Zeitschrift

Russland unter Putin

Das gescheiterte atheistische Experiment

Religion in Russland



 

Inhaltsverzeichnis

 

Religiosität und Religionsgemeinschaft in Russland zwölf Jahre nach Zusammenbruch des Kommunismus

Von Sergej Filatow 

Dr. Sergej Filatow ist Direktor des Soziologischen Zentrums bei der Moskauer Stiftung für Gesellschaftswissenschaft und Leiter des internationalen Großprojekts für Religionssoziologie.

Nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus spielen Religion und Religionsgemeinschaften in Russland wieder in erheblichem Maße eine Rolle. Insbesondere die Russisch-Orthodoxe Kirche wird als Kern der russischen Kultur und als Identitätssymbol empfunden. Die Staatsmacht förderte sie, in der Hoffnung, dadurch Ansehen zu gewinnen. In anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion mit anderen Religionen, insbesondere Islam und Buddhismus, war es nicht anders, in dem sich die nationale Wiedergeburt mit der Rückkehr zur angestammten Religion verband. In deutlichem Kontrast dazu stehen religiöses Wissen und vor allem die Praktizierung von Religiosität. Nach wie vor ist es eine kleine Minderheit, die sich kirchlich gebunden fühlt. Das ideologische Vakuum, das der Kommunismus hinterlassen hatte, schien für andere Konfessionen sowie für alle nur denkbaren Sekten und obskuren Kulte ein gefundenes Fressen. Doch dauerhaften Erfolg hatten nur protestantische Gruppen und Seiten aus ihrem Umfeld - sehr zum Missfallen russisch-orthodoxer Kreise, die zusammen mit Nationalisten die Glaubensfreiheit zu beschränken suchten. Nach wie vor offen ist in Russland, welchen Beitrag die Religion zum Aufbau der Demokratie und einer Zivilgesellschaft leisten wird.      Red.

Was blieb an Religiosität nach 74 Jahren Sowjetmacht?

Die zurückliegenden 74 Jahre der Sowjetmacht stellen ein bisher einmaliges soziales Experiment zur totalen Vernichtung der Religion dar.
1988, als die Bevölkerung der UdSSR die religiöse Freiheit erhielt, hatten mehrere Generationen der sowjetischen Menschen in ihrer überwiegenden Mehrheit keinerlei Beziehungen zu den institutionellen Kirchenorganisationen und waren mit Glaubenslehren nur minimal vertraut. Das auf einen Mindeststand reduzierte institutionalisierte religiöse Leben begrenzte sich für jene, die sich daran beteiligten, auf gelegentliche Besuche der Gottesdienste. Da es im Lande keine Predigten, religiöse Literatur, kein Gemeindeleben gab, waren diese Besuche nicht im Stande, ein vollwertiges religiöses Gefühl auch bei einer kleinen Anzahl der Gläubigen aufrechtzuerhalten. Verschiedene Befragungen, die Ende der 70er bzw. Anfang der 80erJahre durchgeführt wurden, zeigten, dass nur 5 bis 10 Prozent der Befragten "an Gott glauben", wobei es sich vornehmlich um Senioren handelte. Aber auch diese wenigen Gläubigen hatten eine verschwommene Vorstellung vom Glauben.
In einer Situation, in der die Zensur wirkte, die kirchliche und überhaupt religiöse Tradition praktisch vollständig aufgeweicht wurde, die ganzheitliche religiöse Weltanschauung verschwunden war, verbreiteten sich in der Gesellschaft spontan primitivierte religiöse Ideologeme und Konfessionen unterschiedlichsten Ursprungs. Die Fragmente des Christentums, der Orthodoxie waren nur ein Teil dieser Brownschen Bewegung der religiösen Gedanken, wobei das Christentum selbst wie auch die Religion überhaupt nicht als lebenspendende Verbindung mit Gott, sondern eher als eine spezifische Form der Ideologie und Kultur (wie dies auch in den Bildungseinrichtungen beigebracht wurde) aufgefasst wurden. Wenn die Bolschewiken den Sieg des Marxismus-Leninismus in der Mentalität der Menschen für alle Zeiten auch nicht erreicht haben (wie dies die Ereignisse 1988-1991 nachgewiesen haben), so war die Bekämpfung der Religion trotzdem erfolgreicher: Beim Zusammenbruch des Kommunismus war Russland bei der Säkularisierung am weitesten vorangekommen.
Nach der erlangten religiösen Freiheit stand Russland am Kreuzweg der religiösen Entscheidung. Es war unmöglich, in Bezug auf andere Länder die religiöse Entwicklung unseres Landes vorherzusagen, denn kein einziges Land erlebte diese Situation. Damals, am Ausgang der 80erJahre, wurden mit Angst und Hoffnung unterschiedlichste Zukunftsprognosen geäußert.
Als grundsätzlich wichtig galten damals für das Land (gelten aber auch jetzt) vor allem die tieferliegenden Probleme:

  • Wird sich der religiöse Charakter der gegenwärtigen Gesellschaft, die zwangsweise säkularisiert wurde, massenhaft wieder aktivieren und wenn ja, was verbleibt in diesem religiösen Charakter von der bisherigen Säkularisierung?
  • Wird sich die traditionelle Religion des russischen Volkes - die Orthodoxie - als Religion der überwiegenden Mehrheit wiederherstellen? Werden sich entsprechend die nationalen Religionen - der Islam, der Buddhismus, die animistischen Religionen - der nationalen Minderheiten wiederherstellen?
  • Welche Konfessionen, die für Russland neu sind, werden sich besonders erfolgreich durchsetzen?
  • Wird sich in Russland eine Staatsreligion etablieren, und wenn ja, inwieweit wird die Gewissensfreiheit eingehalten?
  • Welche soziale und politische Rolle wird die Religion spielen?

Die zurückliegenden zwölf Jahre zeigten die wichtigsten Trends und Richtungen, in denen sich das religiöse Leben in Russland entwickelte. In diesem Artikel wird versucht, die wichtigsten Merkmale dieser Entwicklung zu analysieren.

Eine Phase ungeheurer religiöser Vielfalt . . .

