Zeitschrift

Die arabische Welt
und der Westen


 

Heft 2 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Stärkung der Zivilgesellschaft durch Kulturdialog
 

Vorreiter im Kulturdialog - das Institut für Auslandsbeziehungen

  Sebastian Körber

 


Einleitend stellt Sebastian Körber am Beispiel der Vereinigten Staaten dar, dass eine gut gemeinte Kulturarbeit die Folgen einer verfehlten Außenpolitik nicht wettmachen kann. Diesem einseitigen Verständnis Auswärtiger Kulturpolitik setzen europäische Staaten eher eine "Kultur des Zuhörens" entgegen. Das in Stuttgart ansässige Institut für Auslandesbeziehungen (ifa) hat diese "Kultur des Zuhörens" in seinen vielfältigen Beziehungen mit der arabisch-islamischen Welt zum Leitbild und Grundprinzip seiner Arbeit erklärt. In Form von Ausstellungen, in Workshops mit Wissenschaftlern, Medienexperten oder im Bereich der Multiplikatorenfortbildung und nicht zuletzt in den Publikationen des Instituts wird stets auf eine sich gegenseitig respektierende Form des Dialogs geachtet. Nur ein solches Dialogverständnis kann die Rolle der Zivilgesellschaft in den internationalen Austauschbeziehungen stärken.

 

Gut gemeinte Kulturarbeit - verfehlte Aussenpolitik

"Warum hassen sie uns?", fragten amerikanische Zeitungen nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Noch bevor die US-Regierung je ernsthaft nach Antworten auf diese Frage gesucht hatte, zog sie in den Krieg. Mit der Folge, dass das Misstrauen gegenüber den Amerikanern und der westlichen Welt in den arabischen Staaten seither noch gestiegen ist. Nur 5 Prozent der Jordanier und 6 Prozent der Ägypter, so ermittelten die Umfragen des renommierten Pew Research Centers in Washington, hatten 2004 noch eine positive Meinung von den Vereinigten Staaten. Dagegen fand jeder fünfte Jordanier und zwei Drittel der Pakistanis Osama Bin Laden sympathisch. "Wie konnte es einem Mann in einer Höhle gelingen, die weltweit führende Informationsmacht kommunikativ auszumanövrieren?", fragte sich daraufhin nicht nur der ehemalige US-Botschafter Richard Holbrooke angesichts des dramatischen Vertrauensverlusts der USA. Sämtliche Bemühungen Washingtons, des Anti-Amerikanismus in der muslimischen Welt Herr zu werden, scheiterten kläglich. Auch die von Außenminister Colin Powell als PR-Chefin eingesetzte Werbefachfrau Charlotte Beers, vorher erfolgreich für Uncle Ben's Rice tätig, gab ihren Job nach 17 Monaten völlig entnervt auf. Schließlich versuchten es die Amerikaner mit bewährten Mitteln aus dem Kalten Krieg. "Wir führen keinen Krieg gegen den Terror, sondern wir befinden uns in einem Kampf der Ideen", hieß es in der New York Times. Und: "Wir glauben, der Kampf spiele sich am Boden ab, aber die Gegner wissen, dass er in Wahrheit über Satelliten-TV ausgetragen wird." Aber auch arabischsprachige Medien wie das "Hi-Magazine" oder "Al Hurra TV" und "Radio Sawa", mit denen die US-Regierung junge Araber amerikafreundlicher stimmen wollte, schafften nur bescheidene Erfolge. Auch eine noch so gute Kulturarbeit kann die Folgen einer verfehlten Außenpolitik nicht ausbügeln. Oder wie es der amerikanische Publizist Ramesh Ponnuro treffend ausdrückt: "Auswärtige Kulturpolitik kann kein Blei in Gold verwandeln."

 

Europäer praktizieren eine "Kultur des Zuhörens"

Spätestens seit dem 11. September ist klar geworden, dass der Dialog der Kulturen keine akademische Beschäftigung für Schöngeister ist, sondern ein zentraler Aspekt internationaler Beziehungen. Aber die Vorstellungen darüber, wie der Dialog zu führen ist, klaffen sehr weit auseinander.

