Zeitschrift 

Islam und 
Globalisierung


 

Heft 2/3/ 2003


Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

  Die Politikwissenschaft als Geburtshelferin der schulischen politischen Bildung 
 

Arnold Bergstraessers Beitrag zur Etablierung des Unterrichtsfaches Gemeinschaftskunde und Politik Von den Schwierigkeiten, ein neues Fach zu etablieren

 Von Joachim Detjen

 

Prof. Dr. Joachim Detjen lehrt an der Katholischen Universität Eichstätt. Er hat einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft und Politische Bildung inne.

 

“In allen Schulen ist Gemeinschaftskunde ordentliches Lehrfach” (Verfassung des Landes Baden-Württemberg, Artikel 21, Abs. 2). Obwohl das Schulfach Gemeinschaftskunde in der Landesverfassung geregelt ist, hat politische Bildung in unserer Gesellschaft einen kleinen Stellenwert. In den Schulen hat sie vielfach nur eine Randstellung. Die Wertschätzung lässt sich nicht zuletzt an der Stundenzuteilung ablesen. Gemeinschaftskundeunterricht hat die Aufgabe, junge Menschen zu demokratiefähigen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen. Ob dies gelingt, hängt nicht zuletzt von den curricularen Maßgaben und bildungspolitischen Rahmenbedingungen des Faches ab. Der Beitrag von Joachim Detjen zeigt, dass die Etablierung des Faches Gemeinschaftskunde bereits im Jahre 1954 kontrovers diskutiert wurde. Damals schon war die Stundenzuteilung und die inhaltliche Ausrichtung eine Streitfrage. 

Red

 

Arnold Bergstraessers politikwissenschaftliches Selbstverständnis 

Zur Gründergeneration der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland gehört neben Alfred Weber, Carlo Schmid, Siegfried Landshut, Wolfgang Abendroth, Ernst Fraenkel, Carl Joachim Friedrich und Theodor Eschenburg auch Arnold Bergstraesser. Den Gründungsdokumenten der Politikwissenschaft lässt sich entnehmen, dass diese Wissenschaft ausdrücklich mit der Aufgabe betraut wurde, für die politische Bildung im Nachkriegsdeutschland Sorge zu tragen.1Mit wenigen Ausnahmen schenkten die Vertreter der jungen Disziplin der politischen Bildung jedoch nur wenig Aufmerksamkeit. Zu diesen Ausnahmen zählen Arnold Bergstraesser (1896- 1964) und Theodor Eschenburg (1904- 1999)2. Beide hatten sich während der Weimarer Republik bereits für die staatsbürgerliche Erziehung interessiert. Dieses Engagement griffen sie nach ihrer Etablierung als Universitätsprofessoren wieder auf. Da sie beide in Baden-Württemberg wirkten, ergaben sich vielfältige Möglichkeiten der Zusammenarbeit. 

Vor allem Arnold Bergstraesser trat in vielfacher Weise als wirksamer Förderer der politischen Bildung auf.3 Er veröffentlichte nicht nur eine beträchtliche Zahl gehaltvoller Aufsätze zur politischen Bildung. Erwähnt seien nur die Politische Akademie Tutzing, die Politische Akademie Eichholz der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Beirat für Innere Führung der Bundeswehr, die Kommission zur Beratung der Bundesregierung in Fragen der politischen Bildung und die Arbeitsgemeinschaft “Der Bürger im Staat”. Aus letzterer ging später die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hervor. 

Weitgehend vergessen ist, dass Bergstraesser auch aktiv an der Konzeption und Durchsetzung der schulischen politische Bildung beteiligt war. Aufgrund des Bildungsföderalismus beschränkte sich sein Wirkungskreis auf diesem Feld allerdings auf Baden-Württemberg. Zusammen mit Theodor Eschenburg war er derjenige, der das didaktische Profil der ersten Lehrpläne des Unterrichtsfaches Gemeinschaftskunde in diesem Bundesland prägte.4 Die besondere Herausforderung bestand darin, dass dieses Fach damals neu war und seinen Platz im schulischen Fächerkanon erst noch finden musste. Bergstraesser und Eschenburg betraten auch insofern Neuland, als keiner von beiden dieses Schulfach je unterrichtet hatte. Auch gilt, dass beide wohl Politikwissenschaftler waren, aber eine universitäre Ausbildung in Politikwissenschaft selbst nicht erhalten hatten. Die Arbeit an den Lehrplänen erstreckte sich von 1954 bis 1957. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit war, dass sich zwischen beiden Wissenschaftlern ein enges Vertrauensverhältnis herausbildete.5

Im Folgenden soll der Ablauf der damaligen Lehrplanarbeit nachvollzogen werden. Diese Chronologie beschränkt sich aus Platzgründen auf einen Teil der damaligen Bemühungen, nämlich auf die Erarbeitung des Fachlehrplans für die Gymnasien. Dieser Ausschnitt ist aber deswegen besonders interessant, weil der gymnasiale Lehrplan am Anfang der Arbeiten stand und zu seiner Erstellung Hindernisse überwunden werden mussten, die möglicherweise jedem neuen Schulfach im Wege stehen. Außerdem wurden die Lehrpläne der anderen Schulzweige in Anlehnung an die Inhalte des gymnasialen Plans konzipiert. 

 

Einsetzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung

Am 26. Juli 1954, gut zwei Jahre nach Gründung Baden-Württembergs, setzte der damalige Kultusminister dieses Bundeslandes Wilhelm Simpfendörfer einen Ausschuss ein, der Empfehlungen zur Gestaltung des staatsbürgerlichen Unterrichts an den Schulen Baden-Württembergs ausarbeiten sollte. Dieser Ausschuss für Staatsbürgerliche Erziehung war vor dem Hintergrund von Artikel 21 der ein dreiviertel Jahr vorher verabschiedeten Verfassung Baden- Württembergs eingerichtet worden. Denn in Absatz 2 dieses Artikels heißt es explizit: “In allen Schulen ist Gemeinschaftskunde ordentliches Lehrfach.” Der Ausschuss diente also der Implementierung der Verfassungsvorschrift. 

Der Ausschuss bestand ursprünglich aus zehn Mitgliedern. Als Vorsitzender war Theodor Eschenburg bestellt worden, der seit 1953 an der Universität Tübingen den neu errichteten Lehrstuhl für Politikwissenschaft innehatte. Als zweiter Vertreter der universitären Disziplin Politikwissenschaft war Arnold Bergstraesserin den Ausschuss geladen worden. Drittes prominentes Mitglied war der Schulleiter des Kepler- Gymnasiums in Ulm, Oberstudiendirektor Dr. Felix Messerschmid.6 Die übrigen Mitglieder waren zum größten Teil Gymnasiallehrer (Dr. Julius Amann, Gerhart Binder, Dr. Wolfgang Lohan, Dr. Erich Weis). Vertreten waren aber auch das Berufsschulwesen (Handelsschuldirektor Dolland), die Volks- und Mittelschulen (Schulrat Otto Seitzer) sowie - einige Zeit später - die politische Erwachsenenbildung (Dr. Marianne Grewe). Schließlich gehörte noch ein Repräsentant der Pädagogischen Akademien, der heutigen Pädagogischen Hochschulen, dem Ausschuss an (Dr. Walther Kamm).

Der Ausschuss für Staatsbürgerliche Erziehung benötigte vier Sitzungen, um einen Lehrplanvorschlag für die Gymnasien zu erstellen. Nach der dritten Sitzung im März 1955 kam es zu erheblichen Konflikten mit dem Ministerium. Dies erklärt, dass es erst erhebliche Zeit später, nämlich im April 1956, zur vierten und letzten Sitzung kam. Der Ausschuss arbeitete im Anschluss an die vierte Sitzung noch weiter. Er befasste sich dabei unter anderem mit Lehrplänen für die anderen Schultypen. 

 

Drei grundsätzliche Fragen

Theodor Eschenburg führte in der ersten Sitzung aus, dass der Ausschuss zunächst drei Probleme klären müsse. Erstens müsse er sich darüber klar werden, ob die Staatsbürgerkunde als Unterrichtsfach oder als Unterrichtsprinzip oder sowohl als Unterrichtsfach als auch als Unterrichtsprinzip gelehrt werden solle. Zweitens müsse geklärt werden, was Inhalt des Unterrichtsfaches sein solle und wie es sich gegenüber den anderen Unterrichtsfächern abgrenze. Drittens müsse festgelegt werden, in welchen Klassen der einzelnen Schultypen der Unterricht erfolgen solle und welcher Stundenansatz jeweils zu veranschlagen sei. 

