Zeitschrift 

Islam und 
Globalisierung


 

Heft 2/3/ 2003


Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

  Frauen in islamischen Gesellschaften 
 

Geschlechterverhältnisse im Vorderen Orient im Spannungsfeld von Globalisierung und Fragmentierung

Von Renate Kreile

 

Dr. Renate Kreile ist Privatdozentin für Politikwissenschaft an der Eberhard-Karls- Universität Tübingen.

 

Globalisierungsprozesse beeinflussen die Geschlechterverhältnisse auch im Vorderen Orient und haben komplexe, widersprüchliche und häufig gegenläufige Auswirkungen auf die Stellung von Frauen. Die traditionelle Geschlechterordnung in islamischen Gesellschaften bleibt davon nicht unberührt. In dem Beitrag von Renate Kreile steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit die ökonomische Globalisierung und Liberalisierung den Frauen im Vorderen Orient zu mehr Handlungsspielräumen und gesellschaftlichen Chancen verhilft. Zum anderen wird die Bedeutung der Geschlechterordnung in den islamistischen Bewegungen näher beleuchtet. Der letzte Teil des Beitrags befasst sich mit Strategien und Perspektiven der Frauenbewegungen des Vorderen Orients, die mit unterschiedlichen ideologischen Vorzeichen darum ringen, unter restriktiven Rahmenbedingungen zu größeren Handlungsspielräumen zu gelangen.

 Red.

 

Der “Kampf um den Schleier” 

1932 legte die führende ägyptische Frauenrechtlerin Huda Shaarawi auf dem Kairoer Bahnhof öffentlich ihren Gesichtsschleier ab. Mit dieser dramatischen Geste bekundete sie ihre Entschlossenheit, die Geschlechtertrennung und die Beschränkung der Frauen auf den häuslichen Bereich zu beenden. Auch im Libanon, in der Türkei, im Iran wurde damals der Gesichtsschleier als Symbol “weiblicher Tugendhaftigkeit” von zunehmend mehr Frauenrechtlerinnen infrage gestellt und seine islamische Legitimation bestritten. Selbstbewusst erhoben Frauen den Anspruch auf Teilhabe im öffentlichen Raum und öffneten die Tür zu den politischen Bühnen der Region. 

In den folgenden Jahrzehnten verschwanden auch Körperschleier und Kopftuch zumindest in den großstädtischen Zentren des Vorderen Orients weitgehend von der Bildfläche. Insbesondere in reformorientierten Ländern wie Ägypten kam es zu einer weitreichenden Expansion der Bildungs- und außerhäuslichen Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen, zu einer beachtlichen Erweiterung ihrer Bewegungs- und Handlungsspielräume. Das konservativ-islamische Frauenbild, das die Frauen auf ihre vermeintlich natürliche und gottgegebene Rolle als Ehefrau und Mutter festlegen will, verlor zunehmend an Boden. Im internationalen Vergleich blieben die Frauen auf den orientalischen Arbeitsmärkten gleichwohl deutlich unterrepräsentiert. Das patriarchalische Personenstandsrecht, das die Frauen unmündig hält und in der Ehe dem Manne unterordnet, blieb auch in der Reformphase unangetastet. 

Seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Schleier als Massenphänomen in den urbanen Raum zurückgekehrt. Er wird heute vielfach aus eigenem Entschluss auch von jungen gebildeten Frauen, von Akademikerinnen und Studentinnen aus den modernen Mittelschichten, getragen. Mit dem Aufstieg des politischen Islam ist die Geschlechterfrage ins Zentrum gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen gerückt. Von Algier bis Teheran, von Kairo bis Kabul prägen seit Jahren Kontroversen über die so genannte “Moral” der Frauen gesellschaftliche Diskurse, definieren politische Zugehörigkeiten und markieren ideologische Grenzlinien nach innen wie nach außen. Körper und Sexualität der Frauen, symbolisch manifestiert in der Schleierfrage, sind zu Metaphern geworden, über die Themen wie Globalisierung und Selbstbehauptung, Authentizität und Verwestlichung, Religion und Moderne, Gemeinschaft und Individuum artikuliert und umkämpft werden. Nicht selten liegen den politisch-kulturellen Auseinandersetzungen soziale Konflikte zugrunde. Der “Kampf um den Schleier” wird gleichsam zum verschleierten Klassenkampf.

 

Die “orientalische Frau” als Gegenbild zu Europa

 

In der Schleierfrage manifestieren sich symbolische Themen wie Globalisierung und Selbstbehauptung, Authentizität und Verwestlichung, Religion und Moderne, Gemeinschaft und Individuum.  

dpa-Fotoreport

 

Die aktuellen innergesellschaftlichen Debatten wie auch die wissenschaftlichen Reflexionen über die Geschlechterordnungen sind nicht losgelöst von historischen Traditionslinien und Erblasten angemessen zu verstehen. Anknüpfend an Edward Saids Orientalismus-Studie haben verschiedene Forscherinnen und Forscher herausgearbeitet, wie über Imaginationen der “orientalischen Frau”, der “Orient” - je unterschiedlich bewertet - immer wieder als Gegenbild zu “Europa” und als “das konstituierende Andere” konstruiert wurde. (vgl. Bronfen/Marius 1997, S. 6) Dabei konnte er je nach Bedarf zum Ort erotischer Geheimnisse und Sinnenfreuden stilisiert oder auch als Schauplatz düsterer Frauenunterdrückung dämonisiert werden. Historisch diente der orientalistische Geschlechterdiskurs von der angeblichen “islamischen Degradierung der Frauen” nicht zuletzt als zentrales Legitimationsinstrument kolonialer Unterwerfungspolitik. Eine vergleichbare Rechtfertigungsideologie in jüngster Zeit sieht beispielsweise die pakistanische Sozialwissenschaftlerin Saba Gul Khattak beim Krieg der westlichen Allianz gegen das Afghanistan der Taliban am Werk (vgl. Khattak 2002, S. 21ff.). 