Dem eher einseitigen Verständnis Auswärtiger Kulturpolitik Washingtons setzen die Europäer ansatzweise eine "Kultur des Zuhörens" entgegen. Seien es das Pariser Institut du Monde Arabe oder die Frankfurter Buchmesse mit der arabischen Welt als Ehrengast: Einrichtungen und Veranstaltungen dieser Art sind ein Beleg für die Erkenntnis, dass Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen sind. Gerade die weltgrößte Bücherschau in Frankfurt mit ihrer Schwerpunktsetzung auf die arabische Welt 2004 hat dazu beigetragen, dass der Buchmarkt ein größeres Interesse an arabischen Autoren entwickelte. Die politische Bedeutung des Ereignisses hat für zahlreiche Sonderbeilagen in den Tagesmedien und eine dementsprechend große Breitenwirkung gesorgt. Hunderte von Lesungen, Ausstellungen und Konzerte gaben arabischen Künstlern eine Bühne. Auch wenn außerhalb der organisierten Podiumsdiskussionen möglicherweise zu wenig Dialog zwischen den Kulturschaffenden in Gang kam und den arabischen Staaten vornehmlich an politischer Selbstdarstellung gelegen war, brachte die Messe einen spürbaren Schub für den Dialog mit der islamischen Welt.

 

Vorreiterrolle im europäisch-islamischen Kulturdialog

Einer der Beteiligten und Vorreiter im europäisch-islamischen Kulturdialog ist das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart. Als Partner des Auswärtigen Amts will es den Respekt gegenüber anderen Kulturen fördern und die Rolle der Zivilgesellschaften in den internationalen Beziehungen stärken. Gerade im Verhältnis zu islamisch geprägten Ländern hat der Kulturdialog in den vergangenen Jahren an politischer Bedeutung gewonnen und steht gleichrangig neben Wirtschafts- und Sicherheitsfragen. In einem Klima von Offenheit und Kritikfähigkeit bringt das ifa Multiplikatoren in Workshops, Konferenzen und anlässlich von Ausstellungen zusammen, um den Informationsaustausch zu vertiefen und gegenseitige Feindbilder abzubauen.

Als Seismographen und Antreiber für gesellschaftliche Veränderungen stehen Künstler, Wissenschaftler und Journalisten im Mittelpunkt der ifa-Programme. So fördern persönliche Begegnungen in Künstler-Workshops und gezielte Austauschprogramme wie das Rave-Stipendium für junge Kuratoren und Restauratoren in einem ständig erweiterten Netzwerk den internationalen und interkulturellen Wertediskurs. Seit Jahren veranstaltet das ifa Konferenzen mit Journalisten aus Deutschland und islamisch geprägten Ländern über ein breites Spektrum von Presse- und Medienfragen. Die Internetangebote der ifa-Bibliothek, die Themenhefte der Zeitschrift "Kulturaustausch" und das Internet-Portal "qantara.de", an dem sich das ifa beteiligt, untermauern den europäisch-islamischen Dialog mit relevanten Informationen und Debatten ebenso wie das vom ifa herausgebrachte Online-Magazin "Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt" auf den Internetseiten von universes-in-universe.de

Seine Rolle als Impulsgeber für den europäisch-islamischen Kulturdialog hat das ifa insbesondere mit dem 2004 erschienen Report "Der Westen und die islamische Welt" unterstrichen, einer Bestandsaufnahme der gegenseitigen Beziehungen aus muslimischer Sicht. Der Report ist Teil des ifa-Forums "Dialog und Verständigung", zu dem auch ein Austauschprogramm für junge Berufsanfänger (Cross-Culture-Praktika) und ein Projekt über politische Gewalt im Westen und in der islamischen Welt gehören.

In diesem Report formulierte eine unabhängige Autorengruppe muslimischer Intellektueller ihre Sicht der Kernprobleme zwischen westlicher und islamischer Welt. Welche Chancen haben Dialog und Verständigung im Schatten des Terrors? Die Autoren gehen auf die historischen Wurzeln der Konfrontation zwischen dem Westen und der islamischen Welt ein, benennen die Stereotypen und Vorurteile, die einem konstruktiven Dialog im Wege stehen und liefern schließlich Empfehlungen und Ansatzpunkte für eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft.