Eschenburg unterstellte bei der Nennung des zweiten und dritten Problems, dass alle Beteiligten für ein eigenständiges Unterrichtsfach optieren würden. Er behielt damit auch Recht. Wie sich später zeigen sollte, löste der Ausschuss mit dieser Option aber schon einen Konflikt mit dem Ministerium aus. Die mit Abstand meisten Konflikte verursachte aber das aus der Option folgende organisatorische Problem der Ausstattung des neuen Faches mit Unterrichtsstunden. Hingegen kam es über die Inhalte, also über die Substanz des Faches, zu keinen Reibereien mit dem Ministerium. Der Sachkunde des Ausschusses, repräsentiert vor allem von den beiden Ordinarien für Politikwissenschaft, hatte das Ministerium vermutlich nichts entgegenzusetzen. 

In der ersten Sitzung kam man überein, die Inhalte des Faches getrennt nach den Schulformen Volksschule und Höhere Schule zu behandeln. Die Pläne für die Mittel- sowie die Fach- und Berufsschulen sollten “in verfeinerter und erweiterter Form” auf den Inhalten der Volksschule, der heutigen Hauptschule, basieren. Die “Höhere Schule”, also das Gymnasium, sollte ein eigenes Curriculum erhalten, allerdings mit inhaltlichen Parallelen zu den Vorgaben für die Volksschule. 

Für die Volksschule fasste man auf der ersten Sitzung die folgenden Gegenstände ins Auge: 1. Elementarsoziologie, genauer: Elementarformen der gesellschaftlichen Einrichtungen und des gesellschaftlichen Verhaltens, 2. Grundfragen der Rechts- und Wirtschaftsordnung, 3. Institutionenlehre, 4. Zeitgeschichte. Bergstraesser fügte in das ihm zugesandte Protokoll als Ausdruck eines von ihm gesehenen Desiderats handschriftlich einen fünften Punkt, nämlich Gegenwartskunde, ein. 

Der Ausschuss sah für die Mittelstufe (heute: Sekundarstufe I) der Höheren Schule weitgehend dasselbe Programm vor wie für die Volksschule. Nur statt der Zeitgeschichte sollte Ideenlehre vermittelt werden. Bergstraesser nahm deutliche Korrekturen dieser Vorstellungen in seinen handschriftlichen Kommentierungen des Protokolls vor. So wollte er Begriff und Inhalt der “Elementarsoziologie” ersetzt wissen durch “Grundverhältnisse und Grundbegriffe der Gesellschaftstypen”. Zur Erläuterung setzte er noch hinzu: “Arbeitsordnung und mitmenschliche Beziehungen (soziale Gefüge)”. Das Thema “Rechts- und Wirtschaftsordnung” wollte er auswechseln gegen Grundverhältnisse des öffentlichen Lebens (innere Politik). An die Stelle der Institutionenlehre sollte der Vergleich des Staatsaufbaues der Bundesrepublik und der DDR treten. 

Für die Oberstufe (heute: Sekundarstufe II) der Höheren Schule sah der Ausschuss in seiner ersten Sitzung fünf Themen vor, nämlich “1. Grundgesetz (Organisation der Willensbildung, Regierungs- und Verwaltungsorganisation sowie Rechtsprechung), 2. Grundrechte, 3. moderne Herrschaftsformen, 4. vergleichende Gesellschaftsordnung und 5. aktuelle weltpolitische Situation.” Auch hier brachte Bergstraesser eine Menge Korrekturen an, die aber weniger die Sache als vielmehr die Terminologie betrafen. 

In der konstituierenden Sitzung sprach der Ausschuss bereits das Problem der Stundenzuteilung an. Er war sich einig darin, dass in der Höheren Schule zwei Stunden Gemeinschaftskunde im letzten Schuljahr der Mittelstufe (10. Klasse) benötigt wurden. Ebenfalls zwei Stunden sollten dem Fach in der Oberstufe vorbehalten sein.7  

 

Wie viele Stunden erhält das neue Fach?

Auf der zweiten Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung Ende Januar 1955 verlas zunächst Felix Messerschmid das wenige Tage alte Gutachten des Deutschen Ausschusses für Erziehungs- und Bildungswesen zur “Politischen Bildung und Erziehung” vom 22. Januar 1955. Sofern die Mitglieder es nicht schon aus ihrer beruflichen Tätigkeit wussten, erfuhren sie jetzt, dass politische Bildung auf dreifache Weise stattfindet: Zum einen als Unterrichtsprinzip in fast allen Schulfächern, zum anderen in den vielfältigen Formen des Schullebens und schließlich als Gegenstand eines eigens dafür vorgesehenen Unterrichts. Insbesondere konnten die Ausschussmitglieder dem Gutachten eine Beschreibung ihrer eigenen Situation entnehmen, enthielt es doch die folgenden Sätze: 

“Politische Bildung als Gegenstand eines besonderen Fachunterrichts hat bisher noch keine sichere Umgrenzung ihrer Aufgaben, Methoden und Inhalte gefunden. Das zeigt sich schon in der Unsicherheit der Namensgebung: Staatsbürgerkunde, Bürgerkunde, Sozialkunde, Gesellschaftskunde, Gemeinschaftskunde, Gegenwartskunde oder auch einfach politischer Unterricht. Die Notwendigkeit einer ausdrücklichen Lehre innerhalb der politischen Bildung und Erziehung ist heute unbestritten. Ihre Wirkung ist aber bedroht durch die Überfülle des angebotenen Stoffes, die zu einem neuen grenzenlosen Enzyklopädismus verleitet.”8  

Die Ausschussmitglieder mussten die zuletzt ausgesprochene Warnung vor enzyklopädischer Fülle gehört haben. Es ist allerdings die Frage, ob sie ihr im Verlauf der weiteren Arbeiten die erforderliche Beachtung schenkten. Denn ihr Lehrplanentwurf war überladen mit Inhalten. 

Auf der Sitzung wurden dann einzelne Mitglieder gebeten, Gutachten oder Vorschläge zu den diversen Themenfeldern zu erarbeiten. Auf der Mittelstufe sollten vier, auf der Oberstufe sechs Themenfelder behandelt werden. Bergstraesser meldete sich für drei Themenfelder9 und zeigte damit von allen Ausschussmitgliedern den größten Eifer. Eschenburg übernahm die Ausarbeitung von zwei Themenfeldern. 10 Im späteren Lehrplanentwurf tauchten die Themenfelder als “Lehrplanabschnitte” auf. 

Weiterhin wurde der Vorsitzende gebeten, den Kultusminister umgehend über die vom Ausschuss vorgeschlagene Zahl der Unterrichtsstunden in Kenntnis zu setzen, um zu erfahren, ob der Ausschuss in seiner weiteren Arbeit mit dieser Stundenzahl rechnen könne. Der Vorsitzende sollte beim Minister auch erwirken, dass dieser alle Maßnahmen bezüglich des staatsbürgerlichen Unterrichts zurückstelle, bis die Vorschläge des Ausschusses vorlägen. Schließlich regte Eschenburg eine Tagung nach Fertigstellung der Lehrpläne an, auf der alle mit dem Politikunterricht in Leitfunktion befassten Personen zusammenkommen sollten. Damit meinte Eschenburg die Mitglieder des Ausschusses, die Dozenten für Sozialkunde an den Pädagogischen Akademien und Seminaren, die Dezernenten für Sozialkunde der Oberschulämter und die einschlägigen Abteilungsleiter des Kultusministeriums. Auf der Tagung sollte Arnold Bergstraesser anhand der Lehrpläne über Grundbegriffe und Methoden des politischen Unterrichts referieren. Es ist nicht übertrieben, in diesem Vorschlag den Beweis für die dominante Stellung  im Ausschuss zu sehen.11  

Theodor Eschenburg suchte im Anschluss an die zweite Sitzung das Gespräch mit dem Kultusminister, um die entscheidende Frage der Stundenzuteilung zu klären. Am 25. Februar 1955 fand im Ministerium in Anwesenheit des Ministers und der Abteilungsleiter das Gespräch statt, das, wie es in der von Eschenburg angefertigten und den Ausschussmitgliedern zugesandten Aktenotiz heißt, “im Wesentlichen der gegenseitigen Information dienen” sollte. Die vom Ausschuss geforderten vier Stunden für die Höhere Schule - zwei Stunden in der 10. und zwei Stunden in der 12. Jahrgangsstufe - fanden dabei keine Zustimmung im Ministerium. Ein Ministerialrat bot für die 10., 11. und 12. Jahrgangsstufe je eine Stunde und für die 13. Jahrgangsstufe eine (für Schüler freiwillige) Arbeitsgemeinschaft an. Ein anderes Mitglied des Ministeriums (Ministerialrat Kieffer) hielt selbst dieses Angebot für nicht realisierbar, weil andere Fächer dadurch eine Kürzung ihrer Stundendeputate hinnehmen müssten. Der Minister teilte mit, die Frage der Stundenzuteilung nochmals mit den Abteilungsleitern erörtern zu wollen. Eschenburgs Aktennotiz schließt mit den Worten: “Die Bedeutung des politischen Unterrichts an den Schulen wurde weitgehend allgemein anerkannt. Die große Schwierigkeit besteht in der Kürzung der Lehrstunden anderer Fächer zugunsten dieses Unterrichtsfaches.”12  

