Zeitschrift

Italien

 

 

Heft 2 2010

Hrsg: LpB



 

 
Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

 

Italien

Italien ist für viele Deutsche noch immer das Ziel romantischer Sehnsüchte und Urlaubsträume. Gleichzeitig besteht ein – teils vorurteilbehaftetes – Bild von einem chaotischen, instabilen und unzuverlässigen (politischen) Partner fort. Historisch betrachtet nahmen Deutschland und Italien eine beinahe parallele Entwicklung. Von der Zersplitterung in zahlreiche Kleinstaaten über die späte Nationswerdung, die faschistische – bzw. in Deutschland nationalsozialistische – Herrschaft bis zur Niederlage im
Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg erlebte auch Italien sein Wirtschaftswunder. Von Anfang an war es eines der Kernländer der europäischen Integration.

Dennoch nahm Italien eine Sonderrolle
unter den europäischen Demokratien ein: 60 Regierungen in 63 Jahren sind
ein Rekord und Indiz für die politische Instabilität des Landes. Bezeichnend für ein gleichzeitig gefestigtes und verkrustetes System ist die Tatsache, dass von 1945 bis 1993 dieselbe Partei, die Democrazia Cristiana (DC), ununterbrochen die stärkste Regierungsfraktion stellte. Das Verschwinden fast aller relevanten Parteien im Zuge der Korruptionsuntersuchungen
„Mani Pulite“ Anfang der 1990er Jahre und das schnelle Aufkommen neuer politischer Formationen ist ein einmaliger Vorgang in der europäischen Demokratiegeschichte.

Ungeachtet der zahlreichen Reformen des Wahlrechts bleibt die Instabilität
der Regierungen auch heute eine Kontinuität der italienischen Politik. Die zweite Regierung Silvio Berlusconis (2001–2006) war die erste Koalition, die eine gesamte Legislaturperiode überdauerte. Der umstrittene Populist Berlusconi prägt das Bild Italiens seit inzwischen 16 Jahren. Die Frage, wieso ein Mann, dessen verbale Entgleisungen und ausschweifendes
Privatleben regelmäßig die Boulevardblätter füllen, 2008 erneut
eine Parlamentswahl gewinnen konnte, ist für ausländische Beobachter
nicht leicht zu beantworten. In Italien selbst ist das Verhältnis zur Person und zur Politik Berlusconis ambivalent, das Wahlvolk ist gespalten und der „Cavaliere“ heizt mit seinen Verbalattacken gegen die „rote“ Justiz die Polarisierung weiter an.

Gleichzeitig steht Italien vor großen Herausforderungen. Der rasante Wandel vom Auswanderungsland zu einem Haupteinwanderungsland Europas hat Politik und Gesellschaft überfordert. Die Staatsverschuldung ist hoch, der wirtschaftlichen Entwicklung fehlt es an Dynamik und die ökonomische Spaltung des Landes besteht unverändert fort: Der rückständige Süden kämpft noch immer mit strukturellen Problemen
und mafiösen Mentalitäten. Im Norden hat sich mit der Lega Nord eine politische Kraft etabliert, die polemisch die Abspaltung der reichen Regionen der Poebene von Rom fordert und die Föderalismusdebatte
am Leben hält.

Autorinnen und Autoren aus Italien und Deutschland beleuchten diese und weitere Aspekte des Landes und nähern sich dem komplexen Bild Italiens an. Im einführenden Beitrag analysiert Horst-Günter Wagner die natur- und wirtschaftsgeographische Situation Italiens. Mit dem Wandel der Landwirtschaft hin zu modernen Produktionsweisen änderten sich neben den Anbausystemen auch die Eigentums- und Betriebsstrukturen. Auch das Wirtschaftssystem vollzog einen Strukturwandel; innovative industrielle Organisationsmodelle haben Italien einen vorderen Platz unter den ökonomisch leistungsfähigsten Staaten gesichert.Gleichzeitig weisen die Stichworte „Arbeitslosigkeit“, „Schattenwirtschaft“ und „Geburtenrückgang“ auf diverse Problemlagen hin.

