Zeitschrift

Kuba

 

 

Heft 2 2008

Hrsg: LpB



 

 
Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

 

„Alle träumten von Cuba“ – so lautet der Titel des Romans von Miguel Barnet über den galicischen Auswanderer Manuel Ruiz, der das „Armenhaus“ Spaniens verlässt, um auf der Antilleninsel ein besseres Auskommen und sein Glück zu finden. Dieses Bekenntnis könnte als Motto über der Geschichte und der Gegenwart Kubas stehen. Jedoch scheiden sich an dieser Insel die Geister. Kuba ist kein Land, das sich mit einfachen Wahrheiten begnügt.

Auf dem politischen Parkett hingegen sind Debatten über Kuba häufig emotional aufgeladen. Galt den Linken doch Kuba seit den Zeiten Ernesto Che Guevaras, der mit Fidel Castro für den Aufbau des „Cuba Socialista“ und gegen die Amerikaner kämpfte, als Symbol des erfolgreichen Widerstands gegen die Weltmacht USA. Wie kein anderes Land wurde die exotische Zuckerinsel zur Leinwand, auf der man seine eigenen revolutionären Utopien projizieren konnte: Rum, Rumba und Revolution, Sonne und Sozialismus. Den anderen hingegen ist die Insel ein Dorn im Auge. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der marktwirtschaftlichen Umorientierung Chinas ist Kuba eines der letzten Länder, das den Sozialismus zu praktizieren versucht.

Kuba schwankt zurzeit zwischen Agonie und Aufbruchstimmung. Raul Castro, der ein Land im bankrotten Zustand übernahm, kritisierte unlängst die Korruption und bürokratische Wirtschaft, geißelte die niedrigen Löhne, versprach eine bessere Versorgung mit Alltagsgütern, kündigte Reformen und die Suche nach ausländischen Investoren an. Währenddessen mutmaßt die Bevölkerung über den Gesundheitszustand seines älteren Bruders, der im offiziellen Staats- und Parteiblatt „Granma“ seitenlange Elogen über die kubanische Revolution schreibt. Wird Fidel Castro seine Macht abgeben? Erklärte er doch schon vor geraumer Zeit: „Ich bin Revolutionär und Revolutionäre gehen nicht in Rente!“ Die letztlich entscheidende Frage wird sein, ob es für Kuba nach Castro ein Transformationsmodell, welches eine Öffnung für Wirtschaftsreformen und gleichzeitige Demokratisierung ermöglicht, geben wird.

Die zwischen Nord- und Südamerika gelegene Insel Kuba stellt seit dem Revolutionsjahr 1959 ein Forschungsfeld für Politologen, Wirtschaftswissenschaftler und Geographen dar. Allein durch ihre Lokalisation nahe dem politischen Gegner USA ein Brennpunkt der Weltpolitik, durch ihren politisch und wirtschaftlich eigenen Weg, der in jüngster Zeit in Lateinamerika zunehmend Anhänger findet, aber auch durch ihre physischen Grundlagen ist die große Antilleninsel hochinteressant für Amerika und die übrige Welt. Seit den 1990er-Jahren besteht außerdem mit dem Tourismus ein wichtiger neuer Wirtschaftszweig, der in Kuba eine interessante und für viele „Konkurrenten“ nachahmenswerte Entwicklung genommen hat und unter anderem Auslöser für die zunehmende marktwirtschaftliche Öffnung der kubanischen Politik in den letzten Jahren ist. Heinrich Pachner gibt im einführenden Beitrag des Heftes einen Überblick von den physisch-geographischen über die kulturellen bis hin zu den wirtschaftlichen Gegebenheiten und beleuchtet Kubas Potenzial- und Engpassfaktoren.

