Zeitschrift

Der Rhein

 

 

Werner Konold
Die Regulierung des Bodensees:
eine alte Geschichte


Inhaltsverzeichnis    


Nicht nur eine historische Erinnerung

Alte und aktuelle Probleme mit dem Hochwasser

Prof. Dr. Werner Konold ist Leiter des Instituts für Landespflege an der Universität Freiburg i. Br.

Das letzte große Hochwasser erlebte die Bodensee-Landschaft um Pfingsten 1999. Wochenlang standen weite Teile des Ufers unter Wasser, Städte und Dörfer wie auch Verkehrswege waren in Mitleidenschaft gezogen. Immer dann ist die Versuchung groß, über Mittel und Wege nachzudenken, den Abfluss in den Rhein zu beschleunigen, den Bodensee zu "regulieren", um den Wasserstand in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig könnte so die Schiffahrt auf den Hochrhein ermöglicht und die Energiegewinnung verbessert werden. Nicht nur die Kosten, vor allem auch ökologische Belange stehen solchen ehrgeizigen Plänen entgegen. Die Pläne sind alt, die Argumente auch. 
Red.


Nach dem letzten Hochwasser kam die alte Diskussion wieder auf

"... die Städte und Dörfer an den Ufern des Bodensees erfreuen sich ... fast ausnahmslos guten Gedeihens; sie sind durch Verkehrsmittel aller Art zu Wasser und zu Land verbunden, Felder, Wiesen und Weinberge, Gärten und Villenanlagen reichen fast überall bis an das Gestade ... Auch die alljährlich sich einstellende Erhebung des Seeniveau`s wird im allgemeinen kaum als ein belangreicher Nachtheil empfunden, weil die Ausdehnung der Bodenkultur, wie alle künstlichen Anlagen an den Ufern durch diese periodischen Anschwellungen seit Alter`s, ihnen angepasst sind.

Um so empfindlicher aber werden die Folgen, wenn die Anschwellung ... einen aussergewöhnlich hohen Stand erreicht. Dann tritt der See über grosse Strecken über seine Ufer aus, Gärten, Feld und Wiesen und die niedrigen Riedflächen werden weithin überflutet, das Wasser dringt in die Keller und unteren Geschosse der Gebäude, der Verkehr ist vielfach gestört, Orts- und Landstrassen kommen unter Wasser, die Benützung der Hafenanstalten und Landungsplätze wird erschwert, teilweise unmöglich ...".

Mit diesen Sätzen leitet Baurat Max Honsell, Mitglied der Grossherzoglich Badischen Ober-Direction des Wasser- und Strassen-Baues, im Jahre 1879 seine Studie "Der Bodensee und die Tieferlegung seiner Hochwasserstände" ein. Er formulierte damit ein Problem, welches die Bodenseeanwohner seit langer Zeit beschäftigte. Die "lange Dauer solcher hoher Seestände" gestalte sich "zu einer für die wirtschaftlichen und sanitären Verhältnisse der Anwohner ... drückend fühlbaren Calamität, deren Beseitigung oder doch Minderung von ihnen lange ersehnt, nach jedem bedeutenden Hochwasser von neuem begehrt wird."

