Zeitschrift

Die arabische Welt
und der Westen


 

Heft 2 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Dialog statt Konfrontation
 

Der Westen und der Islam

  Hans Küng

Kein Friede unter den Nationen
ohne Frieden unter den Religionen.
Kein Friede unter den Religionen
ohne Dialog zwischen den Religionen.


Es sind nun fast 25 Jahre her, dass Hans Küng das von ihm und Walter Jens neu begründete Studium Generale an der Universität Tübingen mit einer Vorlesung über "Ökumenische Theologie. Perspektiven für einen Konsens der Zukunft" eröffnete. In dieser Vorlesung plädierte er für eine "Ökumene der Weltreligionen", auch mit dem Islam, ohne Leugnung der Differenzen, jedoch im Bewusstsein der großen Gemeinsamkeiten. Nach dem 11. September 2001 und dem zweiten Irakkrieg steht die internationale Staatengemeinschaft vor der Schlüsselfrage, wie sich die Beziehungen zwischen den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam in Zukunft gestalten werden. Die Optionen sind nur allzu deutlich geworden: Entweder Rivalität der Religionen und Zusammenprall der Kulturen oder Dialog der Kulturen und Frieden zwischen den Religionen. Alle drei Religionen bewegen sich in einem steten Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Infragestellung und haben in der Vergangenheit stets Antworten auf neue welthistorische Herausforderungen gefunden. Die beiden Extrempositionen "Bewahrung" und "Infragestellung" können nur dann überbrückt werden, wenn eine Besinnung auf die wahre Substanz, auf den Kern der jeweiligen Religionen erfolgt. Mehr noch: In Bezug auf den Islam geht es darum, diese Substanz mit den politischen und religiösen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu verbinden. Hinsichtlich der politischen Dimension ist die Frage entscheidend, wie Islam und moderne Demokratie zueinander finden.

 

Huntingtons Gegenprogramm

Ein Gegenprogramm entwarf zehn Jahre später der US-Politologe Samuel Huntington - zuerst vorsichtig in Frageform, später aber programmatisch als neues Paradigma der Außenpolitik: "A Clash of Civilizations - ein Zusammenprall der Zivilisationen" (1993). Also ein Kampf der Kulturen als unabwendbares Weltszenario? Der Pentagon-Berater Huntington hatte sich offenbar mit der inneren Dynamik und Vielgestaltigkeit der einzelnen Kulturen wenig beschäftigt, und komplexe historische Zusammenhänge, fließende Übergänge, gegenseitige Befruchtung und friedliches Zusammenleben waren ihm weithin unbekannt. So prognostizierte er den Zusammenprall zwischen "dem Westen" und "dem Islam" als besonders gefährlich. Damit leistete er ideologische Schützenhilfe, um nach dem Ende des Kalten Krieges das Feindbild Kommunismus durch das Feindbild Islam zu ersetzen, weiterhin eine amerikanische Hochrüstung zu rechtfertigen und, gewollt oder ungewollt, eine günstige Atmosphäre für weitere Kriege zu schaffen.

Schon ein Jahr vor Huntingtons Artikel - 1992 unmittelbar nach dem unrühmlichen Ende des ersten Irakkrieges unter Präsident Bush senior und ein Jahrzehnt vor dem zweiten - hatte in den USA eine kleine Gruppe "neokonservativer" Ideologen und Machtpolitiker begonnen, einen möglichen Präventivkrieg - um Ölreserven, amerikanische Hegemonie und Israels "Sicherheit" - ideologisch vorzubereiten. Nach dem Amtsantritt von Präsident Bush junior 1999 wurde der Krieg exakt geplant und der unerhörte Massenmord vom 11. September 2001 als Anlass genutzt, um einen Angriff zuerst gegen Afghanistan zu führen und ihn auch dem - an den Anschlägen unbeteiligten - Irak anzudrohen. Nach vergeblicher Bemühung um eine Zustimmung des Weltsicherheitsrates und nach einer geradezu Orwellschen Lügenkampagne bezüglich Kriegsgründen und -zielen begann die Bush-Administration, von Großbritanniens Premierminister Tony Blair unterstützt, am 18. März 2003 gegen Völkerrecht und Weltöffentlichkeit den Krieg gegen den Irak mit massiver militärischer Gewalt und gewann ihn schon bald scheinbar.

