genutzt, sich Staatseigentum in Form von Unternehmen anzueignen. Politische Macht wurde so in ökonomische Macht transferiert. Hinzu kamen Aufsteiger, besonders im Bankenbereich. Die Nähe zur politischen Macht, zu Jelzin, sicherte den wichtigsten von ihnen die Stellung als " Oligarchen". Dieser Entwicklung entsprach eine tief greifende Veränderung der russischen Gesellschaft, die die Mittelschicht "auswusch" und das gesellschaftliche Vermögen in wenigen Händen konzentrierte. Die Politik des Macht und Besitzerhalts erweist sich als eine größere Gefahr für den Demokratisierungsprozess als die, die von den Verlierern ausgeht. Zwar wurden immer wieder Versuche unternommen, die Macht der " Oligarchen" zu brechen, doch der Geldbedarf für die Wiederwahl von Jelzin und die Wahl von Putin war ihr Trumpf. Die Familie Jelzins selbst profitierte auch materiell, indem sie den Zugang zum Präsidenten kontrollierte. Putin, nunmehr an der Macht, sucht die Macht der "Oligarchen" zu brechen, auch mit Hilfe von Strafverfolgung und Justiz. Ob das Russland der Demokratie näher bringt, ist zweifelhaft. Red. 

Die politischen Kräfteverhältnisse haben sich von Grund auf verändert

In den letzten zehn Jahren haben sich die politischen Kräfteverhältnisse in Russland von Grund auf verändert. Das Monopol der Kommunistischen Partei ist beseitigt, die sowjetische Planbürokratie hat Banken und großen Industriekonzernen Platz gemacht. Dennoch kann man nur sehr bedingt von einer funktionierenden Demokratie sprechen. Zwar veränderten sich im Laufe der Neunzigerjahre die politischen Kräfteverhältnisse in Russland, doch im Verlauf der Neuverteilung politischer und wirtschaftlicher Macht konstituierte sich eine neue Führungsschicht - ein Konglomerat aus "alten" und "neuen" Netzwerken, die den politischen Prozess dominierten und keinen Raum für die Entfaltung einer Zivilgesellschaft ließen. Im Zusammenspiel mit Finanzgruppen und regionalen Lobbies bestimmten politische Clans über weite Strecken hin russische Politik und ordneten sich die Institutionen des neu geschaffenen demokratischen Staats unter.
Die "Privatisierung von Politik" durch wenige Führungsgruppen war Ergebnis einer tief greifenden Umschichtung in der russischen Gesellschaft. Bereits in der Breschnew-Ära (1964-1982) hatte ein Prozess sozialen Wandels eingesetzt, in dessen Rahmen sich die Inhaber von Nomenklatur Positionen, d. h. die höheren Funktionsträger in Partei und Staat, faktisch das Verfügungsrecht über das Staatseigentum aneigneten. Der Zugang zu dieser Führungsschicht war über ein Rangsystem geregelt, in dem neben Bildung vor allem die Position in der Hierarchie der politischen Bürokratie entschied.1 Die Wirtschafts- und Sozialreformen der Gorbatschow-Jahre beschleunigten diese Entwicklung. Teile der Nomenklatur-Elite begannen, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen und - unter Nutzung ihrer bisherigen Vorrangstellung - Eigentum zu akkumulieren. Die Umsetzung alter politischer in neue ökonomische Macht war Teil des umfassenden Prozesses, in dem die russische Gesellschaft umgeschichtet wurde.

Tief greifende Veränderungen in der Binnenstruktur der russischen Gesellschaft

In den Transformationsjahren kam es zu einer tief greifenden Veränderung in der Binnenstruktur der russischen Gesellschaft. Das zeigen u. a. Sozialstatus-Untersuchungen, die das Russische Unabhängige Forschungsinstitut (RUFI) in den Jahren 1992 und 1998 durchgeführt hat.2 Nimmt man die Selbsteinschätzung der Betroffenen als Messwert für den Sozialstatus und vergleicht die russischen Daten für 1992 und 1998, so treten die Veränderungen der Gesellschaftsstruktur ganz deutlich hervor (vgl. Abbildung 1). Während am Ende der Sowjetzeit - nicht unähnlich der Situation in westlichen Industrieländern - eine Art Normalverteilung zu erkennen ist, mit einem Höchstwert im mittleren Skalenbereich, liegt das Maximum im Russland des Jahres 1998 deutlich im untern Drittel der Statusskala. Die Bevölkerungsgruppen, die sich selbst als Mittelschicht begreifen, sind im Transformationsprozess ausgewaschen worden. Innerhalb der Gesellschaft stellen sie nur noch eine Minderheit dar.
Diese Beobachtung bestätigt die Auswertung der Einkommensstatistik: Gegenwärtig stellt die so genannte Mittelschicht keinen bestimmenden Faktor politischer und gesellschaftlicher Entwicklung dar.
Eine stabile " Mittelklasse" mit eigenem Selbstbewusstsein, die einen politischen Faktor darstellte, hat sich in Russland bisher eben nicht herausgebildet. Zwar gibt es zahlreiche Gruppen, aus denen sich eine solche gesellschaftliche Kraft speisen könnte, doch sind diese zahlenmäßig noch nicht stark genug und in ihrem Selbstverständnis wohl auch zu heterogen, um politisch Gewicht zu besitzen. Der ehemalige Ministerpräsident Primakow hat das Fehlen einer Mittelschicht denn auch sarkastisch mit dem Satz kommentiert: "Leute, die in der Börse mit den Armen wedeln, das ist noch keine Mittelklasse." 4


Abbildung 1: Wandel der russischen Sozialstruktur 1992 und 1998 3

Transformation war mit Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums verbunden - zu Gunsten Weniger

Während die russische Gesellschaft am Ende der Sowjetzeit im Kern den westlicher Industrieländern ähnelt, mit einer kleinen Oberschicht, einer relativ großen  Mitte und einer schwachen Unterschicht, so stellt sich die Situation nach sechs Jahren Transformation entschieden anders dar. Die Mittelschichten sind deutlich verringert, die Mehrzahl ihrer Mitglieder ist in die Unterschicht abgesunken und der großen Masse sozialer "Absteiger" steht eine kleine politische und ökonomische Elite gegenüber. Der kleinen Spitzengruppe ist es aber gelungen, sich den Löwenanteil des gesellschaftlichen Reichtums anzueignen. Das illustrieren die Angaben des statistischen Amts über die Verteilung des Geldeinkommens (vgl. Abbildung 2).


