Zeitschrift Russland unter Putin Russland - auf dem Weg zur Demokratie? |
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Das politische System Russlands Von Gerd Meyer
Der Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftssystems, verbunden mit dem Zerfall der Sowjetunion, sollte Russland den Weg zu Modernisierung und Demokratisierung öffnen. Inwieweit ist das gelungen? Genügen Verfassung und Verfassungswirklichkeit den Ansprüchen einer rechtsstaatlichen Demokratie? Wie ist die Macht verteilt und wo liegen die Zentren der Macht? In welchem Umfang ist Russland heute auf dem Weg zu einer demokratischen politischen Kultur, welche Elemente sthen dem entgegen? Insgesamt erweckt Russland heute den Eindruck einer tiefen Krise: eine Krise der politischen Ordnung, einer wirtschaftlichen und sozialen Krise, einer Orientierungskrise. Welchen Beitrag hat Präsident Putin bisher zur Überwindung dieser Krise geleistet? Eine skeptische Zwischenbilanz auf Russlands weitem Weg zur Demokratie. Red. Noch ein weiter Weg für Russland - wohin führt der Weg? Welchen Weg geht Russland? Den "westlichen" Weg
von liberaler Demokratie und kapitalistischer Marktwirtschaft
oder einen eigenen Weg postkommunistischer Transformation,
der "russische Werte" und Traditionen, autoritäre
und demokratische Elemente miteinander verbindet? Seit Gorbatschows
perestrojka wird diese Frage in Russland wie im Westen
besorgt und engagiert diskutiert. Ich wage hier keine Prognose,
wohl aber eine Zwischenbilanz, die zugleich auf Potenziale
für die Zukunft verweist. Das ist schwierig in der
gebotenen Kürze, vor allem aber, weil uns häufig
verlässliche Informationen über Russland fehlen
und die politischen Verhältnisse in den Zentren der
Macht oft undurchsichtig sind. Führungspersonal, politische
Positionen und Koalitionen unterlagen bis ins Jahr 2000 hinein
raschem Wandel. Beabsichtigt ist hier ein Überblick
über die wichtigsten politischen Machtstrukturen und
Herrschaftsmechanismen für die Jahre 1991 bis 2000
im Spannungsfeld von (Neo)Autoritarismus und Demokratisierung.
Diese Machtstrukturen sind seit Gründung der Föderation
im Fluss, jede Längsschnittanalyse abstrahiert stark
und ist zugleich Momentaufnahme, so auch heute etwa ein
Jahr nach der Amtsübernahme Putins im Kreml. Der kritische
Blick auf das politische System Russlands muss sich allerdings
davor hüten, vorschnell "westliche" Maßstäbe
anzulegen. Zunächst ist Russland "aus sich selbst heraus"
zu verstehen und Vorsicht ist geboten mit moralischen Urteilen
und politischen "Rezepten", die sich allein an unseren
Modellen von Marktwirtschaft und Demokratie orientieren.
Informiertes Verstehen und reflektiertes Werten schließen
sich dabei keineswegs aus. Perestrojka - eine ambivalente Bilanz der Ära Gorbatschow Michail Gorbatschow und seine Anhänger initiierten
seit 1986 weitreichende Reformen des erstarrten autoritären
Sowjetsystems, die den Prozess einer teilweisen Demokratisierung
der politischen Ordnung anstießen. Dieser Prozess
setzte sich nach 1990/91 in der neu gegründeten Russländischen
Förderation (RF) in stark veränderter Form
fort. Gorbatschows Politik von glasnost (Transparenz,
Informations- und Meinungsfreiheit) und perestrojka
(Umbau von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft) zielte auf
eine Wiederbelebung und grundlegende Reform der Kommunistischen
Partei (KPdSU) und des "bürokratischen Sozialismus"
(Meyer 1977) im Sinne eines "demokratischen Sozialismus".
Nicht beabsichtigt war die Abschaffung und Ersetzung
des Sozialismus durch eine liberalkapitalistische Marktwirtschaft
und eine pluralistische Demokratie nach westlichem Vorbild.
Die staatliche Exekutive wurde gegenüber der Partei
durch die Einführung des Präsidialsystems im März
1990 gestärkt. Am Ende (1991) stand eine sehr ambivalente
Bilanz. Einerseits wurden wichtige Schritte zur Öffnung
und Demokratisierung des politischen Systems unternommen,
andererseits gingen sie nicht weit genug beim Abbau tradierter
autoritärer Machtstrukturen. Wirtschaftsreformen ("von
der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft") wurden nur
halbherzig und inkonsequent durchgeführt, die Einführung
eines echten Föderalismus in der Union nur widerwillig
und verspätet angestrebt.
