Zeitschrift 

Islam und 
Globalisierung


 

Heft 2/3/ 2003


Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

  Christentum und Islam
 

Christen in der islamischen Welt und ihre Verwicklung in globale Konflikte

Von Stephen Gerö

 

Prof. Dr. Stephen Gerö ist Direktor des Orientalischen Seminars der Eberhard-Karls- Universität Tübingen. Seit 1980 hat er am Orientalischen Seminar eine Professur für Sprachen und Kulturen des christlichen Orients inne.

 

In der islamischen Welt sind die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen oftmals konfliktträchtig und voller Spannungen. Spektakuläre Terroranschläge bilden nur die Spitze eines Eisberges. Stephen Gerö erörtert in seinem Beitrag die religionsgeografischen und historischen Hintergründe. Die gegenwärtige Situation christlicher Gemeinden und das islamische Verhaltensmuster den christlichen Minderheiten gegenüber ist durch die Eroberung und die Symbiose im historischen Kernland des Vorderen Orients bestimmt. Leider wirken sich diese Relikte aus der Vergangenheit immer noch auf das Zusammenleben von Christen und Muslimen aus. Hinfällig gewordene historische Tatbestände werden von islamistischen Gruppierungen als ideologische Versatzstücke verwendet und bestimmen die vorurteilsbehaftete Sicht sowohl islamischer als auch christlicher Stimmen. 

Red.

 

Orientalische Christen als Zielscheibe des Terrors

Unter den Anschlägen in orientalischen Ländern, die den so genannten Islamisten - Integristen, radikalen Fundamentalisten, oder wie man sie auch nennen will - anzukreiden sind, finden diejenigen, die gegen westliche Einrichtungen, Diplomaten und insbesondere gegen Touristen gerichtet sind, die größte Aufmerksamkeit. Nur ein paar bekannte Beispiele: die Niedermetzelung einer ganzen Touristengruppe im ägyptischen Luxor, das Attentat auf deutsche Touristen auf der Insel Djerba in Tunesien, der Bombenanschlag auf der indonesischen Ferieninsel Bali, bei dem fast zweihundert Menschen starben. Viel weniger Medien- und Publikumsaufmerksamkeit erhalten solche Angriffe, wenn einheimische orientalische Christen die Opfer sind. Um zunächst bei Bali und Indonesien zu bleiben: Laut polizeilichen Ermittlungen habe dieselbe islamistische Gruppe Jemaah Islamiyah, welche für das Attentat auf die ausländischen Touristen im Nachtklub in Kuta auf Bali verantwortlich sei, vor zwei Jahren schon Anschläge auf christliche Kirchen in Indonesien verübt. 1 Wer hat je davon gehört? Andere Fälle, diesmal aus Pakistan: Im Oktober vorletzten Jahres, zur Zeit des Afghanistan- Krieges, wurden in Bahawalpur in der Provinz Punjab sechzehn Menschen bei einem protestantischen Gottesdienst von maskierten Terroristen erschossen. Angeblich riefen die Attentäter nicht nur “Allah akbar”, sondern auch “Tod den Christen - Pakistan und Afghanistan”.2 Im März letzten Jahres fand ein Anschlag in der Hauptstadt Islamabad statt. Wieder war der Tatort eine Kirche, die hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, von Diplomatenfamilien frequentiert wird, Die Bilanz dieses Anschlags belief sich auf fünf Tote und zahlreiche Verletzte. Im Juni fand ein Anschlag auf eine christliche Dorfschule nordöstlich von Islamabad statt; sechs Personen wurden getötet.3 Im August ereignete sich in Taxila, ungefähr vierzig Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt, in der Hauskapelle einer Augenklinik ein ähnlicher Bombenanschlag, wobei mehrere einheimische Krankenschwestern dem Terror zum Opfer fielen.4 Im September ereignete sich ein Überfall in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi auf ein christliches Wohltätigkeitsbüro. Dabei wurden mehrere Menschen erschossen oder besser gesagt, kaltblütig hingerichtet. Auf den Weihnachtstag 2002 datiert ein brutaler Bombenanschlag in einer Dorfkirche nördlich von Lahore, wobei drei Mädchen im Alter von sechs, zehn und 15 Jahren starben. Die Attentäter wurden angeblich von einem islamischen Prediger angezettelt, um Christen zu töten.5 Schon ein paar Jahre zurückliegend fand während der Zeit des Bosnien-Krieges ein (nicht gelungenes) Attentat im Libanon statt. Es handelte sich um einen Sprengstoffanschlag auf einen Reisebus, der von einer Gruppe von friedfertigen Kirchenleuten und Klerikern besetzt war. Die Gruppe befand sich auf dem Weg zu einer ökumenischen Tagung an der Universität Balamand. Die Attentäter wurden von der Polizei aufgespürt, und sie haben anschließend auch ausgesagt. Laut Vernehmungsprotokoll begründen sie ihre Tat mit den im Fernsehen ausgestrahlten Szenen von Massengräbern ermordeter Muslime in Bosnien. Sie wollten sich auf diese Weise “an den Christen” rächen. 6 Also erneut eine monokausale und recht verschwommene Begründung, nicht anders als die der “Allah akbar” rufenden Terroristen im pakistanischen Bahawalpur.