Abbildung 2: Verteilung des Geldeinkommens in Russland 1991-1998 5 

Die Daten für die Jahre 1991-1998 zeigen, dass das bestverdienende Fünftel der russischen Bevölkerung 1990 ca. über 31% des gesamten Geldeinkommens verfügte, Mitte der 90er aber schon fast über die Hälfte des Geldeinkommens (46-47%) disponierte. Demgegenüber sank der Einkommensanteil der mittleren und unteren Quintile. Der Zugewinn der reichsten Gruppe geht vor allem auf Kosten der unteren Mittelschichten, deren Anteil am Einkommen im Laufe der Reformjahre von 34% auf 25% zurückging. Es ist also eine Konzentration des Geldeinkommens in einer zahlenmäßig kleinen Oberschicht zu beobachten, während der Anteil der unteren und mittleren Einkommensgruppen an den Gesamteinkünften der Gesellschaft im Verlauf der Jelzin-Jahre fortgesetzt gesunken ist.
Die Transformation - Übergang zu Marktwirtschaft und Demokratie - war in Russland also mit einem Prozess der Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums verbunden. In der Gesellschaft tat sich ein tiefer Riss auf. Eine zahlenmäßig kleine Führungsgruppe, die sich im Übergangsprozess durchgesetzt hatte und die von der Gesellschaft nicht mehr kontrolliert wurde, benutzte die Ressource "Reform" vor allem zum Erhalt und zum Ausbau ihrer neu erworbenen wirtschaftlichen und politischen Macht.

Der Wandel der Elitenstruktur: "alte" und "neue" Eliten

Diese "Gewinner" der Reformära machen jene - zahlenmäßig kleine - Schicht aus, die von den russischen Soziologen als "herrschende Elite" bezeichnet wird. Zu ihr werden im Wesentlichen zwei Gruppen gerechnet - die Inhaber politischer Führungsämter und die Wirtschaftsführer. 6 Sie rekrutieren sich zum Teil aus der "alten" sowjetischen Elite, doch die Transformation hat wenigstens partiell zu einer Erneuerung geführt. Allerdings handelte es sich nicht um eine radikale Ablösung, sondern um einen allmählichen Übergang - Beyme bezeichnet ihn ironisch als "sozialverträglichen Elitenwechsel"7 .
Der Elitenwandel, der in der Transformationsphase stattfand, vollzog sich in Form einer Pluralisierung. Einerseits kam es zu einer Segmentierung der traditionellen sowjetischen Führungsschichten, zum andern stiegen im Rahmen der Neugestaltung des politischen und des wirtschaftlichen Systems homines novi auf. Die Segmentierung - d. h. die Ausdifferenzierung der sowjetischen Elite in Gruppen mit unterschiedlichen Interessen - setzte bereits in den Sechziger und Siebzigerjahren ein, gewann in den Achtzigerjahren aber erheblich an Intensität. In der Zeit der Transformation haben sich diese Segmentierungstendenzen noch erheblich verstärkt. In den neunziger Jahren führten dann die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen - u. a. die Entmachtung und der Zerfall der regierenden Partei, die Privatisierung, die Kadererneuerung in der Verwaltung und die Institutionalisierung der regionalen Selbstverwaltung - zu einer regelrechten Aufspaltung der "alten" sowjetischen Elite: Sie zerfiel in konkurrierende Gruppen, die allerdings noch durch Herkunft, persönliche Beziehungen und institutionelle Strukturen miteinander verbunden waren.8 Die Übergangsphase Ende der Achtziger, Anfang der Neunzigerjahre war darüber hinaus durch den Aufstieg einer Business-Elite und einer politischen Elite gekennzeichnet, die in der rasch entstehenden Geschäftswelt und in den neuen Partei und Repräsentativstrukturen Einfluss gewannen und Verantwortung an sich rissen.
Um diese immer noch im Wandel begriffene Elitenstruktur begrifflich zu fassen, haben russische Sozialwissenschaftler eine Reihe von Modellen entwickelt. Afanas'ev etwa unterscheidet zwischen einer wissenschaftlichen, kulturellen und publizistischen Elite sowie einer Rechtselite, denen er die Gruppen gegenüberstellt, die sich den Zugriff auf Geld und Macht sicherten. Im Prozess der Aufspaltung verloren danach die sinn und normenproduzierenden Gruppen an Einfluss, während die Wirtschafts- und Machtelite an Bedeutung gewann.9 Ähnlich klassifiziert auch Natal'ja Lapina, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Eliten unterscheidet, wobei sie innerhalb der politischen Elite einen Unterschied macht zwischen der "bürokratischen" oder "Apparatelite", deren Position sich konsolidiert, und der "Reformelite", die zunehmend an Bedeutung veliert.10 Olga Kryschtanowskaja stellt die Umgebung des Präsidenten, die Regierung und die regionale Elite den Parteiführern und der Geschäftselite gegenüber.11
Noch stärker differenziert V. Gel'man, der u. a. folgende Gruppierungen identifiziert: nationale Einflussgruppen (pressure groups; u. a. Brennstoff und Energiekomplex, Finanzgruppen, Agro-Industriekomplex, Rüstungskomplex), föderale Verwaltungs- und Managerelite (Präsidial und Regierungsstrukturen, Fachminister, Abteilungsleiter usw.; Finanzministerium, Zentralbank, Staatlicher Eigentumsfond etc.), nationale Militär- und Rechtsvollzugselite (Armee, Sicherheitsdienste, Innenministerium u. a.), föderale Partei- und Parlamentselite (Führung der Häuser des Parlaments, der Fraktionen, Führung der großen Parteien, Gewerkschaften, gesellschaftliche Organisationen, Abgeordnete), föderale Medienelite (Fernsehen, Rundfunk, Nachrichtenagenturen, zentrale Zeitungen), und schließlich regionale Elitegruppen (strukturell ähnlich zu föderalen Eliten, mit Abweichungen in verschiedenen Regionen).12