Gorbatschows Reformpolitik lavierte seit 1989 in puncto Demokratisierung und Erhalt der Union zwischen den rivalisierenden politischen Kräften und blieb so insgesamt erfolglos. Das führte zum Niedergang seines Ansehens und seiner Macht und begünstigte Jelzins Aufstieg zum mächtigsten Mann im Kernstaat der zerfallenden Union. Auf dieser Grundlage beginnt Boris Jelzin nach seiner Direktwahl im Juni 1991 zum Präsidenten Russlands seine Herrschaft als "radikaler" Befürworter von Marktwirtschaft und Demokratie - und wandelt sich in einem Jahrzehnt zum neoautoritären, aber letztlich glücklosen Krisenmanager und Reformpolitiker. Russland - seit 1990 in einer Dauerkrise Doch seit 1990/91 - so meine allgemeine These - befindet sich Russland in einer mehrfachen Krise:
Auf dem Hintergrund dieser Dauerkrise in fast allen Bereichen von Politik und Gesellschaft sind Erfolge und Misserfolge der Reformpolitik in Russland zu sehen. Kennzeichnend für Russland ist, dass Richtung, Tempo und Reichweite der Reformen in Programmatik und Praxis noch immer grundsätzlich strittig oder unklar sind. Zentrale Probleme und Kontroversen der russischen Reformpolitik (1) Der "Systemkonflikt" Sowjetkommunismus versus
Demokratie und Marktwirtschaft (2) Verfassungskonflikte:
Wem wie viel Macht, Zentralismus oder Dezentralisierung?
(3) Ordnungsprinzipien
und Politikstile: autoritär versus demokratisch/libertär
(4) Unabhängige versus regierungskonforme Medien
(5) Macht und Geld versus Moral:
Realer oder nur scheinbarer Wandel der Eliten? (6) Moderne, säkulare, "westliche" versus
"traditionelle", christliche, nationale Werte Der Präsident bildet das Zentrum der Macht Der Präsident verfügt über eine solche
Fülle von Vollmachten wie kein anderer demokratisch
legitimierter Präsident in modernen Industriestaaten.
Dennoch kann der Präsident seine Ziele keineswegs so
durchsetzen, wie er es möchte. Wir analysieren daher
die formellen und die informellen Machtstrukturen unter
der Fragestellung: Was macht den Präsidenten Russlands
so stark, aber auch: wer oder was begrenzt seine
Macht? Ist die These vom Neo-Autoritarismus unter
Jelzin und Putin gerechtfertigt? Dementsprechend schwach ist die Stellung des Parlaments (3) Das Parlament, das heißt die Bundesversammlung,
bestehend aus Staatsduma und Föderationsrat,
hat insgesamt nur eine schwache Stellung gegenüber
dem Präsidenten und der Regierung. Ihr Einfluss beschränkt
sich auf die Gesetzgebung in zentralen Fragen, den Beschluss
über den Staatshaushalt (und damit über Wirtschaftssubventionen
und die Zuweisungen an die Regionen) sowie sehr begrenzte
Kontrollfunktionen gegenüber der Exekutive. Zwar haben
zahlreiche Staatsorgane das Recht zur Gesetzesinitiative,
doch werden die Entscheidungen der Duma durch intensive
Einflußnahme der Exekutive, insbesondere des Präsidenten
und seiner Administration vorbereitet. Seit 1999 gibt es
in der Duma eine sichere "präsidiale Mehrheit"
für Putin, so dass er als "Präsident über
den Parteien" bei wichtigen Gesetzesvorhaben viel weniger
als Jelzin auf wechselnde Koalitionen angewiesen
ist. Zugleich wird die ihn vorbehaltlos unterstützende
"Partei der Macht" ("EinheitBär") seit dem
Sommer 2000 gezielt auf- und ausgebaut. Ein profunder Mangel an Rechtsstaatlichkeit In Russland gibt es nach wie vor einen strukturellen
Mangel an Rechtsstaatlichkeit, das heißt: Regelung
und Begrenzung staatlicher Machtausübung durch die
strikte Bindung an Verfassung und Gesetze; Gewaltenteilung
als Strukturprinzip, unabhängige Gerichte und eine
Justiz ohne Korruption; grundlegend: die Gleichheit der
Bürger vor dem Gesetz und die Gewährleistung der
Menschenrechte. Noch immer dominieren autoritär-hierarchische
Regelungsmuster in Politik und Verwaltung. Rechtsgültige
