Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Einleitung


 Städte zeichnen sich dadurch aus, daß sie über einen Bedeutungsüberschuß verfügen. D. h. sie besitzen eine Bedeutung über sich selbst hinaus, je nachdem für die unmittelbare Umgebung, für einen größeren Raum, national oder gar international. Dementsprechend ließe sich sogar eine Hierarchie der Städte aufstellen, angefangen bei den Landstädtchen mit ihrem sehr beschränkten Wirkungskreis über Städte von erheblicher regionaler Bedeutung, Landeshauptstädte, nationale Metropolen bis hin zu Weltstädten, Millionenstädten, Megalopolen.

Schon an den Benennungen wird sichtbar, daß Funktion und Einwohnerzahl etwas miteinander zu tun haben. Fast immer jedenfalls: Denn in den Ballungsräumen wachsen auch reine Wohn- und Schlafstätten manchmal beinahe auf Großstadtumfang an, sind dann aber eigentlich doch nur Stadtteile der Kernstadt, selbst wenn sie verwaltungsmäßig selbständig sind. Die Statistiker sprechen von Großstadt, wenn eine Gemeinde mehr als 100 000 Einwohner hat. In diese Kategorie fallen alle die Städte, die in diesem Heft behandelt sind.

Städte sind zumeist bewußt gegründet worden, um Funktionen über sich hinaus zu erfüllen: zur militärischen Sicherung (z.B. von Handelswegen, von Flußübergängen), als Hafen, als Markt, als Verwaltungsmittelpunkt, als geistliches Zentrum, als Dienstleistungszentrum, als Ausbildungsstätte (Universität), jeweils für sich oder in Kombination der Funktionen, wobei die Funktionen sich zumeist wechselseitig fördern. Unter günstigen Umständen, vor allem bei entsprechender Lagegunst beginnen Städte dann ihre eigene Karriere, wachsen weit über sich hinaus, werden Großstädte, gar Städte von weltweiter Bedeutung.

Eine Stadt, die Karriere macht, ist attraktiv, nicht nur - wenngleich in besonderer Weise - in wirtschaftlicher Hinsicht. In den Städten schlägt der Puls eines Landes, manchmal allzu heftig; in den Städten ist etwas "los". Kein Wunder dann, daß Menschen zuziehen, massenhaft, die ihrerseits Karriere machen, ihre Lebensumstände zumindest verbessern wollen, an dem, was die Stadt zu bieten hat, teilhaben möchten. Unkontrollierter Zuzug ist die Folge, mit allen daraus resultierenden Problemen: Wohnungsbau und Infrastruktur kommen nicht nach, Slums können sich bilden, mit ungesunden Lebensverhältnissen, Kriminalität. Aber auch ohne Massenzuwanderung sind Wohnungs-, Zersiedelungs-, Verkehrs- und Umweltprobleme eher typische Probleme von Städten, die die Großstadtkarriere eingeschlagen haben. Kommunalpolitik steht hier jeweils vor großen Herausforderungen.

Städte, weltweit betrachtet, sind auch Spiegelbilder für ihr jeweiliges Land, für den Kulturraum, für Länder eines entsprechenden Entwicklungsstadiums, für die Probleme, die damit verbunden sind. Ein Dutzend Großstädte in vier Kontinenten stellen wir in diesem Heft vor. Platzgründe verlangten, daß wir uns beschränken mußten. Natürlich hätten es auch andere Städte sein können. Erstaunlich ist, wie viel Gemeinsames sich bei der Lektüre herausstellt, durchaus auch über die Grenzen eines Kontinents hinweg, entsprechend dem jeweiligen Entwicklungsstand des Landes. Aber auch viele Besonderheiten werden sichtbar, ganz gleich ob es sich um die internationale Finanzmetropole London handelt; um eine in ihrer Entfaltung durch Zerstörung und Teilung aus der Bahn geworfene Hauptstadt wie Berlin; um zwei benachbarte, in ihrer geschichtlichen Entwicklung so unterschiedliche, aber auch aufeinander bezogene Hauptstädte wie Wien und Budapest; um eine Stadt wie Prag, in der sich der Gegensatz zwischen Tschechen und Deutschen auch baulich fassen läßt; oder um Jerusalem, das wie keine andere Stadt ohne seine Geschichte nicht zu verstehen ist - mehr noch, deren Zukunft die eigene Geschichte im Wege zu stehen scheint.

Insgesamt kommt so ein farbiges Bild zustande. Der Leserin und dem Leser können wir eine ebenso informative wie unterhaltsame Lektüre wünschen!


Hans-Georg Wehling