In der Gorbatschowschen Perestroika wurde die Religion sofort nach deren Befreiung aus der kommunistischen Gefangenschaft (in der Öffentlichkeit und in der Haltung der Behörden) ohne jegliche Konfessionsunterschiede " rehabilitiert". Gleichzeitig mit dem allgemeinen Jubel über 1000 Jahre Christianisierung Russlands und der massenhaften Eröffnung der orthodoxen Kirchen und Klöster entwickelte sich ausbruchsartig das Interesse für den Katholizismus und Protestantismus (westliche Missionare lösten nie - vorher oder nachher - solche Sympathien aus), den Buddhismus und Hinduismus. Praktisch alle neuen Kirchen, Denominationen, "Kulte" und " neue Konfessionen" (sowohl ausländischen Ursprungs als auch solche, die direkt in Russland entstanden), die heute im Lande existieren, entstanden eben in dieser Zeit der uferlosen Interessen und Sympathien für das "Geistliche". Nach 1992 wurden in die Nachschlagbücher über die religiösen Organisationen Russlands praktisch keine "Neuen" mehr eingetragen.
Die wahllose Akzeptanz der religiösen Vielfalt war jedoch zeitlich kurz bemessen. Bereits 1991-1992 trat eine grundsätzliche Wende in der religiösen Ausrichtung der russischen Menschen ein. Diese Wende stellte hierbei lediglich einen Teil der weltanschaulichen Umorientierung der russischen Öffentlichkeit dar, wobei die neue Einstellung zur Religion auch nur ein Teil dieser Umorientierung war. Die westlich orientierte "demokratische" und marktbezogene Euphorie und die Erwartungen, dass die neu aufgefasste "lichte Zukunft" schnell und schmerzlos eintreten wird, wurden durch Enttäuschung und Apathie abgelöst. Zahlreiche Befragungen zeigten, dass bis Mitte 1991 mindestens 66 Prozent der Bevölkerung den Standpunkt vertraten, dass Russland den Westen zum Vorbild nehmen und ihn in jeder Hinsicht nachahmen muss; 1992 glaubte jedoch die gleiche überwiegende Mehrheit, dass Russland seinen eigenen Weg gehen muss, eine grundsätzlich andere Zivilisation darstellt und der Westen für unser Land kein Musterbeispiel ist.

. . . wurde abgelöst durch die Rückkehr zur Orthodoxie

Gleichzeitig beginnt die Orthodoxie, als Kulturkern und Symbol für die nationale Identität, ganz besonders an Bedeutung zu gewinnen. In dieser Zeit erhöht sich ständig bis zum Jahr 2000 hin die Zahl der Befragten, die sich orthodoxe Christen nennen (dieser Prozentsatz wird in einzelnen soziologischen Forschungen mit 82 % angegeben)1. Im Laufe der 90erJahre ist die Russische Christlich-Orthodoxe Kirche eine Institution, der das größte Vertrauen und Respekt entgegengebracht werden. Mit dem wachsenden Ansehen der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) erhöht sich die Anzahl ihrer Gemeinden. Die Zahl der registrierten ROK-Gemeinden erhöhte sich 1990-2000 von 3451 auf 9200. Eröffnet werden die Kirchen, die von den Behörden zurückgegeben wurden. Gebaut werden neue Kirchen. Die Diözesenzahl erhöhte sich in Russland von 38 auf 71.
Neben den Wandlungen im öffentlichen Bewusstsein veränderte sich die Politik gegenüber der Religion. Ab 1992 wurde die geltende Rechtslage verletzt. 1997 funktionierten die Föderationsgesetze über die Gewissensfreiheit, laut denen die Kirche vom Staat getrennt ist, in ihren wichtigsten, grundsätzlichen Bestimmungen im Wesen nicht mehr - es gab keine Trennung der Kirche vom Staat oder der Schule von der Kirche; es gab schon spezielle Staatsorgane (die gesetzlich verboten sind), die sich mit der Religion befassten (allerdings lediglich in Regionen); die Kirche wurde in den Bildungseinrichtungen zugelassen, die als orthodoxe Gymnasien oder als Fakultativunterricht, als Lehrgänge der "orthodoxen Kultur" und in anderen Formen existierten. Das Moskauer Patriarchat schloss Verträge über die Zusammenarbeit mit Ministerien, die ihm umfangreiche Möglichkeiten boten, in Armee, Polizei und einigen staatlichen Einrichtungen präsent zu sein. Der akute Finanzbedarf der Kirche, der vornehmlich mit der Restaurierung und dem Bau ihrer Bauanlagen zusammenhängt, konnte nur durch den Staat gedeckt werden, obwohl dies auch dem Gesetz zuwiderlief. Diese Gelder wurden zunächst einmal zaghaft und dann immer offener und in zunehmenden Beträgen zur Verfügung gestellt. Einerseits werden sie, wie z. B. in Nishni Nowgorod, Kemerowo oder Syktywkar, aus dem örtlichen Haushalt bereitgestellt; andererseits werden sie von den Unternehmen unter direktem Druck der Behörden, z. B. in Moskau, Tula oder Orel, vergeben.
Der Staat setzt somit Fakten, um dem Moskauer Patriarchat mehr Rechte und Vorrechte zu gewähren und den offiziellen Status der Kirche aufzuwerten, wobei er die Gesetzgebung nicht verändert, sondern verletzt.
Der Staat wurde in gewissem Maße in dieser Hinsicht zur Geisel der Öffentlichkeit. Die Orthodoxie wird für die Mehrheit der Bevölkerung Russlands zum nationalen Kultursymbol: Die Menschen freuen sich über die Wiederherstellung der Kirchen und Klöster, Volksfeste und Traditionen. Der Staat folgt nicht nur dieser Geisteshaltung. Er fördert sie und versucht, sie andererseits als eine Stütze zu nutzen. In Russland besteht nämlich ein derart niedriges Vertrauen gegenüber der Staatsmacht, das vermutlich nirgendwo anders so ist. Daher bemüht sie sich, alle Möglichkeiten zur Aufbesserung ihres Ansehens wahrzunehmen. Die Kirche ist hierfür sehr gut geeignet.


Ein Symbol für Russland
stellt die Russisch-Orthodoxe Kirche dar, als Religionsgemeinschaft wie als Bauwerk mit seinem unverwechselbaren Kirchtürmen. Das Bild zeigt das Kloster in Sergijew Posad, in sowjetischer Zeit in Sagorsk umbenannt. Foto: Wehling. 