 

Die Optionen sind deutlich geworden

Aber statt den Terror zu besiegen, wurde ihm in Afghanistan, im Nahen Osten und in der ganzen Welt erst recht zur Ausbreitung verholfen. Weitere Tragödien folgten: auf Bali, in Casablanca, Riad, Istanbul und Madrid. Hier kam es am 11. März 2004 zum ersten Mal auf europäischem Boden zu einem Massaker diesen Ausmaßes, welches durch die Parlamentswahlen zwei Tage darauf zur Abwahl der am Irakkrieg beteiligten spanischen Regierung führte, aber auch für die am Krieg nicht 

Neugestaltung der internationalen Beziehungen, des Verhältnisses Westen-Islam und auch der Beziehungen zwischen den drei abrahamischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Die Optionen sind deutlich geworden: Entweder Rivalität der Religionen, Zusammenprall der Kulturen, Krieg der Nationen - oder Dialog der Kulturen und Frieden zwischen den Religionen als Voraussetzung für Frieden zwischen den Nationen! Sollten wir angesichts der tödlichen Bedrohung der gesamten Menschheit nicht anstatt neue Dämme des Hasses, der Rache und Feindschaft aufzurichten, lieber die Mauern des Vorurteils Stein um Stein abtragen und damit Brücken des Dialogs bauen, Brücken gerade auch zum Islam? Weder eine Verwischung der Gegensätze, noch eine synkretistische Vermischung erscheinen sinnvoll. Vielmehr ist nur eine redliche Annäherung und Verständigung angezeigt, die in beidseitigem Selbstbewusstsein, in Sachlichkeit und Fairness und im Wissen um das Trennende wie das Verbindende gründet.

 

Statt "Clash" Dialog mit dem Islam

Nur wenn es gelingt, die gewalttätigen Extremisten zu isolieren und die gemäßigten Muslime zu stärken, wenn es gelingt, Brücken des Vertrauens zu bauen und die Beziehungen zwischen der westlichen und der islamischen Welt wieder zu stabilisieren, nur wenn sich Israelis, Araber und "Westler", Juden, Christen und Muslime nicht mehr als Gegner, sondern als Partner verstehen und behandeln, können die unüberwindbar scheinenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme der Gegenwart gelöst werden und kann so ein Beitrag zu einer friedlicheren Weltordnung geleistet werden.

Deshalb fordern heute viele: Kein Rückfall in das von den europäischen Nationen in der Moderne praktizierte, aber nach dem Zweiten Weltkrieg erfreulicherweise überwundene Paradigma der politisch-militärischen Konfrontation, Aggression und Revanche! Vielmehr eine entschiedene Realisierung des in der UN-Charta festgehaltenen und im Rahmen der Europäischen Union am weitesten fortgeschrittenen neuen, "nach-modernen" Paradigmas der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Verständigung, Kooperation und Integration. Frieden und Freiheit können auf Dauer nur auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit, Toleranz, Menschenrechten und ethischen Standards erreicht werden.1 Zum Dialog sind nicht die Zivilisationen oder Kulturen als solche aufgefordert, die ja keine Subjekte und keine geschlossenen Einheiten sind, sondern die einzelnen Menschen und ganz bestimmte Gruppen, die aus unterschiedlichen kulturellen Prägungen kommen, vor allem aber die politisch, wirtschaftlich und kulturell verantwortlichen Eliten.

 

Worin liegt eigentlich die Kraft des Islam?


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WORIN LIEGT DIE KRAFT DES ISLAM? DER ISLAM SCHEINT BIS HEUTE WENIGER VOM RELIGIÖSEN SUBSTANZ- UND PROFILVERLUST BETROFFEN ZU SEIN ALS JUDENTUM UND CHRISTENTUM. JEDER MUSLIM KANN AUSDRÜCKEN, WAS BOTSCHAFT UND WESEN DES ISLAM SIND.

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Im Blick auf den Islam sollten sich Christen wie Nichtchristen die Frage stellen: Warum bekennen sich 1,2 Milliarden Menschen mit steigender Tendenz in den mittleren Regionen unserer Erde von der Atlantikküste Afrikas bis zu den indonesischen Inseln, von den Steppen Zentralasiens bis nach Mosambik zu dieser einen Religion? Ja, die große Frage ist: Worin eigentlich liegt die Kraft des Islam, worin liegt seine Faszination?2 Ein zentraler Gesichtspunkt soll herausgehoben werden: Der Islam scheint bis anhin weniger vom religiösen Substanz- und Profilverlust betroffen zu sein als Judentum und Christentum. Jedenfalls kann jeder Muslim auch heute noch ohne hoch komplizierte dogmatische Formeln ausdrücken, was Botschaft, Wesen und konstitutive Elemente des Islam sind.

