Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Wo Orientexpress und Moskauexpress sich kreuzen

Budapest: die wichtigste Stadt Ostmitteleuropas

Von Elisabeth Lichtenberger



Budapest: anders als Wien eine Stadt, die zur Donau hin ausgerichtet ist.
Aufnahme: dpa

Budapest kann man als eine Art Zwillingsschwester von Wien ansehen, war doch Budapest die Hauptstadt der ungarischen Reichshälfte des Habsburgerstaates. Die städtebauliche Konkurrenz ist am Stadtbild ablesbar. Beide Städte liegen an der Donau, der Flußlage sowie der damit verbundenen Verkehrslage wie strategischen Situation verdankt Budapest seine Bedeutung. Anders als Wien ist Budapest der Donau zugekehrt, an ihr ausgerichtet. Budapest ist erst seit 1872 eine Verwaltungseinheit. Die Siedlungsentwicklung erfolgte entlang von Segregationsprinzipien. Besonders markant ist die Stadt vom 19. Jahrhundert geprägt worden, zumal die Industrialisierung Ungarns weitgehend auf Budapest beschränkt blieb. Heute ist die Stadt vom Verfall gekennzeichnet, nicht zuletzt aufgrund einer verfehlten Mietpreispolitik. Auch die Aufteilung der Stadt in ziemlich selbständige Verwaltungsbezirke hat sich nicht als vorteilhaft erwiesen.
Red.


Im Schnittpunkt von Verkehrswegen von strategischer Bedeutung

Budapest ist die wichtigste Stadt in Ostmitteleuropa. Ihre Bedeutung geht wesentlich über die Rolle der Hauptstadt des Kleinstaates Ungarn hinaus. Dank der Position als Hauptstadt der ungarischen Reichshälfte der k. u. k. Monarchie wurde Budapest zur bedeutendsten Stadt östlich von Wien. Abgeschlossen von den Ressourcen Mitteleuropas durch den Eisernen Vorhang verlor die Stadt in der Nachkriegszeit an Bedeutung und versank in Provinzialität. Es gibt wenige Städte in Europa, deren Schicksal so mit einer über den eigenen Staat hinausgehenden großen Region verbunden ist.

Dabei bildet Budapest unter dem gegenwärtigen Namen eine relativ junge Stadt. Erst 1872 erfolgte der Zusammenschluß von Buda, Obuda und Pest. Die Anfänge einer städtischen Siedlung reichen allerdings weit zurück, auf dem Gellert Berg bauten bereits die Kelten eine Höhensiedlung, welche zur Zeit von Christi Geburt von den Römern erobert wurde. Am Donauufer entstand die Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia Inferior, Aquincum, deren Bevölkerungszahl rund 20.000 Menschen betrug. Ostgoten und Hunnen ersetzten in der Völkerwanderung die römische Bevölkerung, weitere ethnische Gruppen folgten im Zuge der großen Westbewegung von Gepiden, Langobarden und Awaren. Die Magyaren erkannten im 9. Jahrhundert rasch die strategische Bedeutung des Burgplatzes. Im Mittelalter gewann Pest die Struktur einer europäischen Bürgerstadt und Buda die Funktion einer königlichen Residenz. An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zählte Budapest 12.000 bis 15.OO0 Einwohner, Pest etwa 10.000 Einwohner, während in Obuda nur 2.000 bis 3.000 Personen lebten. Budapest war damit als Agglomeration etwa gleich groß wie Wien, Prag und Krakau.

Auf dem Balkan gab es kein städtisches Zentrum vergleichbarer Größe. Die wirtschaftliche Bedeutung verdankte die Stadt der Position an der Donau und bedeutenden Handelswegen von Norditalien, Bayern und Österreich. Im Handel trafen sich deutsche Bürger mit Armeniern, Griechen und Arabern. Die kulturelle Rolle von Budapest erreichte unter König Matthias den Höhepunkt, der 1395 die Universität gründete. Nach der Schlacht von Mohacs 1526, bei de der ungarische König gefallen war und wonach Ungarn gemäß dem Erbvertrag an die Habsburger hätte kommen sollen, geriet Budapest, so wie der Großteil von Ungarn jedoch für 150 Jahre unter türkische Herrschaft, von der sie erst nach der erfolgreich abgeschlagenen Türkenbelagerung vo Wien 1683 mit dem Ausgriff der k. u. k. Monarchie in die Weite des pannonische Raumes befreit wurde. Im 18. Jahrhundert erreichten die 3 Städte mit rund 30.000 bis 40.000 Einwohnern nur die Größe von Wien zu Beginn des 16. Jahrhunderts.