Doch immer noch praktiziert nur eine kleine Minderheit

Das oben Dargelegte sollte auf den ersten Blick eigentlich deutlich machen, dass sich in Russland eine starke und zuversichtliche Wiederbelebung des christlich-orthodoxen Glaubens vollzogen hat. Das stimmt jedoch nicht ganz. Die soziologischen Befragungen weisen aus, dass sich am Gottesdienst mindestens einmal im Monat 6 bis 7 % russische Menschen beteiligen, wobei dieser Kennwert in den 90erJahren unverändert stabil bleibt. Es gibt gewichtigen Grund zur Annahme, dass auch diese Zahl im Vergleich zum Realwert zu hoch angesetzt ist. Laut Innenministerium in Moskau beteiligten sich 1999 m Gottesdienst zu Weihnachten weniger als 2% der erwachsenen Stadteinwohner,2 obwohl Moskau nach dem Glaubensbekenntnis bei weitem nicht die letzte Stadt ist. Nach den Befragungen zu urteilen, empfingen die heiligen Sakramente weniger als 8 % der Russen. Die Angaben über die Einstellung zu den wichtigsten christlichorthodoxen Glaubenssätzen geben kaum Anlass zu Hoffnung. An die Existenz des lebenden Gottes glaubten 1999 laut den Befragungen 18 %, ans Leben im Jenseits bis 24 % und an die Wiederauferstehung nach dem Ableben bis 10 %.
Die Säkularisierung schreitet siegreich durch die ganze Welt. Russland ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Trotzdem gibt es auch spezifische russische Gründe dafür, dass das formell deklarierte und zunehmende Bekenntnis zur Orthodoxie kein Wachstum der realen Religiösität bewirkt. Die Orthodoxie (nicht als ideologisches Bekenntnis, sondern als realer Glaube) bedeutet für die überwiegende Mehrheit der russischen Bürger einen Glauben, der die "nichttraditionelle Religiösität", den Okkultismus, die Astrologie, Fragmente der orientalischen Religionen, den Glauben an die Seelenwanderung, Wunderheilung und paranormale Erscheinungen überlagert. Das Wiederbekenntnis zur Orthodoxie ist vor allem ein Ergebnis der natürlichen und spontanen Restaurierungsevolution des Massenbewussteins. Die Interpretation der Religion erfolgt im Begriffskontext der weltlichen Kultur - Massenmedien, schöngeistigen Literatur, Filme, politischen Propaganda. Daher ist es kein Zufall, dass die Menschen auf die Frage "Was ist die Religion in Ihrem Verständnis?" wie folgt antworten: Kultur, Treue zu den nationalen Traditionen. Nur einer von zehn Befragten sagt: "Meine persönliche Rettung", "Beziehungen des Menschen zum Gott".

Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat im Grunde die religionsfremde Aufnahme der Religion gefördert

Die Russische-Orthodoxe Kirche fördert eigentlich in den letzten 12 Jahren im Wesen selbst die religionsfremde Aufnahme der Religion. Patriarch Alexi II., andere Hierarchiemitglieder, führende Geistliche verweisen die Gesellschaft sehr häufig auf die Notwendigkeit, die nationalen Traditionen zu pflegen, auf den unvergänglichen Wert der nationalen orthodoxen Kultur, den Patriotismus und den Zusammenhalt. Hinter dieser kulturpolitischen Rhetorik verlieren sich die Worte über den Glauben, die Erlösung, den leidenden, liebenden, gekreuzigten und wiederauferstandenen Gott und gelangen nicht an die Hörer (die zudem noch entsprechend nicht vorbereitet sind, um sie aufzunehmen). Die Kirche selbst fördert die Einstellung zur Orthodoxie nicht wie zum lebenspendenden Glauben, sondern wie zu einer Form der Kultur und Ideologie. Daher ist es kein Wunder, dass die Zahl der praktizierenden Gläubigen wie auch der Glaube an die wichtigsten Dogmen der Orthodoxie nicht zunehmen. Die Befragungen weisen aus, dass die "Gläubigen" und "Orthodoxen" vielmehr an Seelenwanderung, Astrologie und übersinnliche Kräfte zunehmend glauben.
Analog zu den Beziehungen des russischen Volkes zu seiner "nationalen" Kirche entwickeln sich auch die Beziehungen der nationalen Minderheiten, die sich traditionell nicht zur Orthodoxie, sondern zu anderen Konfessionen bekennen. Nach 1991 richteten sich die Menschen bei der Suche nach ihrer Identität an den ethnischen Quellen aus. Im Unterschied zu den Russen, deren Nationalismus sich schleppend und faul entwickelte, erlebten andere Völker Russlands einen Ausbruch der "nationalen Wiedergeburt".

Die "nationale Wiedergeburt" auch bei den anderen Ethnien

Die Ideologien der "nationalen Wiedergeburt" erfassten alle Ethnien Russlands, wobei die Religion praktisch für jedes Ethnos eine Komponente seiner nationalen Wiedergeburt darstellte. In vollem Einklang mit dem Vorgehen der Moskauer Zentralmacht unterstützen auch die Organe der russischen Regionen und die Führung der jeweiligen Nationalrepubliken ihre "nationale Religion" und bemühen sich, sich auf sie zu stützen - in Tatarien, Baschkirien, den nordkaukasischen Republiken auf den Islam, in Kalmykien und Tywa auf den Buddhismus. Die soziologischen Beragungen zeigen, dass die niedrige institutionelle Religiösität nicht lediglich für die Russen typisch ist; die soziologische Forschung von Rosalinda Mussina ermittelte z. B. die gleichen 4 % der praktizierenden Gläubigen (in diesem Fall Moslems) unter den Tataren, die Einwohner der Republik Tatarstan sind.3 Die zahlreichen Studien zeigen einen unglaublich eklektischen und wahllos akzeptierenden Charakter des zeitgenössischen religiösen Bewusstseins der meisten, wenn nicht aller Völker Russlands. (Zum besonders konsequenten traditionellen religiösen Bekenntnis muss man feststellen, dass sich dadurch lediglich die Völker Tschetscheniens und Dagestans kennzeichnen; aber auch bei ihnen ist dieses Bekenntnis wesentlich schwächer im Vergleich zum Beispiel zur Religiösität der Türken oder Ägypter ausgeprägt.)