 

Zwischen Bewahrung und Infragestellung

Die Frage nach dem, was Substanz, Fundament, Zentrum einer Religion ist, stellt sich allerdings heute für alle drei prophetischen Religionen in recht grundsätzlicher Weise, und darauf möchte ich im Folgenden genauer eingehen.

Was soll in unserer je eigenen Religion unbedingt bewahrt werden? Da gibt es in allen drei prophetischen Religionen extreme Positionen: Manche sagen: "Nichts soll bewahrt werden!", die anderen hingegen: "Alles soll bewahrt werden!":

  • "Nichts" soll bewahrt werden, sagen gänzlich säkularisierte Christen: Sie glauben oft weder an Gott noch an einen Sohn Gottes, sie ignorieren die Kirche und verzichten auf Predigt und Sakramente. Bestenfalls schätzen sie das kulturelle Erbe des Christentums: die Kathedralen oder Johann Sebastian Bach, die Ästhetik orthodoxer Liturgie oder auch paradoxerweise den Papst, dessen Sexualmoral und Autoritarismus sie selbstverständlich ablehnen, als eine Säule der etablierten Ordnung.

  • "Nichts" soll bewahrt werden, sagen auch völlig säkularisierte Juden: Sie halten nichts vom Gott Abrahams und der Väter, sie glauben nicht an dessen Verheißungen, ignorieren synagogale Gebete und Riten und lächeln über die Ultraorthodoxen. Für ihr religiös entleertes Judentum haben sie vielfach eine moderne Ersatzreligion gefunden: den Staat Israel und die Berufung auf den Holocaust, was auch säkularisierten Juden immerhin eine jüdische Identität und Solidarität verschafft, nicht selten aber auch den menschenverachtenden Staatsterror gegen Nichtjuden zu rechtfertigen scheint.

  • "Nichts" soll bewahrt werden, sagen aber auch säkularisierte Muslime: An einen Gott glauben sie nicht, den Koran lesen sie nicht, Muhammad ist für sie kein Prophet und die Scharia lehnen sie rundweg ab; die fünf Pfeiler des Islam spielen für sie keine Rolle. Bestenfalls ist der Islam, freilich religiös entleert, zu gebrauchen als Instrument für einen politischen Islamismus und arabischen Nationalismus.

Es ist verständlich, dass als Gegenreaktion auf dieses "Nichts bewahren!" der umgekehrte Ruf laut wird: "Alles bewahren!". Alles soll so bleiben, wie es ist und angeblich immer war:

  • "Kein Stein des großartigen katholischen Dogmengebäudes darf herausgebrochen werden, das Ganze würde wanken", posaunen römische Integralisten.

  • "Kein Wort der Halacha darf vernachlässigt werden; hinter jedem Wort steht der Wille des Herrn (Adonaj)", protestieren ultraorthodoxe Juden.

  • "Kein Vers des Koran darf ignoriert werden, jeder ist in gleicher Weise unmittelbar Gottes Wort", insistieren viele islamistische Muslime.

Hier überall sind Konflikte vorprogrammiert, nicht nur zwischen den drei, sondern vor allem in den drei Religionen, wo immer diese Positionen kämpferisch oder aggressiv vertreten werden. Oft schaukeln sich die extremen Positionen gegenseitig hoch.

 

Extrempositionen bilden nicht die Mehrheit

Doch die Wirklichkeit sieht nicht ganz so düster aus. Denn die Extrempositionen bilden in den meisten Ländern, wenn sie nicht gerade durch politische, wirtschaftliche, soziale Faktoren aufgeladen werden, nicht die Mehrheit. Noch immer gibt es - je nach Land und Zeit verschieden groß - eine erhebliche Zahl von Juden, Christen und Muslimen, die - wiewohl in ihrer Religion oft gleichgültig, träge oder ignorant - doch keinesfalls alles in ihrem jüdischen, christlichen oder muslimischen Glauben und Leben aufgeben möchten. Die andererseits aber auch nicht bereit sind, alles zu bewahren: Als Katholiken sämtliche Dogmen und Morallehren Roms zu schlucken oder als Protestanten jeden Satz der Bibel wortwörtlich zu nehmen, oder als Juden sich in allem an die Halacha zu halten, oder als Muslime sämtliche Gebote der Scharia streng einzuhalten.