Hans-Joachim König beschreibt Kubas langen Weg in die Unabhängigkeit. 1492 von Kolumbus entdeckt, wurde Kuba Teil des spanischen Kolonialreiches. Nur wenige indianische Ureinwohner überlebten die Eroberung, so dass ab 1522 Sklaven aus Westafrika für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen auf die Insel gebracht und ausgebeutet wurden. Havanna entwickelte sich zu einem wichtigen Brückenkopf für die Eroberung Lateinamerikas und zu einem Handelszentrum für Tabak und Zucker. Der eigentliche Zuckerboom auf Kuba begann Ende des 18. Jahrhunderts, ausgelöst durch den Sklavenaufstand in Haiti, der zum Niedergang der dortigen Zuckerherstellung führte. Während sich rund um Kuba die Loslösung ehemaliger Kolonien von Spanien vollzog, blieb Kuba – durch das Festhalten der Zuckeroligarchie am kolonialen Status – die „immer treue Insel“ Spaniens. Wachsendes kreolisches Selbst- und Nationalbewusstsein führte zum ersten Unabhängigkeitskrieg (1868– 1878) gegen Spanien, in dessen Folge einige Reformen zugestanden wurden, aber noch nicht die Unabhängigkeit. Unter José Martí, dem Nationalhelden Kubas, begann 1895 der zweite Unabhängigkeitskrieg, in den die USA intervenierten. Kuba erhielt seine Unabhängigkeit, jedoch als „Republik“ von Amerikas Gnaden. Das Präsidenten- und Regierungskarussell drehte sich bis 1959. Castros Überfall auf die Moncada-Kaserne im Jahre 1953 war der Auftakt zur Revolution, die 1959 mit dem Einmarsch der „Bärtigen“ in Havanna und Santiago de Cuba ihren Schlusspunkt fand. Der Aufbau des sozialistischen Kubas vollzog sich in der Großwetterlage des Kalten Krieges. Die Kuba-Krise brachte die Welt 1962 an den Rand eines dritten Weltkrieges. Der Zusammenbruch der UdSSR stürzte Kuba Anfang der 1990er-Jahre in seine schwerste Wirtschaftskrise. Man darf nach dem „Herbst“ des Patriarchen Castro gespannt sein, wie die Entwicklung weitergeht.

Kuba und Fidel Castro werden zumeist in einem Atemzug genannt. Der kürzlich zurückgetretene kubanische Staatschef, der die Weltpolitik des zwanzigsten Jahrhunderts prägte, ist eine interessante, widersprüchliche und reichlich umstrittene Persönlichkeit. Mit Castro assoziiert man politische Eigenwilligkeit, Revolutionsexport in die Dritte Welt, Tropensozialismus und eine fulminante Machtfülle im eigenen Land. Ist er für die einen ein Prophet der Befreiung, gilt er den anderen als rücksichtsloser Diktator und unberechenbarer Politiker, dem man gleichwohl Respekt zollt. Der ehemalige Jesuitenschüler und Sohn eines Großgrundbesitzers ist ein brillanter und angesichts der Länge seiner Reden gefürchteter Rhetoriker, ein „ewiger Revolutionär“ und zugleich ein charismatischer Patriarch, der Kuba bis zuletzt straff regierte. Hans-Jürgen Burchardt beschreibt Fidel Castros politischen Werdegang, charakterisiert sein politisches Denken sowie Handeln und öffnet so den Blick für diese schillernde und wirkmächtige Figur.

Fast ein halbes Jahrhundert nach der kubanischen Revolution wächst mit dem Rückzug Fidel Castros die Hoffnung, dass auch in Kuba eines Tages demokratische Verhältnisse Einzug halten könnten. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Die Machtübergabe des 81-Jährigen an seinen nur fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl ist keineswegs als demokratischer Aufbruch zu werten. Die zaghafte Reformpolitik auf Raten zielt vor allem darauf ab, die Grundbedürfnisse der kubanischen Bevölkerung besser zu erfüllen und damit die Akzeptanz des Regimes und das Erbe der kubanischen Revolution zu sichern. Größere politische Freiheiten sind damit zunächst nicht verbunden. Dennoch eröffnen sich mit dem Ende der Ära Fidel Castro neue Handlungsspielräume, die einen – sicher langwierigen – Demokratisierungsprozess durchaus begünstigen könnten. Um Aussagen über die zukünftige Entwicklung Kubas treffen zu können, analysiert Stefan Reith den jeweiligen Einfluss sowie die Interessen der maßgeblichen Akteure. Nicht nur das Führungspersonal, zentrale Institutionen des Regimes sowie die kubanische Bevölkerung, sondern auch das internationale Umfeld – allen voran die USA – sind in erster Linie an Stabilität und einem friedlichen Wandel interessiert.