 

Fortsetzung des Streites um die Stundenzuteilung

Die dritte Sitzung des Ausschusses im März 1955 befasste sich ausführlich mit dem Problem der Stundenzuteilung. Anwesend war Ministerialrat Kieffer, um die Position des Kultusministeriums bezüglich der Stundenproblematik darzulegen. Sicherlich mit Rückendeckung des Ministers führte er aus, dass die anderen Fächer bereits auf das äußerste Minimum beschränkt seien und die Gesamtstundenzahl auf keinen Fall erhöht werden dürfe. Für den politischen Unterricht seien insgesamt zwei Stunden vorgesehen, und zwar je eine Stunde in der 10. und in der 12. Jahrgangsstufe. Mehr sei aus den genannten Gründen nicht möglich. Im Sitzungsprotokoll heißt es an dieser Stelle: “Übereinstimmend weisen die Ausschussmitglieder darauf hin, dass bei dieser vom Ministerium vorgesehenen Stundenzahl ein seriöser politischer Unterricht selbst mit einem bescheidenen Programm nicht durchgeführt werden kann, sondern dass er Spielerei bleiben muss. Dann wäre es zweckmäßiger, auf diesen Unterricht überhaupt zu verzichten.” 

Einige Sätze weiter unterstreicht das Protokoll die Bedeutung der politischen Bildung und betont deren Gleichwertigkeit mit anderen Fächern: “Die Realisierung der soziologischen13 Gegebenheiten im Bewusstsein des Schülers ist heute ebenso wichtig wie Schreiben, Rechnen und Lesen. Schon in der Weimarer Republik blieb der politische Unterricht u.a. wegen der zu knapp bemessenen Unterrichtszeit erfolglos. Wenn Herr Kieffer darlegt, dass die anderen Unterrichtsfächer bei einer weiteren Herabsetzung der Stundenzahl erheblich leiden würden, so gilt dieses auch für die gegenüber dem Ausschussvorschlag getroffene Herabsetzung beim politischen Unterricht. Es muss also der Minister über den Wert des politischen Unterrichts im Verhältnis zum Wert der übrigen Unterrichtsfächer entscheiden.” Das Protokoll schließt mit der Bemerkung, dass Ministerialrat Kieffer das Ergebnis der Erörterungen dem Kultusminister vortragen wolle. 

Ein zweiter Tagesordnungspunkt hatte die Bezeichnung des Unterrichtsfaches zum Gegenstand. Wie die Ausschussmitglieder dem Gutachten des Deutschen Ausschusses für Erziehungs- und Bildungswesen zur “Politischen Bildung und Erziehung” entnehmen konnten, herrschte damals noch allgemeine Unklarheit über die angemessene Benennung des neu eingeführten Schulfaches. Das galt auch für Baden- Württemberg: Die Verfassung sprach zwar von Gemeinschaftskunde, der Ausschuss sollte aber für Staatsbürgerliche Erziehung zuständig sein. 

Der Ausschuss einigte sich auf den Namen Gemeinschaftskunde und Politik für die Volksschule und die Mittelstufe der Höheren Schule. Der vordere Namensteil entsprach damit der Verfassungsvorgabe. Der hintere Namensteil verdankt sich den Beratungen im Ausschuss. Der Ausschuss entschied sich sogar dafür, das Fach in der Oberstufe der Höheren Schule, in den Pädagogischen Akademien und an den Universitäten nur Politik zu nennen. Bergstraesser rechtfertigte in der Sitzung die Entscheidung für die auf den ersten Blick zu unbestimmte Bezeichnung Politik mit dem Argument, dass wie im Falle der Geschichte die Sache selbst als auch die Lehre, d.h. der Unterricht, über die Sache gemeint sei. Man kann hieraus wohl schließen, dass die Entscheidung für die Bezeichnung Politik wesentlich auf Bergstraessers Anregung zurückgeht. 

Bergstraesser hatte die von ihm im Januar 1955 zugesagte Ausarbeitung von drei Themenfeldern fertiggestellt und dem Ausschuss vorgelegt. Seine Ausarbeitung bezog sich auf grundsätzliche gesellschaftliche sowie politische Sachverhalte. So hatte er für die Mittelstufe der Höheren Schule je einen Entwurf über “Grundbegriffe und Grundverhältnisse der Gesellschaft” und “Grundbegriffe und Grundverhältnisse der Ordnung des öffentlichen Lebens und der Politik” erstellt. Für die Oberstufe hatte er einen Vorschlag zum Thema “Typen der Gesellschaftsordnung (Arbeitsordnung und mitmenschliche Beziehungen)” ausgearbeitet. Bei der Arbeit an diesen Entwürfen muss Bergstraesser bewusst geworden sein, welch hohes Maß an soziologischen Fachkenntnissen er bei den Lehrern voraussetzte, die die vorgeschlagenen Inhalte später zu vermitteln hatten. Vermutlich deshalb hielt er die Herausgabe eines Lehrbuches der Soziologie für Lehrer für “dringend erforderlich”. 14  

 

Zuspitzung und Lösung des Streites um das neue Schulfach

Die ursprünglich für Ende April 1955 angesetzte nächste Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung konnte nicht stattfinden, weil Kultusminister Simpfendörfer bis dahin keine Entscheidung über die geforderten Stunden für Gemeinschaftskunde und Politik getroffen hatte.15 Aber nicht allein deshalb verzögerte sich der Termin für die nächste Sitzung. Vielmehr gab es im Sommer und Herbst 1955 eine Reihe von Gesprächen und Briefwechseln zwischen dem Ministerium und dem Ausschuss, in denen hart um die Sache gerungen wurde. An diesen Gesprächen und Schreiben war Bergstraesser neben Eschenburg maßgeblich beteiligt. Erst um den Jahreswechsel beruhigte sich der Konflikt. Die vierte und in Angelegenheiten der Gemeinschaftskunde an Höheren Schulen letzte Sitzung des Ausschusses kam dann Ende April 1956 zustande. Sie bereitete das Ende des Streites um die Stundenausstattung von Gemeinschaftskunde und Politik vor. 

In einem als Information gedachten Schreiben an die Mitglieder des Ausschusses vom 15. Oktober 1955 zeichnete Eschenburg die Entwicklung seit der dritten Ausschusssitzung nach.116Hiernach wurde Eschenburg in seiner Eigenschaft als Ausschussvorsitzender zu einer Besprechung am 20. Mai 1955 im Ministerium mit den Referenten für die Höheren Schulen bei den Oberschulämtern und den Vorsitzenden der Lehrplanausschüsse über die Stundentafel und die Lehrpläne geladen. Unter welchen Spannungen diese Sitzung verlaufen sein muss, kann man Eschenburgs nachträglicher Schilderung entnehmen. Er schrieb: 

“Die Sitzung am 20. Mai wurde vom Kultusminister persönlich geleitet. Als zweiter Punkt der Tagesordnung kam unsere Angelegenheit zur Behandlung. Ministerialrat Kieffer wünschte, dass ich meinerseits zunächst die Tagungsteilnehmer unterrichtete. Diese dem Ministerium zukommende Aufgabe zu übernehmen, lehnte ich ab. Da aber Ministerialrat Kieffer sich darauf beschränkte, Abschnitt 2 des Protokolls vom 10. März ohne jeden Kommentar zu verlesen, erhielten die Teilnehmer der Sitzung den Eindruck, dass es sich bei der Einführung des politischen Unterrichts nicht um einen Plan des Ministeriums, sondern lediglich um einen Vorschlag des Ausschusses handelte, von dessen Existenz die meisten überhaupt nichts wussten, wie sich in der Debatte herausstellte. Folglich blieb mir nichts anderes übrig, als selbst zu referieren. Der Minister äußerte sich zurückhaltend. 

