Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Das Hauptstadt-Syndrom in Ostmitteleuropa

Prag und die nationale Identität

von Adolf Karger



Prag: Blick von der Karlsbrücke auf den Hradschin mit dem Veitsdom
Aufnahme: Helga Wöstheinrich


Prof. Dr. Adolf Karger ist emeritierter Ordinarius für die Geographie Osteuropas an der Universität Tübingen.


Eine alte Stadt ist wie ein Buch, aus dem sich Geschichte ablesen läßt. Besonders eindrücklich zeigt sich das am Beispiel von Prag, in der sich die historischen Konflikte baulich dokumentieren. Im 19. Jahrhundert ist die Stadt im Moldaubecken mehr und mehr zum Ausdruck der Auseinandersetzungen zwischen Tschechen und Deutschen geworden, bis sie schließlich im 20. Jahrhundert zum nationalen tschechischen Identitätssymbol geworden ist. Die Zeit des Sozialismus hat neue Viertel anfügen, den eigentlichen Charakter der Stadt jedoch nicht verändern können. Eine ähnliche Rolle spielen die Hauptstädte auch für die anderen Völker Ostmitteleuropas.
Red.


Symbole der eigenen nationalen Kultur

Sechs Jahre nach dem Wende-Winter 1989/90 und dem Zerfall der Sowjetunion ein Jahr später ist man darüber erstaunt, wie relativ gering die Prägung der ostmittel- bzw. südosteuropäischen Hauptstädte durch fünfzig Jahre "Sozialismus" gewesen ist - jedenfalls in ihren repräsentativen Zentren. Allenfalls in Sofia sind Ansätze einer Ausnahme zu erkennen.

Es hat in keinem Fall an Versuchen gefehlt, auch die Hauptstädte der sowjetischen Machtperipherie wenigstens teilweise in "sozialistische Städte" umzuwandeln. Das gelang aber nur in geringem Maße und nur außerhalb der historischen Innenstädte. Der Grund hierfür war nicht nur, daß die Stadtkerne bereits nach Funktion und Struktur ausgestaltet, gleichsam schon "besetzt" waren. Der Grund liegt tiefer: Für die Völker Ostmittel- und Südosteuropas, die als Folge des Zusammenbruchs der vier Großreiche nach dem Ersten Weltkrieg ihre eigene Staatlichkeit erhielten oder wiedererhielten, für diese "kleinen Völker" Europas war ihre nationale Wiedergeburt im 19. Jahrhundert und die folgende Erlangung bzw. der Wiedererlangung der Eigenstaatlichkeit ein wesentlich höherrangiger Wert als der abstrakte "Sozialismus", in dessen Rahmen sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg wiederfanden. Die glanzvollen Symbole der eigenen nationalen Kultur wie Museen, Theater, Akademien und Universitäten, reizten viel mehr, die traditionellen (oder in diese Funktion wieder eingesetzten) nationalen Hauptstädte zu schmücken, als die Embleme eines internationalen Sozialismus. Ihre Vorbilder waren und blieben die Hauptstädte Paris, Berlin, Wien.

Die nationale "Wiedergeburt" inspirierte Architekten und Stadtplaner besonders in den Hauptstädten, diese entwickelten sich zu Zentren der nationalen Kultur und wirkten als Vorbild in die Provinz hinaus. Das Prager Beispiel ist lehrreich, auch für die nachvollziehende eigene Beobachtung.


"Scharnierlage" zwischen unterschiedlichen Naturräumen

Im Umland des Prager Moldaukessels im Zentrum der "böhmischen Raute", treffen zwei unterschiedliche Naturraumtypen1 Innerböhmens aufeinander: trocken-warmes Altsiedelland der Böhmischen Tafel im Norden und feucht-kühleres Jungsiedelland kristalliner Rumpfflächen im Süden.

Vom Norden her sind es flache, oft lößbedeckte Kreidetafeln, Teile der sogenannten böhmischen Tafel, die den Nordosten Innerböhmens charakterisieren. Sie liegen niedriger sind wärmer und trockener mithin ursprünglich waldoffener (Waldsteppe) als das höher gelegene, klimatisch rauhere, von Natur aus dichter bewaldete Südböhmen.

In diesem Raumtyp, nahe Raudnitz an der Elbe, liegt der Georgsberg (Rip), auf dem der Prager Domdekan Cosmas von Prag (1045-1125) in seiner zum Teil sagenhaften Chronik von Böhmen2 die slawischen Einwanderer Halt machen läßt. Ihre Hausgötter hätten sie, so stellt es sich Cosmas vor, unter großen Belastungen durch "unwegsame Wälder" in ein Land geführt (und hiermit beschreibt er das nordböhmische Altsiedelland) "reich an Wild und Geflügel, wo Milch und Honig fließen und eine angenehme Luft weht, wie ihr selber spürt". Kurz: "Hier wird es euch an nichts fehlen, da euch niemand in die Quere kommt".

Die Ausläufer dieser natürlichen Gunstlandschaften reichen (hier ohne Lößbedeckung) mit dem Weißen Berg bis in das heutige Prager Stadtgebiet. Er ist eigentlich kein "Berg", sondern mit 308 m (fast) der höchste Punkt des Plateaus, das den Prager Kessel umgibt (nördlich der üblichen Ausfahrt nach Pilsen). Als hier im Spätherbst 1620 der antihabsburgisch gesinnte böhmische Adel von der katholischen Liga besiegt und damit nach national-tschechischer Ansicht das ganze Land in eine Jahrzehnte dauernde "Periode der Finsternis" (tschechisch "temno") und katholisch-deutscher Dominanz gestoßen worden sei, lag der Weiße Berg noch weitab von den "Prager Städten" im Moldautal. Auf einem zeitgenössischen Holzrelief im Prager St. Veitsdom ist das gut zu sehen.

In der Stadt, genauer gesagt, von der Prager Burg, leuchten die Kalke vom Weißen Berg in den beiden Türmen der romanischen St.-Georgs-Kirche, der zweiten, die auf dem Hradschin gebaut wurde (um 915), der dritten in Böhmen überhaupt.

Vom Süden reicht die kristalline südböhmische Rumpffläche an die Peripherie der Stadt. Sie faßt Gesteine unterschiedlicher Art (alte Sedimente, vorwiegend aber Kristallin, Gneise und Granite) zu einer leicht gewellten Oberfläche zusammen. Sie bildet die südliche Umrahmung des Prager Moldaukessels.

Das agrarische Potential dieses südböhmischen Landschaftstyps war mit wenig fruchtbaren Böden, einem kühleren und feuchteren Klima immer gering. Im Unterschied zum fruchtbaren Norden war es, abgesehen von einigen Tallagen, mittelalterliches Jungsiedelland. Die ländliche Besiedlung blieb immer spärlich, die Abwanderung (auch nach Prag) stark. Durch reiche Edelmetall-Lagerstätten (Silber in Kuttenberg, Kutna Hora; Gold in Eule, Ilove na Prahu, südlich von Prag) beeinflußte auch dieser Naturraum die Entwicklung der Stadt nachhaltig.


Der Prager Moldaukessel

Den Kern der Prager Stadtlandschaft bildet die sogenannte "Prager Silurmulde". Dieser Ausdruck ist geologisch gemeint. Hier überdecken unterschiedlich widerständige Gesteine (vorwiegend silure Schiefer) eine Absenkung des Fundamentes der Böhmischen Masse. Die Schiefer wurden, im unterschiedlichen Maß ihrer Widerständigkeit, auch in Abhängigkeit von Südwest-Nordost streichenden Strukturlinien teilweise ausgeräumt.