Als in Berlin die Mauer fiel, brach für Kuba eine Welt zusammen. Das Land, das im Kalten Krieg das stolzeste Aushängeschild des Sozialismus in der Dritten Welt gewesen war, stürzte 1989 in eine tiefe, alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfassende Krise. Waren die ersten Jahre nach der Revolution von 1959 noch eine „euphorische“ und von sozialen Errungenschaften im Bildungssystem und Gesundheitswesen geprägte Zeit, sind für viele Kubaner aus heutiger Sicht die Jahre zwischen 1980 und 1989 die „goldene Zeit“ des kubanischen Sozialismus. Waren die sozialen Kosten der Krise anfangs der 1990er-Jahre noch halbwegs gleich auf die gesamte Gesellschaft verteilt, offenbart die nunmehr 17 Jahre anhaltende „Spezialperiode in Friedenszeiten“ gesellschaftliche Erosionsprozesse und Zweifel am politischen System Kubas. Inzwischen hat sich die Wirtschaft des Landes ein Stück weit stabilisiert, dies allerdings auf prekärem Niveau. Immer noch herrscht das eigenwillige Mischsystem von hartem und schwachem Peso, Plan und Markt, Rationierungskarte und Devisenshops. Die Regierung von Raúl Castro, der im Februar 2008 offiziell das Erbe seines erkrankten Bruders antrat, hat deshalb allem Triumphalismus abgeschworen und, so das Fazit der Analyse von Bert Hoffmann, einen vorsichtigen Reformkurs eingeschlagen, um die tiefen wirtschaftlichen Verwerfungen zu überwinden.

Seit der kubanischen Revolution 1959 hat die Insel eine außenpolitische Rolle erlangt, die weit über ihre Größe und wirtschaftliche Bedeutung hinausgeht. Ein kleines Land mit einer großen Außenpolitik – so charakterisiert Nikolaus Werz den Stellenwert Kubas in seinem Beitrag. Neben der geographischen Lage in unmittelbarer Nähe zu den USA waren es vor allem politische Motive, die dazu beitrugen: Kuba geriet zum Brennpunkt des Kalten Krieges in Lateinamerika und später zu einem Akteur im Nord-Süd-Konflikt. Dazu gehörte der versuchte Revolutionsexport nach Südamerika in den 1960er-Jahren und in den 1970er-Jahren der Einsatz kubanischer Streitkräfte in Afrika. Unterstützung kam aber auch aus den Industrieländern, denn die Revolution „wirkte nicht nur als Funken im ibero-amerikanischen Pulverfass, sondern beeindruckte auch die von der Gesellschaft des Überflusses gelangweilten, nach neuem Glauben suchenden Intellektuellen des Westens“, schrieb Boris Goldenberg, der 1960 die Insel als kubanischer Staatsbürger verließ. Schnell avancierten die bärtigen Guerilleros zu Idolen des internationalen Jugendprotestes. Bei Ernesto Che Guevara besiegelte seine Erschießung in Bolivien 1967 den Aufstieg in den Heldenstatus, Fidel Castros Haltung gegen eine vermeintlich allmächtige US-Herrschaft verschafften ihm internationale Popularität. Erstaunlicherweise hatte die Revolution Anhänger sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR. Kuba beförderte Utopien und revolutionäre Fantasien im geteilten Deutschland und diente auch als Projektionsfläche für eine im eigenen Land verpönte oder heruntergespielte Debatte über Nationalismus und Identität.

Kuba hat nach dem Zerfall der Sowjetunion ein anderes Gesicht bekommen. Die seit 1990 herrschende Krise wird euphemistisch mit dem Terminus „Spezialperiode in Friedenszeiten“ überschrieben. Ein Großteil der Grundnahrungsmittel muss importiert werden, Bezugsscheine für Lebensmittel und das karge Warenangebot haben in Kuba eine Art Schatten-Infrastruktur entstehen lassen, mit deren Hilfe man die Versorgung mit notwendigen Gütern meistern kann. So versucht die kubanische Bevölkerung mit kreativen und fantasievollen Methoden eine kleine Scheibe vom Devisenkuchen zu ergattern. Das ständige Pendeln zwischen der Welt des kubanischen Peso und der eigentlich nur für Touristen zugänglichen Währung des Peso convertible kennzeichnet den von Entbehrungen geprägten Alltag. Bettina Hoyer zeichnet in ihren dichten Beschreibungen ein Bild des kubanischen Alltags, der nur mit einer Mischung aus stoischer Gelassenheit, Melancholie sowie einer unerschütterlichen Portion Optimismus bei gleichzeitiger Hoffnung auf sich ändernde Zustände zu ertragen ist. Mit Metaphern des Theaters zeigt sie die kubanische Bevölkerung als „Publikum“, das an der Inszenierung eines morbiden Stückes mitspielt, die Intendanten und Hauptdarsteller nicht demontieren will, jedoch neue Rollen vorsichtig erprobt und tradierte Inszenierungen in Frage stellt.