Regelungen werden immer wieder unterlaufen durch Interventionen
des Präsidenten oder einzelner Mächtiger. Eine
gewaltige Zahl von unübersichtlichen, unklaren, widersprüchlichen,
z. T. veralteten Rechtsnormen verhindert Rechtssicherheit
und erlaubt Willkür durch die Behörden und die
Polizei. Die Menschenrechtsbeauftragten der Duma und des
Präsidenten haben nur wenig Einfluss und genießen
nur wenig Achtung beiden Mächtigen. und Putins Konzepte eines "starken Staats" und der "Diktatur des Gesetzes" Diesen Versäumnissen will Präsident Putin mit seinen Konzepten eines "starken Staates" und einer "Diktatur des Gesetzes" begegnen. Damit verfolgt er vor allem vier Ziele: (1) mehr Sicherheit und Ordnung im Alltagsleben der Bürger, auf der Straße und bei den Behörden; (2) mehr Rechtssicherheit, d. h. er will Recht und Gesetz Geltung verschaffen und es "von oben" durchsetzen, so dass das Zusammenleben berechenbarer wird, Verbrechen und Vergehen regelgerecht und effizient bestraft werden; (3) Bekämpfung der allgegenwärtigen Korruption; (4) vor allem aber: der Wille der Zentralmacht und ihrer Organe soll in allen Rechtsbereichen und Territorien durchgesetzt werden. Die Stärkung der Exekutive im Kreml, von Militär, Geheimdienst, Polizei und Justiz soll zum einen vor manchem Chaos und vielfältiger Anarchie bewahren, wie sie in der Ära Jelzin in oft unerträglichem Maße gewachsen waren. Zum anderen aber, und wesentlich bedeutender, soll sie die Macht dieser Institutionen und ihrer Chefs stärken, damit diese ihren politischen Willen effektiv durchsetzen und effizient arbeiten können. Damit steht er ganz in der russischen Tradition der dershawnost, des Strebens nach einem starken "großen" Zentralstaat, mächtig und angesehen nach innen und außen. Wer den russischen Alltag kennt, der wird den Ruf nach Ruhe und Ordnung und Putins Ziele zunächst für legitim und ihre Durchsetzung für dringend notwendig halten. Dabei darf man allerdings eines nicht übersehen: Das Konzept des gelernten Sowjetjuristen und Geheimdienstchefs ist obrigkeitsstaatlich geprägt, Unterordnung und Strafe werden betont. Denn die Konzeption der "Diktatur des Gesetzes" lässt bestimmte Kernelemente des Rechtsstaates westlicher Demokratien vermissen: die gewaltenteilige (Selbst-)Beschränkung aller staatlichen Macht, der Schutz des Bürgers vor dem Staat, Freiheits- und Abwehrrechte also, die die Grund und Menschenrechte zur obersten Richtschnur staatlichen Handelns machen, die einklagbar und auch gegen den Staat durchsetzbar sind. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Rechtspraxis unter Putin entwickeln wird. Zunächst aber wecken seine Formel und erste Schritte zur Disziplinierung von "Widersachern" starke Zweifel an einer rechtsstaatlichdemokratischen Zukunft des Landes unter diesem Präsidenten. Herrschaft eines oligarchischen Macht und Elitenkartells Dafür gibt es noch gewichtigere Gründe: Unter
Führung des Präsidenten herrscht seit 1991 im
Zentrum wie in den meisten Regionen ein Macht und Elitenkartell,
eine "Nomenklatura-Demokratie", die neue und alte Eliten
in oligarchischen Zirkeln und Clans vereint und - vor allem
gestützt auf staatliche Bürokratie, Medienkontrolle
und Finanzmacht - die Geschicke des Landes lenkt. Dies geschieht
in wechselnden politischen, persönlichen und wirtschaftlichen
Allianzen, wenn auch nicht ohne Konflikte und Rivalitäten,
aber doch immer im Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit
und auf der Suche nach politisch wie wirtschaftlich vorteilhaften
Arrangements. Eine besonders wichtige Rolle spielen hier
die so genannten "Finanz-Oligarchen" und von ihnen kontrollierte
Banken, Industrie und Medienholdings, die der Beitrag von
H.H. Schröder untersucht.