Bis heute erweist sich im öffentlichen Bewusstsein die kulturalistische Vorstellung als äußerst lebendig, ein über Zeit und Raum unwandelbarer, monolithischer Islam, “der Islam”, sei für die Geschlechterverhältnisse und die Stellung der Frauen im Orient verantwortlich. In seiner brillanten Aufsatzsammlung “Die Islamisierung des Islam” bemerkt Aziz Al-Azmeh kritisch: “Nicht zuletzt in Deutschland lässt sich eine Tendenz feststellen, muslimische Völker und Einzelpersonen auf ein Wesen namens Islam zu reduzieren und sie dadurch des historischen Charakters, Kennzeichen aller menschlichen Gemeinschaften, zu berauben, sie also ohne Bezug auf die sozialen, normativen, ideologischen, ökologischen und sonstigen Unterschiede und Konflikte zu betrachten, von denen ihre Geschichte beherrscht wird” (Al-Azmeh1996, S. 7). Gegen ein Einfrieren des Vorderen Orients in ein imaginiertes religiös-kulturelles Ghetto und gleichsam eine Aussperrung aus der Geschichte plädiert Moghadam zu Recht dafür, die Region zu “normalisieren”. Damit unterstreicht sie die Gültigkeit und Anwendbarkeit soziostruktureller Kategorien auf die dortigen Geschlechterverhältnisse; sie erklärt “Islam” und “Kultur” zu historisch und sozial vermittelten und wandelbaren, uneinheitlichen und plastischen Bestimmungsfaktoren (vgl. Moghadam1993, S. xiii; S. 7f.).

 

Globalisierungsprozesse lösen dramatische Umgestaltungen aus 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Vordere Orient verstärkt in den Strom globaler Homogenisierungsprozesse geraten, der die ökonomischen, soziopolitischen und kulturellen Landschaften dramatisch umgestaltet, Verwerfungen und Brüche sowie gegenläufige Strudel, Fragmentierungstrends, hervorruft. Das Konzept der Globalisierung umfasst eine Vielzahl von Prozessen, die aufeinander bezogen und miteinander verwoben sind. Unter anderem gehören dazu: wachsende transnationale Bewegungen von Kapital, Waren und Menschen; eine stärkere Vernetzung durch neue Kommunikationstechnologien; eine rasche globale Verbreitung von Ideen und Konsummustern; ein Bedeutungsverlust der Nationalstaaten sowie ein Bedeutungszuwachs transnationaler Institutionen und global vernetzter politischer Bewegungen (vgl. Randeria 1998, S. 16). 

Die Dynamik der Globalisierungsprozesse wird gegenwärtig durch eine “Ausdehnung neoliberaler wirtschaftlicher und politischer Leitvorstellungen” (Randeria 1998, S. 16f.) bestimmt. Während neoliberale Ökonomen durch das grenzenlose Wirken der Marktkräfte eine Zunahme des allgemeinen Wohlstands erwarten, verweisen Skeptiker auf die wachsende inner- und zwischengesellschaftliche soziale Polarisierung und fordern eine stärkere politische Steuerung auf nationaler wie internationaler Ebene, um eine gerechtere Verteilung der Chancen der Globalisierung zu gewährleisten (vgl. Alkazaz 1999, S. 577). 

Die mehrdimensionalen Globalisierungsprozesse verschränken sich je unterschiedlich mit gesellschaftsinternen Entwicklungsdynamiken. Sie werden dabei durch historisch vermittelte politische, soziale und kulturelle Besonderheiten und Kräfteverhältnisse “gebrochen” bzw. codiert. Als Antworten auf die gewaltigen Umbrüche, als Reaktionen auf die existenziell erfahrbaren Zumutungen der Globalisierung, greifen weltweit Fragmentierungsprozesse um sich. Die Zersplitterung in konkurrierende religiöse oder ethnische Gemeinschaften, die Rückhalt und Schutz bieten sollen, und die Politisierung der entsprechenden Zugehörigkeiten gewinnen an Boden (Menzel 1999).

 

Im Spannungsfeld von Staat und Gemeinschaften

Für die Konstituierung der nationalen, ethnischen und religiösen Gemeinschaften, die als Refugien und Gegenmodelle gegenüber den existenziellen Risiken und verstörenden Einflüssen der Globalisierung erlebt werden, spielt die Kategorie “Gender”, das Geschlechterverhältnis als soziale Strukturkategorie, eine zentrale Rolle. Die imaginierten Gemeinschaften (Benedict Anderson) begreifen das Verhältnis der Geschlechter als zentrales Element der jeweiligen inneren Ordnung, das im kollektiven Bewusstsein die spezifische Identität der eigenen Gemeinschaft ausmacht und diese gegenüber “den anderen” abgrenzt. Der Prozess der kollektiven Selbstdefinition beinhaltet immer auch eine Klärung der Platz- und Rollenanweisung für Frauen, die in vielen Kulturen in besonderem Maße als Verkörperung kollektiver Identitätskonzepte gelten. Er vermittelt sich im Rahmen der symbolischen Ordnung und schließt einen Werte- und Moralkodex, eine Kleiderordnung, eine Körpersprache und eine Ordnung der Handlungs- und Bewegungsräume ein (vgl. Wichterich 1992, S. 47f.). 

Insbesondere in Geschichte und Gegenwart des gesamten Orients einschließlich Afghanistans enthüllt sich eine fortdauernde strukturelle Bedeutung der Geschlechterpolitik nach innen wie nach außen. Dem “Kampf um die Frauen” kommt eine Schlüsselfunktion zu in den Auseinandersetzungen zwischen dem um Nation- building bemühten Staat und den primären familiären, tribalen und religiösen Gemeinschaften, die weithin als soziopolitische Konkurrenzorganisationen gegenüber dem Staat agieren. Mit der Zentralisierung des Rechts und einer einheitlichen Reglementierung der Geschlechterverhältnisse versucht der Staat in Bereiche einzugreifen, die zuvor der ausschließlichen Kontrolle durch die primären Gemeinschaften unterworfen waren, und so seinen hegemonialen Machtanspruch durchzusetzen. Für die primären Solidargemeinschaften hingegen vermag die Kontrolle über “ihre” Frauen, die Identität und Integrität der Gemeinschaften symbolisieren, zum zentralen Ausdruck des Widerstandes gegenüber einem weithin als “fremd” und autoritär wahrgenommenen Staat zu werden (vgl. Kreile 1997, S. 256ff.). 