 

Die Situation der christlichen Gemeinden  

Bevor wir uns zu den globalen, kulturellen und historischen Zusammenhängen zuwenden, möchte ich den religionsgeografischen Hintergrund der erwähnten Beispiele kurz veranschaulichen. Die einheimische christliche Minderheit in Pakistan beträgt vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung (obwohl immerhin vier Million Menschen) und rekrutiert sich meistens aus unterprivilegierten gesellschaftlichen Schichten. Es gibt sowohl katholische als auch protestantische Gemeinden, die alle in der neueren Zeit als Ergebnis westlicher missionarischer und karitativer Aktivitäten (die unter Nicht-Muslimen oft beachtliche Erfolge hatten) entstanden. Dasselbe gilt im indonesischen Raum, insbesondere für die Molukken-Inseln und für die ehemalige portugiesische Kolonie Osttimor. Osttimor ist seit kurzem ein unabhängiger Staat mit einer mehrheitlich christlichen Bevölkerung. 

Im Libanon bilden die Christen verschiedener Konfessionen ungefähr die Hälfte der Bevölkerung. Bei dem vorher erwähnten Attentat waren die meisten Kleriker zwar formell kirchenrechtlich gesehen römische  Katholiken, aber sie gehörten einer besonderen, mit Rom vereinten Religionsgmeinschaft, den so genannten Maroniten an. Diese Religionsgemeinschaft existierte bereits vor der kolonialen Zeit und hat eine schon vor der islamischen Periode dokumentierbare kulturelle Identität.7 Der mittelalterliche Anschluss an den römischen Katholizismus war bei diesen Maroniten zum Teil freiwillig, zum Teil aber durch die damaligen “globalen” Konflikte, die Kreuzzüge, maßgeblich beeinflusst.8 Sie waren und sind einheimische orientalische Katholiken, die nichts mit Bosnien und mit den Machenschaften der Serben dort zu tun haben. So gab es auch im Süden Indiens vorislamische christliche Kirchen, die so genannten Thomas-Christen. Die Thomas- Christen wurden zur Zeit der portugiesischen Kolonialisierung einer Art religiöser Gleichschaltung in der Form von Zwangskatholisierung ausgesetzt. Diese Drangsalierung hat bis heute nachhaltige Spuren in der andauernden und zum Teil spannungsreichen Spaltung in mehrere katholische und nicht-katholische Gemeinden hinterlassen.9Übrigens waren die Kontakte der Thomas-Christen mit den Muslimen von Anfang an relativ harmonisch. Jedoch sind in Südindien Muslime und Christen Minderheiten in einer nicht immer tolerantenhinduistischen Gesellschaft. 