Politik in Russland ist stark personalisiert Kennzeichnend für den politischadministrativen Prozess ist ein hohes Maß an Personalisierung. Sie umfasst mehrere Aspekte:
Durch Herrschafts- und Wirtschaftsinteressen und z. T. persönlich verbundene kleine Elitegruppen bestimmen also die Politik in den Zentren der Macht, in Moskau wie in den Regionen. Parteien, Interessenverbände und Bürger sind weitgehend ohne Einfluss. Demokratische Verfahren und Wahlen werden von den Mächtigen instrumentalisiert und verleihen ihnen nur eine begrenzte demokratische Legitimität, wenn man die Praxis ihrer Machtausübung kritisch betrachtet. Grenzen der Präsidialmacht: Akteure, Strukturen und kulturelle Defizite Wir haben gesehen, welche formellen und informellen Strukturen
und Mechanismen dem Präsidenten eine besondere Machtfülle
verleihen. Der weithin geringe Grad an Verrechtlichung und
Institutionalisierung in politischadministrativen Entscheidungsprozessen
erschwert eine demokratische Kontrolle. Und dennoch: es
gibt strukturelle Grenzen seiner Macht. Nicht im Sinne jener
checks and balances, wie sie das Präsidialsystem
der USA bereits in der Verfassung vorsieht und eine kritische
Medien und Bürgergesellschaft realisiert. In Russland
handelt es sich vielmehr um faktische, vielfach nicht
demokratisch legitimierte Gegengewichte und kulturelle
"Hemmnisse" für die Durchsetzung präsidialer
Politik. Demokratische Kräfte gegen den Neo-Autoritarismus? Je nachdem, wie man ein halb volles Glas betrachtet, wird man diese Frage für Russland anders beantworten. Einerseits hat die relative Stärke demokratischer Kräfte und Bestrebungen seit 1986 zu gewichtigen Erfolgen geführt: größere persönliche Freiheiten, Strukturelemente einer pluralistische Demokratie und Ansätze für die Entwicklung einer demokratischen politischen Kultur. Andererseits gilt: Die Schwäche der demokratischen Potenziale begründet zu einem wesentlichen Teil die Stärke der Exekutive, der Bürokratien und Finanzimperien, die eine Modernisierungspolitik unter überwiegend autoritären politischen Vorzeichen verfolgen. Zu den klassischen Kontrolleuren der Exekutive zählt in der liberalen Demokratie das Parlament, in Russland also die Duma. Doch, wie wir gesehen haben, ist bereits ihre verfassungsmäßige Stellung relativ schwach. Es gibt kaum parlamentarische Traditionen. Die Abgeordneten haben oft wenig Erfahrung, zu wenige sind Juristen bzw. geübt im Formulieren von Gesetzen, ihre Ausstattung und die wissenschaftlichen Dienste sind unzureichend für die Komplexität der Materien. Die Qualität der Gesetzgebung und der Debatten lässt bis heute oft zu wünschen übrig. Zahlreiche wichtige Gesetzesvorhaben wurden nur zögerlich behandelt oder blockiert. Lobbyarbeit, das Interesse an Posten und Privilegien, taktische Manöver und undurchsichtige Allianzen, Fraktionswechsel und "Vereinnahmung" durch den Präsidenten und seine Administration haben Einfluss und Ansehen des Parlaments bisher nicht sehr groß werden lassen. All dies wandelte sich in der zweiten Amtszeit von Jelzin ansatzweise zum Besseren. Die Duma wurde seit 1996 etwas gestärkt, weil der Präsident den Konsens suchte und die Kommunisten selektiv und durch Konsultationen an der Regierung beteiligte. Auch leistete die Duma im Frühjahr 1998 offenen Widerstand, als sie die (Wieder-)Ernennung von Viktor Tschernomyrdin als Ministerpräsident blockierte. Doch stimmte sie jeweils zu, als 1998/1999 der Präsident die Premiers mehrfach auswechselte. Eine beachtliche demokratische Opposition, trotz Schwäche der Parteien Mein anderer Beitrag in diesem Band versucht deutlich
zu machen, dass auch die politischen Parteien und Bewegungen
politisch und organisatorisch insgesamt zu schwach sind,
um innerhalb oder außerhalb des Parlaments eine wirksame
Opposition gegen die Übermacht der Exekutive zu bilden.
Die stärkste Oppostionsformation sind die stark nationalistisch
eingefärbten Kommunisten und ihre Verbündeten,
nicht die "Demokraten" oder "liberalen Reformer".
