Zeitschrift

Der Rhein

 

 

Vorwort


Inhaltsverzeichnis    


Der Rhein

ist Deutschlands längster und wasserreichster Fluss, immer schon von großer Bedeutung als Wasserstraße und von daher auch ein wirtschaftlicher Impulsgeber. Doch der Fluss ist noch mehr: Der Rhein ist Deutschlands bedeutendster, bekanntester und beliebtester Fluss, mit dem sich zahllose Sagen, Mythen und auch Emotionen verbinden. Deutschland und der Rhein: das gehört zusammen, nicht nur für die Deutschen - auch wenn der Rhein im schweizerischen Graubünden entspringt, Frankreich seinen Anteil an ihm hat und der Fluss in den Niederlanden in die Nordsee mündet.

Unter fünf Blickwinkeln soll im hier vorgelegten Heft unserer Zeitschrift "Der Bürger im Staat" der Rhein betrachtet werden: der Rhein als Nationalsymbol, als Wasserstraße, als Energieachse, als Ökosystem, als Dreh- und Angelpunkt europäischer Politik.

Zunächst der Rhein als Nationalsymbol, aktiviert vor allem nach der Reichsgründung 1871, mit der Stoßrichtung gegen Frankreich. Zahlreiche Denkmäler legen Zeugnis davon ab, deren bekannteste das Niederwald-Denkmal bei Rüdesheim und das Deutsche Eck in Koblenz sind. Als typisch deutsch mag man das romantische Bild der Mittelrhein-Landschaft betrachten, mit seinen Weinbergen, Burgen, Städten und Kirchen. Sowohl das nationale Pathos wie auch die romantische Verklärung finden in zahllosen Gedichten und Liedern ihren Niederschlag.

Immer schon war der Rhein eine Wasserstraße. Flüsse trennen nicht, sie verbinden: die Ufer miteinander und vor allem die gesamte Landschaft am Fluss mit der Ferne, mit dem Meer, mit der weiten Welt. Händler, Soldaten, ganze Völkerscharen ziehen den Fluss hinauf und hinunter, schaffen Reichtum und Bedrohung, bringen Ideen mit. Ein ganz eigener Menschenschlag entsteht an den Ufern der großen Flüsse, insbesondere auch am Rhein: aufgeschlossen, gewandt, liberal. Den Umgang mit Fremden und Fremdem haben die Menschen hier gelernt, wenn sie sich behaupten wollten.

Innerhalb der Europäischen Union stellt der Rhein die bedeutendste Wasserstraße dar, über die gegenwärtig rund 50% aller Binnenschifffahrtstransporte laufen. Mehr als 30 Häfen liegen in Deutschland am Rhein, von denen Duisburg, Köln, Mannheim, Ludwigshafen und Karlsruhe die bedeutendsten sind. Der Rhein ist eine internationale Wasserstraße, gemäß der Mannheimer Schifffahrtsakte von 1868, die auch heute noch - nach einer Revision von 1963 - in Kraft ist. Als gemeinsames Verwaltungsorgan besteht eine Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) mit Sitz in Straßburg. Ihr gehören nicht nur die Rheinanliegerstaaten Schweiz, Deutschland, Frankreich und die Niederlande an, sondern auch Belgien und Großbritannien. Politikwissenschaftlich gesprochen haben wir es hier mit einem frühen Beispiel eines internationalen Regimes zu tun.

Für die moderne Schifffahrt am Rhein waren erhebliche Eingriffe notwendig, um den wilden Hochrhein zu zähmen und den träge mäandrierenden Oberrhein zu fixieren, vor allem auch den Weg zu verkürzen. Berühmt geworden ist die Rheinkorrektion des badischen Oberstleutnants Johann Gottfried Tulla zu Beginn des 19. Jahrhunderts, fortgeführt durch Max Honsell. Damit wurde der Oberrhein nicht nur für eine moderne Schifffahrt erschlossen. Die Rheinkorrektion bedeutete auch einen erheblichen Landgewinn und einen verbesserten Hochwasserschutz, wenngleich damit das Hochwasser nur ein Stück weiter rheinabwärts geschoben worden ist - ein Problem, das gerade uns Heutigen zu schaffen macht, zumal auch anderwärts entsprechende Anstrengungen unternommen worden sind. Das Problem wurde so lediglich verschoben, mit um so heftigeren Problemen für die zuletzt Betroffenen. Die Rheinkorrektion fixierte zudem die Grenze zu Frankreich. Nicht zuletzt löste sie für Baden einen gewaltigen Modernisierungsschub aus.

Am Hochrhein zwischen Bodensee und Basel spielt - trotz aller hochfliegenden Pläne für einen weiteren Ausbau - der Fluss als Wasserstraße kaum eine Rolle mehr. Vielmehr ist der Hochrhein hier zu einer Energieachse geworden, an der sich inzwischen elf Flusskraftwerke reihen. Von der Schifffahrt dort wie von den Kraftwerken hier gingen und gehen immer noch erhebliche Impulse für die Wirtschaft entlang des Flusses aus, durchaus auch mit negativen Begleiterscheinungen für die Umwelt.

Der Rhein mit seinen ganz unterschiedlichen Verläufen - vom Hochrhein zwischen Konstanz und Basel, dem Oberrhein zwischen Basel und Bingen, über den Mittelrhein zwischen Bingen und Bonn bis hin zum Niederrhein zwischen Bonn und der niederländischen Grenze bei Emmerich - bildet eine Vielzahl von Ökosystemen aus, die von menschlichen Eingriffen erheblich beeinträchtigt sind. Immer wieder ist es auch zu umfassenden Katastrophen gekommen, wie diejenigen, die von Chemiewerken an seinen Ufern ausgelöst worden sind. Die Bevölkerung ist aufgeschreckt und vielleicht auch langfristig sensibilisiert worden. Umfassende Reparatur- und Schutzmaßnahmen sind in Angriff genommen, neue Modelle und Programme realisiert worden. Doch bei Reaktionen und Einzelmaßnahmen darf es nicht bleiben. Langfristig muss umgedacht werden. Das betrifft auch die Reaktionen auf die immer wiederkehrenden "Jahrhundert-Hochwasser", die längst nicht mehr ein Jahrhundert auf sich warten lassen. (Vgl. unser Heft: "Wasser", 1, 1996)

Schließlich ist der Rhein zu einem Dreh- und Angelpunkt europäischer Politik geworden. Wenn man - wie Konrad Adenauer und Robert Schuman - das deutsch-französische Verhältnis zum Kern eines vereinigten Europa macht, dann rückt der Rhein ins Zentrum, wird, wie in der Mittelalterlichen Kaiserzeit, zu einer europäischen Zentralachse. Auch wer nicht ständig in solchen Dimensionen denkt, wird die Chance nutzen, die die Zusammenarbeit über die Grenzen, über den Rhein hinweg bietet. Damit zeigt der Rhein wieder einmal seine verbindende Kraft, verdeutlicht, dass die großen Flüsse mehr verbinden als dass sie trennen. 

Hans-Georg Wehling


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