Die Diskussion bestätigte den Eindruck, dass die Teilnehmer dieser Sitzung über den dem Ausschuss erteilten Auftrag und über die mit Ministerialrat Kieffer geführten Verhandlungen nicht unterrichtet und abgesehen von anderen Überlegungen schon wegen dieser Überraschung gegen den Ausschussplan eingestellt waren. Die sachlichen Einwendungen des zum größten Teil aus Lehrern zusammengesetzten Teilnehmerkreises richteten sich gegen die Neueinführung des Faches Gemeinschaftskunde und Politik bei gleichzeitiger Kürzung des Stundenplanes. Ein erheblicher Teil der Anwesenden wandte sich überhaupt gegen die Einführung eines politischen Unterrichtsfaches und war der Auffassung, das Unterrichtsprinzip genüge zur Erreichung des erstrebten Zweckes. Die in der Sitzung verteilte Stundentafel, die auch im Lehrplanentwurf veröffentlicht ist, enthielt je eine Stunde für den politischen Unterricht in der Mittel- und Oberstufe.17 (...) Der größte Teil der Anwesenden lehnte den Ausschussplan ab. Der Minister brach die Diskussion nach etwa einer Stunde ab und kündigte an, dass er den Lehrplan drucken und der Öffentlichkeit übergeben werde, und zwar zunächst mit der vorgelegten Stundentafel. Es sollte in der Öffentlichkeit auch die Frage des politischen Unterrichts und der dafür vorzusehenden Stundenzahl diskutiert werden, eine endgültige Entscheidung wolle er sich vorbehalten. Ich habe in der Sitzung den Minister selbst noch gefragt, wie der Ausschuss weiterarbeiten solle, nachdem eine Lehrplanaufstellung auf Grund von je einer Wochenstunde in je zwei Klassen aus wissenschaftlichen und pädagogischen Gründen nicht vertretbar sei. Auf die Erwiderung des Ministers, der Ausschuss solle sich zunächst mit dem Unterrichtsprinzip befassen, teilte ich mit, dass der Ausschuss in mehreren Sitzungen einmütig zu dem Ergebnis gekommen war, das Unterrichtsprinzip allein reiche nicht aus; ferner betonte ich, dass die Beschränkung auf das Unterrichtsprinzip allein der Verfassungsvorschrift widerspreche.” 

 

Das Fach wird als überflüssig erklärt

Von Eschenburg gibt es über diese Sitzung zwei retrospektiv angefertigte Berichte, die den Ablauf jeweils etwas anders nachzeichnen. In einem 1985 gehaltenen Vortrag über die Anfänge der Politikwissenschaft und die Etablierung des Schulfaches Politik in Deutschland seit 1945 liest sich die Sache so: 

Der Kultusminister “lud eine Reihe von Oberstudiendirektoren, nach meiner Erinnerung sechs bis acht, Philologen, Historiker und Naturwissenschaftler, zu einer Beratung ein. Das Thema, nämlich die Zahl der Wochenstunden, war ihnen schriftlich bekannt gegeben worden. Die Oberstudiendirektoren ließen sich auf diese Frage überhaupt nicht ein, sondern erklärten nahezu übereinstimmend, dass dieses Fach nicht nur überflüssig, sondern schädlich wäre. Politische Bildungsarbeit der Schule würde in den einzelnen Fächern Altphilologie, Neuphilologie, Deutsch, Geschichte, Geographie, ja sogar in Mathematik (Wahlrecht) geleistet. Ich hatte davon in meiner Schulzeit überhaupt nichts bemerkt. In der Oberprima hatten wir Kapitel aus Aristoteles’ Politik gelesen und dabei viel und gründlich Grammatik und Syntax gelernt. Aber auch von einem Oberstudiendirektor in Tübingen, der mein Nachbar war und es wissen musste, hatte ich erfahren, dass in politischer Bildung nichts geschehe. Die Oberstudiendirektoren beriefen sich auf ‚das Politische als Unterrichtsprinzip’ sowie auf die Schülerselbstverwaltung und auf ‚Partnerschaftliches Verhalten’ als Vorübung zur Demokratie. Ich hielt dem entgegen: Das vermöge vielleicht den regelrechten Fachunterricht zu ergänzen, aber keinesfalls zu ersetzen. Der eigentliche Sinn des Kampfes wurde schnell deutlich. Simpfendörfer hatte erklärt, dass eine Erhöhung der Stundenzahl auf keinen Fall erfolgen dürfe, es mussten also Wochenstunden für Politik von anderen Fächern abgegeben werden. Dazu war nicht ein einziger Oberstudiendirektor bereit. Auch die Lehrerverbände hatten interveniert, hier lernte ich außerwirtschaftlichen Lobbyismus kennen.”18  

In seinen 2000 veröffentlichen Erinnerungen schildert Eschenburg die Sitzung wie folgt: “Als ich das Konzept dem Minister vorlegte, fragte Simpfendörfer, ein etwas ängstlicher Mann: ‚Was wollen Sie denn mit der Stundenzahl?’ Ich entgegnete: ‚Aber, Herr Minister, wie sollen wir sonst einen Lehrplan machen? Stellen Sie sich vor, ich sei Schneider und Sie wollten einen Anzug von mir, und ich fragte Sie nach den Maßen. Da können Sie doch auch nicht sagen: ‚Die sind mir gleichgültig! Machen Sie mir nur einen Anzug.’ So geht das nicht.’ Darauf lud er mich zu einer Sitzung im Ministerium ein, mit vielen Referenten, dem Vorsitzenden des Lehrerverbandes, den Vereinigungen von Geographen, Historikern, Alt- und Neuphilologen und so fort. Und gleich ging der Krach los. Der vom Altphilogenverband sagte: ‚Was brauchen wir politischen Unterricht? Das machen wir seit Jahren mit Platon und Herodot. Was anderes brauchen wir nicht!’ Dann müsse sich das aber inzwischen sehr geändert haben, erwiderte ich, auch wir hätten in der Oberprima Platons ‚Staat’ gelesen, aber unser Lehrer habe nicht ein Wort über Politik verloren, davon verstand er nämlich nichts: das einzige, was wir davon gehabt hätten, sei eine Verbesserung unserer Griechischkenntnisse gewesen. ‚Ja, ja’, entgegnete der Altphilologe, ‚das ist jetzt alles ganz anders.’ Der Neuphilologe meinte: ‚Was soll denn das? Politik in der Schule? Das wäre ja noch schöner!’ Simpfendörfer saß stumm dabei. Ich war ein wenig aufgebracht: ‚Meine Herren, ich kann Ihnen heute noch genau sagen, wo Glasgow liegt. Was aber der englische Parlamentarismus ist, das hat mir auf der Schule kein Mensch sagen können!’ So ging das weiter, bis dem Minister die Sache ungemütlich wurde und er vorschlug, wir sollten das alles untereinander regeln. Ich widersprach: ‚Herr Minister, Sie müssen entscheiden. Ob die Sache überhaupt stattfindet und wie viel Stunden zur Verfügung stehen.’ Als Simpfendörfer sich weiter wand, stand ich auf und sagte kurz: ‚Sie erlauben, dass ich mich entferne. Ohne Maße kein Anzug!’ Mir war klar, der Minister hatte Angst vor diesen Interessenvertretern. Und es war ja auch eine Demonstration der Macht der Verbände im kleinen, die wir erlebten. Bergstraesser war untröstlich: ‚Herr Eschenburg, das können Sie doch nicht machen. Sie haben die Tür zugeschlagen. Jetzt war unsere Arbeit umsonst.’ ‚Nein’, antwortete ich, ‚wir müssen den Minister unter Druck setzen.’ Ich behielt Recht. Zwar gab es mit den Schulreferenten massive Auseinandersetzungen und Briefwechsel. Vor allem aber gab es endlose Sitzungen. (…) Am Ende siegten wir: je zwei Stunden in Obersekunda, Unterprima und Oberprima - ohne Kürzung des Geschichtsunterrichts.”19  

Eschenburg informierte in seinem Schreiben die Ausschussmitglieder weiterhin darüber, dass er einige Tage später dem Minister “in einem ausführlichen freimütigen Schreiben” seine Eindrücke über die erwähnte Sitzung dargestellt und seine Frage nach der Fortführung der Ausschussarbeit wiederholt habe.

Kultusminister Simpfendörfer antwortete in einem umfangreichen Schreiben vom 13. Juni 1955 auf den von Eschenburg erwähnten “freimütigen” Brief. Dieses Schreiben brachte die unterschiedlichen Vorstellungen von Ausschuss und Ministerium in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. Simpfendörfer wies zunächst den Vorwurf Eschenburgs zurück, er habe seine Auffassung über die Bedeutung der politischen Erziehung geändert und wolle angesichts der Vorbehalte den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Er betonte, dass die Notwendigkeit einer politischen Erziehung allgemein bejaht werde, dass aber über Art, Ausmaß und Methode noch große Unklarheit herrsche. Übereinstimmung herrsche jedoch darüber, dass politische Bildung und Erziehung als Unterrichtsprinzip notwendig sei. Man sei sich auch darüber einig, “dass die Gestaltung der Schulgemeinschaft als elementare demokratische Lebensform eine unerlässliche Voraussetzung für eine wirksame politische Bildung” sei. Nur “über die Frage, ob und inwieweit politische Bildung als Unterrichtsfach eingeführt werden” solle, gingen “die Ansichten sehr weit auseinander”. Hier fehle “jede Einheitlichkeit der Auffassung und der Praxis.” 

