Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Der Anschluß an die Wirtschaftsentwicklung Europas muß erst wiedergewonnen werden

Berlin: Die neue alte Hauptstadt

von Frank Werner



Berlin: Daß der DDR-Städtebau den Fernsehturm zentral platziert hat, unterstreicht die Bedeutung der elektronischen Medien für unsere Zeit.
Aufnahme: Helga Wöstheinrich


Dr. Frank Werner ist Wissenschaftler am Osteuropa-Institut, Arbeitsbereich Recht und Wirtschaft - Geographie, der Freien Universität Berlin.


Seine Bedeutung erlangte Berlin mit dem Aufstieg Preußens zur deutschen Hegemonialmacht. Die Standortgunst ist erst eine Folge davon, indem die Verkehrsplanung - erst Straßen, dann auch Eisenbahnen und schließlich der Luftverkehr - auf Berlin hin zentriert wurden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts stieg Berlin zu einem bedeutenden Industriestandort auf, vorwiegend hightech, nicht zuletzt Elektroindustrie. Entsprechend stürmisch verlief die Siedlungsentwicklung in das Umland hinein. Die Kriegszerstörungen, Demontagen und die Teilung bedeuteten einen schweren Einschnitt. Die deutsche Teilung hatte auch eine Doppelung der Funktionen zur Folge, auf niedrigerem Niveau. Gefährlicher noch waren die teilungsbedingten Auslagerungen an den Rand (Osten) oder in andere deutsche Zentren (Westen). Von daher wird es Berlin schwer haben, seine alte Bedeutung zurückzugewinnen.
Red.

Untrennbar mit dem Aufstieg Preußens verbunden

Berlin war über ein halbes Jahrtausend, von etwa 1200 bis 1700, eine kleine Ackerbürger- und später auch bescheidene Residenzstadt, die im rohstoffarmen und landwirtschaftlich ertragsschwachen Tiefland und abseits der großen Ströme lag. Es folgten fast zwei Jahrhunderte, beginnend mit der Etablierung des Königreiches Preußen 1701 bis zur Wahl als Hauptstadt des Reiches 1871, in denen die Stadt für das mittlere Europa zunehmend bedeutsam wurde, verbunden mit dem politischen Aufstieg Preußens nach dem 30jährigen Krieg. Von einer Lagegunst konnte man erst seit dem Industriezeitalter sprechen, als die Residenz innerhalb des ost-west-gerichteten Staatsgebietes Preußens, d.h. zwischen Königsberg und Oberschlesien im Osten und der Rheinprovinz im Westen, zum Mittelpunkt des Bahnnetzes aufstieg. Vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des 2. Weltkrieges hatte Berlin über ein halbes Jahrhundert Weltgeltung. Danach war es über ein knappes halbes Jahrhundert symbolische Frontstadt im Kalten Dritten Weltkrieg.

Die raumstrukturelle - nicht die politische - Entwicklung Berlins umfaßt die folgenden, sich teilweise überlappenden Abschnitte.


Nur wenig aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert überkommen

Aus der Zeit vor der Mitte des 19. Jahrhunderts sind nur wenige Gebäude auf unsere Tage überkommen. Selbst der charakteristisch regelhafte ostdeutsche Grundriß der mittelalterlichen Ackerbürgerstadt ist heute nur noch in generalisierter Form erkennbar und im scheinbar "Alt"-Berliner - weil in den achtziger Jahren neu gebauten - Nikolaiviertel gibt es völlig neue Straßenführungen. An zwei der drei Kerne der frühdeutschen Stadtgründung erinnern die Nikolai- und Marienkirche (am Fernsehturm), der dritte, das frühere Cölln, ist am Ort nicht erkennbar, er liegt teilweise unter Straßenland.

Die kleine fürstliche Residenz erhielt seit Ende des 15. Jahrhunderts typische Befestigungen und vor allem eine der charakteristischen Stadterweiterungen der absolutistischen Zeit, die barocke Dorotheen- und Friedrichstadt. Auch von ihr sind praktisch nur der Rastergrundriß und drei geometrisch gestaltete Plätze übrig geblieben, das Quarree am Brandenburger Tor, das Oktogon des Leipziger Platzes und das Rondell am Südende der Friedrichstraße.

Aus der frühen Residenzzeit wirken vor allem die beiden Entscheidungen über den Standort des Schlosses westlich der Bürgerstadt und über die Erhebung des benachbarten Potsdam zu einer weiteren Residenz nach. Auf beiden basiert die Hauptrichtung der Stadtentwicklung, die bis heute anhaltende Südwest-Expansion der Stadt und ihres Zentrums.

Zu Beginn der Industrialisierung, im "mechanischen Zeitalter", stand Berlin noch weit hinter den sächsischen Industriestandorten zurück. Auch an diese Zeit, zugleich die baukünstlerisch-landschaftsplanerische Blütezeit des Klassizismus, erinnern in Berlin nur wenige Gebäude und vor allem keine großräumigen Ensembles, man findet sie in den Potsdamer Vorstädten und Schloßanlagen (Glienicke).


Das wilhelminische Berlin und "Elektropolis"

Der Aufschwung zur bedeutenden Industriestadt setzte erst mit der "schweren Elektrotechnik", dem Bau der Werkzeug- und Fahrzeugmotoren, ein, unmittelbar gefolgt vom Anlagenbau der Nachrichtentechnik (Telegraph, Telephon). Berlin war auf dem Wege zur "Elektropolis". Ende der 20er Jahre war es der weltgrößte Standort der Elektrotechnik mit rund 260 000 Beschäftigten und zwei symbolischen Standorten: die AEG in Schöneweide im Osten und Siemensstadt im Westen der Stadt.

Das Bild der wilhelminische Ära der Stadtentwicklung - von etwa 1860 bis zum Vorabend des 1. Weltkrieges - wird bis heute weithin von Hegemanns 1930 erschienenem Buch "Das steinerne Berlin. Die Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt" geprägt, einem durchgängigen "Verriß" der imposanten baulichen und sozialen Leistungen der Kaiserzeit.