Will man das heutige Italien politisch verstehen, so kommt man um eine Betrachtung der Nationalgeschichte nicht umhin – diese beginnt spät, mit dem so genannten Risorgimento. Der Begriff bezeichnet die verschiedenen Bewegungen, die ein unabhängiges und geeintes Italien anstrebten. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts konnte von einem „italienischen Staat“ keine Rede sein. Die Apenninenhalbinsel wurde von europäischen Mächten beherrscht – allen voran Frankreich, Spanien und Österreich.

Wolfgang Altgeld skizziert die politische Situation Italiens im 18. Jahrhundert, schildert die Phase der Restauration und des Widerstandes (1815–1848) sowie die 1848 beginnenden italienischen Unabhängigkeitskriege bis zur Nationswerdung als konstitutionelle
Monarchie 1861. Italien blieb jedoch eine „unfertige“ Nation. Aufgrund der gewaltigen ökonomischen, kulturellen und sozialen Unterschiede stand die Mehrheit der Bevölkerung, vor allem im Süden, der nationalen Einheit eher gleichgültig gegenüber. Eine landesweite Akzeptanz des neuen Nationalstaates fand auch deswegen nie statt, weil der Vatikan und mit ihm die kirchentreuen Bevölkerungsschichten das neue Italien nie anerkannten.

Die wirtschaftlichen und politischen Folgen des Ersten Weltkriegs verschärften schließlich die Unzufriedenheit mit dem System und begünstigten den Aufstieg der „Faschistischen Kampfbünde“ Benito
Mussolinis, die sich ab 1920/1921 zu einer Massenbewegung entwickelten.
Die politischen und wirtschaftlichen Eliten duldeten die Machtübernahme
Mussolinis. Malte König zeichnet die Entwicklung des italienischen Faschismus – über den Gleichschaltungsprozess bis zur Konsolidierung des Regimes mit den Lateranverträgen – nach. Eine aggressive Außenpolitik und die Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland führten Italien in den Zweiten Weltkrieg. 1943 brach das Regime zusammen, in der Folge standen sich zwei italienische Staaten in einem Bürgerkrieg
gegenüber. Die Verbrechen der faschistischen Ära gerieten nach
1945 rasch in Vergessenheit. Eine Generalamnestie, die „Resistenza“ als
Gründungsmythos der Republik und relativierende Hinweise auf die NS-Barbarei führten zur kollektiven Selbstabsolution, welche die Aufarbeitung der faschistischen Verbrechen nach wie vor erschwert.

Die Mafia ist Klischee und Realität Italiens zugleich. Sie hat sich – so die Mafia-Expertin Alessandra Dino – wie ein Krebsgeschwür in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik ausgebreitet. Die organisierte Kriminalität ist längst nicht mehr nur auf Italien begrenzt. Im Zuge der Globalisierung haben sich die kriminellen Organisationen anpassungsfähig gezeigt, flexible Netzwerke gegründet und transnationale Bündnisse geschlossen. Sie gleichen global operierenden Unternehmen, die sich gekonnt im Grenzbereich von Legalität
und Illegalität bewegen und über kriminelle Verbindungen im internationalen
Maßstab verfügen.

Eine nicht minder große Herausforderung stellt der Anstieg der Einwanderung dar: Anfang der 1990er Jahre lag der Ausländeranteil im klassischen Auswanderungsland Italien bei unter einem Prozent. Seitdem hat eine massive Zuwanderung die Zahl der Immigranten verzehnfacht. Die Zuwanderungsschübe erfolgten in einem eher ablehnenden politisch-gesellschaftlichen Kontext. Eine bewusste Steuerung legaler Immigration findet kaum statt. Die italienische Migrationspolitik ist gekennzeichnet
von der Bekämpfung der illegalen Einwanderung, der man einerseits
durch Legalisierungen bestimmter Gruppen, andererseits durch restriktive
Maßnahmen begegnet. Corrado Bonifazi geht auf die Etappen der italienischen Einwanderungsgeschichte ein, benennt Schwierigkeiten der Integration und analysiert die wirtschaftliche und demographische Bedeutung der Zuwanderung.

