Zeitschrift

Die arabische Welt
und der Westen


 

Heft 2 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

Die arabische Welt und der Westen


 


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BRÜCKEN UND WEGE ZU EINEM DIALOG ERFORDERN GEGENSEITIGEN RESPEKT UND SETZEN EINBLICKE IN DIE KULTUR DER ARABISCHEN WELT VORAUS. 

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Über die Vielfalt der Kulturen wird seit geraumer Zeit ernsthaft nachgedacht und diskutiert. Europa besinnt sich auf sein abendländisch-christliches Erbe und die arabische Welt streitet mit sich und mit anderen über ein angemessenes Verständnis islamisch geprägter Werte. So fordert der Westen von der arabisch-islamischen Welt den Anschluss an die Moderne, die Etablierung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte. Der Islam hingegen nimmt eine Verteidigungshaltung ein, muss stets sein Verhältnis zum Westen sowie das Verständnis seiner Religion und kulturellen Identität definieren. Unter dem Eindruck aktueller Ereignisse wächst die Neigung, Konfliktkonstellationen als Bedrohungsszenario zu bewerten. Der Begriff "Kulturkampf" findet immer häufiger Verwendung. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass in dieser Debatte ein Ungleichgewicht der Kräfte zutage tritt. Die Diskussion über die Unterschiedlichkeit der Kulturen ist nicht frei von dem Anspruch, die Definitionsmacht über Werte, Weltbilder und die "richtigen" Lebensweisen zu besitzen. Und hingewiesen sei auch auf die Tatsache, dass es den Islam als monolithischen Block in der politischen Wirklichkeit gar nicht gibt. Immerhin meint man damit mehr als 1,2 Milliarden Menschen, von denen eben nicht die Mehrheit im Mittleren und Nahen Osten, sondern in Süd- und Südostasien lebt.

Brücken und Wege zu einem Dialog der Kulturen sind also gefragter denn je. Angesichts zahlreicher und in naher Zukunft nicht zu lösender Konflikte in der arabischen Region mutet dieser Gedanke zunächst vielleicht naiv an. Gleichwohl kann Dialogen die Möglichkeit der Konfliktregulierung zugesprochen werden, wenn drei Grundsätze Beachtung finden:

(1.) Jeder ernst gemeinte Dialog erkennt das Gegenüber als gleichwertigen Partner an.

(2.) Tritt man in einen Dialog mit anderen Kulturen ein, öffnet sich der eigene Horizont, das Wissen um die andere Kultur verändert sich und führt zu einem perspektivenreicheren Blick auf die "eigene" und auf die "fremde" Kultur.

(3.) Erst diese gegenseitige und von Respekt getragene Kenntnis ermöglicht die Besinnung auf einen beiderseitig zu akzeptierenden Wertekanon. Die Überführung dieses Gedankengangs in die politische Realität steht noch aus, bleibt aber angesichts der politischen Situation in der arabisch-islamischen Welt ein dringendes Ansinnen.

Gerade dieses Ansinnen ist das verbindende Moment der Beiträge in diesem Heft der Zeitschrift "Der Bürger im Staat". Die beiden einleitenden Beiträge stellen eine politisch interessante Hypothese zur Diskussion: Wenn der Westen nicht hilflos zusehen will, wie in den arabischen Staaten unter dem Druck der Globalisierungsprozesse islamistische Fundamentalisten an Macht und Einfluss gewinnen, muss er in einen aktiven Dialog mit der arabischen Welt treten. Dies heißt freilich auch, dass islamische Länder, die für eine demokratische Reform ihrer Staatensysteme die Hilfe des Westens benötigen, zu Zugeständnissen bereit sind, abwehrende und fordernde Positionen zurückstellen und den Dialog ernsthaft aufzunehmen bereit sind (vgl. die Beiträge von Prinz El Hassan bin Talal und Hans Küng).

Gegenwärtig steht die internationale Staatengemeinschaft vor der entscheidenden Frage, wie sich die Beziehungen zwischen den drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam in Zukunft gestalten werden. Die Optionen sind nur allzu deutlich geworden: Entweder Rivalität und Zusammenprall oder friedfertiger Dialog zwischen den Religionen und Kulturen. Alle drei Religionen bewegen sich in einem steten Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Infragestellung und haben in der Vergangenheit stets Antworten auf neue historische Herausforderungen gefunden. Extrempositionen können dann vermieden und überbrückt werden, wenn eine Besinnung auf die wahre Substanz, auf den Kern der jeweiligen Religion erfolgt (vgl. den Beitrag von Hans Küng).

Die alleinige Konzentration auf die Gegenwart verstellt den Blick auf die Vergangenheit, in der die friedliche Koexistenz von Religionen und Kulturen zu kreativen Symbiosen und gegenseitiger Bereicherung führte. Gerade die Geschichte der jüdisch-arabischen Beziehungen zeigt, dass die Mehrheit der Juden in der islamischen Welt über viele Jahrhunderte hinweg an der kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entfaltung dieser Region ihren Anteil hatte. Juden und Muslime lebten im Laufe ihrer gemeinsamen

Geschichte weithin in Frieden miteinander und schufen kulturelle und wissenschaftliche Quellen, aus denen das christliche Europa schöpfen konnte (vgl. den Beitrag von Stefan Schreiner).