Im Fall von Pakistan und sogar von Indonesien könnten die Islamisten (oder ihre Apologeten) sich vielleicht noch dadurch rechtfertigen, dass die christlichen Gemeinden Produkte einer missionarisch-kolonialen Unterwanderung waren und deswegen als spät implantierte Fremdkörper zu betrachten und zu entfernen sind - so die Argumentation bei der Entführung und Ermordung von katholischen Ordensleuten in Algerien vor einigen Jahren. Aber Angriffe gegen einheimische Christen in Ägypten, im Libanon oder in der Türkei könnte man nicht einmal auf diese Weise rechtfertigen. Dies sind Gebiete, in denen das Christentum lange vor dem Erscheinen des Islams fest etabliert war. Den dort noch ansässigen Christen kann das Bleiberecht nicht mit anti-kolonialistischen Parolen billiger Art abgesprochen werden.

 

Wie erklärt sich das islamische Verhaltensmuster? 

Das islamische Verhaltensmuster den christlichen Minderheiten gegenüber ist überall - auch in den grundsätzlich friedlich und allmählich islamisierten Randgebieten wie Indonesien - durch die Eroberungen und die Symbiose im historischen Kernland des Vorderen Orients definiert und bestimmt. Hier werden nur etliche Hauptpunkte dieses tausendjährigen Zusammenlebens kurz skizziert. Eine chronologische Schilderung des wechselhaften Schicksals der verschiedenen christlichen Gruppen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. 10

Durch die großen Eroberungszüge des ersten islamischen Jahrhunderts im 7. und 8. Jahrhundert gerieten ganze christliche Bevölkerungsgruppen unter islamische Fremdherrschaft. Die arabischen Heere unter der Fahne des Islams unterwarfen alle - schon fast völlig christianisierten - orientalischen Provinzen des byzantinischen Reiches, nämlich Syrien, Palästina, Ägypten und Nordafrika, später sogar Spanien im Westen. Auch das persische Reich, in dem eine beträchtliche christliche Minderheit lebte, wurde von den Muslimen in die Knie gezwungen. Viel später wurden die übrigen byzantinisch-orthodoxen Länder in Asien und Europa von den osmanischen Türken für den Islam erobert. 

In etlichen Gebieten (zum Beispiel in Nordafrika) verschwand das Christentum völlig, hauptsächlich durch Assimilation und Auswanderung. 11 Es gab übrigens auch viele Fälle von Vertreibung und Zwangsbekehrung. In den zentralen Ländern des Nahen Ostens schrumpften die christlichen Mehrheiten während der Jahrhunderte islamischer Herrschaft zu Minderheiten, zu zahlenmäßig zwar hier und da noch beträchtlichen, aber in mancher Hinsicht machtlosen, marginalen Gruppen. Die historische Tatsache, die hier betont werden soll, ist das Faktum der militärischen Eroberung als Ausgangspunkt der künftigen permanenten Unterwerfung und der asymmetrischen Koexistenz.12 Die Christen haben die islamische Herrschaft nirgendwo freiwillig gewählt. Die Grundlagen der umfangreichen mittelalterlichen islamischen Gesetzgebung und Kodifizierung - was theoretisch Teil des klassischen und noch gültigen Scharia-Rechts wurde - waren die Kapitulationsverträge mit den arabischen Heerführern. 13 Der resultierende Schutzvertrag hieß dhimma und die Untertanen wurde “Leute des Schutzvertrages”, ahl addhimma( oft schlechthin dhimmi) genannt. Gemeint sind sowohl die Christen als auch die (viel weniger zahlreichen) Juden.