Auf diese Weise bildete sich ein abwechslungsreiches Beckenrelief über der Tiefenlinie der Moldau (um 190 m). Eine der üblichen Terrassentreppen modelliert das Becken weiter bis zu einer Höhe von hundert Metern über der Moldau. Sie verzahnte sich mit dem Beckenrelief und bot im Lauf der Stadtentwicklung immer natürlich "herausgehobene" gut akzentuierte Standorte für die Bebauung.

Zu den stadtgenetischen Festpunkten gehören zu beiden Seiten des Flusses zwei Steilhangabschnitte über dem Moldautal: über dem einen liegt links (westlich) der Moldau der Hradschin, die Prager Burg3, über dem anderen rechts (östlich) des Flusses die Burg Vysehrad. Beide waren zu Beginn der Prager Siedlungsgeschichte Fürstensitze, die in der Prager Stadtgeschichte eine entscheidende Rolle spielten.

Die Verbindungswege zwischen ihnen auf beiden Seiten der Moldau bis zum zentralen Flußübergang (Furt, erste steinerne Brücke, "Judith-Brücke, 12. Jahrhundert; ab Mitte des 14. Jahrhunderts "Prager Brücke", seit 1848 "Karlsbrücke" genannt) waren die Leitlinien der frühen Siedlung4.

Die Moldau durchzieht (im Bereich der Karlsbrücke gestaut) das Becken von Süd nach Nord. Oberhalb des Prager Moldaukessels mündet die Beraun, der Hauptfluß Westböhmens, sowie die Sazawa, die das östliche Böhmen entwässert. Eine Reihe von steilflankigen Nebentälern beleben das Relief innerhalb der Moldautalung weiter und verursachen große Verkehrsprobleme im Nord-Süd-Verkehr, deren großzügige Bewältigung erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelang.


Libussa und der plaudernde Kaufmann aus Cordoba

Am Anfang der Geschichte Prags stehen zwei schriftliche Erwähnungen, die zur Kenntnis der historischen Realität zwar nicht beitragen, beide aber geeignet sind, die Stadt im Volksbewußtsein auf einsame, geradezu mythische Höhen hinaufzutragen und sie im 19. Jahrhundert zu einem wesentlichen Element des tschechischen nationalen Selbstbewußtseins werden zu lassen.

Es ist die Erwähnung Prags durch den jüdisch-arabischen Kaufmann Ibrahim ibn Jakub5 aus Cordoba, der die Stadt um die Mitte des 10. Jahrhunderts gesehen haben will. Seine Schilderung von Prag (er kann nur die Burg meinen, eine "Stadt", ein Suburbium, hat es damals noch nicht gegeben) ist übertrieben ("aus Steinen und Kalk gebaut"), wie die ihrer wirtschaftliche Bedeutung ("der größte Handelsplatz bis nach Krakau und zu den Türken hin"). Beides kann die archäologische wie die historische Forschung nicht bestätigen. Gleichwohl ist es üblich geworden, daß die Flunkereien des Wanderers durch die Slawenländer aus dem Buch der Straßen und Länder die Anfangsseiten der Prager Reiseführer zieren und die Leser auf die Entwicklung einer Metropole von geradezu einmaliger Bedeutung einstimmen.

Der Heiligenschein, der schon das werdende Prag im tschechischen Nationalbewußtsein umgibt, entsteht aber erst durch die erwähnte Böhmen-Chronik des Cosmas von Prag. Die Frühzeit Böhmens, nach der Einwanderung der Slawen, umgibt Cosmas mit dem Libussa-Mythos. Libussa (deutsch auch Libuscha, tschechisch Libuse, Libusche) war die jüngste und ungewöhnlichste der drei ungewöhnlichen Töchter des angesehenen Richters Crocco. "Sie war eine geradezu bewundernswerte Frau, erteilte weise Ratschläge, argumentierte klar und verständlich, lebte enthaltsam und sittlich einwandfrei, übervorteilte in Rechtsstreitigkeiten niemanden, war gegen alle freundlich und liebenswürdig". Die so charakterisierte "Zierde des weiblichen Geschlechts" residierte in einer "mächtigen Befestigung in der Nähe des Waldes", die sie, wie die beiden Schwestern ihre Burgen, selbst gebaut hatte. Sie war - gewählte - Richterin und füllte als solche herrschaftliche Funktionen aus.

Man sieht, Cosmas führt seine Leser in die Zeit der Feudalisierung Mittelböhmens, eine solche des Burgenbaues, eine Zeit des starken Siedlungsausbaues durch viele Rodungen in großen Waldgebieten; es soll auch die der Auflösung der Gynäkokratie gewesen sein und, folgt man Cosmas, damit auch die der Ablösung eines geradezu paradiesischen Urkommunismus (es gab das Wort "mein" nicht, nur "unser"; es gab keine Schlösser vor den Ställen, Pfeile verwendete man nur zur Jagd, kurz "es war eine überaus glückliche Zeit"). Zu den außergewöhnlich reichen Gaben der Libussa gehörten seherische Fähigkeiten. Im unmittelbaren und mittelbaren Zusammenhang mit der Gründung und Entwicklung von Prag setzte sie diese zweimal ein: "Ich sehe eine Stadt, deren Ruhm bis an die Gestirne reicht, ... im Walde gelegen am Ufer der Moldau". Cosmas läßt Libussa die topographische Lage der zukünftigen Stadt schildern, den Felsen Petrin, den bekannten Laurenziberg westlich der Moldau. Bei dieser Gelegenheit liefert sie gleich die Etymologie des Stadtnamens mit: "Wenn ihr dorthin kommt, werdet ihr mitten im Wald einen Mann aufspüren, der an der Türschwelle für sein Haus arbeitet." .. "nennt die Stadt, die ihr dann gründen werdet, Prag" (tschechisch praha, Schwelle). "Man begab sich anschließend sofort in den besagten alten Wald, und nachdem man die vorausgesehenen Zeichen dort angetroffen hatte, wurde Prag, die Hauptstadt ganz Böhmens, gebaut". Diese Erklärung des Namens ist (auch in Analogie zu Warschau, dessen östlich der Weichsel gelegener Stadtteil Praga heißt) Allgemeingut geworden, obgleich es auch andere etymologische Erklärungsmöglichkeiten gibt (zum Beispiel "praziti", das tschechische Verb für roden).


Prag als Hauptstadt schon der legendären frühen Premysliden

Daß Prag zur "Hauptstadt ganz Böhmens" wurde, erklärt Cosmas ebenfalls. Schon vor der Gründung Prags hatte das Volk von der Richterin Libussa einen Herzog (eben Feudalisierung der Gesellschaft) gefordert. Nachdem sie dem Volk in einer langen Rede erklärt hatte, wie töricht ein solches Verlangen sei, erfüllte sie die Bitte - abermals auf dem Wege einer sich realisierenden Prophezeiung. Wieder schickte sie Sendboten an einen genau vorbestimmten Ort, in ein mit Namen benanntes Dorf. "Dort befindet sich ein frisch gerodetes (!) noch herrenloses Stück Land ... Dort ackert euer (zukünftiger) Herzog mit zwei Ochsen ... Der Namen dieses Mannes ist Premysl, und er wird sich verschiedene Rechte über euch hinweg ausdenken. Dieser Name bedeutet nämlich im Lateinischen 'ausdenken, ausklügeln'. Seine Nachkommen werden dieses Land bis in alle Ewigkeit und darüber hinaus regieren."

Wie immer hatte Libussa recht. Der unmittelbar vom Ochsen über die Tafel eines Festmahls ins Ehebett Geholte wurde als Premysl der Pflüger zum Ahnherrn des böhmischen Herzogs- und später Königsgeschlechtes der Premysliden, die von den beiden Prager Burgen, vorwiegend vom Hradschin aus, bis 1306 über Böhmen regierten.

