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Wirtschaftliche Potenziale, nationale Sicherheit und künftige
Rolle in der Weltpolitik
Von Alexej Arbatow
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Prof. Dr. Alexej Arbatow ist Duma-Abgeordneter und stellvertretender Vorsitzender des
parlamentarischen Ausschusses für Außen- und Verteidigungspolitik. |
Entscheidend für die nationale Sicherheit und die Rolle in der internationalen
Politik ist das wirtschaftliche Potenzial eines Staates, von dem wiederum die militärische Schlagkraft abhängig ist. Daran gemessen ist der
internationale Status Russlands gesunken - und sinkt auch weiterhin. Welche politischen Schlussfolgerungen ergeben sich daraus? Welche
Optionen bieten sich der russischen Außen- und Sicherheitspolitik? In seinem Strategiepapier plädiert der Autor nicht zuletzt für eine konsequente
Annäherung an die Europäische Union - in wirtschaftlicher, politischer und militärischer Hinsicht. Red.
Die Veränderungen im internationalen
System verlangen Antworten
Die Problematik der internationalen Sicherheit und der nationalen Sicherheit einzelner Staaten als deren Bestandteile
wurde traditionell als Gesamtheit der militärpolitischen Beziehungen zwischen den Mächten und Bündnissen interpretiert. In den letzten Jahren und
in absehbarer Zukunft nimmt in diesem Bereich der internationalen Beziehungen jedoch der Anteil neuer, nicht traditioneller Akteure und
Parameter zu: Es sind Wirtschaft und Finanzen, moderne Kommunikations- und Informationssysteme, neueste Richtungen der
wissenschaftlichtechnischen Entwicklung, grenzüberschreitende Kriminalität, Drogen und Waffenhandel, illegale Migration und Umweltschutz. Die
Erforschung dieser neuen, für das XXI. Jahrhundert relevanten Erscheinungen ist zweifellos notwendig. Zugleich darf man aber auch solche
traditionellen Themen nicht außer Acht lassen wie die Dynamik der Weltmachtzentren, ihr Macht und Einflussverhältnis, die Gemeinsamkeiten und
Gegensätze ihrer Interessen. Sie werden auch weiterhin die Rolle des Systemgerüstes der internationalen Beziehungen spielen, auf welches sich die
grundsätzlich neuen Sicherheitsparameter aufschichten werden. Man muss sagen, dass nicht alles in diesem Systemquerschnitt der Weltpolitik in
überschaubarem Zeitraum klar und eindeutig erscheint. Als Gegengewicht zu den Ansprüchen der USA auf globale Monopolstellung erlangte in
Russland das Konzept einer multipolaren Welt weitgehende Unterstützung, weil es besser den nationalen Zielen des Staates entspricht. Aber auch
diese Idee ist nicht ganz unproblematisch. Vor allen Dingen drängt sich die Frage auf: Wie werden erstens in einem solchen internationalen
System Rolle, Gewicht und Einfluss Russlands sein? Zweitens: Wie wird sich die militärische Balance auf globaler und regionaler Ebene verändern
und wie wird dies die Ursachen und das Niveau der Gefahren für die Sicherheit Russlands beeinflussen? Drittens: Wie werden in einem solchen
System die Schärfe und Geografie der internationalen Konflikte sein und wie wird sich dies auf die militärpolitische Lage Russlands auswirken?
Viertens: Wie stabil wird das multipolare System sein und wie groß ist die Gefahr, dass es sich zu einer neuen Bipolarität aufspaltet? Und
schließlich fünftens: Welchen außenpolitischen und militärischen Kurs hat Moskau zu befolgen, um das multipolare System so stabil wie möglich zu
machen und darin für Russland eine würdige politische Rolle und eine dauerhafte Sicherheit zu gewährleisten?
Von entscheidendem Gewicht ist
das ökonomische Potenzial
Bei aller Wechselhaftigkeit der inneren und auswärtigen Politik vieler Länder lässt die wirtschaftliche und militärische
Entwicklung der Staaten dennoch eine langfristige Vorhersage, mit annehmbarer Abweichung, zu. Wie dabei die historische Erfahrung zeigt, übt
die Entwicklung der ökonomischen Basis in größeren Zeitabschnitten einen entscheidenden Einfluss auf das Militärpotenzial, die außenpolitische Rolle und das
internationale Ansehen jedes Landes aus. Laut Prognoseforschung des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen
Akademie der Wissenschaften verteilten sich die Anteile der führenden Mächte am Bruttoinlandsprodukt (Welt-BIP) Ende der 90erJahre wie folgt:
USA 18 %, EU 25 %, Japan 14 %, China 3 % und Russland nur 1,2 %. Berechnungen zeigen, dass die USA gegen das Jahr 2015 im Rahmen
der sich weiter vertiefenden Wirtschaftsintegration zusammen mit Kanada und Mexiko (NAFTA) 19% des Welt-BIP liefern werden, auf die
Europäische Union werden indessen 16 %, auf China 10 %, auf Japan 7 %, auf die ASEAN-Länder ebenfalls 7 % und auf die Gruppe der
südostasiatischen "Tiger" (Südkorea, Taiwan und Hongkong) 5 % entfallen. Laut dieser Forschung könnte Russland bestenfalls, bei jährlichem
Wirtschaftswachstum von 5 bis 6 %, seinen Anteil von 1,7 bis auf 2 % des Welt-BIP vergrößern. Die Wirtschaftsintegration im GUS-Rahmen (bei
gleichem Wachstumstempo unserer Nachbarn) würde der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten höchstens 2,5 bis 3 % des Welt-BIP sichern.