Angesichts dieser Lage, so Simpfendörfer weiter, habe er den Ausschuss für Staatsbürgerliche Erziehung eingesetzt. Dieser habe “grundsätzlich klären” sollen, in welchen Formen politische Bildung und Erziehung “überhaupt” gestaltet werden könne. Er habe auf diese Weise erreichen wollen, “dass in unserem Raum die politische Erziehung in vorbildlicher Weise auf einer gesicherten und breiten Grundlage aufgebaut werden könnte.” Mit der Erarbeitung von Lehrplänen hätte erst nach Beendigung der Ausschusstätigkeit begonnen werden sollen. “Was ich von Ihnen zunächst erhoffte, war eine Gesamtkonzeption, wie sie etwa in dem Gutachten des Deutschen Ausschusses sichtbar wird, nur klarer, konkreter und verpflichtender.” 

In kaum misszuverstehender Deutlichkeit setzte der Minister seine Kritik an der Arbeit des Ausschusses fort: “Wie sind nun die Dinge gelaufen? (...) Soviel ich sehe, sind keine Vorschläge über die Verwirklichung der politischen Bildung als Unterrichtsprinzip und über die Gestaltung der Schulgemeinschaft ausgearbeitet worden. Was ich bis jetzt kennen gelernt habe, ist lediglich die Forderung, dass grundsätzlich politische Bildung als Unterrichtsfach eingeführt werden müsse und dass man dafür eine bestimmte Anzahl von Stunden nötig habe. Schließlich blieb nur noch übrig die Diskussion um die Zahl der Wochenstunden. Ich soll nun eine bestimmte Anzahl von Wochenstunden dekretieren, ohne dass der Gesamtaufriss der politischen Erziehung und Bildung sichtbar wird. Sie sollten verstehen, dass der Kultusminister sich das nicht leisten kann. Ich muss Ihnen offen gestehen, dass ich über diese Entwicklung der Dinge enttäuscht bin. Dazu kommt, dass der Widerstand gegen die politische Erziehung in der Schule stärker ist, als ich mir vorgestellt hatte, und dass nach den gemachten Erfahrungen und Beobachtungen die Zahl der Lehrer, die nicht fähig und nicht bereit sind, einen staatsbürgerlichen Unterricht zu geben, noch außerordentlich groß ist. Bei dieser Sachlage wäre es sinnlos, die Zahl der Wochenstunden des politischen Unterrichts in einen Raum hineinzudekretieren, der entweder leer oder noch voll von Widerständen ist.” 

Der Minister forderte den Ausschuss auf, seine Arbeit in der im Schreiben präzisierten Richtung fortzusetzen und im Herbst 1955 zu beenden. Er ergänzte, dass er den Gesamtlehrplan für die Gymnasien Baden- Württembergs demnächst zu veröffentlichen gedenke. Über die Gemeinschaftskunde wolle er die Bemerkung anfügen, dass der Fachlehrplan noch nicht vorliege. Im Gesamtlehrplan werde bezüglich der Gemeinschaftskunde ein Diskussionsvorschlag unterbreitet, “der dahin geht, die Abiturienten in den Wochen zwischen der Reifeprüfung und Schulentlassung zu staatsbürgerlichen Kursen zusammenzufassen und diese Kurse möglichst in Form von Schullandheimaufenthalten durchzuführen. Man könnte diese Kurse obligatorisch machen und damit zugleich die Frage lösen, wie der Zeitraum zwischen Reifeprüfung und Schulentlassung in befriedigender Weise ausgefüllt werden kann.”20  

Man kann wohl davon ausgehen, dass Kultusminister Simpfendörfer den erwähnten Diskussionsvorschlag als ein Entgegenkommen betrachtete. Die vermutlich geplante Besänftigung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung gelang jedoch nicht. Ein Grund hierfür mag gewesen sein, dass die in dem Schreiben angedeutete Obligatorik der Schullandheimaufenthalte im veröffentlichen Gesamtlehrplan fehlte.21 Wichtiger wird aber wohl gewesen sein, dass der Gesamtlehrplan wie angedroht nur insgesamt zwei Stunden Gemeinschaftskunde während der gesamten gymnasialen Schulzeit vorsah. Eschenburg und Bergstraesser müssen vermutlich als Reaktion auf das Vorgehen des Kultusministeriums im Sommer 1955 den Plan gefasst haben, mit einer eigenen Denkschrift an die Bildungsöffentlichkeit zu treten.22  

In einem Schreiben vom 15. Oktober 1955 informierte Eschenburg die übrigen Ausschussmitglieder über den Plan. Er schrieb, dass er sich in der Zwischenzeit mit Bergstraesser und Messerschmid beraten habe. Ergebnis dieser Beratung sei die Übereinkunft gewesen, “einen eigenen Entwurf des Ausschusses zur öffentlichen Diskussion zu stellen.” Diesen Entwurf einer Denkschrift habe er zusammen mit Arnold Bergstraesser ausgearbeitet. 

 

Ein eigener Entwurf des Ausschusses

Der Entwurf stelle “gleichsam einen Bericht des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung als Ergänzung zum Lehrplanentwurf des Kultusministers” dar. Eschenburg bat darum, den beigefügten 18 Seiten umfassenden Entwurf zu lesen und ihm bis Ende Oktober 1955 Änderungs- und Ergänzungswünsche mitzuteilen. Danach wolle er den Entwurf all denjenigen Stellen zuschicken, die auch den Lehrplan des Kultusministeriums erhalten hätten. 

Der von Eschenburg und Bergstraesser vermutlich im Juli und im August 1955 erarbeitete Entwurf war in drei Teile gegliedert. Teil I enthielt Überlegungen über die “Notwendigkeit des Unterrichts in Gemeinschaftskunde und Politik”. Teil II enthielt einen umfangreichen Lehrplan für die Mittelstufe und Oberstufe der Gymnasien. Teil III thematisierte eine “Übergangsregelung”: Er schlug eine Abfolge von Schritten zur “praktische(n) Einführung von Gemeinschaftskunde und Politik als Unterrichtsfach” vor. Ausdrücklich und unmissverständlich hieß es auf Seite 2: “Die Einführung einer Pflichtstundenzahl von mindestens je zwei Wochenstunden in der Mittel- und Oberstufe, und zwar in der 10. (Untersekunda) und 12. Schulklasse (Unterprima) ist zum mindesten erforderlich, um das unentbehrliche Minimum von Kenntnissen zu vermitteln.”23 Die Konfrontation mit der vom Kultusministerium verfolgten Linie war somit offensichtlich. 

 

Arnold Bergstraesser (1896-1964) trat in vielfacher Weise als wirksamer Förderer der politischen Bildung auf. Er veröffentlichte nicht nur eine beträchtliche Zahl gehaltvoller Aufsätze zur politischen Bildung. Erwähnt seien nur die Politische Akademie Tutzing, die Politische Akademie Eichholz der Konrad-Adenauer-Stiftung, die Kommission zur Beratung der Bundesregierung in Fragen der politischen Bildung und die Arbeitsgemeinschaft “Der Bürger im Staat”. Aus letzterer ging die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hervor. 

dpa-Fotoreport

 

Der Streit um das Unterrichtsfach Gemeinschaftskunde und Politik unterlag zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr der Kontrolle des Kultusministeriums. Er war mittlerweile öffentlich geworden. So erhielt Bergstraesser einen auf den 3. Oktober 1955 datierten Brief Waldemar Bessons, des späteren Ordinarius für Politikwissenschaft in Erlangen und Konstanz, in dem dieser von seinen Aktivitäten “im Zusammenhang mit unserem Sorgenkind Gemeinschaftskunde” berichtete. Besson schrieb, dass er vom südwestdeutschen Zeitungsverband in Stuttgart, der Redaktion der meisten nordwürttembergischen Kreiszeitungen, gebeten worden sei, “unsere Sorgen auszusprechen.” Außerdem, so Besson, habe er die nordwürttembergische Junge Union “etwas in Aufregung gebracht, um dadurch einen direkten Einfluss auf Simpfendörfer zu erreichen.” Besson erwähnte dann eine Resolution, die der Presse und allen Landtagsabgeordneten übergeben worden sei. Das Ergebnis sei ein längeres Gespräch mit Simpfendörfer gewesen, über das er Bergstraesser nun näher informieren wolle: “Simpfendörfer erzählte mir übrigens, er habe mit Ihnen vor einigen Tagen auch über dieselbe Frage gesprochen, wobei er sehr deutlich aussprach, welch starken Eindruck Sie bei ihm hinterlassen haben. Mir selbst sicherte er zu, die Anliegen der jüngeren Teile der CDU sich zu eigen machen zu wollen. Unsere Resolution hat ihm jedenfalls die Vorstellung gegeben, dass ein Nachgeben in Fragen der Gemeinschaftskunde auch parteiinterne Auswirkungen für ihn haben werde. Eine Vorstellung, die obzwar nicht ganz richtig, sich doch ganz gut in meinen Plan einfügte. Da ich unseren Kultminister kenne, überschätze ich freilich die Bedeutung seines Willens für die Verwirklichung von praktischen Zielen nicht.”24  