Das Parteiensystem ist das Feld, auf dem die Umbrüche der italienischen Politik am augenfälligsten sind: Man hat es vor und nach der Umbruchphase der 1990er Jahre mit vollkommen unterschiedlichen
Parteienlandschaften zu tun. Nach 1945 war Italien fast 50 Jahre
von einer „blockierten Demokratie“ geprägt. Der Ausschluss der Kommunistischen Partei von der Macht bedingte das Fehlen eines zentralen Elements in Mehrparteiensystemen: Der (potenzielle) Austausch der Regierung durch Wahlen. Anfang der 1990er Jahre brach die Erste Republik zusammen. Die Ursachen dieses in der westeuropäischen Geschichte einmaligen Prozesses waren ein Gemisch langfristiger Entwicklungen
und punktueller Ereignisse. Stefan Köppl analysiert die Umbruchsphase,
an deren vorläufigem Ende ein bipolares System mit zwei dominierenden
Parteienbündnissen links und rechts der Mitte steht.

Trotz dieser Umwälzungen hat sich die politische Kultur nur bedingt verändert. Über viele Jahrzehnte wurden die politischen Einstellungen durch den Dualismus von Katholizismus und Kommunismus geprägt. Die Grenzen dieser Subkulturen sind heute unschärfer, haben sich jedoch nicht völlig aufgelöst. Bedeutsam für die subjektive Dimension der Politik ist auch ein ausgeprägter „Lokalismus“, der die nationale Politik in Rom mit Skepsis betrachtet. Mario Caciagli analysiert die Veränderungen der politischen Kultur sowie deren Kontinuitäten, zu denen – neben dem Nord-Süd-Gegensatz – sowohl die Polarisierung als auch die Politikdistanz der Bürger
zu zählen sind.

Gerade die Polarisierung hat in den vergangenen Jahren einen Höhepunkt
erreicht: Wie kaum ein Politiker vor ihm spaltet Silvio Berlusconi die italienische Gesellschaft. Der Erfolg des Medientycoons erklärt sich – so Paolo Bellucci – auch aus der Krise des Systems in den 1990er Jahren. Berlusconi präsentierte sich nach der Umwälzung der Parteienlandschaft
als Alternative zur „alten“ Politikerkaste und nutzte das Machtvakuum
gekonnt aus. Als „Mann der Tat“ verstand er es, aufgrund seiner Medienmacht und durch politisches Taktieren, inzwischen vier Regierungen vorzustehen. Dabei steht Berlusconi für eine Personalisierung und Vermarktung von Politik in bisher ungekannter Weise. Kritiker werfen ihm vor, das Gleichgewicht der staatlichen Gewalten empfindlich zu stören und durch seine Medienmacht die Meinungsfreiheit zu beeinflussen.
Dessen ungeachtet und trotz unzähliger Affären ist Berlusconis Popularität in großen Teilen der italienischen Bevölkerung ungebrochen.

Freilich reichte es auch für seine „Hauspartei“ Forza Italia (FI) nie zu mehr als 30 Prozent der Wählerstimmen – er ist angewiesen auf das Bündnis mit den (geläuterten) Postfaschisten Gianfranco Finis und der Lega Nord (LN) des charismatischen Parteiführers Umberto Bossi. Unter anderem durch die Stärke der LN kommt dem Thema Regionalismus bzw. Föderalismus im politischen Diskurs eine hohe Bedeutung zu.

Regionen bildeten schon immer einen Gegenpol zum Zentralstaat und galten als Orte der Identitätsbildung. Parteien spielen bei der Konstruktion regionaler Identitäten eine wesentliche Rolle. Günther Pallaver erörtert dies am Beispiel der Südtiroler Volkspartei, die für den „alten“ ethnischen Regionalismus steht und sich auf die Interessenvertretung der eigenen Sprachgruppe sowie auf die Verteidigung des eigenen Territoriums konzentriert. Der „neue“ Regionalismus hingegen, wie er von der Lega
Nord propagiert wird, vertritt die politischen und ökonomischen Interessen des Nordens und beruft sich dabei auf das Konstrukt Padanien. Die symbolische Nutzung der Region als Bezugspunkt einer vermeintlichen politischen Gemeinschaft mit homogenen Interessen unterstellt eine Einheitlichkeit des Territoriums, die es nie gegeben hat.