Wenn Russland in 15 Jahren höchstens 2 % des Welt-BIP liefern wird, wird es schwer die Rolle eines der selbstständigen Pole der multipolaren
Welt beanspruchen können. Von den Besonderheiten der russischen Wirtschaft und der Struktur ihres Exports ausgehend, darf angenommen
werden, dass der Anteil der Russischen Föderation am weltweiten Handelsumsatz höchstens 1,5 %, an den ausländischen Investitionen etwa 1 %
und an den militärischen Exporten höchstens 8 bis 10 % betragen wird. Die riesigen Auslandsschulden machen den russischen Staatshaushalt im
Grunde zu einer Geisel der alljährlichen Verhandlungen über die Umschuldung und neue westliche Kredite zur Refinanzierung der Schulden.
Anderenfalls würden die vollständigen Schuldtilgungen in den nächsten 10 Jahren 60 bis 80 % der Ausgaben des Bundeshaushalts ausmachen.
Die Weigerung, die Schulden zurückzuzahlen, würde indessen eine vollständige finanzielle Isolation und ein faktisches Handelsembargo gegen
Russland bedeuten. Diese Umstände werden auch den internationalen Einfluss Moskaus begrenzen, denn dieser hängt von dem
Wirtschaftspotenzial des jeweiligen Staates ab. Es ist augenscheinlich, dass diese Abhängigkeit beim Zurückgehen der Konflikte im multipolaren
System sich wesentlich vergrößern wird. Sollten sich die Konflikte jedoch verstärken, würde die Rolle der militärischen Komponente als Stütze
der nationalen Sicherheit und des außenpolitischen Einflusses der führenden Weltmächte zunehmen. Aber auch hier wird die Wirtschaft die Politik
beeinflussen, obwohl auch nicht direkt, sondern über den Umfang der Militäretats und deren Verteilung nach den Hauptposten, -kräften und
-mitteln.
Die militärischen Potenziale im Vergleich
Die Streitkräfte, die großen Systeme von Rüstungen und Kampftechnik und die
Hauptprogramme ihrer Modernisierung und Ersetzung durch neue Generationen besitzen eine immense Trägheit, denn sie sind sehr langlebig, kompliziert und kostspielig. Der Militärhaushalt Russlands ist heute zum Beispiel
viel kleiner als der der USA, was aber die Strategischen Nuklearkräfte (SNK) betrifft, so besteht zwischen beiden Ländern nach wie vor ein
ungefähres Gleichgewicht, und zwar dank der Aufrechterhaltung der Kräfte und Mittel, die in den 70e-r und 80er-Jahren geschaffen worden sind.
Innerhalb von 15 bis 20 Jahren wird die Wirtschaftsbasis jedoch unweigerlich auch auf die militärische Komponente des internationalen Status
und der nationalen Sicherheit des Landes durchschlagen und die zur Zeit angenommenen finanziellen, technischen und organisatorischen
Entscheidungen werden den Rang Russlands in der globalen und regionalen Militärbalance bestimmen. Sollte sich i
optimistischste Variante eines schnellen Wirtschaftswachstums (5 bis 6 % jährlich), wonach mindestens 3,5 % des BIP Russlands für
Verteidigungszwecke bereitgestellt werden (heute sind es 2,6 %), bewahrheiten, wird Moskau im Prinzip auch nach 10 bis 15 Jahren imstande
sein, seinen Status als eine der beien Atomraketen-Supermächte zu behalten. Dies bedeutet, dass Russland seine Strategischen Nuklearkräfte
(SNK), deren Lenk- und Informationssysteme auf dem Stand des START-I-Vertrages (6000 Gefechtsköpfe) beim Aufbau eines nationalen
Raketenabwehrsystems in den USA oder auf dem Niveau des START-II-Vertrages (3000 Gefechtsköpfe) beim Erhalt der gegenwärtigen
Begrenzungen der Raketenabwehrsysteme laut Vertrag von 1972 unterhalten muss. Dafür aber hätte man 50 bis 60 % des gesamten Militäretats
für die SNK aufwenden müssen (heute sind es zirka 15 %), was die allgemeinen Kräfte auf ein Minimum reduzieren würde. Wie indessen die
NATO-Aggression gegen Jugoslawien 1999 und die neue Kampagne in Tschetschenien 1999/2000 gezeigt haben, wird sich die Rolle der
allgemeinen Kräfte bei der Gewährleistung der nationalen Sicherheit Russlands relativ vergrößern, was auch in der neuen Auflage der im Mai
2000 angenommenen Militärdoktrin zum Ausdruck kommt. Am ehesten wird der Anteil der Ausgaben für die Unterhaltung und Modernisierung
der SNK nicht 15 bis 20 % des Militärhaushalts der Russischen Föderation übersteigen, was beim 3,5-prozentigem Anteil der Militärausgaben am
BIP Russlands es ihm erlauben wird, in 10 bis 15 Jahren den SNK-Stand von höchstens 2000 Gefechtsköpfen zu behalten. Falls aber die
Militärausgaben auf dem jetzigen Niveau von 2,6 bis 2,8 % der BIP bleiben, werden die russischen SNK höchstens 1000 bis 1500
Gefechtsköpfe besitzen. Im Rahmen des START-I-Vertrages würde dies eine 6- bis 8fache nukleare Überlegenheit der USA (wie Anfang der
