Zeitschrift

Die arabische Welt
und der Westen


 

Heft 2 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Geleitwort
 

Brücken und Wege zu Dialog und Verständigung

  PRINZ EL HASSAN BIN TALAL

 


Anlässlich der Vorlesungsreihe "Der Westen und die arabische Welt: Brücken und Wege zu Dialog und Verständigung" formulierte Prinz El Hassan bin Talal von Jordanien ein Gruß- und Geleitwort. Das Grußwort wurde von Dr. Ibrahim Ashary (Verein Arabischer Studenten und Akademiker Tübingen) auf Englisch vorgetragen.

Die Übersetzung aus dem Englischen besorgten Jessica Kneissler und Ute Bechdolf (Deutsch-Amerikanisches Institut Tübingen).

 

Mit Bedauern und gleichzeitig mit Freude grüße ich Sie heute anlässlich der Vorlesungsreihe "Der Westen und die arabische Welt: Brücken und Wege zu Dialog und Verständigung" - mit Bedauern, da mein Terminplan es mir nicht erlaubt, heute in Tübingen anwesend zu sein, und dennoch mit Freude darüber, dass die einleitenden Worte in meinem Namen gesprochen werden.

Der Dialog und der Versuch, den "Anderen" im Kontext einer westlich-arabischen Welt zu verstehen, sind keine neuen Unterfangen. Die Interaktion zwischen den beiden Regionen war über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren immer ein steter Fluss, ein Austausch von Waren, Ideen und Menschen, die zu einem gemeinsamen mediterranen Erbe beigetragen haben. Seit dem 11. September hat der Dialog allerdings eine neue Dimension angenommen. Die Themen Zivilisation, Kultur und Globalisierung sind zu Schlüsselfaktoren geworden bei der Auseinandersetzung mit Menschen, die aus so genannten "fremden" Ländern stammen.

Professor Mircea Malitza von der Black Sea University sprach kürzlich von "einer Welt und 10.000 Kulturen". Das ist auch mein Verständnis von Kultur: ein weltweites Teilen von Werten. In diesem Zusammenhang sehe ich Kultur auch als einen Mechanismus, der Konflikte vermeiden hilft. Ich möchte also gern dazu anregen, dass wir uns mit vereinten Kräften um eine gemeinsame Geisteshaltung bemühen - ich sage dies vor dem Hintergrund meiner bisherigen Arbeit am Dialog zwischen Kulturen und Zivilisationen. Ich glaube an eine Interaktion zwischen meiner Kultur und Ihrer Kultur, denn wenn Sie zurückblicken auf die Keilschriften und auf Mesopotamien, werden Sie auf das Buch des tugendhaften Märtyrers ("Book of the Virtuous Sufferer") und das Buch Hiob stoßen und Sie werden erkennen, dass es vieles gibt, das uns verbindet. Ich möchte allerdings vorschlagen, dass wir heute nicht über Metaphysik sprechen, sondern darüber, wie wir eine gemeinsame Denkweise fördern können, mit der wir Armut, Rassismus, Terrorismus, Ungleichheit, Hass und Intoleranz bekämpfen können - als einen unumgänglichen moralischen Imperativ für jeden von uns. In dem Bestreben, ein Forum zu schaffen, das solche kulturellen Fragen an die erste Stelle setzt, habe ich im Juni dieses Jahres das "Parlament der Kulturen" in Istanbul mitbegründet. Meine Hoffnung ist es, dass diese Initiative den Impuls gibt für weitere Projekte wie zum Beispiel die "School of Mediterranean Humanities".1

Das mächtige und komplexe Phänomen der Globalisierung hat die Möglichkeiten des Dialogs, der Verständigung und Koexistenz gewaltig erweitert, wobei ein bisher ungeahntes Maß an Verbundenheit erreicht wurde. Globalisierung ist ein Faktum. Ein Faktum, dem wir uns voll und ganz stellen müssen. Das soll jedoch nicht heißen, dass wir uns mit der Idee einer langweiligen homogenen Welt abfinden sollten, die von einer einzigen kulturellen Perspektive geprägt ist, im Gegenteil. Die gemäßigten Stimmen jeder Kultur und Gesellschaft zusammenzubringen, war in den letzten Jahren eine größere Herausforderung, nicht nur die Stimmen gegen den Extremismus, der alle Zivilisation bedroht, sondern auch die Stimmen für eine lebenswerte Zukunft.