 

Schutzverträge sicherten die physische Sicherheit 

Der erste und maßgebende Aspekt dieses so genannten Schutzvertrags ist das Existenzrecht, die Bürgschaft der physischen Sicherheit. Die Christen mussten unbewaffnet bleiben und brauchten - zum Teil aus Sicherheitsgründen - keinen Militärdienst zu leisten. Also waren die Christen a priori als Sicherheitsrisiko eingestuft? Die bewaffneten Muslime haben jedenfalls die Pflicht und das Recht, sie zu bewachen und zu schützen. Die Bestimmungen waren ziemlich theoretisch und sie wurden oft nicht eingehalten bzw. systematisch verletzt. In diesem Zusammenhang sollte man die berüchtigte osmanische Devschirme, die “Knabenlese” erwähnen. In heutiger Terminologie entspricht dies der Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten; eine Praxis, die kaum mit der klassischen Scharia in Übereinstimmung gebracht werden kann. 

Der unentbehrliche Preis des Überlebens war die Bezahlung eines Tributs, djizya genannt. War dies ein Entgelt für die militärischen Dienstleistungen der Muslime? Dies ist kaum der Fall; realistischer ist wohl die Deutung als ein Zeichen der Ergebenheit und Entwürdigung. Den Christen war es also erlaubt, am Rande der islamischen Gesellschaft zu leben; vorausgesetzt sie zahlten für dieses Privileg pünktlich.  

 

Enge Grenzen des christlichen Daseins 

Die Grenzen dieses Daseins waren aber ziemlich eng gezogen. An erster Stelle sind die viel gepriesene Religionsfreiheit und ihre Einschränkungen zu nennen. Die islamische Eroberung brachte tatsächlich etlichen christlichen Kirchen und Sekten, zum Beispiel den so genannten Monophysiten Ägyptens und Syriens, die vorher seitens der byzantinischen Staatskirche heftig verfolgt wurden, eine gewisse Erleichterung und eine Art offizielle Anerkennung. Die grundsätzliche Toleranz oder besser gesagt Indifferenz wurde durchaus erhalten, aber dies war eine verächtliche Duldung. Für die Muslime waren die Christen, die an ihrer schon im Koran verurteilten Trinitätslehre festhielten, kaum besser als ausgesprochene Polytheisten.

Weiterhin kann man in diesem Kontext von einer unbeschränkten Gewissens- und Meinungsfreiheit in unserem Sinne natürlich nicht sprechen. Irgendeine angebliche Verleumdung des Propheten Mohammed galt als Kapitalverbrechen - und vergessen sollte man nicht, dass die zuständigen Instanzen in solchen Fällen rein islamische Gerichte waren. Es gab auch empfindliche Begrenzungen des christlichen Kultes. Es war verboten, das Kreuz in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen; religiöse Prozessionen und das Glockenläuten waren oft unterbunden. Die Restaurierung älterer Gotteshäuser oder der Bau neuer Kirchen wurden verhindert, Neubauten wurden niedergerissen. 

Im sozialen Bereich hießen die Leitmotive Isolierung und Absonderung. Der fromme Muslim sollte so wenig wie möglich mit den Christen zu tun haben. Manchmal wurde diese Richtlinie mit der religiösen Unreinheit der Christen begründet, gelegentlich mit ihrer geistigen moralischen Unterlegenheit. Der Gedanke der religiösen Unreinheit ist bis heute bei den Schiiten virulent.14 Die auffälligsten Aspekte der gezwungenen Absonderung waren die Kleidervorschriften: Die Christen sollten nicht nur schlechter als die Muslime angezogen sein. Als sichtbare Symbole der Degradierung und Demütigung hoben Sonderzeichen an den Kleidern ihre Andersartigkeit hervor. Die Christen in Ägypten und anderswo versuchten immer wieder - oft mit Erfolg durch die Bestechung von zuständigen Behörden - die Vorschriften außer Kraft zu setzen. Aus der ständigen finanziellen, sozialen und religiösen Unterdrückung gab es stets einen letzten Ausweg, der auch leicht und attraktiv gemacht wurde: Der Christ konnte zum Islam übertreten und folglich an den vollen Privilegien der Muslime teilhaben. Kein Wunder letztendlich, dass die Zahl der Christen im Laufe der Jahrhunderte immer kleiner wurde.