60er-Jahre) bedeuten. Bei Erfüllung des Vertrages START-II würden die Amerikaner eine 3fache und im abgestimmten START-III-Rahmen (1997)
eine 2fache Überlegenheit haben. Die einzige Möglichkeit, das Gleichgewicht durch eine modifizierte START-III-Variante (1500 Gefechtsköpfe auf
jeder Seite) zu erhalten, bietet sich, wenn Russ land dem Vorschlag der USA zustimmt, den Raketenabwehrvertrag zu revidieren. In diesem Fall
aber würden die USA bei einem Gleichgewicht der offensiven SNK Vorteile durch den Aufbau einer nationalen Raketenabwehr erhalten. Würde
Russland in absehbarer Zeit im gleichen Haushaltsrahmen diesem Beispiel folgen, müsste es entweder auf ein SNK-Niveau von zirka 500
Gefechtsköpfen (wie heute bei Frankreich) absinken oder seine allgemeinen Kräfte opfern.
Nuklearpotenziale haben einen politischen Zweck
In
diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf: Warum sollte man 1000 oder gar 500 Nukleargefechtsköpfe nicht für ausreichend halten, wenn
dies eine Garantie gegen eine direkte äußere Aggression gibt, selbst wenn die USA eine mehrfache Überlegenheit bei den SNK haben würden?
Es handelt sich aber darum, dass das Nuklearpotenzial Russlands nicht nur die rein militärische Aufgabe zu erfüllen hat, einem eventuellen
Aggressor einen bestimmten materiellen Schaden zuzufügen. Es hat einen umfassenderen Zweck, und zwar einen beliebigen Gegner bzw. eine
Gegnerkombination sowohl von einer nuklearen Aggression als auch von einer großangelegten Aggression mit Einsatz konventioneller Waffen (in
der Art der NATO-Aktion 1999 auf dem Balkan) abzuschrecken. Mit dieser breiten Abschreckung steht auch das in der Militärdoktrin
verkündete Konzept des Ersteinsatzes von Nuklearwaffen in einer kritischen Situation in Verbindung. Wenn man bei Nuklearwaffen weit hinter
den USA und der NATO liegt (die breite Abschreckung richtet sich aber gerade gegen sie), kann man sich kaum auf den abschreckenden Effekt
der Nuklearkräfte und der Militärdoktrin Russlands verlassen, denn dafür bräuchte man zumindest ein strategisches Gleichgewicht. Die Strategie
des Ersteinsatzes von Nuklearwaffen bei starkem Zurückbleiben im Nuklearwaffenbereich gegenüber der anderen Seite (die quantitativen und
qualitativen Daten verhalten sich hier jedoch oft wie die kommunizierenden Gefäße) würde man bestenfalls als Bluff ignorieren, was Moskau vor die Entscheidung stellen würde,
eine nicht nukleare Aggression real mit einem Nuklearwaffeneinsatz zu erwidern. Schlimmstenfalls aber kann sie einen nuklearen Präventivschlag
des Gegners provozieren. Dies ist um so gefährlicher, als die multipolare Welt auch in der nuklearen Kräftebalance eine neue Situation der
Multipolarität voraussetzt.
Der Atom-Club wird größer, doch Russland hat keine nuklearen Verbündeten
In den Jahren des Kalten Krieges und
der Bipolarität waren die Nuklearpotenziale der UdSSR und der USA vielfach größer als die Kräfte der anderen Nuklearmächte
(Großbritannien, Frankreich, China sowie das geheime Potenzial Israels), so dass der Einfluss der letzteren auf das strategische Gleichgewicht
eine zweitrangige Sicherheitsfrage der beiden Supermächte war. Die Nuklearwaffen Chinas auf Trägern der strategischen Klasse konnten das
USA-Territorium nicht erreichen, die britischen und französischen Waffen waren nicht gegen die USA gerichtet, ihr Volumen aber betrug
höchstens 8 % von den sowjetischen SNK. Die wichtigste negative Auswirkung der Multipolarität, und zwar die Weiterverbreitung von
Nuklearraketen und anderen Massenvernichtungswaffen, wird dieses Bild tiefgreifend ändern. Der Abbau der Nuklearkräfte der Russischen
Förderation und der USA bei gleichzeitiger Weiterverbreitung der Raketenkernwaffen kann dazu führen, dass die Arsenale von Drittländern,
zusammengerechnet, in 10 bis 15 Jahren mit den russischen SNK vergleichbar werden, ja sogar diese überflügeln können. Neben Großbritannien,
Frankreich und China wurden bereits Indien, Pakistan und Israel (heimlich) zu Mitgliedern der Nuklearclubs, ihnen können sich Nordkorea und
der Iran, laut pessimistischer Prognose aber auch der Irak, Ägypten, Libyen, Südkorea, Taiwan und sogar Japan zugesellen. Aus mehreren
Gründen würde die Sicherheit Russlands darunter viel stärker leiden, denn die Kräfte aller Drittländer könnten gegen die Russische Föderation
gerichtet werden, denn sie hat keine nuklearen Verbündeten. Diese Kräfte würden auch viel näher an das Territorium Russlands stationiert sein.