Wie nicht zuletzt das Beispiel Afghanistan zeigt, waren die staatlichen Bemühungen, die Geschlechterverhältnisse im Interesse von Nation-building und Modernisierung zu transformieren und so die staatliche Hegemonie über die Gesellschaft durchzusetzen, in den verschiedenen Gesellschaften der Region nicht in gleicher Weise erfolgreich. So kam es je unterschiedlich und ungleichzeitig zur Auflösung, Umgestaltung oder Selbstbehauptung der lokalen, religiösen und familiären Gemeinschaften. Die Folgen für die Frauen waren uneinheitlich und ambivalent. Einerseits wurden ihre traditionellen Aktionsradien oftmals beschränkt und ihre bisherigen informellen Einflussmöglichkeiten teilweise entwertet, andererseits wurden insbesondere für Frauen aus den sich entfaltenden modernen Mittelschichten durch den staatlich geförderten Zugang zu Bildung und Beruf neue Handlungsspielräume eröffnet.

 

Geschlechterfrage als Schlüsselelement des Widerstands 

Nicht nur im Hinblick auf die wechselvolle Dynamik zwischen Zentralmacht und Gemeinschaften, sondern auch im Kontext der Einbindung des Orients in die internationale und transnationale Politik spielt der Gender-Faktor eine herausragende Rolle. Ausländische Interventionen haben immer wieder historisch jeweils spezifische, aber strukturell analoge Dynamiken widerständiger Identitätspolitiken hervorgerufen. Gegenüber den vielfältigen, je unterschiedlich akzentuierten Versuchen externer Einflussnahmen, sei es durch Kolonialismus sei es durch McWorld-Globalisierung (Barber 1997) wurde die Geschlechterfrage zum Schlüsselelement und Medium des antikolonialen Widerstandes bzw. antiglobaler Selbstbehauptungsprozesse (vgl. Kreile 1999, S, 254ff.). In jüngster Zeit etwa riefen die Bemühungen internationaler Akteure wie der Europäischen Union und der Vereinten Nationen, unter dem Vorzeichen der Beförderung von Menschenrechten Einfluss auf die Geschlechterpolitik des Taliban-Regimes in Afghanistan zu nehmen, strukturell ähnliche Abwehrmechanismen hervor. Der Kontrollanspruch über die “eigenen” Frauen symbolisierte für die Taliban den Anspruch, die Identität und Integrität der als bedroht wahrgenommenen “nationalen” bzw. “religiösen Gemeinschaft” zu wahren (vgl. Kreile 2002, S. 39f).

In den Zeiten der Globalisierung wie zu Zeiten des Kolonialismus scheint die Auseinandersetzung über die Frauenfrage, die in kulturellen und moralischen Termini geführt wird, eine “große kulturelle Trennlinie zwischen den Nutznießern und Verlierern der sich wandelnden sozioökonomischen Ordnung” (Kandiyoti 1991, S. 8) zu markieren, und dies auf nationaler wie auf globaler Ebene. 

Die materiellen und politischen Glücksversprechen der Globalisierungsdynamik erfüllen sich heute - ähnlich wie in der Kolonialzeit - zumeist nur für die Eliten der Region. Für große Teile der Bevölkerung, die zu den sozialen Verlierern gehören, wird der Islam zum Symbol von Zusammengehörigkeit und Selbstbehauptung, das der als übermächtig empfundenen westlichen Durchdringung entgegengesetzt wird (vgl. Müller 2002, S. 25).

 

Neoliberale Globalisierung - ein Machtgewinn für die Frauen? 

Die Weltbank zählt die Frauen weltweit zu den Gewinnerinnen der wirtschaftlichen Globalisierung und Liberalisierung (Randeria 1998, S. 20). Begründet wird diese Sicht mit einem deutlichen Anstieg der Frauenerwerbsquote. Beschäftigungsgewinn und Enttraditionalisierung gelten als Indizien dafür, dass Frauen von der Entgrenzung der Märkte und Kulturen profitieren (vgl. Wichterich 1998, S. 251). Aus dieser Perspektive wird Frauen, die ein eigenes Erwerbseinkommen beziehen, eine stärkere Verhandlungsmacht innerhalb der Familie zugesprochen (vgl. Schneider 1999, S. 81; Anm. 11). Es wird angenommen, dass sich ihnen mehr Individualisierungsoptionen eröffnen und dass durch Bildung und außerhäusliche Beschäftigung von Frauen patriarchalische Einstellungen und Verhaltensweisen unterminiert werden könnten (vgl. Moghadam 1993, S. 66). 

Im Vorderen Orient war der Anteil von Frauen an entlohnten Arbeitsverhältnissen außerhalb des Agrarsektors verglichen mit anderen Regionen des Südens bislang relativ niedrig - unter 20 Prozent; in Lateinamerika und Südostasien zwischen 34 und 40 Prozent (vgl. Moghadam 1998, S. 3). Wirtschaftliche Liberalisierung und Strukturanpassungsprogramme haben tatsächlich auch hier zu einer stärkeren “Feminisierung der Beschäftigung” geführt. Dass zunehmend Frauen außerhalb des Hauses eine Erwerbsarbeit aufnehmen, hat weitreichende Implikationen für Politik, Arbeitsmarkt und Familienzusammenhalt. Statistiken für Tunesien, Marokko und die Golfstaaten zeigen, dass beinahe ein Drittel der Frauen aus diesen Ländern einer außerhäuslichen Vollzeittätigkeit nachgehen (vgl. Fernea 2000, S. 186). Ein kleines Segment hoch qualifizierter mobiler Frauen dürfte zu den Gewinnerinnen dieser Entwicklung gehören. So profitierten etwa in Ägypten professionalisierte Frauen der oberen Mittelschichten von der Politik der wirtschaftlichen Öffnung. Ihnen boten sich Beschäftigungsmöglichkeiten im sich dynamisch entwickelnden Privatsektor, beispielsweise in internationalen Unternehmen. Kapitalkräftige Frauen der Oberschicht begannen, sich im Dienstleistungsbereich, etwa im Hotelgewerbe, oder als Teilhaberinnen an internationalen Firmen ökonomisch zu engagieren (vgl. Hatem 1992, S. 236). 