Damit hört der Zusammenhang zwischen der Stadt Prag und dem Premyslidengeschlecht nicht auf. Der große Luxemburger Karl IV., Sohn einer Premyslidin, förderte seinen Ruf und seine Stellung in Böhmen durch die Betonung der Premysliden-Tradition, auch durch die Förderung der Stadt.

Im 19. Jahrhundert wuchs mit dem nationalen Erwachen der Tschechen der Libussa-Mythos so eng mit den Vorstellungen über die reale Frühgeschichte der Hauptstadt zusammen, daß die Grenzen zwischen beiden sich im Volk vermischten. Zumal ja auch extreme Mittel, wie die bewußte Fälschung historischer Quellen, als Element nationaler Bewußtseinsbildung eingesetzt wurden. Die Geschichte von Premysl dem Pflüger und die Prophezeiung um die Gründung von Prag inspirierten - besonders während der nationalen Wiedergeburt der Tschechen im 19. Jahrhundert - Dichter, Maler, Komponisten. Sie gehörten generationenlang zu den Texten tschechischer Schulbücher, auch solcher, nach denen Deutsche in der Tschechoslowakei das Tschechische lernten. Jugendstilbilder des Pflügers oder der prophezeienden Libussa schmücken Prager Repräsentations-, Geschäfts- und Wohnhausbauten. Sie gehörten zu denen, die man auch in sowjetischer Zeit immer wieder renovierte. Das tschechische nationale Pantheon in der Kuppel des Nationalsmuseums sowie das Repräsentationshaus der Stadt Prag sind mit solchen Bildern geschmückt. Mit Smetanas "Libuse" wurde 1881 das tschechische Nationaltheater eröffnet, auch als es nach einer Generalrenovation hundert Jahre später wiedereröffnet wurde. Die Begeisterung über die unveränderte Aufführung mit einem dramatisch-nationalen Pathos war grenzenlos.


Der Vysehrad und der tschechische Nationalfriedhof

Die große Zeit des Vysehrad war das letzte Drittel des 11. Jahrhunderts. Hier residierte der erste Böhmenkönig aus dem Haus der Premysliden, Vratislav, als Herzog der Zweite (1061-85), als König Vratislav I. (1085-92). Aus diesem Grund hatte der Vysehrad immer den Ruf, die eigentliche Königsburg zu sein. Damals entstand neben anderen Steingebäuden die Peter- und Pauls-Kirche, deren Türme heute das Wahrzeichen des Vysehrad sind. Aber es ist nicht mehr, wie auch die ältere St. Martins-Rotunde, die ursprüngliche Kirche: Schon Karl IV. hatte sie gotisiert, später wurde sie in der Renaissance und im Barock jeweils zeitgemäß umgebaut - in den Jahren 1885-1887 wurde sie vom Prager Dombaumeister Joseph Mocker, der als Purist galt, neogotisiert. Er hat auch den Pulverturm auf dem Graben gotisch purifiziert und war einer der Anreger für die Beendigung des Veitsdoms, er leitete die entsprechenden Arbeiten am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Glanz des Vysehrad als Premyslidenherrschaftssitz dauerte nicht lang. Schon 1140 wurde die Residenz wieder auf den Hradschin verlegt.

Trotzdem war die Burg im 19. Jahrhundert, was das tschechische Nationalgefühl betraf, wieder weit in das historische Bewußtsein des Volkes gerückt. Das Maximum an national-ideologischer Überhöhung des Vysehrad wurde ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts erreicht, als die Idee realisiert wurde, dort einen tschechischen National-Friedhof, mit der Ehrengruft des Slavín zu errichten. Hier ruhen hervorragende Vertreter des tschechischen Kunst- und Kulturlebens, die entweder in ihrer Bedeutung weit über das Tschechentum hinausreichen, oder solche, die sich speziell um das Erwachen des tschechischen Nationalbewußtseins verdient gemacht haben: Smetana und Dvorak, die deutsch-tschechische Dichterin Bozena Nemcova, die, von Wien nach Böhmen verpflanzt, erst dort im nationalen Sinn zur Tschechin wurde und mit ihrem bislang immer noch populären Roman Großmütterchen am Anfang der literarischen Schilderung des tschechischen Volkslebens steht, der Schriftsteller Karel Capek, Jan Neruda, der mit seinen "Kleinseitner Geschichten" dem Prager Stadtteil des großen Adels und der kleinen Leute ein Denkmal setzte, das jeder Tscheche, Prager oder nicht, auch heute noch kennt, der Bildhauer Josef Myslbek, der so viel zur Erhöhung der Hauptstadt beigetragen hatte (unter anderem Wenzelsdenkmal am Wenzelsplatz vor dem Nationalmuseum) - und sehr viele andere. Die Beisetzung auf dem Vysehrad verlieh auch den außerhalb des tschechischen Böhmens unbekannten Toten eine höhere nationale Weihe. Der Friedhof wurde zur nationalen Ruhmeshalle. National gesonnene Bürger gestalteten die sonntäglichen Familienbesuche zur patriotischen Pilgerreise und einer Lehrstunde zur Geschichte Böhmens. Für sie war es ein national-tschechisches Land - das aber 1910 noch 36,5 % deutsche Einwohner hatte (zusammen mit Mähren und Österreichisch Schlesien 34,6 %). Mit der national-tschechisch interpretierten Geschichte Böhmens atmete man gleichsam die nationale Verpflichtung ein, sich für seine kulturelle Eigenständigkeit und Emanzipation von der Habsburgerherrschaft einzusetzen und natürlich für die Unteilbarkeit des Landes der mittelalterlichen Wenzelskrone nach den Grundsätzen des "böhmischen Staatsrechts". Das Drittel an deutscher Bevölkerung Böhmens kam im tschechischen Geschichtsbild, wie es der prominente Historiker und tschechische Volksführer Frantisek Palacky mit eindrücklich einseitigen Strichen vorzeichnete, vorzugsweise als Feind der gerechten Sache der alteingesessenen, friedfertigen Tschechen vor.


Von den "Prager Städten" zur Stadt Prag

Als im Jahre 1858 der Professor für höhere Mathematik und Geometrie Carl Koristka die erste Höhenlinienkarte Prags nach eigenen Nivellements ausarbeitete und bei Perthes in Gotha in einer Qualität drucken ließ, die auch nach hundert Jahren ein Prager Stadtplan nie wieder erreichte, zeigte sie noch das vorindustrielle, vor allem aber das vornationale und sicher das vornationalistische Prag. Es waren vorwiegend die "Prager Städte", Hradschin und Kleinseite westlich der Moldau, Alt- und Neustadt sowie die Josefstadt, die ehemalige Judenstadt östlich des Flusses. Erst ein Menschenalter vorher hatte der Reform- und Zentrierungseifer Josefs II. auch mit dieser Tradition Schluß gemacht und die "Prager Städte" 1784 zur Stadt Prag zusammengefaßt. Die Stadtmauer die Karl IV. 1348-60 bauen ließ, war noch weit genug, die Alt-Prager Stadtteile zu umfassen.

Das Eisenbahnzeitalter hatte Prag schon 1845 mit der Bahn von Wien über Olmütz erreicht; von hier zweigte eine Bahn in Richtung auf das Elbtal, nach dem sächsischen Dresden ab, der Bahnhof der Pilsener Bahn nach Westen in Richtung Nürnberg wurde gerade geplant.