Mehr als eine Anhäufung von Mietskasernen

Berlin war aber mehr als eine Anhäufung von Mietskasernen. Es erweiterte sich in einer kompakten Bebauung von Wohn- und Arbeitsstätten, ergänzt längs der Spree und der Bahnen durch große Industrieareale. Sie werden zusammen als "Wilheminischer Ring" bezeichnet. Außerhalb des Ringes entstanden, insbesondere im Südwesten in Richtung zur Residenz Potsdam, die heute weithin unter Denkmalschutz stehenden Villenkolonien und darüber hinaus große, oft flächendeckend zusammenhängende infrastrukturelle Einrichtungen vielfältiger Art, darunter die Rieselfelder, Heilanstalten, Lehrgüter usw. Außerdem wandelte sich die Innenstadt zur "wilheminischen City". Die barockzeitliche Friedrichstadt, ursprünglich überwiegend ein Wohngebiet, und die östlich angrenzenden Teile von Alt-Berlin wurden durch sechsgeschossige Büro- und Warenhäuser in Stahl- und Stahlbetonkonstruktionen ersetzt. Die städtebauliche Form dieser wilheminischen City bildete in den für die heutige Gestalt entscheidenden Planungsjahren 1990-1993 das Vorbild.

Im Südwesten der Stadt wurden aber bereits damals im Wissenschaftspark Dahlem die Standorte von Forschung und Entwicklung außerhalb der Universitäten konzentriert.

Aus der wilhelminischen Zeit stammen ferner der innere Bahnring (der heutige S-Bahn-Ring) und die die Stadt von Ost nach West querende Stadtbahn (die unterirdische Nord-Süd-S-Bahn kam erst 1937 hinzu). Sie bilden das Grundgerüst für den Regionalverkehr der Gegenwart, und die Kreuzungen sind heute planerisch als zukünftige Entwicklungsschwerpunkte vorgesehen.


"Moderne" Industriestadt und europäische Metropole

Berlin war bereits in den beiden Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg zu einer der europäischen Metropolen, zu einer Weltstadt aufgestiegen. Der Ausgang des Krieges änderte daran nichts, die Glanzzeit setzte sich nach kurzer Unterbrechung fort.

Eine Zäsur in der räumlichen Entwicklung folgte erst 1925/27. Es entstanden die Großwohnanlagen in Zeilenbauweise. Die wichtigsten Rahmenbedingungen waren die Neufassung der Bauordnung, die Hauszinssteuer und die Schaffung gemeinnütziger Wohnungsbaugesellschaften. Darüber hinaus begann mit der Elektrifizierung der Stadtbahn in den endzwanziger Jahren das Zeitalter des weiträumigen Personenmassentransportes und damit des weitflächigen Siedlungswachstums über die administrative Grenze hinaus. Zwischen 1927 und 1943, d.h. in nur anderthalb Jahrzehnten, wurde ein erheblicher Teil der umgebenden Provinz an die Arbeits- und Einkaufsstätten der Großstadt angebunden.

In Berlin wurde damals auch der Grundstein für die spätere und über Jahrzehnte bestimmende Form des Stadtwachstums gelegt: Man experimentierte 1927 bereits mit "Platten" für den Wohnungsbau.

In der Stadt und ihren Randgemeinden, vor allem im Südwesten, waren zahlreiche wichtige Erfindungen des 20. Jahrhunderts zu lokalisieren, so die Kernspaltung, Funk und Fernsehen, die automatisierte Rechentechnik und die rasch aufeinander folgenden Leistungssteigerungen der Luftfahrt, die vor allem auf Forschungen der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Adlershof beruhten, an die heute nur noch der Betonmantel des Windkanales erinnert.


Der Wirtschaftsraum "Berlin-Brandenburg-Mitte" entsteht

In der nationalsozialistischen Zeit brachten die dezentralen Industrieinvestitionen in den umliegenden größeren Städten der Kurmark zahlreiche neue Arbeitsplätze in modernen Werken, sinngemäß eine vierte Randwanderung der Berliner Industrie und die Erweiterung zum Wirtschaftsraum "Berlin-Brandenburg-Mitte".

Die nahräumliche arbeitsteilige Verflechtung umfaßte beispielsweise in der Flugzeugproduktion die Forschung und Entwicklung in Adlershof, die Finanzierungsinstitutionen und die staatliche Industrieförderung in der City, den Zellenbau in Potsdam-Babelsberg und Oranienburg, den Motorenbau in Johannistal und Ludwigsfelde und die Funktechnik in Kleinmachnow.

Diese wirtschaftsräumliche Situation ist m.W. bisher nicht zusammenfassend dargestellt worden, denn sie war zur NS-Zeit geheim, und in der DDR war dieser Aufschwung tabu. Die damals geschaffenen Werke sind nach 1945 nicht nur demontiert, sondern oft sind auch ihre Bauten gesprengt worden. An die genannte Erweiterung des Wirtschaftsraumes erinnern noch Werkswohnanlagen, wie in Oranienburg, in Brandenburg oder in Ludwigsfelde und Eberswalde.

Die Position Berlins im deutschen Wirtschaftsraum wurde seit Mitte der dreißiger Jahre mit der Zentrierung des Autobahn- und Luftverkehrsnetzes auf die Stadt bestärkt. Baulicher Ausdruck derselben waren der damals begonnene Autobahnaußenring und der damals weltweit größte und auch über Jahrzehnte modernste Zentralflughafen in Berlin-Tempelhof.

Die Siedlung Berlin hatte sich bis 1945 weit über die Grenzen von "Groß-Berlin" 1920 ausgeweitet. Sie hatte sich in etwa verdoppelt. In den Siedlungsbändern längs der Bahnlinien wurden bis in die endvierziger Jahre große Flächen parzelliert, oft mit bescheidenen Bauten besetzt ("aufgesiedelt"), meist nur mit unbefestigten Wegen und Strom erschlossen. Es entstanden "wilde Siedlungen" für freiwillige und unfreiwillige Ruheständler, Wochenpendler und für Beschäftigte in den vor der Stadt liegenden großen Arbeitsstätten (z.B. der Stahlwerke in Hennigsdorf). Das angrenzende sogenannte Randsiedelgebiet war vielgestaltig - vom Behelfsheim des Wochenpendlers bis zu den Villen neben der Ufa-Stadt in Babelsberg.


Die zerstörte Stadt

Abweichend von der geläufigen Einteilung -1945 Kapitulation und 1961 Mauerbau - sind in der Raumentwicklung zunächst die Phase der Zerstörungen, beginnend 1943 und anhaltend bis in die endfünfziger Jahre, und danach diejenige der Teilung des Wirtschafts- und Ballungsraumes zu unterscheiden, die 1945 begann und im wesentlichen zwischen 1948 und 1952 durchgesetzt worden ist.