Die "nicht-traditionelle Religiösität"

In den 90erJahren war die "nicht-traditionelle Religiösität" für die russische Öffentlichkeit ein besonders sensibles Thema. Praktisch alle führenden Massenmedien beschäftigen sich mit den schädlichen Tätigkeiten der "totalitären Sekten", vor allem ausländischen Ursprungs. Auf den Föderalwahlen 1995-1996 versprach beinahe jeder zweite Kandidat, Maßnahmen gegen die totalitären Sekten und ausländische Missionare zu treffen. Die ROK-Bischöfe und viele angesehene Vertreter der orthodoxen Geistlichkeit verwiesen ständig auf den Kampf gegen die nicht traditionelle Religiösität und die totalitären Sekten als eines der Hauptanliegen. Nirgendwo im Westen konzentriert sich die Öffentlichkeit so sehr auf dieses Thema.
In religiöser Hinsicht kennzeichnet sich die geistige Situation vor und nach der Perestroika durch eine Erscheinung, die im Westen üblicherweise "nicht-traditionelle Bekenntnisse" genannt wird. Es handelt sich um die Ausbreitung des Okkultismus, Fragmente der orientalischen Bekenntnisse, den Glauben an allerhand Zauberkunst, UFOs, den Schneemenschen und die Seelenwanderung. Vor der Perestroika betrafen diese "informellen Religionen" vornehmlich die Jugend und Intelligenz, d. h. die Schichten, die zum Gären im Bereich der Weltanschauung besonders veranlagt sind. Aber nicht nur sie. In den letzten Jahren geht aus verschiedenen Quellen hervor, dass Vertreter der obersten sowjetischen Nomenklatura Interesse für die "nichttraditionelle Religion" zeigten und Dienstleistungen der Träger übersinnlicher Kräfte bzw. Geistheiler und Astrologen in Anspruch nahmen.
Die "nicht-traditionelle Religiösität" ist weit verbreitet auch im Westen. In Russland bestehen allerdings völlig andere Verhältnisse. Man muss vermerken, dass die Anhänger der Marktreformen in ihrer Mehrheit keine orthodoxen Christen und keine Atheisten, sondern Träger eines amorphen, eklektischen religiösen Bewusstseins waren. Die adogmatischen Menschen, die an gewisse "übersinnliche Kräfte", UFOs, Seelenwanderung, "orientalische Weisheit" und andere Sachen dieser Art glaubten, engagierten ih häufiger als Christen oder Atheisten für den Übergang zur Marktwirtschaft. Das eklektische und adogmatische religiöse Bewusstsein oder sozusagen die religiöse Entropie entwickelte sich parallel zu den wachsenden Marktstimmungen. Die Perestroika hat das strikte ideologische System aufgeweicht und allgemeine weltanschauliche Unbestimmtheit der Gesellschaft - einer Gesellschaft provoziert, die leicht ins "Spiel ohne Regeln" des postsowjetischen Regimes eingetreten ist.

Das ideologische Vakuum als "gefundenes Fressen"

Das ideologische Vakuum und das weltanschauliche Gären stellen naturgemäß einen günstigen Nährboden für Kulte und sogenannte totalitäre Sekten dar. Eben von diesen Überlegungen gingen zweifellos die Spitzenvertreter der einflussreichsten und reichsten Weltkulte aus, die Russland als einen "Leckerbissen" betrachteten. In den ersten Perestroika-Jahren entwickelten sich besonders merklich einige ausländische missionarische Sekten, vor allem die Moon Sekte, Aum Shinrikoe, Sri Chinmoi und Scientologen. Die gesellschaftliche Atmosphäre war für sie Ende der 80er - bzw. Anfang der 90er-Jahre günstig wie nie nachher: Die Religion war rehablitiert, wobei viele sowjetische Menschen - ob der Präsident der UdSSR oder ein einfacher Bürger - bei der allgemeinen Unwissenheit in diesem Bereich zwischen Asachara und Moon einerseits und z. B. dem Römischen Papst, Patriarch Alexi oder Billy Graham andererseits schlecht unterscheiden konnten. Nur während der Perestroika in Russland waren solche Ereignisse wie das Treffen Gorbatschows mit Moon im Kreml im April 1990, die Beteiligung des Sekretärs des Sicherheitsrates O. Lobow an der Führung der Aum-Assoziation der Russisch-Japanischen Universität, die festliche offizielle Eröffnung eines Labors der Scientologen an der führenden Hochschule des Landes - der Moskauer Staatlichen Universität - möglich.
Genauso intensiv lenkten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich auch die authentischen neuen religiösen Bewegungen (NRB), die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entstanden, z. B. das Maria-Zentrum, die Weiße Brüderschaft, die Kirche des Dritten Testaments (Wissarioniten), Radasteja u. a.


Eine Angelegenheit nur für alte Frauen
ist die RussischOrthodoxe Kirche längst nicht mehr. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bekennen sich immer stärker die Menschen zu ihr, auch wenn nur eine Minderheit praktiziert.      Foto: Wehling

 