An der Schnittstelle von Tschechen und Deutschen

Die Ausbildung des nationalen Selbstbewußtseins in Prag und Böhmen fand seit 1848 in der Auseinandersetzung mit dem Prager und böhmischen Deutschtum auf wenigstens drei unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Ebenen statt: einer sprachlich-kulturellen, einer wirtschaftlich-sozialen und einer historisch-staatsrechtlichen. Die Hauptschnittstelle dieser Ebenen lag in Prag. Aus der Sicht des Habsburgerreiches war es eine von vielen Provinzstädten, wenngleich die Hauptstadt des wirtschaftlich mit Abstand am weitesten fortgeschrittenen Kronlandes. Aus Prager Sicht tschechischer Intellektueller die den nationalen Bewußtseinsprozeß initiierten, war es die glanzvolle Hauptstadt der mittelalterlichen Wenzelskrone, also Böhmens, Mährens und des sogenannten Österreichisch Schlesien.

Die genannten alten Stadtteile (Alt-Prag) hatten damals 142 600 Einwohner, die neuen (damals Weinberge, Karolinental, Zizkov und Smichov) etwa 23 000, also etwa 14 % von Groß-Prag. In Alt-Prag war die Bevölkerung zu knapp 50 % deutsch, die jüngeren Vororte waren ganz vorwiegend tschechisch. In Alt-Prag (vorwiegend Alt- und Neustadt) saß das kleine Gewerbe, in den Vororten zeichneten sich Standorte zukünftiger Industrie ab. Bis 1880 stieg die Bevölkerung der gesamten Stadt auf 238 500 Einwohner, der Bevölkerungsanteil der tschechischen Vorstädte stieg auf 40 %, bis 1900 erreichte er fast die Hälfte, um 1910 überstieg er diese bereits. Das Wachstum Prags in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das rascheste aller Städte Böhmens. Aber selbst in Alt-Prag lag der Anteil der deutschen Bevölkerung 1880 dann nur noch bei 20 %, 1910 bei nur 8,8 %. Das Sinken des deutschen Anteils auch in Alt-Prag hatte mehrere Gründe:

  • Die werbende Kraft des erstarkenden tschechischen Nationalbewußtseins. Der Entscheid für das tschechische Volkstum galt nach 1848 eher als Option für demokratische Gesinnung, gegen Ende des Jahrhunderts bedeutete er für das Bürgertum und das Kleinbürgertum auch ein wirtschaftliches Fortkommen in gesicherten Bahnen; die Option für das deutsche Volkstum stand eher für eine mehr konservative Haltung.
     
  • Seit den 60er Jahren war das biologische Wachstum der Tschechen in Böhmen rascher als das der Deutschen. Das nährte die tschechischen Hoffnungen auf eine mögliche Assimilierung der Deutschen, verursachte bei den Deutschen ein biologisches Bedrohungssyndrom.
     
  • Die jetzt stärkere Tendenz bei den Juden zum tschechischen Volkstum; das galt besonders für die Juden aus städtischem Milieu, die mit ländlichem Hintergrund waren eher "österreichisch" gesinnt und entschieden sich daher eher für das deutsche Volkstum.
     
  • Für Groß-Prag war die Majorisierung der Deutschen vorwiegend durch tschechische Einwanderung und Eingemeindung rein tschechischer Dörfer begründet, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Prager Industrie anzogen.
     
  • Im Jahre 1883 ging die deutsche Mehrheit im Landtag Böhmens verloren. Die Vertreter der Stadt Prag im Landtag waren erstmalig nur Tschechen.
     
  • Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Prag für deutsche Talente oder Künstler eine Provinzstadt und hatte keine Chancen gegenüber Wien oder den großen deutschen Städten. Der deutschen Prager Gesellschaft fehlte die soziale Basis. Für Tschechen war die Situation gerade umgekehrt: das Zentrum des tschechischen Nationalismus bot Künstlern und Talenten optimale Bedingungen, Industrie und Wirtschaftsverwaltung lockten Neubürger aller Schichten an.


Nationale Identifikationsbauten: Das Nationaltheater am Moldaukai

Die Idee des ersten großen Identifikationsgebäudes, eines tschechischen Nationaltheaters, kam schon 1845 auf, also noch vor dem ersten Höhepunkt der Entwicklung des tschechischen Nationalbewußtseins (1848 mit revolutionären Straßenkämpfen in Alt-Prag und dem "Slawenkongreß" für alle slawischen Völker der Monarchie).

Der erste Antrag einer tschechisch-patriotischen Bürgergruppe (u.a. Palacký, Rieger) um ein Prager "Theaterprivileg" wurde von der damals noch mehrheitlich deutschen Ständeversammlung abgelehnt. Daraufhin bildete sich ein "Theaterkomitee" und wandte sich in einem deutsch und tschechisch geschriebenen Aufruf mit Spendenliste an die (tschechische) Öffentlichkeit. Schon 1852 war ausreichend Geld für den Ankauf des Bauplatzes vorhanden, der wie bei allen nationalen Identifikationsbauten, an einem herausgehobenen Standort lag: dort wo die mittelalterliche Stadtmauer um Alt- und Neustadt die Moldau erreichte. Die ehemalige Stadtmauer war geschleift und ein Teil der auf diese Weise entstandenen Ringstraße mit Bäumen bepflanzt worden. Der südliche Abschnitt der Ringstraße hieß damals noch die Neue Allee, später Ferdinandstraße, nach 1918 und in der sozialistischen Zeit Nationalstraße. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Ferdinandstraße zu einer der wichtigen Geschäftsstraßen der Stadt; 1848 erhielt sie eine nationale, antihabsburger Weihe durch den Bau und die kurze Verteidigung der bedeutendsten Barrikaden der Stadt.

Es war nicht die Notwendigkeit einer tschechischen Bühne, die zum Nationaltheaterbau führte. Die tschechischsprachigen Vorstellungen im deutschen Ständetheater (1783 als Nostitzsches Theater eröffnet, später Ständetheater jetzt Tyl-Theater) waren nie besonders gefragt. Mit dem Theater versprachen sich tschechischen Patrioten ein repräsentatives Kulturzentrum. Es sollte ein würdiges Forum werden, auf dem sich die nationale Kultur darstellen konnte. Die Initiatoren, Planer, Architekten und Künstler die sich um den Bau verdient machten, wurden die "Generation des Nationaltheaters" genannt. Mit dem selben Begriff umschreibt man auch eine nationalpathetische Stilrichtung und die nationale Selbstfindungsbewegung nach 1848.

Im Jahre 1868 wird mit großem Aufwand eines feierlichen, historisierenden Festumzuges der Grundstein gelegt, 1881 wird das Haus mit Smetanas Libussa eröffnet. Nach Größe, aufwendiger Ausstattung und öffentlicher Aufmerksamkeit erfüllte es die hohen Erwartungen des tschechischen Nationalgefühls - auch als pathetisches Selbstzeugnis:

  • Die Grundsteine im Gewölbe stammen aus allen Teilen des Landes.
  • Die Gründungsurkunde ist von dem renommierten Maler Josef Manes gemalt worden.
  • Die "Opfer der Nation für den Bau des Theaters" sind das Thema des Vorhanggemäldes.
  • Das Foyer des Bühnenhauses schmückt ein Lünettenzyklus "Heimat".

In den Landes- und Stadtbehörden hatten die nationalen Mehrheiten gewechselt, sie, bzw. der Steuerzahler trugen einen großen Teil der Kosten - die deutsche Minderheit in Böhmen brachte bis zum Jahrhundertwende immer noch 50 % der Steuern auf.

Wenige Tage nach der Eröffnung brannte das Theater ab. Wieder wird für eine schnelle Wiederherstellung gesammelt. Daß jetzt namhafte Stiftungen vom Kaiser und Kronprinzen kamen, vermeldet kein Gemälde.


Das Nationalmuseum auf dem Wenzelsplatz

Die geistigen Anfänge des später tschechischen Nationalmuseums liegen noch in der Zeit des gemeinsamen deutschen und tschechischen böhmischen Landespatriotismus, der, wie die Anfänge des "Vaterländischen Museums", vom böhmischen Hochadel getragen wurde. Das Museum sollte im wesentlichen der "Nationalliteratur" und der "Nationalproduktion" gewidmet werden. Es wurde 1822 gegründet.