Es ist durchaus wahrscheinlich, dass sich die USA zum Aufbau eines strategischen Raketenabwehrsystems entschließen, um sich gegen
Drittmächte abzuschirmen, was sich objektiv auch auf das russische Abschreckungspotential auswirken würde. Die ökonomischen Möglichkeiten
Russlands für die Modernisierung und den Ausbau seiner strategischen Raketenabwehr sind viel bescheidener. Im Verhältnis zu den Regimes in
den neuen Mitgliedsländern des Nuklearclubs wird sich möglicherweise kein klassisches Modell der gegenseitigen Abschreckung herausbilden,
denn bei diesen Regimes können irrationale, inhumane und fanatisch suizidale Tendenzen die Oberhand gewinnen. Außerdem ist damit zu rechnen,
dass ihre Nuklearwaffen in einem viel größeren Maße der Gefahr eines nicht sanktionierten bzw. havariebedingten Starts, eines Diebstahls oder
einer ökologischen Katastrophe ausgesetzt sind, Objekt eines Bürgerkrieges bzw. eines Regierungsumsturzes werden könnten. Darüber hinaus ist
völlig unklar, wie man auf die Drittländer das Regime des Abbaus und der Begrenzung der Nuklearwaffen sowie der Prüfung und des
Austausches von Informationen ausdehnen kann, welches sich innerhalb von 30 Jahren zwischen der UdSSR/Russland und den USA
herausgebildet und seine Tragfähigkeit bewiesen hat. Mehr noch: Dieses Regime kann wegen der Weiterverbreitung der Raketenkernwaffen
sowie wegen der neuen Bedürfnisse der beiden führenden Mächte im Bereich der strategischen und taktischen Offensiv und Defensivkernwaffen
zusammenbrechen.
Auch die bislang immer noch drittstärksten konventionellen Streitkräfte werden ihren Rang verlieren
Was die
konventionellen Streitkräfte betrifft, so kann die multipolare Welt auch hier neue Gefahren und Komplikationen auslösen und die militärischen
Bedürfnisse Russlands sowohl im Bereich der allgemeinen Kräfte als auch im Bereich der Nuklearmittel beeinflussen. Vor nur 15 Jahre
besaß die UdSSR die weltstärkste Armee, die rund vier Millionen Angehörige zählte. Zusammen mit den Partnern im Warschauer Vertrag hatte
sie bei den Hauptarten der konventionellen Land und Luftstreitkräfte eine dreifache Überlegenheit über die NATO in Europa. Ihre Gruppierung
im Fernen Osten war bedeutend stärker als die Kräfte Chinas, der USA und Japans, von dem Kräfteverhältnis an den Südgrenzen mit der Türkei,
dem Iran und Afghanistan schon ganz zu schweigen. Gegenwärtig besitzt Russland - trotz des Abbaus um zwei Drittel seit Ende der 80er-Jahre bis
auf 1,2 Millionen Mann - immer noch die drittstärkste Armee in der Welt (nach China und den USA). Nichtsdestoweniger hat sich die Situation
einschneidend verändert und sie wird sich aus einigen Hauptgründen auch weiter verändern. Erstens: Die langwierige Wirtschaftskrise der
90er-Jahre und die rigorose Kürzung des Militäretats (ungefähr auf ein Viertel seit 1994, in Dollar umgerechnet) machen auch eine solche Armee
für Russland untragbar. Etwa 70 % Militärausgaben im Rahmen der realen Erfüllung des Haushalts werden in den letzten Jahren zur Versorgung
der Armee (dabei auf kläglichem Niveau und bei unzureichender Gefechtsausbildung) verwendet, was die Finanzierung der Investitionen
untergräbt, von denen in erster Linie das reale Potenzial der Streitkräfte abhängt, und zwar solcher Posten wie Forschung und Entwicklung,
Erwerb von Rüstungsgütern, Kampftechnik und Bauinvestitionen. Dies untergräbt die Gefechtsbereitschaft und Kampffähigkeit der Armee und
ruiniert den Militär-Industrie-Komplex: Der Anteil der neuen Rüstungen und neuer Technik sank bis auf 20 %, in fünf Jahren wird er nur noch 5 %
betragen, während er in den entwickelten Ländern bei 50 bis 60% liegt.