Die industrielle Revolution konzentrierte sich auf Budapest

Die nationalen Bestrebungen um eine Gleichstellung des ungarischen Königreiches führten zum Ausgleich des Jahres 1867. Budapest wurde die Hauptstadt der ungarischen Reichshälfte und erhielt damit den Status von Wien. Rasche Industrialisierung und großstädtisches Wachstum kennzeichneten die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg. Die ungarische industrielle Revolution blieb auf Budapest konzentriert, hier entstanden die neuen Industriebetriebe, Bürozentralen und Banken. Seit damals kann man, vergleichbar mit Frankreich, von Budapest und der "ungarischen Wüste" sprechen. Dank der zentralistischen Organisation der ungarischen Reichshälfte konzentrierten sich alle Wachstumseffekte und alle Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Hauptstadt (vgl. Tab.1).

Tabelle 1: Die Zahl der Einwohner von Wien, Budapest und Prag von 1800-1991

  1800 1850 1880

1900

1910

1960

1991

Tausend

Wien 247 444 726 1.675 2.030 1.627 1.533
Budapest  54 178 371   732   880 1.807 2.114
Prag  75 118 162   202   225 1.000 1.212

Quelle: Lichtenberger, 1993a, S. 18.

Durch die Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg wurde Budapest ebenso wie Wien zur übergroßen Hauptstadt eines kleinen Staates, es verlor einen Großteil des Einzugsgebietes und sank von der Kapitale der 22 Mio. umfassenden Reichshälfte der Donaumonarchie zur Hauptstadt des Reststaates Ungarn mit 8 Mio. hinunter. Ähnlich wie Wien war auch Budapest in der Zwischenkriegszeit von einer Existenzkrise betroffen. Zwar wuchs die Stadt flächenmäßig weiter - in Form einer chaotischen Urbanisierung des Umlandes durch Behelfssiedlungen, wie wir sie heute in den Entwicklungsländern kennen - als die Krise in den ländlichen Räumen die Zuwanderer in eine Stadt mit Krisenphänomenen brachte.


Die Stadtentwicklung folgte Segregationsprinzipien

Die Stadtentwicklung nach der Türkenzeit folgte Segregationsprinzipien. Es kam zur Trennung zwischen der Aristokratie, welche im wesentlichen in Buda lebte, und der bürgerlichen Gesellschaft, die Pest aufbaute. Calvinisten und Juden wurden mittels administrativer Maßnahmen nach Obuda verbannt. In Pest entwickelte sich das Gewerbe unter dem Einfluß deutscher Zuwanderer. Deutsche Kaufleute formierten rasch eine Mittelschicht, deutsches Gewerberecht wurde übernommen, aus den Dörfern aus der Weite des ungarischen Raumes kamen Leibeigene, welche der Gutsherrschaft entrinnen wollten und sich als Taglöhner verdingten. In einem sehr komplizierten Prozeß der ethnischen und sozialen Transformation entstand die industrielle Gesellschaft des 19. Jahrhunderts mit einem charakteristisch höheren Anteil der Deutschen in den Mittelschichten und im Großbürgertum, während die Unterschichten und das Kleinbürgertum im wesentlichen durch die starke Zuwanderung von ungarischer Bevölkerung aufgebaut wurden. Hierzu Eckzahlen: 1851 betrug der Anteil der Ungarn in Buda nur 17 v. H., in Pest 33 v. H. Über 60 v. H. der Bewohner von Buda gaben Deutsch als Muttersprache an, in Pest 33 v. H. 1880 betrug der ungarische Anteil in der vereinigten Stadtgemeinde Budapest bereits 57 v. H., der deutsche nur mehr 34 v. H. 1890 sank er auf 15 v. H. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist Budapest somit eine von der deutschen Sprache dominierte Stadt gewesen. In der sozialen Entwicklung blieb der Anteil des Großbürgertums äußerst bescheiden und betrug kaum tausend Familien, die Gründerzeit bis zum Ersten Weltkrieg hin war auch nicht durch die Entstehung eines breiten Mittelstandes sondern durch die Zunahme der Arbeiterschaft gekennzeichnet. Knapp vor dem Ende der Monarchie betrug der Anteil der Mittelschichten rund 10 v. H., derjenige des Kleinbürgertums 28 v. H., der Arbeiterschaft 60 v. H. und der Oberschicht knappe 2 v. H.1