Auch ist das Politikverständnis organisierter Gruppen
teilweise noch wenig konfliktorisch orientiert; weithin
dominiert die Suche nach Beteiligung an der Macht gegenüber
Kritik und Kontrolle. Eine Kontrolle durch die Medien? Alle Medien stehen nach wie vor unter staatlicher Generalaufsicht
und bedürfen der Lizenzierung. Mit Ausnahme der privaten,
die sich meist in der Hand von "Oligarchen" befinden,
sind viele von ihnen, insbesondere auch die Printmedien,
von staatlichen Subventionen mindestens teilweise abhängig.
So können sie direkt oder indirekt von der Exekutive
kontrolliert werden. Während es in Moskau, St. Petersburg
und einzelnen "ReformRegionen" noch eine relative Vielfalt
in der Medienlandschaft gibt, ist es in den meisten anderen
Regionen schlecht um die Pressefreiheit bestellt. Die Medien
werden meist politisch instrumentalisiert und dienen den
politischen und wirtschaftlichen Interessen ihrer Eigentümer
bzw. Kontrolleure. Nachrichten und Kommentare werden nicht
strikt getrennt, die Information ist z. T. einseitig und
oberflächlich. Auf dem Weg zu einer demokratischen politischen Kultur? Politik und politisches System in Russland sind nicht
zu verstehen, ohne wenigstens einen kurzen Blick auf die
politische Kultur des Landes zu werfen. Politische Kultur
bezeichnet hier die subjektive Dimension der Poitik, ds
heißt: die politischen Wertorientierungen, Einstellungen
und Verhaltensweisen der Bevölkerung, ihre Erfahrungen
und ihr Umgang mit Politik. Dabei ist zu beachten, dass
die politische Kultur eines Landes vielfältig determiniert,
wandelbar und in sich uneinheitlich ist (z. B. nach Altersgruppen,
Bildungsniveau, Regionen, Stadt/Land). Zwar sind in Russland
starke Traditionen aus vorsozialistischer und sowjetischer
Zeit wirksam. Aber es gibt keinen historisch determinierten,
fast unwandelbaren "Nationalcharakter", wie selbst
viele Russen meinen, die dabei oft Selbst und Fremdstereotypen
folgen und "Mythen" schaffen. Auch gibt es im letzten
Jahrzehnt widersprüchliche Befunde und gegenläufige
Tendenzen, die es erschweren, ein einheitliches Bild der
politischen Kultur des Landes zu zeichnen. Orientierung an den Leistungen des politischen Systems Dies sind die Hauptforderungen an die Politik und die Mächtigen: Wohlstand oder besser gesagt: keine Armut, regelmäßige Lohnzahlungen und ein angemessener (für westliche Verhältnisse meist bescheidener) Lebensstandard; Sicherheit und Ordnung durch einen starken, aber nicht repressiven Staat; eine Perspektive für die eigene Zukunft und die der Kinder; die Wiederherstellung der Würde und Größe der Nation. Dabei ist es für die Mehrzahl wichtiger, "gut regiert zu werden" als "von unten effektiv mitzubestimmen". Oder abstrakter: Die sichtbaren Leistungen des Systems zählen mehr als demokratische Partizipationschancen (output- vor input-Orientierung). Es gibt keine Tradition, kaum positive Erfahrungen und daher auch nur einen schwachen Glauben an Sinn und Effizienz bürgerschaftlicher Partizipation, kollektiver Selbstorganisation oder öffentlichen Protests. Es dominieren vielmehr noch immer hohe Erwartungen an einen paternalistischen Wohlfahrtsstaat, der für soziale Sicherheit und das Auskommen aller, für sichere Arbeitsplätze, Bildung, Wohnung und Gesundheit sorgen soll (Jüngste Umfragen zu Einstellungen gegenüber Reformen, Wirtschaft, politischen Institutionen und Wertorientierungen in: Franzen/ Haarland/Niessen 2000). Die Hoffnung auf einen starken Staat, eine starke Führung geht einher mit einem ausgeprägten Patriotismus, der sich bei etwa einem Fünftel der Wähler zu ausgeprägtem Nationalismus steigert. Dies ist auf dem Hintergrund historischer Erfahrungen und jüngst des Niedergangs des Sowjetimperiums zu sehen, den viele als Abstieg, ja als Demütigung erlebt haben. In sie mischen sich auch Kritik und Ressentiment gegenüber "dem Westen", der es darauf anlege, Russland "klein zu halten". Auf diesem Hintergrund wird leicht verständlich, warum ein Mann wie