Die Mehrzahl der Frauen, die eine außerhäusliche Erwerbstätigkeit aufnimmt, sieht sich jedoch aufgrund sinkender Realeinkommen zu diesem Schritt gezwungen. Als Folge der Sparmaßnahmen stiegen die Preise im Bereich der Grundversorgung (Gesundheits-, Erziehungs-, Ernährungs- und Wohnbereich); die kontraktive Wirtschaftspolitik erhöhte die Arbeitslosigkeit. Vormals nicht erwerbstätige Frauen suchten nun verstärkt nach einem bezahlten Arbeitsplatz, um den durch Preissteigerungen oder Arbeitsplatzverlust des Ehemannes bedingten familiären Einkommensverlust auszugleichen. Die in vielen Ländern zu beobachtende wachsende Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit von Männern lässt sich darauf zurückführen, dass Frauen in den neu entstehenden Exportindustrien oder im informellen Sektor leichter einen Arbeitsplatz finden als Männer (vgl. Schneider 1999, S. 80; Moghadam 1998, S. 65ff.).

 

Frauen als billige Arbeitskräfte 

Bei der Mehrzahl der neuen Frauen- Arbeitsplätze handelt es sich vor allem um Tätigkeiten in den exportorientierten, arbeitsintensiven und schlechtbezahlten Branchen Textil- und Elektronikindustrie, ohne arbeitsrechtliche Absicherung (vgl. Schneider 1999, S. 88). In Tunesien sind 76,5 Prozent der Arbeitsplätze in der Textil- und Lederindustrie von Frauen besetzt (vgl. Moghadam1998, S. 68). In der am stärksten feminisierten Branche Marokkos, der Textilindustrie, liegen die Löhne mehr als die Hälfte unter dem Durchschnitt der gesamten Industrie, wie Katrin Schneider in ihrer hervorragenden Fallstudie zu Marokko zeigt (vgl. Schneider 1999, S. 90). Im ägyptischen Privatsektor sind die Löhne von Frauen etwa halb so hoch wie die von Männern in vergleichbaren Tätigkeiten. Im Staatssektor erhalten Frauen immerhin die gleichen Löhne - eine übriggebliebene Errungenschaft aus der Ära des “Staatsfeminismus” (vgl. Moghadam 1998, S. 15). Weltweit gelten Frauen als flinke, flexible und billige Arbeitskräfte, die in den Weltmarktfabriken und freien Produktionszonen bevorzugt eingestellt werden. Auch in Tunesien, Ägypten oder Marokko werden sie somit gleichsam zum “Standortvorteil”, ihre Arbeit wird zum “Sprungbrett in den Weltmarkt” (Wichterich 1998, S. 15; S. 17).

 

Die Geschlechterideologie vom “Familienernährer”

Die Geschlechterideologie vom Mann als “Familienernährer”, dem die Frau allenfalls als Zuverdienerin unter die Arme greift, legitimiert die Hungerlöhne. Tatsächlich gibt es in marokkanischen Industriestädten nicht wenige Familien, in denen die Mütter und Töchter erwerbstätig und die Väter und Söhne arbeitslos sind (vgl. Schneider 1999, S. 91). Eine derartige Unterspülung des patriarchalischen Geschlechtervertrags mag bisweilen zu mehr Empowerment für Frauen führen, zu neuen Individualisierungsoptionen. Sie kann aber auch gegenläufige Tendenzen hervorrufen. Ungebrochen lastet zumindest die Verantwortung für den Reproduktionsbereich, für Kinder und Haushalt, auf den Schultern auch der berufstätigen Frauen. Dass Frauen sich nur aufgrund materieller Zwänge auf derartige Arbeitsbedingungen und verstärkte Belastungen einlassen, geht aus einer Untersuchung der ägyptischen Soziologin Mona Hammam hervor. Darin äußerte die Mehrzahl der interviewten Arbeiterinnen einer ägyptischen Fabrik die Auffassung, Fabrikarbeit sei keine angemessene Beschäftigung für Frauen; alle ledigen Befragten erklärten, sie wollten nach der Heirat mit der Arbeit aufhören (vgl. Hijab 1988, S. 88f.). 

Diverse Untersuchungen, die sich mit der Thematik von Globalisierung und Gender befassen, weisen auf eine wachsende soziale Ungleichheit und Hierarchisierung unter Frauen hin (vgl. Young 1999/2000). So beschäftigen etwa in den marokkanischen Großstädten nicht nur privilegierte Karrierefrauen, sondern ein erheblicher Teil der erwerbstätigen Frauen selbst aus den unteren sozialen Schichten Hausmädchen, deren Minimallohn zumeist vom Gehalt ihrer Arbeitgeberinnen bezahlt wird (vgl. Schneider 1999, S. 94) Damit bleibt der Reproduktionsbereich weiterhin “Sache” der Frauen, und zunehmend mehr Frauen treten sich im Haushalt unmittelbar als “Herrin” und “Magd” gegenüber (Young 1999/2000, S. 47). Den veränderten ökonomischen Realitäten steht somit keine grundlegende Veränderung der Geschlechterideologie gegenüber. 

Die Beschäftigten im boomenden Sektor der haushaltsbezogenen Dienstleistungen sind zumeist Analphabetinnen vom Land, die oft kaum älter als sechs Jahre sind. Parallel zu dieser Entwicklung ist die Einschulungsquote für Mädchen auf dem Land rückläufig. Suizide von Hausmädchen, über die in der marokkanischen Presse berichtet wird, verweisen auf deren trostlose Lage. Wehrlos sind sie oftmals Willkür und Ausbeutung ausgesetzt - sei sie finanzieller oder sexueller Art (vgl. Schneider 1999, S. 96).

