Zeitschrift Russland unter Putin Die verfrühten Hoffnungen sind verflogen Russlands Wirtschaft heute |
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Probleme und Reformprojekte Von Alexej Melnikow
Eine "Befehlswirtschaft" war die sowjetische Planwirtschaft eigentlich nicht, sie war auch nur zum Teil geplant. Vielmehr war sie ein Konglomerat aus diesen und anderen Teilen wie bürokratischer Marktorganisation und primitiver Naturalwirtschaft. Der beabsichtigte Übergang zum kapitalistischen Markt mit der damit verbundenen Privatisierung großen Stils gestaltete sich eher zu einem sozialen Umverteilungsprozess zugunsten der Top-Manager und Bürokraten in Staat und Partei. Ein bescheidenes Wirtschaftswachstum war nur möglich aufgrund der Rubel-Abwertung und der hohen Weltmarktpreise für Rohstoffe. Was der russischen Wirtschaft Not tut, ist vor allem eine Reform des Steuersystems und letztlich eben Rechtssicherheit und als Folge davon Berechenbarkeit. Nur dadurch lassen sich das Geld im Land behalten und ausländische Investoren gewinnen. Ansätze zu einer solchen umfassenden Reform sind durchaus vorhanden. Red. In der sowjetischen " Befehlswirtschaft" wurden die Befehle eigentlich nicht ausgeführt Die Ende der 80er- bzw. Anfang der 90er-Jahre werden in Russland (genauer
aber in der UdSSR) mitunter "Fenster der Wirtschaftsmöglichkeiten" genannt. Gemeint sind hierbei rosige Hoffnungen (sowohl in Russland als
auch im Westen) im Hinblick auf eine schnelle Bewegung Russlands in Richtung Marktwirtschaft. Hierbei ist der Inhalt dieses Prozesses - der
Abbau der "Planwirtschaft" und die Entwicklung der "Marktwirtschaft" - allgemein akzeptiert. Die sowjetische Gesellschaft war müde von dem,
was der ungarische Wirtschaftsexperte Janos Kornai als "Wirtschaft des Defizits" bezeichnete, und unterstützte daher die Kräfte, die die
Zerstörung der sogenannten Befehlswirtschaft forderten. Das ist auch eine allgemein anerkannte, allerdings nicht die richtigste Einstellung zum
Stand der Dinge. Unbestreitbar sind nur mangelnde Effektivität und Effizienz Unbestreitbar ist vermutlich nur eine These, und zwar die über die geringere Effizienz des sowjetischen Wirtschaftskonglomerats im Vergleich zu den westlichen Wirtschaften. "Die Müdigkeit der Volksmassen vom Warenmangel" wird jedenfalls weitläufig durch einen anderen stärkeren Faktor - das Streben der Top-Manager der sowjetischen Unternehmen, kommunistischen und ministeriellen Bürokratie - überdeckt, das Eigentum zu ihren Gunsten umzuverteilen (das betrifft ganz besonders die Rohstoffindustrie). Das ist eine der wichtigsten Kräfte des Prozesses, der als "primäre sowjetische Akkumulation" definiert werden könnte; diese Kraft hat den entscheidenden Beitrag zum Untergang der sowjetischen Wirtschaft und zum Zerfall der Sowjetunion geleistet. Chronologisch fällt die Agonie des Systems etwa in den Zeitraum 1988-1991. Die Rhetorik vom Übergang zur Marktwirtschaft darf nicht mit der Realität verwechselt werden Mit Rücksicht auf das oben Dargelegte waren die Einschätzungen solcher instinktiv feinen Beobachter und Akteure auf der russischen politischen und wirtschaftlichen Bühne wie Grigori Jawlinski fast immer treffend, allerdings für die geradlinigen russischen und westlichen Apologeten, welche die so genannten Leistungen der russischen wirtschaftlichen Transformation als "Bewegung zum Markt" auslegten, unverständlich. Hierbei wurde der ganze dekorative Charakter dieses Prozesses, der für die Anhänger der realen Marktreformen durchaus verständlich war (sie verstanden nämlich, dass der Markt nicht einfach ein Austauschphänomen, sondern auch eine kulturelle, ethische Erscheinung ist und durch rein technokratische Maßnahmen unmöglich aufgebaut werden kann), von seinen Adepten als tatsächliches "Vorankommen" hingestellt. Die ersten Reformmaßnahmen brachten eine Scheinprivatisierung
Das Wesen der so genannten Gaidarschen Reformen (wenn man darunter nicht einfach die kurze Zeitspanne Anfang 1992, als Gaidar die
Reformen leitete, sondern auch die Weiterführung durch V. Tschernomyrdin versteht) lief eben auf die Herstellung eines dekorativen
Marktsystems (praktisch jedoch eines Systems des oligarchischen Kapitalismus) hinaus. Die Abwertung des Rubels und hohe Weltmarktpreise für Rohstoffe belebten die russische Wirtschaft Nach den Krisenerschütterungen 1998
erlebt die russische Wirtschaft 1999-2000 eine Belebung. Das Bruttoinlandsprodukt hat 1999 um 3,2 Prozent zugelegt. Dieser Trend erhielt sich
insgesamt auch im Jahr 2000. Ab März 1999 bleiben die Inflationsraten hierbei auf einem gemäßigten Stand (2 bis 3 Prozent im Monat). Dies ist durch eine
abgewogene Finanz, Geld- und Kreditpolitik sowie durch die Begrenzungen der zahlungskräftigen Nachfrage der Bevölkerung bedingt. Doch die Basis ist labil Das Wirtschaftswachstum Russlands
beruht jedoch
heute auf einer labilen Basis. Die Produktion erhöhte sich stabil vom Januar bis zum März 1992. Ab September 1999 hat sich jedoch die
Wirtschaftsentwicklung verlangsamt. Die abwertungsbedingten günstigen Wirkungen klingen aus. Im Moment steht die russische Wirtschaft
praktisch "auf einem Bein" - einer günstigen Konjunktur auf den Weltrohstoffmärkten. Ein möglicher ernsthafter Sturz der Weltpreise für
Rohstoffe würde der russischen Wirtschaft einen starken Schlag versetzen. Die Haushaltseinnahmen werden sich vermindern, wodurch die
Subventionierung einiger Branchen gekürzt wird. Dementsprechend wird sich auch die Finanzlage der Unternehmen schnell verschlechtern. Eine umfassende Reform des Steuersystems ist dringend erforderlich Die Regierung bemüht sich, die günstige Wirtschaftslage zur Reformierung des Steuersystems zu nutzen. Hierbei geht sie
davon aus, dass keine einzelnen Änderungen an der Gesetzgebung vorzunehmen sind, sondern eine umfassende Steuerreform durchzuführen ist.
