Zeitschrift

Alter(n)

 

 

Heft 2-3/2015

Hrsg: LpB



 

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Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Alter(n)


Biologen sind sich darüber einig, dass das Alter(n) ein Nebeneffekt des Stoffwechsels ist. Auch Philosophen nehmen diese Unabänderlichkeit gelassen in den Blick: „Das Älterwerden ist einem auf den Fersen wie ein Stalker, der sich an kein Distanzgebot hält und dafür nicht einmal belangt werden kann“ (Wilhelm Schmid). Anders hingegen die öffentliche Debatte, in der Alter und Älterwerden oftmals als Katastrophe apostrophiert werden. Diesen Negativszenarien zufolge nehmen „die Alten“ den Jungen die Zukunft weg – einfach dadurch, dass sie zulange leben. Der „Herbst“ des Lebens bzw. die Phase des jungen Alters wird älteren Menschen durch demografische Schwarzmalerei vergällt. Ab und an wird gar das Bedrohungsszenario einer „Gerontokratie“ beschworen. Diesen pessimistischen Stimmen, die mit Blick auf die Gesundheits- und Rentensysteme die Lasten beklagen, stehen optimistische Sichtweisen gegenüber, die die positiven Potenziale in den Blick nehmen und z. B. die innovativen Kräfte der Altersökonomie oder die zunehmenden intergenerationellen Beziehungen hervorheben. Ungeachtet aller Kontroversität müssen wir uns auf eine alternde Gesellschaft einstellen und das Bild vom Alter(n) den neuen Realitäten anpassen.

Heribert Prantl veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung auch Leitartikel zu christlichen Feiertagen. In einem, anlässlich des Osterfestes geschriebenen Leitartikel geht es um die Frage, wie das Alter eine Gesellschaft positiv verändern kann. Hatte das Leben früher nur drei Abschnitte (Kindheit, Arbeit und Alter), hat sich nun zwischen Arbeit und Alter eine neue Lebensphase geschoben. Und genau diese Phase gilt es wertzuschätzen, sozial und gesellschaftlich zu nutzen. Das Alter kann eine Gesellschaft menschlicher machen. Dies erfordert gesellschaftlichen Ausgleich und die ethische Verpflichtung, alte und demente Menschen nicht allein zu lassen. Die Gesellschaft hat es sich leider angewöhnt, über das Altern zu stöhnen. Dem hält Heribert Prantl entgegen, dass Menschsein „nicht am Lineal der Ökonomie“ gemessen werden kann. Wenn sich eine alternde Gesellschaft zum Guten verändern will, sind ein gesamtgesellschaftlicher Mentalitätswandel und Kursänderungen in verschiedenen Politikfeldern notwendig.

Schon seit den 1980er Jahren haben Sozialwissenschaftler darauf hingewiesen, dass die demografische Entwicklung Deutschlands Probleme und Fragen aufwerfen wird. Die Öffentlichkeit hat das Thema zunächst kaum beachtet. Seit der Jahrtausendwende hat sich der öffentliche Diskurs des Themas angenommen. Die kontroversen Debatten um den Geburtenrückgang und die Alterung der Gesellschaft haben viele Bürgerinnen und Bürger verängstigt. Sie erwarten eine düstere Zukunft mit schmalen Renten, leeren Dörfern und nachwachsenden Generationen, die für die Alten und für ihr eigenes Alter zahlen müssen. Der sachliche Blick von Stefan Hradil auf den demografischen Wandel und seine Folgen zeigt, dass die gesellschaftliche Alterung zwar in der Tat Belastungen mit sich bringen wird, aber auch manche Chancen, die meist nicht bedacht werden.
Vergrößert der zunehmende Anteil der Älteren an der Bevölkerung die „latente Macht“ der Senioren? Beschreiten Länder mit alternder Bevölkerung den Weg in eine Gerontokratie, eine Herrschaft von Senioren, durch Senioren und für Senioren? Diese Fragen erörtert Manfred G. Schmidt am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland. Für die Analyse möglicher gerontokratischer Tendenzen ist Deutschland ein interessanter Fall. Erstens ist die Alterung seiner Bevölkerung weit fortgeschritten: 21 Prozent aller Einwohner sind derzeit mindestens 65 Jahre alt – Tendenz steigend. Damit liegt Deutschland mit Italien auf dem zweiten Platz hinter Japan, wo bereits jeder Vierte Senior ist. Zweitens ist Deutschlands Staatsverfassung demokratisch und hat somit einen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess, der für die Interessen einer so großen Zahl wie die der Senioren weit geöffnet ist. Drittens gehört zu Deutschland ein weit ausgebauter Sozialstaat, der für die Interessen der Älteren zu Lasten der jüngeren Generation genutzt werden könnte.