 

Neoliberale Politik hat einschneidende Auswirkungen 

Auch die neoliberale Politik, die die ökonomische Logik der Globalisierung befördert, begleitet und absichert und die sich durch Stichworte wie Privatisierung, Deregulierung, Rückzug des Staates, Senkung von Staatsausgaben, Abbau der Sozialsysteme charakterisieren lässt, ist geschlechtsspezifisch konnotiert. So treffen die staatlichen Strukturanpassungsprogramme mit ihren einschneidenden sozialen Auswirkungen Frauen in besonderem Maße. Die Streichung von Subventionen etwa bei Nahrungsmitteln zwingt immer mehr Frauen, im informellen Sektor aktiv zu werden, um mit ihren Familien überleben zu können, so beispielsweise als Müllsortiererinnen (vgl. Wichterich 1998, S. 164). Erwerbsarbeit ist hier nicht Chance zur Selbstverwirklichung, sondern bittere Notwendigkeit. Die dramatischen Kürzungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich erhöhen die Arbeitsbelastung der Frauen. In Ägypten sind in den achtziger Jahren die Pro-Kopf-Ausgaben des Staates für Gesundheit um ein Drittel zurückgegangen. Frauen werden in dieser Situation zu sozialen Puffern der Strukturanpassung: Je mehr sich die strukturangepassten Staaten von sozialpolitischen Aufgaben zurückziehen, desto mehr übernehmen zumeist Frauen unentgeltlich Gemeinschaftsaufgaben wie eine medizinische Basisversorgung (vgl. Wichterich 1998, S. 167ff.). Die Einführung von Gebühren für den Schulbesuch bereits im Primarbereich hat im Kontext steigender Preise und sinkender Löhne darüber hinaus in Ägypten und Marokko bereits zu einem Rückgang der Einschulungsquote für Mädchen geführt (vgl. Moghadam 1998, S. 225). 

Auch die Entlassungen oder Gehaltskürzungen im Staatssektor gehen überproportional zu Lasten von Frauen, für die der Staat im Vorderen Orient seit den fünfziger Jahren der wichtigste Arbeitgeber ist. So hat sich die ägyptische Regierung gegenüber dem Internationalen Währungsfonds verpflichtet, die Zahl der Staatsangestellten um jährlich zwei Prozent schrumpfen zu lassen. Jetzt soll Frauen ab 45 ein Vorruhestand mit einer geringen Abfindung schmackhaft gemacht werden. Um das ägyptische Arbeitsrecht an die Bedürfnisse des Marktes anzupassen, werden die Regelungen für den Mutterschutz verschlechtert (vgl. Wichterich 1998, S. 165f.). 

Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die wachsende Armut zunehmend weibliche Züge trägt. Neben die “Feminisierung der Beschäftigung” tritt eine “Feminisierung der Armut” (vgl. Harders 1997 und 1998). Die Zahl der von Frauen geführten ägyptischen Haushalte, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ist doppelt so hoch wie der Anteil armer Familien unter den von Männern geführten Haushalten (vgl. Moghadam 1998, S.102).

 

Islamismus als Ausweg aus der Verelendung?

Die sozioökonomische Dynamik der vergangenen Jahrzehnte hat nicht nur die nationalen und regionalen Arbeitsmärkten transformiert, sondern insgesamt zu tief greifenden sozialen Umbrüchen und Verwerfungen geführt. Angesichts wachsender sozialer Polarisierung und staatlicher Repression richteten sich seit Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Hoffnungen vieler Menschen auf die islamistischen Bewegungen, die unter der Parole “Der Islam ist die Lösung” mit der angestrebten Schaffung eines “islamischen Staates” einen Ausweg aus Marginalisierung und Verelendung, Arbeitslosigkeit und katastrophaler Wohnungsnot versprachen. 

Ungeachtet mancher wissenschaftlicher Grabgesänge - ich denke etwa an Olivier Roy oder Gilles Kepel - sind auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts die islamistischen Bewegungen und Parteien als einflussreiche moderne Akteure auf den politischen Bühnen des Vorderen Orients präsent (vgl. Perthes 1999, S. 143). Zwar wurden die Versprechungen einer “gerechten Ordnung” im Interesse der mostazafin, der Entrechteten und Enterbten, mit denen die Islamisten in den verschiedenen Ländern breite Massen zu mobilisieren vermochten, bislang nirgendwo auch nur ansatzweise erfüllt. Ein spezifisch “islamisches” Entwicklungsmodell konnte weder theoretisch konsistent konzipiert, geschweige denn praktisch umgesetzt werden. Nicht zuletzt unter dem Druck staatlicher Einbindungs- bzw. Repressionsstrategien kam es in verschiedenen Staaten der Region zu einer De-Radikalisierung der Bewegungen, zu Institutionalisierungsprozessen und zur “Integration der Integristen” (Krämer 1994) in das politische System, wo sie aber weiterhin einen ernst zu nehmenden politischen Faktor darstellen und im Marsch durch die Institutionen Erfolge erzielen. In den meisten arabischen Ländern verfügen islamistische Parteien heute über ein Wählerpotenzial von mindestens 15 bis 30 Prozent (vgl. Perthes 1999, S. 144). 

Die wohlfahrtspolitischen Aktivitäten der islamistischen Organisationen dürften angesichts der sozial einschneidenden und polarisierenden Effekte von neoliberaler Globalisierung und Strukturanpassung ihren Rückhalt in der Bevölkerung eher verstärken.

 

Die Geschlechterordnung als Herzstück der Selbstbehauptung 

Während strukturelle entwicklungspolitische Umgestaltungsoptionen im Interesse der städtischen und ländlichen Armen angesichts interner und externer politischer Rahmenbedingungen sowie der sozialen Heterogenität der islamistischen Bewegungen blockiert waren, wurde die Geschlechterfrage und die “Moral” der Frauen schichtübergreifend und mehrfach codiert zum Schlüsselthema in den Diskursen und der Praxis des politischen Islam in allen seinen Facetten und Ausprägungen. Der schillernde und sozial mehrdeutige Begriff einer “gerechten” und “authentischen” islamischen Ordnung wurde inhaltlich gefüllt mit dem sozialmoralischen Konzept einer “gottgewollten” Geschlechterordnung und verknüpft mit einer Re-Formulierung und Politisierung des traditionellen patriarchalischen Geschlechterdiskurses, der den Geschlechtern komplementäre Rollen zuweist und die Frau dem Manne in der Ehe unterordnet. Für die Wiederherstellung der ersehnten “gottgewollten Ordnung” gewinnt die Ordnung der Geschlechter zentrale Bedeutung. Diese ist in den Augen der Islamisten offenkundig aus den Fugen geraten, gleichsam als Symbol und Indikator einer als chaotisch erlebten Gesellschafts- und Weltordnung. Die soziale Desintegration wird als moralische Desintegration wahrgenommen und somit bekämpft. 