 


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KONFESSIONEN ÜBERSCHREITENDES FESTHALTEN AN GEMEINSAMEN HUMANITÄREN WERTEN IST EINE NOTWENDIGE VORAUSSETZUNG FÜR EINE FUNKTIONIERENDE BÜRGERGESELLSCHAFT. MIT EINEM GEMEINSAMEN GEBET GEDENKEN CHRISTEN UND MUSLIME DER OPFER, DIE BEI DEN TERRORANSCHLÄGEN AM 11.9.2001 UMS LEBEN GEKOMMEN SIND.

picture alliance / dpa

 

Globalisierung suggeriert, dass eine Kultur unweigerlich alle anderen dominieren wird, und besagte Kultur ist ein westlicher, säkularer Materialismus, der vielen Völkern fremd ist. Humanitäre Ziele können jedoch nur dann erreicht werden, wenn wir uns auf die Werte von Menschen einlassen. Diese sind keine unveränderlichen Abstrakta, sondern stützen sich in ihrer Identität auf ein Gefühl von kultureller und traditioneller Sicherheit, auf ihre "soft security" - und diese schließt ihre religiöse Kultur mit ein. Die Wirtschaft ist dabei durchaus von Bedeutung, doch sie hängt von politischen Schwankungen ab, und Politik wiederum ist häufig von Eigennutz gesteuert. Ich setze mich daher schon seit längerem für eine Richtungsänderung ein: weg von der "Ökonopolitik" oder "Petropolitik" hin zu einer "Anthropolitik" - einer Politik, die das Wohlergehen des einzelnen Menschen zum Ziel hat. Der israelische Regierungsberater Yehezkel Dror schreibt in ähnlicher Weise von einer notwendigen Bewegung von der "Staatskunst" hin zur "Menschenkunst", von "raison d'état" zu "raison d'humanité".

Ich glaube an eine Globalisierung von Werten - nicht nur an eine Globalisierung von Politik und Wirtschaft. Wenn der 11. September eine neue Weltordnung verursacht hat, glaube ich, dass es eine Ordnung ist, die einer bestimmten Richtung und bestimmten Zielen unterworfen ist, so wie es jede menschliche Weltordnung sein muss. Nur wenn wir global denken und regional handeln, können wir das Universale aufwerten und gleichzeitig unsere Unterschiede respektieren. Als ich im letzten Jahr in Paris von der Sorbonne eine Ehrendoktorwürde erhielt, sprach ich über die Bedeutung einer "conscience universelle et valeurs partagés" - eines globalen Bewusstseins und gemeinsamer Werte. Übertragen wir diese Denkweise auf die internationalen Beziehungen, beispielsweise auf den Nahen Osten oder andere konfliktreiche Regionen, brauchen wir einen Verhaltenskodex für staatliche wie auch für nicht-staatliche Akteure. Wir sollten uns alle auf eine international anerkannte Richtlinie von Normen und Maßstäben einigen.

Ein Dialog der Zivilisationen sollte nicht automatisch mit einem "clash of civilisations", einem Zusammenprall der Kulturen in Verbindung gebracht werden. Samuel Huntington sieht Kulturen letztendlich vor allem durch Religion definiert. Sprechen wir dann also von einem Dialog der Religionen? Dialog zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften ist meiner Meinung nach tatsächlich von großer Bedeutung. Aber dieser stellt nur einen Teil des ausgedehnten Dialogs zwischen und innerhalb von Kulturen dar.