Längst vergessene Geschichte? Kein Thema mehr? Keineswegs! Im Jahre 1999 wurde von Pfingsten an die geschilderte Situation einmal mehr für etliche Wochen zur bitteren Realität für die Anwohner. Und prompt wurden Stimmen laut, diesem Missstand ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Es kamen - allerdings nicht in der großen Öffentlichkeit diskutiert - zum alten Problem alte Fragen und Argumente auf. Die Neue Zürcher Zeitung berichtet am 26.6.1999 unter der Überschrift "Die Bodensee-Regulierung wieder im Gespräch" über diese "alte Idee". Der Bodensee sei "der einzige der grossen Schweizer Seen, der nicht reguliert werden" könne. Ein im Bericht namentlich genannter "früherer Exponent der Hochrhein-Schiffahrt" sei "überzeugt, dass es ein Fehler war, die Idee zu begraben". Das "katastrophale Ausmass" des aktuellen Hochwassers wäre nicht zustande gekommen. Kantonale Beamte rieten - so der Bericht -, man könne die Vor- und Nachteile erst durch "entsprechende Detailabklärungen" einschätzen, andere äußerten sich grundsätzlich ablehnend: "die Regulierung sei kein ernstzunehmender Hochwasserschutz, sondern nur ein altes Politikum ...". Immerhin bekam das "alte Politikum" dadurch einen aktuellen politischen Anstrich, dass der Nationalrat Hansueli Raggenbass bei der schweizerischen Bundesregierung eine Anfrage einbrachte, die nach den Möglichkeiten, den Folgen und Kosten einer Bodensee-Regulierung fragte1.

Wie man auch immer eine solche, von jeweils aktuellen Geschehnissen bestimmte Diskussion einschätzen mag: Sie lenkt den Blick auf offensichtliche Wiederholungen in der Geschichte, sie lenkt ihn in jedem Fall auf ein hochinteressantes Kapitel der Wasserbaugeschichte und auf die Fragen nach Kontinuität und Wandel von Wertvorstellungen und die Gewichtung von Werten.

Die Meinung der Experten - damals

Für Max Honsell war in der bereits erwähnten Studie die Antwort auf die Frage nach "Abhülfe des Uebels" ganz klar (Honsell 1879): man könne das Problem nur durch eine "Aenderung des Seeregimes" lösen. Dies habe schon im Jahre 1847 der sanktgallische Bauinspektor W. Hartmann angeregt, und zwar als Aufgabe aller Uferstaaten. Etwa um die gleiche Zeit habe sich auch der Ingenieur-Oberst H. Pestalozzi aus Zürich dazu geäußert. Unter anderem habe dieser versucht nachzuweisen, dass "die in neuerer Zeit rascheren Anschwellungen" Folge der "stets fortschreitenden Verwitterung der Gebirge ... (und) ... der sorglosen Waldwirthschaft im Hochgebirge ..." seien. Als ein "künstlich geschaffenes Hinderniss für den Seeabfluss" habe dieser die damaligen (zur Zeit Honsells nicht mehr vorhandenen) Rheinmühlen in Konstanz erkannt. Eine Expertenkommission, bestehend aus dem königlich württembergischen Oberbaurat Etzel, dem graubündischen Oberingenieur La Nicca und dem grossh. badischen Oberbaurat Sauerbeck, befürwortete 1852 eine Tieferlegung der Bodenseewasserstände und eine Rheinkorrektion, wies aber auch auf die Umsetzungsschwierigkeiten hin (Honsell 1879). Immer stärker geworden war auch der Druck von Seiten der Seeanwohner, was 1853 zu einer von Baden und vom Thurgau gemeinsam finanzierten Vermessung des Rheins und des Untersees von Konstanz bis Stein führte.

Verschiedentlich war schon auf mögliche Ursachen für die sich "rapid verschlimmerten Verhältnisse" (Miller 1880) hingewiesen worden: Die Intensität der Rheinhochwasser (im Alpenrhein, Anm. d. Verf.) sei größer geworden, und zwar "in Folge sorgloser Waldwirthschaft", was wiederum eine "Verwilderung" des Rheines und eine Aufhöhung des Flussbettes nach sich ziehe. Die geplante Korrektion des Alpenrheins und die damit verbundene Beschleunigung des Zuflusses zum See würden die Situation weiter verschärfen (Miller 1880). - Als weiteres großes Problem habe man früher die Kalktuffbänke am Ausfluss bei Konstanz angesehen. Mittlerweile wisse man jedoch, dass diese jeweils im Winter wieder zerstört werden würden.