Das freiwillige Engagement Älterer wird gemeinhin positiv bewertet und entspricht dem modernen Leitbild des „aktiven Alterns“. Claudia Vogel und Sonja Nowossadeck beschreiben anhand empirischer Befunde, wer sich im Alter engagiert und wie sich dieses freiwillige Engagement jeweils ausgestaltet. Hier zeigt sich, dass das soziale und politische Engagement der Älteren überaus vielfältig ist. Ebenso wird skizziert, bei welchen Altersgruppen in der Vergangenheit ein Anstieg des Engagements zu beobachten war und wer im Alter ein Interesse hat, sich zu engagieren. Basierend auf dem Deutschen Alterssurvey wird dargestellt, welche soziodemografischen und individuellen Erklärungsfaktoren das Engagement im Alter beeinflussen. Bei aller positiven Würdigung des freiwilligen Engagements im Alter ist zu bedenken, dass sich das Leitbild des „aktiven Alterns“ an gebildete, berufliche erfahrene und ökonomisch besser gestellte soziale Milieus richtet. Freiwilliges Engagement im Alter ist nicht als gesellschaftlich gesetzte Norm für gelingendes Altern geeignet. Auch im Alter muss es die Option zum Rückzug geben.

Am Maßstab der absoluten Armut gemessen, ist Altersarmut derzeit kein drängendes Problem in Deutschland. Legt man als Gradmesser hingegen die relative Armut an, waren 2013 immerhin 14,9 Prozent der über 65-Jährigen armutsgefährdet. Im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen ist diese Quote relativ niedrig. Trotzdem bedarf es konstanter Aufmerksamkeit – ist doch die Altersarmut seit 2003 deutlich gestiegen. Axel Börsch-Supan argumentiert angesichts aktueller Daten, dass zur Verhinderung drohender Altersarmut nicht vorrangig rentenpolitische Reformmaßnahmen notwendig sind. Altersarmut muss vielmehr an der Wurzel bekämpft werden. Reformen müssen diejenigen in den Blick nehmen, die aufgrund ihrer unzureichenden Qualifikation ein lebenslanges Armutsproblem fürchten müssen. Da die Entwicklung der Altersarmut von der zukünftigen Arbeitsmarktsituation gering verdienender Menschen abhängt, sind Maßnahmen, die zu einem möglichst langen Erwerbsleben beitragen, besonders zielführend. Reformbedarf besteht in einer besseren Aus- und Weiterbildung sowie in einer wirksamen Integration von Migranten.

Ist die wachsende Zahl arbeitender Rentnerinnen und Rentner ein Indikator für Altersarmut und für die unzureichende Alterssicherung durch das Rentensystem? Aktuelle Fakten widerlegen diese Annahme. Jutta Schmitz erörtert die institutionellen Rahmenbedingungen der Erwerbstätigkeit im Rentenalter und präsentiert empirische Daten, die einen Rückschluss auf die tatsächliche Verbreitung der Erwerbstätigkeit von Rentnerinnen und Rentnern erlauben. In einem weiteren Schritt werden auf der Grundlage von Interviews die vielfältigen Motive der Erwerbstätigkeit älterer Menschen skizziert. Konstatieren lässt sich, dass die Erwerbstätigkeit im Rentenalter gegenwärtig einen leichten Aufwärtstrend verzeichnet. Ebenso drängt sich der Schluss auf, dass die Zahl derjenigen noch gering ist, die im Rentenalter arbeiten müssen, um das Existenzminimum zu erreichen. Fraglich ist jedoch, ob sich die Befunde so einfach in die Zukunft verlängern lassen. Wenn die gesetzliche Rente in den kommenden Jahren ihre Lohnersatzfunktion immer weiter einbüßen und das Rentenniveau sinken wird, dürfte sich die Situation merklich verschärfen.

Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung des Alters wächst der Bedarf an Wohnformen, die Selbstständigkeit im Alter ermöglichen sowie kompetente Hilfe bei gleichzeitiger Selbstbestimmung gewährleisten. Die Wohnungswirtschaft wird sich auf differenziertere Wohnwünsche und auf „neue“ Wohnformen einstellen müssen. Rolf G. Heinze erörtert die Dimensionen zukunftsweisenden Wohnens (Sozialraumorientierung und technikunterstütztes Wohnen) mit Blick auf die älter werdende Bevölkerung. Das Wohnen in den eigenen vier Wänden ist für ältere Menschen die beliebteste Wohnform. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit neuer sozialer Dienstleistungen und lokaler Versorgungskonzepte, damit ältere Menschen in der eigenen Wohnung im höheren Lebensalter versorgt werden und selbstständig leben können. Dazu bedarf es neuer Allianzen auf kommunaler Ebene, um kleinteilige und professionelle Versorgungsstrukturen etablieren zu können.