Doch insgesamt waren die Erfolge bescheiden

Die zurückliegenden Jahre widerlegten jedoch die Vermutung, dass sich Russland in eine Art Reservat der nichttraditionellen religiösen Organisationen verwandeln wird. Sie erreichten Mitte der 90er-Jahre sehr bescheidene Erfolge (laut einem der führenden Spezialisten im Bereich der modernen russischen NRB Marat Sterin 4 hatte keine dieser Bewegungen sogar in ihren besten Zeiten in ihren Reihen mehr als 5000 Mitglieder) und begannen - abgesehen von der Kirche der Zeugen Jehovas - zu stagnieren und ihre Anhänger zu verlieren. Ihre Gesamtzahl ist im Vergleich zum Westen auch bescheiden. Sogar die zu hoch angesetzten Einschätzungen der Missionarischen Abteilung der ROK übersteigen nicht 200, wobei die meisten dieser Organisationen nur einige Zwanzig Mitglieder haben.
Eine bestimmte zurückhaltende Wirkung hatte auf die Verbreitung der NRB auch die Antisektenkampagne, welche mehrere gesellschaftliche und politische Organisationen, ROK und Massenmedien 1994-1999 entfaltet haben. Die Behörden stellen langsam ihre Kontakte zu den Sektierern ein, wobei es 1997 praktisch keine Bildungseinrichtungen mehr gab, zu denen sie zugelassen wurden.
Die Öffentlichkeit, ROK, westliche Missionare und Führer der authentischen Kulte begingen den gleichen Fehler: Sie alle glaubten, dass in Russland "ein geistliches Vakuum" herrscht, das ein begabter Prophet des neuen Glaubens leicht ausfüllen könnte. Die frischgebackenen Kulte erreichen jedoch keinen großen Erfolg. Der ganze " institutionelle Charakter" dieser Religionen besteht im Gerede über sie, im Lesen der okkultistischen Literatur und allenfalls in der Mitgliedschaft in solchen Organisationen, die man nicht als Sekten oder Kulte, sondern eher als Seminare oder Klubs bezeichnen kann. Kennzeichnend ist in dieser Hinsicht die Entstehung der Beratungs- und Informationszentren, die Angaben über die frischgebackenen Gurus, Heiler, Kontaktleute usw. sowie okkultistische Literatur unter den zahlreichen "Religionsfans" im ganzen Land. Die Mitglieder dieser Klubs hören auf den neuen Lehrer, da "sie alle etwas geben". Das größte Koordinierungszentrum dieser Art "Der Weg zu sich" (Moskau), dem Alexandra Jakowlewa, Tochter des bekannten liberalen Journalisten Jegor Jakowlew, vorsteht, arbeitet landesweit mit mehr als 100 Klubs zusammen.

Die Bedeutung von Protestantismus und seinen Sekten

Der religiöse Anspruch entwickelt sich und erweist sich nicht als eine Übergangsphase zur neuen Religion, sondern als ein beständiges System. Damit verwandelt sich der Kampf gegen die "totalitären Sekten" in einen Kampf gegen die Geister. Sie werden auch durch die leichtesten Repressalien auseinandergetrieben und existieren dann nur noch als ein kleines Häuflein. Die Bekenntnisse an sich verschwinden jedoch nicht. Der Kampf des Staates und der Gesellschaft sowie der ROK gegen die Bekenntnisse selbst erweist sich jedoch als ein Krieg gegen den eigenen Schatten, da sie selbst reichlich durch die "nicht-traditionelle Religiösität" angesteckt sind. Russland ist tatsächlich ein Reserat der "nichttraditionellen Religiösität", allerdings keineswegs der nicht-traditionellen religiösen Organisationen oder nicht-traditionellen dogmatischen religiösen Ideologien.
Vor dem Hintergrund einer sehr bescheidenen Wiedergeburt der realen orthodoxen Religiösität (sowie der traditionellen Religiösität der nationalen Minderheiten) und des offensichtlichen Misserfolgs der NRB entwickelte sich in den zurückliegenden zehn Jahren besonders erfolgreich der Protestantismus (und in wesentlich geringerem Maße der Katholizismus 5 ).
Vor der Perestroika war der Protestantismus nur durch einige legal existierende Organisationen vertreten, wobei der Allunionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten, der die Mehrheit der russischen Protestanten vereinigte, und die Kirche der Siebentags-Adventisten die wichtigsten Organisationen waren. In diesen zwei Organisationen war die überwiegende Mehrheit der Protestanten vereinigt. Das religiöse Leben der legalen Protestanten konzentrierte sich auf den Gottesdienst. Die Gemeinden waren streng zentralisiert und standen unter der Staatskontrolle. In der sowjetischen Zeit gestaltete sich eine besondere russische protestantische Frömmigkeit heraus, die strikte Normen in der Kleidung und im Aussehen, einen besonderen andachtsvollen Gottesdienst, Gehorsam gegenüber den Behörden und Gleichgültigkeit gegenüber den theologischen Fragen voraussetzte und andererseits keine missionarische Tätigkeit erforderte.
Als Gegensatz zum legalen Protestantismus traten die illegalen Protestanten - der Kirchenrat der Evangeliumschristen-Baptisten, die Vereinigte Kirche der Christen des evangelischen Glaubens (Pfingstler) und Adventisten-Reformer auf. Verwandt mit ihnen waren die lutherischen Gemeinden, die einen halblegalen Status hatten. Die andersdenkenden Protestanten widersetzten sich standhaft dem Druck der Behörden, leisteten Arbeit mit Kindern, betrieben missionarische Tätigkeit und richteten eigenständig ihr Kirchenleben ein. Aber eben so wie die legalen Protestanten kennzeichneten sie sich durch Abschottung, negative Einstellung zur weltlichen Kultur und traditionelle Einhaltung der konservativen Normen im Alltag. Die Staatskontrolle wurde durch interne Kirchenkontrolle ersetzt. Die spezifische pietistische Frömmigkeit kam bei den Andersdenkenden vermutlich noch stärker als bei den Konformisten zur Geltung.
Insgesamt nahm der russische Protestantismus im religiösen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben des Landes eine ausgeprägt marginale Haltung ein. Die Protestanten hatten praktisch keinen Anteil an der Intelligenz und verhielten sich sozial und kulturell passiv. In den zurückliegenden Jahren hat sich jedoch die Lage von Grund af vrän ert. Die Anzahl der registrierten protestantischen Gemeinden erhöhte sich von 923 im Jahr 1990 auf 3660 im Jahr 1997. Entscheidender sind jedoch die internen Wandlungen. Zum ersten sind die Pfingstler heute eine Protestantenströmung geworden, die sich besonders dynamisch entwickelt und zahlenmäßig die stärkste Strömung des Protestantismus ist. Einige Pfingstlervereinigungen prägen heute das Bild des russischen Protestantismus. Eine grundsätzlich neue Erscheinung war die Entstehung der Gemeinden der charismatischen Richtung (die heute schon überwiegend sind). Die dynamische charismatische Bewegung veränderte grundsätzlich das Sozialbild der russischen Pfingstler. Sie schaltete viele aktive Jugendliche ein. Einige charismatische Kirchen, z. B. "Die neue Generation" in Jaroslawl und "Weingarten", die Gemeinden in einigen Städten in Sibirien hat, haben in ihren Reihen viele gebildete Jugendliche (das ist eine völlig neue Erscheinung für die russischen Pfingstler).