Putin, mit seiner Person und seiner Programmatik eine Mehrzahl der Wähler erfolgreich ansprechen konnte und bis heute breite Unterstützung genießt. Andererseits verstärkte Orientierung an individualistischen Werten Doch würde man den Russen heute Unrecht tun, wenn man sie so einseitig (und mit manch historischem Stereotyp unterlegt) als Untertanen darstellt, die nur am eigenen materiellen Wohlergehen interessiert sind, aber sonst irrational auf den "guten Zaren" hoffen. Es gibt durchaus eine breite Wertschätzung für die neu gewonnenen individuellen Freiheiten, die eine Mehrzahl inzwischen für ebenso wichtig hält wie Wohlstand und Gleichheit. Dieses Freiheitsverständnis bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Kollektivorientierung und neuem Individualismus, einem ausgeprägten Sinn für "Gemeinschaftlichkeit" (bis hin zu seiner moralisch spirituellen Überhöhung z. B. im Begriff der sobornost) und der cleveren Suche nach dem eigenen Vorteil, von privater Solidarität mit den Nächsten (besonders in der Familie und unter Freunden) und distanziertem Desinteresse im öffentlichen Bereich. Doch ist auch unübersehbar, dass sich in Arbeit und Beruf, zumal in der privaten Wirtschaft und im Dienstleistungsbereich, die Werte und Einstellungen nachhaltig zu ändern beginnen. Zunehmend werden Leistung, Effizienz, gute Bildung, Karriere, sichtbarer Erfolg und auch legaler unternehmerischer Gewinn als Maßstäbe des Handelns anerkannt. Zwar sind die Regeln der Statuszuweisung ("wer bekommt was aufgrund welcher Leistung?") vielfach noch immer unklar und manche Resultate zweifelhaft. Doch neben aller Kritik an den enormen sozialen Unterschieden zwischen arm und reich und der kriminellen Selbstbereicherung in Staat und Wirtschaft werden soziale Differenzierungen aufgrund von Qualifikation und Leistung immer stärker akzeptiert. Das Demokratie-Verständnis an den Werten Sicherheit, Stabilität und sozialer Gerechtigkeit orientiert Das allgemeine Demokratieverständnis lässt
sich als sozialpaternalistisch charakterisieren und orientiert
sich stark an den Werten Sicherheit, Stabilität und
soziale Gerechtigkeit. Auch ist es eher konfliktfeindlich:
der Sinn für die zentrale Rolle von demokratischen
Institutionen, Regeln und Verfahren für einen konstruktiven
Konfliktaustrag, für die Akzeptanz von Entscheidungen
und das Befolgen von Rechtsvorschriften wächst erst
langsam. Das weit verbreitete Bedürfnis nach Einheit
und Harmonie, nach Stärke und Abgrenzung gegenüber
inneren und äußeren "Feinden" erschwert
als Erbe der Vergangenheit eine breite Akzeptanz demokratischer
Prinzipien wie Pluralismus, Toleranz und Kompromiss in Theorie
und Praxis. Eine Mehrzahl glaubt noch immer an die "richtigen"
Problemlösungen und Direktiven "von oben" und
kann oder will noch nicht eigene Verantwortung übernehmen.
Es bleibt ein Paradox der politischen Kultur in Russland,
dass viele Menschen ebensoviel Hoffnung in das positive
Wirken eines starken Staates haben, aber zugleich den meisten
öffentlichen Institutionen misstrauen. Man will Ordnung
und entzieht sich doch gern der Staatsmacht und Auflagen
"von oben". Das geht einher mit stark moralischen Bewertungen
und einer personalisierenden Sicht des Politischen. Doch
die öffentliche Moral ließ in den letzten Jahren
zu wünschen übrig, Enttäuschungen förderten
Zynismus und Ratlosigkeit. Wladimir Putin - Hoffnungsträger für ein demokratisches Russland? Putin war im März 2000 der einzige Kandidat, auf
den sich eine breite Mehrheit der Wähler einlassen
wollte. Als Präsident tritt er ein außerordentlich
schweres Erbe an. Ihm begegnet ein solches Arsenal struktureller
Probleme und gewaltiger Hindernisse für jede Form der
Stabilisierung und Modernisierung des Landes und die baldige
Verbesserung des Lebensstandards der Bürger, dass er
einfach Zeit braucht und erst einmal die Ressourcen mobilisieren
muss für effiziente Reformen, bevor sich sichtbare
Erfolge abzeichnen - vielleicht mehr Zeit, als er hat bzw.