 

Die Glaubenssubstanz Muss erhalten werden

Wie auch immer: Blickt man nicht auf irgendwelche spätere geschichtliche Ausgestaltungen und Ausprägungen, sondern besinnt sich auf die Ur-Kunden, ursprünglichen Zeugnisse, auf die "Heiligen Schriften" der jeweiligen Religion - Hebräische Bibel, Neues Testament und Koran -, so kann kein Zweifel sein, dass das "Bleibende" (was bleiben muss) in der betreffenden Religion nicht einfach identisch ist mit dem "Bestehenden" (was zur Zeit besteht) und dass das, was den "Kern", die "Substanz", das "Wesen" dieser Religion ausmacht, von den "Heiligen Schriften" der betreffenden Religion her bestimmt werden kann. Es geht also hier um eine ganz praktische Frage: Was soll in unseren Religionen, in der je eigenen Religion das bleibend Gültige und ständig Verpflichtende sein? Erhalten bleiben muss nicht alles, wohl aber die Glaubenssubstanz, das Zentrum und Fundament der jeweiligen Religion, ihrer Heiligen Schrift, ihres Glaubens. Die Glaubenssubstanz der jeweiligen Religion lässt sich in aller Kürze wie folgt darstellen.

Was also muss im Christentum bewahrt werden, wenn es nicht die "Seele" verlieren soll?

  • Was immer eine historische, literarische oder soziologische Bibelkritik kritisieren, interpretieren und reduzieren mag: Von den maßgeblichen und geschichtsmächtig gewordenen christlichen Glaubensurkunden her, vom Neuen Testament (gesehen im Kontext der Hebräischen Bibel) her ist der zentrale Glaubensinhalt Jesus Christus: Er als der Messias und Sohn des einen Gottes Abrahams, er, wirksam auch heute durch denselben Gottesgeist. Kein christlicher Glaube, keine christliche Religion ohne das Bekenntnis: "Jesus ist der Messias, Herr, Sohn Gottes!" Der Name Jesus Christus bezeichnet die (keineswegs statisch zu verstehende) "Mitte des Neuen Testaments".

Was muss im Judentum bewahrt bleiben, wenn es nicht sein "Wesen" verlieren soll?

  • Was immer eine historische, literarische oder soziologische Kritik kritisieren, interpretieren und reduzieren mag: Von den maßgeblichen und geschichtsmächtig gewordenen Glaubensurkunden, von der Hebräischen Bibel her sind der zentrale Glaubensinhalt der eine Gott und das eine Volk Israel. Kein israelitischer Glaube, keine Hebräische Bibel, keine jüdische Religion ohne das Bekenntnis: "Jahwe (Adonaj) ist der Gott Israels und Israel sein Volk!"

Und was soll schließlich im Islam bewahrt bleiben, wenn er noch "Islam" im wörtlichen Sinn der "Hingabe", der "Unterwerfung unter Gott" bleiben soll?

  • Wie langwierig auch der Prozess des Sammelns, Ordnens und Edierens der verschiedenen Suren des Koran war, so ist doch für alle gläubigen Muslime klar, der Koran ist Gottes Wort und Buch. Und wenn Muslime auch durchaus einen Unterschied sehen zwischen den Suren von Mekka und denen von Medina und den Offenbarungshintergrund für die Auslegung in Betracht ziehen, so ist doch die zentrale Botschaft des Koran völlig eindeutig: "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Prophet".

Von daher sind auch die unterscheidenden Strukturelemente und bleibenden Leitideen des islamischen Glaubens und Lebens für alle Muslime sehr deutlich: Das Glaubensbekenntnis ist die zentrale Botschaft des Islam, der Eckstein, auf dem er ruht, sein erster "Pfeiler". Dazu kommen noch vier weitere: das tägliche Pflichtgebet, die alljährliche Sozialabgabe, die alljährliche Zeit des Fastens und, womöglich, einmal im Leben die große Wallfahrt nach Mekka. Dies sind die konstitutiven Elemente des Islam.

Zentrum, Grundlage, Glaubenssubstanz des Islam war freilich wie die des Christentums oder Judentums nie abstrakt-isoliert gegeben, sondern ist in den wechselnden Erfordernissen der Zeit immer wieder neu interpretiert und praktisch realisiert worden - in der heutigen Umbruchzeit mehr denn je.