Nach 1945 kam es entsprechend der Industrialisierungsstrategie der Planwirtschaft zur Beseitigung der Klassen- und Statuspositionen, die Mittelschichten verloren Besitz und Unternehmen. Weitere Maßnahmen behinderten ihren Zugang zur Bildung und wichtigen Arbeitsplätzen, die neue Elite formierte sich aus den Vertretern des Arbeiter- und Bauernstandes auf Kosten des ehemals etablierten Bildungsbürgertums, welches zum Teil eine kosmopolitische Weltauffassung und internationalen Verbindungen besessen hatte. Die egalitäre Sozialpolitik veränderte die Lebensverhältnisse nicht zuletzt infolge der ausgeprägten antiintellektuellen Politik des Regimes. Zum Unterschied von anderen Staaten des ehemaligen COMECON, wie der DDR oder Rußland, kam es in Ungarn nicht zur Entwicklung einer privilegierten Intelligenzija.


Aufs engste mit dem Donaustrom verbunden

Die Stadtlandschaft von Budapest ist aufs engste mit dem Donaustrom verbunden. Auch andere große Städte wie Wien, Prag oder Paris liegen an Flüssen, keine von ihnen besitzt jedoch ein Stadtbild, in welches der Strom so integriert ist wie in Budapest. Die ambitonierten Ziele der Stadtplanung in Budapest haben zum Unterschied von Wien schon sehr früh die Schauseiten von Pest und Buda an die Flußufer gebunden. Natürliche Bedingungen haben die urbane Gestaltung begünstigt, darunter das unmittelbare Herantreten der Bergrücken an den Strom in Buda und die Eintiefung des Flusses in seine älteren Ablagerungen. Budapest ist damit von Anfang an als Brückenstadt entstanden, während im Gegensatz dazu in Wien der auf seinem eigenen Schwemmfächer verwilderte Strom erst durch die Regulierung im 19. Jahrhundert in ein künstliches Bett gebannt werden konnte. In Budapest hat der Strom sich selbst gleichsam reguliert, eine Gefährdung der an seinen Ufern gelegenen Gebäude durch Hochwässer hat es daher nie in größerem Ausmaß gegeben. Wenn heute in der internationalen Architektur von waterfront development gesprochen wird, so kann die Stadtlandschaft von Budapest als erstes großartiges europäisches Beispiel dafür genannt werden. Heute vergessen ist die Tatsache, daß die gigantischen Kosten für die staatlichen Großprojekte, darunter insbesondere das Parlament, erst in den Nachfolgewirren des Zusammenbruchs und in den folgenden Inflationsjahren getilgt worden sind.


Der Stadtverfall und seine Ursachen

Angesichts dieser glanzvollen Silhouette der Stadt an der Donau übersieht der Besucher zumeist das katastrophale Resultat eines historischen Akkumulationsprozesses des Stadtverfalls im dicht verbauten Stadtgebiet der Gründerzeit.

Eine ganze Reihe von Faktoren wirken zusammen:

  • Die Gründerzeit hat flächig minderwertige Mietshäuser mit Außengängen hinterlassen, deren Kleinstwohnungen eine sehr geringe Wohnqualität aufweisen.
  • Die zwangsweise Eliminierung der jüdischen Bevölkerung (rund 200.000 Einwohner) während des Zweiten Weltkrieges hat Aufteilungen und infolge der Wohnungsnot die Untervermietung der einstigen Mittelstandswohnungen zur Folge gehabt.
  • Aufgrund der Krise der Stadt in der Zwischenkriegszeit und der Verstaatlichung des Mietshausbestandes in der Nachkriegszeit unterblieben Erneuerungen, so daß ein katastrophaler Bauzustand die Regel darstellt.
  • In der Nachkriegszeit hat ferner die Stadterweiterung in Form von Großwohnanlagen wie auch in anderen Staaten des COMECON absolute Priorität besessen. Erst in den 80er Jahren begann die Stadterneuerung. Sie folgte zwar westlichen Vorbildern, beschränkte sich jedoch wie in ganz Ungarn auf die Zentrumserneuerung bzw. die Erneuerung einzelner Bauwerke mit "Herzeigecharakter". Mit dem gerne zitierten "Gulaschkommunismus" ist ferner sehr früh eine "Zweite Wirtschaft" entstanden. In diesem Zusammenhang hat sich auch in Budapest eine "zweite", in die staatliche offizielle Stadterneuerung eingebettete private Stadterneuerung entwickelt, und zwar längs des Großen Rings und in den Villenvierteln im Anschluß an das Stadtwäldchen. Diese Erneuerungen waren die Voraussetzung für den raschen Aufschwung des tertiären Sektors und für die Errichtung von neuen Bürohäusern und Hotels nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs.


In einem Meer verfallender Bauten nur Inseln der Erneuerung

Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs hat sich der Bedingungsrahmen für die ungarische Ökonomie und damit für Budapest grundlegend geändert. Die Internationalisierung des Finanzkapitals und des Immobilienmarktes haben den Büroneubau durch ausländische Firmen in Gang gebracht, wobei allein von 1990 bis 1993 insgesamt 63 Bürohäuser mit einer Gesamtfläche von 300.000 qm errichtet wurden. Bürohochhäuser haben freilich die Skyline von Budapest noch kaum verändert, obwohl sich Bürohochbauten in den Eckpositionen des Straßennetzes positioniert haben und in einem Overspill-Effekt auch in Stadträume außerhalb der Innenstadt ausgewichen sind. Durch ungarische Unternehmer vollzieht sich die zügige Umwandlung von Wohnungen in Büros, hierbei kommt die anhaltende Privatisierung von Wohnungen, welche die Transitionsgewinne den ehemaligen Mietern der Wohnungen zuschreibt, dem Umwandlungsprozeß zugute.

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise hat die staatlichen Ambitionen der für 1996 geplanten Expo vernichtet. Es ist daher auch nicht abzusehen, ob die ehrgeizigen Ziele der Errichtung einer Universitäts- und Wissenschaftsstadt auf dem Areal der geplanten Weltausstellung auf dem Papier verbleiben oder im nächsten Jahrtausend verwirklicht werden.

Der politische Systemwechsel hat auch alle Parameter der Stadtentwicklung verändert. Die abrupte Einstellung der Erneuerungsmaßnahmen im Jahr 1990 bedeutet, daß die Inseln der Erneuerung von einem Meer von verfallenden Bauten umgeben sind. Die Privatisierung der Mietwohnungen hat in erster Linie die Häuser in besserem Bauzustand erfaßt und damit zu einer weiteren Akzentuierung der Slumbildung geführt. Während im kommunistischen System diese Slumbildung noch keineswegs mit sozialen Desorganisationserscheinungen verbunden war, beginnen unter kapitalistischem Vorzeichen die Phänomene der sozialen Desorganisation um sich zu greifen, es öffnet sich die Schere in den Einkommensverhältnissen. Die Anteile von alten, alleinstehenden Personen, von Arbeitslosen bzw. Erwerbstätigen mit nur gelegentlichem Einkommen, von Leuten in desolaten Lebensverhältnissen nehmen rasch zu; es kommt zur massenhaften Zuwanderung von "Zigeunern" und Randgruppen.

Unmittelbar neben der City stoßen daher die sozialen Kontraste hart aufeinander. Der Abbruch der Bauten ist die einzige Lösung, vor allem der 8. Bezirk ist nahezu zur Gänze zu einem Slumbezirk geworden. Während in anderen Städten wie z. B. in Wien gegenwärtig eine Stadtwanderung einer neuen City-Bevölkerung erfolgt und Hand in Hand damit eine bauliche Aufwertung beobachtet werden kann, scheint der Stadtverfall in Budapest derzeit im Osten der City ein unaufhaltsamer Prozeß zu sein. Die erschreckende Tatsache einer "zentralen Armut" erinnert an nordamerikanische Verhältnisse.


