Zeitschrift Italien
Heft 2 2010 Hrsg: LpB |
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Einleitung |
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Italien Italien ist für viele Deutsche noch immer das Ziel
romantischer Sehnsüchte und Urlaubsträume. Gleichzeitig besteht ein – teils
vorurteilbehaftetes – Bild von einem chaotischen, instabilen und
unzuverlässigen (politischen) Partner fort. Historisch betrachtet nahmen
Deutschland und Italien eine beinahe parallele Entwicklung. Von der
Zersplitterung in zahlreiche Kleinstaaten über die späte Nationswerdung, die
faschistische – bzw. in Deutschland nationalsozialistische – Herrschaft bis
zur Niederlage im Dennoch nahm Italien eine Sonderrolle Ungeachtet der zahlreichen Reformen des Wahlrechts
bleibt die Instabilität Gleichzeitig steht Italien vor großen Herausforderungen. Der
rasante Wandel vom Auswanderungsland zu einem Haupteinwanderungsland Europas
hat Politik und Gesellschaft überfordert. Die Staatsverschuldung ist hoch,
der wirtschaftlichen Entwicklung fehlt es an Dynamik und die ökonomische
Spaltung des Landes besteht unverändert fort: Der rückständige Süden kämpft
noch immer mit strukturellen Problemen Autorinnen und Autoren aus Italien und Deutschland beleuchten diese und weitere Aspekte des Landes und nähern sich dem komplexen Bild Italiens an. Im einführenden Beitrag analysiert Horst-Günter Wagner die natur- und wirtschaftsgeographische Situation Italiens. Mit dem Wandel der Landwirtschaft hin zu modernen Produktionsweisen änderten sich neben den Anbausystemen auch die Eigentums- und Betriebsstrukturen. Auch das Wirtschaftssystem vollzog einen Strukturwandel; innovative industrielle Organisationsmodelle haben Italien einen vorderen Platz unter den ökonomisch leistungsfähigsten Staaten gesichert.Gleichzeitig weisen die Stichworte „Arbeitslosigkeit“, „Schattenwirtschaft“ und „Geburtenrückgang“ auf diverse Problemlagen hin. Will man das heutige Italien politisch verstehen, so kommt man um eine Betrachtung der Nationalgeschichte nicht umhin – diese beginnt spät, mit dem so genannten Risorgimento. Der Begriff bezeichnet die verschiedenen Bewegungen, die ein unabhängiges und geeintes Italien anstrebten. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts konnte von einem „italienischen Staat“ keine Rede sein. Die Apenninenhalbinsel wurde von europäischen Mächten beherrscht – allen voran Frankreich, Spanien und Österreich.
Wolfgang Altgeld skizziert die politische Situation Italiens im 18.
Jahrhundert, schildert die Phase der Restauration und des Widerstandes
(1815–1848) sowie die 1848 beginnenden italienischen Unabhängigkeitskriege
bis zur Nationswerdung als konstitutionelle Die
wirtschaftlichen und politischen Folgen des Ersten Weltkriegs verschärften
schließlich die Unzufriedenheit mit dem System und begünstigten den Aufstieg
der „Faschistischen Kampfbünde“ Benito Die Mafia ist Klischee
und Realität Italiens zugleich. Sie hat sich – so die Mafia-Expertin
Alessandra Dino – wie ein Krebsgeschwür in Gesellschaft, Wirtschaft und
Politik ausgebreitet. Die organisierte Kriminalität ist längst nicht mehr
nur auf Italien begrenzt. Im Zuge der Globalisierung haben sich die
kriminellen Organisationen anpassungsfähig gezeigt, flexible Netzwerke
gegründet und transnationale Bündnisse geschlossen. Sie gleichen global
operierenden Unternehmen, die sich gekonnt im Grenzbereich von Legalität Eine nicht minder große Herausforderung stellt der
Anstieg der Einwanderung dar: Anfang der 1990er Jahre lag der
Ausländeranteil im klassischen Auswanderungsland Italien bei unter einem
Prozent. Seitdem hat eine massive Zuwanderung die Zahl der Immigranten
verzehnfacht. Die Zuwanderungsschübe erfolgten in einem eher ablehnenden
politisch-gesellschaftlichen Kontext. Eine bewusste Steuerung legaler
