Zeitschrift

Die arabische Welt
und der Westen


 

Heft 2 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Zwischen exotik und deutsch-arabischem Alltag
 

Zur deutschsprachigen Literatur arabischstämmiger Schriftsteller

  Manar Omar

"Der Orient ist eben trotz der erleichterten Verbindungen noch viel zu sehr das alte Fabelland, und über ihn darf man ungestraft erzählen, was man will."
(Salme Bint Said, Prinzessin von Oman und Sansibar; bekannt auch als Emily Ruete)


Die deutschsprachige Literatur arabischer bzw. arabischstämmiger Schriftsteller ist sprachlich, inhaltlich und von der Gattung her äußerst vielseitig. Obwohl die Schriftsteller der ersten Generation - die Pioniere der so genannten "Gastarbeiterliteratur" - in ihren Werken entschieden für Menschen aus der arabischen Welt eintraten, war und ist ihr literarisches Schaffen von den Erwartungen des deutschen Publikums und von dessen Ressentiments geprägt. Bis heute müssen arabischstämmige Schriftsteller mit der ihnen zugedachten Rolle des fabulierenden Geschichtenerzählers aus dem "märchenhaften Orient", der das Exotische, Sinnliche und Fantastische in den Mittelpunkt seiner Erzählungen stellt, ankämpfen. Wenn auch gelegentlich mit gängigen Klischees gespielt wird, so gilt das thematische Hauptinteresse der konfliktbehafteten Realität der arabischen Welt, der Zerstörung traditioneller Lebens- und Kulturformen durch den sozialen Wandel, der durch Bürgerkriege und Besatzung hervorgerufenen Gewalt. Die scheinbare Idylle des Orients entpuppt sich als bedrohlicher Ort und entlarvt die Projektionen der westlichen Sehnsüchte. Die zweite Generation arabischstämmiger Schriftsteller setzt sich in ihren Werken offensiv mit den Klischees und Stereotypen, dem vorurteilsbehafteten Bild der arabischen Frau und dem palästinensisch-israelischen Konflikt auseinander. Die Vielfalt des literarischen Schaffens und die Bereicherung des kulturellen Lebens hierzulande legen es nahe, so Manar Omar, von einer germanophonen Literatur arabischstämmiger Schriftsteller zu sprechen.

 

Kulturelle Vielfalt der arabischen Welt

Migranten in Deutschland sowie ihre Nachkommen, die arabischen Ursprungs sind oder arabische Wurzeln haben, bilden eine nicht geringe Minderheit,1 sind jedoch weniger präsent als die größeren russlanddeutschen, türkisch-, italienisch- oder polnischstämmigen Minderheiten. Im Gegensatz zu anderen Minoritäten ist die Mehrheit der eingewanderten Araber nicht als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, sondern als Studenten oder politische Flüchtlinge.2 Trotz vieler kultureller Gemeinsamkeiten sind sie gleichzeitig sehr verschieden, genauso wie die rund 280 Millionen Araber, die in den 22 arabischen Ländern und in Israel leben und die Arabisch als ihre Amts- oder Muttersprache verwenden. Zur Bevölkerung in der arabischen Region gehören neben der arabischen Mehrheit beispielsweise auch Kurden, Berber, Assyrer und Nubier. Die Selbstidentifikation bzw. das Zugehörigkeitsverständnis einerseits aber auch die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft andererseits in Bezug auf das Arabisch-Sein unterscheiden sich bei den Angehörigen dieser Gruppen. Während ein großer Teil arabisch sozialisiert ist, heben andere ihre Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit hervor. Darüber hinaus konnte die arabische Kultur über die Jahrhunderte hinweg eine religiöse Vielfalt bewahren. Neben der muslimischen Mehrheit existieren im arabischen Raum seit Jahrhunderten andere religiöse Gemeinschaften, wie Christen, Juden und Jesiden.

 

Literarische Vielseitigkeit

Die Literatur der in und außerhalb Deutschland lebenden arabischen bzw. arabischstämmigen Schriftsteller ist sprachlich, qualitativ, inhaltlich und von der Gattung her vielseitig. Sprachlich kann man sie in verschiedene Kategorien einteilen: Erstens gibt es eine Gruppe von Autoren, die in Deutschland leben und auf Arabisch schreiben. Dazu lassen sich Schriftsteller wie Abdalhakim Kassem (1934-1990), Amal Al-Joubury und Khaled Al-Maaly rechnen. Andere Schriftsteller wie Mustapha El-Hajaj, Jusuf Naoum, Rafik Schami, Huda Al-Hilali, Kaouther Tabai, Wadi Soudah, Ghazi Abdelqader, Hussein Al-Mozany oder Halima Alaiyan schreiben auf Deutsch, das sie meistens erst in ihrer Wahlheimat Deutschland erwarben und bilden damit eine zweite Gruppe. Hinzu kommt eine dritte Gruppe von arabischen Schriftstellern, die in ihrer Heimat leben, aber eine enge Bindung zu Deutschland haben und literarische Texte auf Deutsch veröffentlichten, wie Fawzi Boubia und Sumaya Farhat-Naser. Eine vierte Gruppe bilden Schriftsteller, für die Deutsch sowohl Mutter- als auch Literatursprache ist, wie Sherko Fatah, Raid Sabbah, Anis Hamadeh, Jamal Tuschick3 oder Abdellatif Youssafi. Nur wenige arabischstämmige Schriftsteller, sind, wie Adel Karasholi, sowohl auf Arabisch als auch Deutsch literarisch tätig und erfolgreich.

 

Pioniere der so genannten "Gastarbeiterliteratur"

Rafik Schami, Suleman Taufiq und Jusuf Naoum zählen zu den Pionieren, die in den siebziger und frühen achtziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland eine bedeutende Rolle bei der Durchsetzung der damals so genannten "Gastarbeiterliteratur" spielten. Sie waren an der Herausgabe von Zeitschriften beteiligt, in denen Migranten ihre ersten literarischen Versuche in Deutschland publizieren konnten und leisteten einen wichtigen Beitrag beim Entwurf eines literarischen Programms der "Gastarbeiterliteratur", die auch "Literatur der Betroffenheit" genannt wurde. Aber das erste Werk eines arabischen Einwanderers in der Bundesrepublik stammt nicht von ihnen. 1969 erschien in Deutschland ein Text unter dem Titel Vom Affen, der ein Visum suchte und andere Gastarbeitergeschichten,4 verfasst von dem Marokkaner Mustapha El-Hajaj, sein erstes und zugleich einziges Werk. Der Text blieb ohne bedeutenden Einfluss auf die literarische Szene. Sechs Jahre vor El-Hajajs Werk erschienen im Band Auftakt 635 auf der anderen Seite der deutschen Grenze die ersten Gedichte des Lyrikers syrischer Herkunft Adel Karasholi: Ich habe das Pochen gehört6, Wo ist Dada7 und Begegnung.8 

 

1886 - Memoiren einer arabischen Migrantin

Lange aber bevor die Grenze Deutschland teilte, erschienen 1886 in deutscher Sprache die Memoiren der Prinzessin Salme von Oman und Sansibar (1844-1924), die 1866, nach ihrer Heirat mit dem deutschen Kaufmann Heinrich Ruete und ihrer Auswanderung nach Deutschland, den Namen Emily Ruete annahm.9

Sie war wohl die erste Immigrantin arabischer Herkunft, die sich in ihrem Schreiben auf Deutsch ausdrückte. In ihren Memoiren verglich sie das Leben und die Menschen in Deutschland mit denen in ihrer Heimat. Obwohl sie mit der gleichen Detailliertheit Negatives und Positives im Land ihrer Kindheit und in Deutschland schilderte, blieb ihre Zuneigung für Sansibar und Oman die größere. In den 1880er- und 1890er-Jahren geriet sie ins Netz der britischen, dann der deutschen Kolonialpolitik. Bismarck sah in ihr, der deutschen Staatsbürgerin, einen guten Vorwand zur militärischen Unterstützung der Kolonialansprüche der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft auf dem Festland gegen ihren Bruder, Sultan Barghash.10

 

Vermittler von Exotik und Stereotypen?

Nicht selten klagen Schriftsteller arabischer Herkunft über ihre Rezeption als Vermittler von Exotik und als "Blut- und Rohstofflieferanten"11 der deutschen Sprache und Literatur. Suleman Taufiq spricht einen bedeutenden Aspekt an, der massiven Druck auf das literarische Schaffen der Schriftsteller ausübt, nämlich die Erwartungshaltung der kulturellen Institution, über die der Kontakt zum deutschen Publikum möglich ist:

„Unsere Literatur (wurde) häufig folklorisiert, indem man uns zu interessanten, exotischen Objekten des Literaturbetriebs machte. Verlage, Kritiker und Kulturfunktionäre sollten jedoch mit unseren Texten normal umgehen, damit sie soweit wie möglich aus ihrer isolierten Situation herausfinden und ihren natürlichen Platz in der bundesdeutschen Kulturlandschaft einnehmen.“12

Es hat zehn Jahre gedauert, bis die deutsche Öffentlichkeit die ausländische Literatur überhaupt bemerkt hat, denn schon in den siebziger Jahren haben viele Ausländer geschrieben. Eine eigene dichterische Stimme hat man ihnen aber nicht zugetraut. Im Bild der Deutschen ist die ausländische Kultur auf Folklore und Exotica reduziert: "Bauchtanz und Kebab, das sollte man ihnen lassen."13

Daraus lässt sich schließen, dass die in deutscher Sprache geschriebene Literatur "unangepasster" Schriftsteller Gefahr läuft, keinen Zugang zu einem breiteren deutschen Leserpublikum zu finden und somit ausgegrenzt zu werden. Kommt es dennoch dazu, dass ein Werk seinen Weg in den deutschen Kulturbetrieb und zur deutschen Leserschaft findet, so werden besonders die fremden Kulturrealien im Text hervorgehoben, er wird auf seine Fremdheit reduziert und als "Exotikum"14 aufgenommen.