Vom Plan zum Markt

In der Transformation vom Plan zum Markt erfolgt einerseits eine Mobilisierung durch das internationale Finanzkapital und andererseits ein Rückbau der im Staatssozialismus geschützten Sektoren des Wohnungs- und Arbeitsmarktes. Dadurch kommt es zu einer Destabilisierung des gesellschaftlichen Systems in Form einer von der Basis nach oben greifenden Ausbreitung von sozialen Desorganisationsphänomenen, d. h. einer Zunahme der Kriminalität, der Arbeitslosigkeit und der Obdachlosigkeit, eine underclass ist im Entstehen, d. h. eine aus der Arbeitsgesellschaft ausgegliederte Bevölkerungsgruppe.

Ebenso wie andere Hauptstädte in den ehemaligen Ostblockstaaten hat auch Budapest durch das Vordringen von internationalem Finanzkapital eine Reihe von Vorteilen gegenüber den kleineren Städten zu verzeichnen. Dazu gehören die Schaffung von hochrangigen Arbeitsplätzen, vor allem auf dem tertiären Sektor, sowie die Bildung von Kapital durch die Preisanstiege im Stadtzentrum und in attraktiven Lagen. Aufgrund der starken Nachfrage nach gut ausgestatteten Wohnungen steigen die Mieten rascher an, eine Auseinanderschichtung der Bevölkerung ist die Folge. Zu den neuen Problemen gehört die Bodenbeschaffung der Stadtgemeinde. Infolge der Privatisierung des staatlichen Immobilienbesitzes gerät die Stadtplanung in das Dilemma, einerseits die Budgets durch Privatisierung verbessern zu können und andererseits - bei zu raschem Verkauf - für eigene Vorhaben dann nicht mehr über ausreichenden Grundbesitz zu verfügen.


Die Verselbständigung der Bezirke und ihre Folgen

Auch Budapest hat die in allen postsozialistischen Staaten durchgeführten administrativen Reformen mitgemacht. Konkret sind die Befugnisse der Stadtbehörden nunmehr an die Budapester Bezirke übergegangen, wodurch gegenwärtig und auch in Zukunft ein entscheidender Unterschied zwischen Budapest und Wien besteht, wo ebenso wie im deutschen Sprachraum und in Westeuropa die Stadtentwicklung von der zentralistisch organisierten Munizipalregierung gesteuert wird. Die Verselbständigung der Bezirke hinsichtlich des Budgets und der Flächenwidmung hat zu unterschiedlichen Strategien im Kontext der Privatisierung des Wohnbaubestandes geführt. Manche Bezirke behalten ehemals staatliches Eigentum zurück, wie z. B. der 7. Bezirk, andere Bezirke dagegen versuchen, soviel als möglich an staatlichem Eigentum zu verkaufen. Die Konsequenzen dieser Fragmentierung der Eigentumsverhältnisse sind noch nicht abzusehen. Völlig offen ist derzeit noch, welche Teile der technischen und sozialen Infrastruktur an die Privatwirtschaft delegiert werden sollen. Sicher ist, daß manche Sozialeinrichtungen wie Jugendzentren und Kindergärten aufgrund fehlender Staatssubventionen nicht mehr im bisherigen Umfang zu finanzieren sind.

Der Rückbau des staatlichen Sektors und die Schließung von Industriebetrieben im Zuge der Anpassung an westliche Marktverhältnisse haben jedoch nicht zur erwarteten Massenarbeitslosigkeit geführt, da die Neubildung von Arbeitsplätzen im tertiären Sektor im wesentlichen Schritt halten konnte. Auch Budapest schließt sich da an eine allgemeine Tendenz an, die garantiert, daß in Ostmitteleuropa die Metropolen noch einige Zeit von der steigenden Arbeitslosigkeit verschont bleiben werden. Die enorme Jugendarbeitslosigkeit, welche die Metropolen in Südeuropa derzeit kennzeichnet, fehlt damit in Budapest.


