Zeitschrift 

Islam und 
Globalisierung


 

Heft 2/3/ 2003


Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis


Islam und Globalisierung 

 

sind zwei Begriffe, die sich zu widersprechen scheinen. Der 11. September 2001 hat alte Feindbilder wieder aktiviert: “Islam” und “Terrorismus” werden in einem Atemzug genannt, islamische Staaten werden einem pauschalen Urteil unterworfen. Der Islam wird zum Gegenteil von Vernunft, Freiheit und Moderne hochstilisiert.

Seit den 70er-Jahren sind im Vorderen Orient Tendenzen einer “Re-Islamisierung” zu beobachten. Diese Tendenzen sind nicht nur ein Reflex auf Prozesse der Globalisierung.

“Re-Islamisierung” meint auch die Befreiung der islamischen Welt von ihren “inneren” Feinden, die Befreiung von Regimen, die vom “wahren” Islam abgefallen sind und Zugeständnisse an westliches Gedanken- und Kulturgut gemacht haben. Islamismus steht mithin für eine Alternative zu korrupten Eliten und zu prinzipienloser Machtpolitik regionaler Regime.

Tatsächlich befinden sich die Staaten des Vorderen Orients trotz ihres Ölreichtums auf einer Talfahrt. Die politischen Eliten der Region sind der Globalisierung, den damit einhergehenden Anforderungen und Veränderungen nicht gewachsen. Sie verfügen weder über den Willen noch die Kapazitäten, angemessene Entwicklungsstrategien zu entwerfen. Historische und vergleichende Analysen zeigen, wie die politischen Eliten in der Vergangenheit und heute auf weltwirtschaftliche Entwicklungen reagiert haben. Paradoxerweise haben sich jedoch unter den Islamisten Gegeneliten herausgebildet, die dem Postulat einer eigenständigen Entwicklung entsprechen könnten. Die moderaten Islamisten sind möglicherweise ein geringeres Hindernis für die Demokratisierung als die Eliten.

Die heutigen Regime im Vorderen Orient sind überwiegend Resultate des klassischen Imperialismus. Wenn sich auch die Mehrheit der muslimischen Regime in der internationalen Ordnung eingerichtet haben, sind sie im Inneren durch Stagnation, überkommene soziale Strukturen, ökonomische Verwerfungen und fehlende Demokratie gekennzeichnet. Dass sich Demokratie in der islamischen Welt selten durchgesetzt hat, hat viele hausgemachte Gründe. Seit Beginn der Globalisierung gibt es wenig Anzeichen für eine Demokratisierung und Liberalisierung. Entscheidend für den Prozess der Demokratisierung ist das Fundament des Staatsgebäudes. In autoritär beherrschten arabischen Ländern fehlen entscheidende Stützen (Gewaltenteilung, parlamentarische Institutionen, rechts- und sozialstaatliche Garantien), die eine Demokratie auszeichnen.

Die Menschen im Vorderen Orient haben die Erfahrung einer fortwährenden Demütigung durch Kolonialismus und Fremdherrschaft in ihr kollektives Gedächtnis aufgenommen. Gerade deshalb ist es für islamistische Propaganda leicht, die Sprache der ewig Betrogenen immer wieder zu aktivieren. Islamismus und religiöser Fundamentalismus sind eine Variante des sozialen Protests gegen die Arroganz westlicher Politik. Nicht zuletzt die mit zweierlei Maß betriebene westliche Politik führte im Vorderen Orient zu einem Protest- und Gewaltpotenzial. Der 11. September 2001 hat gezeigt, dass islamistische Terrorgruppen global handeln und transnationale Netzwerke bilden. Von den alten islamistischen Organisationen enttäuscht, greifen sie auf den klassischen Islamismus, der in ihren Augen eine unerfüllte Utopie darstellt, zurück und verstehen sich als Exekutive des “wahren” islamischen Willens. Nicht zuletzt der soziale Umbruch in arabischen Ländern fördert die Attraktivität islamistischer Weltbilder.

Dass die “Interpretation des Koran niemals ein unschuldiges Unterfangen war” - so Nasr Hamid Abu Zayd, einer der führenden liberalen Theologen des Islam - zeigt die kontroverse Debatte über die Menschenrechte. Im Kern geht es um die Streitfrage, ob ein Staat nach religiösen oder politischen Prinzipien regiert werden soll. Soll die Scharia das gesellschaftliche Leben und die politische Organisation eines Staatswesens bestimmen? Oder gilt der Respekt vor den Menschenrechten als oberster Maßstab? Die Rivalität zwischen islamischem Religionsgesetz und säkularem Humanismus beruht auf historisch kontingenten Interpretationen.

Dass sich westliche und islamische Religion gelegentlich so unversöhnlich gegenüberstehen, hat nicht nur mit der kulturellen Abschottung der Religionen zu tun. Die historischen Gräben zwischen den monotheistischen Religionen sind ein geeigneter Resonanzboden für Spannungen und erklären auch, warum in der islamischen Welt die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen oftmals konfliktträchtig sind.