Die Stadtzerstörung setzte mit den Bombardements 1943 ein. Sie zielten auf die "Straße der Reichsregierung", die Wilhelmstraße, die östlich des für die anfliegenden Verbände leicht erkennbaren Tiergartens lag. Das systematische Flächenbombardement der Wohngebiete erfaßte auch die angrenzende Berliner Innenstadt und wenige Tage vor Kriegsende die Altstadt von Potsdam sowie eine einzige militärisch bedeutsame Anlage: die Westalliierten planierten die vermutete Atomwaffenentwicklung in den Auerwerken in Oranienburg kurz vor deren Einnahme durch die Rote Armee; heute noch werden mehrmals im Jahre Straßenzüge evakuiert, um Bomben zu entschärfen.

Es folgten die Demontagen, die im Hinblick auf die weitere räumliche Entwicklung deutlich zu unterteilen sind: Abbau der Produktionsanlagen, vorrangig der Luftfahrt- und Nachrichtentechnik, ferner Abtransport der Forschungs- und Entwicklungsbasis einschl. der Patente, Laboreinrichtungen und vor allem der Personen des Forschungs- und Entwicklungssektors, die zur weiteren Arbeit und zur Weitergabe ihrer Kenntnisse in die Sowjetunion überstellt wurden.

Trotz Demontagen und Werkssprengungen haben die verbliebenen infrastrukturellen Vorgaben aus der genannten Randwanderung und das Potential der zu Beginn der 50er Jahre zukehrenden Spezialisten als Standortvorteil innerhalb des Ballungsraumes nachgewirkt.


Die Demontagen waren weitaus bedeutender als die Zerstörungen der Wohngebiete

Die Demontagen waren weitaus wichtiger als die menschlich leidvolleren und optisch eindrucksvolleren Zerstörungen der Wohngebiete, denn Berlin verlor dadurch seine industrielle und seine Forschungsbedeutung. Alle "modernen" und damit militärtechnisch und militärwirtschaftlich bedeutsamen Forschungs- und Produktionsanlagen wurden in den 50er Jahren jeweils im Süden der Teilstaaten angesiedelt. Berlin galt beiden Seiten - über die Einschränkungen des alliierten Status' hinaus - als unsicherer Ort. Die Stadt konnte daher keinen Anschluß an die Wirtschaftsentwicklung Europas finden.

Insgesamt waren die tragenden Funktionen der Stadt drastisch reduziert worden: als Standort von Forschung und Entwicklung, als bedeutende Industriestadt und als Zentrum der Wirtschaftsführung. Die verbliebenen Hauptstadtfunktionen reduzierten sich auf ein kleines Staatsgebiet - die DDR war erheblich kleiner als Preußen 1914. Berlin teilte das Schicksal von Wien und Budapest nach dem 1. Weltkrieg.

Der Stadt waren somit alle Grundlagen entzogen, um nur annähernd eine Bedeutung wie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zu erzielen.


Die geteilte Stadt

Die Teilung des Wirtschaftsraumes setzte unmittelbar nach Besetzung der Sektoren ein, denn die Befehle der Alliierten über die weitere wirtschaftliche Tätigkeit waren untereinander unvereinbar. 1948 folgte die sowjetische Blockade West-Berlins. Sie blieb erfolglos, denn die Westalliierten demonstrierten ihre Überlegenheit mit der bekannten Luftbrücke. Da der Westteil nicht einnehmbar war, mußte er ausgegrenzt bzw. räumlich umgangen werden. Der Bau der Umgehungswege begann mit dem Havelkanal und dem Eisenbahnaußenring (um West-Berlin und durch Ost-Berlin), als letzter wurde 1981 der Autobahnaußenring geschlossen. Darüber hinaus endete die erwähnte weit ausgreifende Aufsiedlung im Vorfeld der expandierenden Reichshauptstadt 1950, als den West-Berlinern das Betreten ihrer Parzellen im Umland untersagt wurde. Der Wohnungsbau im Ostteil wurde dagegen auf den mehrgeschossigen Mietwohnungsbau ausgerichtet, so daß seit den 50er Jahren fast ein halbes Jahrhundert die Suburbanisierung nur innerhalb der vorausgehenden Aufsiedlung verblieb.

Zur räumlichen Teilung zählte ferner, daß das Politbüro, d.h. die defacto-Regierung, vorsorglich aus dem unter alliiertem Status stehenden Ost-Berlin ausgelagert wurde. Man zog in die Wohnsiedlung Wandlitz. Benachbart befanden sich das Ministerium für Verteidigung, die Luftkontrolle des Warschauer Paktes bei Strausberg usw., so daß sich im Nordosten vor den Toren der Hauptstadt zahlreiche hauptstädtische Standorte konzentrierten. Nach diesen Vorbereitungen war das sowjetische Berlin-Ultimatum 1958 der letzte Versuch, den Westteil einzunehmen. Sein Mißerfolg ließ nur noch die Schließung der Grenze zu, um die verbliebene, aber wirtschaftlich entscheidende grenzübergreifende Abwanderung zu unterbinden. Vergleichsweise unbedeutend waren die Pendelwanderer die man auf 60 000 bis 75 000 Personen schätzt (ca. 15 000 nach Ost-Berlin).

Die Grenzschließung im August 1961 unterbrach vor allem persönliche Bindungen, ferner die kulturellen und die Einkaufsbeziehungen. Die "Mauer" stand im übrigen nicht auf der durch Kataster festgelegten Grenze der Stadtbezirke, nach denen Berlin in Sektoren unterteilt worden war, sondern je nach örtlicher Zweckmäßigkeit mehrere Meter DDR-einwärts.


Zwischen 1970 und 1988 ein "geordnetes Nebeneinander"

Die räumliche und städtebauliche Gestaltung der beiden Teilstädte verlief trotz "Mauer" beiderseits in den gleichen Bahnen der europäischen Entwicklung, abgesehen von der vielfach dargestellten Frontstellung zwischen dem "modernen, westlichen" Bauen im Hansaviertel und der klassisch-städtebaulichen Komposition der Stalinallee zu Beginn der fünfziger Jahre. So wird vor allem "die Platte" immer wieder - und fälschlich - als etwas DDR-Spezifisches bezeichnet, obwohl sie auch in den West-Berliner Großwohnanlagen zeitgleich mit der Durchsetzung der industriellen Bauweise in Ost-Berlin verwendet worden ist. Sie ist im Ostteil nur 1965-85 in einem stadtbildprägenden Ausmaß verwendet worden. In beiden Teilstädten verlagerte sich vor allem die Wohnbevölkerung aus den Innen- in die Außenbezirke. Ost und West wichen im Verhältnis von Eigenheimen zum Geschoßwohnungsbau voneinander ab.