Einer der frühen Förderer und der erste Präsident war der Naturwissenschaftler Graf Kaspar Maria von Sternberg, dessen Gesteins- und Mineraliensammlung auch heute noch der zentrale Ausstellungskomplex ist (was Besucher ohne Vorkenntnisse und deshalb mit anderen Erwartungen gelegentlich enttäuscht). Aber die beträchtliche Sternbergsche Sammlung war eben eine der damaligen "Bohemica", auf dessen Sammlung und Schutz das Museum ausgelegt war. Überdies war Böhmen damals eine der geologisch am besten bekannten Regionen Europas. In wissenschaftlichen Diskussionen wie unter ernsthaften Laien (Goethe) war es in aller Munde. Selbstverständlich unterhielt Graf Sternberg einen Briefwechsel mit Goethe, der an der frühen nationalen Entwicklung der Tschechen lebhaftes Interesse zeigte und Erträge seiner geologischen Exkursionen in Nordböhmen an das junge Museum sandte, dessen Gründungs- und Ehrenmitglied er war. Andere Schwerpunkte waren eine beträchtliche Bibliothek und die Organisation wissenschaftlicher (historischer und ethnographischer) Böhmenforschung. Die Publikation war in deutsch und tschechisch vorgesehen.

Im Jahre 1826 wurde der damals 28jährige Frantisek Palacký Sekretär des Museums und damit Redakteur seiner deutschen wie tschechischen Publikationen. Der landespatriotisch-böhmisch gesonnene "landständische" Adel hatte ihn mit dem Abfassen einer großen "böhmischen Geschichte" betraut. Dadurch wurde er der "Historiograph Böhmens" mit einer unschätzbaren Wirkung auf die Entwicklung des tschechischen Nationalbewußtseins. Der erste Band der Geschichte Böhmens erschien 1836 in deutscher Sprache. Schon in diesem zeigte sich, daß er die böhmische Geschichte nicht im Sinne einer beide Völker verbindenden, allenfalls gegen den Wiener Zentralismus gerichteten Landespatriotismus verstand, sondern als die große Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen im böhmischen Raum, als fundamentales Lehrstück und Agens für das tschechische Nationalbewußtsein. Das entsprach dem "Zeitgeist" der kommenden Jahrzehnte in Böhmen und brachte Palacký den Ehrentitel eines "Vaters der Nation" ein.

Mit der Frühphase des Museums und der vorbereitenden Museumsgesellschaft hängt der Name Wenzel Hanka zusamman, den Palacký als Kustos und Bibliothekar an das Vaterländische Museum gebracht hatte. Er war Slawist und Schriftsteller, spezialisiert auf mittelalterliche tschechische Texte. Und schon zur Zeit des 1848er Slawenkongresses war er ein glühender tschechischer Patriot. Geistesgeschichtlich wirksam wurden einige seiner (übrigens hervorragend gemachten) Fälschungen (ab 1817). Es handelt sich um Lieder und Fragmente, angeblich aus dem vorchristlichen tschechischen Altertum. Die ersten hatte er angeblich in einem Kirchturm in der kleinen Stadt Königinhofen gefunden. Die Königinhofer Handschrift enthielt unter anderem Gesänge, die sich auf die Gründung von Prag bezogen. Andere Fälschungen gingen bei der Museumsgesellschaft per Post ein.

Diese falschen Geschichtsquellen verlängerten in romantischem Überschwang die tschechische Geschichte auch und insbesondere im Vergleich mit der deutschen. Die so plötzlich aufgetauchten "alttschechischen" Pergamente wurden von der nationalen Öffentlichkeit mit Enthusiasmus aufgenommen und nur selten kritisch durchleuchtet. Palacký legte sie seiner nationalen Geschichtsinterpretation zugrunde. Sie gingen als Themen in die tschechische Malerei und Musik ein. Auch Goethe ließ sich von ihnen zu einem kleinen Gedicht inspirieren. Wer ihre Echtheit anzweifelte, geriet in den Ruch mangelnden Patriotismus.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte der tschechische Nationalismus auf die volkserzieherische Funktion der nationalen Geschichte verzichten. Vorher spielte sie eine eminent wichtige Rolle.

Dieser entsprach die Standortauswahl des Museumsneubaues der Jahre 1885-1890. Es war der Standort des ehemaligen "Roßtors" in der geschleiften Stadtmauer Karls IV., auf das der Wenzelsplatz zuläuft, ein ehemaliger Straßenmarkt (Roßmarkt) der Neustadt, 750 m lang und 60 m breit. Der Standort war geradezu ideal für die Funktion: die Stadtmauer um die Neustadt hatte sich an einer erhöhten Terrassenkante orientiert, lag also etwas überhöht über dem ehemaligen Roßmarkt. Der war die Mittelrippe, der in einem großartigen Planungsakt entworfenen. Neustadt. Er diente jetzt als "Perspektiv", durch das man zum neuen Gebäude "aufschauen" konnte. Dieses schloß die stadtauswärtige Querseite des Wenzelsplatzes mit einer über hundert Meter breiten Fassade ab und überragte mit einer Höhe von 70 Metern (einschließlich einer die Vorderfront überragenden Kuppel) die umliegenden Häuser bei weitem. Diese hatten nach einer um 1830 gemalten Vedute des dilettierenden Gerichtsrates Vinzens Morstadt nur zwei, allenfalls drei Geschosse (zum repräsentativen Boulevard wurde der Wenzelsplatz erst wenig später ausgebaut).

Die Mitte der modernen Stadt wird also überragt vom Symbol der tschechisch verstandenen Landesgeschichte. Die "Generation des Nationaltheaters" versammelte sich zum zweiten Male für die Ausführung und Ausschmückung des Baues und trieb dabei die Symbolsprache noch einmal auf die Spitze:

  • Über der Freitreppe thront majestätisch eine Bohemia mit Krone, Wappenschild und lorbeerumwundenem Schwert, ihr zur Seite die Allegorien der Nebenländer Mähren und Schlesien. Das an die Bildersprache der Symbolik gewöhnte Volk erkannte in der Darstellung leicht die Einheit der Länder der Wenzelskrone, die sie durch deutsche Forderungen auf Abtrennung der deutschsprachigen Randgebiete im Zusammenhang mit dem deutsch-tschechischen Sprachenstreit bedroht sahen. Auf diese Einheit bezog sich das böhmische Staatsrecht, das zentrale Argument im Kampf um Autonomie im Habsburgerstaat.
     
  • Zu Füßen der Mutter Bohemia zwei höchst unterschiedliche Allegorien für die beiden Hauptflüsse des Landes: die Elbe als Greis, die Moldau als hinreißend junge Frau mit kleinen Kindern. Die deutsche Interpretation kam nicht darum herum, darin die furchterregende unterschiedliche biologische Situation beider Völker zu sehen und ihr biologisches Bedrohungssyndrom auf provokative Weise bestätigt zu finden.
     
  • Die zum Wenzelplatz weisende Hauptfassade zeigt unter anderem eine Darstellung "Kaiser Karl IV. gründet die Prager Universität". Damit wird an die Gründung der ältesten Universität Mitteleuropas erinnert, die bei Deutschen und Tschechen unterschiedliche Assoziationen weckt: Nationalisten beider Völker verstanden sie als "ihre", deutsche oder tschechische, Einrichtung. Die Deutschen fanden sich überdies an das "Kuttenberger Dekret" von 1409 erinnert, das ihnen Vorrechte in der Prager Universität nahm - und so zur Sezession deutscher Studenten führte. Wenige Jahre vor dem Bau des Nationalmuseums wurde die Karlsuniversität in eine deutsche und eine tschechische getrennt.
     
