Zeitschrift

Die arabische Welt
und der Westen


 

Heft 2 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

Buchbesprechungen

Das politische Porträt eines Landkreises

Karl Heinz Neser:

Politisches Leben im Neckar-Odenwald-Kreis - gestern und heute.

verlag regionalkultur,
Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Basel 2005
128 Seiten. 11,90 Euro

 

Es ist kein Zufall, wenn in einer Zeit wachsender internationaler Verflechtungen die Region seit längerem eine Renaissance erfährt. Das Bedürfnis nach regionaler Beheimatung und lokaler Identität nimmt zu, ein Trend, der sich auch in den Auflageziffern der Verlage widerspiegelt. Doch profitieren von diesem Identifikationsbedürfnis auch die Landkreise oder bildet sich regionales Bewusstsein doch eher über die Gemeinde, die Stadt oder die historisch gewachsene Region? Vor allem auch deshalb, weil der Landkreis von den Bürgern eher als Verwaltungseinheit wahrgenommen wird und der territoriale Zuschnitt der heutigen Kreise erst vor gut 30 Jahren erfolgte, wobei ja primär Gesichtspunkte der Effizienz den Ausschlag gaben.

Wie es dennoch überzeugend gelingen kann, identitätsstiftende Potenziale in der Raumschaft Landkreis aufzuspüren und herauszuarbeiten wurde nun für den Neckar-Odenwald-Kreis exemplarisch dokumentiert. Verfasser des im verlag regionalkultur erschienenen Buches ist Karl Heinz Neser, der als langjähriger Kommunal- und Kreispolitiker in der Region fest verwurzelt ist. Die ausgesprochen lesefreundlich gestaltete Publikation hat die historisch-politische Entwicklung im Gebiet des heutigen Neckar-Odenwald-Kreises in den letzten 150 Jahren zum Gegenstand. Sie ist die Summe zahlreicher Einzelveröffentlichungen, die der Autor seit längerem zu verschiedenen historischen und politischen Fragestellungen im weiten Feld der Landeskunde vorgelegt hat. Die Darstellung beruht auf gründlichen Archivstudien, bietet eine Fülle an Bildmaterial, Grafiken, Dokumenten sowie kartographischen und tabellarischen Übersichten. Sie enthält in den meisten Kapiteln auch biografische Porträts bedeutender regionaler Persönlichkeiten, was dem Buch auch eine menschliche Komponente beimischt. Erwähnt sei auch, dass ein sorgfältig aufbereiteter Orts- und Personenindex dem eiligen Leser rasche Orientierung bietet.

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert, wobei das Gebiet des heutigen Landkreises das raumschaftliche Suchraster bildet, das der Bearbeitung durchgängig zugrunde liegt. Einleitend kommen zunächst die Veränderungen in den Blick, die die territoriale Zugehörigkeit der Region über die Jahrhunderte bestimmt haben. Der Bogen spannt sich von den Feudalstrukturen des Alten Reichs über die 1806 einsetzende badische Ära bis hin zur territorialen Neuordnung im Südwesten nach 1945, bevor die Kreisreform von 1973 den Schlusspunkt setzte. Allerdings geht es dabei nicht nur um neue Grenzziehungen, sondern auch um genuin Politisches: Neser berichtet über "Badisch Sibirien" im Großherzogtum wie auch über die soziale Notstandssituation der Region nach dem Zweiten Weltkrieg. Viel Raum widmet der Autor auch der leidenschaftlich geführten Kontroverse über die Südweststaatsfrage, bevor er die ebenfalls unter schmerzhaften Geburtswehen erfolgte Gründung des heutigen Landkreises beschreibt. Er wurde im Zuge der Kreisreform von 1973 aus den seit 1939 bestehenden Altkreisen Buchen und Mosbach gebildet.

Die Folgekapitel rücken die politische Geschichte in den Mittelpunkt. Den Auftakt bildet ein historischer Längsschnitt über die Entwicklung der regionalen Presselandschaft. Die Anfänge des Zeitungswesens im Vormärz, die Zeit der Revolution und der Restauration, die Gründung weiterer Lokalzeitungen im Kaiserreich und der Weimarer Republik kommen ebenso in den Blick wie die Veränderungen vor und nach 1945. An das Thema Presse schließt sich eine Dokumentation der regionalen Abläufe der Revolution von 1848/49 an. Untersucht wird etwa die Bedeutung der Agrarunruhen im badischen Frankenland, die jedoch weniger politischer als vielmehr sozialer Natur waren. Politischer ging es dagegen in den bürgerlich geprägten Amtsstädten zu, wo das revolutionäre Gedankengut reichlich Nährboden fand. Der Zulauf in den Volksvereinen, einer Vorform der politischen Parteien, war außerordentlich groß. Im Gebiet des heutigen Landkreises gab es immerhin in 47 von 118 Ortschaften solche "Bürgerinitiativen". Sehr gut besucht waren auch die Volksversammlungen, im Mai 1849 zählte man in Buchen 10.000 Menschen. Nach dem Scheitern der Revolution wurden über 70 Revolutionäre aus der Region abgeurteilt, darunter auch Friedrich Heuß, der Uronkel des ersten Bundespräsidenten. Ihm, der als "Neckar-Napoleon" sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat, ist ein umfangreiches Porträt gewidmet.