Zentrale und regionale Eliten - Funktionseliten

Die Autoren sind sich in der Feststellung einig, dass im neuen Russland im Ergebnis eine Reihe konkurrierender Führungsgruppen entstanden sind, die in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft wirken und ihre Macht aus unterschiedlichen Quellen herleiten. Es scheint sinnvoll, einerseits zwischen föderaler (zentraler) und regionaler Ebene, zum anderen nach Funktionsbereich (Wirtschaft, Politik, Medien usw.) zu differenzieren. Auch das Ausmaß der Teilhabe an staatlicher Macht stellt ein Unterscheidungsmerkmal dar. Schließlich sollte man auch nach Zeitpunkt des Aufstiegs "alte" - sowjetische - und "neue" - im Transformationsprozess nach oben gespülte - Führungsgruppen gegeneinander abgrenzen.
Diese Eliten des neuen Russland rekrutierten sich daher zum überwiegenden Teil aus "alten" sowjetischen Führungsschichten, die ihre Stellung im alten Regime ausnutzten, um sich auch im neuen System einflussreiche Positionen zu verschaffen. Ende der 80er, Anfang der 90erJahre stießen die Aufsteiger dazu - homines novi -, die in der rasch entstehenden Geschäftswelt und in den neuen Parteiund Repräsentativstrukturen Einfluss gewannen. Die neue Führungsschicht war daher ausgesprochen heterogen. Mitte der 90er-Jahre rekrutierte sich die überwiegende Mehrheit der Angehörigen der Exekutive im Zentrum und in den Regionen aus der Bürokratie der Sowjetzei - vor allem aus der Verwaltung und aus dem Wirtschaftsapparat. In den neu entstehenden Parteien und im Geschäftsleben dagegen war der Anteil "neuer" Leute, also solcher, die in der Sowjetzeit keine Führungsposten in Partei und Staat bekleidet hatten, ganz beträchtlich.13

Ein Reflex widerstreitender Prozesse der Übergangszeit

Die heterogene Zusammensetzung der neuen Oberschicht ist ein Reflex der widerstreitenden Prozesse der Übergangszeit. Anfangs spielten "Staatslobbies"14 eine starke Rolle, in denen "Seilschaften" aus früherer Zeit - etwa die Unternehmen eines Industriezweiges in Verbindung mit den überlebenden Strukturen der sowjetischen Branchenbürokratie - fortexistierten. " Staatslobbies", in denen sich ehemaliger Parteiapparat, alte Industrieverwaltung und Unternehmensführungen verbanden, spielten aber nur vorübergehend eine Rolle. Schon wenige Jahre nach dem Zerfall der UdSSR traten neue Akteure in Gestalt großer Industrie und Finanzkonglomerate hervor. Unter diesen spielten die großen Unternehmen des Energiesektors, die ihre Gewinne über den Export von Erdgas oder Mineralöl erwirtschaften, und die Banken die wichtigste Rolle. Sie standen in der Regel in enger Verbindung mit politischen Führungsgruppen auf föderaler und regionaler Ebene, mit deren Hilfe sie sich den Zugriff auf staatliche Ressourcen verschafften, und hatten es obendrein verstanden, erheblichen Einfluss auf die neu entstandenen Medien zu erlangen.15

Gas-Elite und Erdöl-Elite

Die konkurrierenden Teileliten lassen sich nicht immer scharf voneinander abgrenzen, da sie in der Regel in Gruppen übergreifende Netzwerke eingebunden waren, doch sind gewisse Grundmuster erkennbar. Ein spezifischer Typ wirtschaftspolitischer Einflussgruppen entstand aus den Leitungsapparaten der sowjetischen Branchenministerien, die Ende der 80er-Jahre zum Teil einfach in Konzerne umgewandelt worden waren.16 Diese Brancheneliten, die meist nach wie vor eng mit dem Regierungsapparat verschränkt waren, trieben intensive Lobbyarbeit, um die Interessen ihres Wirtschaftszweiges zu fördern. Grundsätzlich lassen sich zwei konkurrierende Gruppen identifizieren - die Repräsentanten der Rohstoffproduzenten und die Vertreter der verarbeitenden Industrien. In der ersten Gruppe dominierten vor allem die Vertreter der Erdgas- und Erdölförderung. Insbesondere die "Gas-Elite", die es verstanden hatte, ihr Branchenministerium in einen modernen, exportorientierten Konzern umzuwandeln, trat sehr geschlossen auf und übte über den langjährigen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin lange Zeit erheblichen Einfluss innerhalb der Regierung aus. Ähnliche Geschlossenheit zeigte die Erdöllobby, die sich aus den Managern einiger großer Konzerne zusammensetzte und eng mit der Gas-Elite kooperierte. Beide Gruppen verfügten als Rohstoffexporteure über erhebliche Finanzmittel, die sie - wie im Vorfeld der Präsidentenwahlen 1996 - auch einsetzten, um die Jelzin-Administration finanziell zu stützen.
Gegenüber den Rohstoffproduzenten, die durch Außenhandelseinnahmen in einer sehr starken Position waren, konnten sich die Vertreter der maroden verarbeitenden Industrie kaum durchsetzen. Die Rüstungsindustrie etwa - vor 1990 eine Branche von erheblichem Gewicht, die über Positionen im ZK und im Politbüro direkt auf politische Entscheidungen einwirken konnte - stellt sich nicht mehr als geschlossene Einflussgruppe dar. Neu gegründeten Konzerne wie MAPO oder Suchoj, die sich Chncen auf dem internationalen Markt ausrechnen, setzen eher auf Rüstungsexporte, während die Betriebe, die keine konkurrenzfähigen Produkte anbieten können - dazu gehört etwa die russische Elektronikindustrie - nach wie vor staatliche Unterstützung einfordern.

Die Banken-Elite als ganz neuartige Erscheinung

Eine ganz neuartige Erscheinung stellte die Bankenelite dar, die aus dem Führungspersonal der zahlreichen Kreditinstitute bestand, die in den 90erJahren wie Pilze aus dem Boden schossen. Allerdings mussten viele kleinere Institute im harten Konkurrenzkampf bald wieder aufgeben. Von den ca. 2.500 Banken, die 1994 aktiv waren, arbeitete ca. einV ertel mit Verlust und etwa 1.000 verloren im Laufe der nächsten vier Jahre ihre Lizenz.17 Einige Banken - wie z. B. SBS-Agro, ONE ÿ KSIM, Most-Bank, Alfa-Bank oder MENATEP - erlebten dagegen einen schwindelerregenden Aufstieg. Nachdem sie in den Jahren der Hochinflation 1992 bis 1994 durch Währungsspekulation enorme Gewinne erzielt hatten, bauten sie in den Folgejahren ihre Sonderstellung vor allem durch enge Bindungen an die Politik aus, die ihnen in Gestalt des Instituts der "bevollmächtigten Banken"18 , durch kurzfristige Staatsanleihen, Pfand und Privatisierungsauktionen lukrative Einnahmequellen verschaffte. Die Finanzinstitute wandelten sich in große Holdings, die in lukrativen Branchen - Mineralölwirtschaft, Aluminiumerzeugung, Telekommunikation, Medien oder Werbewirtschaft - Fuß zu fassen versuchten. Sie unterhielten mehr oder weniger enge Beziehungen zum Präsidialapparat und zur Regierung. Allerdings stellte diese neue Finanzelite keineswegs eine geschlossene Gruppe dar, die gemeinsame Interessen vertrat. Im Gegenteil, die Kapitalgruppen standen in scharfem Wettbewerb um Finanzressourcen, um Aktienkontingente von Großunternehmen, die zur Privatisierung anstanden, und um Anteile an zukunftsträchtigen Märkten.