 

Ressentiments gegen die arabische Welt

Ein anderes Problem, das den arabischstämmigen Schriftstellern im Wege steht, sind die negativen stereotypen Vorstellungen von ihrer Herkunftsregion, die dann zu Ressentiments gegen die gegenwärtige arabische Welt und Kultur führen:

„Eine weitere negative Überraschung war für mich die Aggression der offiziellen Medien gegen die Araber. Weder Afrikaner noch Inder oder Indianer werden bis heute so oft beleidigt wie die Araber. Das hat komplizierte, politische und historische Gründe und ist absolut verwerflich. Der Hass gegen die Araber ist ein Zwillingsbruder des Antisemitismus, doch leider ist dieser Zusammenhang vielen klugen und bornierten Intellektuellen nicht klar.“15

Sowohl diese Ressentiments als auch die exotischen Erwartungen stellen zwei Seiten einer Medaille dar: Weil manche Rezipienten eine vorgefasste Meinung von Arabern haben, verdrängen sie sie, indem sie sich ein fantastisches, märchenhaftes Bild von dieser Welt vergegenwärtigen. Die Dominanz des märchenhaften Erzählens (mündlich und schriftlich) bei der Rezeption arabischstämmiger Schriftsteller in Deutschland bestätigt die behauptete Erwartungshaltung des deutschen Empfängers und sein Bild, welches er von diesem Teil der Welt gern haben möchte. Sowohl exotische als auch stereotype Darstellungen und Wahrnehmungsweisen reduzieren die Komplexität der arabischen Region und die Vielfalt ihrer Menschen auf jeweils einen stereotyp-negativen bzw. einen exotisch-positiven Faktor.

 

Exotisierende Erzähltechniken und Alltagsdarstellung

In den siebziger Jahren griffen in Deutschland Schami und Naoum - ähnlich wie viele andere, vor allem türkische Schriftsteller - die bereits damals in der arabischen Welt veraltete Tradition des mündlichen Märchenerzählens auf. Ein Teil ihres späteren großen Erfolges beruht darauf, dass sie als Vertreter eines Orients von Tausendundeiner Nacht, also des Fantastischen, Außergewöhnlichen und unendlichen Erzählens wahrgenommen wurden. Denselben Spuren folgend, traten seit Ende der achtziger Jahre weitere Schriftsteller arabischer Herkunft wie Salim Alafenisch hervor. Erzählstrukturen und -techniken wie die Rahmen- und Binnenerzählung und das Ineinandergreifen der Geschichten wurden sowohl im mündlichen Vortrag wie in Buchform wiederbelebt. Das wiederholte Aufgreifen von Erzählstrukturen und -techniken der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht kann als Bedienung exotischer Erwartungen bezüglich der ästhetischen Form betrachtet werden. In Anlehnung an die orientalische Erzähltradition werden von Schami, Naoum und Alafenisch bis heute in den Lesungen die Geschichten nicht vorgelesen, sondern frei erzählt. Sie richten sich gleichermaßen an Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Sehr oft basiert der Erfolg eines Textes auf dem vorausgegangenen Erfolg des Schriftstellers als mündlicher Märchenerzähler in Veranstaltungen, die meistens gut besucht sind und bei denen anschließend auch die Bücher des Märchenerzählers verkauft werden.

 

Entschiedenes Eintreten für Migranten

Die meisten frühen Märchen und Erzählungen Schamis und Naoums sind trotz der inhaltlich unterschiedlichen sozial-politischen Position dadurch gekennzeichnet, dass sie sich in ihren Texten auf die Seite der Minderheiten in Deutschland schlugen, damals die (Gast-)Arbeiter und Migranten, zu denen sie auch zählten. Dies zeigt sich darin, dass die Hauptgestalten ihrer Märchen oft diese Gruppe verkörperten. Ihre Formen änderten sich im Laufe der achtziger Jahre. Statt kurzer Märchen schreiben sie seither meist längere Prosatexte. 1987 erschien Schamis erster Roman Eine Hand voller Sterne,16 in dem Damaskus Schauplatz der Handlung ist. Darüber hinaus ist seit Ende der achtziger Jahre eine Verschiebung des thematischen Interesses zu erkennen. Statt der Gastarbeiter und Einwanderer in Deutschland stehen nun Menschen aus der arabischen Welt im Mittelpunkt. Für Schami hat sich das Hauptthema, die Minderheiten, nicht geändert, sondern in sein Herkunftsland verlagert. In den Werken der späten achtziger und der neunziger Jahre wird durchgehend die christliche Minderheit Syriens ins Zentrum der Handlung gerückt, etwa in Erzähler der Nacht,17 Die Sehnsucht der Schwalbe18 oder Der ehrliche Lügner.19 Ein näherer Blick zeigt, dass sich Naoum dagegen von seinem Hauptthema, den Minderheiten, eher distanziert hat. So rückte er in seinem Roman Nura20 den libanesischen Bürgerkrieg und die gegenwärtige Situation der Frau im Libanon anhand der Freundschaft zweier Libanesinnen, einer Muslimin und einer Christin, in den Blick. Sowohl beim Perspektivwechsel mit Blick auf Genderfragen und Bürgerkrieg als auch mit dem Beharren auf die Minderheitenproblematik knüpfen Naoum und Schami in ihren Werken an Themenbereiche an, die sich seit den neunziger Jahren großer Aufmerksamkeit erfreuen.

 

Bürgerkriege zerstören die Kultur

So spielt sich zum Beispiel die Handlung in Naoums Erzählung Nacht der Phantasie21 in Beirut während und nach dem Bürgerkrieg ab, auf den in der Rahmenerzählung flüchtig eingegangen wird. Naoums Werk zeigt, wie der Krieg nicht nur die materiellen Gegenstände zerstört, sondern auch die libanesische Kultur, für die die Tradition des Geschichtenerzählens stellvertretend steht und von Abu al Abed getragen wird. US-Amerikanern und amerikanischen Medien werden im Werk eine große Rolle bei der Zerstörung dieser alten Kultur zugeschrieben. In der Binnenerzählung ist Beirut während der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre Haupthandlungsort. Im Text wird die Gründung von paramilitärischen Gruppen unter der Führung von Libanons Ex-Präsidenten Camille Chamouns aus der Perspektive verschiedener Figuren dargestellt. Sie alle sind sich - trotz ihrer verschiedenen Positionen - einig, dass der damalige, der USA treu ergebene Präsident für den kurzen Bürgerkrieg von 1958 verantwortlich ist:22

„’Wie Sie alle wissen, tobte ein blutiger Bürgerkrieg in unserem Land. Ich will jetzt nicht alle Ursachen aufzählen, denn es gab viele. Ein wichtiger Grund für den Kriegsausbruch war jedoch die Politik des Präsidenten Chamoun.’ Ahmed nickte heftig: ‚Das sehe ich genau so. (...) Wir wollten eine große arabische Ländergemeinschaft, doch Chamoun hatte schon seit langer Zeit mit den Amerikanern sympathisiert, die uns mit ihrer fremden Kultur überschwemmten.’ ‚Sünde!’ ruft der Scheich mit einem in die Luft gerecktem Finger. (...) ‚Ich erinnere mich noch gut an den ersten Landgang der Soldaten der 6. Flotte. (...) (sie) pfiffen unseren Frauen nach und versuchten, in jeder Bar Alkohol zu bestellen.’ (...) ‚Es war schrecklich’, murmelte Halun. ‚(...) Bruder kämpfte gegen Bruder. (...)’ Frère Jacque räuspert sich: ‚Auch wenn dies alles so stimmt, so war doch der Bürgerkrieg von 1958 ein Kinderspiel gegen das Kämpfen und Morden, das 1975 seinen Anfang nahm und bis heute nicht endgültig beendet ist’.“ (ebenda, S. 92f.)

Mit dem Namen Abu al Abed verweist Naoum auf die gleichnamige populäre und fiktive Gestalt, die Handlungsträger zahlreicher libanesischer Anekdoten und Witze ist. Naoums Abu al Abed ist ein libanesischer Geschichtenerzähler, oder - um mit Naoum zu sprechen - Kaffeehauserzähler, dessen Beruf nach dem Bürgerkrieg gefährdet ist, aus dem libanesischen Kulturleben zu verschwinden. Innerhalb dieser Rahmenerzählung entsteht die Binnenerzählung, wenn sich die Nachbarn des Protagonisten in seinem Haus auf Grund seiner Einladung zu einem Kaffeeabend versammeln, an dem er ihnen zur Unterhaltung Geschichten erzählt. Auslöser der Einladung und zugleich Binnenerzählung ist die Wiederbelebung von Abu al Abeds Erzähltradition durch seinen jüngeren Freund Jusuf (den gleichen Vornamen hat Naoum) in Deutschland. Während den USA die Zerstörung der libanesischen Kultur zugeschrieben wird, wird Deutschland als ein Land dargestellt, das fremde Kulturen respektiert. Neben der Rahmenerzähltechnik macht Naoum Gebrauch von der mis-en-abyme Technik, bei der eine Geschichte in die andere verschachtelt wird und mehrere Gestalten die Rolle des Geschichtenerzählers übernehmen:

„’Also, die Geschichte hat mir ja sehr gut gefallen’, lacht Usta, ‚aber den Schluss, den hast Du eindeutig erfunden. Da bist und bleibst du doch der Kaffeehausgeschichtenerzähler. Zufällig kenne ich einige der Jungen von damals (...). Bis heute raucht keiner von ihnen Wasserpfeife, sondern Marlboro, und wo hätte Edma ihre Bankkunden empfangen sollen, wenn die Burschen sieben Tage in ihrer Wohnung saßen?’ ‚Usta, Usta!’ Abu al Abed schüttelt enttäuscht den Kopf. ‚Du bist durch die vielen Fernsehsendungen deiner Phantasie beraubt worden.’“ (ebenda, S. 83.)

In allen Kapiteln von Naoums Text sind die Erzählsituationen so aufgebaut, dass die zuhörenden Figuren ständig kommentieren, korrigieren und nicht selten den Haupterzähler Abu al Abed unterbrechen, um selbst zur vorgetragenen Geschichte eine damit verbundene Anekdote oder weitere Geschichte hinzuzufügen. Die Kürze oder Länge dieser Unterbrechungen, die den Erzählgang sprengen, wird von Abu al Abed gesteuert, indem er sie entweder zulässt oder ablehnt. Das Erzählen hat im Text eine gesellschaftliche Funktion: Nachrichten und historische Ereignisse werden gemeinsam dokumentiert und beurteilt.