 

Keine Ritualisierung des interkulturellen Dialogs

Oft bleiben politisch motivierte Dialog-Veranstaltungen bei rituellen Bezeugungen des guten Willens, bei Propaganda für die eigene Position und beim oberflächlichen Austausch von Höflichkeiten stehen. Will man Alibi-Veranstaltungen künftig vermeiden, muss man Mittel und Wege finden, um der Ritualisierung des interkulturellen Dialogs zu entgehen. Dazu gehört an erster Stelle, dass der Dialog auf beiden Seiten eine Vielzahl widersprüchlicher Akteure und Positionen einbezieht. Die Verkürzung auf zwei Seiten (Westen-Islam) wird den komplexen Realitäten in der westlichen und muslimischen Welt nicht gerecht. Natürlich gehört zu einer Kultur des Zuhörens auch die Bereitschaft, eigene Positionen zu hinterfragen. Universitäten sollten gemeinsame Forschungsprogramme ins Leben rufen, um die beteiligten Wissenschaftler und Institute besser zu vernetzen. Multiplikatoren wie Lehrer, Journalisten, Intellektuelle und Entscheidungsträger müssen besser beteiligt werden, um gegenseitige Blockaden abzubauen und irrationalen Ängsten früh zu begegnen. Unter solchen Bedingungen wäre der interkulturelle Dialog imstande, negative Wahrnehmungen und Stereotype abzubauen und durch Verständnis und Kooperation zu ersetzen. Die Autoren des Reports plädieren unter anderem für die Einrichtung von Sonderprogrammen für gemeinsame Forschungsvorhaben an Universitäten und Forschungsinstituten und die gemeinsame Durchsicht von Schul- und Lehrbüchern auf beiden Seiten.

 

Anregung zu ausgewogener und objektiver Berichterstattung

Einen besonderen Schwerpunkt legt das ifa auf Projekte zur Verbesserung der Medienberichterstattung auf beiden Seiten, bzw. Bemühungen, eine ausgewogene, professionelle und objektive Berichterstattung anzuregen. So richtet das ifa seit beinahe zehn Jahren - zunächst in Partnerschaft mit dem Bundespresseamt und seit der Überführung der Auslandsabteilung ins Außenministerium in Partnerschaft mit dem Auswärtigen Amt - so genannte "deutsch-arabische Mediendialoge" aus. Der erste Mediendialog fand 1997 in Heidelberg statt. Pressevertreter und Medienexperten aus elf arabischen Ländern sowie Deutschland und der Schweiz diskutierten die Rolle der Medien in den deutsch-arabischen Beziehungen und suchten nach Möglichkeiten, wechselseitigen Stereotypen und Bedrohungsvorstellungen entgegenzuwirken. Schon während der Tagung selbst stellte es sich als überaus hilfreich heraus, dass die Betroffenen selbst am Tisch saßen und sofort auf Kritik reagieren konnten. So wurde von den anwesenden arabischen Journalisten selbst die "Verschwörungstheorie", wonach eine bewusst simplifizierende und mit Vorurteilen beladene Berichterstattung im Westen auf gesteuerte Weise das "Feindbild Islam" schüre, als unzureichend enttarnt und stattdessen das Informationsdefizit auf beiden Seiten in den Mittelpunkt gerückt. Seit diesem erfolgreichen Auftakt finden die Mediendialoge regelmäßig statt und werden abwechselnd in arabischen Ländern oder in Deutschland ausgetragen. Nachdem anfänglich generelle Verständigungsschwierigkeiten behandelt wurden, fokussiert man sich inzwischen in den jeweiligen Veranstaltungen auf einzelne Kernaspekte, sei es die gesellschaftliche und rechtliche Stellung der Frau, die kulturelle Globalisierung, oder Jugend und politische Partizipation.

 

Begegnung mit Bildender Kunst

Als führende deutsche Institution im internationalen Kunstaustausch bemüht sich das ifa auch im Bereich der Bildenden Kunst um eine "Kultur des Zuhörens". Mit der Ausstellungsreihe "Islamische Welten" bietet es einem breiten Publikum ein vielschichtiges und realistisches Bild vom Leben in der islamisch geprägten Welt: Künstler, Architekten und Designer, unter anderem aus Marokko, Ägypten, dem Libanon, Syrien, Jordanien, Iran und Irak, aus Usbekistan und Kasachstan, Pakistan und Indien, zeigen, dass in ihrer Lebenswirklichkeit und in ihrer Kunst wesentlich mehr kreative Entwicklungen zu verzeichnen sind, als den meisten westlichen Besuchern bekannt sind. Allein im Zeitraum 2004 bis 2006 haben die ifa-Galerien Stuttgart und Berlin acht neue Ausstellungen aus "Islamischen Welten" realisiert. Die Schwerpunkte liegen auf zeitgenössischer Architektur, Fotografie und Design ebenso wie auf Medien und Gattungen, die den Alltag unmittelbar prägen und abbilden und somit einen direkten Einblick in das moderne Leben in Kairo, Beirut, in Teheran oder Karatschi bieten.