Die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens und seine muslimische Nachgeschichte zeigen sich exemplarisch an der "Weihnachtsgeschichte" im Koran. Im Koran finden sich zwei Suren, die Parallelen zu den Ereignissen und Figuren im Neuen Testament aufweisen. In dieser Betrachtungsweise kann die "Weihnachtsgeschichte" als Grundlage für einen Dialog zwischen Christen und Muslimen gelesen werden. Ein Dialog, der das Gemeinsame im Lichte des Trennenden und das Trennende im Lichte des Gemeinsamen kommunizierbar macht und Respekt vor dem jeweiligen Glauben fordert (vgl. den Beitrag von Karl-Josef-Kuschel).

Für die islamisch-arabische Welt geht es zukünftig auch darum, wie sie ihre kulturelle und religiöse Substanz mit den politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts verbinden kann. Hinsichtlich der politischen Dimension ist die Frage entscheidend, wie Islam und moderne Demokratie zueinander finden. Stellvertretend für die vielen Hemmnisse, die es in arabischen Gesellschaften noch zu beseitigen gilt, wird dies

an der politischen, sozialen und ökonomischen Diskriminierung der Frauen aufgezeigt. Arabische Frauen haben in orientalischen Gesellschaften schon früh versucht, ihre Interessen und Rechte als eigenständige Akteurinnen wahrzunehmen und zu verteidigen (vgl. den Beitrag von Renate Kreile). Der gegenwärtig propagierte Islamismus scheint allerdings den politischen und sozialen Spielraum der Frauen

in arabisch-islamischen Gesellschaften einzuschränken. Je nach politischer und/oder religiöser Ausrichtung der Frauenbewegungen führt dies zu unterschiedlichen Strategien, Allianzen und Kontroversen.

Kultureller Austausch und interkulturelle Begegnungen brauchen Orte, Foren und Anlässe. Am Beispiel zweier wegweisender Einrichtungen, dem Institut du Monde Arabe (Paris) und dem Institut für Auslandsbeziehungen (Stuttgart), werden Möglichkeiten und Formen der Begegnung, des Kulturaustausches und der Pflege der kulturellen Partnerschaft zwischen dem Westen und der arabischen Welt aufgezeigt. Erklärte Absicht beider Institute ist es, durch die wechselseitige Vermittlung von Kultur fassbare "Außenpolitik" zu betreiben, eine Brücke zu anderen Ländern zu schlagen und den interkulturellen Dialog zu fördern (vgl. die Beiträge von Nasser El Ansary und Sebastian Körber).

Kulturschaffende verstehen sich als Botschafter ihres Landes, wollen Einsichten in und Verständnis für andere Lebenswelten vermitteln. Obwohl die deutschsprachige Literatur arabischstämmiger Schriftstellerinnen und Schriftsteller sprachlich und inhaltlich äußerst vielseitig ist, müssen die Autorinnen und Autoren gegen die ihnen noch heute zugedachte Rolle des fabulierenden Geschichtenerzählers aus dem "märchenhaften Orient", der das Exotische, Sinnliche und Fantastische thematisiert, ankämpfen. Das thematische Interesse arabischstämmiger Autoren gilt vielmehr der konfliktbehafteten Realität, der Zerstörung traditioneller Lebensformen bzw. kultureller Praktiken durch den sozialen Wandel und der alltäglichen Gewalt, die mit den militärischen Auseinandersetzungen in der Region einher geht. Im Gegensatz zu den Projektionen und Sehnsüchten des westlichen Publikums entpuppt sich die scheinbare Idylle des Orients als bedrohlicher Ort (vgl. den Beitrag von Manar Omar).

Das (Wunsch-)Bild vom Orient wird in starkem Maße von der Medienrezeption geprägt. Engagierte Filmschaffende aus arabischen Ländern müssen sich nicht nur mit der Konkurrenz von "Hollywood", sondern auch mit der lokalen, kommerziellen Filmindustrie messen. Außerdem bringen es Mechanismen der Filmförderung mit sich, dass arabische Filme nur dann den Weg zum europäischen Publikum finden, wenn sie in den Genuss von Fördergeldern kommen. Wenn in diesen Filmen zuweilen der exotische Blick bedient wird, kommt er der "Leseweise" des westlichen Publikums entgegen, weil er "ihr" Bild der arabischen Region bestätigt. Europa fördert zwar den arabischen Film, läuft jedoch Gefahr, das Bild vom so genannten "fremden Orient" zu reproduzieren (vgl. den Beitrag von Viola Shafik).

Die Beiträge dieser Ausgabe der Zeitschrift "Der Bürger im Staat" gehen auf die Vorlesungsreihe "Die Westen und die arabische Welt. Brücken und Wege zu Dialog und Verständigung" zurück, die federführend vom Verein arabischer Studenten und Akademiker an der Eberhard Karls Universität in Tübingen veranstaltet wurde. Allen Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen detaillierte Informationen vermitteln, für Einblicke in die arabische Welt sorgen und für einen Dialog der Kulturen werben, sei an dieser Stelle gedankt. Besonderer Dank gebührt Herrn Adwan Taleb vom Verein arabischer Studenten und Akademiker für seine Bemühungen und Übersetzungsarbeiten, die maßgeblich zum Zustandekommen der Veröffentlichung beigetragen haben. Dank gebührt weiterhin Robin Bär für die Bildauswahl und nicht zuletzt dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech


 

 

 

 


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