Die Streitkräfte der Nachbarländer werden vergleichsweise stärker
werden
Zweitens: Die Streitkräfte der Nachbarländer werden im Vergleich zu den Streitkräften Russlands größer werden. Im Westen wird die
NATO in den nächsten 10 bis 15 Jahren eine 3- bis 4fache Überlegenheit über Russland erlangen. Im Osten wird China dank seinem doppelt so
hohen Militäretat und den massiven Ankäufen russischer Waffen ebenfalls eine bedeutende Dominanz haben. Selbst Japan wird in der Stärke der
Streitkräfte und der Kriegsmarine der russischen Fernostgruppierung überlegen sein. Im Süden wird die Situation langfristig ebenfalls vollkommen
neu sein. Indien, dieser traditionelle Juniorpartner der UdSSR, hat jetzt eine gleich starke Armee, einen doppelt so großen Militäretat und
überflügelt Russland in einigen Bereichen der wissenschaftlich technischen Entwicklung. Die Streitkräfte der Türkei sind halb so stark wie die
gesamte Armee Russlands. Die Türkei und der Iran besitzen zusammen Streitkräfte, die zahlenmäßig so stark wie die russischen sind, und
zusammen mit dem Pakistan haben sie eine eineinhalbfache Überlegenheit. Gewiss ist die Qualität dieser Streitkräfte nicht hoch, aber auch in
dieser Hinsicht schrumpft die einstige Überlegenheit Russlands schnell zusammen. Es ist auch wenig wahrscheinlich, dass diese Staaten direkt und
in Einheitsfront Russland bedrohen würden. Die Gefahr kann sich jedoch darin materialisieren, dass sie Regimes oder Bewegungen in
Transkaukasien, Zentralasien und Russland selbst unterstützen, die sich gegen Moskau und seine Verbündeten richten. Drittens: Russland lässt
sich immer mehr in Konflikte und Operationen mit Einsatz allgemeiner Kräfte verwickeln: im Nordkaukasus und Transkaukasien, in Zentralasien
und im Balkan. Die NATO-Aktion 1999 gegen Jugoslawien aktualisierte die Aufgabe, die russischen Luftschutzkräfte, Luftstreitkräfte und
Seekriegsflotte zu verstärken, um solche Bedrohungen abzuwehren, was auch in der neuen Militärdoktrin besonders hervorgehoben wurde. Aber
auch unter der Voraussetzung, dass der Militärhaushalt das Niveau von 3,5 % des BIP erreicht, lassen sich diese Bedürfnisse nur durch einen
Abbau der Ausgaben für die SNK befriedigen. Innerhalb von 10 bis 15 Jahren würde dies zu einer Reduzierung der Kräfte der nuklearen
Abschreckung bis auf das Niveau der nuklearen Drittmächte führen und
der Russischen Föderation ihren besonderen Status in der globalen strategischen
und bei den Verhandlungen mit den USA nehmen. Um dies zu vermeiden, müsste Russland seine Armee zwecks Einsparung noch mehr abbauen
(um 30 bis 50%) sowie den Aufgabenbereich der allgemeinen Kräfte, seine militärischen Verpflichtungen und seine militärische Präsenz im
Ausland und sogar in Russland selbst (zum Beispiel im Fernen Osten) einschränken.
 Nostalgisch mutet es an, wenn russische Soldaten am 55.
Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai 2000 bei einer Parade durch die Straßen von St. Petersburg marschieren - in den Uniformen des Zweiten
Weltkriegs, als die Rote Armee auf der Höhe ihres Ansehens stand. Soll, kann daran wieder angeknüpft werden? Foto: dpa Fotoreport.Balance
Die Gefahren einer Konfrontation zwischen den USA und
China
Betrachtet man das Problem als Ganzes, lassen sich einige grundsätzliche Schlussfolgerungen ziehen. Neben der Gefahr einer monopolaren
Welt unter der Ägide der USA ist für Russland die Wahrscheinlichkeit nicht minder gefährlich, ja vielleicht sogar noch gefährlicher, dass eine neue
Bipolarität und Konfrontation zwischen den USA und China entsteht, wo es Moskau kaum gelingen würde, eine Neutralität zu wahren und im
schlimmsten Falle auch seine Souveränität über Sibirien und die russische Fernostregion zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen
Bipolarität scheint jetzt größer zu sein als die Perspektive sowohl einer amerikanischen Monopolarität, welcher sich Russland aus allen Kräften
widersetzt, als auch einer Multipolarität, für die Russland nachdrücklich plädiert. Mehr noch: Indem Moskau einer amerikanischen Monopolarität
entgegenwirkt, gestaltet es seine Politik so, dass es die internationalen Beziehungen nicht auf eine Multipolarität, sondern eher auf eine neue
Bipolarität hinlenkt, obgleich die Verantwortung dafür in nicht geringerem Maße die USA und die NATO zu tragen haben. Aber selbst wenn es
gelingt, die beiden ersten ungünstigen Modelle des Weltsystems zu vermeiden, kann eine multipolare Struktur der internationalen Beziehungen als
solche die Gewährleistung der nationalen Interessen und der Sicherheit Russlands nicht garantieren, falls die oben beschriebenen Tendenzen
andauern. Es gilt sie zu verändern, dazu aber braucht Russland einen konsequenten und genau koordinierten strategischen Kurs für die nächsten 10
bis 15 Jahre.
Doch was kann Russland tun?