Die sozialen Umbrüche haben zu einem Zerfall der traditionellen Lebenswelten und zur Erosion der familiären Solidargemeinschaften geführt. Auch die traditionellen Geschlechter- und Generationenverträge werden zunehmend außer Kraft gesetzt. Die unübersehbare massenhafte Präsenz von Frauen im öffentlichen, traditionell als “männlich” definierten Raum signalisiert die Auflösung der traditionellen patriarchalischen Ordnung und wird zum augenfälligsten Ausdruck des rasanten Wandels, der viele fundamental desorientiert. Im traditionellen islamischen Geschlechterdiskurs stellt eine Frau, die unverschleiert den öffentlichen bzw. “männlichen” Raum betritt, eine sexuelle Versuchung dar, die die Selbstbeherrschung der Männer und die Sozialordnung gefährdet und dadurch Zwietracht und Chaos (fitna) verursacht. Um den Zusammenbruch der sozialen Ordnung zu verhindern und die Eintracht in der Gesellschaft zu wahren, muss die potenziell als sozial zerstörerisch gedachte weibliche Sexualität streng kontrolliert und durch räumliche bzw. symbolische Geschlechtertrennung qua Verschleierung der Frau auf den privaten Bereich beschränkt und somit buchstäblich “domestiziert” werden (vgl. Mernissi 1987, S. 26ff.).

 

Islamismus als “Ersatzfamilie” 

Angesichts der Erosion und des Funktionsverlustes der verwandtschaftlichen Bindungen bieten sich die Islamisten gleichsam als erweiterte “Ersatzfamilien” an. Die islamistischen Organisationen bieten nicht nur soziale Dienstleistungen und vermitteln klare moralische Orientierung. Sie versprechen auch, die durch die soziokulturellen Erosionsprozesse gefährdete patriarchalische Autorität von Vätern, Ehemännern, Brüdern und anderen männlichen Verwandten auf einer neuen Ebene zu reformulieren und zu reformieren, indem die Kontrolle über die Frauen nun durch alle Männer der umma, der “Über-Familie” der Gläubigen, garantiert wird.

Die Politisierung der Geschlechterordnung im islamistischen Diskurs vermag zudem den einzelnen Männern und Frauen das Gefühl zu vermitteln, durch eine “moralische” Lebensführung einen Beitrag zur angestrebten “wahrhaft islamischen Ordnung” zu leisten und damit den alltäglichen Ohnmachtserfahrungen eigene Einflussmöglichkeiten entgegenzusetzen. Sie wird umgesetzt in symbolisches Kapital, das die moralische Überlegenheit der islamischen Gemeinschaft gegenüber dem ökonomisch überlegenen, aber moralisch als verkommen gewerteten Westen und der als “verwestlicht” perzipierten einheimischen Schicht der so genannten “fetten Katzen” - wie man in Ägypten sagt - veranschaulicht. Dies vermag die vielfach schmerzlich empfundene materielle Deprivation erträglicher zu machen. Moral wird zum “Feld der symbolischen Auseinandersetzung um Anerkennung” (Klein-Hessling u.a. 1999, S. 26).

 

In eine marokkanische Nationaflagge gehüllt, fordert eine Marokkanerin auf der 4. UNWeltfrauenkonferenz in Peking ein Mehr an Frauenrechten für ihr Heimatland.

 

dpa-Fotoreport

 

Frauenbewegungen im Vorderen Orient 

Die bisherigen Ausführungen haben deutlich gemacht, dass eine überwiegende Mehrzahl von Frauen nicht unter den Gewinnerinnen der Globalisierung zu finden ist. Für sie überwiegen nicht so sehr die Chancen, sondern eher die Zwänge. Allerdings haben die Frauenbewegungen im Zuge der Globalisierungsprozesse auf nationaler wie auch auf transnationaler Ebene deutlich an Mobilisierungsfähigkeit gewonnen. 

Das Überschreiten von Grenzen und Kulturen und das Herstellen neuer Verbindungen gelten als Grundprinzipien von Globalisierung (vgl. Wichterich 1998, S. 217). In dieser Hinsicht könnte man die Frauenbewegungen als Pionierinnen betrachten. So finden zwischen den einzelnen nationalen Frauenbewegungen zunehmend regionale Vernetzungs- und Austauschprozesse statt, nicht zuletzt mithilfe der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Ich denke dabei etwa an das internationale Netzwerk “Women Living under Muslim Law” (vgl. Moghadam 1998, S. 203), das Individuen und Gruppen von Nordafrika bis Pakistan verbindet oder an den Zusammenschluss der “Femmes des Maghreb”. Die orientalischen Frauenbewegungen sind heute eingebunden in die globalen Diskurse über Frauenrechte und Menschenrechte, Demokratisierung und Zivilgesellschaft und sind auf den Weltfrauenkonferenzen (etwa Peking und Huairou) zahlreich und organisiert vertreten. 

Frauen engagieren sich in Frauen-Nichtregierungsorganisationen als Antwort auf fortdauernde und sich verschärfende Probleme für Frauen in den verschiedensten Bereichen. So wird beispielswiese das Thema “Gewalt gegen Frauen” zunehmend öffentlich diskutiert (vgl. Moghadam 1998, S. 17). Angesichts des historischen Ausschlusses der Frauen von öffentlichen Formen der Macht, kommt dem Engagement von unabhängigen Frauengruppen gerade im Vorderen Orient eine besondere Bedeutung zu (vgl. a.a.O., S. 202ff). 