 

Epochale Konstellationen und Paradigmenwechsel

Der Islam hat wie auch Judentum und Christentum immer wieder neue epochale Konstellationen durchgemacht - in Antwort auf immer wieder neue welthistorische Herausforderungen eine ganze Reihe grundlegender religiöser Veränderungen, die man mit Recht als revolutionäre Paradigmenwechsel versteht.

Was das Christentum (vgl. S. 90) betrifft, so sind sich viele Christen nicht bewusst,

  • dass das Christentum in einem judenchristlichen Paradigma entstanden ist;

  • dass dieses freilich schon früh von einem griechisch-hellenistischen und später slawischen Paradigma (der östlichen Orthodoxie) überlagert wurde;

  • dass aber im Westen in den Jahrhunderten nach der Konstantinischen Wende ein lateinisches, typisch römisch-katholisches Paradigma von den Päpsten durchgesetzt wurde, das, übersteigert, im 11. Jahrhundert zur Spaltung von West- und Ostkirche führte;

  • dass im 16. Jahrhundert dieses mittelalterliche römisch-katholische Paradigma in einer revolutionären Umwälzung in weiten Teilen Europas, dann Amerikas abgelöst wurde durch die reformatorisch-protestantische Konstellation;

  • dass aber auch dieses reformatorisch-protestantische Paradigma wie das römisch-katholische herausgefordert wurde durch das aufgeklärte Paradigma der Moderne in Philosophie, Naturwissenschaft, Staats- und Gesellschaftsauffassung;

  • dass wir nach den beiden Weltkriegen und den Totalitarismen im Übergang begriffen sind in eine noch nicht eindeutig beschreibbare nach-moderne Konstellation.

In der Geschichte des Islam lassen sich folgende Makroparadigmen (vgl. S. 91) heraus arbeiten:

  • (1.) das ur-islamische Gemeinde-Paradigma von Mekka und Medina zur Zeit des Propheten Muhammads und der ersten vier Kalifen;

  • (2.) das arabische Reichs-Paradigma der Umayyaden in Damaskus (661-750);

  • (3.) das klassisch-islamische Weltreligions-Paradigma der Abbasiden mit Zentrum in Bagdad (750-1258; die Herrschaft der Abbasiden erlosch nach dem Mongolensturm);

  • (4.) das Paradigma der Ulama und Sufis nach dem Mongolensturm im Zeitalter der Regionalisierung und später der drei islamischen Großreiche (der türkischen Osmanen, persischen Safawiden und der indischen Großmogule);

  • (5.) das islamische Modernisierungs-Paradigma, eingeleitet vor allem in Indien, in Ägypten und im Osmanischen Reich;

  • (6.) das ökumenische Paradigma der Nach-Moderne: die große Frage für die Zukunft.

 

Die Gleichzeitigkeit der Paradigmen

So erscheint also jede Religion nicht als eine statische Größe, wo angeblich alles schon immer so war, wie es heute ist, sondern vielmehr als lebendig sich entwickelnde Wirklichkeit, die verschiedene epochale Gesamtkonstellationen durchgemacht hat. Dabei gilt eine erste entscheidende Einsicht: Auch die früheren Paradigmen des Islam können sich (außer das allererste) bis in die Gegenwart durchhalten! Anders in den "exakten" Naturwissenschaften: da kann das alte Paradigma (etwa das des Ptolemäus) mit Hilfe der Mathematik und des Experiments empirisch verifiziert oder falsifiziert werden; da kann die Entscheidung zugunsten des neuen Paradigmas (des Kopernikus) auf längere Sicht durch Evidenz "erzwungen" werden. Im Bereich der Religion (wie der Kunst) jedoch ist dies anders: In Fragen des Glaubens, der Sitten und Riten kann nichts mathematisch-experimentell entschieden werden. Zwischen West- und Ostrom, oder zwischen Rom und Luther ebenso wenig wie zwischen Sunniten und Schiiten, Fundamentalisten und Modernisten. Und so verschwinden denn in den Religionen alte Paradigmen keineswegs notwendigerweise. Vielmehr können sie neben neuen Paradigmen durch Jahrhunderte hindurch fortbestehen: das neue (das reformatorische oder das moderne) neben dem alten (dem altkirchlichen oder dem mittelalterlichen).