 

Mit einem Gewehr in der Hand bewacht ein pakistanischer Polizist in Lahore einen christlichen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Anschläge auf zwei christliche Kirchen in Lahore. Hinter den Attentaten auf verschiedene christliche Einrichtungen in Pakistan werden Moslemextremisten vermutet.  
 

 

dpa-Fotoreport

Hat sich die Vergangenheit erledigt? 

Aber ist dies nicht alles nu r die “böse Vergangenheit”, wie die Hexenverfolgung und die Inquisition im vormodernen Europa ?Die Äußerlichkeiten des dhimma- Systems sind in allen islamischen Ländern durch die direkten Einwirkungen des Kolonialismus und nicht zuletzt durch den westlichen Einfluss abgeschafft. Besondere Kleidervorschriften und djizya-Steuern gibt es nicht mehr. Die Christen unterliegen in den modernen Nationalstaaten,  sogar in Iran, der Militärpflicht. Christen sind in hohen politischen und militärischen Ämtern zu finden. Der koptische Christ Boutros Boutros-Ghali, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen , hatte jahrzehntelang hohe Positionen im ägyptischen Außenministerium inne und ist jetzt ein angesehener “elder statesman”. Der “chaldäische”, also uniert römisch- katholische Christ Tariq Aziz war prominent als Außenminister und dann als Vize-Premier im innersten Vertrautenkreis des irakischen Diktators Saddam Hussein15. Sogar in Pakistan gibt es einen  christlichen Minister im Kabinett.16 Christengebärden sich unter einer politisch klugen Kirchenführung als loyale und patriotische Mitbürger ihrer jeweiligen Länder, wenn es um zentrale Fragen geht - besonders in der demonstrativen Unterstützung des Freiheitskampfes in Palästina und insbesondere in der damit verbundenen Verurteilung des so genannten “Zionismus”. Dieser “Lackmustest” der Treue in der arabisch-islamischen Welt funktioniert, ohne sich selbst der Gewalt zu verschreiben.

 

Relikte aus der Vergangenheit

Andererseits gibt es Überbleibsel des dhimma-Systems, sowohl in relativ fortschrittlichen als auch in weniger progressiven islamischen Staaten. Das Blasphemie- und Apostasiegesetz gelten und werden zum Beispiel in Pakistan theoretisch mit der Todesstrafe geahndet und auch auffällig oft gegen Christen verwendet. Die gesellschaftliche und soziale Lage von überzeugten Konvertiten vom Islam zum Christentum ist desolat; aber in neuerer Zeit vollstreckte die Obrigkeit mindestens keine Hinrichtungen mehr.17 Die Einführung des Scharia-Rechts im Sudan, in zwei Provinzen von Malaysia sowie in den nördlichen Provinzen Nigerias, zwar angeblich nur für Muslime geltend, kann nur eine negative Wirkung für die dortigen Christen haben. 

Auch die Religionsfreiheit und Religionsausübung ist in manchen islamischen Ländern stark eingeschränkt. Es gibt mehrere islamische Länder, in denen die öffentliche Ausübung der christlichen Religion und a fortiori überhaupt der Bau von Kirchen oder von anderen nicht-islamischen Kultgebäuden streng verboten ist. So ist es nicht nur in Saudi-Arabien, das laut einer Aussage des saudischen Verteidigungsministers ein heiliges Land des Islams ist, welches als eine einzige große Moschee zu betrachten sei .18 Auch auf den Malediven, dem tropischen Taucherparadies mit einer angeblich hundertprozentigen einheimischen Bevölkerung. Es gibt dort unter den schlecht behandelten Gastarbeitern aus Indien, Sri Lanka und Pakistan etliche aktive Christen.19  