In ihren eigenen Gesellschaften sehen sich die Frauenbewegungen der Region heute gleichwohl mit einer extrem widersprüchlichen und ungünstigen Situation konfrontiert. Sie sind nicht nur den Restriktionen und Loyalitätsansprüchen religiöser bzw. religiös-politischer und familialer Gemeinschaften unterworfen, sondern auch dem repressiven neopatriarchalen Staat, der die Gesellschaft insgesamt einer weitreichenden Kontrolle unterworfen hat. Die herrschenden autoritären Eliten haben die Ära des “Staatsfeminismus” eines Nasser und Atatürk weit hinter sich gelassen. Sie sind oftmals bestrebt, ihre Legitimationskrise auf dem Rücken der Frauen zu bewältigen und die bescheidenen frauenrechtlichen Errungenschaften früherer Phasen rückgängig zu machen, was sich etwa in den Auseinandersetzungen um das Familienrecht in Ägypten und Algerien zeigt, wie auch im Vorgehen gegen autonome Frauenorganisationen in Ägypten. 

Im Januar 2000 verabschiedete das ägyptische Parlament mit Zustimmung der religiösen Autoritäten der Al-Azhar-Universität zwar immerhin eine - heftig umstrittene - Änderung im Scheidungsrecht, die Frauen die Möglichkeit gibt, die Scheidung zu beantragen, auch ohne den bis dahin erforderlichen Nachweis, schlecht behandelt worden zu sein. Gleichzeitig wurde jedoch ein Gesetzesantrag abgelehnt, der es Frauen ermöglichen sollte, ohne ausdrückliche Erlaubnis des Ehemannes ins Ausland zu reisen (BBC-News vom 27. 1. 2000).

 

Widerstand gegen die patriarchalische Definitionsmacht  

Angesichts der skizzierten vielfältigen Zwänge verfolgen die Frauenrechtlerinnen uneinheitliche Strategien, die ideologisch unterschiedlich legitimiert und sozial unterschiedlich verankert sind. Islamistische Frauenrechtlerinnen machen sich zunehmend daran, die in den islamistischen Bewegungen idealisierte und postulierte angebliche innere Einheitlichkeit der umma in Frage zu stellen. Dabei weisen sie auf die internen patriarchalischen Machtverhältnisse und Geschlechterkonflikte in der muslimischen Gemeinschaft hin. Immer mehr islamische Frauenrechtlerinnen wenden sich gegen die Definitionsmacht der männlichen Patriarchen. Sie knüpfen an die Ideen islamischer Reformer wie An-Naim, Sorush und Abu Zaid an und versuchen auf der Basis einer Re- Interpretation der islamischen Tradition im Sinne einer “feministischen Theologie” (vgl. Hassan 1997, S. 232; Mir-Hosseini 1999) den traditionellen religiös legitimierten sozialen und rechtlichen Handlungsrahmen auszuweiten. Gleichzeitig öffnen sie damit die Tür zu Allianzen mit säkular orientierten Frauenrechtlerinnen in den eigenen Gesellschaften wie auch zur globalen Frauenbewegung (vgl. Kreile 2000). 

In ihrer Vielstimmigkeit sind die Islamistinnen augenscheinlich in der Lage, ein breites soziales Spektrum zu bedienen und so politisch Einfluss zu gewinnen. Die “alte” Rolle der Hausfrau und Mutter wird ideologisch aufgewertet, neue Rollen, die mit dem Betreten des öffentlichen Raumes verbunden sind, etwa als Berufstätige, Studentin, Wissenschaftlerin werden eröffnet und durch das Tragen des Schleiers sozialmoralisch abgesichert. Mit der “islamischen Bedeckung” können Frauen traditionelle Grenzen überschreiten und den öffentlichen Raum betreten, ohne die gängigen Normen “tugendhafter Weiblichkeit” zu durchbrechen und ihr soziales Ansehen zu verlieren (vgl. Najmabadi 1991, S. 66).

Die islamistischen Frauenrechtlerinnen grenzen sich bewusst von westlichen Leitbildern und Rollenmodellen ab. Der Schleier symbolisiert für sie nicht Unterdrückung, sondern Befreiung, etwa von dem Diktat der Modeindustrie, den Anforderungen des Schönheitsmythos, den Zwängen der Konsumideologie, den Unannehmlichkeiten und Risiken sexueller Belästigung. Islamistische Intellektuelle verbinden mit dem Schleier auch alternative Auffassungen über Körper, Sexualität und Privatheit, die westlichen Konzepten bewusst entgegengesetzt werden (vgl. Göle 1995, S. 31f.), wie folgende Äußerungen türkischer Islamistinnen ansatzweise illustrieren: “Im Westen demonstrieren die Frauen, indem sie sich schminken und Schmuck tragen, ihre Sexualität in größerem Ausmaß nach außen. Gleichzeitig aber wird die Sexualität dadurch geschwächt. Wir machen genau das Gegenteil und behalten uns unsere Sexualität für bestimmte Situationen vor. Draußen, in der Öffentlichkeit, auf der Straße zeigen wir diese so wenig wie möglich” (zit. nach Göle 1995, S. 118). 

Während die islamistischen Frauenrechtlerinnen darum ringen, ihre Rechte durch eine “frauenfreundlichere” Re-Interpretation der religiösen Quellen im Rahmen der islamistischen Gemeinschaften auszuweiten, fordern die säkular orientierten Frauenrechtlerinnen unter Berufung auf Demokratie und Menschenrechte gleiche Rechte als Individuen ein. Zum strategischen Dreh- und Angelpunkt wird dabei das Familienrecht.

 

Die Versagung fundamentaler demokratischer Rechte 

Während im Zeichen von global erhobenen Forderungen nach “Good Governance” die Demokratisierungsrhetorik auch im Vorderen Orient um sich greift, bleiben die Frauen in den meisten Ländern der Region hinsichtlich ihrer demokratischen Rechte nämlich doppelt blockiert. Sie sind nicht nur - wie auch die Männer - den allgemeinen staatlichen Beschränkungen hinsichtlich bürgerlicher Freiheitsrechte und politischer Partizipation unterworfen. Gleichzeitig ist ihnen das fundamentale Recht versagt, in so wichtigen Fragen wie Eheschließung, Scheidung, Arbeit, Mobilität, Sorgerecht für die Kinder eigenständige Entscheidungen zu treffen, da sie im religiös verankerten Familienrecht den männlichen Verwandten untergeordnet sind. Der Widerspruch zwischen der an Individuen gerichteten Gleichheitszusage in den meisten Verfassungen der Region und der fortdauernden Unterwerfung unter das durch die verschiedenen religiösen Gemeinschaften kodifizierte Familienrecht macht die Frauen zu Staatsbürgerinnen zweiter Klasse.