Musik liegt in Kuba fast rund um die Uhr in der Luft! Musik ist für Kubaner ein Ventil, aber auch ein Konzentrat der Lebensfreude und Vitalität. Die Ursprünge kubanischer Musik liegen in der afrikanischen Kultur, deren musikalisches Repertoire eine Fusion mit der Musik der spanischen Kolonialherren einging. Die Riten der Santería, die ihre Wurzeln in den religiösen Vorstellungen der Yoruba- Völker Westafrikas hat, verschmolzen mit den Traditionen des Bänkelliedes, das spanische Migranten nach Kuba brachten. Ebenso stehen die Habanera, der erste musikalische „Export“ Kubas nach Europa, und die Rumba musikalisch in der Tradition Afrikas. Der heutige Exportschlager und das Herzstück kubanischer Musik, der Son, ist ein Paradebeispiel für die kreative Fusion afrikanischer, spanischer und indianischer Instrumente und Rhythmen in der kubanischen Populärmusik schlechthin. Mambo, Chachachá und schließlich der Bolero entstanden in den Vergnügungspalästen von Havanna, in denen sich wohlhabende US-Amerikaner vergnügten. Kubas Einfluss auf den Latinjazz und die Salsa fallen ebenfalls in diesen Zeitraum. 1959 hält im Zuge der kubanischen Revolution der Nueva Trova Einzug und schuldet mit revolutionären Hymnen pflichtbewusst dem Zeitgeist Tribut. Doch trotz staatlich gelenkter und politisch genehmer Musikproduktionen – so das Fazit von Arne Birkenstock und Eduardo Blumenstock – entwickelt sich Kubas Musikszene weiter, setzt Trends in der Populärmusik und versteht es sehr wohl, sich mit musikalischen Anleihen aus dem „imperialistischen“ Teil der Welt zu vermischen.

José Martí, Kubas Nationalheld, erfährt als Dichter dieselbe Verehrung wie als Freiheitskämpfer. Die Verbindung von Geschichte, Politik und Literatur ist charakteristisch für Kubas Literaturschaffende. In vielen Werken sind die Suche nach der kubanischen Identität und das Streben nach politischer Unabhängigkeit zentrale Motive. Kubanische Literaten haben sich in ihren Gedichten und Büchern schon immer mit den historischen, politischen und sozialen Verhältnissen, in denen die Menschen auf Kuba lebten und leben, auseinandergesetzt. Gerade die Literatur des 20. Jahrhunderts spiegelt eindrucksvoll die wechselvolle und schillernde Wirklichkeit der karibischen Insel wider. So darf es nicht verwundern, dass viele Schriftsteller nach der Revolution des Jahres 1959 in ihrem literarischen Schaffen beeinträchtigt wurden. Ein Teil von ihnen wählte das Exil. Aus ihren Werken spricht oftmals eine trotzige Liebe zu Kuba. Gleichzeitig rechnen sie provokant mit den hehren Idealen der Revolution ab und schildern überaus realistisch das karge Leben in den Zeiten der „Sonderperiode“. Wolfgang Rössig beschreibt wesentliche Epochen der kubanischen Literatur und vermittelt Einblicke in Leitmotive, Werk und Schaffen der bekanntesten kubanischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Indem die Autorinnen und Autoren Einblicke in Geographie, Geschichte und Gegenwart, in Politik, in Alltagsleben und Kultur vermitteln, präsentieren sie ein lebendiges und genaues Kuba- Bild. Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech

 

 


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