Aus meiner Sicht beginnt jeder Dialog mit der Überwindung von drei Ängsten: die Angst vor dem "Anderen", die Angst vor den eigenen Leuten in der Heimat - jeder von uns ist darauf bedacht, wie unsere Äußerungen zuhause aufgefasst werden -, und die Angst vor Frieden - wie eine Art Agoraphobie (d.h. eine Angst vor offenen Plätzen). Aus diesem Grund habe ich genauso wie Sadruddin Aga Khan [Anm. des Übers. UN-Hochkommissar für Flüchtlinge 1965-77] und viele andere bedeutende Philanthropen einen Beitrag zur Publikation "Winning the Human Race"2 von 1988 geleistet, in der wir zur Gründung einer "Neuen Internationalen Humanitären Ordnung"3 aufriefen. Dieser Vorschlag wurde der UN-Generalversammlung seit 1987 jedes Jahr aufs Neue vorgelegt und wurde jedes Mal einstimmig befürwortet.

"To know is to love" - kennen heißt lieben: Wenn wir einfach mehr übereinander herausfinden und uns kennen lernen, gewinnen wir Empathie und verlieren das Potential für gewaltsame Konflikte. Aber die Fakten zeigen, dass dieses Prinzip nur teilweise gilt. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele der furchtbarsten Konflikte in Gemeinschaften ausgetragen wurden, die viele Jahre oder Generationen lang zusammen gelebt hatten, und dass es Konfrontationen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Religionen und ethnischen Gruppen gibt. Nachdem die "Konferenz gegen Rassismus" in Durban4 gescheitert war, wurde ich vom Generalsekretär der UN mit einer Gruppe von bedeutenden Experten nach Genf eingeladen. Eine unserer Empfehlungen war die eines "Racial Equality Index", ein Index zur Gleichstellung der Rassen, der eine wesentliche Grundlage für den Kampf gegen Diskriminierung liefern soll - aber ich fürchte, es ist noch nicht genug daran gearbeitet worden.

Im Kaukasus beispielsweise unterstützte das christliche Russland das muslimische Abchasien gegen das christliche Georgien, während der islamische Iran das christliche Armenien gegen das muslimische Aserbaidschan ausspielte. Im Libanon kannten sich die Muslime, Christen und Drusen gut; sie bekämpften sich dennoch gegenseitig und auch untereinander, innerhalb einzelner Sekten. Auf dem Balkan kam auf jeden Konflikt zwischen Muslimen und Christen ein weiterer zwischen den Glaubensgenossen selbst: Die Moldawier bekämpften die Russen, die Ungarn die Rumänen, die Mazedonier die Griechen und die Serben bekämpften die Kroaten.

Gegenseitige Vertrautheit reicht also nicht aus. Menschen können sich kennen und hassen. Unsere Anstrengungen, Bildung und Wissen zu verbessern, müssen weitergehen, in der Hoffnung, dass dies zur Verbesserung der Lage beiträgt, aber auch in dem Bewusstsein, dass Meinungsverschiedenheiten ebenfalls auftreten müssen und auftreten werden. Daher ist ein dauerhafter Frieden nicht machbar ohne erlernten Umgang mit zwangsläufig auftretenden Meinungsverschiedenheiten und Konflikten, die in einem zivilisierten Rahmen bereinigt werden müssen. Aus diesem Grund glaube ich fest daran, dass das "Forum 2000" in Prag, die Helsinki-Konferenz und auch die ständige Kommunikation der Bürger untereinander, sozusagen kleine Bürger-Konferenzen, unterstützt und ausgebaut werden sollte. Einen der ermutigendsten Momente in diesem Jahr erlebte ich, als ich auf einen Austausch zwischen zwei Männern hingewiesen wurde, in dem es um Schafzucht ging - und zwar zwischen einem Navajo-Indianer aus Albuquerque in New Mexico und einem jordanischen Beduinen aus der Gegend um Azraq. Das ist echtes "citizen's conferencing", das ist wahrer Dialog.