Inzwischen sind alle Spielarten des Protestantismus vertreten

In vielen Regionen Russlands organisieren die Charismaten verschiedene ökumenische Vereinigungen der religiöse Minderheiten, die sich gegen die Verstöße im Bereich der Gewissensfreiheit einsetzen. Viele charismatische Kirchen schalteten sich intensiv ins politische Leben ein; in solchen Regionen wie Chakassien und Udmurtien, in den Gebieten Swerdlowsk, Omsk, Jaroslawl stellt die geschlossene und gut organisierte politische Aktivität der charismatischen Pfingstler einen merklichen Faktor des politischen Lebens dar. Die Pfingstler (darunter auch die Charismaten) sind häufig allgemein anerkannte Spitzenreiter im Bereich der Wohlfahrt und Sozialarbeit.
Zum zweiten evolutioniert grundsätzlich auch der russische evangelische Baptismus. Es sei vor allem auf eine zentrifugale Bewegung im evangelischen Baptismus hingewiesen, welche die ideologischen Strömungen bewirkte, die längst vergessen waren bzw. vorher in Russland nie existierten. Innerhalb des Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten (rus. Abk.: ESEHB), der 1991 in die Russische Union der Evangeliumschristen-Baptisten (rus. Abk.: RSEHB) umbenannt wurde, entstehen evangelische Strömungen, die größere soziale (mitunter auch politische) Aktivität fordern und langsam auch Interesse für Zusammenwirken mit der weltlichen Kultur zeigen. In dem für die dogmatischen Probleme gleichgültigen baptistischen Milieu aktiviert sich das Interesse für theologische Probleme, entwickeln sich prinzipielle Calvinisten. Die Baptisten äußern zunehmend Missfallen über die übermäßige Zentralisierung, den Paternalismus, Passivität der Führung der RSEHB und deren Servilität. Die Gemeinden treten massenweise aus der Union aus. Die Führung der RSEHB reformiert die organisatorischen Prinzipien der Union, lockert die Zentralisierung und lässt einen viel größeren Pluralismus der Meinungen zu. Der Abstrom der Gemeinden lässt nach, aber bis zum Jahr 1999 entstehen trotzdem einige neue Vereinigungen der Baptisten und Evangelisten (in welche die Gemeinden, die aus RSEHB und dem Kirchenrat ausgeschieden waren und vorher als autonome Gemeinden existierten, sowie die Gemeinden eingetreten sind, die westliche Missionare geschaffen haben), die nicht durch die sowjetische Vergangenheit belastet sind und ins Leben des russischen Protestantismus einige prinzipiell neue Momente hineintragen.
Es entstehen neue Bewegungen, die in ihrer Arbeit Elemente der modernen Kultur verwenden, den sozialen und politischen Problemen offen stehen, weitgehend Wohlfahrts und Kulturarbeit betreiben. Das Interesse für die theologischen Probleme verstärkt sich.
Zum dritten etablieren sich Bewegungen, die vorher in Russland entweder nicht vertreten waren oder wenn schon, dann nicht unter den Russen, sondern unter den nationalen Minderheiten. Hierzu gehören der Methodismus, lutherische Kirchen, Reformierte, Plymouth-Brothers, Presbyterianische Kirchen usw. In Russland haben sich jetzt praktisch alle Grundströmungen des Protestantismus durchgesetzt.
Zum vierten verbreitet sich der Protestantismus nich nur unter den Russen, sondern auch unter den Völkern, die sich traditionell zum Islam, Buddhismus und heidnischen Kulturen bekennen.6
Der Protestantismus hört auf, eine marginale Erscheinung zu sein. In den vergangenen zwölf Jahren entwickelte sich eigentlich eine zahlreiche protestantische Intelligenz. Der Protestantismus spielt jetzt eine merkliche Rolle bei der Wohlfahrt, im Sozial und Kulturbereich sowie in der Rechtsschutztätigkeit. In einigen Regionen befassen sich die Protestantenvereinigungen erfolgreich mit der Politik. Angesichts der allgemeinen niedrigen Religiösität hat der Protestantismus besonders beeindruckende Erfolge zu verzeichnen.
Fragt man angesichts des allgemein niedrigen religiösen Stands der Bevölkerung Russlands: Inwieweit ist die Religion überhaupt ein wesentlicher Faktor des gegenwärtigen russischen Lebens?, dann heißt die Antwort: Sie ist jedenfalls viel wichtiger, als dies die Einschätzungen zeigen, die lediglich auf den soziologischen Befragungen beruhen.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche als Stifter von Konsens und nationaler Einheit