Eine postkommunistische halbkriminelle Zwischenschicht

Nichtsdestoweniger ist jedoch eine starke Ausbreitung aller Phänomene der Desorganisation festzustellen. Es ist ein neues Substrat entstanden, eine postkommunistische halbkriminelle Zwischenschicht, welche nicht wie die nordamerikanische underclass ein Hinausstellen der davon Betroffenen aus der Arbeitsgesellschaft in die Unwirtlichkeit der Obdachlosigkeit bedeutet, sondern es ist eine neue Form der Doppelexistenz zwischen schlecht bezahlter legitimer Arbeit und nichtgesetzlichem, teilweise kriminellem Nebenverdienst entstanden. Mit resignierendem Zynismus kann man feststellen, daß die im kommunistischen System Ungarns läufige Form der Personalunion der Arbeitskräfte von Staatsbetrieben und darin arbeitenden privaten Wirtschaftsgemeinschaften in einem Ableger fortgeführt wird. Hierzu kommt das Amalgam aus Restgruppen von ehemaligen Ostagenten und aus dem Osten kommenden Geschäftsleuten mit z.T. aus tristen lokalen Verhältnissen stammenden, an zusätzlichem und raschem Geld interessierten jungen Leuten. Der Umfang dieses neuen Syndroms stellt soziale Desorganisationserscheinungen in den großen Städten der sozialen Wohlfahrtsstaaten, wie z. B. in Wien, weit in den Schatten. Es ist offensichtlich, daß nach dem Wegziehen der rigiden Kontrollmechanismen des kommunistischen Systems eine Rechtsschwäche der innenpolitischen Ordnungsmacht besteht, welche in Verbindung mit einer unzufriedenen Bevölkerung ausländische Zeitwanderer zum Organisationsklientel dieses Kriminalitätssyndroms werden läßt.


Budapest als Eurometropole

Im Spätherbst 1991 wurden die Assoziationsverträge der Europäischen Gemeinschaft mit der Tschechoslowakei, Polen und Ungarn unterschrieben. Damit ist die asymmetrische Öffnung des ungarischen Marktes zum Westen hin gesichert. Bei einem knapp danach im April 1992 in Brüssel stattfindenden "Hochgeschwindigkeitskongreß" wurde bereits das ehrgeizige Ziel der Abstimmung und etappenweisen Umsetzung eines paneuropäischen Schnellbahnsystems offengelegt. In diesem System hat Budapest eine vorzügliche Position in einer mitteleuropäisch-südosteuropäischen Metropolentrasse, welche von Berlin über Prag nach Budapest und Belgrad mit einer weiteren Gabel nach Sofia und Istanbul bzw. Athen geplant ist. Grundsätzlich handelt es sich hierbei um eine von Westeuropa kaum zur Kenntnis genommene, östlich des Eisernen Vorhangs gelegene Trasse, welche im Fahrplansystem der COMECON-Staaten bereits realisiert war. Durch diese Entwicklung konnte Budapest somit eine Position an der europäischen Nordwest-Südost-Transversale gewinnen, welche damit für Wien verlorengegangen ist. Andererseits endet in Budapest jedoch auch die West-Ost-Transversale, von Paris über München und Wien. Unter der Voraussetzung einer Stabilisierung der Verhältnisse auf dem Balkan verfügt Budapest somit über eine mit Wien gleichwertige Position im künftigen paneuropäischen Hochgeschwindigkeitsnetz.


Schwierigkeiten für die Ansiedlung ausländischer Unternehmen

Aufgrund der derzeit nur rund 25 v. H. im Vergleich zu Wien betragenden Löhne sind überdies starke Übersprungseffekte von Betrieben aus dem süddeutschen Raum, so z. B. von München nach Budapest, erfolgt, während andererseits Wien die Reaktivierung historischer ökonomischer Verflechtungen zugute gekommen ist. In diesem Zusammenhang sei auf die Firma Meinl verwiesen, die in der k. u. k. Monarchie 1.100 Filialen und das Monopol im Qualitätslebensmittelhandel besessen hat und sich als erste im Rahmen des Neuaufbaus eines qualitätsbewußten Lebensmittelhandels in Budapest etablieren konnte.