 

Das Spiel mit gängigen Klischees

In der Rahmenerzählung, deren Handlung in die achtziger Jahre fällt, spielt Naoum mit den gängigen Klischees und Vorstellungen von der arabischen Frau. Fatima und Kadiya sind beide zugleich Ehefrauen von Abu al Abed. Während die Rahmenerzählung eine ziemlich statische Handlung bietet, sind die Handlungsabläufe und Figuren in der Binnenerzählung, deren Ereignisse sich Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre abspielen, dynamisch. Weibliche Figuren werden hier differenzierter dargestellt, so kommen beispielsweise gebildete erfolgreiche Frauen mit starken Persönlichkeiten wie Edma vor. Sie wird als Witwe, fürsorgliche Mutter von zwei Söhnen und zugleich erfolgreiche Geschäftsfrau geschildert. Im Laufe der Handlung wird sie von den libanesischen Frauen zwar bewundert, aber aus Neid marginalisiert und zur Außenseiterin gemacht. Von den Männern aus den verschiedensten Bereichen und Schichten wird Edma dagegen bewundert und geachtet. In der Binnenhandlung kommt die Frau außerdem als Großmutter, Heiratsvermittlerin (Halun), Lehrerin (Mademoiselle Marie Antoinette) und Schriftstellerin (Habiba) vor, aber auch als ohnmächtige Geliebte (Leila). Trotzdem ist es wichtig zu bemerken, dass die in der Rahmenerzählung geschilderten Frauenfiguren derselben Generation angehören wie Edma und die anderen Frauenfiguren der Binnenerzählung. Dies zeigt, dass die Frauendarstellung in der Rahmenerzählung dazu gedacht ist, den Leser in die Binnenhandlung hinein zu locken, indem ihm am Anfang vorübergehend seine Erwartungshaltung bestätigt wird. In Jusuf Naoums Werk wird deutlich auf die kulturelle und religiöse Vielfalt im Libanon hingewiesen, aber ohne dabei Stereotypen von libanesischen Muslimen oder Christen zu reproduzieren.

 


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DAS EXOTISCHE UND SINNLICHE (ORIENT-)BILD VON DER NAHÖSTLICHEN KULTUR PRÄGT BIS HEUTE DIE VORSTELLUNG VIELER EUROPÄER UND SPIEGELT SICH GELEGENTLICH AUCH IN FOTOGRAFIEN WIDER.

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Die Idylle entpuppt sich als Bedrohlicher Ort

Rafik Schamis Roman Der ehrliche Lügner erschien 1992 und wurde mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Der Haupthandlungsort ist die Stadt Morgana, wo sich die Ereignisse sowohl der Rahmen- als auch der Binnenerzählung abspielen. Obgleich Morgana kein Name einer realen Stadt ist, legen einige deutliche Anspielungen nahe, dass es sich um Damaskus handelt. Der Handlungsort wird als Stadt im "Herzen Arabiens, (...) ein Treffpunkt, an dem sich die Wege der reisenden Propheten, Eroberer, Händler und Bettler kreuzten" (ebenda, S. 30) bezeichnet. Darüber hinaus ist die Währung in Morgana die Lira (ebenda, S. 21, 26 und 232.). Weiterhin findet die Handlung während der fünfziger und sechziger Jahre in einem Land statt, wo - ähnlich wie in Syrien zur gleichen Zeit - viele Putsche aufeinander folgen. Zu Damaskus äußerte sich Schami in einem Interview:

„In meinem Labyrinth werde ich oft von einer Fata Morgana heimgesucht. Sie ist in jedem Regentropfen, in jedem nach Kardamom duftenden Kaffee, in jedem Windhauch und blauen Himmel, in jedem Telefongespräch mit Damaskus, und sie meldet sich sofort, wenn ich mit ihr nicht mehr rechne. Die Fata Morgana meines Labyrinths heißt: Ausgang. Und sie rückt manchmal so nahe, dass ich Damaskus fast sehe.”23

Morgana alias Damaskus scheint zu Beginn der Handlung ein idyllischer Ort zu sein, eine Utopie in dem verschiedene Kulturen, wie die arabische und die indische, und unterschiedliche Religionen harmonisch aufeinander treffen. Morgana entpuppt sich aber im Verlauf der Ereignisse als gefährlicher Ort, der "durch die Präsenz der Diktatur in den überall auftauchenden Spitzeln, den willkürlichen Verhören und Folterungen"24 gekennzeichnet ist.

„Unser heutiger Präsident Hadahek ist liberal. Viele von euch wissen nicht, wie grausam der Diktator Hadahek war, der in den fünfziger Jahren herrschte. Er war bis zu seiner Absetzung ein kaltblütiger Mörder. Angst herrschte im Land.” (ebenda, S. 241)

Die Diktatoren des Romans tragen alle denselben Nachnamen, Hadahek, und einen eindeutig muslimischen Vornamen: "Da alle Herrscher mit Nachnamen Hadahek hießen, unterschied man sie zunächst nach den Vornamen, doch bald gab es Hunderte von Alis, Abdullahs und Mustafas" (ebenda, S. 154). Damit soll wohl gesagt werden, dass kein Unterschied zwischen den arabischen Herrschern besteht: Sie sind alle despotisch und grausam und gehören der religiösen Mehrheit an. Hadahek ist eine Umschreibung des arabischen Ausdruckes im syrischen Dialekt hadÁ hik. Sadik, die Hauptfigur des Romans, erklärt das Wort und die damit gemeinte Aussage:

„Seit einer Ewigkeit heißen alle Präsidenten der Republik Hadahek. Die Führer der Opposition ebenso Hadahek, und die Rebellion in den Bergen hießen auch Hadahek. Wer siegte, der regierte und hieß immer Hadahek. Hadahek bedeutet auf Arabisch [sic]: Das ist so.“ (ebenda, S. 154)

Bereits im Titel Der ehrliche Lügner und dann durchgehend im Text wird die Thematik von Wahrheit und Lüge angesprochenen. Oft wird die Glaubhaftigkeit erzählter Ereignisse in Frage gestellt. Betont wird, dass Wahrheit und Lüge aus unterschiedlichen Gründen ineinander verflochten sind. Mit der deutschen Erklärung der arabischen Bedeutung von Hadahek soll dem deutschsprachigen Leser wohl implizit deutlich gemacht werden, dass die im Werk vermittelten Geschichten zwar Fiktion sind, jedoch mit Wahrheitsanspruch in Bezug auf die politische Situation in Morgana beziehungsweise Syrien.

Bis zum Ende des Romans bleibt die arabische Stadt Morgana ein bedrohlicher und blutiger Ort, aus dem schließlich die indischen Zirkusmitglieder fliehen. Exotisierend verwendet Schami pauschalisierend Bezeichnungen wie "Arabien" oder "Orient", während er ansonsten differenziert und die Namen anderer Länder nennt: "Von Indien nach Pakistan und von dort nach Afghanistan, in den Iran und dann über die Türkei nach Arabien zog der Circus, bis er Anfang Mai in Morgana ankam." (ebenda, S. 17)

 

Komplexe und meisterhaft verzweigte Handlungsstränge

Der Protagonist Sadik tritt zunächst als Greis in der Rahmenerzählung auf, und in der Binnenerzählung kommt er als junger Mann im Alter zwischen siebzehn und einundzwanzig Jahren vor. Die erzählte Zeit in der Rahmengeschichte dauert ungefähr drei Tage. Sadik, der drei Tage auf das Ergebnis seiner Augenoperation wartet, blickt auf Grund einer Neuigkeit - das Eintreffen eines indischen Zirkus, in dem eventuell seine alte, lange nicht gesehene indische Geliebte Mala anwesend ist - auf die zeitlich etwa vierzig Jahre zurückliegenden Ereignisse zurück. Damit wird der Leser in die Binnenerzählung eingeführt.

Schamis Roman zeichnet sich durch eine komplexe und meisterhafte Verzweigung der Handlungsstränge aus, so dass es schwierig ist, sich an einem einzigen Handlungsstrang, einer Haupterzählung oder einen roten Faden zu halten. Es sind eher ineinander greifende Geschichten und Anekdoten, die, obgleich sie ineinander übergehen, jeweils eine abgeschlossene Handlung für sich bilden. Die meisten Geschichten und Anekdoten werden von Sadik erzählt, der im Laufe der Handlung zu einem Geschichtenerzähler wird, der vom Alltag in Morgana berichtet.

„’Sicher kann ich das (eine Geschichte erzählen).’ ‚Aus Tausendundeiner Nacht?’ fragte Shanti neugierig. ‚Nein, Madam’, antwortete ich (Sadik), ‚aber von tausendundeinem Nachbar, wahrhafte Geschichten von ehrlichen Leuten, zu hundert Prozent gelogen.’ ‚Warum nicht von Sheherazade?’, fragte der Direktor. ‚Weil es viele Hakawatis, Geschichtenerzähler, in den Kaffeehäusern gibt, die die Geschichten der zauberhaften Meisterin würdevoll jahraus, jahrein wiederholen. Ich dachte aber, dass du mehr an Neuem interessiert bist’.“ (ebenda, S. 87)

Hier wird der Einfluss von Tausendundeiner Nacht auf die Erwartungen nicht-arabischer Zuhörer - in dem Fall der Inder - an den arabischen Geschichtenerzähler thematisiert. Von ihm wird erwartet, dass er diese Welt wach ruft. Dass die Position des Geschichtenerzählers zu den Erwartungen unterschiedlich sein kann, zeigt sich in der oben angeführten Antwort Sadiks, der sich - anders als einige Geschichtenerzähler - für ein Geschichtenerzählen entscheidet, das sich auf die damalige Realität bezieht.

 

Das exotische und sinnliche Orientbild

Im Roman kommen Figuren aus verschiedenen Ländern, Kulturen, Ethnien und Religionen vor. Sie bilden drei Gruppen: die indischen Zirkusmitglieder, die christlichen und die muslimischen Syrer bzw. Araber. Auf die erste Gruppe werden die exotischen Vorstellungen projiziert. Ungewöhnliche Zauberspiele und Bauchtanzperformances einer indischen Zirkus-Elefantenkuh zu arabischer Musik werden geschildert, ein Inder, Nirmal, erlebt eine Verwandlung in ein Krokodil, und in Mala, der Geliebten des Protagonisten, verkörpert sich die exotische Schönheit. Das exotische und sinnliche (Orient-)Bild von der nahöstlichen und indischen Kultur, das im achtzehnten Jahrhundert durch die Übersetzung von Tausendundeiner Nacht entstanden ist, prägt bekanntlich bis heute das Denken und die Vorstellung vieler Europäer. In diesem Zusammenhang sind die in Schamis Werk vermittelten exotisierenden Bilder der Inder nicht unproblematisch. Die zweite Gruppe, die der christlichen Araber, steht im Mittelpunkt der Handlung und schließt verschiedene Figuren ein, wie Sadik, Tante Rosa, Onkel Dschamil oder Onkel Daniel, die als witzig, klug, begabt, aufgeschlossen und westlich orientiert dargestellt werden. Die Verwandtschaftsattribute vor den meisten Namen arabisch-christlicher Figuren verweisen nicht nur auf ihre Verwandtschaft zu Sadik, sondern suggerieren außerdem auch eine Verwandtschaft zum deutschen bzw. deutschsprachigen Leser.