 

Persistenz und Konkurrenz der Paradigmen

Zur Beurteilung der Lage der Religionen ist diese Persistenz und Konkurrenz unterschiedlicher Paradigmen von größter Bedeutung. Dies führt zu der zweiten wichtigen Einsicht: Bis heute leben Menschen derselben Religion in verschiedenen Paradigmen! Sie sind von fortbestehenden Grundbedingungen geprägt und bestimmten gesellschaftlichen Mechanismen unterworfen. So gibt es zum Beispiel im Christentum noch heute römische Katholiken, die geistig im 13. Jahrhundert (gleichzeitig mit Thomas von Aquin, den mittelalterlichen Päpsten und der absolutistischen Kirchenordnung) leben. Es gibt manche Vertreter östlicher Orthodoxie, die geistig im 4./5. Jahrhundert geblieben sind (gleichzeitig mit den großen Konzilien und griechischen Kirchenvätern). Und für manche evangelikale Protestanten ist nach wie vor die vorkopernikanische Konstellation des 16. Jahrhunderts (mit den Reformatoren vor Kopernikus, vor Darwin) maßgebend.

In ähnlicher Weise träumen manche Araber noch dem großen arabischen Reich der Umayyaden nach und wünschen sich die Vereinigung der arabischen Völker zu einer einzigen arabischen Nation ("Panarabismus"). Andere aber sehen nicht im Arabertum, sondern im Islam der Abbasiden das Völkerverbindende und geben einem "Panislamismus" den Vorzug.

Gerade dieses Andauern, diese Persistenz und Konkurrenz früherer religiöser Paradigmen im Heute dürfte eine der Hauptursachen der Konflikte innerhalb der Religionen und zwischen den Religionen sein, Hauptursache der verschiedenen Richtungen und Parteiungen, der Spannungen, Streitigkeiten und Kriege.

 

Mittelalter und Moderne

Als dritte wichtige Einsicht stellt sich sowohl für das Judentum wie das Christentum wie den Islam die zentrale Frage: Wie verhält sich diese Religion zu ihrem eigenen Mittelalter (zumindest in Christentum und Islam als die "große Zeit" angesehen) und wie zur Moderne, wo man sich in allen drei Religionen in die Defensive gedrängt sieht. Das Christentum hat nach der Reformation einen weiteren Paradigmenwechsel, den der Aufklärung, durchmachen müssen. Das Judentum aber machte zuerst die Aufklärung durch und erlebte im Anschluss daran zumindest im Reformjudentum eine religiöse Reformation. Der Islam aber machte keine religiöse Reformation durch und hat von daher auch mit der Moderne bis auf den heutigen Tag ganz besondere Probleme.

Viele Juden, Christen und Muslime, die das moderne Paradigma bejahen, verstehen sich untereinander besser als mit den eigenen Glaubensgenossen, die in anderen Paradigmen leben. Umgekehrt können dem Mittelalter verhaftete Römisch-Katholische sich zum Beispiel in Fragen der Sexualmoral mit den "Mittelalterlichen" im Islam und im Judentum verbünden.

 

Paradigmenanalyse zeigt die wahre Substanz

Wer Versöhnung und Frieden will, wird um eine kritisch-selbstkritische Paradigmenanalyse nicht herumkommen. Nur so lassen sich Fragen beantworten wie diese: Wo sind in der Geschichte des Islam (und natürlich auch der anderen Religionen) die Konstanten und wo die Variablen, wo Kontinuität und wo Diskontinuität, wo Übereinstimmung und wo Widersprüche? Dies ist eine vierte Einsicht: Zu bewahren ist vor allem das Wesen, das Fundament, der Kern, die Substanz einer Religion und von daher die vom Ursprung her gegebenen Konstanten. Nicht unbedingt zu bewahren ist alles das, was vom Ursprung her nicht wesentlich ist, was Schale und nicht Kern, was Ausbau und nicht Fundament ist. Aufgegeben (oder auch umgekehrt entwickelt) werden können, wenn es sich als notwendig erweist, alle die verschiedenartigen Variablen. So verhilft denn eine Paradigmenanalyse angesichts all des religiösen Wirrwarrs gerade im Zeitalter der Globalisierung zu einer globalen Orientierung.

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Die Schicksalsfrage für den Islam

Im letzten Abschnitt soll zu dem weit verbreiteten Feindbild des Islam ein Hoffnungsbild skizziert werden, das freilich nicht mit einem Idealbild verwechselt werden soll. Sozusagen gegen das wohlbekannte "Worst Case-Scenario" des Samuel Huntington ein "Best Case-Scenario", das als anspornende Vision für die Zukunft realistisch hoffen lässt.