Abbildung 1: Der Seerhein mit Rheinbrücke und Rheinmühle bei Konstanz im Jahre 1575 vom Oberwasser aus gesehen. Gut zu erkennen sind die beiden „Streichwehre", die das Wasser der Säge zuführen. Aus Braun/Hogenberg.

Lange waren die Rheinmühlen bei Konstanz das Problem

Einen wirklichen Staueffekt hatten jedoch die Brücke und die Rheinmühlen in Konstanz gehabt. Im Jahre 938 (Honsell 1879; Grim 1995: 923) war eine erste hölzerne Brücke über den Rhein gebaut worden. Der Flussübergang wurde Anfang des 13. Jahrhundert stromaufwärts verlegt, der dann ab 1418, beziehungsweise 1427/1437 mit einer nun "tauglichen" Mühle kombiniert war. Die zahlreichen Brückenpfähle und weitere Anbauten zwischen den Brückenjochen bewirkten einen Anstau des Sees, so dass für die Mühle das nutzbare Gefälle erheblich erhöht wurde. Im Jahre 1540 wurden die Brücke und die beiden Mühlengebäude mit vier Rädern wegen Baufälligkeit und wegen des unwirtschaftlichen Radstillstands sowohl bei Niedrig- als auch bei Hochwasser abgebrochen. Bereits 1544 hatte man auf 105 Pfeilern eine neue Brücke errichtet und wohl auch eine neue Mühle. Nach einem Brand wurde letztere wieder aufgebaut (Abbildung 1). Brücke und Mühle brannten 1675 ab und wurden wieder errichtet. Im Jahre 1856 schließlich vernichtete ein weiterer Brand den Mühlenkomplex, der danach nach Übereinkunft der Bodenseeuferstaaten nicht wieder aufgebaut wurde (Honsell 1879, Grim 1995).

"Es war ein bedeutendes Bauwerk, das bei jenem Brande zu Grunde gegangen. Die Brücke, auf die ganze Länge gedeckt, war äusserst solide construirt; das an dieselbe angebaute Mühlwerk enthielt 13 Mahlgänge, eine Stammholzsäge, Schleifmühle, Lohschneide und ein Walkwerk. Die Wellbäume der mächtigen Wasserräder waren zum Heben und zum Senken eingerichtet. Der Wasserbau der Mühle bestand aus zwei nahezu 100 m langen aus Pfahlwerk und Steinpackung construirten Streichwehren, aus festen Verwendungen zwischen den Brückenjochen und gewaltigen Ziehschützen, hier Fallen genannt, welche mittels Ketten und Sattelwellen von der Brücke aus bewegt wurden." (Honsell 1879).

Es handelte sich demnach um einen imposanten gewerblichen Komplex (Abbildung 2), dessen Wasserräder in Anpassung an den Seewasserstand um 2 m auf- und abbewegt werden konnten (Grim 1995). Dass der See dadurch gestaut, beziehungsweise der Abfluss gehemmt wurde, liegt auf der Hand. Durch Ziehen oder Senken der beweglichen Schütze konnte der Seespiegel innerhalb von 24 Stunden bis zu 30 cm abgesenkt oder angehoben werden (Honsell 1879):

"Kein Wunder also, wenn der Bestand der alten Rheinbrücke und noch mehr der Rheinmühle bei Constanz schon lange ein Gegenstand des Aergernisses und der Klage bei den Anwohnern des oberen Bodensee`s war ..." (Honsell 1879).

Die Anrainerstaaten einigten sich deshalb auch sehr schnell darauf, die "abgebrannte Rheinmühle samt Nebenwerken" nicht wiederherzustellen (Grim 1995). Nach einigen Jahren konnte man im Rückblick feststellen, dass der Abfluss aus dem See gleichmäßiger geworden und die Hochwasserstände um etwa 1 bis 2 Fuß zurückgegangen seien (Miller 1880).