Eine wesentliche Bedingung für den Fortschritt im Vorderen Orient ist das Problem um Palästina. Der arabisch-israelische Konflikt sieht zunächst wie ein nationaler Konflikt aus: Der Zusammenstoß nationaler Ansprüche auf ein und dasselbe Land. Der Nahost-Konflikt wurde von Beginn an jedoch “in ein religiöses Koordinatensystem” (Udo Steinbach) gestellt und zur “Sache” aller Muslime. Auf einer zweiten Ebene stehen sich Israel und die arabische Staatenwelt gegenüber. Die Gründung und Existenz des Staates Israel markiert für viele Muslime einen Tiefpunkt in der Geschichte der islamischen Welt. Seit Jahren kritisieren arabische Stimmen die einseitige pro-israelische Haltung Washingtons, das Messen mit zweierlei Maß. Darin spiegelt sich die dritte Ebene wider. Jenseits aller globalen Trends zeigt sich Israel resistent gegenüber der Selbstbestimmung der Palästinenser und der Demokratisierung von Herrschaft. Ein Grund ist die israelisch-amerikanische Allianz, die verhindert hat, dass Israel je unter internationalen Druck geriet, die Besatzungsherrschaft zu beenden. Trotz den Osloer Verträgen ist ein Friedensabkommen derzeit nicht in Sicht. Die Kluft zwischen Israel und den Palästinensern ist größer denn je. Die regionalen Besonderheiten und die internationalen politischen Entwicklungen sind Bedingungsfaktoren, die für die palästinensische Autorität unter Jassir Arafat ursächlich verantwortlich waren. Erst wenn die “Roadmap” Richtung Palästinenserstaat veröffentlicht und vor allem durchgesetzt ist, könnte sich Entscheidendes bewegen.

Zeitgenössische islamische Stimmen aus der Menschenrechtsdiskussion behaupten, dass es keine wesentlichen Widersprüche zwischen dem Islam und der universalen Geltung der Menschenrechte gibt. Dass die Probleme in der konkreten Umsetzung allerdings größer als in der theoretischen Diskussion sind, lässt sich exemplarisch an der Frage der Geschlechterverhältnisse nachweisen. Spannend ist die Frage, inwieweit Globalisierung und Liberalisierung den Frauen im Vorderen Orient zu mehr Handlungschancen und gesellschaftlichen Beteiligungsrechten verhelfen. Wenn sich auch die Mehrheit islamischer Frauen (immer noch) in den Zwängen der traditionellen Geschlechterhierarchie bewegen, zeigen die Frauenbewegungen des Vorderen Orients, dass es möglich ist, unter restriktiven Rahmenbedingungen zu größeren Handlungsspielräumen zu gelangen. Literatur war schon immer ein Reflex auf Zeitläufe. Die moderne arabische Literatur verdeutlicht zwei Wege, mit der Globalisierung umzugehen. Einerseits ist dies der Widerstand gegen die als Überfremdung erlebten westlichen Einflüsse. Die Kritik am Westen - sinnfällig an dem Getränk “Coca Cola” festgemacht - ist ein wichtiger Topos moderner arabischer Literatur. Die zweite literarische Spielart hingegen ergreift die Chance der Globalisierung und nutzt sie im Sinne einer kulturellen Emanzipation. Gerade transnationale Biografien und deren literarische Verarbeitung zeigen, dass kulturelle Unterschiede gelebt, verhandelt und kultiviert werden können. Nicht die Festschreibung von Identität, sondern die Verhandlung von Differenz ist das Anliegen.

Dass Muslime in der Diaspora von den Kontroversen nicht unberührt bleiben, zeigt sich in dem Schlagwort “Euro-Islam”, das gerne im Zusammenhang mit der Integration muslimischer Einwanderer verwendet wird. Die verschiedensten Facetten der Diskussion über muslimische und westliche Wert- und Kulturvorstellungen spiegeln sich in diesem Begriff wider, hinterlassen aber ungelöste Fragen. Wer soll diesen “Euro-Islam” inhaltlich definieren? Sind doch die traditionellen Vorstellungen von einer Einteilung der Welt in einen “Bereich des Islam” und einen nicht-islamischen Teil mit der Entstehung säkularer Staaten obsolet geworden. Ein Prozess, der auch vor islamischen Staaten nicht Halt gemacht hat. Hinzu kommt die Besonderheit, dass der Islam nie gezwungen war, eine besondere Organisation der religiösen Gemeinde oder gar eine letztgültige Autorität in religiösen Fragen auszubilden. Dies zeigt sich gerade in der durch konkurrierende Organisationen geprägten Vielfalt des Islam in Deutschland. Diese Vielfalt lässt nicht erwarten, dass hier lebende Muslime mit einer einheitlichen Linie in religiösen, praktischen und politischen Fragen auftreten.

Die Beiträge in diesem Heft der Zeitschrift “Der Bürger im Staat” weisen auf die Dringlichkeit des Dialogs zwischen dem so genannten “Westen” und der islamischen Welt hin. Nur wenn es gelingt, in diesem Dialog den Anschluss der islamischen Welt an die Moderne auch aus ihrer eigenen Tradition zu begründen, wird eine friedliche Koexistenz möglich. Die Autorinnen und Autoren wollen mit ihren Beiträgen zur Versachlichung der Diskussion beitragen und Fakten darstellen, die für das Gesamtverständnis des komplexen Themas wichtig sind. Geplant und realisiert wurde dieses Heft in enger Kooperation mit Herrn Prof. Dr. Peter Pawelka vom Institut für Politikwissenschaft der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Ihm, allen Autorinnen und Autoren sowie Alexander Fleischauer, der an der Redaktionsarbeit und Bildauswahl beteiligt war, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Siegfried Frech

Foto: dpa-Fotoreport

 


Copyright ©   2003  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de