Die entscheidende Frage bleibt: Wird es früher oder später in einigen islamischen Schlüsselländern den notwendigen Freiraum geben, die Substanz des Islam mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu verbinden? Entscheidend ist dies nicht nur für eine zukunftsorientierte Interpretation und Diskussion des Islam, sondern auch für eine ehrliche Anwendung und konsequente Umsetzung der Ergebnisse, was für Wissenschaft und Gesellschaft überhaupt von allergrößter Bedeutung ist.

Welche Tendenzen werden sich - in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung, Umma und Staat, Wissenschaft und Gesellschaft - schließlich politisch durchsetzen? Welches werden die für die heutige Zeit relevanten Erben einer 1400-jährigen Religion und Kultur sein: (1.) die orthodoxen Traditionalisten, (2.) die ideologischen Säkularisten oder (3.) die religiös wie politisch Innovativen? Die - mit klarem Blick für die inzwischen vollzogenen Paradigmenwechsel - gegenüber allem Beharren auf der Tradition eine Öffnung des seit Jahrhunderten geschlossenen Tors der eigenständigen Interpretation praktizieren, die eine "Übersetzung" der ursprünglichen islamischen Botschaft ins Heute vornehmen, um so eine demokratische Gesellschaft und kreative Kultur mit innovativer Wissenschaft und leistungsfähiger Wirtschaft zu ermöglichen?

Insofern schauen heute Muslime in aller Welt auf die Türkei, früher Vorreiterin eines radikalen Säkularismus: Ob dieses Laboratorium für islamische Demokratie unter Ministerpräsident Erdogan erfolgreich sein wird. Wo keine aktive Islamisierungspolitik betrieben wird und Religion durchaus Privatsache bleibt, wo aber doch eine persönliche muslimische Glaubenshaltung und Glaubenspraxis sich indirekt auch in der Öffentlichkeit auswirken darf. Wie immer man zur schwierigen Frage der Aufnahme der Türkei in die Europäische Union steht, man sollte dieses historische Experiment mit größtem Wohlwollen unterstützen.

Denn gerade so könnte der Islam seinen Beitrag zur Weltgesellschaft leisten, in der trotz aller kulturellen Unterschiede Menschenrechte und Menschenpflichten als gemeinsame Basis gesehen würden.


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VERFASSUNGSREFERENDUM IM IRAK (15.10.2005): DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE WIRD SEIN, OB ES FRÜHER ODER SPÄTER IN ISLAMISCHEN LÄNDERN DEN NOTWENDIGEN FREIRAUM GIBT, UM DIE SUBSTANZ DES ISLAM MIT DER MODERNEN DEMOKRATIE ZU VERBINDEN UND EIN DEMOKRATISCHES SYSTEM MIT GEWALTENTEILUNG ZU ETABLIEREN.

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Der politische Aspekt der Schicksalsfrage

Die Frage nach dem Freiraum halte ich gerade angesichts der zahlreichen Widerstände und Zwänge für die Schicksalsfrage für den Islam; sie ist zugleich politischer wie theologischer Natur:

Was erstens die politische Dimension betrifft, so hoffen viele Muslime von Marokko bis Iran, von Afghanistan bis Indonesien mehr oder weniger offen, dass

  • Islam und moderne Demokratie sich finden: Sie haben die Hoffnung, dass der Islam, der theoretisch (schon im sunnitischen Kalifat wie im schiitischen Imamat) auf die muslimische Brüderlichkeit verpflichtet ist, in der politischen Praxis nicht weiterhin autoritär bleibt. Also keine Art theokratischer Klerikalstaat, wo selbst ernannte Stellvertreter Gottes auf Erden sich anmaßen, als Herrscher, Gesetzgeber und Richter zugleich aufzutreten, angeblich allein Gott und nicht auch dem Volke verantwortlich; und auch keine "Heilige Schrift", welche die nationale Verfassung ersetzt oder völlig determiniert (bis hin zum allgemeinen Schweinefleisch- und Alkoholverbot und zur Erlaubnis der Polygamie);

  • ein demokratisches System mit Gewaltenteilung errichtet wird: Eine von der Geistlichkeit unabhängige Regierung sowie unabhängige Parteien, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Widerstandsrecht und legale Opposition. Für die Frauen das Recht der Eigenverantwortung und der Teilnahme an allen Bereichen des öffentlichen Lebens, an allen Stufen der Bildung und allen politischen Entscheidungen, also gleiche Menschenrechte wie für die Männer. Ein Staat, in welchem Nichtmuslime nicht nur die (im frühen Mittelalter gewiss vorbildhafte) Position einer geduldeten Minderheit, sondern volle Bürgerrechte besitzen.