Immigration findet kaum statt. Die italienische Migrationspolitik ist
gekennzeichnet Trotz dieser
Umwälzungen hat sich die politische Kultur nur bedingt verändert. Über viele
Jahrzehnte wurden die politischen Einstellungen durch den Dualismus von
Katholizismus und Kommunismus geprägt. Die Grenzen dieser Subkulturen sind
heute unschärfer, haben sich jedoch nicht völlig aufgelöst. Bedeutsam für
die subjektive Dimension der Politik ist auch ein ausgeprägter „Lokalismus“,
der die nationale Politik in Rom mit Skepsis betrachtet. Mario Caciagli
analysiert die Veränderungen der politischen Kultur sowie deren
Kontinuitäten, zu denen – neben dem Nord-Süd-Gegensatz – sowohl die
Polarisierung als auch die Politikdistanz der Bürger Gerade die Polarisierung hat in den vergangenen Jahren
einen Höhepunkt Freilich reichte es auch für seine „Hauspartei“ Forza Italia (FI) nie zu mehr als 30 Prozent der Wählerstimmen – er ist angewiesen auf das Bündnis mit den (geläuterten) Postfaschisten Gianfranco Finis und der Lega Nord (LN) des charismatischen Parteiführers Umberto Bossi. Unter anderem durch die Stärke der LN kommt dem Thema Regionalismus bzw. Föderalismus im politischen Diskurs eine hohe Bedeutung zu. Regionen bildeten schon immer einen
Gegenpol zum Zentralstaat und galten als Orte der Identitätsbildung.
Parteien spielen bei der Konstruktion regionaler Identitäten eine
wesentliche Rolle. Günther Pallaver erörtert dies am Beispiel der Südtiroler
Volkspartei, die für den „alten“ ethnischen Regionalismus steht und sich auf
die Interessenvertretung der eigenen Sprachgruppe sowie auf die Verteidigung
des eigenen Territoriums konzentriert. Der „neue“ Regionalismus hingegen,
wie er von der Lega Alexander Grasse
geht der Frage nach, ob der Föderalismus für Italien ein geeignetes
Modernisierungsinstrument ist. Tatsächlich wurden die Kompetenzen der
Regionen spürbar erweitert. Durch die Verfassungsreformen 1999 und 2001
wurde Italien konstitutionell zu Einen kritischen Blick auf
die italienische Gesellschaft und ihre Geschlechterrollen wagt Saveria
Capecchi: Stimmt das Klischee von der männerdominierten Gesellschaft
Italiens? Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass italienische Frauen noch
immer vor allem über ihr Mit den Berührungspunkten zwischen Deutschland und Italien befassen sich die letzten beiden Beiträge. Dörte Dinger analysiert das ambivalente Verhältnis der beiden Länder. Nach 1945 dominierte auf der politischen Ebene die Übereinstimmung bezüglich der europäischen Integration und der transatlantischen Solidarität. Die deutsche Wiedervereinigung war eine Zäsur – sie weckte in Italien Ängste vor einer Übermacht Deutschlands in Europa bei gleichzeitiger Marginalisierung des eigenen Landes. Die Erosion der europäischen Solidarität führte auf der politischen Bühne zu einem Prozess der schleichenden Entfremdung. Auf die alltägliche gegenseitige Wahrnehmung hatte diese Auseinanderentwicklung kaum Auswirkungen. Die Deutschen assoziieren Italien mit Lifestyle, sie lieben das Italien der Antike und der Renaissance. Gleichzeitig reduzieren sie die italienische Gegenwart auf Mafia, Müll und Berlusconi. Verbunden sind
Deutschland und Italien auch durch eine mehr als 50-jährige
Migrationsgeschichte. Italienische Arbeitsmigranten waren 1955 die Pioniere
unter den „Gastarbeitern“. Das Verlassen des Heimatlandes wurde seither für
mehr als vier Millionen Italiener eine prägende Erfahrung. Die Zuwanderung
war von gesetzlichen Rahmenbedingungen, wirtschaftlichen Konjunkturphasen in
beiden Ländern sowie von Migrationsnetzwerken beeinflusst. Italiener sind
heute die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Die
Zuwanderungsgeschichte Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser
Stelle gedankt. Ein besonderer Siegfried Frech |
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