Der "Sommer der Oligarchen" 1996-1998

Während die Brancheneliten sich vorwiegend aus Wirtschaftsmanagern sowjetischen Typs zusammensetzten, trat bei den Finanzeliten ein neuer Typ von Wirtschaftsführer in den Vordergrund - Unternehmer, die das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune als "Russia's new fat cats" beschrieb.19 Dies war eine Geschäftselite, die sich in den Jahren 1989 bis 1991 formierte 20 und mit ihrem Durchsetzungsvermögen, ihrem wenig rücksichtsvollen Geschäftsgebaren und einem Hang zur Selbstdarstellung zunehmend das gesellschaftliche Klima bestimmte.21 Waren sie zum Aufbau ihrer Finanzimperien zunächst auf die Hilfe politischer "Patrone" angewiesen, so waren Mitte der 90er-Jahre einige von ihnen so erstarkt, dass sie ihrerseits auf Politik einzuwirken begannen.22 Das wurde Anfang 1996 augenfällig, als Präsident Jelzin, dessen öffentliches Ansehen zu diesem Zeitpunkt auf einem Tiefststand angelangt war, nur mit Hilfe einer Gruppe von Finanzmagnaten seine Wiederwahl erreichen konnte. Damit wurde eine enge Verbindung zwischen neuer "Hochfinanz" und politischem Führungszirkel begründet, die bis zur Finanzkrise im August 1998 Bestand hatte.
Mit dem Hervortreten der großen Finanzgruppen gewann das politische System der Ära Jelzin in den Augen der russischen Öffentlichkeit einen neuen Charakter: als bestimmende Elemente galten nun die sogenannten "Oligarchen".23 Der Moskauer Politikwissenschaftler Aleksej Zudin skizzierte die Situation dieser Jahre folgendermaßen:
"Der wichtigste Teil der Beziehungen zwischen Business und Staat verlagerte sich in einen engen sozialen Raum, in dem es institutionelle Beschränkungen nicht gab. [.] Im neuen, postkommunistischen Establishment hat sich ein ,oligarchischer' Typ der Interessenabgleichung durchgesetzt. Einzelne Segmente der Macht und der mit ihnen verbundenen bürokratischen und politischen Eliten begannen sich den Geschäftseliten anzunähern. Eine kleine Gruppe von Direktoren und Geschäftsleuten wurde Bestandteil der neuen herrschenden Schicht und erhielt direkten Zugang ins Zentrum des politischen Systems."24

Wer aber sind diese "Oligarchen"?

Der Begriff "Oligarchen" bezeichnete in dieser Phase eine kleinere Gruppe von Finanzmagnaten - die "großen Acht" oder auch die "Sieben Bankbarone" -, die in enger Verbindung mit Präsident und Regierung standen und offenbar auf diese beträchtlichen Einfluss ausübten.25 Wer zu den "Oligarchen" gehörte, stand nicht eindeutig fest, doch die folgenden Personen und Großkonzerne wurden am häufigsten dazu gezählt: (siehe Tabelle 1). Die soziale - wie letztlich auch die politische - Entwicklung der Reformphase war also bestimmt durch die Formierung einer politischen und ökonomischen Elite, die sich einerseits aus der sowjetischen Nomenklaturschicht rekrutierte, andererseits aus Aufsteigern. Solche Klientelverhältnisse zwischen Wirtschaft und Politik existierten sowohl auf der Ebene der Föderation wie in der Mehrzahl der Regionen. Auf föderaler Ebene waren diese Strukturen instabil. In den neun Jelzin-Jahren ist der engere Führungskreis mehrmals vollständig ausgetauscht worden. Fixpunkt war über lange Jahre hinweg allein der Präsident selbst. In den Provinzen installierten sich dagegen nach anfänglichen Konflikten und Unsicherheiten festgefügte lokale Eliten, die sich vor allem aus der sowjetischen Verwaltungsnomenklatur rekrutierten und das politische und wirtschaftliche Leben in ihrer Region effizient kontrollierten.

Die Demokratisierung scheint weniger durch die Verlierer als durch die Gewinner der Transformation gefährdet

Auf diese Weise liegt die Herrschaft im Zentrum wie in den Regionen in Hand von Clans, die von der Gesellschaft nicht mehr kontrollierbar sind. In Verbindung mit den politischen Eliten haben die großen Finanzmagnaten ("die Oligarchen") die Reformpolitik eigentlich gestaltet und den Prozess der Umverteilung manipuliert, der wesentlicher Teil der Reform war.26 Sie handelten nach der Maxime: "Der Gewinner kriegt alles." Diese Gruppen haben den Verlauf der Transformation bestimmt und dem politischen System Russlands einen spezifischen Charakter gegeben. Die Gefahr, die von dieser Entwicklung ausging, hat vielleicht am prononciertesten Joel Hellman 27 ausgedrückt, der erklärte, dass die Durchsetzung und Konsolidierung demokratischer Systeme nicht durch die Verlierer der Transformation - den "short term losers of economic transition (striking workers, resentful former state bureaucrats, impoverished pensioners, or armies of the unemployed)" - gefährdet ist, sondern vielmehr durch die "Gewinner", die den Wandel nur so weit vorantreiben, als ihre eigenen Interessen es erfordern.