Die erstrangige Aufgabe besteht selbstverständlich darin, die Wirtschaftskrise in Russland zu
überwinden und ein stabiles Wirtschaftswachstum zu sichern sowie ein günstiges Klima für die einheimischen und ausländischen Investoren zu
schaffen. Notwendig sind vor allen Dingen eine Reform des Staatsapparats, eine Koordinierung aller Gewalten auf der Bundes- und
Regionalebene, eine Konsolidierung der Föderation und eine Unterdrückung der Korruption und Kriminalität - alles auf rechtlicher,
demokratischer Grundlage. Ebenfalls notwendig ist es, den Krieg in Tschetschenien umgehend auf Grund einer politischen Regelung einzustellen
und neuen inneren Konflikten dieser Art vorzubeugen. Was die Außenpolitik betrifft, so muss man feststellen, dass die gegenwärtigen Prioritäten,
Aktionen und internationalen Beziehungen Russlands unter langfristigem Aspekt alles andere als optimal gestaltet werden. Eine Zusammenarbeit
mit Belorussland, Kasachstan, Armenien und anderen GUS-Ländern braucht Russland sowohl aus Erwägungen der Sicherheit als auch von seinen
ökonomischen, sozialpolitischen und humanitären Interessen her. Konflikte mit Nachbarstaaten wären für Russland verhängnisvoll, die
Annäherung als solche löst jedoch die Hauptprobleme nicht. Diese Länder sind nicht imstande, Russland das Allerwichtigste zu geben, und zwar
Investitionen in die reale Wirtschaft, Einbindung in die weltweiten Prozesse der Wirtschafts- und Informationsintegration, Überwindung der
ungünstigen geostrategischen Tendenzen und Sicherung vorteilhafter ökonomischer, politischer und militärischer Positionen in einer multipolaren
Welt. Der Ausbau der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen und der militärtechnischen Zusammenarbeit Moskaus mit China, Indien, Iran, Irak und Nordkorea kann bestimmte Vorteile bringen,
vorausgesetzt, versteht sich, dass dies nicht gegen die bestehenden internationalen Abkommen und UNO-Beschlüsse verstößt. Von einer realen
Integration und einem Bündnis kann hier jedoch keine Rede sein, denn die sozialökonomischen, kulturellen, geopolitischen und strategischen
Differenzen sind riesengroß. Darüber hinaus kann eine übermäßige Annäherung an solche Mächte Gefahren für Unabhängigkeit und Souveränität
Russlands heraufbeschwören, es in Konflikte verwickeln, die den Interessen Russlands zuwider laufen. Das Verhältnis mit den USA wird
zweifellos wichtig bleiben, vor allem auf dem Gebiet der Beilegung internationaler Konflikte, der Begrenzung und Nichtweiterverbreitung von
Waffen. Gegen den Willen der USA lässt sich auch nicht die Zusammenarbeit mit anderen Ländern des Westens, Weltwirtschafts- und
Finanzorganisationen ausbauen. Die bilateralen Beziehungen der beiden Mächte werden sich jedoch einengen, weil die ökonomische, militärische
und politische Ungleichheit zwischen ihnen zu groß ist und weiter zunimmt, weil die USA Russland nicht als gleichen Partner behandeln wollen,
Russland aber sich nicht damit abfinden und seine untergeordnete Stellung akzeptieren will. Es liegt nahe, dass in der Außenpolitik Russlands die
Beziehungen mit den Ländern im Vordergrund stehen müssen, von denen das Wirtschaftswachstum Russlands, das Hereinbringen großer
ausländischer Investitionen und die Erweiterung der russischen Beteiligung an den internationalen Handels und Finanzorganisationen abhängen. Es
ist klar, dass es sich um die Länder Westeuropas und Japan handelt. Dieselben Länder werden für Russland auch die Schlüsselrolle spielen, wenn
es um seine langfristigen politischen Interessen und seine Sicherheit geht. Gerade auf Grund des Verhältnisses Moskaus zu ihnen ließe sich eine
neue Bipolarität in der Welt oder eine solche Multipolarität vermeiden, wo Russland in allen Himmelsrichtungen Gegner haben würde, die dazu
noch wirtschaftlich und militärisch stärker als Russland wären. In einer multipolaren Welt gilt die Regel, dass unter den führenden Mächten jene
die größten Vorteile hat, deren Beziehungen mit den anderen Machtzentren relativ besser sind als ihre Beziehungen untereinander. Eine solche Lage
kann die zeitweilige wirtschaftliche und militärische Schwäche ausgleichen und dieser Macht die Möglichkeit geben, nach und nach ihr
Zurückbleiben in diesen Kenndaten der nationalen Stärke aufzuholen.