 

Umdenken im Ministerium 

Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Entwurf des Ausschusses sowie die von Besson erwähnten Geschehnisse Simpfendörfer nachdenklich gestimmt und möglicherweise ein Umdenken eingeleitet hatten. Denn in der November-Ausgabe 1955 der Zeitschrift des baden-württembergischen Rings politischer Jugend veröffentlichte er einen Artikel mit dem Titel “Staatspolitische Erziehung”. In diesem Artikel nahm Simpfendörfer befürwortenden Bezug auf den Entwurf und erwähnte lobend dessen Verfasser Eschenburg und Bergstraesser. Vor allem aber distanzierte er sich von den “nicht wenigen” Vertretern der Schule, “die der Auffassung sind, es genüge für die Übermittlung staatsbürgerlicher Kenntnisse, wenn Gemeinschaftskunde als Prinzip in den Unterricht eingeführt werde, ein besonderes Unterrichtsfach ‚Gemeinschaftskunde’ sei deshalb unnötig, wenn nicht gar bedenklich.” Simpfendörfer fuhr fort: “Ich bin der Auffassung, dass es nötig ist, die Gemeinschaftskunde in der Schule sowohl als Unterrichtsfach als auch als Unterrichtsprinzip durchzuführen. [...] Die Einführung dieses Lehrfaches in unseren Gymnasien wird zur Zeit vorbereitet. Der Entwurf eines ‚wissenschaftlich fundierten Lehrplans’ liegt vor. Er wurde unter der hervorragenden Mitwirkung der Herren Professor Dr. Eschenburg und Professor Dr. Bergstraesser ausgearbeitet. Es erscheint mir selbstverständlich, dass für diesen Unterricht auch eine bestimmte Zahl von Wochenstunden freigemacht werden muss, wenn der von der Verfassung verlangte Charakter des ordentlichen Lehrfaches gesichert werden soll. Freilich, auch mit dem hervorragendsten Stoffplan und mit der ausreichenden Stundenzahl ist die Kardinalfrage, die Lehrerfrage, nicht gelöst. Ich begrüße daher den von den Herren Dr. Eschenburg und Dr. Bergstraesser gemachten Vorschlag einer Übergangsregelung als gute Diskussionsgrundlage.”25  

Wie sich einem Brief Eschenburgs an Bergstraesser vom 1. Februar 1956 entnehmen lässt, war es vermutlich im Januar 1956 zu einer Besprechung Simpfendörfers mit ihnen beiden über die Gemeinschaftskunde gekommen. In diesem Gespräch muss der Kultusminister seine Einwilligung zu den Vorstellungen des Entwurfes gegeben haben. Gleichwohl muss das Gespräch atmosphärisch belastet gewesen sein, weil Eschenburg, wie er schrieb, einige Zeit zuvor die baden-württembergische Landesregierung sowie speziell das Kultusministerium publizistisch angegriffen hatte, wenn auch nicht in Angelegenheiten der Gemeinschaftskunde. Eschenburg stellte im Brief Überlegungen an, was man angesichts dieser Situation tun könne, die Sache der Gemeinschaftskunde trotzdem voranzutreiben. Er schlug vor, dass Bergstraesser die nächsten Schritte unternehmen sollte. Er wolle sich etwas im Hintergrund halten, weil Simpfendörfer aus den genannten Gründen nicht gut auf ihn zu sprechen sei. Eschenburg erwähnte einen weiteren Grund dafür, sich gegenüber dem Kultusminister zurückzuhalten: “Simpfendörfer hat eine schwere Niederlage bei Gebhard Müller erlitten. Er musste seinen Lehrplan plötzlich zurückziehen, damit dieser den Wahlkampf nicht belaste. Damit ist er um das Ergebnis seiner wirklich sehr anstrengenden Arbeit gebracht worden und hat natürlich auch im Ministerium stark an Autorität verloren.”26  

Eschenburg legte Bergstraesser nahe, Simpfendörfer einen Brief zu schreiben und in diesem einen praktikablen Vorschlag zur Einführung der Gemeinschaftskunde an den Schule zu unterbreiten. Diesen Brief diktierte er Bergstraesser gewissermaßen in die Feder, denn er fügte seinem Brief eine entsprechende Textvorlage bei. Die entscheidenden Passagen lauteten: “Mein Kollege Eschenburg ist gleich nach Ihrer Besprechung mit ihm und mir erkrankt. (...) In der damaligen Besprechung haben wir Ihnen dargelegt, dass es sich bei dem vorgelegten Lehrplan für Gemeinschaftskunde und Politik um ein Maximalprogramm handelt, das wahrscheinlich an einer Reihe von Stellen der Einschränkung bedarf. Zu diesem Zweck soll der Ausschuss noch einmal zusammentreten. Da weitgehend doch praktische Erfahrungen im Unterricht von Gemeinschaftskunde und Politik fehlen, wurde von uns vorgeschlagen, dass dieser Unterricht zweistündig zunächst in einer kleineren Anzahl von ausgewählten Schulen erteilt werden soll. Eine Ministerialkommission soll diese Schulen auswählen unter dem Gesichtspunkt, dass an diesen geeignete Lehrkräfte vorhanden sind. Wir haben dabei an ungefähr 20 höhere Schulen im gesamten Land gedacht. Die Auslese soll in der Weise vorgenommen werden, dass dies für die mit diesem Unterricht betrauten Lehrer eine Auszeichnung bedeutet. Es wäre allerdings erforderlich, dass in diesen Schulen, insofern Änderungen des bestehenden Lehrplans vorgenommen werden, der Unterricht zweistündig zunächst in der 6. und dann in der 8. Klasse27 erfolgen kann. Die Lehrer, die diesen Unterricht geben, sollten von Zeit zu Zeit mit Mitgliedern des Ausschusses zusammentreffen, um deren Erfahrung für die Ausgestaltung des endgültigen Lehrplans nutzbar zu machen.”28  

 

Erprobung des Lehrplans für Gemeinschaftskunde und Politik

Die vierte Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung im April 1956 fand in einer entspannten Atmosphäre statt. Denn der Ausschuss hatte den Konflikt mit dem Kultusministerium im Kern für sich entschieden. Eschenburg stellte in seinem Situationsbericht fest, dass das Ministerium auf seinen und Bergstraessers Vorschlag hin angeordnet hatte, “durch ausgesuchte Lehrer in einer Reihe von Höheren Schulen den Unterricht in ‚Gemeinschaftskunde und Politik’” einzuführen. Diese Lehrer seien bereits zu einer Weiterbildungstagung eingeladen worden, auf der er und Bergstraesser über den Lehrplan referieren würden. 

Der Ausschuss verabschiedete eine an das Kultusministerium adressierte Resolution, in der zunächst die Entscheidung begrüßt wurde, das neue Fach auf der Basis des vom Ausschuss empfohlenen Lehrplans erproben zu lassen. Die Resolution mahnte darüber hinaus bestimmte organisatorische Maßnahmen zur Durchführung des neuen Unterrichts an. Die entscheidende Forderung lautete: “Die Erprobung der von dem Ausschuss entworfenen Lehrpläne und die damit verbundenen Aufwendungen haben nur dann Sinn, wenn der Entschluss gefasst wird, für die Fächer ‚Gemeinschaftskunde und Politik’ je zwei Stunden in der 6. und 8. Klasse als Pflichtstunden in Anspruch zu nehmen. Diese grundsätzliche Entscheidung gilt sowohl für das durchzuführende Experiment als auch für die Ausdehnung des Unterrichts in ‚Gemeinschaftskunde und Politik’ nach seinem Abschluss. Der Ausschuss bittet daher aufs dringendste, die in seiner Sitzung vom März 1955 noch offen gebliebene Frage der Stundenzahl zum Abschluss zu bringen, und weist darauf hin, dass nach allgemein anerkannten Erfahrungen der Pädagogik die von ihm für notwendig erachtete Stundenzahl von je zwei Pflichtstunden das tatsächliche Minimum des Erforderlichen darstellt.”29  