Gemeinsam ist ferner die Bedeutung der "funktionellen Moderne" im Stadtzentrum: in West-Berlin das Europecenter,l in Ost-Berlin der Alexanderplatz mit dem Bereich Fernsehturm.

In den rund vier Jahrzehnten seit der erwähnten Unterbrechung der Suburbanisierung hatte sich das frühere Umland Berlins in die beiden Stadtregionen Berlin (Ost) und Potsdam unterteilt. Beide dehnten sich räumlich kaum aus, denn der Wohnungsbau konzentrierte sich im mittleren Brandenburg auf die kompakten Großwohngebiete dieser beiden Städte.

In den Jahren des "geordneten Nebeneinanders" zwischen 1970 und 1988 haben sich die grenzübergreifenden Wirtschaftsverbindungen auf wenige Produkte beschränkt. West-Berlin bezog vor allem rund Dreiviertel des Bedarfes an Benzin und Diesel sowie Baustoffe und leitete die Abwässer, später auch den Müll, ins Umland. Es gab, wie bereits hervorgehoben, keinerlei Kooperation in den modernen- und damit militärwirtschaftlich bedeutsamen - Wirtschaftszweigen.

Während der Teilung erzielten weder West- noch Ost-Berlin einen Lagevorteil als Drehscheibe nach Ost bzw. nach West. Der westliche Teil war in seiner Bedeutung auf das Niveau der großen Regionalzentren der Bundesrepublik gesunken, dessen Einflußbereich sich deutlich auf den Norden des Staatsgebietes begrenzte. Ost-Berlin war zwar eine Führungsposition analog zu derjenigen der früheren Reichshauptstadt verblieben, aber nur innerhalb des Staatsgebietes - unter den osteuropäischen Hauptstädten war sie mit der früheren nicht entfernt vergleichbar.

Der politische Kampf ließ manche Gemeinsamkeit übersehen, insbesondere, daß beide "Fronststädte" reichlich mit Fördermitteln aller Art bedacht wurden. Dazu zählten die gesetzlichen Sonderregelungen, finanziellen Beihilfen, Bürgschaften, direkten Materialzuweisungen und Lohnzulagen, die Förderung von Planungsabläufen und vor allem die Aufmerksamkeit im politischen Entscheidungsprozeß. Beide Teilstädte brachten daher eine Anzahl "gedoppelter" Standorte in das vereinte Berlin ein, insbesondere Theater und Sendeanstalten. Ost-Berlin erzielte vor allem langjährig den größten Wanderungsgewinn im Staate, und dadurch hatte die Millionenstadt einen natürlichen Bevölkerungsüberschuß - während der Westteil stets unter einem Sterbeüberschuß litt.


Städtebauliche Kontinuitäten 1933-1990


Über die skizzierte Zerstörungsphase hinweg gab es vom Antritt der Nationalsozialistischen Regierung bis zum Ende des "Realen Sozialismus'" im Hinblick auf die Stadtgestaltung viele Gemeinsamkeiten.

Dazu zählten neben der Wirtschaftsplanung vor allem die defacto-Aufhebung des Bodenpreises bzw. der Lagerente. Der Bodenpreisstop von 1936 galt bis 1990 und ab 1945 "unter Berücksichtigung der Kriegsfolgen". Er fand seine ethische Begründung in der Kritik am arbeitslosen Einkommen der Grund- und Lagerente und darüber hinaus in Berlin in dem - in der Reichshauptstadt besonders hohen - jüdischen Anteil am Grundeigentum .(einschl. Gesellschaftsbesitz, Hypothekarbelastungen usw.). Die Verfügung über die innerstädtischen Flächen war ferner eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Realisierung der "Achse Berlin", d.h. für den Vorrang städtebaulich-kompositorischer Gestaltung vor den Maßzahlen der Grundstücksausnutzung. Das national- und das realsozialistische Konzept der genannten Achse - genauer: einer platz-achsialen Struktur - unterscheidet sich nur in zwei Aspekten: Das erstere war weitaus größer dimensioniert und Nord-Süd gerichtet, letzteres konnte realiter nur kleiner ausfallen und mußte, im verbliebenen sowjetischen Sektor gelegen, die östliche Stadthälfte anbinden - also Ost-West gerichtet sein. Der Bau begann in den fünfziger Jahren mit der Stalinallee, setzte sich in den sechziger Jahren mit dem Bereich Fernsehturm fort und endete in den endsiebziger Jahren mit der Anlage des Marx-Engels-Denkmales. In ihrer städtebaulichen Form steht diese Achse in der Tradition des europäischen Städtebaus, in der architektonischen Form ist sie zwischen Alex und (dem bereits wieder abgerissenen) Außenministerium Zeugnis der sog. "optimistischen funktionalen Moderne" (und daher heute "völlig out").

Sie ist die einzige städtebaulich-kompositorisch geschlossene Umgestaltung eines europäischen Stadtzentrums im 20. Jahrhundert. Der Standort des Fernsehturmes in der Stadtmitte spiegelt die Bedeutung der vierten Gewalt und ist damit Symbol für eine der Grundlinien der gesellschaftlichen Entwicklung unseres Jahrhunderts. Die Achse Berlin ist als Baumasse weniger und als städtebauliche Komposition mehr als die Achse in Paris zum Grand Arc. Doch im Gegensatz zu Paris interessieren heute in Berlin an dieser Konfiguration nur die freien Flächen als potentielles Bauland.

Der nationale und der reale Sozialismus unterschieden sich in der Größe und in der Struktur der geplanten bzw. gebauten Großwohngebiete nur graduell, vor allem in der Bebauungsdichte durch das Verhältnis von Mehrfamilien/Mietwohnungsbau zu Eigenheimen. Die NS-Variante ist in den genannten Industriestädten der Kurmark zu finden.

Weitere Merkmale sozialistischer Raumgestaltung waren eine vergleichsweise ausgeglichene Versorgung mit Wohnfläche je Haushalt und die Ausstattung mit infrastrukturellen Einrichtungen im Wohnumfeld anhand von Richtwerten.