Ein zivilisierter Rahmen für Uneinigkeiten kann nicht durch den Geist von Toleranz allein begründet werden, denn, wie mein Freund Kenneth Cragg [Anm. des Übers. Religionswissenschaftler und ehemaliger anglikanischer Bischof] erklärt hat: Toleranz ist trügerisch. Toleranz kann Intoleranz nicht tolerieren. Ich möchte nicht von Ihnen toleriert werden, und ich möchte Sie nicht tolerieren. Ich würde Sie gerne respektieren; und ich möchte gerne, dass Sie, wenn schon nicht mich, dann wenigstens das, wofür ich stehe, respektieren. Das Papier der Unabhängigen Kommission für Internationale Menschenrechte, in dem auf die Notwendigkeit einer neuen internationalen Menschenrechtsordnung hingewiesen wird, umreißt Empfehlungen für den Fortschritt in Bereichen wie Bevölkerung, Umwelt, Armut, Terrorismus, Bürgerrechtsbewegungen, Frauen, Jugend, Technologie, Medien, bedrohte Minderheiten, bewaffnete Gewalt und anderes mehr. Als Grundprinzip haben wir im Schlussparagraphen festgelegt, dass "die Anerkennung des grundsätzlichen Werts des Einzelnen und der moralischen Werte, die von allen Gesellschaften geteilt werden, die entscheidende Kraft hinter der Anstrengung aller zum Wohle aller sein muss."

Vor vielen Jahren hielten wir in Windsor überkonfessionelle Gespräche zwischen Juden, Christen und Muslimen ab. Über einen Zeitraum von 25 Jahren haben wir wiederholt unsere gemeinsamen Erfahrungen und Arbeitskräfte zusammengebracht, um eine einzige Seite mit Prinzipien für einen abrahamischen Dialog zu verfassen. Wir erkannten, dass sehr wohl ähnliche Werte in den unterschiedlichen religiösen Traditionen existieren. Zusammenarbeit ist der einfachste Weg, um die Metaphysik zur Seite zu stellen und eine gemeinsame Basis zu schaffen. Politisch und ökonomisch gesehen bedeutet dies, dass die Beteiligung

jedes Einzelnen an der Bürgergesellschaft eine notwendige Voraussetzung ist für gesellschaftliche Identität und für einen starken gemeinschaftlichen Widerstand gegen Gewalt.

Sura 11 (Sura Hud), Vers 118, besagt: "Und hätte dein Herr es gewollt, so hätte Er die Menschen alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht; doch sie wollten nicht davon ablassen, uneins zu sein".

Die Themen, die Sie in dieser Reihe diskutieren werden, sind immens wichtig für das Streben nach einer friedlichen und harmonischen Welt, und es gibt keine bessere Gruppe in der Gesellschaft als gerade unsere Jugend, um diese Dinge zu erforschen: Ich wünsche gerade Ihnen eine sehr erfolgreiche und fruchtbare Auseinandersetzung und freue mich darauf, bald von Ihren Diskussionen und Befunden zu hören.

 

Unser Autor

Prinz El Hassan bin Talal ist ein herausragender Förderer der Beziehungen zwischen der arabischen und westlichen Welt. Die Katholisch-Theologische Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen verlieh Prinz El Hassan bin Talal 2001 die Ehrendoktorwürde und würdigte so seine Verdienste, die er sich im interreligiösen Dialog zwischen Judentum, Christentum und Islam erworben hat.

 

1 Dies ist eines der drei Projekte, die das "Parlament der Kulturen" zur Förderung in Betracht zieht. Die Idee einer "School of Mediterranean Humanities" könnte als Möglichkeit betrachtet werden, die intellektuelle und kulturelle Lücke zwischen Westeuropa und dem Mittelmeerraum sowie dem Mittleren Osten und Osteuropa mithilfe eines neuen Curriculums zu "Terra Media Studies" zu schließen. Dieses Curriculum soll auf einer sorgfältigen Auswahl von Texten beruhen, die die gemeinsamen Wurzeln der mediterranen Zivilisation beleuchten.

2 Bericht der Unabhängigen Kommission für Humanitäre Angelegenheiten: Winning the Human Race. London 1988.

3 Resolution for a New International Humanitarian Order. Eingebracht von Jordanien und unterstützt von Algerien. 42. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UNGA), 9. Dezember 1987.

4 Bericht der Gruppe der unabhängigen Experten für die UN-Kommission für Menschenrechte über die Umsetzung der Erklärung von Durban und das Aktionsprogramm. Verabschiedet während des ersten Treffens vom 16. bis 18. September 2003 in Genf. Für weitere Informationen: http://www.unhchr.ch


 

 

 

 


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