Tabelle 1: Die "Oligarchen" der Ära Jelzin
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Die Wandlungen des Jelzin-Clans

In der Tat verdankte die Mehrzahl der Finanzmagnaten ihren Aufstieg der Nähe zur großen Politik. Allerdings war es in Jelzins Russland nicht einfach, den Kontakt zu dem präsidialen Führungszirkel zu halten. Die Kräfteverhältnisse und die Personalkonstellationen im Umfeld des Präsidenten wechselten rasch. Nach 1993 war ein Kreis von Personen hervorgetreten, die dem Präsidenten nahe standen und - als Ausweis der Nähe - mit ihm regelmäßig Tennis spielten.28 Bestimmende Figur dieser Gruppe, zu der u.a. der Verteidigungsminister und der Tenniscoach des Präsidenten gehörten, war der Leiter des präsidialen Sicherheitsdienstes, Korshakow - eine nicht unproblematische Gestalt mit großem Machtwillen. Allerdings übte er seinen Einfluss nur wenige Jahre aus. Zwar gaben Ende 1995 noch konservative Kräfte den Ton an, die mit der Rüstungslobby verbunden waren und über Korshakow Zugang zum Präsidenten erlangt hatten. Doch wurde ihre Position immer schwächer, als Jelzins extrem niedrigen Umfragewerte befürchten lassen mussten, dass im Sommer 1996 nicht dieser, sondern der Kommunist Sjuganow zum Präsidenten gewählt werden würde. In dieser Situation schlossen sich eine Reihe von Finanzmagnaten zusammen und boten Jelzin an, seinen Wahlkampf zu finanzieren. Mit dem Reformpolitiker Anatolij Tschubajs platzierten sie einen Mann ihres Vertrauens in der Nähe des Präsidenten, der eine dynamische, in den Mitteln nicht zimperliche Kampagne lancierte, die dem amtierenden Präsidenten im ersten Wahlgang (16. 6. 1996) eine knappe relative Mehrheit verschaffte. Jelzin erlitt zwar wenige Tage nach diesem Erfolg eine Herzattacke, doch da sein Zustand vor den Wählern geheim gehalten wurde, erhielt er im zweiten Wahlgang (3. 7. 1996) trotzdem eine Mehrheit. Nach dem Wahlsieg stand die Mannschaft Jelzins vor einer schwierigen Situation. Ihr Kandidat hatte zwar das Präsidentenamt errungen, doch war er physisch außer Stande, es wahrzunehmen. Statt den verfassungsmäßigen Weg zu wählen und den Ministerpräsidenten mit der Geschäftsführung zu betrauen, hielt der neu ernannte Leiter der Präsidialverwaltung, Tschubajs, die Illusion aufrecht, Jelzin sei handlungsfähig, und regierte Russland ein halbes Jahr auf eigene Faust. Zunächst entfernte er Korshakw und seine Freunde aus der Umgebung des Präsidenten. Dann baute Tschubajs, ein exzellenter Administrator und konsequenter Reformpolitiker, die Präsidialverwaltung zu einer Nebenregierung aus, die alle wichtigen Wirtschaftsentscheidungen an sich zog und den Ministerpräsidenten Tschernomyrdin faktisch entmachtete.
Die Position von Tschubajs wurde allerdings prekär, als die Allianz der "Oligarchen" im Laufe des Jahres 1997 auseinanderbrach. Dabei ging es um die Verteilung lukrativer Vermögenswerte aus dem russischen Staatsbesitz: Die Öl und Rohstoffgiganten und die zukunftsträchtigen Telekommunikationsunternehmen wurden erst in dieser Phase privatisiert. Sie wurden im Rahmen eines komplizierten Auktionsverfahrens abgegeben, an denen sich vor allem die Banken und Kapitalgruppen beteiligten, die zuvor den Präsidentschaftswahlkampf finanziert hatten. Im Streit um die besten Stücke des Kuchens brach das Wahlbündnis der Finanzmagnaten auseinander und Tschubajs, der angeblich eine von ihnen, die ONE È KSIM-Bank, bevorzugt behandelte, geriet in das Visier der konkurrierenden Kapitalgruppen. Mit ihrer Unterstützung konnte Ministerpräsident Tschernomyrdin die Position Tschubajs schwächen und ihn im Herbst 1997 aus der unmittelbaren Umgebung Jelzins entfernen.

Der Aufstieg der "Familie"

Nach dem Weggang von Tschubajs regelte der neue Leiter der Präsidialadministration, Jumaschew, in enger Verbindung mit Jelzins Tochter, Tatjana Djatschenko, die nun als "Imageberaterin" auch eine offizielle Funktion erhielt, den Zugang zum Präsidenten. Engen Kontakt zu dieser Gruppe hielt Boris Beresowskij, einer der Magnaten. Diese drei galten als Schlüsselfiguren des "Familienkonzerns", der sich nun herauszubilden begann. Zwei weitere Personen von Gewicht wurden dem engeren Kreis zugerechnet: Pawel Borodin, der das nicht unbeträchtliche Vermögen der Präsidialverwaltung verwaltete, und Roman Abramowitsch, der Bankier der Jelzin-Familie. In den Jahren 1998 und 1999 kontrollierte dieser Kreis, wer zum kranken Präsidenten vorgelassen wurde. Damit war er bis zu einem gewissen Grade in der Lage, Jelzins Weltsicht und damit seine politischen Aktionen zu manipulieren. Während die "Familie" ihre Machtposition Schritt für Schritt konsolidierte, verloren die "Oligarchen" in den Finanzkrisen von 1997 und 1998 an Boden. Im Frühjahr 1998 leitete ein überraschender Regierungswechsel eine Phase der Irritation im Verhältnis zwischen politischer Führung und Finanzmagnaten ein. Der neue Ministerpräsident Kirienko nahm bei der Bildung seines Kabinetts keine Rücksicht auf die Interventionen der Finanzgruppen.29 Tatsächlich wurde unter Kirienko das in den letzten Jahren gewachsene System von Beziehungen zwischen Politik und "Oligarchen" ernsthaft gestört.