Nach der "Wende" vor allem: gewaltige Bevölkerungsbewegungen

Die "Wende" - übergreifender Begriff für politischen Umbruch, für Grenzöffnung und Beitritt der DDR zur Bundesrepublik - bewirkte für Berlin neue Wanderungsströme, verstärkte Deindustrialisierung, erhebliche Veränderungen im Bodeneigentum, neue Hauptstadtfunktion und Wandlungen in zahlreichen Stadt-Umland-Beziehungen (letztere bleiben hier unbeachtet).

Einige der auch gegenwärtig noch bedeutsamen Entwicklungen setzten in Berlin bereits vor der Öffnung der Grenze (November 1989) ein. Ab 1987 trafen im Westteil Tausende von polnischen Aussiedlern ein - Deutsche in allen Abstufungen tatsächlicher Abstammung. Ab Ende 1988 folgten Umsiedler aus der DDR. Nach der "sowjetischen Wende" 1986 setzte ferner die Zuwanderung osteuropäischer Juden ein (sog. Kontingentflüchtlinge).

Zwischen Grenzöffnung und Beitritt haben sich in der damals unsicheren Zeit aus Ost-Berlin und der Umgebung schätzungsweise 50 000 Personen rasch nach Westen abgesetzt. Die Abwanderung setzt sich abgeschwächt bis heute fort. Sie entzieht dem gesamten Nordosten der Bundesrepublik, gleichermaßen auch Berlin und seinem weiteren Umland die Qualifizierten, Engagierten, Zuverlässigen und nicht nur die Hochbegabten, sondern vor allem auch den "soliden Mittelbau". Ihre Rückwanderung ist wohl erst im Rentenalter zu erwarten.

Der zusätzliche drastische Rückgang der Geburten bestärkt die negative natürliche Bevölkerungsentwicklung, die selbst dann erst in Jahrzehnten ausgeglichen werden könnte, wenn heute erheblich bessere Rahmenbedingungen in der Region geschaffen würden. Sie bildet den wichtigsten - negativen - Entwicklungsfaktor für Berlin und den Nordosten Deutschlands.

Die größte Zuwanderung kommt "aus dem Osten", d.h. aus und über Osteuropa und umfaßt mehrere Gruppen. Dazu zählen die i.d.R. unausgebildeten Wirtschaftsflüchtlinge, zu denen entgegen offizieller Lesart z.B. auch die Balkanflüchtlinge rechnen. Der Gesamtumfang ist nicht sicher bekannt, dürfte aber erheblich über allen offiziellen Angaben liegen. Sie konzentrieren sich räumlich auf die Stadt und insbesondere ihren östlichen Teil. Die "reichen Russen" in Charlottenburg sind zwar auffällig und zahlungskräftig, aber wohl nur wenige. Weiterhin sind die erwähnten jüdischen Zuwanderer zu nennen, oft sinngemäß Rückwanderer aus Israel in Richtung Osteuropa, da sie von Berlin aus ihren Geschäften in Osteuropa nachgehen, und die regulär (und irregulär Schwarz-)Beschäftigten, vor allem der Baubranche. Letztere kommen vor allem aus den westeuropäischen einkommensschwachen Regionen, insbesondere aus Irland und Portugal.

Eine deutliche räumliche Konzentration und primäre Ghettobildung ist bisher nur bei der größten Gruppe der ausländischen Zuwanderer zu beobachten, den fast 200 000 Türken. Sie haben sich - entgegen allen vorübergehenden Zu- und Umzugsbeschränkungen - weit über das früher als vertraglich angesehene Konzentrationsmaß (etwa 7-10 % eines Bezirkes) konzentriert und bilden Viertel, die in der Regel mehrere Baublöcke umfassen.

Der Gesamtumfang der Zuwanderung und der zeitweiligen Arbeitspendler ist unbekannt, und diese Fragen sind im übrigen de facto politisch tabu.

Eine Zuwanderung an qualifizierten Arbeitskräften ist vorerst noch gering, und sie wird erst nach dem Umzug des Bundestages und der Bundesregierung erwartet. Es ziehen aber, soweit bisher absehbar, keine Konzernleitungen "nach dem Osten", und die Bundesbediensteten, Parlamentarier ebenso wie Ministerialräte und Angestellte fügen sich nur widerwillig der Hauptstadtentscheidung.

In diesem Zusammenhang ist ergänzend zu erwähnen, daß das oft zitierte "Toleranz"-Edikt von Potsdam 1685, auf dessen Grundlage zahlreiche protestantische Glaubensflüchtlinge nach Berlin und in die umgebende Mark Brandenburg einwanderten, eine professionelle Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte war, die einen Mindestkapitalnachweis erbringen mußten.


Die starke Abnahme von Industriebeschäftigen läßt von Deindustrialisierung sprechen

Berlin fand im letzten Jahrzehnt internationale Beachtung: Grenzöffnung, Hauptstadtentscheidung, Bauwettbewerbe, Grundsteinlegungen, Baustellenrekorde und erste Eröffnungen - doch angesichts der generellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist die Realisierung bzw. Nutzung vieler Bauvorhaben gegenwärtig unsicher. Die Situation ähnelt derjenigen der Londoner Docklands, sinngemäß ein ähnlich dimensionierter Vorgänger in der Umgestaltung europäischer Großstädte: So wie sich dort die alte City neben dem Neuen behaupten konnte, so wird die City West/Kurfürstendamm gegenüber dem Bereich Friedrichstraße/Potsdamer Platz bestehen. (Die Ortsbegriffe können irritieren: Der sog. "Neue Westen" am Zoo ist heute die "alte" Vor-Wende-City, und die alte, wilhelminische City ist nun das "neue Zentrum".)

Für die Stadtentwicklung sind darüber hinaus die im folgenden skizzierten weiteren Aspekte bedeutsam.

Berlin ist die größte Industriestadt zwischen Moskau und Paris, doch die Zahl der industriell Beschäftigten nimmt über die bekannten generellen Trends des Sektorenwandels und die konjunkturellen Einflüsse hinaus seit 1990 stetig ab. Hierfür sind der Ausfall der Ostmärkte, die Stillegung aufgekaufter Ostkonkurrenzstandorte durch Westfirmen, der Wegfall der (West-)Berlinförderung und im übrigen auch - schätzungsweise für ein Viertel der Beschäftigtenabnahme -statistische Effekte (z.B. organisatorische Ausgliederung sozialer Betriebsbereiche) zu nennen.