Das Ansiedlungsverhalten von ausländischen Unternehmen und Managern betreffend wird noch eine Zeitlang die Unsicherheit des Grundstücksmarktes zu Buche stehen, fehlt doch in Budapest wie in ganz Ungarn bisher die Rechtssicherheit, welche westeuropäischem Katasterwesen und damit dem Besitztransfer selbstverständlich ist. In Ungarn fehlt ein Handelsgesetzbuch, so daß haftungsrechtliche Probleme nicht gelöst sind. Dazu kommt ferner, daß zwar im Ungarn des Kommunismus das (alt)österreichische System des Grundbuches beibehalten wurde, d. h. auf dem C-Blatt auch die Belastungen auf Immobilien ersichtlich sind, diese C-Blätter jedoch während der kommunistischen Zeit nicht evident gehalten wurden und überdies die Administration des Grundstückstransfers ein bis zwei Jahre in Anspruch nimmt. Auch durch die Übergangsbestimmungen hinsichtlich der Verfügungsrechte der Lokalbehörden - in Budapest handelt es sich um 23 Bezirke - bestehen weitere Unsicherheiten der Rechtslage bei Transaktionen von ausländischen Interessenten. Auch das bisher nicht gelöste Problem der Mietverträge ist zu nennen. Da bei den Bezirksverwaltungen derzeit nur De-facto-Mietrechte zu erlangen sind, sind horrende Mietsteigerungen möglich.


An der Hinterfront der Konsum-Kaufhaus-Gesellschaft

Während ausländisches Kapital in Budapest außerordentlich zügig neue Finanzinstitutionen, Banken, Versicherungen und Hotels aufbaut, sind auf der anderen Seite gleichsam von unten her Übergangserscheinungen an der Hinterfront der modernen Konsum-Kaufhausgesellschaft zu verzeichnen. Es handelt sich um die kleinst- und kleinbetriebliche Übergangsform von Geschäften, welche in einer Gründungswelle großen Stils, begünstigt durch staatliche Kredite für Arbeitslose, die Fronten der Nebenstraßen, Passagen und Hinterhöfe der ungarischen Metropole zu Tausenden besetzen und in erster Linie Güter des Bekleidungssektors und des ambulanten Lebensmittelhandels anbieten. Das Paradoxe dieser Erscheinung wird dadurch belegt, daß gleichzeitig in Wien Tausende Geschäfte aufgrund der Gründung von Shopping-Centers am Stadtrand leerstehen und - mitbedingt durch die Preiskonkurrenz nach dem EU-Beitritt Österreichs - erneut eine Schließungswelle von Geschäften in Gang gekommen ist.


Eine neue Gründerzeit

Die gesellschaftlichen Konsequenzen des Eintrittes Ungarns in die Marktwirtschaft sind insbesondere in Budapest offensichtlich. Die Entwicklung läßt sich im Vergleich mit dem 19. Jahrhundert als eine "neue Gründerzeit" interpretieren, wobei die Internationalisierung des Finanzkapitals eine neue reiche Oberschicht entstehen läßt, deren Einnahmen und Vermögen noch nicht dem rigiden Steuersystem sozialer Wohlfahrtsstaaten unterliegen.

Auf die sozialen Desorganisationsphänomene wurde bereits hingewiesen. Wichtig erscheint festzuhalten, daß in Budapest, das auch historisch nur einen geringen Besatz an Mittelschichten aufgewiesen hat, auch in Zukunft keine Mittelschicht entstehen wird. Vielmehr wird sich eine breite Pufferzone von Subsistenzexistenzen und Doppelexistenzen auf dem Dienstleistungs- und Einzelhandelssektor herausbilden. In den westlichen Gesellschaften wird vielfach von einer Zweidrittelgesellschaft gesprochen, d. h. daß ein Drittel der Gesellschaft nicht an den Errungenschaften des Marktes teilnehmen kann. Für Budapest lautet die Aussage anders, hier sind zwei Drittel der Gesellschaft aus der kargen Sicherheit der sozialistischen Planwirtschaft in die Unsicherheit und die Risiken des Marktes transferiert worden und mehr als die Hälfte sieht sich mit einer "neuen Armut" konfrontiert.


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