Unter den Islamisten, die sich ideologisch zur Sache äußern, gibt es sogar atavistische Stimmen, die eine selektive Wiedereinführung der dhimma-Vorschriften verlangen. Der vor kurzem verstorbene Mustafa Maschur war eine prominente Persönlichkeit in der Bewegung der ägyptischen Muslimbrüder. Er hat öffentlich die Meinung vertreten, dass die Christen die djizya-Steuern entrichten sollten und dass die ägyptischen Christen, die Kopten, wie in guten alten Zeiten vom Militärdienst fernzuhalten sind. Die merkwürdige Begründung, die er lieferte, war, dass die Treue der Christen nicht gewährleistet sei,  falls Ägypten “von einem christlichen Staat” angegriffen würde.20 Zumindest hatte Maschur nicht behauptet, dass die Kopten im Bunde mit den Zionisten seien. Für andere, noch radikalere Aktivisten sind alle Christen schlichtweg Ungläubige und daher noch vor den “Despoten” (damit ist die gegenwärtige ägyptische Regierung gemeint) legitime Ziele des Heiligen Krieges.21 Diese letzte Äußerung war eigentlich nur eine ad hoc-Rechtfertigung für bewaffnete Überfälle auf christliche Kaufleute. Sogar unter den Extremisten in Ägypten oder anderswo findet sich niemand, der das gewaltsame, gezwungene Verschwinden des Christentums, also eine Art “Endlösung”, vertritt. Deswegen ist es eine völlige, obwohl gut verständliche Übertreibung, wenn ein Vertreter der geschundenen pakistanischen Christen pauschal von “einem befürchteten Genozid” spricht, falls die fundamentalistischen Strömungen nicht unter Kontrolle gebracht werden können. Auch die Journalistin Alice Schwarzer schießt weit über das Ziel hinaus, wenn sie plakativ behauptet: “Diese islamistischen Kreuzzügler sind die Faschisten des 21. Jahrhunderts” und noch hinzufügt: “doch sind sie vermutlich gefährlicher als sie (d. h. die Faschisten), weil längst global organisiert.”22  

Religiös motivierte Gewalt hat eine lange Geschichte und viele gegenwärtige Manifestationen. Die tödlichen Ausschreitungen, die kriminellen Handlungen gegen unschuldige und unbeteiligte Christen im Orient sind nicht zu verschweigen oder zu beschönigen. Es scheint offenkundig zu sein, dass diese Anschläge von radikalen Gruppen verübt werden. Diese radikalen islamistischen Gruppierungen bekämpfen alle Aspekte westlicher Präsenz, darunter auch Schulen und Touristen, gewaltsam im Namen des Dschihad. Ein Verständnis von Dschihad wohlgemerkt, das umgedeutet wurde, zur Rhetorik radikaler islamistischer Bewegungen gehört und als Rechtfertigung für Gewaltanwendung missbraucht wird. Diese Untaten sind das Werk von kleinen radikalen Gruppen, die sicherlich nicht den politischen und religiösen Willen der Mehrheit der Muslime im Orient und im Okzident vertreten. 

 

Eine Gruppe pakistanischer Männer in Karachi liest gemeinsam die Bibel. Christen gehören in dem überwiegend moslemischen Land zur Minderheit. 

dpa-Fotoreport

 

Literaturhinweise

Bat Y.: Islam and Dhimmitude. Where Civilizations Collide. Madison/Lancaster 2002 

Baum, W./Winkler, D. W.: Die apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer. Klagenfurt 2000 

Schwarzer, A. (Hrsg.): Die Gotteskrieger und falsche Toleranz. Köln, 2. Aufl. 2002 

Courbage, Y./Fargues, P.: Christians and Jews under Islam. London, New York 1997 

Kallfelz, W.: Nichtmuslimische Untertanen im Islam. Grundlage, Ideologie und Praxis der Politik frühislamischer Herrscher gegenüber ihren nichtmuslimischen Untertanen mit besonderem Blick auf die Dynastie der Abbasiden (749-1248). Wiesbaden 1995 