Abbildung 2: Rheinbrücke und Rheinmühle in Konstanz um 1800 vom Unterwasser aus gesehen. Das am weitesten vorragende Gebäude ist die Säge. Man erkennt an der Strömung sehr gut die stauende Wirkung des Bauwerks (Gouache im Rosengarten-Museum Konstanz).

 

Politischer Druck führte zu konkreten Planungen

Doch trog die Hoffnung, das Problem extremer und Schaden bringender Hochwasserstände weitgehend beseitigt zu haben. Sehr hohe Seespiegel in den 1860er-Jahren, namentlich 1867, richteten den Blick wieder auf die früheren Pläne zur Bodensee-Regulierung, beziehungsweise die Regulierung des Untersee-Abflusses, angeregt von den Unterseeanwohnern. Ein entsprechender Notenwechsel zwischen dem Großherzogtum Baden und dem schweizerischen Bundesrat fand 1871 statt. Im März 1873 kam eine Kommission nach mehreren Inaugenscheinnahmen und Gesprächen mit Anwohnern zu Auffassung, es könne "... die Frage über die Möglichkeit der Tieferlegung der höchsten Seestände durch Regulierung der Unterseeausmündung in dem für die Interessen der Seeanwohner zu wünschendem Maße bejaht und der Nutzen des Unternehmens als erheblich anerkannt werden". Zur Kosten-Nutzen-Relation wollte sich die Kommission noch nicht äußern. Die notwendigen technischen Vorarbeiten sollten badische Ingenieure machen (Honsell 1879).

Wiederum sehr hohe Wasserstände in den Jahren 1876 und 1877 verstärkten den politischen Druck, die Planungen voranzutreiben. Doch gleichzeitig kamen auch Widerstände gegen das Vorhaben generell auf. Und zwar wurden Bedenken von Seiten der schweizerischen Kantone zwischen Bodensee und Basel, der bairischen Rheinpfalz und des Großherzogtums Hessen laut. Der Versuch, diese Bedenken über Informationen durch "Commissäre" und Vorlage von Plänen und Elaboraten zu zerstreuen, misslangen, was schließlich zur Folge hatte, dass der badische Baurat Max Honsell beauftragt wurde, alle Unterlagen in einer "abgerundeten Darstellung" zusammenzufassen (Honsell 1879). Daraus nun das Folgende.

Die Argumente für die Regulierung

Man hatte sich schon 1873 darüber verständigt, dass man das Vorhaben der Bodensee-Regulierung bereits als erfolgreich betrachten könne, wenn die bislang bekannten höchsten Wasserstände um etwa 30 cm gesenkt werden könnten, bei weiterer Senkung bis zu etwa 1 m steigere sich "der Gewinn". Man wolle jedoch keinesfalls das Seeniveau auf einer bestimmten Höhe halten, da die Schwankungen des Wasserspiegels in mancher Beziehung von Nutzen seien, so unter anderem für die gewerbliche Fischerei (Brutplätze im Flachwasserbereich) und insbesondere auch für die "Ertragsfähigkeit jener flachen und niedrigen Ufergelände", wie sie beispielsweise bei Wollmatingen2 und im Mündungsbereich der Radolfzeller Aach vorkämen und "deren Creszenz in dem landwirthschaftlichen Betriebe der Seegegend eine nicht unwichtige Rolle spielt". Der Viehbestand sei wegen des hohen Bedarfs an "animalischer Düngung" für die Weinberge groß und die Einstreu für die Ställe müsse "mehrenteils aus dem Erwachs der Rohr- und Binsenfelder und der Riedflächen am Seeufer gedeckt werden"; die zeitweilige Überstauung dieser Flächen sei "Bedingung des Wachstums". Der Verkehrswert der am tiefsten gelegenen Uferabschnitte, die im Winter trocken und im Sommer zwei bis drei Monate unter Wasser liegen, stehe jenem "mittelguten Ackerlandes oder Wieslandes" nur wenig nach3. Allerdings dürfe, um gute Erträge zu bekommen, ein stärkerer Anstieg des Wasserspiegels nicht vor der zweiten Maihälfte eintreten, weil es "sonst den jungen Pflanzen (gemeint ist Schilf, Anm. d. Verf.) an der zu ihrer kräftigen Entwicklung nötigen Luft und Wärme" gebreche. Jede längere Überstauung bringe sie zum Absterben. - Die Pflanzendecke der nächsten Zone - "Borsten- oder Boschenwiesen" genannt (gemeint sind wohl bultige Seggenriede) - sei sehr viel weniger wertvoll, die dritte, nur selten überfluteten Zone könnte schon kultiviert werden, auch wenn sie vor Überflutung nicht sicher sei. - Insgesamt sei deshalb, so Honsell (1879) in einem Fazit für diesen Sachverhalt, eine Senkung der niederen und mittleren Wasserstände zu Lasten der "wertvollen Streuländer geradezu schädlich": ein Sachverhalt, der heute nicht einmal mehr ansatzweise verstanden werden würde.