Die Industriebeschäftigten (verarb. Gewerbe) haben sich in Berlin von rund 360 000 (1988) auf 160 000 (1996) verringert, darunter im Ostteil von 190 000 auf 35 000, d.h. auf nur noch rund 20 %. Im Ballungsraum, d.h. einschließlich der Industrievororte wie Hennigsdorf, Wildau usw., ist die Situation gleichartig.

Die räumlichen Strukturen sind trotz dieses Rückganges kaum verändert worden: Die Alt-Industriegebiete wurden planungsrechtlich ab 1992 geschützt, man befürchtete ihre Umwandlung zu großen Bürostandorten. Im Umland entstanden nur einige neue Industriestandorte. Sie erklären nur ca. 7 % der genannten Abnahme. Alle Gewerbeparks, darunter einer der größten Europas in Genshagen, sind weit überwiegend Logistikzentren. Insgesamt verfügt der Ballungsraum Berlin über das größte Angebot neuer Gewerbeflächen und wohl auch über die größte Flächenreserve in den klassischen Industriegebieten, denn selbst Siemens versucht in der Siemensstadt, weitere Betriebe auf brachfallenden Flächen einzuwerben.

Einen weiteren umfangreichen Verlust an Arbeitsplätzen bewirkte die "Abwicklung", d.h. die geordnete Auflösung zahlreicher hauptstädtischer und staatszentraler Einrichtungen der DDR. Dazu zählten neben dem Parteiapparat - d.h. sinngemäß der Referentenebene der Ministerien -, dem Sektor öffentliche Sicherheit und Militär (der auf 120 000 Personen in Ost-Berlin geschätzt wurde) auch Akademien, naturwissenschaftliche Forschungsinstitute, Verlage usw.

Berlin hat somit aufgrund des Beitrittes einen erheblichen Verlust an Arbeitsplätzen erlitten. Er ist im großen Umfange durch die Expansion der Dienstleistungen in beiden Teilen, vor allem im früheren Ostteil des Ballungsraumes, darüber hinaus auch durch Abwanderung, durch Vorruhestand, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen usw. ausgeglichen worden.

Als besonderes Problem wird - schon seit geraumer Zeit - der geringe Anteil der produktionsbezogenen Dienstleistungen hervorgehoben. Er war und ist bis heute eine Folge der eingangs erwähnten Demontagen und Funktionsverluste sowie der Lageungunst der alliierten Stadt.


Ein bedeutender Medienstandort

Demgegenüber hat eine Branche vergleichsweise unauffällig deutlich zugenommen: Im Medienbereich (einschl. Multimedia usw.) sind gegenwärtig schätzungsweise 70 000 - 100 000 Personen beschäftigt, d.h. wesentlich mehr als bei der Firma Siemens (20 000 im Ballungsraum). Standörtlich umfaßt diese Branche neben einem unüber- sichtlichen Geflecht kleinster, rasch fluktuierender Firmen ohne erkennbare Konzentration innerhalb der Innenstadt die beiden historisch begründeten großen Standorte Babelsberg (Ufa-Stadt) und Adlershof (ehem. DDR-Fernsehen) und darüber hinaus die Konzentration der Redaktionen in der Friedrichstadt, d.h. in der künftigen Nähe zu Regierung und Verbänden.

Die Medienbranche ist unscharf begrenzt, und zu ihr können auch Arbeitsstätten in den für Berlin gegenwärtig und absehbar weiterhin wichtigsten Bereichen der Kongresse und der Kultur (einschl. Messen) gerechnet werden. Das ist im Stadtbild am enormen Ausbau des Messegeländes am Funkturm erkennbar. Davon profitieren vor allem die Westcity, ihre Hotels, Kultur- und Unterhaltungsstandorte. Die kulturelle Bedeutung reicht weit über die Zahl der Theater hinaus, sie liegt in den vielen Facetten der sog. "U(Unterhaltungs-) Kunst" begründet, und nur in diesem Sektor kann Berlin mit Paris, London und New York konkurrieren.


Die gegenwärtige Bauentwicklung wird stark von Kapitalgesellschaften bestimmt

Eine weitere bedeutende Randbedingung der gegenwärtigen Stadtentwicklung ist die Restitution auf das Jahr 1933. Sie umfaßt nicht nur das Bodeneigentum, sondern auch die Hypothekarbelastungen usw. Ein vermutlich hoher Anteil entfällt auf jüdische Forderungen. Über diese Besitzverhältnisse liegen m.W. keine zuverlässigen Angaben vor. Das zuständige Amt für offene Vermögensfragen verweigert öffentlich die Information, sie sei "aus den bekannten Gründen nicht möglich". (Es dürfte sich im Stadtzentrum um Grundwerte von schätzungsweise 2-3 Mrd. DM handeln.)

Nach der Restitutionsentscheidung 1990/91 wurde daher die erwähnte jüdische Zuwanderung breiter. Die Gesamtzahl liegt vermutlich deutlich höher als die - meist zur Kennzeichnung verwendete - Mitgliederzahl der israelitischen Kultgemeinde. Sie kehren u.a. als Anteilseigner an den Kapitalgesellschaften des Stadtzentrums wieder, und daher ist die weithin sichtbare neuvergoldete Kuppel der Zentralsynagoge nicht nur ein historisches stadträumliches Zeichen.

Für die raumstrukturelle Entwicklung ist wichtig, daß die früheren Eigentümer nur in einigen wenigen Fällen selbst investieren. Sie verkaufen oder übertragen ihre Anteile den Fonds-, Kapital- und Investmentgesellschaften, die ihrerseits Immobilienentwicklungsgesellschaften (Developper) die stadträumlich bedeutsame, weil oft ganze oder halbe Baublöcke umfassende Gestaltung der Bauten und der Nutzungsverhältnisse übertragen bzw. sie als ein Fertigprodukt einschließlich der Mietverträge herstellen. Dadurch wird eine der in den Zentren der Weltstädte gegenwärtig vorherrschenden Entwicklungen in einem Umfange begünstigt, der über das Maß deutlich hinausgeht, das in Berlin aufgrund seiner vergleichsweise nachrangigen Stellung unter den Weltstädten zu erwarten wäre.