 

Die religiöse Dimension der Schicksalsfrage

Was zweitens die religiöse Dimension betrifft, so hoffen viele entsprechend gebildete Muslime, aufgeschlossene Ulama ebenso wie interessierte "Laien",

  • dass ihr Streben nach einer heutigen Erkenntnissen und Erfordernissen entsprechenden und so verantwortlichen Interpretation des Koran endlich mehrheitsfähig wird;

  • dass die Muslime des 21. Jahrhunderts nicht an der Ungeschaffenheit und deshalb Vollkommenheit, Unfehlbarkeit und Unveränderlichkeit der 78.000 Worte des Koran (und mittelbar auch der Sunna des Propheten und der Scharia überhaupt) festhalten müssen;

  • dass sie vielmehr den geschichtlichen Charakter der göttlichen Offenbarung (Gottes Wort im Prophetenwort, Gottes Wort bezeugt durch Menschenwort) ernst nehmen dürfen. Also in der Praxis keine buchstabenfixierte Auslegung und traditionsfixierte Argumentationsmuster, sondern eine Auslegung nach Geist und Sinn des gesamten prophetischen Buches. Kein legalistisch überwuchertes, sondern ein nach den Maßstäben des Ur-Islam geläutertes und für unsere Zeit neu interpretiertes religiöses Erbe. Islam als Fundament, nicht fundamentalistisch, sondern zeitgemäß verstanden.

 

Dreifache Hoffnung

Ich bin nicht "blauäugig". Ich bin Realist und mache mir keine Illusionen. Doch meine ganze Dialogarbeit zu Judentum, Christentum und Islam ist und bleibt trotz aller Enttäuschungen und Rückschläge getragen von einer dreifachen unerschütterlichen Hoffnung:

  • dass jede der drei prophetischen Religionen aufgrund ihres spirituellen und ethischen Reichtums ein wirkmächtiges Zukunftspotential besitzt;

  • dass alle drei in Verständigung und Zusammenarbeit zu größerer Gemeinsamkeit gelangen können und 

  • dass alle drei Weltreligionen gemeinsam einen unverzichtbaren Beitrag zu einer friedlicheren und gerechteren Welt leisten werden.

 

Prof. Dr. Hans Küng, geb. 1928; Studium der Philosophie und Theologie u. a. in Rom und Paris; 1960-63 Ordentlicher Professor der Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen; 1962-1965 Offizieller Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils, ernannt von Papst Johannes XXIII.; wegen seiner Infragestellung der Unfehlbarkeit des Papstes wurde ihm 1979 vom Vatikan die kirchliche Lehrbefugnis entzogen; 1963-1980 Ordentlicher Professor der Dogmatik und ökumenischen Theologie und Direktor des Instituts für ökumenische Forschung der Universität Tübingen; seit 1995 ist Hans Küng Präsident der Stiftung Weltethos; 1996 Professor Emeritus der ökumenischen Theologie.

 

 

1 Zur spezifisch politischen Problematik habe ich 2003 zusammen mit Dieter Senghaas und mehreren kompetenten Politikwissenschaftlern und Ethikern Stellung bezogen. Vgl.: Küng, Hans/Senghaas, Dieter (Hrsg.): Friedenspolitik. Ethische Grundlagen internationaler Beziehungen. München 2003. In meiner Einleitung habe ich frühzeitig eine genaue historische Analyse "Wie es zum Irakkrieg kam" gegeben, die sich in der Folge vielfach bestätigt hat.

2 Darauf habe ich unlängst in einer Veröffentlichung eine umfassende Antwort gegeben; vgl. Küng, Hans: Der Islam. Geschichte, Gegenwart, Zukunft. München 2005.

 

Küng, H.: Das Judentum. Die religiöse Situation der Zeit. München 1991

Küng, H.: Das Christentum. Wesen und Geschichte. München 1994

Küng, H.: Der Islam. Geschichte, Gegenwart, Zukunft. München 2004


 

 

 

 


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