Ein längerer Abschnitt befasst sich mit der politischen Entwicklung im Kaiserreich, wobei der Kulturkampf, der in der überwiegend katholisch geprägten Region mit besonderer Heftigkeit geführt wurde, im Vordergrund steht. Neser schildert die politische Mobilisierung des Katholizismus, der sich in Vereinen und schließlich im Zentrum parteipolitisch organisierte und bei den Reichtagswahlen mit mehr als der Hälfte der Wählerstimmen zur politisch bestimmenden Kraft wurde. Bedeutendster Repräsentant des Zentrums im ersten Reichstag war der Mainzer Bischof von Ketteler, der 1871 den im heutigen Kreisgebiet liegenden Wahlkreis 14 eroberte. Seine Persönlichkeit wird in einem ausführlichen Porträt gewürdigt.

Nach einer knapp gehaltenen Erörterung des regionalen Geschehens während der Revolution von 1918/19 und der Weimarer Republik folgt eine relativ breite Darstellung der Ereignisse im Dritten Reich. Organisationsgrad, Mitgliederzahlen und Wahlerfolge der NSDAP haben sich im Kreisgebiet insgesamt nur sehr zögerlich nach oben entwickelt. Dies gilt vor allem für die katholisch geprägten Ortschaften des Bezirkes Buchen, während in den protestantisch geprägten Bezirken Adelsheim und Mosbach die Nationalsozialisten früher und stärker Fuß fassen konnten. Nach der Machtergreifung regte sich im Kreisgebiet insgesamt jedoch in allen Lagern nur noch verhaltener Widerstand gegen die Gleichschaltung. Eine Ausnahme bildeten manche Gemeinderäte und insbesondere viele katholische Geistliche, die trotz intensiver Überwachung den Mut zur öffentlichen Kritik aufbrachten.

Das letzte Kapitel des Buches über die Nachkriegsentwicklung ist mit Abstand zugleich das längste. Ausgehend von der Neugründung der politischen Parteien nach 1945 beschreibt Neser sodann die Weiterentwicklung des Parteienspektrums bis in die Gegenwart. Umfassend werden als wichtiger kommunalpolitischer Faktor auch die Freien Wähler einbezogen. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Organisations- und Mitgliederentwicklung der Parteien sowie der Würdigung der politischen Akteure. Ein weiteres Teilkapitel hat die Wahlen auf den Ebenen der Gemeinden, des Landkreises, des Landtags, des Bundestags und zum Europäischen Parlament zum Gegenstand. Die Darstellung konzentriert sich auf die systematische Dokumentation von Stimmenanteilen, Mandatsverteilungen unter den Fraktionen sowie die namentliche Auflistung von Mandatsträgern. Der Leser erhält jedoch auch Informationen über die Gründe von Wählerwanderungen, den Wandel der Wählermotive und die abnehmende Bedeutung traditioneller Hochburgen. Abgerundet wird das Buch schließlich durch eine Reihe politischer Porträts, in denen sowohl bedeutende Nachkriegspersönlichkeiten als auch die einzelnen Landräte des Kreises vorgestellt werden.

Dem Buch ist insgesamt eine breite Leserschaft in der Region zu wünschen. Vor allem im Bereich der Landeskunde und der politischen Bildungsarbeit stellt es eine bedeutende Pionierleistung dar, von der zu wünschen ist, dass sie auch auf andere Landkreise ansteckend wirkt.

Gerd F. Hepp

 

Hommage auf Kurt Gerhard Fischer

Dietrich Zitzlaff (unter Mitarbeit von Jürgen Walther):

"Es wäre ein Schaden für uns, wenn wir ihn vergäßen" - Kurt Gerhard Fischer (5. Januar 1928 bis 1. Dezember 2001).

Materialien und Dokumentationen der Studiengesellschaft für Sozialwissenschaften und Politische Bildung. Heft 1. Hamburg 2004, 96 Seiten.