Gegen eine zu starke Absenkung sprachen auch die Bedürfnisse der Dampf- und der Segelschifffahrt sowie drohende problematische hygienische Zustände, da Kloakenmündungen frei zu liegen kämen und verwesende organische Stoffe "widerliche Ausdünstungen" von sich gäben (Miller 1880).

Da der See künftig eine geringere Rückhalteleistung besitze, sei bei Hochwasserabflüssen im Rhein mit höheren Wasserspiegeln zu rechnen. Um speziell die Stadt und den Kanton Schaffhausen davor zu schützen, müsse - so Miller (1880) in Anlehnung an Honsell (1879) - bei den geplanten Maßnahmen gewährleistet werden, "dass zur Zeit der höchsten Seestände nach erfolgter Tieferlegung der Bodenseehochwasser keine größere sekundliche Wassermenge nach Schaffhausen solle gelangen dürfen als ohnedies dahin gelangt wäre".

Alles in allem gebe es nun wohl niemanden mehr, "der diesem überaus wohlthätigen Werke hinderlich entgegentreten wollte" (Miller 1880).

So sah das Projekt Honsells aus

Das von Max Honsell auch auf der Grundlage früherer Ausarbeitungen vorgeschlagene Projekt sah nun verschiedene Eingriffe in den Rhein vor. Wollte man die genannten Ziele erreichen, so musste man entweder das Abflussprofil erweitern oder das Gefälle vergrößern, oder beides, jedoch gewährleisten, dass ein verstärkter Abfluss erst oberhalb eines definierten Niedrigwasserspiegels einsetzt und die Schaffhauser keinen Schaden erleiden. Dies könne man mit zwei Eingriffen bewerkstelligen (siehe Abbildung 3):

1. mit einer Erweiterung der Engstelle bei Stiegen und der Herstellung eines Querprofils mit differenzierten Vorländern und

2. mit der Korrektion einer 5,6 km langen Flusstrecke unterhalb von Stein, verbunden mit einer Erhöhung des Gefälles, auszuführen in verschiedenen Querprofilen (in Anpassung an wechselnde Sohlengefälle), die so ausgelegt sein müssen, dass definierte Abflüsse bestimmte Wasserspiegellagen nicht überschreiten. - Wären diese Eingriffe bei den vorangegangenen Hochwässern schon wirksam gewesen, so wären die Seeanstiege um bis zu 72 cm niedriger und die Dauer der Hochwässer kürzer gewesen. Die Zeit der Niedrigwasserstände wäre zwar verlängert worden, doch hätte dies, da im Spätjahr eintretend, "die Einbringung der Streuernte wesentlich erleichtert" (Honsell 1879, Miller 1880).