Der Ausschuss widmete sich schließlich noch einer weiteren Beratung des im Entwurf bereits weitgehend skizzierten Lehrplans für das Gymnasium. Diese Beratung sollte dem Entwurf die endgültige Fassung geben. Das Ergebnis der Überarbeitung trug dann den neuen Titel “Theoretische Grundlagen und Richtlinien zu einem Lehrplan für das Unterrichtsfach ‚Gemeinschaftskunde und Politik’ in den Gymnasien. Ausgearbeitet vom Ausschuss für Staatsbürgerliche Erziehung im Auftrag des Kultusministers”. In diesem Papier findet sich auf Seite 3 die Erwähnung, dass “der Kultusminister inzwischen eine Entscheidung getroffen hat”, je zwei Wochenstunden in der Mittel- und Oberstufe als “Pflichtstundenzahl” einzuführen.30  

 

Versöhnlicher Schlussstrich unter die Kontroversen

Im Juli 1956 fand eine Sitzung des baden-württembergischen Landesschulbeirates statt. Eschenburg und Bergstraesser waren eingeladen worden, um das neue Unterrichtsfach vorzustellen. Dem Protokoll dieser Sitzung lässt sich entnehmen, dass beide die Legitimation der Gemeinschaftskunde in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellten, dabei aber unterschiedliche Schwerpunkte setzten.31  

So legte Eschenburg das Gewicht eher auf die Kenntnis von Institutionen und Verfahren der politischen Ordnung: “Diese Dinge müssen ganz systematisch gelernt werden. (...) Immer wieder müssen Institutionen und Verfahren erklärt werden.”32

Die Quintessenz der Darlegungen Eschenburgs fasste das Protokoll so zusammen:

“Politische Bildung gibt einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung und Stabilisierung des Staates; Demokratie ist nur wirksam zu machen, wenn wir sie bildungsmäßig fundamentieren; demokratische Ordnung ist nur möglich durch politische Bildung.” Bergstraesser konzentrierte sich eher auf die Herausbildung der politischen Urteilsfähigkeit. 33 Es gehe dem Fach nicht lediglich darum, Grundkenntnisse zu vermitteln, sondern vor allem um die Vermittlung der Fähigkeit, politisch zu denken. Dies verhindere, dass der Einzelne “blind dieses oder jenes” wähle. Aufgabe sei es zu lernen, “die Gegebenheiten von der Sache her zu verstehen und nicht auf eine falsche Parole hin sich zu falschen Schlüssen verleiten zu lassen.” 

Minister Simpfendörfer kommentierte auf der Sitzung des Landesschulbeirates das neue Unterrichtsfach mit den Worten: “Politische Erziehung und Bildung sind für unseren Staat schicksalhaft - ein Blick nach dem Osten zeigt uns ein Schulwesen, das man als politische Bekenntnisschule ersten Ranges bezeichnen kann. (...) Aus dieser Tatsache müssen die notwendigen Folgerungen gezogen werden. (...) Wir wollen unsere Jugend auch in politischer Hinsicht zu Verantwortungsfreudigkeit erziehen; sie soll den Mut zu einer klaren politischen Überzeugung haben und diese Überzeugung auch vertreten wollen, gegründet auf dem Wissen, das im Gemeinschaftskunde- Unterricht vermittelt wurde.” 

Diese Sätze des Ministers zogen einen versöhnlichen Schlussstrich unter die Kontroversen, die der Ausschuss für Staatsbürgerliche Erziehung mit dem Kultusministerium ausgetragen hatte.34 In der anschließenden ausführlichen Aussprache fand das neue Fach ungeteilte Zustimmung des Landesschulbeirates. 

 

Anmerkungen 

1 Vgl. hierzu die maßgeblichen Gründungsdokumente der Politikwissenschaft wie die beiden vom Hessischen Ministerium für Erziehung und Volksbildung herausgegebenen Gesamtprotokolle der Konferenz von Waldleiningen vom 10. und 11. September 1949 und der Konferenz von Königstein im Taunus vom 15. und 16. Juli 1950. Instruktiv sind auch die Vorträge Alfred Webers und Eugen Kogons auf der Tagung der Deutschen Hochschule für Politik vom 16. bis 18. März 1950. Die Vorträge sind veröffentlicht in der Schrift “Die Wissenschaft im Rahmen der politischen Bildung”. Berlin 1950. 

2 Zu Eschenburgs Engagement für die Politische Bildung vgl. Hans-Georg Wehling: Eschenburg, Theodor. In: Ottnad, Bernd/Sepaintner, Fred Ludwig (Hrsg.): Baden- württembergische Biographien. Band III. Stuttgart 2002, S. 66-74, hier: S. 72. 

3 Die vorliegende Studie basiert auf intensiven Archivrecherchen. Der Verfasser dankt der Maximilian- Bickhoff-Universitätsstiftung für die finanzielle Unterstützung mehrerer Archivreisen. 

4 Eschenburg informierte im Mai 1957 Carl Joachim Friedrich, der Politikwissenschaft in Heidelberg lehrte, über den Lehrplan. Friedrich war der dritte Ordinarius für Politikwissenschaft in Baden-Württemberg. Da er aber abwechselnd in den USA und in Deutschland lehrte, hatte er an der Lehrplanarbeit nicht mitwirken können. Eschenburg schrieb: “Das Kultusministerium hat im neuen Lehrplan für die Höheren Schulen die Einführung des Unterrichts in Gemeinschaftskunde je zweistündig für die 6. und 9. Klasse vorgesehen. (...) Der Lehrplan ist von einem Ausschuss, der vom Kultusminister eingesetzt worden ist, ausgearbeitet worden. Bergstraesser und ich haben sehr stark an seiner Gestaltung mitgewirkt. Wir sind uns über die Mängel klar, müssen es aber zunächst einmal auf dieses Experiment ankommen lassen. Auch die Prüfungsordnung stammt weitgehend von uns beiden.” (Schreiben vom 14. Mai 1957. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/6, 2 Seiten.) 

5 Abzulesen an den Anreden, die sich in der schriftlichen Korrespondenz zwischen ihnen im Laufe der Zeit entwickelten. Aus dem “Lieber Herr Bergstraesser/Lieber Herr Eschenburg” wurde nach einiger Zeit “Lieber Bergstraesser/Lieber Eschenburg”. 

6 Felix Messerschmid war Mitbegründer und von 1948 bis 1953 Direktor der Akademie für Erziehung und Unterricht in Calw gewesen. Dort hatte er ein viel beachtetes Konzept für die Weiterbildung von Lehrern verwirklicht. Von 1955 bis 1967 fungierte er als Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands und als Vorstandsmitglied des Verbandes der Historiker Deutschlands. 1958 wurde er erster Direktor der renommierten Politischen Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Diese Funktion nahm er bis zu seiner Pensionierung 1970 wahr. Obwohl von Herkunft Historiker verstand Messerschmid sich in erster Linie als politischer Bildner. 

7 Vgl. Protokoll der ersten Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung am Montag, den 26.7.1954. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser- Nachlass, B 204/212, 4 Seiten. 

8 Vgl. Empfehlungen und Gutachten des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen 1953-1965, Gesamtausgabe. Stuttgart 1966, S. 827 ff. 

9 Auf Bergstraessers Themenfelder wird weiter unten noch eingegangen. 

10 “Deutschland in der Weltpolitik der Gegenwart und weltpolitische Institutionen (Einführung in die Zeitungslektüre)” (Mittelstufe) und “Herrschaftsordnungen der Gegenwart (Organisationen der politischen Willensbildung und Schutzinstitutionen des Bürgers)” (Oberstufe). 

11 Vgl. Protokoll der zweiten Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung am Montag 24. und Dienstag 25.1.1955. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser- Nachlass, B 204/212, 6 Seiten. 

12 Vgl. Einladung zur Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung vom 2. März 1955, verbunden mit einer Aktennotiz über die Besprechung bei Kultusminister Simpfendörfer am 25. Februar 1955. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 2 Seiten. 

13 Gemeint waren gesellschaftliche Gegebenheiten. 

14 Vgl. Protokoll der dritten Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung am 10. und 11.3.1955 in Stuttgart. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser- Nachlass, B 204/212, 7 Seiten. 

15 Vgl. Schreiben Theodor Eschenburgs an die Mitglieder des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung vom 22.4.1955. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser- Nachlass, B 204/212, 1 Seite. 

16 Vgl. zum Folgenden das Schreiben Theodor Eschenburgs an die Mitglieder des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung vom 15.10.1955. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 4 Seiten. 