Eine Stärkung der internationalen Sicherheitsstrukturen liegt im russischen
Interesse
In Moskaus Interesse läge außerdem eine maximale Stärkung der Rolle und eine Steigerung der Effizienz solcher internationaler
Sicherheitsstrukturen wie die UNO und die OSZE bei der Beilegung von Konflikten, der Errichtung des Friedens und der Durchführung
friedensstiftender Operationen. Hier hat Russland auch große ungenutzte Reserven. Die Erreichung der nationalen Ziele mit Vermittlung
internationaler Organisationen ist oft schwieriger und dauert länger als ihre Durchsetzung durch einseitige Aktionen, besonders wenn es sich um
innere bzw. Grenzkonflikte handelt. Die weitestgehende Behauptung der Grundsätze des Völkerrechts und der Vielseitigkeit verringert jedoch die
Möglichkeiten für Willkür von seiten anderer, stärkerer Mächte, die die Interessen Russlands in den Bereichen ihrer Verwundbarkeit
beeinträchtigen könnten. Angesichts der ungünstigen Trends im weltweiten wirtschaftlichen und militärischen Kräfteverhältnis ist Russland auch
stärker als alle anderen Länder daran interessiert, dass das Regime und die Systeme der Begrenzung von Rüstungen und militärischen Aktivitäten,
der Abrüstung und Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren Beförderungsmitteln erweitert und gefestigt werden.
Trotzdem wird die Russland langfristig drohende Gefahr einer Weiterverbreitung von Raketenkernwaffen heute unterschätzt, wobei die
kommerziellen und einzelbehördlichen Interessen überwiegen. Was aber die
Politik der Rüstungsbegrenzung betrifft, so wird die Priorität des Dialogs mit den USA über die strategischen Rüstungen und mit der NATO über die
konventionellen Waffen wie auch zu einigen anderen traditionellen Fragen der militärischen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen
(Begrenzung der U-Boot-Abwehr, der vorgeschobenen Nuklearstreitkräfte u. a. m.) eindeutig zu hoch angesetzt. In einer multipolaren Welt muss
das Nichtweiterverbreitungsproblem für die russische Politik in diesem Bereich die Priorität haben: Verhärtung des Regimes des
Kernwaffensperrvertrags, des Teststoppvertrags, strengere Kontrolle über die Raketentechnologien, die Erfüllung der Konvention über die
Chemiewaffen und neue Ansätze beim Verbot bakteriologischer Waffen.
Die Zukunft liegt in einer konsequenten Annäherung an die EU
Auf dem europäischen Kontinent muss Russland den Weg einer allmählichen, sorgfältig durchdachten und mit den russischen Besonderheiten
abgestimmten Annäherung an die Europäische Union und alle Strukturen des Großen Europas beschreiten. Während die Russische Föderation in
15 Jahren unter den Weltmachtzentren weit unterhalb der Spitze stehen wird, kann es im europäischen Maßstab eine der führenden Mächte im
Wirtschafts- und Militärbereich bleiben, von Bevölkerungszahl, Territorium und natürlichen Ressourcen ganz zu schweigen. Das demokratische
Europa kann und wird Russland weder zu einem Rohstoffanhängsel machen noch seine Souveränität und territoriale Integrität in Frage stellen.
Europa hat enorme Integrationserfahrungen unter Wahrung der nationalen und kulturellen Identität aller seiner Völker gesammelt. Die Integration
Russlands mit der Ukraine und Belorussland kann gerade im Rahmen einer breiteren europäischen Integration gegenseitig vorteilhaft und
konfliktfrei sein. Das gleiche kann man von einer Rückkehr Russlands in die Wirtschaft und Politik Mittel-
und Südeuropas sagen. Die konsequente
Annäherung Russlands an die EU unter wirtschaftlichem, politischem und militärischem Aspekt (einschließlich einer möglichen gemeinsamen
Raketenabwehr) muss eine Alternative zur Verwandlung der NATO in die Grundlage der europäischen Sicherheit bieten. Die Partnerschaft
Russland-NATO kann großdimensioniert geplant werden, muss jedoch strikt davon abhängig gemacht werden, dass die Osterweiterung der
NATO gestoppt und er Einsatz von Gewalt entgegen dem Völkerrecht und ohne UNO-Sanktion ausgeschlossen wird. Die deutliche USA-Präsenz
in Europa ist kein Unterpfand für die militärpolitische Stabilität auf dem Kontinent mehr.
Ein ausgewogenes Verhältnis zu China und Japan
aufbauen
In der Asiatisch-Pazifischen Region besteht Russlands Hauptaufgabe, abgesehen von radikalen Maßnahmen zur Verbesserung der
wirtschaftlichen und sozialen Situation in Sibirien und der Fernostregion, darin, ein ausgewogeneres Verhältnis mit China und Japan aufzubauen.
Die Erhaltung der militärischen Präsenz der USA in der Region entspricht den Interessen Russlands, weil dessen Alternative eine groß angelegte
(darunter auch nukleare) Remilitarisierung Japans und die Verwandlung der russischen Fernostregion in ein Objekt der Rivalität zwischen zwei
asiatischen Riesen wäre. Ein allseitiger Ausbau der Zusammenarbeit und der Beziehungen zwischen Russland und Japan würde ein
ausgewogeneres und stabileres System der Beziehungen im Asiatisch-Pazifischen Raum schaffen und mehrere Gefahren ausschließen: zum einen
die Gefahr einer Konfrontation zwischen China einerseits und Japan und USA andererseits und zum anderen die Gefahr einer Umlenkung des
chinesischen Drucks in die nördliche Richtung. Russland sollte auch aktiv zu einer friedlichen Wiedervereinigung Koreas nach dem "deutschen
Modell" beitragen. Es gilt, im Fernen Osten wie in Europa ein Regime der Begrenzung von Rüstungen und militärischen Aktivitäten, der
Maßnahmen der militärischen Transparenz und des Vertrauens sowie der Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren
Trägern zu errichten. In der Schwarzmeer und Kaspiregion muss Russland äußerst selektiv die Frage seiner direkten Beteiligung an bewaffneten Konflikten erwägen, um sich nicht der gesamten islamischen Welt entgegenzusetzen. Es gilt, mit allen Mitteln die lokalen Stützen des
Widerstands gegen den aggressiven Fundamentalismus und Nationalismus (Georgien, Armenien, Kasachstan, Usbekistan) zu festigen und eine
Zusammenarbeit mit dem Westen bei der Beilegung der Konflikte, bei der Erschließung der Naturressourcen der Region und beim Aufbau ihrer
Transportinfrastrukturen anzustreben.