ihm die Bürger zubilligen mögen. Seit Mitte/Ende
1999 gibt es vielfältige Anzeichen einer langsamen
Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, vor allem dank der
seit Mitte 1999 gestiegenen Preis für Erdöl und
Erdgas, der Abwertung des Rubels im Laufe der Bankenkrise
im Frühherbst 1998 und der langsamen Wiederankurbelung
der Inlandsproduktion. Löhne und Gehälter werden
seit Anfang 2000 wieder regelmäßig ausgezahlt
(eine große Erleichterung für die Masse der Bürger),
selektive Lohnerhöhungen sind in Aussicht genommen.
Doch noch immer gibt es kein umfassendes, in einem breiten
Konsens verabschiedetes und erfolgversprechendes Konzept
für durchgreifende Wirtschaftsreformen, geschweige
denn entschiedene Schritte dazu (mit gewissen Ausnahmen
in der Steuerpolitik und bei der Reform bzw. beim Abbau
der Streitkräfte). Andererseits mehren sich im politischen
Bereich die Anzeichen dafür, dass Russland eher seinen
Weg des Neo-Autoritarismus fortsetzt, als dass die gegenwärtige
Führung eine durchgreifende Demokratisierung ernsthaft
anstrebt oder gar praktisch realisiert. Nennen wir die wichtigsten:
Eine Politik der Stabilisierung und Modernisierung, aber nicht der Demokratisierung Alle Präsidenten und Parteien nehmen auf sehr unterschiedliche
und z. T. gegensätzliche Weise für sich in Anspruch,
"der Demokratie" zu dienen. Doch was für Jelzin
galt, je länger er im Amt war, scheint nun auch für
Putin zu gelten: Beide sind nicht wirklich interessiert
an einer Demokratisierung von Staat und Gesellschaft, am
Abbau autoritärer Strukturen und Verhaltensweisen,
an der Durchsetzung der Menschenrechte in allen Bereichen
der Gesellschaft. Sie hätten sonst Kritik und lebendige
Diskussion in den Medien wie in allen Bereichen der Öffentlichkeit,
bürgerschaftliches Engagement in Nicht-Regierungsorganisationen
(NGO's) und Parteien, die politische Bildung, Mündigkeit
und Urteilsfähigkeit in den Schulen und Hochschulen
ebenso stärken können wie die Mitbestimmung am
Arbeitsplatz und den Aufbau einer vom Staat unabhängigen
Bürger oder Zivilgesellschaft. Literaturhinweise Aktuelle Analysen und Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOST), (http://www.biost.de/biopubl.htm). BIOST (2000) (Hrsg.): Russland in Europa. Innere Entwicklungen - Internationale Beziehungen, Böhlau Verlag, Köln. Bonavita, Petra (1999): Russland im Griff der Mafia : Paten, Bürokraten, Bisnessmeni. Heilbronn. Bos, Ellen/Mommsen Margareta/Steinsdorff, Silvia von (Hrsg.): Das russische Parlament. Leske und Budrich, (erscheint 2001). Brown, Archie (2000): Der Gorbatschow-Faktor: Wandel einer Weltmacht, Insel Verlag, Frankfurt/Main. Eichwede, Wolfgang (Hrsg.) (1998): Das neue Russland in Politik und Kultur, Bremen, Edition Temmen, Bremen Ennker, Benno (1996): Historisch blockierte Demokratisierungschancen?, in: Bürger im Staat, 46. Jahrgang, Heft 2, S. 94-103. Gnauck, Gerhard/Harms, Michael (1997): Das Parteiensystem Rußlands. In: Segert, Dieter/Stöss, Richard/ Niemeyer, Oskar: Parteiensysteme in postkommunistischen Gesellschaften Osteuropas. Opladen, Westdeutscher Verlag, S. 285-339. Koryushkin, Alexander/Meyer, Gerd (1999): Communitarianism, Liberalism and the Quest for Democracy in Postcommunist Societies. St. Petersburg University Press. St. Petersburg. Kropp, Sabine (1995): Systemreform und lokale Politik in Russland, Opladen. Landeszentrale für politische Bildung BadenWürttemberg (Hrsg.): Russland. Der Bürger im Staat. Heft 2, 46. Jahrgang 1996. Levada, Juri (1997): Die Sowjetmenschen 1989-1991. Soziogramm eines Zerfalls, dtv, München. Levada, Juri (2001): Tshelovek sowjetskij desjaty let spustja: 1989-1999 (Der Sowjetmensch - zehn Jahre später: 1989-1999), http://www.polit.ru/documents/ 393366.html am 17. 