  • Die Symbolik setzt sich im Inneren des prächtigen Baues fort. Der Besucher gelangt über ein Säulenvestibyl und Prachttreppen, vorbei an Standbildern von Libussa und dem national-tschechischen König Georg von Podiebrad, Bildern böhmischer Burgen bis unter die Kuppel. Dort findet er einen Himmel aus Jugendstilmalerei mit Themen aus der böhmischen Geschichte: Libussas Boten bei Premysl dem Pflüger, der Slawenapostel Methodius mit der slawisch-glagolitischen Bibel, wieder die Gründung der Karlsuniversität und der (zur Emigration gezwungene) Bischof der Brüdergemeinde und schon zu Lebzeiten weltweit bekannte Pädagoge J.A. Comenius (tschechisch Komenský) vor den Amsterdamer Ratsherren.
     
  • Unter dem vaterländischen Himmel Standbilder und Büsten des böhmischen Pantheons. Eine steinerne Wiederholung des Vysehrader Ehrenfriedhofs. Die national-pädagogische Absicht ist überall gegenwärtig. Die Auswahl unter den Großen Böhmens aus Geschichte, Politik, Kultur und Wissenschaft entspricht der Absicht: viele Tschechen, kaum Deutsche. Unter der Kuppel des Nationalmuseums finden nationale Staatsakte und Ehrentrauerfeiern statt.

Das Repräsentationshaus der Stadt Prag

Das Repräsentationshaus der Stadt Prag neben dem Pulverturm ist der zeitlich jüngste der Prager Identifikationsbauten und unterscheidet sich daher etwas von den beiden anderen. Als es in den Jahren 1906-1911 gebaut wurde, war die Zeit längst vorbei, in der die Tschechen in Prag sich gegenüber den Deutschen durchsetzen mußten. Dieses Ziel war erreicht, was unter anderem hieß, daß man sich um die Finanzierung derartiger Bauten keine Sorgen mehr machen mußte.

Der Standort war ebenfalls sorgfältig ausgewählt, er ist einer der Schnittpunkte deutscher und tschechischer "Einflußsphären" in Prag vor dem Ersten Weltkrieg. Die Straße "Am Graben" (Na Prikope) ging auf die ehemalige Altstadtbefestigung (schon 1230 gebaut) zurück, deren Wassergraben hier 1760 zugeschüttet worden war. Im 18. Jahrhundert befand sich hier eine Reihe von Adelspalais, deren Höfe und Gärten auf dem Territorium der Neustadt lagen. Das Palais Prichowsky schräg gegenüber dem Pulverturm ist eine der Zeugen dieser Zeit. Im 19. Jahrhundert wurde aus der Zeile von barocken Adelsitzen eine Flaniermeile mit Geschäften für gehobenen Bedarf, Hotels, Clubs und vornehmen Kaffeehäusern (z.B. das berühmte Continental, "Conti"). Zur Zeit, als das Repräsentationshaus gebaut wurde, war der Graben die deutsche Flaniermeile (deutsches, meist deutsch-jüdisches Großbürgertum) und studentischer "Bummel"6. Hier lag auch, im erwähnten Palais Prichowsky seit 1875 das Zentrum deutscher gehobener Geselligkeit im Deutschen Kasino. Die Fortsetzung des Grabens südlich des Wenzelsplatzes, die damalige Ferdinandstraße (gegenwärtig die Nationalstraße) galt hingegen als tschechisches Revier.

Am nordöstlichen Ende des Grabens beginnt mit dem Pulverturm ein Gelände, das in der böhmischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielte, eine solche, die sich recht gut für die tschechische Geschichte vereinnahmen ließ. Der Pulverturm ist der Torturm des ehemaligen Kuttenberger Tores im Altstädter Wall. Nur ist er viel jünger als der Wall. Sein Bau fällt in die letzten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts. Damals erholte sich Prag und Böhmen (in den Formen der Hochgotik) von den Zerstörungen der Hussitenkriege, vorwiegend unter dem national-tschechischen König Georg von Podiebrad (1458-1471).

Neben dem Pulverturm lag (wie dieser schon außerhalb des Grabens) ein königliches Stadtschloß, in dem schon der bei den Prager Tschechen sehr populäre (und wenig deutschfreundliche) Wenzel IV. (Sohn Karls IV) residierte und ein enges Verhältnis zur Prager Bevölkerung pflegte. Auch Georg von Podiebrad residierte hier in der Stadt, weil die Burg damals weitgehend zerstört war. Der Standort blieb von militärischen Funktionen und sonstigen öffentlichen Aufgaben besetzt. Im 17. Jahrhundert sollte hier ein Gebäude für die vereinigten beiden Prager Universitäten entstehen, die Pläne zerschlugen sich. Dieses Gelände wurde schließlich für das Repräsentationshaus ausgewählt. Es "konterkarierte" damit das schräg gegenüber am Graben liegende Deutsche Kasino. Der Platz zwischen dem Kasino und dem Repräsentationshaus war mehrfach "Schlachtfeld" auch blutiger Auseinandersetzungen zwischen Tschechen und Deutschen in Prag.6

Nach der Gründung des unabhängigen tschechischen Staates durfte das Deutsche Kasino seinen Namen nicht mehr führen. Nur noch das Restaurant blieb übrig, und zwar als Restaurant 26 nach der Hausnummer Am Graben. Der "deutsche" Charakter des Grabens wurde weiter durch den Abriß des besten Prager Hotels Blauer Stern geschwächt, an dessen Stelle in den Jahren 1925-1938 der Bankpalast der Zivno-Bank gebaut wurde (heute Nationalbank). In sozialistischer Zeit wurde der tschechische "Sieg" über das Deutsche Kasino ein totaler. Das Restaurant hieß und heißt auch heute noch das Slawische Haus.

Das Repräsentationsgebäude verzichtete auf die feierliche Neoreanissance des Nationaltheaters und des Nationalmuseums, sondern wurde im eher beschwingten Jugendstil gebaut, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Prag seinen Höhepunkt hatte. Wie anderswo entsprach auch in Böhmen der Jugendstil einer gewissen Protesthaltung gegenüber der sterilen Feierlichkeit der neoklassizistischen Baugesinnung, die oft, nicht immer, die Amtsgebäude des Habsburgerstaates zum Ausdruck brachten. Indem der Neoklassizismus als "germanische Provinzialität" denunziert wurde, konnte man diesem mit dem Jugendstil "eine durch das wiedererwachte tschechische Nationalbewußtsein angeregte Weltoffenheit" gegenüberstellen.7

Als der renomierteste der tschechischen Jugendstilmaler Alfons Mucha, nach über zwanzig Jahren Auslandsaufenthalt 1910 als international renommierter Künstler endgültig nach Prag zurückkam, bot man ihm an, die Dekoration der Repräsentationsräume zu übernehmen. Natürlich boten sich hierfür Bilder aus der tschechischen Vergangenheit an, der wirklichen wie der legendären. Bis zu seinem Lebensende (1939) arbeitete Mucha an dem schon früher begonnenen Bilderzyklus Slawisches Epos. Schließlich wurde die Zahl der Bilder und ihre Formate so groß, daß sie für den ursprünglichen Zweck nicht mehr verwendet werden konnten und in ein böhmisches Schloß ausgelagert werden mußten. Den repräsentativen "Primatoren (Bürgermeister)-Saal", das Kernstück des Gebäudes, zieren Muchas Bilder.8

Die Funktion des Gebäudes war eine angemessene Repräsentation der Hauptstadt mit Musik-, Vortrags- und Ausstellungsräumen, Cafe, Restaurant, Wein- und Bierstube. Nach einer gründlichen Restaurierung nimmt das Gebäude die Funktion auch gegenwärtig wieder wahr. Den Deutschen blieb allenfalls die billige Befriedigung, sich über die Bezeichnung des gelungenen Gebäudes lustig zu machen: die Abkürzung der drei einzelnen Worte für "Prazský repräzentácni dum" ("Prager Repräsentationshaus") ergibt im Tschechischen das Wort Hintern (prd). Nachdem es in "obecni dum" umbenannt wurde, blieb nicht einmal mehr diese Verunglimpfung. Man mußte das Haus ernst nehmen.