Die Kosten des Vorhabens taxierte Max Honsell auf rund 1,2 Millionen Reichsmark, für damalige Verhältnisse eine gewaltige Summe. Honsell tut sich deshalb auch schwer, den mutmaßlich zu gewinnenden Nutzen aufzurechnen. Vieles ließe sich nicht in Geldwert ausdrücken. Er konzediert auch, dass alleine die Vorteile für den Untersee die Maßnahmen nicht rechtfertigen würden. Doch würde man die Gesundheitsverhältnisse wesentlich verbessern. Bisher würden bei Hochwasser die Entwässerungseinrichtungen in den Städten und Ortschaften aufhören zu funktionieren, der Inhalt der Latrinen und Kloaken verbreite sich - gedrückt vom aufsteigenden Qualmwasser - ins Erdreich, in die Brunnen und in das über die Ufer getretene Wasser4 ... Verkehr, Handel und Gewerbe würden profitieren, Gewerbebetriebe und Triebwerke an den Zuflüssen seien weniger eingeschränkt, der Fremdenverkehr würde nicht mehr so leiden, manche Liegenschaft würde im Wert steigen, große Agrarflächen könnten sicherer und intensiver genutzt werden. Ein echter Kosten-Nutzen-Vergleich könne an Hand der Schäden vergangener Hochwasser angestellt werden. Das 1876er-Hochwasser etwa habe alleine am badischen Unterseeufer einen Schaden von circa 200000 Reichsmark angerichtet; unter anderem sei die Straße zur Reichenau etwa Wochen lang überschwemmt5, die Ernte fast aller Streuländer sei vernichtet gewesen. Im Kanton Thurgau ergab eine Schätzung einen Schaden von 61000 Franken (Honsell 1879).

Abbildung 3: Der Seerhein in Konstanz, der Untersee sowie der Hochrhein bis Schaffhausen mit den im Text genannten Orten.


Alte Pläne, neue Pläne

Die von Max Hosell zu einem Projekt konzipierten Planungen kamen bekanntlich nicht zur Ausführung. Dafür mögen verschiedene Gründe ausschlaggebend gewesen sein: die letztlich doch zu hohen Kosten, die nicht ausgeräumten Bedenken der Hochrhein-Anlieger, fehlender Wille und mangelnde Fähigkeit, ein Problem supranational anzugehen und zu lösen, und natürlich auch die generellen Zeitläufe, die es verbaten oder unmöglich machten, überhaupt ein grenzüberschreitendes Thema aufzugreifen.

Doch war das Thema der Bodensee-Regulierung damit keineswegs vom Tisch (man kennt die Dauerhaftigkeit solcher Planungen; siehe zum Beispiel (Seidelmann 1989). Nur kurz erwähnt seien (Vischer 1989): das "Projekt Legler" 1891 (Baggerung einer Rinne von Stein bis Schaffhausen, Einbau zweier Regulierwehre), die Studie von Steiger 1902 (Baggerung einer Rinne, Wehr bei Eschenz, Bau eines Schifffahrtskanals in Eschenz; siehe Abbildung 3), "Projekt Gebrüder Maier" 1924 (Ausbaggerung im Seerhein und im Rhein von Eschenz bis Schaffhausen, Bau eines Regulierwehrs mit Kraftwerk und Schiffschleuse bei Rheinklingen, Regulierwehr bei Flurlingen; siehe Abbildung 3).

Zu Beginn der 1920er-Jahre beschloss eine badisch-schweizerische Kommission, die Frage der Bodensee-Regulierung im Zusammenhang mit dem Ausbau und der Schiffbarmachung des Hochrheins untersuchen zu lassen. Die daraufhin von Dr. Karl Kobelt gefertigte Studie bringt neben den alten Argumenten auch neue Aspekte und Gewichte (Sattler 1927): Hauptzweck der Regulierung sei es natürlich, "die hohen Seestände tiefer zu legen". Doch könne man auch den Bodensee als Speicher für eine Niedrigwasseraufhöhung des Rheins und damit eine Optimierung der Energiegewinnung nutzen. In Zeiten des höchsten Strombedarfs seien die Abflüsse am geringsten. Auch könne man mit einer Vergleichmäßigung der Abflüsse die Schiffahrt bis Schaffhausen verbessern und die Schiffbarmachung des Hochrheins insgesamt befördern.