 

Ist die Reproduktion von Klischees polemisch?

In Schamis impliziter, imaginärer Identifikation christlicher Araberfiguren mit Europäern steckt eine Distanzierung gegenüber der arabischen Identität und gegenüber den arabisch-muslimischen Figuren, hinter der sich der Wunsch "weiß" zu sein, im Sinne von Frantz Fanons Schwarze Haut, weiße Masken,25 vermuten lässt.

Stuart Hall beschreibt, ähnlich wie Fanon, solche Positionen von Migranten, die nicht nur im Sinne der Orientalismuskritik von Edward Said als Andere konstruiert wurden, sondern durch die Ausübung von kultureller Macht und einem Normalisierungsregime dazu gebracht wurden, dass Migranten sich selbst" als ‚Andere' wahrnahmen und erfuhren. (…) Es ist eine Sache, ein Subjekt oder eine Gruppe in einem herrschenden Diskurs als das Andere zu positionieren. Es ist jedoch etwas ganz anderes, sie diesem ‚Wissen' nicht nur durch das Aufzwingen eines Willens und einer Herrschaft, sondern auch durch die Macht des inneren Zwangs und durch subjektive Anpassung an die Norm zu unterwerfen."26

Arabische Christen werden in Schamis Roman - ähnlich wie die flüchtig charakterisierten jüdischen Araber - von den muslimischen Arabern, die für den Geheimdienst arbeiten, massiv unterdrückt. Die Unterdrückung von syrischen Christen wird anhand von Misshandlungsszenen beschrieben:

„Meine Großmutter schrie entsetzt auf: ‚Hilfe! Heilige Maria!’ ‚Wo ist Dein Mann?’ fragte der Offizier ungerührt. ‚Er ist nach Amerika ausgewandert’, stammelte sie. ‚Du lügst!’ schrie ein Soldat und trat drohend mit seinem Gewehr einige Schritte auf meine Großmutter zu, als wollte er sie aufspießen. ‚Gib zu, du Christenhure, du hast ihn versteckt!’“ (ebenda, S. 118)

Nur selten kommen muslimische Araber zu Wort, und wenn, dann kurz. Über sie wird meistens aus der Perspektive einer arabisch-christlichen Figur berichtet. Arabisch-muslimische Figuren werden überwiegend entweder vom Protagonisten oder von anderen christlichen Figuren beschrieben und beurteilt. An verschiedenen Textstellen von Schamis Roman werden Arabergestalten mit muslimischen Namen Unehrlichkeit im Handel, Unzuverlässigkeit, Neureichtum und Polygamie, zugeschrieben

„Scheich Mohammed Abdulhakim (wurde) am helllichten Tag in seinem Palast ermordet. (...) Eine andere Vermutung gab eine seiner (Hervorhebung M. O.) Frauen als Mörderin an.“ (ebenda, S. 137)

Einige stereotype Bilder von muslimischen Arabern werden flüchtig revidiert, wie beispielsweise die Anekdote um Onkel Daniel und den neureichen Saudi, den Ersterer am Anfang fälschlicherweise für dumm hält, weil er Uhren nicht pro Stück, sondern pro Kilo kauft, oder wie in der Geschichte des blinden, jedoch sehr gebildeten und aufgeschlossen Buchhändlers:

„Dieser blinde Buchhändler war ein streng gläubiger Muslim. Ich hatte ihm von Anfang an gesagt, dass ich Christ war. Ihm war das gleichgültig, nicht aber seiner Frau. Wenn sie ihm sein Mittagessen brachte, nörgelte sie an mir herum und sagte ihm halblaut, er solle mich die Teller nicht anfassen lassen, da ich bestimmt unreine Hände hätte.” (ebenda, S. 28)

Dem Leser wird in dieser Episode der christliche Glaubenshintergrund des Protagonisten zu Beginn mit einer Negativbegegnung mit der anderen Glaubensauffassung, dem Islam, dargeboten. Den muslimischen Arabern werden an verschiedenen Textstellen mangelnde Hygiene zugeschrieben:

„Wir marschierten zu dritt zu Murad, dem Schneider mit dem widerlichen Mundgeruch.“ (ebenda, S. 81)

Diese Darstellung wirkt polemisch, und die Reproduktion von gängigen Stereotypen und Klischees im Werk ist spätestens dann problematisch, wenn man folgende Äußerung Schamis liest, bei der er die Gefahr und die Bedeutung solcher Stigmatisierungen selbst anspricht:

„Wenn ich vom Araber im Zusammenhang der Feindseligkeit spreche, dann meine ich genau das Klischee, das in den Köpfen fest verankert ist. Es ist die sorgfältig erzeugte Karikatur eines hässlichen Menschen, der über Macht (Erdöl, Geld und Waffen) verfügt, sehr sinnlich lebt (Fressorgien und Harem), gewalttätig ist (krummes Messer und Säbel; Alternativen: Handgranaten und Raketen) usw. Dass man darin den puren, aber straffreien Antisemitismus wieder findet, macht jede Begründung dieser Darstellungen, sei es in Bild, Film oder Witz, unglaubwürdig.“27

Schamis Der ehrliche Lügner ist in 46 Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel besitzt zwei Titel(-vorschläge), die durch die Konjunktion "oder" miteinander verbunden oder voneinander getrennt sind, wie z.B. Die Falle oder Die Gefahr einer Dauerliebe und Die Scheu oder Wie eine Vogelscheuche zum Räuber wurde. Der lange Titel fasst immer die Aussage der Hauptgeschichte im jeweiligen Kapitel zusammen. Die eben skizzierte Erzählstruktur erinnert stark an andere zeitgenössische Texte wie Umberto Ecos Der Name der Rose, aber auch an Cervantes' Don Quijote, ein Text der sich seinerseits auf arabische Erzähltraditionen stützt.

 

Fabeln offenbaren die Situation der Beduinen

Seit dem Ende der achtziger Jahre trat eine Reihe weiterer Namen von deutschschreibenden Schriftstellern arabischer Abstammung ans Licht, wie Ghazi Abdelqader, Huda al-Hilali, Hussain Al-Mozany, Abdellatif Belfellah, Nura Abadi, Halima Alaiyan, Kaouther Tabaei, Wadi Soudah und Salim Alafenisch. Sie alle sind in der arabischen Region aufgewachsen und erst später nach Deutschland ausgewandert.

Vor allem Salim Alafenisch schließt sich an die Erzählweise Schamis an. Sein Werk zeichnet sich jedoch durch einen klaren Erzählstil aus. So ist beispielsweise sein 1990 erschienener Roman Das Kamel mit dem Nasenring28 überschaubarer als Schamis Der ehrliche Lügner. Obwohl die bei Alafenisch erzählten Geschichten ebenfalls ineinander verschlungen sind, können sie jeweils als selbständige Einheiten betrachtet werden. Anders als bei Schami bilden sie aber miteinander einen einheitlichen Zusammenhang, der schließlich eine einzige Geschichte ergibt. Fabelhafte Züge und fantastische Elemente kommen an verschiedenen Stellen im Werk vor. So kommen in den Kapiteln "Der gelehrte Esel" und "Das Kamel mit dem Nasenring" sprechende Tiere vor. Dabei werden an verschiedenen Stellen Parallelen zwischen der Situation der Tiere und Beduinen gezogen, obgleich kein direkter Dialog zwischen ihnen stattfindet. So wird beispielsweise die Strafe der Lehrer für die Kamele und den "gelehrten" Esel, die sich nicht an die von Israel vorgegebenen Grenzen einhalten, mit der Strafe israelischer Soldaten an Hirten, die die Grenzen überschreiten, parallel gesetzt: "Der Esel soll sich bei den Kamelen einreihen! Alle, die durchgefallen sind, müssen zwischen den weißen Steinen und dem Berghügel hin und her rennen!" (ebenda, S.97). "Oftmals zwangen sie die Hirten so lange hin und her zu rennen, bis diese vor Erschöpfung umfielen." (ebenda, S.120f.)
Episoden über lernfähige und weniger lernfähige Tiere lesen sich als satirische Gleichnisse auf die palästinensischen Beduinen. Für ältere Tiere ist es schwierig bis unmöglich, sich an die neue politische Situation zu gewöhnen und sich anzupassen. Damit sind die Beduinen gemeint, die mit der Grenze nicht zurechtkommen, vor allem die Alten:

„Der Soldat versetzte dem Alten einen Tritt. ‚Für den zerknitterten Ausweis!’ Ein zweiter Tritt folgte. ‚Für die Grenzverletzung!’ Ein dritter Schlag traf den Alten an der Schulter. ‚Damit du den Vorfall nicht vergisst!’ kommentierte der Soldat. ‚Jetzt bist du an der Reihe!’ murmelte der Esel.” (ebenda, S. 111)

Durch die literarische Verarbeitung von Alltagsereignissen gelingt es Alafenisch, die schwierige Lage der palästinensischen Beduinen zum Ausdruck zu bringen. Die im Roman erzählten Geschichten handeln vom Schicksal eines Beduinenstammes der Naqab-Wüste und illustrieren eindrucksvoll ihren Lebenswandel über mehrere Generationen unter osmanischer Herrschaft, britischer Besatzung und im Staat Israel. Die schwierige und kritische Situation der nach 1948 vertriebenen palästinensischen Beduinen schildert das Werk mit viel Humor und Ironie. Es beginnt mit einer unbetitelten Rahmenerzählung, die in die vier darauf folgenden Kapitel der Binnenerzählung führt. Die Handlung der Rahmenerzählung spielt Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre in einer kalten Winternacht in der Naqab-Wüste. In dieser Nacht erzählt Hussein, der Erzähler des Stammes, seinen Leuten zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib die Geschichte ihrer Vorfahren. Er leitet damit die Binnenerzählung ein und fungiert als allwissende und nahezu alleinige Erzählinstanz. Dennoch treten manchmal marginale Figuren auf, die das Erzählen von Episoden übernehmen. Die von den Erzählern in einer Nacht erzählten Geschichten decken eine Zeitspanne ab, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts beginnt und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hineinreicht.