Eine weitere, 1990 bis 1996 nur kurzfristig gültige, aber raumstrukturelle bedeutsame Rahmenbedingung war die steuerliche Begünstigung der Bauvorhaben im früheren Ostteil des Ballungsraumes (Sonderabschreibung: AfA). Sie bekräftigt die genannte Ablösung des klassischen Einzeleigentümers durch Kapitalgesellschaften und damit die Ablösung der Bau- und Nutzungsentscheidungen von den lokalen Bedingungen. Aus Gründen des Steuervorteiles wurden Investitionen in großem Umfange in den Mietwohnungsbau (insbesondere im Umland) und in den Bürobau (im Stadtzentrum) gelenkt. Diese Vorgänge werden oft als eine Verselbständigung finanzwirtschaftlicher Strategien gegenüber der realen örtlichen Situation beschrieben. Das Stadtzentrum Berlins wurde dadurch schlagartig und in Vorlauf zur erhofften Bedeutung unter den europäischen Zentren in den Trend der sog. "Casino-Ökonomie" einbezogen. Die "auf Halde gebauten" Büroflächen sind ferner ein Ausdruck der kurzfristigen euphorischen Erwartungen auf den Bedeutungsgewinn Berlins.

Eine Ausnahme bildet das Engagement des Merceds-Benz-Konzerns am Potsdamer Platz, das vor allem aus dem Wirken des langjährigen Chefs, Edzard Reuter, verständlich ist (Sohn des bekanntesten Bürgermeisters der Nachkriegszeit). Er gehörte zur Gruppe derjenigen Wirtschaftsführer, die diese Standortentscheidung mit Signalwirkung aus ethischer und nationaler Verantwortung getroffen haben.


Insgesamt ist die Stadt nach dem 2. Weltkrieg an den Rand gerückt

Die Lage im heutigen Stadtsgebiet ist wesentlich ungünstiger als die frühere innerhalb des Deutschen Reiches. Die Grenze liegt 40 km östlich der Vororte. Diese Situation ähnelt derjenigen von Wien - nur: dort folgt in kurzem Abstand eine Hauptstadt, die gemeinsam mit Budapest ein beliebtes Angebot im internationalen Städtetourismus unterbreiten kann.

Die Lage innerhalb Europas ähnelt derjenigen von Paris. Beide befinden sich je 500 km abseits der Zentrallinie, die von London über die Rheinachse nach Oberitalien verläuft.

Während Paris und London eng und vielfältig verbunden sind, steht Berlin außerhalb eines derartigen Zusammenhanges. Für die Stellung unter den europäischen Zentren ist entscheidend, daß in der Stadt keine national oder international bedeutsamen Institutionen der monetären Steuerung der Gesellschaft residieren (Banken, Versicherungen, Fondsverwaltungen usw.). Es ist bisher auch kein Zuzug von derartigen Zentralen absehbar. Berlin wird ferner Hauptstadt in einer Phase, in der die zunehmende organisatorische Verflechtung und Konzentration der Unternehmen ohne standörtliche Zusammenfassung verläuft, und um die Standorte der vergleichsweise kleinen Führungszentralen kann Berlin kaum konkurrieren. Mercedes-Benz und Sony lokalisieren nur eine Sparte bzw. eine Regionalzentrale ihres Unternehmens am Potsdamer Platz.

Darüber hinaus tritt Berlin in die Konkurrenz unter den führenden Städten Europas praktisch ohne jede politische Rückendeckung ein. Die erneute Bestätigung als Hauptstadt eines der wirtschaftsstärksten und leistungsfähigsten Staaten der Erde und des Finanziers der Europäischen Union erfolgt in einer Zeit, die als eine der "Demissionierung des Nationalstaates" - zugunsten der EU, des Internationalen Währungsfonds (IMF), der Weltbank usw. - apostrophiert wird. Die Standorte der Euro-Bürokratie sind allerdings vergeben.

Als besondere Lagegunst Berlins wird in fast allen politischen Ausführungen seit der "Normalisierung" 1970 diejenige als Ost-West-Drehscheibe hervorgehoben. Die Aussagen waren stets nur Hoffnungen oder Deduktionen, weil Berlin auf halben Wege von Warschau nach Paris liegt. Das ist jedoch weniger als eine Flugstunde Unterschied. Der Osthandel rollt auf dem südlichen Autobahnaußenring an der Stadt vorbei. Er ist einer der größten Warenströme Europas, doch ohne Standorteffekt für Berlin.

Berlin konkurriert nicht nur, und in erster Linie, mit Wien um eine Mittlerrolle, sondern mit London (Abwicklung aller Kreditgeschäfte der EU mit Osteuropa), mit Paris und Brüssel, denn dort fallen die Entscheidungen der EU-Ostpolitik über die entsprechenden Fonds. Die tatsächliche Bedeutung Berlins besteht in zahlreichen kleinen, nicht-offiziellen und oft nur sehr bescheidenen, doch sehr vielfältigen Beratungs- und Kooperationseinrichtungen, die in der Summe wahrscheinlich beachtenswert sind. Ein zuverlässiger Überblick existiert nicht.


Doch immerhin die erste große "westliche" Metropole - vom Osten her gesehen

Darüber hinaus hat Berlin Bedeutung als internationale Einkaufsmetropole für Osteuropa, d.h. es kann bereits ein quantitativ eingrenzbares Segment der (Hochpreis-)Nachfrage beobachtet werden, das sich auf die entsprechenden Citybereiche konzentriert - bisher Westcity und Friedrichstraße, der Bereich Potsdamer Platz läßt eine erhebliche Zunahme der Gesamtnachfrage erwarten. Berlin setzt sich hier deutlich vom Niedrigpreis-Einkaufstourismus in der Mariahilfer Straße in Wien und vor allem in Istanbul ab.

In Verbindung mit dem skizzierten Medienschwerpunkt, der Stellung als Messe- und Kongreßstadt ergibt sich die bereits eingrenzbare und vermutlich zunehmende Bedeutung als erste große "westliche" Metropole westlich von Minsk, Lemberg, Krakow und selbst von Moskau.

Allerdings sind keine bedeutsamen Netzerweiterungen von Schiene und Straße in Richtung Osten absehbar, obwohl Berlin selbst zügig an die ehemals westdeutschen Netze angebunden wurde bzw. wird.