Die kulturellideologische Rolle der Orthodoxie als russisches nationales Symbol, als Kernstück der nationalen Identität ist keine Kleinigkeit im ideologischen und politischen Leben des Landes. Diese Rolle weist nicht lediglich negative Aspekte auf. Die Restaurierungsstimmungen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus waren unvermeidlich. Alle Völker des ehemaligen sowjetischen Imperiums "kehren zu sich zurück". Für die Völker, die in ihrer vorsowjetischen Vergangenheit eine demokratische Staatlichkeit hatten, ist es kein Problem, die Restaurierung mit der demokratischen Modernisierung zu verbinden: Das ist praktisch ein und dasselbe. Für die Russen (und andere Völker, die in ihrer vorsowjetischen Vergangenheit keine Demokratie kannten) stehen die Restaurierung und die demokratischen Bestrebungen der Gesellschaft im Widerspruch zueinander. Das Massenbewusstsein de russischen Volkes fand unerwartet aus diesem Widerspruch einen Ausweg: Die Restaurierungsträume erstrecken sich praktisch ausschließlich auf die "Geistigkeit", die Kultur und in geringerem Maße auf die glänzenden Siege der russischen Armee im Laufe der russischen Geschichte. Die vorrevolutionäre Staatlichkeit, absolutistische (und nichtabsolutistische) Monarchie, die Gesellschaftsordnung des russischen Reiches und die Heldentaten der Weißen Bewegung sind kein Modell für den Bau des neuen Russlands. Ein weiteres Paradox besteht darin, dass die ROK-Geistlichen und die mit der Kirche verbundenen öffentlichen Kreise ebenso wie das Massenbewusstsein keine Absicht haben, den Widerspruch zwischen der Modernisierung und Restaurierung zu überwinden. Die gegenwärtige Öffentlichkeit, die in ihrem Wesen liberal gestimmt ist, und die Macht, die offensichtlich einen autoritären Trend aufweist, allerdings den demokratischen Charakter behält, nimmt die Kirche auf eine spezifische Weise auf, die ihr maßgeblich hilft, die unter Stalin entstandenen Leitsätze zu erhalten. Der Patriarch und die meisten Bischöfe verweisen in ihren sozial ausgerichteten Reden und Predigten pathetisch vor allem auf die Notwendigkeit, im Einvernehmen, Frieden, ohne Spaltungen zu leben sowie die Regierung zu respektieren. Das "Einvernehmen" kann jedoch auf unterschiedlicher Grundlage, darunter auf Gesetzlosigkeit, Grausamkeit, Willkür beruhen. Die russische Geschichte besagt, dass ein besonders starkes Einvernehmen unter einer Diktatur besteht. Die obersten geistlichen Hierarchen gewöhnen sich langsam an ihre Rolle des "allgemeinen Friedensstifters". Als das wichtigste Forum, auf dem das orthodoxe Patriarchat das "allgemeine Einvernehmen" fördert, dient das Russische Weltkonzil - eine gesellschaftliche ständig wirkende Organisation bei der Kirche. Das Patriarchat bemüht sich, für die verschiedenen Maßnahmen des Konzils alle namhaften politischen Kräfte und Vertreter aller Machtzweige zu gewinnen. Den größten Erfolg erzielte es hierbei auf dem 3. Russischen Volkskonzil Anfang Dezember 1995, das direkt vor den Duma-Wahlen abgehalten wurde. Am Konzil beteiligten sich Vertreter aller politischen Kräfte von G. Sjuganow, W. Shirinowski bis G. Jawlinski und Je. Gaidar hin. Der Grundgedanke, den die Hierarchen der Kirche auf diesen Versammlungen an die Politiker richten, lautet: Es gilt, "die Konfrontation in der Gesellschaft" zu überwinden, Einvernehmen und Konsens zu erzielen. Wenn dieser Gedanke genauso konsequent umgesetzt wird, wie er von den Geistlichen unterbreitet wird, dann werden die Abgrenzung zwischen den Zweigen der Macht und die demokratische Rivalität zwischen den politischen Parteien völlig ausgeschaltet.
In ihrem Streben, die Funktion des "geistlichen Vereinigers" der Nation auszuüben, beginnt die Führung des Moskauer Patriarchat einen richtigen Kreuzzug gegen die religiösen Minderheiten, vor allem gegen die Protestanten und Katholiken. Entfaltet wird eine groß angelegte Kampagne gegen die "Sektierer", westliche Missionare, "die Expansion des Vatikans". Hierbei verwendet das Patriarchat nicht die religiöse, sondern eine politische Argumentation: "Die Anwesenheit der Andersgläubigen bringt Spaltung in die Gesellschaft", "Sie zerstören die russische Kultur und die nationalen Sitten" usw.7 Der im Moment entstehende Entwicklungstrend des religiösen Bewusstseins in Russland ist besorgniserregend, denn er fördert den Isolationismus, antidemokratische Trends und Konflikte zwischen den Nationalitäten. Im Wesen ist er allerdings schwach und kurzlebig. Die Öffentlichkeit und die Machtorgane wiesen in den letzten Jahren der Religion eine Rolle zu, die sie jetzt zu spielen beginnt, und förderten auf diese Weise die Verfestigung der Ideologeme, die sich noch in der Stalinschen Zeit herausgestaltet haben. Der widersprüchliche Charakter der Situation besteht allerdings darin, dass sich die Öffentlichkeit in ihrem Wesen nach wie vor zur Demokratie, den Menschenrechten, der nationalen und religiösen Toleranz bekennt. Die zunehmende ideologische Diskrepanz zwischen dem religiösen und politischen Bewusstsein der Gesellschaft (darunter der Gläubigen) und den ideologischen Leitsätzen der Kirchen scheint zu einem Konflikt zu führen, in dem die Kirche und die Gesellschaft selbst ihre Positionen werden revidieren müssen.

Antidemokratische Tendenzen in der russischen Orthodoxie

Die antidemokratischen Trends, die der ROK-Ideologie zugrunde liegen, kamen wie auch deren interne Schwäche umfassend 1997-1999 im Kampf um die Verabschiedung des neuen Gesetzes über die Gewissensfreiheit und dann bei der Bestätigung dessen Ausführungsverordnungen zur Geltung. Ungeachtet der wachsenden Vorrechte und Begünstigungen des Moskauer Patriarchats wurden auf der föderalen Ebene keine ernstzunehmenden repressiven Maßnahmen gegen die religiösen Minderheiten getroffen (obwohl die örtlichen Organe einiger Regionen eine ganze Reihe von harten repressiven Handlungen gegen die Protestanten und Katholiken setzten). Diese Sachlage passte den Nationalisten (sowohl unter den russischen Politikern als auch unter den orthodoxen Geistlichen) und Kommunisten natürlich nicht in den Kram. Unter ihrem starken Druck und mit Unterstützung der Führung der Russischen Orthodoxen Kirche wurde 1997 ein neues Gesetz über die "Gewissensfreiheit" verabschiedet, das die missionarische Tätigkeit der Ausländer praktisch untersagte, die religiösen Organisationen, die seit weniger als 15 Jahren existieren, um die wichtigsten Bürgerrechte brachte und die autonomen religiösen Gemeinden zwang, sich den seit den sowjetischen Zeiten existierenden religiösen Vereinigungen anzuschließen.
Der Sieg der Nationalisten und Kommunisten im Kampf um das neue repressive Gesetz war weder fest von der Öffentlichkeit unterstützt noch durch die Verfassung des Landes begründet. Eine schwache Gegenwirkung seitens der internationalen Organisationen, russischer Bürgerrechtler, religiöser Minderheiten selbst und einiger demokratischer Politiker hat eigentlich hingereicht, dass der Kreuzzug faktisch gescheitert ist. Die drei Jahre, die nach der Verabschiedung des Gesetzes vergangen sind, veranschaulichten umfassend, dass es keine religiösen Repressalien gibt: Die Bestimmungen des Gesetzes aus dem Jahr 1997 werden im Wesen nicht angewandt. Die Durchführungsbestimmungen und Anweisungen haben zudem seinen repressiven Charakter hochgradig ausgehöhlt.
Im Moment entsteht der Eindruck, dass das antidemokratische Potenzial der Ideologie der ROK langsam abnimmt. Das faktische Fiasko mit dem Gesetz aus dem Jahr 1997 bewirke somit keine Kampagne zur Unterbindung der "Proselytentätigkeit". Die Rhetorik und konkreten Handlungen der ROK-Führung gewinnen in den letzten zwei Jahren einen friedlichen und liberalen Charakter. Von tragender Bedeutung werden vermutlich die auf dem Erzbischofskonzil verabschiedeten Dokumente sein (man muss berücksichtigen, dass solche Dokumente in der ROK-Praxis einen rein deklarativen Charakter haben und keine Folgen nach sich ziehen). Darunter ist auch das Dokument: " Die Grundlagen des Sozialkonzepts der ROK", welches eine für ROK revolutionäre These über die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat enthält. Die Analytiker dieser Dokumente sind sich bei ihren Einschätzungen praktisch darin einig, dass die Entscheidungen des Konzils einen Schritt zur Akzeptanz des demokratischen Aufbaus der Gesellschaft darstellen.8