Billioud, J. M.: Histoire des chrétiens d’Orient. Paris 1995 Kepel, G.: Der Prophet und der Pharao. Das Beispiel Ägypten: Die Entwicklung des muslimischen Extremismus. München/Zürich 1995 

Khoury, A. T.: Christen unterm Halbmond. Religiöse Minderheiten unter der Herrschaft des Islam. Freiburg/ Basel/Wien 1994 

Roberson, R.: The Eastern Christian Churches. A Brief Survey. Rom, 5. Aufl. 1995 Sanasarian, E.: Religious Minorities in Iran. Cambridge 2000 

Valognes, J.-P.: Vie et mort des chrétiens d’Orient. Des origines à nos jours. Mesnil-sur-l’Estrée 1994 

Wetzel, K.: Kirchengeschichte Asiens. Wuppertal und Zürich 1995 

Winkler, D. W./Augustin, K.: Die Ostkirchen. Ein Leitfaden. Graz 1997

 

Anmerkungen

1Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.02 

2 Frankfurter Allgemeine Zeitung., 29.10.01 

3 Süddeutsche Zeitung, 6.08.02 

4 Süddeutsche Zeitung, 10/11.08.02 ; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.02 

5 Reportage der Nachrichtenagentur Associated Press, in der amerikanischen Zeitung Miami Herald, International Edition, 27.12.02 

6 Middle East Council of Churches, News Report, Bd. 13, Nr. 3-4, Autumn 2001, 4ff. 

7 Winter/Augustin 1997, S. 97-98; Roberson 1995, S. 122f. 

8 Vgl. Wetzel 1995, S. 107ff.; Billioud 1995, S. 73ff. sowie Ahmad Hoteit: Influence des croisades sur les diverses communautés religieuses libanaises. In: Die Folgen der Kreuzzüge für die orientalische Religionsgemeinschaft. In: Hallesche Beiträge zur Orientwissenschaft Bd. 22, 1996 

9 Winkler/Augustin 1997, S. 76-77; Baum/Winkler 2000, S. 51ff. 

10 Vgl. Khoury 1997 und Courbage/Fargues 1997 sowie Valognes 1994 

11 Siehe Courbage/Fargues 1997, S. 29ff. 

12 Vgl. die interessante, aber teilweise ziemlich tendenziöse Arbeit von Bat Y. 2002 zum letzten Thema. 

13 Vgl. Albrecht Noth, Abgrenzungsprobleme zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Die “Bedingungen Umars (ash-surut al-Umariyya)” unter einem anderen Aspekt gelesen. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam 9/1987, S. 290-315 

14 Sanasarian 2000, S. 23ff. 

15 Für Fakten und Gerüchte über die schillernde Persönlichkeit Tariq Aziz (né Mikhail Yuhanna) s. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.1.03, 26.4.03, Süddeutsche Zeitung, 26/27.4.03 

16 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.2.02  17 Der Konvertit Ayub Masih wurde im Jahre 1996 wegen Blasphemie verhaftet und später zum Tode verurteilt. Nach mehreren Jahren in der Todeszelle wurde er jedoch am 15.8.02 auf Anweisung des Obersten Gerichts von Pakistan freigelassen. Für Details s. die Internetmitteilung  www.offene-grenzen.de/ayubfrei.html  

18 So lautet die entsprechende jüngste Äußerung des saudischen Verteidigungsministers, Prinz Sultan; s. F.A.Z., 12.3.03 

19 Vgl. U.S. Department of State, 2000 Annual Report on International Religious Freedom: Maldives im Internet unter der Adresse http://www.state.gov/www/global/ human_rights/irf/irf_rpt/irf_maldives.html

20 Associated Press, Nachruf von Maschur, New York Times, 18.11.2002 21 Siehe Kepel 1995, S. 170f., S. 222f. 22 Schwarzer 2002, 9.


 

 


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