Die Hauptstadtfunktionen waren zwischen 1949 und 1990 nicht nur auf West- und Ost-Berlin verteilt, sondern darüber hinaus unter den großen Regionalzentren der Alt-Bundeslander. Aus letzteren ist bisher kein erheblicher "Bedeutungsabfluß" nach Berlin feststellbar. Berlin muß vielmehr auch gegenwärtig noch um Zuzug bedeutsamer Institutionen bitten, während sich Metropolen normalerweise ihrer Anziehungskraft erwehren müssen. Erst in absehbarer Zeit, wenn Bundestag und Bundesregierung am Ort uneingeschränkt arbeiten, erzwingen sie die ergänzenden Standorte des Diplomatischen Corps, der Medien und Verbände.


Das neue Regierungsviertel

Die neue Republik erhält ein neues Regierungsviertel. An der Wilhelmstraße, zwischen 1871 und 1945 die "Straße der Reichsregierung", verbleibt nur noch ein einziger Standort, das Finanzministerium. Das neue Regierungsviertel liegt westlich und nördlich des Reichstages, und die zur Nähe "in Hörweite" gezwungenen Standorte befinden sich in der angrenzenden Friedrichstadt. Insgesamt wanderte der Regierungsmittelpunkt der Hauptstadt vom Stadtschloß (konstitutionelle Monarchie) über die (Neue) Reichskanzlei in der Wilhelmstraße (von der kein einziger Stein erhalten blieb) zum Standort Spreebogen mit Reichstag und neuem Bundeskanzleramt. Für das neue Regierungsviertel gibt es, sieht man vom ohnehin erst 1906 erbauten Reichstag und von bedeutungslosen Objekten ab, kaum historische Standortbezüge.

Das verweist auf eine weitere Besonderheit der Stadtentwicklung: Berlin hat nur in belanglosem Umfange historische Bausubstanz, es gibt keine Ringsraße wie in Wien, keinen Boulevard und auch keine Wasserfront wie in Budapest, und beispielsweise erinnert nur ein einziges Theater an die oft zitierten goldenen Zwanziger (das Theater des Westens). Daher rühren die zahlreichen Bemühungen, Altes nachzubauen - sei es das Stadtschloß, das praktisch unbezahlbar oder nur als Fassade reproduzierbar ist oder die ernsthaft beabsichtigte Neuanlage kleiner Gassen in den Grünanlagen moderner Hochhausbebauungen (Fischerinsel).

Die skizzierte Spannweite der Situation - starke Stellung im Marktsegment Kommunikationsbranche im weitesten Sinne bei gleichzeitiger Bedeutungslosigkeit in der Finanzwelt, bedeutende Orte der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts gegenüber einem armseligen Altstadtbestand, die größte deutsche Stadt mit breitem Branchenspektrum inmitten des armen Nordostens und größte europäische Baustelle mit der größten Bürohalde usw. - diese Spannweite dürfte das wichtigste Attraktivitätsmerkmal der Region sein, und aus dieser Spannweite ist auch diejenige der Prognosen verständlich. Allein die mittelfristig erwarteten Bevölkerungsveränderungen schwanken zwischen -0,3 bis +1,5 Mio., d.h. fast in der Größenordnung der nächst bedeutsamen Ballungsräume in Deutschland.


Die räumlichen Entwicklungsperspektiven

Der Ballungsraum hat, gemessen an Einwohnerzahl und Ausdehnung, fast ein halbes Jahrhundert stagniert. Die Einwohnerzahl lag 1940 bei über 5 Mio., sank in der Folge des Krieges und der Teilung zunächst auf knapp 4 Mio. und ist seither auf etwa 4,3 Mio. angestiegen. So viele Einwohner lebten 1940 im Stadtgebiet selbst, in dem heute 3,5 Mio. gezählt werden, faktisch aber etwa 3,7 Mio. leben (einschließlich zeitweiliger Bevölkerung wie Bauarbeitern und Illegale). Es zeichnet sich keine räumliche Erweiterung des Ballungsgebietes ab, aber eine erhebliche weitere Intensivierung der städtischen Flächennutzung im inneren Teil des sog. engeren Verflechtungsraumes, d.h. in etwa innerhalb des Autobahnaußenringes. Sie umfaßt die seit 1990 rasch errichteten Einkaufszentren, Gewerbeparks und Eigenheimanlagen. Dieser Vorgang wird in der öffentlichen Debatte meist dramatisiert ("Zer-Siedlung"), dabei wird die bereits zu DDR-Zeit in anderen Formen abgelaufene Suburbanisierung durch Wochenendhäuser, Ferienheime, infrastrukturelle Großanlagen oder die erwähnten hauptstädtischen Standorte im Vorfeld Ost-Berlins (Wandlitz) übersehen. Dadurch entstehen zahlreiche Arbeitsplätze, wodurch die Ringstruktur des Ballungsraumes erheblich bestärkt wird. Es wiederholt sich die bereits in den enddreißiger Jahren beobachtbare Entwicklung, daß die Suburbanisierung der Arbeitsplätze derjenigen der Wohnorte vorgreift. Der Autobahnaußenring, zu dem es nach Lage und Form nur wenige Parallelen in den europäischen Hauptstädten gibt, bildet eine wichtige Leitlinie der Raumentwicklung.

Das Investitionsvolumen in Bauten und Anlagen konzentriert sich deutlich erkennbar auf den Süden des genannten inneren Teiles, und Potsdam wird (wieder) zu einem Vorort Berlins - trotz aller Versuche, eine eigenständige Großstadtentwicklung durchzusetzen. Die Entscheidung über den Ausbau Schönefelds zum Hauptflughafen ist ein Beispiel für diese Entwicklung, die sich auch im Bodenpreisniveau spiegelt. Im Nordosten (Karow) setzt sich dagegen der Bau von Großwohnanlagen fort, weil aus dem Wohnungsbauprogramm der DDR erhebliche infrastruktuelle Vorleistungen zu berücksichtigen sind.

Über alle politischen Zäsuren hinweg hält somit der Südwesttrend in der Stadtentwicklung Berlins an, sowohl des gesamten Ballungsraumes als auch innerhalb des Zentrums.


Literaturhinweise

Berlin-Handbuch; Das Lexikon der Bundeshauptstadt. 1992

Peters, G.: Kleine Berliner Baugeschichte. 1995

Ribbe, W. (Hrsg.): Geschichte Berlins. Von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart. 2 Bde. 1988

Schinz, A.: Berlin, Stadtschicksal und Städtebau. 1964.

Werner, F.: Ballungsraum Berlin, Raumstrukturen und Planungsvorstellungen. 1990