 

Sozialer Wandel zerstört traditionelle Lebensformen

Im Kapitel "Die Sieben-Brunnen"-Stadt wird der soziale Wandel der einheimischen palästinensischen Beduinen im gleichnamigen Gebiet Sieben-Brunnen problematisiert. Der Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit beginnt bereits unter osmanischer Herrschaft als Folge des ständigen Beschlagnahmens von Tieren und der Notwendigkeit, Ackerbau zu betreiben. Viele beduinische Schäfer wurden so zu sesshaften Bauern. Mit der Urbanisierung des Gebietes durch die Errichtung der Sieben-Brunnen-Stadt erreichte dieser Wandel seinen Höhepunkt. Die Veränderung der Wohngewohnheiten vom Leben in Zelten zum Leben in Häusern übt einen immensen Einfluss auf die sozialen Strukturen in der Gesellschaft aus. Das Ende von Alafenischs Werk ist ein Happy End, wie in den meisten klassischen arabischen und deutschen Volksmärchen, bei denen die Hauptfigur nach einer Reihe von Hindernissen ihre(n) Geliebte(n) heiratet. Anders aber als Volksmärchen handelt der Text nicht von einem Prinzen oder einer Prinzessin, sondern von zwei einfachen Beduinen.

Im Gegensatz zu Naoum und Schami wird in Salim Alafenischs Werk die Religionszugehörigkeit nicht explizit thematisiert. Auf der Oberflächenebene von Das Kamel mit dem Nasenring sind die Hinweise auf die Diversität religiöser Zugehörigkeiten unter beduinischen Arabern nicht erkennbar. Es bedarf der Kenntnis der arabischen Geschichte, um die im Text enthaltenen Kodierungen zu diesem Thema entziffern zu können. Die bedeutendste Stelle bezüglich dieses Aspektes ist die Episode um die Liebe des umayyadischen Khalifs Mu'awiyya zur beduinischen Ziegenhirtin Maisun al-Badawiah und seine Ehe mit ihr. Die fingierte Episode basiert auf realen, historischen Ereignissen.29 In Alafenischs Werk wird lediglich die Eheschließung narrativ rekonstruiert, ohne darauf einzugehen, dass es sich dabei nicht nur um eine kulturelle Hybridbildung zwischen arabischen Beduinen und Städtern sowie zwischen Herrscher und Volk, sondern auch um eine religiöse Hybridbildung zwischen christlichen und muslimischen Arabern handelt, die in Kontrast zum Verhältnis osmanischer, britischer und israelischer Kolonisatoren zu den arabischen Beduinen steht.

 

Offensive Auseinandersetzung mit Klischees

Anders als in den behandelten Texten thematisiert Wadi Soudahs Sheherezade im NATO-Land30 die Religionspluralität unter Arabern nicht.31 Schon der Titel weist auf Soudahs besonderen Stil hin. Der erste Teil entspricht den exotischen Erwartungen von einem "märchenhaften Orient" und der letzte desillusioniert den Leser und bringt ihn in die Gegenwart zurück. Der Titel deutet auch auf das Machtverhältnis zwischen dem "Westen" und der arabischen Welt hin.

Ähnlich wie Naoums Abu al Abed und Abu al Sus ist die Hauptfigur in Soudahs Märchensatire Sheherezade im NATO-Land ein Geschichtenerzähler mit arabischem Hintergrund. Mit dieser Figurenkonstellation rückt der Erzählakt selbst - auch andere damit verbundene Elemente wie Empfänger, Erzählsituation, Ort - ins Zentrum. Anders als bei Naoum aber ist der Handlungsort Deutschland. Der Ich-Erzähler ist ein arabischstämmiger Schriftsteller und Geschichtenerzähler, der durch seine kritische Beobachtung des Alltags und der Menschen in seiner neuen Wahlheimat gekennzeichnet ist. Ständig wird der Mangel an politischem Engagement und die politische Interesselosigkeit zugunsten einer "Spaß- und Lustkultur" in einem materialistischen Zeitalter kritisiert. Gleich am Anfang des Textes ironisiert der Ich-Erzähler das deutsche Interesse an der arabischen Welt und ihrer Kultur, das durch den Golfkrieg 1991 hervorgerufen wurde:

„Das Interesse am Abendland, an arabischen Märchen, orientalischem Essen, Bauchtanz usw. ist wieder erwacht. In klaren Worten: Der Araber ist wieder Star in Europa. Wir Araber in der Fremde bedanken uns für den Golfkrieg, der all dies ins Rollen gebracht hat!” (ebenda, S. 40)

Die Erzählinstanz spricht dann die Schwierigkeit an, als eingewanderter Geschichtenerzähler den Menschen in seiner neuen Heimat die Realität im Herkunftsgebiet, d.h. in der arabischen Region, näher zu bringen. Während er vom Nahen Osten und dem Golfkrieg im Irak erzählen möchte, fordert ihn sein Publikum auf, vom märchenhaften Orient zu sprechen:

„Dazu kamen die Frager, die mich über diese Märchenländer löcherten. Nicht was im Golfkrieg als modernes Märchen lief, sondern was vor 1001 Jahren passierte, interessierte. Sollte meine Zunge aus Versehen mal in die Gegenwart rutschen und über demokratische Märchen im Orient erzählen, so schrieen sie laut: „Märchen, Märchen, Märchen!’“ (ebenda, S. 41)

 

Projektionsfläche deutscher Sehnsüchte

Selbst das geweckte Interesse richtet sich also gezielt nicht auf eine Region der Gegenwart, sondern auf einen Orient, der Klischees und Fantasien bedient. Der Schauplatz Deutschland, eine für den Leser gänzlich unexotische Landschaft, wird mit Versatzstücken wie Bauchtanz, Kulinarischem und Bildern von Kamelen gefüllt. Auch werden arabische Teppiche ausgelegt, um so einen arabischen Boden, eine arabische Geografie scheinbar in den europäischen Kulturraum zu holen:

„Als Botschafter des Orients des Bauchtanzes müssen wir den Leuten tausend und ein Märchen erzählen oder zumindest die Zeit der Märchen wachrufen. Damit die märchenhafte orientalische Atmosphäre die Leute verzaubert, bedeckt man den Boden eines Raumes mit (ausgeliehenen) kostbaren arabischen Teppichen (bitte verstehen Sie das nicht als Werbung!). Solche orientalischen Teppiche sind auch für uns märchenhaft. Wir kennen sie nicht aus ‚Tausend und eine Nacht’ sondern aus ‚Tausend und ein Ölland’. Man erzählt sich, dass man dort die kostbaren Teppiche für die Garagen benutzt. Sogar das Kamel ist auf solchen Festen in Europa immer dabei. Natürlich nicht persönlich, sondern billiger: Es hängt als Bild in allen Größen an der Wand. Ich bekam Märchenfieber, nicht von den Bildern, die blonde Frauen auf einem Kamel reitend zeigen, sondern von der märchenhaften Begeisterung der Abendländer über die orientalischen Märchen.” (ebenda, S. 40f.)

Der fingierte Orient ist ein Heterotop, der einen Illusionsraum im Sinne Foucaults schafft, "der den gesamten Realraum, alle Platzierungen, in die das menschliche Leben gesperrt ist, als noch illusorischer denunziert".32 In der Raumgestaltung artikuliert sich eine bestimmte Blickweise des Publikums im "NATO-Land" auf die arabische Region, die sie zur Projektionsfläche ihrer Sehnsüchte macht.

 

"NATO-Land" als Zufluchtsort

Die von dort stammenden Araber der Binnenhandlung blicken in ähnlicher Weise auf das "NATO-Land" als Zufluchtsort. In der Binnenerzählung taucht die zentrale Figur auf, Sheherazade. In der Satire wird von Sheherazade erzählt; sie aber meldet sich nicht zu Wort. Somit reproduziert Soudah zunächst die Vorstellung von der arabischen Frau, die ebenfalls als Metapher für die gesamte Region gesehen werden kann, als unmündig und ohnmächtig. Soudahs Sheherazade ist ein neunjähriges Mädchen aus dem Irak, dem Schauplatz des zweiten Golfkrieges 1991. Als Asylbewerberin lebt sie in Deutschland unter der Drohung, abgeschoben zu werden. Dort wird sie wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe von Rechtsradikalen angegriffen und erleidet eine Brandverletzung. Die brutale Gewalt der Rechtsradikalen und die Ungerechtigkeit der Justiz, verkörpert in einem Richter, der als Anhänger einer konservativen Partei charakterisiert wird, stehen für eine ungerechte westliche Politik gegenüber einer ohnmächtig gewordenen arabischen Welt.

Trotz ihrer gerichtlichen Anklage gegen die Angreifer verliert Sheherazade das Verfahren. Dieser im Laufe der Binnenerzählung vermittelte Handlungsablauf bricht endgültig mit den Rezipientenerwartungen von einem "märchenhaften Orient". Ferner zerstört der Geschichtenerzähler damit das zu Beginn des Textes skizzierte Bild von einem westeuropäischen Land, das sich an die "demokratischen Spielregeln" (ebenda, S. 40) hält, sich durch seine Toleranz auszeichnet (ebenda, S. 40) und als sicherer (Zufluchts-) Ort angesehen wird. Es gibt, so zeigt sich, weder den Orient noch den Westen, beide sind über Jahrhunderte erzeugte Simulationen:

„Sicher wird jemand von euch sagen: Wie kann man von Tausendundeine Nacht erzählen mit Begriffen wie Demokratie, Fernsehen, Presse, Stempel usw. Das existiert nicht im orientalischen Märchen, wo Demokratie ein Fremdwort ist. Aber mein lieber Leser, ich erzähle nur fiktive Märchen.” (ebenda, S. 46)

Das ironisierte Happy End besteht darin, dass Sheherazade schließlich Asyl und eine finanzielle Kompensation von einem mitleidigen Minister erhält.