 

Zeitschrift "Kulturaustausch" als Forum

Jahrzehntelang ist die "Zweibahnstraße" im Kulturaustausch beschworen worden. Das Institut für Auslandsbeziehungen setzt sie um. Dazu gehört auch die Zeitschrift "Kulturaustausch", die Autoren aus islamisch geprägten Ländern immer wieder ein Forum bietet. Sie redet also nicht nur über den Dialog der Kulturen, sondern praktiziert ihn. Die Gelegenheit, einen solchen produktiven Austausch in den unterschiedlichsten Feldern von Kultur und Gesellschaft in Gang zu setzen, ist günstig. Denn neben aller Angst und Bedrohungsszenarien angesichts des "islamischen Terrors" ist in den westlichen Ländern auch das Interesse an der arabischen Welt und dem Islam neu entfacht. Dies hat nicht zuletzt der große Besucherandrang bei der Frankfurter Buchmesse mit dem entsprechenden Fokus gezeigt. Allerdings darf man nicht übersehen, dass vor allem für die arabische Presse die Vereinigten Staaten, mögen sie auch noch so verhasst sein, nach wie vor den klaren Bezugspunkt bilden. "Europa, das in kulturellen und gesellschaftlichen Fragen ein zwar akzeptierter Partner ist, wird politisch nicht sonderlich ernst genommen", erklärt etwa der für verschiedene arabische Zeitungen und deutsche Rundfunksender arbeitende Journalist Hakam Abdel-Hadi.

 

DIE ZEITSCHRIFT „KULTURAUSTAUSCH“ BIETET AUTORINNEN UND AUTOREN AUS ISLAMISCH GEPRÄGTEN LÄNDERN IMMER WIEDER EIN FORUM.

 

Die Wiederbelebung der Mittelmeer-Idee

Nicht nur damit Europa wieder in eine Vermittlerrolle hineinwachsen kann, wäre es in dieser Situation hilfreich, die Mittelmeer-Idee wiederzubeleben. Wie sagte schon der französische Schriftsteller Jean Giono treffend: "Nicht über das Meer hinweg finden Austauschbeziehungen statt, sondern mit Hilfe des Meeres. Befände sich an seiner Stelle ein Kontinent, so wäre nichts aus Griechenland nach Arabien gedrungen, nichts Arabisches nach Spanien, aus dem Orient hätte sich nichts in der Provence gefunden und nichts Römisches in Tunis." Jenseits der Vielzahl von Konfliktherden im Mittelmeerraum besteht die wichtigste strategische Bruchlinie in den Köpfen. Der Konflikt der Zivilisationen, wie ihn unter anderem der sicherheitspolitische Vordenker der USA, Samuel P. Huntington prophezeit hat, stellt Islam und Abendland unerbittlich gegeneinander. Es liegt nicht zuletzt an den Bewohnern des Mittelmeerraums, an die Identität des Mittelmeers anzuknüpfen: das Mittelmeer als eine Welt zwischen dem Westen und dem Islam, als ein Raum der Vermittlung.

 

Sebastian Körber, geb. 1966, studierte Politikwissenschaften, Anglistik und Romanistik in Münster, Triest und Freiburg sowie "DESS Eurojournalisme" in Straßburg und Brüssel. Anschließend berichtete er als freier Korrespondent für die französische Nachrichtenagentur AFP aus Straßburg und Brüssel. Seit 1996 ist er beim Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) tätig. Von 1998 bis 2004 war er Chefredakteur der vom ifa herausgegebenen Zeitschrift für Kulturaustausch. Seit Januar 2005 ist er Leiter der Abteilung Medien des Instituts für Auslandsbeziehungen.

 


 

 

 

 


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