Konkret schlug Kobelt Folgendes vor (Sattler 1927): Ausbaggerung einer 100 m breiten Rinne im Trapezprofil oberhalb der Konstanzer Brücke, um die Abflusskapazität vom Ober- in den Untersee zu erhöhen, Erweiterung und Abkürzung der Rheinrinne im Untersee von Gottlieben bis Ermatingen; Tieferlegung der Sohle im Untersee-Ausfluss, Baggerungen bis Schaffhausen, Bau eines Stauwehrs mit Schiffschleuse bei Hemishofen (siehe Abbildung 3). Insgesamt würden hierbei 3 Millionen m3 Aushub anfallen. Die Kosten betrügen etwa 15,5 Millionen Franken. An Wirkungen und Nutzen nennt Kobelt: Die Hochwasser würden um 70 bis 80 cm niedriger liegen (damit sei die Überschwemmungsgefahr praktisch beseitigt), 2100 ha Land würden nie mehr überschwemmt werden, die Niedrigwasserstände lägen weniger tief und seien von kürzerer Dauer. Darüber hinaus würde die Niedrigwasserführung wesentlich verbessert (Anhebung des mittleren Niedrigwasserabflusses von 153 auf 188 m3/s und des niedrigsten von 100 auf 150 m3/s), mit großem Nutzen für die Kraftwerke am Hochrhein: Bislang "nutzlos" abfließendes Wasser werde zu Zeiten höheren Bedarfs aus dem Speicher Bodensee abgelassen. Außerdem würde man zwischen Obersee und Schaffhausen eine "erstklassige Fahrrinne" schaffen (Sattler 1927).

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Damit ist die Geschichte der Bodensee-Regulierungen keineswegs beendet. Vischer (1989) nennt einige weitere Projekte, zu denen hier nur ein paar Stichworte gesagt seien: alle waren mit Ausbaggerungen verbunden, manche sahen Regulierwehre mit Schiffschleusen vor, andere keine Regulierwehre. Manche Planung wurde, so geschehen Mitte der 1950er-Jahre, von großen Protesten begleitet, weil man eine Zerstörung der Flusslandschaft nicht hinnehmen wollte (damals stand - nicht zum letzten Mal - auch die Schiffbarmachung des ganzen Hochrheins zur Debatte). Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde noch ein letzter Versuch gemacht, eine Verbesserung der Verhältnisse ohne den Bau von großen Regulierwehren, insbesondere des Wehres zwischen Eschenz und Rheinklingen zu erreichen. Hier wären umfangreiche Baggerungen im Raum Konstanz und im Untersee-Ausfluss, Ausbaggerungen aller Seehäfen und Anlegestellen und die Auffüllung von flachen Uferabschnitten notwendig gewesen. Um alle gewünschten Effekte zu erzielen, speziell die niedrigsten Wasserstände zu verhindern, hätte man jedoch bei Öhningen zumindest eine Grundschwelle oder gar eine Grundschwelle mit aufgesetztem Schlauchwehr bauen müssen (Abbildung 4; Vischer 1989).

Varianten der Hochwasserminderung ganz anderer Art standen ebenfalls zur Debatte (Vischer 1989), und zwar zum einen in Gestalt eines Entlastungsstollens vom Untersee zur Thur unterhalb von Frauenfeld, die dort eine sehr große Abflusskapazität besitzt. In dem 8 km langen Stollen könne man, so die Planung, bis zu 550 m3/s ableiten ("... er erhielte die Dimension eines Verkehrstunnels"; Vischer 1989). Zum anderen wurde überlegt, ob man nicht Stein mit einem ebenfalls mehrere Kilometer langen Umleitungsstollen von Eschenz bis Rheinklingen umgehen könne, alternativ rechts- oder linksseitig.