Die Rolle der Kirche beim Aufbau einer Zivilgesellschaft

Bei der Einschätzung der Rolle der Religion im russischen Leben muss man berücksichtigen, dass die religiösen Organisationen im Werdegang der Zivilgesellschaft eine wesentlich größere Rolle spielen, als dies aus den Daten zur Religiösität der Bevölkerung hervorgeht. In Russland gibt es tatsächlich nur wenige Gläubige, die sich auch im praktischen Alltag wie Gläubige verhalten. Es stimmt, dass sogar die praktizierenden Gläubigen in ihrer Mehrheit nur die Gottesdienste besuchen und sich am Leben der Gemeinden nicht beteiligen. Es gibt jedoch landesweit orthodoxe Klöster und Pfarreien, die merklich Sozialarbeit leisten und verschiedene Formen der Solidarität der Gläubigen föde n, obwohl sie offensichtlich in der Minderheit sind. Es gibt tatsächlich sehr wenige Protestanten, Katholiken, Angehörige anderer religiöser Minderheiten, für die das Gemeindeleben und der Sozialdienst üblich wäre. Im Vergleich zu den USA und den sogar am stärksten säkularisierten Ländern Europas sind die religiösen Organisationen als Subjekt der Zivilgesellschaft eine unbedeutende Größe. Diese Situation muss man jedoch auch unter einem anderen Blickwinkel betrachten: In den 75 Jahren Sowjetmacht hat das Volk die Fähigkeit zur Selbstorganisation völlig eingebüßt. Für ein Land, in dem es praktisch keine nichtkommerziellen öffentlichen Assoziationen und öffentlichen Selbstverwaltungsinstitutionen gibt, sind etwa 8000 religiöse Vereinigungen, welche die öffentliche Meinung real mitgestalten, ihre Mitglieder zusammenschließen und Sozialarbeit leisten, sehr viel, wobei sie sich qualitativ ständig verbessern (es handelt sich vor allem um Organisationen der religiösen Minderheiten; aber auch in der Orthodoxie ist ein gewisser Fortschritt sichtbar).
Vor zwölf Jahren erwachte die Religion in Russland zu neuem Leben. Ihre Weiterentwicklung war eine Frage, auf die eine Antwort unmöglich gegeben werden konnte. Heute gelangt die Entwicklung der religiösen Situation an eine Grenze, dies hängt vornehmlich von den grundsätzlichen Änderungen ab, die sich in der ROK abgezeichnet haben. Das hängt auch damit zusammen, dass sich der Protestantismus und der Katholizismus zu einer wesentlichen gesamt-nationalen Erscheinung entwickeln. Die nächsten zwölf Jahre könnten zu einer neuen, unvorhersagbaren Realität führen.

Anmerkungen

1 Die im Artikel verwendeten Angaben der soziologischen Befragungen sind enthalten in: L. Woronzow, S. Filatow, D. Furman "Religion und Politik im modernen Massenbewusstsein" Sammelband "Religion und Politik im postkommunistischen Russland". M., Verlag des Instituts der Philosophie der RAdW, 1994 und K. Kaariainen und D. Furman "Religiösität in Russland in den 90er Jahren" - Sammelband "Alte Kirchen, neue Gläubige", Moskau St Petersburg, 2000, Verlag "Letni sad", S. 7-48.

2 "BlagowestInfo",1999, No. 18

3 R. Mussina. "Der Islam und die Moslems im gegenwärtigen Tatarstan" in: "Die Religion und der Staat im gegenwärtigen Russland", Moskau, Moskauer Carnegy Zentrum, "Forschungsreferate, Ausgabe 18" 1997, S. 86.

4 M. Stern "Neue religiöse Bewegungen in Russland in den 90er Jahren" in: "Alte Kirche, neue Gläubige". S. 159-162

5 S. Filatov, L. Vorontsova "Catholic und AntiCatholic Tradition in Russia" in: "Religion, State und Society" (Oxford), 2000 No. 1, p. 69-84.

6 R. Lunkin "Russia's Native Peoples: Their Path to Christianity" in : "Religion, State und Society" (Oxford), 2000 No. 1, p. 123-134.

7 Siehe z. B. das Referat des Patriarchen von Moskau und ganz Russland Alexi II. auf dem Erzbischofskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche am 18. Februar 1997, "Zeitschrift der Moskauer Patriarchie", 1997, No. 3, S. 58-68.

8 Umfassende Analyse der Beschlüsse des Konzils unter verschiedenen Blickwinkeln ist angeführt in: "NG-Religiji", 2000, No. 16-17

 

 


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