Eine Gleichstellung im Familienrecht, die die Frauen aus der Vormundschaft der Väter, Ehemänner und jeweiligen religiösen Gemeinschaften entließe und sie direkt und ohne patriarchalische Vermittlung zu Vertragspartnerinnen des Staates und zu Staatsbürgerinnen aus eigenem Recht machte, wäre (aus der Perspektive säkular orientierter Frauenrechtlerinnen) zumindest eine der zentralen Voraussetzungen nicht nur für mehr Gestaltungsspielräume für Frauen, sondern auch für die Stärkung der Zivilgesellschaften und für Demokratisierungsprozesse in der Region. Allerdings könnte eine derartige Entwicklung die Macht und den Zusammenhalt der Gemeinschaften empfindlich schwächen. An diesem Punkt treten nun neben die erwähnten Allianzen der islamistischen und der säkular orientierten Frauenbewegungen, die weltanschauliche Differenzen teilweise überbrücken, gegensätzliche Interessenlagen und Loyalitätskonflikte.

 

Widersprüche blockieren eine einheitliche Strategie 

Der Widerspruch zwischen identitätspolitischer Orientierung, bei der die Gemeinschaften zum normativen Ausgangspunkt von Rechten und Verpflichtungen gemacht werden, einerseits und zivilgesellschaftlicher Orientierung, die auf der Anerkennung der Freiheitsrechte des Individuums basiert, andererseits, behindert bzw. blockiert eine einheitliche Strategie der Frauenbewegungen. 

Teile der Frauenbewegungen engagieren sich nachdrücklich für die Ausweitung der Rechte der Frauen als Individuen und prangern den “Würgegriff” an, dem die Frauen seitens der Gemeinschaften ausgesetzt seien. Mernissi zufolge sind es gerade die Frauen im Vorderen Orient, “die am lautesten den Individualismus besingen, denn sie waren mehr als die anderen durch das Gruppengesetz gefesselt” (Mernissi 1992, S: 206f.). Andere Frauenrechtlerinnen sind bestrebt, über die Einbindung in verwandtschaftliche und kommunalistische Strukturen, die nicht nur kontrollieren, sondern auch Fürsorge bieten, ihre Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten auszuweiten (vgl. Joseph 2000, S. 18). 

Die unterschiedlichen Strategien spiegeln letztendlich unterschiedliche soziale Zugehörigkeiten und Interessenlagen wider. Ausgangspunkt ist die Frage: Wer bietet in der globalisierten und fragmentierten Risikogesellschaft existenziellen Schutz und Rückhalt? Angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen, in denen die soziale Kohäsion abnimmt und der Staat sich wohlfahrtspolitisch weitgehend verabschiedet hat, leben immer mehr Menschen in prekären sozialen Verhältnissen. Für die wachsende Zahl von Marginalisierten mag die Familie oder ein kommunalistisches Funktionsäquivalent somit eine fortdauernde Überlebensressource darstellen, es sei denn zivilgesellschaftliche Solidaritäten böten eine Alternative zu identitätspolitischen Loyalitäten.

 

Perspektiven der geschlechterpolitischen Dynamik 

Im Hinblick auf die Perspektiven der geschlechterpolitischen Dynamik im Vorderen Orient zeichnen sich widersprüchliche, in sich gegenläufige und sozial unterschiedlich akzentuierte Tendenzen ab. Solange sich die sozialen Polarisierungen weiter vertiefen, dürfte auch die Nachfrage in den ärmeren sozialen Schichten nach Schutz, Absicherung und sozialmoralischer Orientierung durch die familiären und religiösen Gemeinschaften ungebrochen bleiben. Sie bieten mangels Alternativen und angesichts eines repressiven, sozialpolitisch abwesenden Staates für viele Frauen und Männer existenziell notwendige Zufluchtsbastionen, deren Zusammenhalt durch die traditionellen patriarchalischen Verhältnisse aufrechterhalten und den Autonomieansprüchen der Individuen übergeordnet wird.

Parallel dazu bringt der soziale Wandel eine Ausdifferenzierung der Mittelschichten und eine Pluralisierung von Lebensformen mit sich und schafft in den privilegierten Teilen das Potenzial für Individualisierungsschübe und Selbstverwirklichungsambitionen. Damit werden auch für eine Minderheit von Frauen autonomere Gestaltungsspielräume und alternative Rollenkonzepte eröffnet. Wer materiell abgesichert ist, kann am ehesten auf den Rückhalt der familiären oder religiösen Gemeinschaft verzichten, die Sicherheit gewährt, aber Anpassung fordert. Die Forderung vieler Frauenrechtlerinnen nach gleichen Rechten, auch im “privaten” Bereich und im Personenstandsrecht, mag diesen Prozess widerspiegeln. So starteten in Marokko im April 2002 neun unabhängige Frauenorganisationen eine landesweite Kampagne “Frühling der Gleichberechtigung” zur Reform des marokkanischen Familienrechtes. (vgl. Sabra 2002, S. 46). Gefordert werden unter anderem gleiches Recht für Mann und Frau, selbst den Ehevertrag schließen zu können, das Verbot der Polygamie, gleiche Scheidungsprozeduren für Männer und Frauen, gleiches Sorgerecht für die Kinder, gleiches Recht auf Verbleib in der ehelichen Wohnung. 

Perspektivisch dürfte die soziale Ausstrahlungskraft und politische Dynamik der orientalischen Frauenbewegungen allerdings nicht zuletzt davon abhängen, wie weit es ihnen gelingt, die soziale Frage zum Thema zu machen und die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit mit derjenigen nach sozialer Gerechtigkeit zu verknüpfen.

 

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