Soudahs Satire ist durch die Überlagerungen und Interferenzen der Wahrnehmungsdarstellungen gekennzeichnet: Im Text handelt es sich einerseits um die westliche Wahrnehmung vom exotischen Orient und das Bild der orientalischen Frau als Opfer ihrer rückständigen arabischen Gesellschaft. Auf der anderen Seite wird nur flüchtig ein Bild von einem undemokratischen Irak - nicht vom so genannten "Orient" - entworfen, aus dem Sheherazade flieht. Soudahs Sheherazade ist kein Opfer der gesellschaftlichen, sondern der unerträglichen politischen Zustände im Irak. Darüber hinaus ist Sheherazade auch Opfer des Rassismus im Westen.

 

Eindeutige Ablehnung von Stereotypen

Eine unmittelbare Ablehnung von Stereotypen und Klischees liefern einige Gedichte von Adel Karasholi, dessen literarische Anfänge in der ehemaligen DDR unabhängig von den Anfängen der um die gleiche Zeit in die Bundesrepublik eingewanderten Syrer und Libanesen verliefen. In seinem Gedicht Der alte Turban33 von 1978 kritisiert auch er die oben von Soudah, Taufiq und Naoum verworfenen exotischen Erwartungen der deutschen Rezipienten und die stereotypen Vorstellungen von den Arabern, die diese auf Nomadentum und Neureichtum - aufgrund der Öleinnahmen - reduzieren.

„Setzt ab von meinem Haupt Den alten Turban Zersprengt die Fesseln in euren Geschichten Aus den Illustrierten und Kinderbüchern Ich bin Hadji Chalif Omar nicht Nicht der wandernde Beduine auf dem Kamel Und der Ölscheich nicht mit falschen Zähnen.“ (ebenda, S. 23)

In weiteren Strophen des Gedichtes werden auch Haremsbilder hinterfragt. In der oben zitierten Stelle des Gedichts geht das lyrische Ich auf die Quellen dieser tief verankerten Vorstellungen ein. Mit dem Verweis auf die Illustrierten wird die Rolle der Medien bei der Konstruierung von Klischees betont. Die Erwähnung von Kinderbüchern, denen auch Märchen zuzuordnen sind, unterstreicht die These, dass die weite Rezeption von deutschsprachigen Märchen arabischstämmiger Schriftsteller zum Teil möglich wurde, weil sie an eine lange deutsche Tradition anknüpfen, vom "Orient" mittels Märchen zu berichten. Das Gedicht wehrt sich außerdem gegen Karl Mays exotische Geschichten über Araber und die arabische Welt, indem sich das lyrische Ich von Mays bekannter Figur Hadji Chalif Omar distanziert.

 

Die Macht der Kommerzialisierung

Im selben Lyrikband erklärt Karasholi in dem Gedicht "So wollen sie uns", dass die Reproduktion von Klischees mit Marktfragen und wirtschaftlichen Interessen verbunden ist:

„Kamel hinter Kamel Und barfuß der Mann mit dem Turban Sand grenzt den Himmel ab Sand die Zukunft Sand und Kamele... So stehen wir in den Schaufenstern Derer, Die davon leben.“ (ebenda, S. 20)

Der Zusammenhang zwischen der Etablierung von Stereotypen und deren Kommerzialisierung wird mit der Metapher ("So stehen wir in den Schaufenstern") bildhaft dargestellt. Das Gedicht betont die existenzielle Notwendigkeit für bestimmte Institutionen oder Individuen, Araber als primitiv ("barfuß") und statisch ("Sand grenzt den Himmel ab / Sand die Zukunft") darzustellen, da sie "davon leben". Zwei Jahrzehnte später äußert sich Karasholi zu dieser Problematik mit mehr Gelassenheit:

„Heute denke ich nicht mehr daran, ob diese Metapher exotisch, arabisch oder deutsch, ob sie derdeutschen Literatur oder der arabischen zuzuordnen ist. Ich versuche, meine Erfahrungen aufs Papier zu bringen, mögen andere dann beurteilen, wo diese Metaphern arabisch oder deutsch strukturiert sind.”34

 

Das Selbstbild der arabischen Frau

Im Gegensatz zu zahlreichen Schriftstellerinnen in den arabischen Ländern und anders als heute in Frankreich oder Großbritannien gibt es in Deutschland nur wenige arabischstämmige Schriftstellerinnen. Die meisten dieser Autorinnen - gemeint sind damit Autorinnen wie Huda Al-Hilali, Halima Alaiyan und Kaouther Tabai - haben bis heute jeweils nur ein einziges Werk veröffentlicht, das zudem ohne nennenswerte Resonanz blieb. Das erste nach 1945 auf Deutsch verfasste literarische Werk aus der Feder einer arabischstämmigen Autorin ist vermutlich Huda Al-Hilalis Erzählband Von Bagdad nach Basra.35 Es ist zugleich das bislang letzte Werk der im Irak geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Schriftstellerin. Von den Werken der Autorinnen arabischer Herkunft wurden die Texte der Prinzessin Salme von Oman und der in Palästina lebenden Autorin Sumaya Farhat-Naser in Deutschland am stärksten rezipiert.


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DIE LITERATUR ARABISCHSTÄMMIGER SCHRIFTSTELLERINNEN UND SCHRIFTSTELLER TRÄGT IHREN TEIL DAZU BEI, DASS DIE ARABISCHE WELT KEIN „BUCH MIT SIEBEN SIEGELN“ BLEIBT. 

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Salme Bint Said behandelt in ihren Memoiren u. a. die Stellung der arabischen Frau und ihre Wahrnehmung in Europa und kritisiert den exotistischen Blick, mit dem die Europäer arabische Frauen betrachten:

„Ich bin überzeugt, man wird mich als geborene Orientalin für parteiisch halten und es wird mir doch nicht gelingen, die schiefen und falschen Ansichten, welche in Europa und besonders in Deutschland über die Stellung einer arabischen Frau gegenüber ihrem Manne im Schwunge sind, gründlich auszurotten. (...) Da geht ein Tourist auf einige Wochen nach Konstantinopel, nach Syrien, Ägypten, Tunis oder Marokko und schreibt ein dickleibiges Buch über Leben, Sitten und Gebräuche im Orient. (...) er spannt einfach seine Phantasie an und ergänzt nach Herzenslust. Wenn sein Buch nur amüsant und interessant geschrieben ist, so wird es sicher mehr gelesen, als wahrheitsliebendere, die weniger Pikantes bieten, und beherrscht dann das Urteil der großen Menge.”36

Im Gegensatz zu den genannten Werken männlicher Autoren - mit Ausnahme von Naoums Nura - ist die Hauptfigur in Al-Hilalis Text eine Frau, die mit mehreren Erwartungen vieler deutscher Leser bricht. Die Protagonistin wird als starke und zugleich witzige Persönlichkeit skizziert. Um den Mann, den sie später heiratet, wirbt sie selbst.

„Als sie ihn das erste Mal in der Gasse sah, da wusste sie es. Noch nie hatte sie einen Menschen so erblickt, der so groß war und sooo schüchtern. Und als er anfing zu stolpern, wenn sie ihn beim Vorbeigehen anschaute, da wusste sie, dass er sie auch mochte. Aber sie wollte, dass er auch zu ihr aufschaute. Einfach so. (...) aber ich werde ihn heute nicht einfach so an mir vorbeigehen lassen. Und schon ließ sie die Tasche mit den freigekauften Eiern fallen. ‚Oh’, sagte er, beugte sich zu Boden und fing an, die noch heilen Eier aufzusammeln. Er schaute ein wenig hilflos zu ihr hoch, wusste nicht so recht, wohin mit den Eierschalen. Sie stand aufrecht und stolz da und schaute zu ihm herunter, als hätte sie gewonnen. Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen, dachte sie.” (ebenda, S. 15f.)

Al-Hilalis Werk weist zwar sprachliche und stilistische Schwächen auf, ist jedoch von besonderer Bedeutung, da es zum ersten Mal eine Frauenstimme aus der Gegenwart präsentiert. Auch die Hauptfi-gur der palästinensisch-deutschen Autorin Halima Alaiyan in Vertreibung aus dem Paradies. Meine lange Flucht aus Palästina37 ist eine Frau, die sowohl unter der Besatzung ihrer Heimat und der daraus resultierenden Vertreibung als auch unter den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen leidet. In diesem autobiografischen Text wird der Leser mit einer sich innerhalb der Handlung emanzipierenden arabischen Frauenfigur konfrontiert - ein Bild, das sich nicht mit dem stereotypen Bild von der arabischen Frau vereinbaren lässt.

 

Jenseits der Exotik

Neben die erste Einwanderergeneration ist seit Anfang der neunziger Jahre der wachsende Beitrag des Nachwuchses eingewanderter Araber zum kulturellen Leben getreten. Zu dieser Generation zählen auch Künstler wie Susan Hefuna oder Cholud Kassem und Sänger wie Laith Al-Deen, der mit seinem Stück Bilder von Dir berühmt wurde, sowie Samy Delux oder auch die No Angels Sängerin Nadja. Die drei genannten Sänger haben jeweils eine deutsche Mutter. Laith Al-Deens Vater stammt aus dem Irak, und die Väter der anderen beiden stammen aus dem Sudan. In der deutschen Literatur erscheinen seit Anfang der neunziger Jahre dann auch Werke von arabischstämmigen Schriftstellern, die, wie Abdellatif Youssafi, als Kinder nach Deutschland kamen und dort aufgewachsen sind, die, wie Raid Sabbah, in Deutschland als Kind arabischer Migranten geboren wurden, oder die, wie Anis Hamdeh und Sherko Fatah, einen deutschen Elternteil haben. Diese junge Schriftstellergeneration, die seit den sechziger Jahren geboren wurde und in Deutschland aufwuchs, identifiziert sich als deutsch, als gleichwertiger Teil der Gesellschaft und ist sich zugleich ihrer ethnischen, religiösen oder sprachlichen Besonderheit bewusst.