Der Krieg der Denkmäler: Hus-Denkmal gegen Mariensäule

Es gibt kaum einen deutschen Prag-Reiseführer, der nicht feststellt, daß das große Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring überdimensioniert ist und die Maße des Platzes sprengt. Das ist auf den ersten Blick zu sehen. Der Grund hierfür ist nicht mehr zu erkennen, aber leicht verständlich.

Mit dem Hus-Denkmal plante man schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, die 500jährige Wiederkehr des Konstanzer Feuertodes von Jan Hus würdig zu begehen. Es ist von dem tschechischen Bildhauer Ladislav Saloun geschaffen und wurde 1915 auf dem Altstädter Ring aufgestellt. L. Saloun ist der Schöpfer des Denkmals von Rabbi Löw auf dem ehemaligen Marienplatz zwischen Judenstadt und christlicher Altstadt und einiger Plastiken im Repräsentationshaus.

Die politische Interpretation des gewaltigen Denkmals ist schwieriger als die künstlerische. Hier genügt, daß es wohl Niedergang und Aufstieg des tschechischen Volkes darstellt und auf Flucht und Vertreibung als häufiges tschechisches Schicksal besonders verweist. Die Sockel-Unterschrift Liebet einander und vergönnet jedem die Wahrheit wirkt beruhigend in ruhigen Zeiten, ist aber wertlos-plakativ und jeder Interpretation offen.9

Auf dem Altstädter Ring stand aber 1915 schon ein anderes Denkmal. Und zwar eine - der auf dem Münchener Marienplatz stehenden nachempfundene - Mariensäule. Es war die erste von vielen in Böhmen. Sie stand an der Stelle schmerzlicher Erinnerungen für jeden tschechischen Patrioten des späten 19. Jahrhunderts: nämlich dort, wo die Richtstätte gestanden hatte, auf der nach der Schlacht auf dem Weißen Berg, 1621 die Blüte des protestantischen und antihabsburgischen böhmischen Adels hingerichtet worden war. Die Mariensäule war 1652 am Geburtstag Kaiser Ferdinands III. enthüllt worden, nur vierzehn Jahre nach dem Münchener Vorbild, das ja auch an den katholisch-kaiserlichen Sieg auf dem Weißen Berg erinnert. Die Prager Mariensäule erinnerte die Tschechen an die unmittelbaren Folgen der Schlacht am Weißen Berg für Böhmen und insbesondere für Prag: Vertreibung und Verdrängung, Konfiskation adeligen Landbesitzes und bürgerlicher Liegenschaften, Vertreibung protestantischer Geistlicher, Unterdrückung, Bedrängung und Kränkung, bewußte Erniedrigung. Die Habsburger Rache hatte nicht nur Tschechen unter den Rebellen des Fenstersturzes und des Weißen Berges betroffen. Die Profiteure der wirtschaftlichen und sozialen Umschichtung waren auch tschechische Opportunisten, aber auch Herren aus vielen westeuropäischen Ländern, unter ihnen viele Deutsche.

Die Prager Mariensäule auf dem Altstädter Marktplatz war als "Symbol der siegreichen Gegenreformation" gedacht, als "Triumph des wahren Glaubens". Patriotische Tschechen hatten sie immer als ein Habsburgerdenkmal verstanden - und 1915 durch das Hus-Denkmal konterkariert. Zumal die national-tschechische Geschichtsideologie die Hinrichtungen von 1621 weniger als einen zeittypischen Stände-Konflikt denn als eine national deutsch-tschechische Feindschaft verstand - und dabei unter anderem übersah, daß sicher sieben, vielleicht auch zehn der 27 damals auf dem Altstädter Marktplatz Hingerichteten Deutsche waren. Kaum hatten die Tschechen ihren eigenen Staat erkämpft, wurde die Mariensäule gestürzt.


Der französische Historiker Ernest Denis gegen den böhmischen Feldmarschall Radecky

Auf dem Kleinseitner Ring geschah ähnliches. Dort hatte man dem greisen Feldmarschall Graf Josef Wenzel Radecky, aus einem böhmisch-tschechischen Adelsgeschlecht, ein Denkmal gesetzt. Er war 1858 im Alter von einundneunzig Jahren als populärer österreichischer Feldherr gestorben, von Tschechen und Deutschen gleichermaßen betrauert, geachtet und geehrt. Als über Achtzigjähriger hatte er als einer der letzten "Vertreter des tschechisch-böhmischen Austriazismus" als Generalgouverneur von Lombardo-Venetien gedient und 1848/49 Oberitalien als treuer Anhänger des Hauses Habsburg für dieses gesichert.

Gestalten wie der greise Feldherr paßten nicht in das Weltbild des neuen Staates. Kaum hatte sich dieser etabliert, wurde auch dieses Denkmal geschleift. Als Gegenstück entstand ganz in der Nähe ein Denkmal für den französischen Historiker Ernest Denis. Er war ein Freund von Eduard Benesch, dem Mitbegründer und ersten Außenminister des neuen Staates, hatte die historischen Interpretationen Palackýs unterstützt und besonders während des Ersten Weltkrieges in Frankreich viel zu deren Publizität beigetragen. Insofern gehört er mit zu den Vorbereitern des tschechischen Staates.


Die Slawenapostel Cyrill und Methodius gegen Jesuitengründer Ignatius von Loyola

Die barocke Allee von vorwiegend Heiligen, die seit der Aufstellung des hl. Nepomuk im Türkenjahr 1683 durch den Wettbewerb der besten Barock-Bildhauer und hochherzige Spenden der großen Ordensgemeinschaften, der Prager Universitätsfakultäten sowie einzelner Hochadelsfamilien geschaffen worden sind, verdichtete sich im 18. Jahrhundert auf das heutige Maß. Sie wird nur selten durch Plastiken aus dem 19. Jahrhundert unterbrochen. Die jüngste stammt aus dem Jahr 1939 (!). Sie stellt die beiden lehrenden und segnenden "Slawenapostel" Cyrill und Methodius dar. Diese wurden im 9. Jahrhundert von einem slawischen Mährerfürsten zur Förderung der Christianisierung der Slawen ins Land gerufen - in Konkurrenz zur fränkischen Mission vom Westen her. Die beiden Brüder Cyrill und Method stammten aus Mazedonien und hatten den Vorteil der slawischen Sprache gegenüber der fränkisch-lateinischen Mission, von der man auch eine politische Einflußnahme meinte fürchten zu müssen -jedenfalls im Verständnis des 19. Jahrhunderts.10

Die Cyrill und Method-Gruppe steht auf dem Platz, an dem das Denkmal für den Stifter des Jesuitenordens Ignatius von Loyola gestanden hatte, bis es (schon 1890) einem Moldau-Hochwasser zum Opfer fiel. Das Loyola-Denkmal stammte von F. M. Brokoff aus der berühmten Bildhauerfamilie, der nicht nur Prag einige der hinreißendsten Kunstwerke verdankt. Das Denkmal des Jesuiten wurde nicht mehr an seinen alten Standort gestellt. Es befindet sich heute in einem der vielen Prager Lapidarien. Dem Jesuitenorden hat die Stadt Prag eine große Zahl herrlicher Bauwerke, Kirchen und Kollegien sowie einen unabschätzbaren Bildungseinfluß (Clementinum) zu danken. In der tschechischen Geschichtsideologie hatte er aber auch das Odium zu starker Fremden(Deutschen-)nähe.