17 Eschenburg bezog sich mit seiner Erwähnung des Lehrplanentwurfs auf die vom Kultusministerium in Aussicht gestellten “Lehrpläne für die Gymnasien Baden- Württembergs”. Das Kultusministerium wollte diesen Gesamtlehrplan im Juli 1955 herausgeben. Der Plan hing wie ein Damoklesschwert über dem Ausschuss für Staatsbürgerliche Erziehung. Denn seine Veröffentlichung hätte Verhältnisse festgeschrieben, die der Ausschuss nicht akzeptieren wollte. Die geplante Stundentafel sah nämlich für Gemeinschaftskunde im zehnten und im dreizehnten Schuljahr je eine Schulstunde vor. Mit insgesamt zwei Stunden rangierte die Gemeinschaftskunde weit abgeschlagen auf dem letzten Platz aller Schulfächer. Zum Vergleich die Stundenansätze für die benachbarten Fächer: Religion insgesamt 18, Geschichte insgesamt 14 und Erdkunde, je nach Schulart, insgesamt 13 bzw. 15 Stunden. 

18 Theodor Eschenburg: Anfänge der Politikwissenschaft und das Schulfach Politik in Deutschland seit 1945. In: Derselbe: Spielregeln der Politik. Beiträge und Kommentare zur Verfassung der Republik. Stuttgart, S. 159-177, hier: S. 166. 

19 Theodor Eschenburg: Letzten Endes meine ich doch. Erinnerungen 1933-1999. Berlin 2000, 205 f. Nicht richtig ist Eschenburgs Behauptung, dass der Gemeinschaftskunde je zwei Stunden in drei Klassenstufen zugebilligt worden seien. Es waren je zwei Stunden in zwei Klassenstufen. 

20 Vgl. Schreiben Wilhelm Simpfendörfers an Theodor Eschenburg vom 13. Juni 1955. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 4 Seiten. Simpfendörfer firmierte in diesem Schreiben nicht als Kultusminister, sondern als Kultminister. Diese Bezeichnung ist kein Druckfehler. Simpfendörfer hatte den offiziellen Briefbogen des Kultministeriums Baden-Württemberg benutzt. 

21 Dort hieß es: “Der Unterricht in Gemeinschaftskunde darf keineswegs nur auf das 10. und 13. Schuljahr beschränkt bleiben, vielmehr muss staatsbürgerliche Erziehung Unterrichtsprinzip aller Fächer und aller Klassenstufen sein. Außerdem sollte den Schülern des 13. Schuljahrs nach der Reifeprüfung vor der Schulentlassung und den Schülern des 10. Schuljahrs in einem Schullandheimaufenthalt die Möglichkeit geboten werden, sich intensiv mit Gegenwartsproblemen und politischen Fragen zu beschäftigen.” (Lehrpläne für die Gymnasien Baden-Württembergs [Entwurf]. Herausgegeben vom Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg [1955], S. 12.) 

22 Aus einem Schreiben Eschenburgs an Bergstraesser vom August 1955 geht hervor, dass zu diesem Zeitpunkt die Denkschrift in ihren Grundzügen schon konzipiert war: “Lieber Herr Bergstraesser! Ich habe vergessen, Ihnen den Antwortbrief von Simpfendörfer zu zeigen, den irgendeiner seiner Bürokraten aufgesetzt hat. Ich würde es für zweckmäßig halten, wenn Sie ihn durchläsen, weil wir unter Umständen noch einige Änderungen an der Denkschrift vornehmen müssen. Ich denke dabei an zwei Punkte: einmal an das Unterrichtsprinzip und zweitens an die Möglichkeit des Unterrichts, die von Minister Simpfendörfer bzw. seinen Beratern bezweifelt wird. Wir sollten auch noch einen Bericht des Deutschen Ausschusses für Erziehung heranziehen. Auch der Deutsche Ausschuss unterscheidet zwischen politischer Bildung als allgemeinem Prinzip des Unterrichts und dem politischen Unterricht als solchem.” (Schreiben vom 18.8.55. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 1 Seite.) 

23 Vgl. die Stellungnahme des vom Kultusminister berufenen Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung zu den Lehrplänen für die Gymnasien Baden-Württembergs: Gemeinschaftskunde und Politik. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 18 Seiten.

24 Vgl. Schreiben Waldemar Bessons an Arnold Bergstraesser vom 3.10.55. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 1 Seite. 

25 Wilhelm Simpfendörfer: Staatspolitische Erziehung, in: Ring politischer Jugend: Informationen 5 (1955), Heft 11, S. 3 f. 

26 Zur Erläuterung: Wilhelm Simpfendörfer (CDU) war seit 1953 Kultusminister einer Allparteienregierung unter Ministerpräsident Gebhard Müller (CDU). Für den 4. März 1956 war die Landtagswahl angesetzt. Nach der Wahl wurde die Allparteienregierung unter der Führung Müllers fortgesetzt. Simpfendörfer behielt sein Amt bis 1958. 

27 Gemeint sind die Untersekunda, also die 10., sowie die Unterprima, also die 12. Jahrgangsstufe. 

28 Vgl. Schreiben Theodor Eschenburgs an Arnold Bergstraesser vom 1.2.1956. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/6, 2 Seiten. 

29 Vgl. Protokoll der vierten Sitzung des Ausschusses für Staatsbürgerliche Erziehung am 20. und 21. April 1956 in Freiburg. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser- Nachlass, B 204/212, 2 Seiten. 

30 Vgl. Theoretische Grundlagen und Richtlinien zu einem Lehrplan für das Unterrichtsfach ‚Gemeinschaftskunde und Politik’ in den Gymnasien. Ausgearbeitet vom Ausschuss für Staatsbürgerliche Erziehung im Auftrag des Kultusministers. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 15 Seiten. 

31 Vgl. zum Folgenden das Protokoll der Sitzung des Landesschulbeirats am 17. Juli 1956. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/212, 5 Seiten. 

32 Dieser Akzent bestimmte nicht nur Eschenburgs politikwissenschaftliches Selbstverständnis, sondern auch seine Auffassung von den Aufgaben der politischen Bildung. In seinen Lebenserinnerungen erwähnt Eschenburg ein Gespräch mit dem preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker, in dem er dem Minister seine Idee einer staatsbürgerlichen Bildung unterbreitete. Bereits damals sah Eschenburg die eigentliche Aufgabe der politischen Bildung darin, zum “Verstehen des Funktionierens und des Sinnzusammenhangs der Organe” des demokratischen Staates beizutragen. Eine solche politische Bildung könne das Fundament der Loyalität gegenüber Staat und Verfassung schaffen. Wie Eschenburg schreibt, hatte der Staatsrechtslehrer Heinrich Triepel sein Interesse für die Verfassung und die Institutionen des Staates noch verstärkt. Eschenburg hatte dessen Vorlesungen in Berlin ab 1929 besucht. Vgl. Theodor Eschenburg: Also hören Sie mal zu. Geschichte und Geschichten 1904-1933. Berlin 1995, S. 217 f., 243. 

33 Dass Bergstraesser in der politischen Urteilsfähigkeit das eigentliche Ziel der politischen Bildung sah, lässt sich in einer Vielzahl von Veröffentlichungen belegen. Um das angemessene Urteilen ging es ihm schon in der Weimarer Republik. Vgl. nur Arnold Bergstraesser: Die Jugendbewegung und die Universitäten, in: derselbe/ Hermann Platz: Jugendbewegung und Universität. Karlsruhe 1927, S. 1-27, hier: S. 19, sowie Arnold Bergstraesser: Die Lehrgehalte der politischen Bildung an den höheren Schulen, in: Möglichkeiten und Grenzen der politischen Bildung in der Höheren Schule. Schriftenreihe der Bundeszentrale für Heimatdienst. Heft 52. Bonn 1960, S. 75-88, hier: S. 78. 

34 Der an der Evangelischen Akademie in Bad Boll tätige Sohn des Ministers, Pfarrer Werner Simpfendörfer, bat Bergstraesser im Frühjahr 1958 um einen Beitrag zu einer Festschrift zum 70. Geburtstag Wilhelm Simpfendörfers. Werner Simpfendörfer schrieb: “Es wäre besonders schön, wenn Sie einige Gedanken zur politischen Bildung ausführen könnten, deren Intensivierung besonders auf dem Schulsektor ein besonderes Anliegen meines Vaters gewesen ist. Vielleicht können Sie gerade auf die Entwicklung in Baden-Württemberg Bezug nehmen?” (Schreiben vom 4.4.1958. Universitätsarchiv Freiburg, Bergstraesser-Nachlass, B 204/170, 2 Seiten.) Bergstraesser kam dieser Bitte nach. In seinem Beitrag lobte er Simpfendörfers Bemühungen um die Politische Bildung. Nur an einer Stelle sprach er, diplomatisch verschlüsselt, einen der Streitpunkte mit dem Minister an. Er erwähnte, dass die politische Bildung nicht allein dem Schulleben überlassen bleiben dürfe. Vgl. Arnold Bergstraesser: Politische Bildung in Baden- Württemberg, in: Wirken solange es Tag ist. Festgabe zum 70. Geburtstag für Wilhelm Simpfendörfer. O.O. 1958, S. 47-53, hier: S. 48.


 

 


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