Sherko Fatahs Debüt Im Grenzland,38 2001 ausgezeichnet mit dem Aspekte-Literatur-Preis, setzt sich mit der komplizierten Lage im Norden des Iraks auseinander, der mehrheitlich von Kurden besiedelt ist. Die Handlung spielt in den neunziger Jahren während des Embargos gegen den Irak. Fatahs Romanfiguren präsentieren unterschiedliche Positionen in diesem Krisengebiet. Sie schlagen divergierende Wege ein, um überleben zu können. Die Hauptfigur, ein Schmuggler, überquert regelmäßig ein Minenfeld zwischen dem Irak, der Türkei und dem Iran, um die durch das Embargo nicht mehr zugänglichen Waren zu besorgen. Die Lebenssituation des Schmugglers steht als Metapher für die Lage der Kurden, die sich im übertragenen Sinn in einem Minenfeld zwischen mehreren Ländern befinden. Der Sohn des Schmugglers schließt sich einer Gruppe muslimischer Extremisten an. Schließlich wird er vom Regime umgebracht. Beno, ein weiterer irakischer Kurde, passt sich hingegen der Obrigkeit an und wird zum Informanten des Geheimdienstes. Das Geschehen im Roman wird hauptsächlich von Männern dominiert, die Frauenfiguren spielen dagegen eine marginale Rolle und werden nicht ausführlich beschrieben. In Fatahs späterer Erzählung Donnie39 ist die Handlung zwar in Österreich angesiedelt, jedoch werden Bezüge zum algerischen Befreiungskrieg hergestellt. Der Autor nimmt eine postkoloniale Perspektive ein, die in der deutschen Literatur selten ist.

„‚Ich weiß das. Er war Holzfäller davor, irgendwo weit weg.’ ‚Ja, und davor noch war er im Krieg.’ Sie blickte zum Fenster. ‚Im Krieg? Nein, Gotthard war fast noch ein Kind, als der Krieg aus war.’ Sie schien verwirrt von dem, was ich sagte. ‚Es war ein späterer Krieg. In Algerien und danach in...’ ‚Wie?’ ‚In Algerien.’ Ich sprach das Wort deutlich aus. ‚Ich kann Sie gut verstehen’, sagte sie schroff. ‚In Algerien. – Davon wusste ich gar nichts.’“ (ebenda, S. 31)

 

Gewalt als Spiegelbild der Besatzung

Zu den Werken der zweiten Generation zählen auch Raid Sabbahs Der Tod ist ein Geschenk40 und Der Wind trägt meinen Schmerz davon.41 Bei Der Tod ist ein Geschenk handelt es sich um eine fiktive Biografie, die auf einer wirklichen Begegnung des Autors mit einer dem Protagonisten ähnlichen Person basiert. Die Ereignisse werden von der Hauptfigur in Form einer Ich-Erzählung geschildert. Der 29-jährige Palästinenser Said lebt mit seiner Familie unter dem alltäglichen, massiven Druck der israelischen Besatzung. Im Alter von neun Jahren erlebt er, wie die Besatzungsmacht den gesamten Landbesitz der Familie enteignet, um dort eine Siedlung zu errichten. Darauf folgt die Flucht der Familie nach Dschenin; sie werden Flüchtlinge im eigenen Land. Der Vater, der Onkel und auch Said selbst müssen Festnahmen und Folterungen über sich ergehen lassen. Saids Mutter wird während der ersten Intifada durch die israelische Armee getötet. Said verbringt später vier Jahre in israelischen Gefängnissen, weil er Steine auf die Besatzer geworfen hat:

„Sie zogen mir die Sandalen aus, winkelten meine Beine an, so dass meine Füße in die Höhe ragten und zogen sie zwischen dem Brett und dem Seil durch. Dann begannen sie das Brett in der Weise zu drehen, dass das Seil eine Schlaufe um meine Fußknöchel bildete und sich durch das Drehen immer enger zog. Er sagte mir: ‚Du zählst mit!’ Er fing an, mit dem Stock auf meine nackten Fußsohlen einzuschlagen. Ich zählte laut mit. (...) ‚Siebenundfünfzig ...’. Dann verlor ich wieder das Bewusstsein.“ ebenda, S. 145)

Diese und andere im Werk geschilderten Folterszenen werden von einem Zitat aus einem realen Geständnis eines israelischen Reservisten unterbrochen, der palästinensische Häftlinge gefoltert hat (ebenda, S. 139f.). Die an mehreren Stellen verwendete Montagetechnik wird vom Autor durch Kursivschrift hervorgehoben.

Nach seiner Entlassung sucht Said Arbeit. In der israelischen Stadt Haifa findet er wegen seiner Vorstrafe nur kleine Jobs ohne Arbeitserlaubnis, wie Tellerwäscher und Schreinergehilfe. Er wird von einer Militärpatrouille angehalten und brutal zusammengeschlagen, bis er das Bewusstsein verliert. Bei einem weiteren Vorfall schießen israelische Wachposten auf ein Taxi, in dem Said sitzt. Sie treffen ihn in die Beine. Nach seiner Genesung schließt der Protagonist die Möglichkeit nicht mehr aus, eines Tages einen Selbstmordanschlag zu verüben, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Obwohl Said kein religiöser Fanatiker ist, wird er also im Verlauf seines Lebens unter der Besatzung immer weiter radikalisiert. Sein Vorhaben gelingt ihm jedoch nicht, da er bei einer israelischen Militäroffensive im Flüchtlingslager von Dschenin erschossen wird. Der Text verweist auf die gängigen Klischees über Palästinenser als fanatische, blutrünstige Terroristen. Anhand der Biografie Saids wird gezeigt, dass palästinensische Gewalt keineswegs auf die Herkunft oder Religion zurückzuführen ist. Der Handlungsablauf lässt die Schlussfolgerung zu, dass Gewaltbereitschaft und Selbstmordattentate das Spiegelbild der Besatzungspolitik sind, die Palästinenser wie Said den Sinn für den Wert ihres eigenen Lebens raubt. Die Besatzung und ihr Umgang mit den Palästinensern bereiten den Boden für Terrorismus. Saids Perspektive wird von Sabbah mit Distanz dargestellt, der dem Text ein Talmud- und ein Hadith-Zitat voranstellt und für eine friedliche Lösung plädiert.

 

Das Individuum ist Konflikten hilflos ausgeliefert

Auf eine andere Weise greift Anis Hamadeh den palästinensisch-israelischen Konflikt in Ausgangssperre für Gefühle auf:

„alarm ist ausgerufen worden – die checkpoints ihres herzens – sind sämtlich geschlossen – an den toren sicherheitsposten – nicht unfreundlich – doch streng – wer keine gültigen papiere hat – kommt hier nicht weiter – es hatte tage gegeben – da war ich mehrere kilometer tief – in ihrem gebiet – fand dort spuren meines traums – und suchte das ohr – heute seit sonnenaufgang – sind alle wege abgeriegelt – keine eindringlinge können – durch die mauer – worte, gesten prallen ab – an berührung nicht zu denken – ausgangssperre für gefühle.“42

Hamadeh funktionalisiert die deutsche Mediensprache und die bei Berichten über den palästinensisch-israelischen Konflikt verwendeten Begriffe, wie "Ausgangssperre", "Checkpoints" und "Sicherheitsposten". Der Text handelt sowohl von einer Liebesbeziehung als auch von den politischen Ereignissen im Nahen Osten. Kennzeichnend für seine "prosaische Lyrik" sind die Kleinschreibung sowie der intensive Gebrauch von Bindestrichen. Hamadeh versteht diese Bindestriche als "Bambusstücke", die sich durch ihre hohe Flexibilität auszeichnen. Fatah, Sabbah und Hamadeh gelingt es, den deutschen Leser dafür zu sensibilisieren, dass der Nahe Osten
weder der idyllische Orient von Tausendundeiner Nacht noch der Ort des religiösen Fanatismus allein ist, sondern eine Region, die von Konflikten hochkomplexer Natur geprägt ist, denen der einzelne Mensch meist hilflos ausgeliefert ist.

 

Bereicherung der deutschen Literatur

Außer seinem "fremden" Namen und Aussehen, ist an Jamal Tuschicks "öffentlicher Biografie" und literarischem Schaffen seit Anfang der neunziger Jahre kein gemischter kultureller Hintergrund erkennbar. Er ist dennoch der Herausgeber des Bandes MorgenLand, der, als er 2000 erschien, viel Lob von der Kritik erhielt. Der Band enthält Texte deutscher Schriftsteller, deren Eltern nicht-deutscher Herkunft sind. Obgleich Tuschick sich im Nachwort des Buches nicht zu seinem eigenen Hintergrund äußert, spricht er allgemein die Bedeutung der Herkunftsländer der Eltern für die Schriftsteller der zweiten Generation an: "Manche Autoren der zweiten Generation beschreiben Irritationen aus Fremdungserlebnissen in den Ursprungsgesellschaften."43

Tuschick erkennt, dass "die deutsche Literatur an den ethnischen Rändern der Gesellschaft intensiv befruchtet wird" (ebenda, S. 284). Denn die "Nachgeborenen nutzen ihre Chance zur doppelten kulturellen Auswahl offensiv. Der Konkurrenz haben sie nicht nur eine Sprache voraus (...) dem aleman lässt sich viel erzählen" (ebenda, S. 285). Mit Recht meint Tuschick aber, dass die Hervorhebung der nicht-deutschen Abstammung eines deutschen Schriftstellers sehr problematisch für ihn werden kann: "Die Kenntnis von der nicht-deutschen Abstammung eines Autors öffnet unter Umständen keine Verständnistür. Eben so gut kann sie artistisches Agens sein" (ebenda, S. 285).

 

Plädoyer für den Begriff "germanophone" Literatur

In den behandelten Texten von Schriftstellern der ersten Generation verweisen die Ortsangaben auf in der Realität bestehende Orte. Ebenso ist die Zeitkonzeption auf die reale Welt übertragbar. Selbst bei Schami weist das Werk mehrfach implizit auf reale Orte und explizit auf reale Zeiten hin. Figuren wie der Kaffeehauserzähler stehen im Mittelpunkt der Werke Naoums, Schamis und Alafenischs. Anhand ineinander greifender, zyklischer Geschichten fungieren auch weitere Figuren als Erzähler innerhalb dieser Werke. Diese Vervielfachung der Erzähler innerhalb derselben Geschichte hebt die Rolle der Oralität als signifikanten Bestandteil der arabischen Kultur hervor. Die Werke verbindet außerdem die Einbindung fantastischer Elemente und Motive. Die Frau als integrierter und gleichberechtigter Bestandteil der Gesellschaft kommt in den Werken männlicher Autoren selten vor. So tauchen in diesen Werken kaum erfolgreiche Frauen auf. Nur bei Naoum finden sich selbständige Frauenfiguren, die in ihrer Gesellschaft Achtung und Anerkennung erlangen. Bei Schami und Alafenisch spielt die arabische Frau entweder eine marginale Rolle oder sie wird als wehrlos und unterdrückt dargestellt.