Wie die "Familie" ihre Machtstellung zu sichern versuchte

Der Konflikt zwischen Regierung und Finanzgruppen wurde öffentlich, als Kirienko versuchte, Steuerrückstände einzutreiben und dabei auf den massiven Widerstand von Gazprom stieß. Er war gezwungen, seine ursprünglichen Pläne aufzugeben, und handelte mit dem Erdgasgiganten einen Kompromiss aus, der es erlaubte, über den Verkauf von Staatsanteilen der Firma an ausländische Interessenten Mittel für den Staatshaushalt aufzubringen. 30 Auch die Erdölfirmen waren mit der Politik der Haushaltskonsolidierung, die Kirienko betrieb, in hohem Maße unzufrieden. Zwar nahmen sie von einer öffentlichen Protestaktion Abstand, doch versteifte sich ihr Widerstand gegen das amtierende Kabinett.31 Aber offensichtlich war die politische Führung im Sommer 1998 nicht stark genug, gegen die großen Finanzgruppen eine unabhängige Wirtschaftspolitik durchzusetzen. Die Exekutive verlor aber bei dem Versuch, sich aus der Verflechtung mit den Finanzgruppen zu befreien, ihre politische Basis. Im Kontext der Rubelkrise am 17. 8. 1998 wurde Kirienko abgelöst und durch Außenminister Primakow ersetzt. Diese Personalentscheidung zeigte allerdings, dass die Macht der "Oligarchen" zu diesem Zeitpunkt stark geschwächt war, denn es gelang ihnen nicht, ihren Wunschkandidaten, den früheren Ministerpräsidenten Tschernomyrdin, durchzusetzen.32 Ein Grund dafür ist gewiss darin zu suchen, dass praktisch alle "Oligarchen" im Verlaufe der Finanzkrisen des Jahres 1998 erhebliche finanzielle Einbußen hatten hinnehmen müssen. Eine Reihe großer Finanzinstitute waren nach dem Rubeleinbruch praktisch bankrott und wieder auf Patronage durch die Politik angewiesen. Die Regierung Primakow, in der mit Masljukow, dem früheren Vorsitzenden der Staatsplankommission, ein Kritiker des bisherigen Reformkurses für Wirtschaftspolitik zuständig war, favorisierte aber keineswegs die neuen Magnaten, die ihre Vermögen in der russischen "Gründerzeit" zusammengerafft hatten. Moskauer Beobachter sprachen daher vom "Herbst" oder gar vom "Tod der Oligarchen", da diese nicht nur finanzielle Einbußen erlitten hatten, sondern insbesondere ihre " politischen Kuratoren" verloren hätten.33
Einzelne Magnaten, wie Beresowskij oder Roman Abramowitsch, standen diese Krise allerdings durch, da sie ihre engen Beziehungen zur Umgebung Jelzins zu wahren wussten. Der "Familienkonzern" suchte insbesondere in der Regierungszeit Primakows nach Bündnispartnern, da dieser in der Bevölkerung große Popularität genoss und geschickt einen Kurs steuerte, der die Macht des Präsidenten beschränkte und den politischen Konsens mit der Duma herstellte. Seine Politik, die darauf abzielte, die Exekutive aus der Abhängigkeit vom Präsidenten zu lösen und den Einfluss des Parlaments zu stärken, wurde von der "Familie" als akutes Risiko für ihre Machtposition gesehen. Als Bedrohung empfand sie auch den Versuch der Duma, den schon lange nicht mehr handlungsfähigen Präsidenten mit einem Impeachment Verfahren aus dem Amt zu entfernen. Die Schwächung der Position Jelzins oder gar seine Absetzung hätte für die "Familie" das Ende ihrer Machtstellung bedeutet, auch eine Strafverfolgung war dann nicht mehr auszuschließen. Daher suchte sie Primakows Initiativen zu behindern und wehrte sich auch entschieden gegen das Amtsenthebungsverfahren. Nachdem diese Gefahr durch eine Reihe politischer Manöver, zu denen auch die Ablösung des Ministerpräsidenten gehörte, abgewandt werden konnte, war die Situation aber keineswegs bereinigt, da die Amtszeit Jelzins spätestens im Sommer 2000 zu Ende war. Daher wandte die "Familie" nun ihre Mühe darauf, einen akzeptablen Kandidaten aufzubauen und mögliche Konkurrenten schon im Vorfeld der Wahlen zu beschädigen. Die politischen Winkelzüge der Präsidialverwaltung, die gezielt gestreuten Gerüchte über ein Notstandsregime und der "Informationskrieg" zwischen dem von Beresowskij kontrollierten "staatlichen" Fernsehen und dem größten Privatsender NTV, der dem Jelzin-Clan kritisch gegenüberstand, waren Teil einer Kampagne, mit denen die Gruppe um Jelzin ihrem Wunschkandidaten den Weg ins Präsidentenamt ebnete. Nachdem sich "die Familie" im Spätsommer 1999 auf Putin als Jelzin-Nachfolger festgelegt hatte, entfesselten die Spitzen der Präsidialverwaltung und jene Finanzmagnaten, die zur "Familie" gerechnet wurden, einen Werbefeldzug, der alle innen und außenpolitischen Ereignisse dem Ziel der Durchsetzung Putins unterordnete. Ende 1999 instrumentierten sie auch Jelzins Rücktritt und Putins Ernennung zum amtierenden Präsidenten so geschickt, dass letzterer mit einem deutlichen Vorsprung in den Präsidentschaftswahlkampf eintreten konnte.

Putin gegen die "Oligarchen"