Militärpolitische Ziele
Im Verteidigungsbereich muss man selbst in der heutigen schwierigen Finanzsituation
den Militärhaushalt bis auf 3,5 % BIP erhöhen, parallel dazu die zahlenmäßige Stärke der Streitkräfte um noch etwa 30 % (bis auf 0,8 Millionen
Mann) reduzieren und das Verhältnis zwischen den Unterhaltungskosten und den Investitionen von 70 : 30 % bis auf 55 : 45 % und innerhalb der
Investitionen zugunsten der Forschung und Entwicklung ändern, damit das Verhältnis zwischen den Ankäufen von Rüstungen und Militärtechnik
einerseits und der Forschung und Entwicklung andererseits ungefähr 50:50 % beträgt. Dies würde erlauben, die aussichtsreichsten Bereiche des
Militär-Industrie-Komplexes sowie die Schulen und Teams in der angewandten und Grundlagenforschung, die sich nach einem Zerfall sehr schwer
wieder aufbauen ließen, zu erhalten. Dies würde außerdem gestatten, die
strategischen Nuklearkräfte zumindest auf dem START-II-Niveau (3000
Gefechtsköpfe) zu sichern und auch nach 10 bis 15 Jahren das Gleichgewicht mit den USA zu wahren. In Russlands Interesse wäre es auch,
schlankere, jedoch viel besser ausgebildete und ausgerüstete allgemeine Kräfte für selektive lokale Operationen und Abschreckungsmissionen in
der Art der NATO-Aktion auf dem Balkan zu haben. Innerhalb von fünf Jahren könnte man so zu einer vollständigen Freiwilligenarmee übergehen.
Russland wird wohl auch in die Raketenabwehr investieren müssen
Angesichts der Möglichkeit einer Weiterverbreitung von Raketenkernwaffen
wird Russland wahrscheinlich in absehbarer Zukunft große Ressourcen in die Raketenabwehr investieren müssen, um seine Verwaltungs- und
Industriezentren vor Mittelstrecken und operativtaktischen Raketen aus der Süd und Ostrichtung (dem steht der ABM-Vertrag 1972 nicht im
Wege) zu schützen. Um die USA dazu zu bewegen, das START-III-Niveau bis auf 1500 Gefechtsköpfe zu senken und die Finanzlast bei der
Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zu erleichtern, wird Russland wahrscheinlich auf eine Erweiterung des Rahmens des ABM-Vertrages 1972
eingehen und mehr als ein Stationierungsgebiet für die Raketenabwehr erlauben müssen, wobei auch Maßnahmen zur Erhaltung des russischen
strategischen Potenzials der nuklearen Abschreckung vorgesehen werden (durch die Aufhebung des Verbots von landgestützten
interkontinentalen ballistischen Raketen mit Mehrfachgefechtsköpfen). Eine Vereinbarung mit den USA über die strategische Raketenabwehr und
einen weiteren Abbau der Offensivwaffenarsenale würde Möglichkeiten für die Entwicklung einer gemeinsamen Raketenabwehr des
Kriegsschauplatzes Russlands und der übrigen europäischen Staaten mit amerikanischer Beteiligung bieten. Die angebotenen Thesen betreffen die
mehr oder weniger traditionellen Ansätze bei der Betrachtung der Weltmachtzentren, ihres Kraft und Einflussverhältnisses, der Gemeinsamkeiten
und Gegensätze ihrer Interessen. Nichtsdestoweniger scheint auch hier keine genügende Klarheit zu herrschen, werden viele ernste Probleme
übersehen und entwickeln sich negative Prozesse. Damit muss man sich eingehend befassen, um zu vermeiden, dass sich in der Weltpolitik
ungünstige systembildende Verhältnisse herausbilden. Sollte solch ein ungünstiges System entstehen, würde es nicht nur als solches die Sicherheit
Russlands gefährden, sondern auch dazu führen, dass die übrigen Probleme entweder überhaupt nicht gelöst oder zu Schaden der russischen
Interessen gelöst werden. Würde sich aber das neue System für Moskau günstig gestalten, könnte auch Russland selbst, von den übrigen
Momenten abgesehen, einen viel größeren Beitrag zur Bewältigung grundsätzlich neuer Probleme der Sicherheit und des internationalen Lebens
leisten.
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