Alexander Grasse geht der Frage nach, ob der Föderalismus für Italien ein geeignetes Modernisierungsinstrument ist. Tatsächlich wurden die Kompetenzen der Regionen spürbar erweitert. Durch die Verfassungsreformen 1999 und 2001 wurde Italien konstitutionell zu
einem Mehrebenensystem im Zeichen des Subsidiaritätsprinzips. Ökonomische Ungleichgewichte sowie zentrifugal wirkende Entwicklungs- und Verteilungsprobleme sollen durch die Föderalisierung beseitigt werden. Gerade regionale Disparitäten und die Angst vor Entsolidarisierung machen den Prozess der Föderalisierung jedoch so schwer. Die bisherigen Reformen wurden oft nur zögerlich umgesetzt. Italiens Weg zum Bundesstaat dürfte auch weiterhin nur in kleinen Schritten verlaufen.

Einen kritischen Blick auf die italienische Gesellschaft und ihre Geschlechterrollen wagt Saveria Capecchi: Stimmt das Klischee von der männerdominierten Gesellschaft Italiens? Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass italienische Frauen noch immer vor allem über ihr
äußeres Erscheinungsbild definiert werden. Obwohl die Gleichstellung der
Geschlechter juristisch festgeschrieben ist, haben Frauen in der Berufswelt häufig das Nachsehen. Führungspositionen in Politik, Medien und Wirtschaft besetzen sie nur unterproportional. Ein ausschlaggebender Grund ist das von den Massenmedien, aber auch von Teilen der politischen Eliten, geprägte Bild der jungen, schlanken Frau, die als schönes Beiwerk die männlichen Protagonisten schmückt.

Mit den Berührungspunkten zwischen Deutschland und Italien befassen sich die letzten beiden Beiträge. Dörte Dinger analysiert das ambivalente Verhältnis der beiden Länder. Nach 1945 dominierte auf der politischen Ebene die Übereinstimmung bezüglich der europäischen Integration und der transatlantischen Solidarität. Die deutsche Wiedervereinigung war eine Zäsur – sie weckte in Italien Ängste vor einer Übermacht Deutschlands in Europa bei gleichzeitiger Marginalisierung des eigenen Landes. Die Erosion der europäischen Solidarität führte auf der politischen Bühne zu einem Prozess der schleichenden Entfremdung. Auf die alltägliche gegenseitige Wahrnehmung hatte diese Auseinanderentwicklung kaum Auswirkungen. Die Deutschen assoziieren Italien mit Lifestyle, sie lieben das Italien der Antike und der Renaissance. Gleichzeitig reduzieren sie die italienische Gegenwart auf Mafia, Müll und Berlusconi.

Verbunden sind Deutschland und Italien auch durch eine mehr als 50-jährige Migrationsgeschichte. Italienische Arbeitsmigranten waren 1955 die Pioniere unter den „Gastarbeitern“. Das Verlassen des Heimatlandes wurde seither für mehr als vier Millionen Italiener eine prägende Erfahrung. Die Zuwanderung war von gesetzlichen Rahmenbedingungen, wirtschaftlichen Konjunkturphasen in beiden Ländern sowie von Migrationsnetzwerken beeinflusst. Italiener sind heute die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Die Zuwanderungsgeschichte
ist – so ein Fazit von Sonja Haug – insgesamt eine erfolgreiche Integrationsgeschichte. Der Migrationsprozess hat die Gesellschaften der beiden Länder geprägt und sie in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller
Hinsicht weiter verknüpft.

Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle gedankt. Ein besonderer
Dank gebührt Boris Kühn, der mit seinem fachkundigen Rat und mit seinen
italienischen Sprachkenntnissen wesentlich zur Konzeption des Heftes beigetragen hat. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech
 

 


Copyright ©   2010  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de