Die über die Maßen erfolgreiche Imagekampagne, die Putin im Frühjahr 2000 zum Wahlsieg verhalf, war ein Produkt des Systems Jelzin. Durch Zusammenwirken des politischen Führungszirkels mit Finanzkreisen und den von diesen kontrollierten Medien gelang es, dem neuen Präsidenten breite öffentliche Zustimmung zu verschaffen. Doch bald wurde klar, dass das Verhältnis der Putin-Administration zur "Familie" und zu den politiknahen Finanzmagnaten keineswegs ohne Brüche war. Wenige Tage nach der Amtsübernahme entfernte Putin mit Pawel Borodin und Tatjana Djatschenko, Jelzins Tochter, zwei Schlüsselfiguren der alten Führung von ihren Posten. Stattdessen besetzte er die wichtigsten Positionen der Präsidialverwaltung mit Personen seines Vertrauens. Nach seinem überlegenen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 26. März 2000 begann die Putin-Administration rasch, ihre verfassungsmäßig ohnehin starke Position weiter auszubauen. Gestützt auf die Macht, die ihr die Ressource "Präsidentschaft" verlieh, machte sie sich daran, das politische System von Grund auf zu erneuern. Putin setzte die Regionen mit seinen Gesetzesinitiativen zur Änderung der Föderalverfassung unter erheblichen Druck. Zugleich begann auch für die Finanzmagnaten ein rauerer Wind zu wehen. Die Justiz und Steuerbehörden begannen offensiv gegen die Führer der großen Kapitalgruppen vorzugehen. Im Mai ließ das Innenministerium die Büros des Medienkonzerns Media-Most durchsuchen. Wenig später ging die Steuerpolizei gegen den Kfz-Hersteller AvtoVAZ vor und durchsuchte in 26 Regionen Vertretungen dieses Unternehmens. Im Gefolge dieser Aktion wurde gegen AvtoVAZ ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung eingeleitet. Im Juni wurde Wladimir Gusinskij, der Vorsitzende der Holding Media-Most, vorläufig festgenommen. Das Vorgehen gegen den Vorstand des wichtigsten privaten Medienkonzerns, dem Unterschlagung von Staatsgeldern vorgeworfen wurde, löste heftige Kritik aus und nach wenigen Tagen wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Generalstaatsanwaltschaft leitete ebenfalls im Juni ein Verfahren gegen die Finanzgruppe Interros ein, um die Privatisierung des Unternehmens Norilskij Nikel rückgängig zu machen. In diesem Fall lautete der Vorwurf, dass die Übernahme von 38% der Anteile durch den Vorsitzenden der Holding Interros, Oleg Potanin, im Jahre 1997 ungesetzlich gewesen sei. Allerdings drang die Staatsanwaltschaft mit diesem Vorhaben nicht durch. Im Juli durchsuchte die Steuerpolizei Büros des Mineralölkonzerns LUKojl im Zusammenhang mit einem Verfahren gegen dessen Vorsitzenden, Alekperov. Gleichzeitig warf der Rechnungshof dem Stromgiganten EES Rossija vor, in den Jahren 1992-1998 wiederholt Gesetze verletzt zu haben.
So berechtigt die Vorwürfe im Einzelnen sicher waren, so überraschte doch die plötzliche Aktivität von Justiz und Kontrollbehörden, die über lange Jahre stillgehalten hatten. Offensichtlich hatten die großen Kapitalgruppen der Jelzin-Ära, die Gewinner der Transformationszeit, ihr politisches Schutzdach verloren. Das wurde ganz deutlich, als der Finanzmagnat Beresowskij, auf den die Umgebung des Präsidenten Druck ausübte, um ihn dazu zu bringen, die Kontrolle über den größten Fernsehkanal aufzugeben, sich öffentlich zur Wehr setzte. Der Präsident selbst drohte in der Öffentlichkeit damit, "den Knüppel" zu gebrauchen:
"Nach der Revolution der Neunzigerjahre hat eine gewisse Anzahl von Personen Gewinn aus der Desorganisation des Staates gezogen. Nachdem sie dank ihrer Manipulation der öffentlichen Institutionen Kapital akkumuliert haben, wollen sie den status quo wahren. Ihr Interesse ist es, die Lage einzufrieren, indem sie das Instrument der Medien benutzen. Sie beabsichtigen, ihr Medienmonopol zu wahren, um die politische Macht besser einschüchtern zu können. Ich sage nicht, dass es zwei Feinde bis aufs Messer gibt - auf der einen Seite den Staat, auf der anderen Seite die Oligarchen. Ich glaube vielmehr, dass der Staat einen Knüppel in der Hand hat, mit dem man bloß einmal zuschlägt. Aber auf den Kopf. Gegenwärtig haben wir den Knüppel noch nicht benutzt. Wir haben ihn gerade erst in die Hand genommen, und das langt, um sie aufmerksam zu machen. An dem Tag, an dem wir wirklich wütend sind, werden wir nicht zögern, ihn in Gebrauch zu nehmen."34 Der Machtverlust der Finanzmagnaten spiegelt den wirtschaftlichen Strukturwandel Von einer Symbiose zwischen Präsidenten und "großem Geld" kann angesichts solcher Ausfälle kaum noch die Rede sein. Vielmehr nimmt Putin jene Finanzmagnaten, die ihm politisch in die Quere kommen direkt an. Insofern hat der Wechsel im Präsidentenamt in der Tat eine tiefgreifende Wende in den politischen Kräfteverhältnissen herbeigeführt. Die durch die Finanzkrise des August 1998 ohnehin angeschlagenen Bankengruppen verloren endgültig ihre privilegierte politische Position. Als Putin Ende Juni 2000 eine Gruppe beunruhigter Wirtschaftsführer zu einer Aussprache empfing, fehlten eine ganze Reihe der ehemaligen " Bankbarone". An ihre Stelle traten Vertreter aufstrebender Unternehmen aus der Aluminiumindustrie, aus dem Medienbereich, dem Mobilfunksektor und der Elektronikbranche.
Der Machtverlust der Finanzmagnaten aus der "Gründerzeit" reflektiert den Strukturwandel der russischen Wirtschaft, in der nach einem Jahrzehnt spekulativer Finanzgeschäfte Produktion und Industrieausbau wieder an Bedeutung gewannen. Der Bruch mit den "Oligarchen" könnte Signal für eine "Normalisierung" der Verhältnisse sein, für das Ende des privilegierten Zugriffs einiger weniger auf staatliche Ressourcen. Doch er ist zugleich ein Versuch, die Massenmedien stärkerer Kontrolle durch die Präsidialadministration zu unterwerfen und damit politische Konkurrenz auszuschalten. Insofern ist die Unterdrückung der "Oligarchen", die in der Transformationsphase den Ausbau der demokratischen Ordnung behindert hatten, keine Maßnahme, die Russland dem Ziel einer funktionierenden Demokratie näherbringt.

Literaturhinweise

1 Vgl. V.V. Radaev; O.I. S ¡ karatan: Social'naja stratifikacija, Moskva: Aspekt Press 1996, S. 282ff.

2 Vgl. M. K. Gors¡kov u. a. (Hrsg.): Srednij klass v sovremennom rossijskom obs¡c¡estve, Moskva 1999, S. 84-86.

3 Vgl. ebd., S. 84-86; Vorbild dieser Untersuchungen war "The International Social Survey Programme ,Social Inequality II' (ISSP-1992)", in dessen Rahmen eine integrierte Selbstbewertung des Sozialstatus auf einer NeunPunkteSkala ermittel wurde; vgl. ebd. S. 83f.; die russischen Werte wurden analog auf Basis von Erhebungen des RUFI errechnet; der Wert 1 bezeichnet die höchste, der Wert 10 die tiefste Position auf der sozialen Stufenleter.

4 Evgenij Primakov: Reformatorstvo dolz¡ no vesti k ukrepleniju gosudarstva, in: Izvestija, 20.11. 1998, S. 1.

5 Nach: Rossijskj statistic¡eskij ez¡ egodnik, 1998, S. 223; M. 1999, S. 155; Bei dem angewandten Verfahren ordnet man die Bevölkerung entsprechend ihrem Einkommen in fünf gleich große Gruppen (Quintile) und ermittelt dann, über welchen Teil des Gesamteinkommens das jeweilige Quintil verfügt.

6 R. V. Ryvkina: Vlijanie novoj pravjas¡c¡ej e · lity na chod i rezul'taty e · konomi¡ ceskich reform, in: Sociologi¡ ceskie Issledovanija, 1995, Nr. 11, S. 35-43, hier S. 35f.

7 K. v. Beyme: Systemwechsel in Osteuropa, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1994 (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1130), S. 181, vgl. zu diesem Zusammenhang auch ebd. S. 190f.

8 M.N. Afanas'ev: Pravjas¡c¡ie e · lity Rossii: obraz dejatel'nosti, in: Mirovaja E · konomika i Mez¡ dunarodnye Otnos¡enija, 1996, Nr. 3, S. 46-56, hier S. 47.