(Bezug: Studiengesellschaft für Sozialwissenschaften und Politische Bildung, Jörn-Uhl-Weg 15, 22587 Hamburg)

"Stoffbewältigung, Gewinnung und Verarbeitung von Einsichten sind beherrscht von der ständigen Unruhe, dass Freiheit und damit menschlich-menschenwürdiges Dasein im 20. Jahrhundert auf eine eigenartige, einmalige Weise bedroht sind." - aus eben diesem Satz liest Walter Gagel in seiner "Geschichte der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland 1945 -1989" (Opladen 1994) Kurt Gerhard Fischers Grunderfahrung heraus. Fischer erlebte zwei totalitäre Systeme: in seiner Jugend den Nationalsozialismus und als junger Student in Leipzig den Kommunismus in der sowjetischen Besatzungszone. Diese Erfahrung formte die Einsicht, dass politische Bildung auf die Übernahme eines demokratischen Wertesystems abzuzielen habe. Die prägende Wirkung Fischers auf die noch junge Disziplin der Politikdidaktik setzte mit dem von ihm und zwei weiteren Autoren verfassten Buch "Der politische Unterricht" (1. Auflage 1960) ein. Dieser ersten wissenschaftlichen Konzeption einer Didaktik des Politikunterrichts, die entscheidend zur so genannten "didaktischen Wende" und zur Konstituierung einer eigenständigen Fachdidaktik beitrug, folgte der inzwischen als Klassiker geltende Sammelband "Zum aktuellen Stand der Theorie und Didaktik der Politischen Bildung" (1. Auflage 1975). So hat insbesondere das von Fischer formulierte "Konzept der Einsichten" noch bis heute Relevanz. Spricht doch aus diesem Konzept das gesunde Misstrauen gegen jede Form der technokratischen Vermittlung von (und in standardisierten Evaluationen abrufbarem bzw. abprüfbarem) Wissen.

Kurt Gerhard Fischer verstarb 2001 in Italien, wo er seit seinem Ruhestand lebte und die dortige Lebensart genoss. Dass sich italienisches Dolce Vita, das seit den Zeiten der so genannten "Toskana-Fraktion" leider etwas in Verruf geriet, und "preußischer Arbeitsstil" (Wolfgang Sander) nicht widersprechen müssen, belegt das umfangreiche literarische und wissenschaftliche Werk von Kurt Gerhard Fischer. Fischer gehört zweifelsohne zu den wegbereitenden und großen Didaktikern der politischen Bildung. Anstatt sich also "didaktischen Aufgeregtheiten" hinzugeben und scheinbare Neuanfänge zu propagieren, spricht Gotthard Breit unlängst in einer Rezension der oben genannten Schrift die Empfehlung aus: "Seine [Kurt Gerhard Fischers] Schriften zu lesen ist heute für Didaktikerinnen und Didaktiker ebenso von Nutzen wie für Politiklehrer und -lehrerinnen."

Das immense Schaffen und vor allem die Vielfalt der "im besten Wortsinne schillernden Persönlichkeit" (Wolfgang Sander) Fischers belegt eindrucksvoll die von Sachverstand getragene und mit der bekannten Sorgfalt erstellte Bibliographie von Dietrich Zitzlaff (unter Mitarbeit von Jürgen Walther). Diejenigen, die Dietrich Zitzlaff kennen und schätzen, wissen um seine großen Verdienste und vor allem um seine pflichtbewussten Recherchearbeiten im Feld politikwissenschaftlicher und fachdidaktischer Literatur. Dietrich Zitzlaff hat Fischers Aufsätze, Schriften und Publikationen, beginnend mit dem Jahr 1952 bis ins Jahr 1999 reichend, liebevoll zusammengestellt, mit Querverweisen und vor allem mit überaus lesenswerten Kommentaren versehen. Abgerundet wird die Dokumentation, die einem "kleinen Meisterwerk" (Siegfried George) gleichkommt und eine unverzichtbare Orientierungshilfe darstellt, durch Nachrufe, ein umfangreiches Personen- und akribisch erarbeitetes Sachregister. Dietrich Zitzlaff erbringt mit dieser Zusammenschau einmal mehr den Nachweis, dass sich Kurt Gerhard Fischer beileibe in keine Schublade stecken ließ. Fischer, der sich selbst als "Sch…liberaler" bezeichnete, ging keinem sachlich ausgetragenen Streit aus dem Weg und - obwohl von der Tageszeitung mit den großen Buchstaben in die "linke Ecke" gestellt - bezog auch gegen "das linke Milieu in der politischen Bildung" (Wolfgang Sander) eindeutig Position. Die Vielseitigkeit von Fischers Wirken zeigt sich nicht zuletzt in der Umschreibung von Dietrich Zitzlaff, der ihn als "Historiker der Pädagogik, Erwachsenenbildner, Berufs- und Hochschullehrer, Literat, Experte der Politischen Bildung" charakterisiert.

Siegfried Frech


 

 

 

 


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