Geht mit dem Alter gesundheitlich alles bergab? Der Beitrag von Susanne Wurm und Anke-Christine Saß liefert anhand von epidemiologischen Daten Informationen darüber, wie gesund oder krank ältere Menschen sind. Verbesserungen in der medizinischen Versorgung, eine immer besser werdende Bildung, höhere Einkommen und ein gesunder Lebensstil legen die Vermutung nahe, dass eine älter werdende Gesellschaft mit einer guten Gesundheit einhergeht. Die Frage, ob der Gewinn an Lebensjahren mehr Jahre in Gesundheit oder in Krankheit mit sich bringt, wird durchaus kontrovers diskutiert. Unstrittig ist hingegen der Einfluss der subjektiven Gesundheit. Subjektive Einschätzungen der Gesundheit und positive Altersbilder korrelieren mit einer besseren körperlichen Funktionsfähigkeit sowie einer längeren selbstständigen Lebensführung und höheren Lebenserwartung.

Das Thema Pflege ist eine der großen gesellschaftspolitischen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. Viele Menschen fragen sich, wer sich im Alter um sie kümmern soll. 70 Prozent der sogenannten Pflegebedürftigen werden in der Familie versorgt. Viele Angehörige hat das an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Mehr Pflegeheime können keine Lösung sein. Welche Alternativen aber gibt es zur Heimunterbringung? Thomas Klie fordert eine umfassende Reform des aktuellen Pflegesystems und plädiert für „Sorgende Gemeinschaften“, die sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind und diese wahrnehmen. Will man ein neues Kapitel in der Sozialpolitik aufschlagen, so erfordert dies zunächst eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit unseren gängigen Vorstellungen von Sorge, Pflege, Familie, Alter und Gemeinschaft. Thomas Klie entwickelt in seinem Beitrag eine grundlegend andere „Sorgepolitik“, die Familien-, Gesundheits-, Teilhabe- und Pflegepolitik miteinander verbindet und den Kommunen eine zentrale Rolle zuweist.

Die gesellschaftliche Sensibilität für das Phänomen alternder Migrantinnen und Migranten setzte in Deutschland relativ spät ein. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sich die Bundesrepublik Deutschland mehr als 50 Jahre mit dem Begriff „Einwanderungsland“ schwer tat. Inzwischen sind die Arbeitsmigrantinnen und -migranten der ersten Generation im Durchschnitt über 70 Jahre alt und leben zum Teil seit über 50 Jahren in Deutschland. Was bedeutet es, in der Fremde älter zu werden bzw. alt zu sein? Wie wird diese Lebensphase subjektiv erlebt und reflektiert? Häufig sind ältere Migrantinnen und Migranten in ihrer „zweiten Heimat“ mehreren Benachteiligungen ausgesetzt: Geringe Renten, psychosoziale Probleme, gesundheitliche Einschränkungen sowie kulturelle und sprachliche Barrieren prägen das Älterwerden in einem fremden Land. Gürcan und Anna-Lena Kökgiran folgern, dass aus diesen prekären Lebens- und Gesundheitsbedingungen ein (sozial-)politischer Handlungsbedarf resultiert.

Bei der Frage, wie der demografische Wandel bewältigt werden kann, lässt sich vom Feminismus lernen. Die Alterung der Bevölkerung berührt klassische Themen der Frauenbewegung: das Verhältnis der Geschlechter und der Generationen, die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Privatleben sowie die Gesundheits- und Sozialpolitik. Antje Schrupp erörtert dies zunächst an der „Sache des Kinderkriegens“. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen lässt sich die abnehmende Geburtenrate kaum politisch beeinflussen, zumal Haus- und Familienarbeit wenig finanzielle Wertschätzung erfahren und es für Frauen immer noch schwierig ist, Beruf und Kinder zu vereinbaren. Ein Drehen an dieser demografischen „Stellschraube“ wird wenig bewirken, weil der Anteil älterer und pflegebedürftiger Menschen stetig steigt. Will man dieser demografischen Entwicklung sozialpolitisch angemessen begegnen, ist ein grundlegender Wandel der ökonomischen, pflege- und gesundheitspolitischen Strukturen unerlässlich. Frauen können bei diesem Paradigmenwechsel Modell und Vorbild sein, weil sie ihr Leben schon immer zwischen Erwerbsleben, Familienarbeit und Ehrenamt ausbalanciert haben.

Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die mit der notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt und mit großer Umsicht die Texte redigiert hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag und der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.



Siegfried Frech



 

 


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