Die zweite Generation, die literarisch tätig ist, hat mit der ersten Generation gemeinsam, dass sie sich oft auf die arabische Region bezieht. Sie distanziert sich aber von einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Exotik-Thematik. Die Autoren bedienen sich in ihren Werken ausschließlich ihrer Muttersprache Deutsch, im Gegensatz zur ersten Generation und anders als bei der "Kanaken-" oder "Beur-Sprache" von Deutschen türkischer und Franzosen arabischer Abstammung der zweiten Einwanderergeneration. Das liegt vermutlich daran, dass die in Deutschland geborenen Schriftsteller die arabische Sprache im Alltag wenig gebrauchen und daher kaum beherrschen. Ferner stammt ein Teil der ersten Generation aus einer Minderheit in der arabischen Region, die eine eigene Sprache hat. Ein weiterer Aspekt, der vielleicht eine Rolle spielt, könnte ein stärkeres Bewusstsein für die mögliche exotische Wirkung sein, die die Verwendung von arabischen Sprachelementen in einem deutschen Text erzeugen kann. Im Gegensatz zur ersten Generation, deren Leben lange durch die arabische Sprache und Kultur geprägt war, betrachtet die zweite Generation diese aus einer distanzierteren Perspektive. Der Literatur der ersten sowie der zweiten Generation sollte man deshalb nicht eine einzige Identität mit Begriffen wie "Migranten- oder Migrationsliteratur" zuschreiben. Stattdessen sollte der sprachliche Aspekt bei der Bezeichnung hervorgehoben werden, indem von einer "germanophonen" oder "deutschsprachigen" Literatur gesprochen wird, entsprechend der frankophonen und anglophonen Literatur.44

 

Dr. Manar Omar ist als Germanistikdozentin an der Deutschabteilung der Universität Helwan in Kairo und als freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin tätig. Sie absolvierte ihr Abitur an der Deutschen Schule der Borromäerinnen in Kairo und studierte anschließend Germanistik an der Kairoer Universität. In ihrer 2006 abgeschlossenen Dissertation beschäftigte sie sich mit ausgewählten Werken Deutsch schreibender Autoren arabischer Herkunft. Sie hat mehrere Lesereiseprojekte mit deutschsprachigen Autoren koordiniert. Neben zahlreichen Vorträgen und Publikationen hat sie eine Bibliografie deutscher Übersetzungen arabischsprachiger Werke von 1990 bis 2004 herausgegeben.

 

Anmerkungen

1 Es handelt sich um etwa 280.000 Migranten aus verschiedenen arabischen Ländern und dazu eine unbekannte Zahl von Palästinensern. Vgl. Eckehart-Schmidt-Fink: Araber in Deutschland. In: Ausländer in Deutschland, Heft 2/2001, S. 3-5; hier S. 3.

2 Ebd., S. 4.

3 In ihrem bisher noch nicht veröffentlichten Vortrag (gehalten bei der German Studies Association, Washington, 4.-7. Oktober 2001) "How ethnic is it? Reflections on works by Arab-German writers of the second generation" bespricht Nina Bermann Tuschicks literarisches Schaffen und verweist auf seinen halb-lybischen Hintergrund.

4 Mustapha El Hajaj: Vom Affen, der ein Visum suchte und andere Gastarbeitergeschichten. Wuppertal 1969.

5 Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (Hrsg.): Auftakt 63. Gedichte mit Publikum. Berlin 1963.

6 Adel Karasholi: Ich habe das Problem gehört. In: Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (Hrsg.): Auftakt 63. Gedichte mit Publikum. Berlin 1963, S. 16.

7 ebenda, S. 18-19.

8 ebenda, S. 20-21.

9 Emily Ruete: Leben im Sultanspalast. Memoiren aus dem 19. Jahrhundert. Leicht bearbeiteter Neudruck der Ausgabe: Memoiren einer arabischen Prinzessin (Berlin 1886). Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Annegret Nippa. Bodenheim 1998.

10 Zu bemerken ist hier, dass sich bei meinen bisherigen Untersuchungen zur deutschsprachigen Literatur von Autoren arabischer Herkunft keine einzige Bezugnahme auf Leben und Werk der arabischen Prinzessin in diesem Kontext finden lässt.

11 Vgl. Jürgen Wertheimer: Das Eigene und das Fremde als Kategorien der Wahrnehmung und des Verhaltens. In: Palette. Bamberger Zeitschrift für neueste Literatur, Heft 12/1990, S. 114.

12 Suleman Taufiq: Erwartungen an die deutschen Kulturvermittler. In: Irmgard Ackermann/Harald Weinrich (Hrsg.): Eine nicht nur deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der "Ausländerliteratur". München 1986, S. 75.

13 Jusuf Naoum: Aus dem Ghetto heraus. In: Irmgard Ackermann/Harald Weinrich (Hrsg.): Eine nicht nur deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der "Ausländerliteratur". München 1986, S. 79.

14 Franko Biondi/Rafi Schami: Über den literarischen Umgang mit der Gastarbeiteridentität. In: PoLiKunst-Jahrbuch 1983, S. 16.

15 Rafik Schami: Damals dort und heute hier. Über Fremdsein. Freiburg 1998, S. 63.

16 Rafik Schami: Eine Hand voll Sterne. Weinheim 1987.

17 Rafik Schami: Erzähler der Nacht. Weinheim 1989.

18 Rafik Schami: Die Sehnsucht der Schwalbe. München 2000.

19 Rafik Schami: Der ehrliche Lügner. Roman von tausendundeiner Lüge. Weinheim und Basel 1996 (1992).

20 Jusuf Naoum: Nura. Eine Libanesin in Deutschland. Wuppertal 1996.

21 Jusuf Naoum: Nacht der Phantasie. Der Kaffeehauserzähler Abu al Abed lädt ein. Frankfurt am Main 1994.

22 Im Folgenden wird bei den Auszügen aus den Romanen und Erzählungen jeweils auf die entsprechenden Seiten der Buchhandelsausgaben und der bereits zitierten Werke der einzelnen Autoren verwiesen.

23 Zitiert nach Ralf-Andreas Gmelin: Der Reisesegen. Predigt in der Ringkirche vom 23. Juni 2002. Unter: http://www.ringkirche.de/predigt/2202-13.htm (Abgefragt am 15. August 2005).

24 Gisela Henckmann: Rafik Schami. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Heft 6/1999, S. 5.

25 Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken. Frankfurt am Main 1985.

26 Stuart Hall: Kulturelle Identität und Diaspora. In: Ders.: Rassismus und kulturelle Identität. Hamburg 1994, S. 26-43; hier S. 30.

27 Rafik Schami: Damals dort und heute hier. Über Fremdsein. Freiburg 1998, S. 67.

28 Salim Alafenisch: Das Kamel mit dem Nasenring. Zürich 1990.

29 Der Khalif Mu'awiyya Ibn Abi Sufian (608-680), der Gründer des umayyadischen Khalifats, heiratete die Jakobinerin Maisun bint Bahdal al-Kalbiya (gest. 700), die dem angesehenen christlichen Bani Kalb-Stamm entstammte und garantierte sich damit die Verstärkung seines Khalifats (661-680). Nach seinem Tod herrschte Yazid (680-683), sein Sohn von Maisun. Maisun bint Bahdal al-Kalbiya zählt außerdem zu den klassischen arabischen Dichterinnen.

30 Wadi Soudah: Sheherezade im NATO-Land. In: Absturz aus dem Paradies. Geschichten eines Eingewanderten. Frankfurt am Main 1998, S. 40-47.

31 In Soudahs 1991 erschienener Erzählung "Beschneidung" ist allerdings der "Ich"-Erzähler ein palästinensischer Christ, der das harmonische Zusammenleben zwischen den muslimischen und den christlichen Palästinensern, die gegenseitige Beeinflussung und den positiven Austausch zwischen ihnen humorvoll beschreibt. Diese Erzählung ist Teil der Erzählsammlung: Kafka und andere palästinensische Geschichten. Frankfurt am Main 1991.

32 Michel Foucault: Andere Räume. In: Gente Barck u.a. (Hrsg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig 1990 (1967), S. 34-49; hier S. 45.

33 Adel Karasholi: Der alte Turban. In: Umarmung der Meridiane. München 1999, S. 23f.

34 Ders.: Daheim in der Fremde. In: Lerke von Saalfeld (Hrsg.): Ich habe eine fremde Sprache gewählt. Ausländische Schriftsteller schreiben deutsch. Gerlingen 1998, S. 116.

35 Huda Al-Hilali: Von Bagdad nach Basra. Geschichten aus dem Irak. Heidelberg 1992.

36 Emily Ruete: Leben im Sultanspalast. Memoiren aus dem 19. Jahrhundert. Leicht bearbeiteter Neudruck der Ausgabe "Memoiren einer arabischen Prinzessin". Berlin (1886). Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Annegret Nippa. Bodenheim 1998.

37 Halima Alaiyan: Vertreibung aus dem Paradies. Meine lange Flucht nach Palästina. München 2003.

38 Sherko Fatah: Im Grenzland. Salzburg 2000.

39 Sherko Fatah: Donnie. Salzburg 2002.

40 Raid Sabbah: Der Tod ist ein Geschenk. Die Geschichte eines Selbstmordattentäters. München 2002.

41 Raid Sabbah: Der Wind trägt meinen Schmerz davon. Aus dem Leben einer palästinensischen Mutter. München 2004.

42 Anis Hamadeh: Ausgangssperre für Gefühle, 17. Mai 2004. Unter: http://www.anis-online.de/pagesI_text2/0636_ausgangssperre.de

43 Jamal Tuschik: Träger von Zukunftsinformationen. In: Ders. (Hrsg.): MorgenLand. Neueste deutsche Literatur. Frankfurt am Main 2000, S. 290.

44 Vgl. Hierzu: Katherine Arens: For want of a word… The Case for Germanophone. In: UP, 2/1999, S. 130-142; sowie Nina Berman: German and Middle Eastern Literary Traditions in a Novel by Salim Alafensch. Thoughts on an Germanophone Beduin Author form Negev. In: German Quarterly, 3/1998, S. 271-283.


 

 

 

 


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