Die Staatsduma diskutiert den zweiten Teil des Steuergesetzbuches. Der erste, d. h. Allgemeine Teil des Steuergesetzbuches wurde am 1. Januar
1999 in Kraft gesetzt. Dieser Teil hat aus der Sicht der Regierung eine Reihe von spruchreifen Problemen gelöst, allerdings die für die
Steuerzahler besonders schmerzhaften Fragen der konkreten Höhe und Aufteilung der föderalen, regionalen und örtlichen Steuern und Abgaben
nicht berührt.
Die Regierung betrachtet die reale Senkung der Steuerlast für die Wirtschaft als eine der vorrangigen Aufgaben. Laut den
Berechnungen der Regierung soll sich die Steuerlast im ersten Jahr nach der Einführung des Steuergesetzbuches um 2 % zum BIP vermindern.
Um eine wesentliche Senkung der Steuereinnahmen zu verhindern, sieht die Regierung Maßnahmen zur Erweiterung der Steuerbasis vor,
darunter durch Verstopfung der Steuerhinterziehungskanäle und allgemeine Verbesserung der Arbeit der Steuerbehörden. Das Investitionsklima muss verbessert werden Insgesamt betrachtet die Regierung die Verabschiedung des Steuergesetzbuches als "eine Grundbedingung zur Verbesserung der Wirtschaftslage und Gewährleistung einer weiteren dynamischen Beschleunigung des eingesetzten Wirtschaftswachstums im Lande". Inzwischen sind die Steuerfragen nur eines der Probleme, die für die Investoren aktuell sind. Die ausländischen Investoren, die in der russischen Wirtschaft tätig sind, äußern sich über die Aussichten zurückhaltend optimistisch, verweisen (das ist sehr wichtig) sofort auf die Notwendigkeit, das Investitionsklima zu verbessern, und betonen, dass ohne diese Verbesserungen kein nennenswertes Wachstum der ausländischen Investitionen in der russischen Wirtschaft zu erwarten ist. Ein gutes Beispiel ist in dieser Hinsicht der Appell an den Präsidenten Russlands, den die größten Vereinigungen der ausländischen Unternehmer in Russland unterzeichnet haben: Am 19. Juni richteten die Spitzenvertreter von fünf Assoziationen der ausländischen Unternehmer in Russland (Beratungsrat für ausländische Investitionen in Russland, der Europäische Geschäftsklub in Russland, die Amerikanische Handelskammer in Russland, der Verband der deutschen Wirtschaft in Russland, das Erdölberatungsforum) an Präsident Wladimir Putin einen Appell, in dem sie drei Hauptprobleme formuliert haben, die nach Vorstellung der ausländischen Investoren 2000 bis 2001 vorrangig lösungsbedürftig sind. Vor allem sind verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen von NötenZum ersten handelt es sich um Fragen, die mit den
Production-Sharing-Abkommen (PSA) zusammenhängen. Die russische Regierung wird aufgefordert, "die Erarbeitung der rechtlichen und
normativen Grundlagen der Production-Sharing-Abkommen zu beenden, die ein günstiges Investitionsklima" im Brennstoff und Energiebereich
Russlands "sichern werden". Hierbei werden zwei Aufgaben - "Bestätigung der PSAGesetzgebungsakte durch die Regierung und Einführung
eines PSAKapitels ins Steuergesetzbuch" - herausgehoben. Zudem gilt es, die bereits geschlossenen PSA "im Einklang mit ihren Bedingungen" zu
realisieren (es handelt sich um drei Abkommen unter ausländischer Beteiligung, zu denen die Projekte Sachalin1, Sachalin2 und der Aufschluss
des Vorkommens Charjaga gehören). Anmerkungen 1 G. Jawlinski: Über die russische Wirtschaft. Reden und Artikel, Moskau, EPIzentrum, 1999, S. 30.
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