Der aufmerksame Beobachter findet eine Beziehung des ursprünglichen Denkmals zum gegenüberliegenden. Dieses stellt Franziskus Xaverius (Xavier), den Freund und Mitstreiter Loyolas und großen Ostasien-Missionars, dar (auch von F. M. Brokoff).


Das Palacký-Denkmal

Das Schleifen und Manipulieren von Denkmälern war nicht nur ein Kennzeichen des aggressiven tschechischen Nationalismus. Es gehörte auch in das Arsenal deutscher nationaler Torheiten.

Auf dem Neustädter Brückenkopf der 1876-78 gebauten Palacký-Brücke, nahe dem Prager Wohnhaus des Historikers, stand seit 1907 in einer kleinen Grünanlage (Palacký-Platz) ein (Jugendstil-) Palacký-Denkmal. Offenbar war in der Zeit der deutschen Besetzung Prags die Hoffnung und Versuchung zu groß, in dieser Stadt, die ja voller Symbole steckt, mit dem Denkmal für den politischen und geistigen Führer des kleinen Volkes auch dessen nationales Selbstbewußtsein und mit diesem seine selbstbewußte Aufsässigkeit zu schleifen.

Das Denkmal wurde damals entfernt, steht aber schon seit 1947 wieder.


Das "Hauptstadtsyndrom" oder Vorsicht vor Schaufernstern

Es konnten hier nur wenige Beispiele dafür genannt werden, wie sich Politik und Zeitgeschichte im Bild einer Stadt wie Prag ausdrücken. Man kann Beispiele dieser Art überall finden. Insbesondere in den Hauptstädten, wo die gerade herrschenden Ideen und Ideologien die besten Chancen hatten, auch baulich dokumentiert zu werden. Das ist Teil eines "Hauptstadtsyndroms", der Regel, wonach gerade von den Hauptstädten Impulse aller Art hinaus in die Provinz strahlen, um dort wirksam zu werden, eben auch solche der Kultur des Geistes, der Ideen, auch solche der Ideologien, der Werbung und Propaganda für solche (Berlin ist in den Jahren der Teilung ein lehrreiches Beispiel gewesen).

Die Erfahrungen des Hauptstadtsyndroms lehren also Vorsicht vor der "Schaufensterfunktion" von Hauptstädten, sie zeigen aber auch die Chancen, die eine wohlverstandene und sorgsam vorbereitete Hauptstadtexkursion für die politische Bildung haben kann.


Anmerkungen

1) Es gibt keine moderne Stadtgeographie von Prag. Die von Vortubec, W.: Praha, zemepis velkomesta, (Prag, Geographie einer Großstadt), Prag 1965 ist dem damaligen Zeitgeist stark verpflichtet, hat aber einige brauchbare Pläne, die auch mit mäßigen Tschechischkenntnissen noch verständlich sind. Zum stadtgenetischen Aspekt erschienen in den 70er und 80er Jahren eine Reihe von sehr gut illustrierten, reich mit Plänen ausgestatteten und zum Teil ins Deutsche übersetzte großformatige Bücher:

Vancura, J.:, Hradcany Prazsky hrad, (Der Hradschin, die Prager Burg), Prag 1976

Lorenc, V.: Das Prag Karls IV., die Prager Neustadt. Stuttgart 1982 (Gemeinschaftsausgabe mit einem bedeutenden Prager Verlag)

Hlasa, V., Vancura, J.: Mala Strana (Der Stadtteil Kleinseite), Prag 1983

Kohout, J., Vancura, J.: Praha, 19. a 20. stoleti, Technicke promeny, (Prag. Technischer Wandel im 19. und 20. Jahrhundert).

Von den vielen, auch guten, Prag-Führern sei einer erwähnt, weil er speziell für Studienfahrten konzipiert ist:

Karger, A.: Prag und Böhmen, Anregungen und Materialien für Studienfahrten, (Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen, Akademiebericht Nr.140) Dillingen 1988.

Fast alle Landeskunden der ehemaligen CSSR enthalten Karten zur naturräumlichen Gliederung, auf denen die angeführte "Scharnierlage" gut zu erkennen ist. So z. B. bei

Sperling; W.: Tschechoslowakei, Beiträge zur Landeskunde Ostmitteuropas, (Uni-Taschenbücher 1107), Stuttgart 1981

2) Cosmas von Prag, Die Chronik Böhmens. In Anlehnung an die Übertragung von G. Grandauer neu übersetzt und eingeleitet von Franz Huf, herausgegeben von A. Heine, 2 Bde. Stuttgart 1987, hier Bd.1, S. 42 ff.

3) Z. Fiala: Die Anfänge Prags. Eine Quellenanalyse zur Ortsterminologie bis zum Jahre 1235. (Gießener Abh. zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens, Bd. 40) Wiesbaden 1967

4) erklärende Pläne dazu Fußnote 1, V. Lorenc,

5) 1974 von O. Kudrnovská in Prag wiederveröffentlicht.

6) Die Versuchung ist stark, im Zusammenmhang unseres Themas auf die schöne oder journalistische Prag-Literatur zu verweisen; wenigstens in zwei Fällen sei es gestattet. So erinnert sich J. Urzidil im New Yorker Exil an den Graben seiner Jugendzeit (wo auch das von ihm besuchte humanistische Gymnasium stand)

Urzidil, J.: Prager Triptichon, Erzählungen, München 1960. "Die deutschen Farbenstudenten promenierten auf dem Graben nicht zum Spaß, um Luft zu schöpfen oder auf Mädchen zu passen, sondern um Gesinnung zu bekunden, und die tschechischen Studenten, die auch nicht zurückbleiben wollten, brachten ihre Überzeugung in slawischen Samtbaretts zum Ausdruck."

7) Poche, E.: Praha secesni (deutsche Fassung: Prager Jugendstil) Prag o.J. S. 17

8) Im Vorwort zum Katalog der großen Mucha-Ausstellung 1980 in Darmstadt wird der späte Historizismus der "ausladenden Leinwände des Slawischen Epos" vom Herausgeber als "verspäteter Widerhall der Vergangenhei" und als Beispiel eines "irrtümlichen Mythos der Geschichte" dargestellt. J. Brabencová nennt den nationalen Überschwang seines Spätwerkes dort in einem kurzen Aufsatz (S. 70-75) "Verspätete Botschaft".

9) Hierzu noch einmal Urzidil im genannten Band:

"Hus stand da und sagte zwar, wie die Sockelinschrift beteuerte -'liebet einander und vergönnet jedem die Wahrheit', aber was er meinte, schien etwas anderes: 'Wartet nur, bis meine Zeit kommt, ich werd's euch schon zeigen'." Und Urzidil fügte hinzu: "Seine Zeit, oder vielmehr die Zeit derer, die sich für seine Gefolgschaft hielten, sollte zwar kommen, und wieder rollten die Köpfe. Aber so etwas vergißt sich eben auch nicht. Jedes Haus, jede Gasse, jeder Platz in Prag rief unaufhörlich die ganze Geschichte entlang: 'Vergiß nicht das! Vergiß nicht jenes! Sodaß man vor lauter Erinnerung und Vergeltungssucht das gegenwärtige Leben schier darüber vergaß".

10) Entsprechend wurden Cyrill und Method im neuen Staat durch einen Staatsfeiertag (5. Juli) in Erinnerung gebracht wie vorher schon Jan Hus. Der traditionelle Nepomuk-Tag (16. Mai) wurde abgeschafft. Seit dem Silvestertag 1980 sind Cyrill und Method zusammen mit dem heiligen Benedikt (seit 1964) Co-Patrone des, damals noch geteilten, Kontinents Europa.