1. 2001. Luchterhandt, Galina (1998): Parteien in der russischen Provinz. Politische Entwicklung in den Gebieten des Ural und der Wolgaregion. Bremen: Temmen. Luchterhandt, Galina (2000): Politische Parteien in Rußland, Edition Temmen, Bremen. Meyer, Gerd (1999): Kleine Lebenswelten im Sozialismus - ein ambivalentes Erbe für die politischen Kulturen in Ostmitteleuropa. In: Merkel, Wolfgang / Busch, Andreas (Hrsg.): Demokratie in Ost und West. Suhrkamp, Frankfurt am Main. Meyer, Gerd (1977): Bürokratischer Sozialismus. Eine Analyse des sowjetischen Herrschaftssystems. (Reihe problemata Bd. 65) Verlag Frommann Holzboog Stuttgart. Mommsen, Margareta (1996): Wohin treibt Rußland?: Eine Großmacht zwischen Anarchie und Demokratie, Beck, München. Riese, Michaela/Riese, HansPeter (1997): Moskauer Machtspiele. Aufbau, Berlin. Sakwa, Richard (1996): Russian Politics and Society. Routledge, London. Schneider, Eberhard (1997): Die Formierung der neuen rußländischen politischen Elite. Berichte des BIOST, 1997/51. Schneider, Eberhard (1999): Das politische System der Russischen Föderation. Eine Einführung. Opladen - Westdeutscher Verlag. Schrötter, Dieter von: Parteien und politische Bewegungen im nachsowjetischen Rußland. Erscheint demnächst in: Eith, Ulrich/Mielke, Gerd (Hg.): Gesellschaftliche Konflikte und Parteiensystem. Länder und Regionalstudien 2001, Opladen: Westdeutscher Verlag. Stöss, Richard/Segert, Dieter (1997): Entstehung, Struktur und Entwicklung von Parteiensystemen in Osteuropa nach 1989 - Eine Bilanz. In: Segert, Dieter/Stöss, Richard/ Niedermeyer, Oskar (Hg.): Parteiensysteme in postkommunistischen Gesellschaften Osteuropas, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 379-428. Tismaneanu, Vladimir (Ed.)(1995): Political Culture and Civil Soiety in Russia and the New States of Eurasia. M.E. Sharpe, England/New York. Trautmann, Ljuba (1995): Russland zwischen Diktatur nd Demokratie, BadenBaden. Tschinarichina, Galina (1999): Die russische Parteienlandschaft verändert sich. In: Wostok 44. 1999-4. SS.52-55. White, Stephen/Batt; Judy/Lewis, Paul G. (Hrsg.) (1997): Developments in Russian Politics. Basingstoke. White, Stephen/Rose, Richard/MacAllister, Ian (1997): How Russia Votes .Chatham, NJ Chatham House Publ. Wyman, M./White, S./Oates, S. (1998) (Hrsg.): Elections and Voters in Postcommunist Russia (Studies of Communism in Transition). Cheltenham.
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Im Jahr 2000 lief die Konjunktur der mittel- und osteuropäischen Reformländer ganz ordentlich: Alle Volkswirtschaften wuchsen, keine schrumpfte. Es gab weder Währungs- noch eine Bankenkrise, und alle konnten den Ölpreis-Schock einigermaßen gut auffangen. Dazu stärkte die gute Konjunktur in den USA und in Europa die Exportgeschäfte. Und doch: Nur vier Länder haben nach dem Zusammenbruch der alten Zentralverwaltungswirtschaft die Wirtschaftskraft von 1990 wieder erreicht oder übertroffen. Alle anderen liegen unter dem Niveau von 1990. Als Musterland steht Polen da. Nur zwei Jahre schwere Rezession - 1990 und 1991 - standen am Anfang des Reformprozesses, seitdem wuchs die polnische Wirtschaft zwischen drei und sieben Prozent pro Jahr. Heute liegt die Wirtschaftskraft um 43 Prozent über der von 1990. Ganz anders dagegen Russland. Im vergangenen Jahrzehnt gab es nur drei Jahre Wachstum, aber acht Jahre mit teils schwerstem Rückgang der Wirtschaftskraft. Daher liegt Russlands Wirtschaftsleistung heute bei 64 Prozent der Leistung von 1990. Globus
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