Doch die Widerstände sind größer geworden

Soweit die lange Geschichte der Bemühungen, die Wasserstände des Bodensees zu regulieren. Als roter Faden zieht sich durch, dass fast zu allen Zeiten behauptet wird, die Probleme und damit der Handlungsbedarf seien größer geworden. Stand zu Beginn insbesondere die Hochwasserminderung im Vordergrund, kamen später - und immer gewichtiger - die Wasserkraftnutzung und die Schiffahrt hinzu. Die Bedeutung der Streunutzung spielt in den Planungen des 20. Jahrhunderts praktisch keine Rolle mehr. Um so mehr bekamen die Fragen des Naturschutzes im weitesten Sinne mehr Relevanz, so dass Planungen immer weniger störungsfrei abliefen und ihre "Offensivkraft", die sie im 19. Jahrhundert zweifellos hatten (es gab eigentlich keine ernsthaften Bedenken), weitgehend verloren. Der Gegenwind führte im Thurgau dazu, dass der Kanton sich gesetzlich verpflichtete, sich gegen jede Planung einer Bodensee-Regulierung einzusetzen. Doch haben Projektplanungen mit einer derart langen Geschichte eine erstaunliche Virulenz. In manchen Köpfen mögen noch Pläne und Wünsche schlummern. Aktuelle Anlässe, sie in die Öffentlichkeit zu bringen, gibt es allemal, wie der oben erwähnte Zeitungsartikel und die Anfrage des Schweizer Nationalrats beweisen.

Abbildung 4: Die bei Öhningen projektierte Grundschwelle mit aufgesetztem Schlauchwehr und linksseitig angeordneter Schiffschleuse (rechts zu erkennen); aus Vischer 1989.


Literaturhinweise

Göriz, K., 1841: Beiträge zur Kenntniß der württembergischen Landwirthschaft. Stuttgart und Tübingen

Grim, J., 1995: Die "alte Rheinmühle" in Konstanz und ihre Wirkungen als Regulierwehr. - Schriftenreihe der Frontinus-Gesellschaft 19: 59-69

Honsell, M., 1879: Der Bodensee und die Tieferlegung seiner Hochwasserstände. Eine hydrologische Studie. Stuttgart

Miller, K., 1880: Die Tieferlegung der Hochwasserstände des Bodensee`s. - Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensee`s und seiner Umgebung 10: 151-158

Sattler, W., 1927: Die Regulierung des Bodensees für Hochwasserschutz, Kraftnutzung und Schiffahrt. - Schweizerische Bauzeitung 89(6): 69-73

Seidelmann, W.-I., 1989: Schiffe über den Dächern von Geislingen. - Beiträge zur Landeskunde 5/89: 1-8

Vischer, D., 1989: Ideen zur Bodenseeregulierung. Ziele, Altes und Neues. - Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik 1/89: 32-37

1) Schriftliche Mitteilung von Prof. Dr. D. Vischer, Zürich.

2) Das Wollmatinger Ried ist heute ein Naturschutzgebiet von internationalem Rang.

3) Es ist anzunehmen, dass die beschriebenen Streuflächen auf Grund der regelmäßigen winterlichen Mahd und des vergleichsweise lichten Charakters ungleich artenreicher waren als die heute vorhandenen, nicht genutzten, dichten Schilfröhrichte. - Im Übrigen berichtet Göriz (1841) davon, man sei insbesondere im Bodenseegebiet dazu übergegangen, Schilf künstlich anzupflanzen, und zwar in Form von "Schnittlingen" oder "mit Wurzeln versehenen Ablegern".

4) Ein Bild, was mit dem von uns heute retrospektiv konstruierten eines völlig unbelasteten Bodensees nicht übereinstimmt.

5) Denke an das Hochwasser 1999!


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