9 Ebd. .

10 N. Lapina: Die Formierung der neuen russländischen Elite. Probleme der Übergangsperiode, Köln 15. 1. 1996 (= Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 7-1996), S.12ff.

11 Krys¡tanovskaja, O.: Finansovaja oligarchija v Rossii, in: Izvestija, 10. 1. 96, S. 5.

12 Gel'man, V.: K voprosu ob e · litach v postSSSR: kriterii i podchody, o. O. (Moskva): MBIO/IGPI 1994 (= MBIO; IGPI MonitoringMaterialien. Typoskript), 6 S.; weitge hend identisch mit: Gel'man, V.: On the Problem of Elites in the Former USSR: Criteria and Approaches, in: Segbers, K.; De Spiegeleire, S.: PostSoviet Puzzle. Mapping the Political Economy of the Former Soviet Union. 4 volumes, BadenBaden: Nomos 1995 (= Aktuelle Materialien zur Internationalen Politik herausgegeben von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Ebenhausen Band 40/1-4), Band III, S. 15-23, hier s. S. 23.

13 Vgl. Krys¡tanovskaja, O.: Finansovaja oligarchija v Rossii, in: Izvestija, 10. 1. 96, S. 5.

14 Vgl. dazu N. Mögel; S. Schwanitz: Staatslobbyismus als System. Entscheidungsstrukturen m russischen Rüstungssektor, Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 32-1995.

15 N. Lapina: Die russländischen Wirtschaftseliten und Probleme der nationalen Entwicklung, Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 16-1997; vgl. auch H. H. Schröder: El'tsin and the "Oligarchs". About the Role of Financial Groups in Russian Politics Between 1993 and July 1998, in: EuropeAsia Studies Jg. 51, 1999, Nr. 6, S. 957-988.

16 Die folgenden Ausführungen nach: Lapina 1997 (= Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 16-1997).

17 Nach: E ÿ kspert, 1997, No. 32, S. 33; 1998, No. 11, S. 21; 1999, No. 13, S. 16.

18 Da es in Russland zunächst keine Kassenbehörde (wie z.B. die Bundeskasse in Deutschland) gab, wurden von der lokalen, regionalen und föderalen Exekutive sogenannte "bevollmächtigte Banken" mit der Einnahme und der Verteilung staatlicher Gelder (Zolleinnahmen, Agrarsubventionen u. ä.) betraut.

19 Fortune, 3. 3. 1997.

20 N. Lapina: Die Formierung der neuen russländischen Elite. Probleme der Übergangsperiode, Köln 15. 1. 1996 (= Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 7-1996), S. 16.

21 So jedenfalls B. Kagarlickij: Sus¡c¡estvujut (e · konomic¡eskie predposyliki smeny e · lit. Budet skoree smuta, c¡em revoljucii, in: Nezavisimaja Gazeta, 22. 2. 1995, S. 3, der auch beklagt, dass dieser Gruppe "unternehmerische Kultur" fehle.

22 Vgl. dazu Schröder, in: EuropeAsia Studies 51. 1999, Nr. 6, S. 957-988.

23 Der Begriff " Oligarchen" wird in dieser Zeit in der russischen Debatte als bloßes Schlagwort benutzt, das die Gruppe der großen Finanzmagnaten bezeichnet und keinen Bezug zu der staatswissenschaftliche Kategorie "Oligarchie" hat; zur Entwicklung des Begriffs vgl. H.H. Schröder: Jelzin und " Oligarchen". Über die Rolle von Kapitalgruppen in der russischen Politik, Köln 1998 (= Berichte des Bundesinstitutes für ostwissenschaftliche und internationale Studien 40-1998), S. 5 Am 1. 24 Zud, in: Obs¡c¡estvennye nauki i sovremennost', 1999, Nr. 1, S. 46.

25 Vgl. dazu Schröder 1998 (= Berichte des Bundesinstitutes für ostwissenschaftliche und internationale Studien 40-1998), S. 5 Am 1, mit weiteren Nachweisen; ferner: A. J. Zudin: Oligarchija kak politic¡eskaja problema rossijskogo postkommunizma, in: Obs¡c¡estvennye nauki i sovremennost', 1999, Nr. 1, S. 45-65; vgl. oben S. 8.

26 Vgl. dazu jetzt auch: Chrystia Freeland, Sale of the century. The Inside Story of the Second Russian Revolution, London: Little, Brown and Company 2000, xiii, 370 S.; Paul Klebnikov, Godfather of the Kremlin. Boris Berezovsky and the Looting fo Russia, New York / San Diego / London: Harcourt Inc. 2000, xiv, 400 S.

27 Vgl. J. S. Hellman: Winners Take All. The Politics of Partial Reform in Postcommunist Transition, in: World Politics, 50. 1998, S. 203-234.

28 Vgl. dazu die Erinnerungen der wichtigsten Beteiligten: Boris El'cin: Zapiski prezidenta, Moskva 1994; Aleksandr Korz¡ akov: Boris El'cin: ot rassveta do zakata, Moskva 1997.

29 So urteilen z. B. J. Latynina; T. Lysova: Kompromiss na distancii. Sudja po poslednim naznac¡enijam v pravitel'stve i rjadom s nim, Sergej Kirienko vser'ez nameren priderz¡ ivat'sja principa ravnoudalennosti ot oligarchov, in: E ÿ kspert, 1998, Nr. 17, S. 14.

30 Vgl. u. a. N. Ivanov: Gazovaja ataka na "Gazprom" zadochnulas'. No pobeda Rema Vjachireva budet stoit' emu "Rosnefti", in: Segodnja, 3. 7. 1998, S. 1, 5; u. a.

31 P. Sapoz¡ nikov: Fal'start, in: Kommersant daily, 23.7. 1998, S. 1; vgl. auch A. Bagrov: Pod davleniem, in: Kommersant Vlast', 1998, Nr. 29 [281], S. 8-15.

32 A. Bagrov: Berezovskij formiruet kabinet, in: Kommersant daily, 25.8. 1998, S. 1; N. Timakova: Kremlevskie raskol'niki, in: Kommersant daily, 11. 9. 1998, S. 1.

33 O. V. Krys¡tanovskaja: Smert' oligarchii, in: Argumenty i fakty, 1998, Nr. 46, S. 5; "Berezovskij otkryto borolsja protiv nas", in: Kommersant, 19. 1. 1999, S. 1-2, hier S. 2.

34 Interview im Figaro am 25. 10. 2000, hier nach: www.lefigaro.fr, download 25. Oktober 2000.

 

 

 


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